Erzählungen
Hier werden in loser Folge Erzählungen veröffentlicht, denen jeweils eine Erzählung zur Erzählung angehängt ist.
Nachtwachen mit Ungeheuer
Das Männerwohnheim lag an einem herunter gekommen Platz hinter dem Bahnhof neben einem armseligen „Hotel“, in dessen Fenstern vom frühen Abend bis zum frühen Morgen ein müdes Rosa glomm, und über dessen Tür die Reste zerbrochener Neonröhren hingen, die einmal blinkende Herzen gewesen waren. Das Heim hatte sechs Stockwerke, auf jedem Stockwerk gab es fünf Zimmer, und im Erdgeschoss die Eingangshalle mit Pförtnerloge, Kaffeeautomat und Münzfernsprecher, daran angrenzend den Fernsehraum, eine ewig verdreckte Küche und das Billardzimmer. Im Keller befand sich ein Trockenraum mit drei angerosteten Waschmaschinen, die beim Schleudern gegen hölzerne Verschalungen donnerten. Mein Zimmer war eine Mansarde unter dem Dach.
Nachdem ich eingezogen war rief der Heimleiter zur Versammlung und stellte mich den Bewohnern vor. Den meisten war ich schon begegnet, in der Eingangshalle, im Treppenhaus oder unten bei den Waschmaschinen. Um sie in Betrieb zu setzen, musste man Blechchips einwerfen, die es beim Pförtner zu kaufen gab – die es von nun an bei mir zu kaufen gab.
Das Haus war voll belegt, aber zur Versammlung im Fernsehraum kamen nur wenige. Sie rauchten, tranken Automatenkaffee aus Plastikbechern und hörten abweisend zu, wie ich versuchte, mit launigen Worten ihre Sympathie zu gewinnen. Meine Munterkeit erstickte in ihrem Schweigen. Nachdem der Heimleiter das „Ende der Ansage“ verkündet hatte, stand einer von ihnen auf und schaltete das Fernsehgerät an. Ich stieg hinauf in mein Zimmer. Am nächsten Tag begann der Dienst.
Zwei Kohlenstoffatome, fünfmal Wasserstoff, ein Sauerstoffatom und noch einmal Wasserstoff – das ist die Struktur des flüssigen Glücks, aus diesem Molekül besteht der reißende Strom, der sich aus Gläsern und Flaschen ergießt, und in dem die Männer ertranken, deren Zimmerschlüssel ich hütete, wenn sie das Haus verließen, denen ich einmal pro Woche ein Taschengeld auszahlte, denen ich Münzen für den Kaffeeautomaten wechselte und Blechchips für die Waschmaschine verkaufte. Manche von ihnen tranken bis zur Besinnungslosigkeit, andere hielten den Spiegel eines verdrucksten Dauerrauschs, putzten nach jedem Drink die Zähne und beharrten darauf, trocken zu sein. Wieder andere schrien in der Nacht ihrer Nüchternheit, zerrten gepeinigt an den Ketten des Verlangens. Und manche gingen ruhig einer Arbeit nach, erledigten die tagtäglichen Verrichtungen eines vernünftigen Lebens, waren zuverlässig und freundlich, bis in regelmäßigen Abständen die Schleuse brach und eine Sturzwelle durch das ausgetrocknete Bett ihrer Trunksucht raste – Dipsomanie, Quartalsäuferei.
„Ich heiße leider Wolfram Ungeheuer und bin Dipsomaniker.“
So stellte er sich vor, als er mit einem kleinen Koffer eines Tages an der Pförtnerloge stand. Ich hieß ihn willkommen, nahm den Schlüssel vom Brett und stieg mit ihm in den sechsten Stock, um ihm sein Zimmer zu zeigen. Es war erst vor wenigen Tagen frei geworden, und die Pin-ups des Vorgängers hingen noch an der Wand.
Ich arbeitete seit einem Jahr im Heim und hielt mich für abgebrüht. Ich hatte Männer in Erbrochenem liegen sehen. Ich hatte Polizei und Feuerwehr gerufen, um Türen aufbrechen zu lassen. Ich hatte endlose Beichten angehört, endlose Diskussionen durchgestanden und kannte die Litanei fester Versprechungen mit lallender Zunge. Ich hatte gelernt, innerlich über die raffinierte Ungeschicklichkeit von Selbstmördern zu lächeln, die quer über die Pulsadern schnitten, sich die Haut über der Sehne ritzten und dann mit verbundenen Handgelenken umher liefen, ganz der Tragikomödie ihrer Verzweiflung hingegeben. Ich hatte das Blut des Mannes gerochen, dessen Adern eines Tages längs aufschnitten waren, und den wir erst fanden, als sein Leben schon rot unter dem Türspalt in den Flur geflossen war. All das hatte ich bereits erlebt, als Wolfram Ungeheuer ins Haus kam.
Die Pförtner wechselten im Schichtdienst. Jede Schicht dauerte zwölf Stunden, von morgens Sechs bis abends Sechs und von abends Sechs bis morgens Sechs. Dreimal Tagschicht, dreimal frei, dreimal Nachtschicht, dreimal frei – und wieder von vorