Coronageschichten
Der Bluff
25. August 2022. Ich muss - leider - öfter bahnfahren, noch leiderer, seit es das 9-Euro-Ticket gibt, dessen Zeit demnächst zum Glück vorbei ist. Es hat zu viel Verkehr generiert, die Leute mit Kind und Kegel, Rucksack und Fahrrad geradezu in die Züge getrieben, zum Leidwesen der Pendler, die einfach nur zur Arbeit wollen bzw. müssen. Neulich also stieg ein artig aussehender smarter Endzwanziger mit Kostbarrad in den Waggon und setzte sich neben mich, mit einem Sitz Abstand. Die Maske baumelte am Lenker. Ich deutete mit meiner FFP-3 (!!!) Schnauze auf die Maske und bat ihn, sie aufzusetzen. "Ja, ja, die Maske", seufzte er und zog sie über. Das verführte mich zu einem Sozialexperiment. "Ich trage FFP-3", sagte ich, "um Sie zu schützen. Ich bin gerade positiv getestet und auf dem Weg in die Quarantäne." Die anderen Leute im Waggon hoben kurz die Köpfe, aber niemand sagte etwas. Und niemand von denen mit Maske unterm Kinn zog sie über Mund und Nase. Das fand ich sehr enttäuschend. Mein Sitznachbar mit dem Fahrrad, den ich hatte ein wenig erschrecken wollen, fragte ganz unerschrocken: "Und, wie geht's Ihnen?" Dann erzählte er mir, er hätte schon zweimal Corona gehabt, was nun wiederum mich erschreckte. Er erzählte das so gut gelaunt, dass mir Angst und bange wurde. So Angst und bange, dass ich drauf und dran war zuzugeben, dass ich weder positiv noch auf dem Weg in die Quarantäne war, jedenfalls nicht in die coronale, sondern nur in meine übliche Schreibquarantäne, deren Ausgedehntheit bei glücklicher Sozialvermeidung dazu beigetragen hat, dass 'es' mich bisher nicht erwischt hat.
DB mit Maske
Also die Deutsche Bahn! Sie geben sich Mühe, muss man sagen, und die Zeiten sind nicht leicht, nicht nur auf der Schiene, nicht nur im Waggon. Bei einer meiner melancholischen Youtube-Sessions kurz vorm Schlafengehen, wenn man aufs Video nach der Werbung wartet, sah ich eine Werbung der DB vor dem Video. Sie gaben sich gut gelaunt viel Mühe, die Bahner, in dem Video. Nur mit den Masken stimmte was nicht. Die Fahrgäste im Werbevideo der DB trugen FFP2 Masken, alles in Ordnung, und die Schaffnerin in dem Werbevideo trug - auch eine FFP2 Maske. In den Zügen der Wirklichkeit tragen die Schaffnerinnen und Schaffner die sogenannten 'medizinischen' Masken, also diese grünen Läppchen. Durch die Zuglautsprecher ertönen Durchsagen, in denen das Tragen von FFP2 Masken angeordnet wird, und das Zugpersonal marschiert mit grünen Läppchen durch die Züge. Ich habe mal einen Schaffner auf diesen Widerspruch angesprochen und die Auskunft erhalten: "Wir dürfen das." Ich kann das verstehen. Die Leute laufen schließlich den ganzen Tag damit herum. Trotzdem ist es natürlich, naja, irgendwie komisch, wenn vor Dir ein nach der Fahrkarte fragender Schaffner mit Grünläppchen steht und gleichzeitig diese Durchsage erschallt. Macht aber nichts, nicht wirklich. Klebrig verlogen allerdings ist es, wenn in den Videozügen die Schaffnerin wahrheitsungemäß eben nicht das Läppchen, sondern FFP2 trägt. Ein kleines Beispiel für die große Verlogenheit unserer 'Kommunikationsgesellschaft'.
Maskengespräch
21. Februar 2022. Neulich wurde ich in einem Berliner Verkehrsbetriebsbus Ohrenzeuge eines philosophischen Gesprächs über Masken. Ein in die Jahre gekommener Punk mit Hund ohne Maske (der Hund, nicht der Punk, obwohl Hunde in öffentlichen Verkehrsmitteln Masken tragen sollten, nicht wegen unserem Corona, sondern wegen deren Gebiss) und ein noch mehr in die Jahre gekommener Langzeithippie ohne Hund mit Maske unterhielten sich. Der Punk hatte eine sympathische Ausstrahlung, der Oldie auch. Der Punk machte sich Sorgen über Gehörlose, weil die nicht mehr von den Lippen lesen können, wenn alle immerzu mit Masken herumlaufen. Der Oldie machte sich Sorgen über Leute in der Bank, wobei nicht ganz zu entscheiden war, ob seine Sorge mehr den Bankangestellten oder mehr den Bankräubern galt. Jedenfalls hätten früher die Bankangestellten, wenn jemand mit Maske reingekommen wäre, gleich gedacht, das wäre ein Überfall. Während man heute - ja, da hielt der Bus, und der Oldie stieg aus. Ich war einen Moment lang versucht, seinen Part zu übernehmen, aber mir fiel rechtzeitig ein, dass ich zu wenig Erfahrung mit Banküberfällen habe, und so hielt ich den Mund mit Maske.
Frau mit Rüde
Manche halten es einfach nicht mehr aus. Und manche wollen es einfach nicht einsehen. 'Es' - das sind die Einschränkungen, die Pflichten, die Verbote, zum Beispiel das Verbot, nachts um die Häuser zu streichen. Im kanadischen Quebec gilt eine nächtliche Ausgangssperre ab 20 Uhr. Wer keinen triftigen Grund hat, das Haus zu verlassen, muss daheim bleiben. Aber was ist ein 'triftiger Grund'? Der Hund! Wenn der Hund einen triftigen Grund hat, Gassi zu gehen, dann darf der Mensch mitkommen. Ob die triftigen Gründe auf der Straße zurückgelassen werden dürfen, müsste ermittelt werden. Jedenfalls traf die Polizei eine Frau mit einem Rüden an der Leine auf der Straße an, akzeptierte das aber nicht als triftigen Grund. Schon bei näherem Hinsehen von weitem hatte sich nämlich herausgestellt, dass es sich bei dem Rüden um einen Mann handelte, um einen menschlichen, nämlich um den Ehemann der Frau, wie sich bei weiterem Hinsehen aus der Nähe ergab.
Klosterknusperbrot
Das Virus macht auch dem lieben Gott zu schaffen. Er kommt nicht mehr unter die Leute, weil die Leute nicht mehr zu ihm in die Kirchen kommen. Die Katholiken können derzeit bei der Eucharistie nicht mehr so tun, als würden sie ihn essen. Die Protestanten können derzeit beim Abendmahl nicht mehr so tun, als würden sie ihn nicht essen. Viele katholische und evangelische Gemeinden bestellten ihre Hostien beim benediktinischen Nonnenkloster Alexanderdorf im brandenburgischen Kreis Teltow-Fläming. Nun ist der Umsatz eingebrochen. Früher stellten die Nonnen an drei Backtagen die Woche jeweils 80.000 kleine Hostien her. 1.000 kleine Brothostien werden für 14 Euro, 1.000 kleine weiße Hostien für 13 Euro verkauft. Den lieben Gott kann man auch glutenarm erwerben: 100 kleine glutenarme Hostien kosten 4 Euro. Zum Glück gibt es beim Hostienbacken viel Bruch. Diese Bruchstücke werden von den Nonnen vernascht. Eine von ihnen hatte nun die Idee, die coronabedingten Umsatzeinbußen bei den Hostien mit dem Backen von ganzen Platten auszugleichen, die als Klosterknusperbrot online vertrieben werden.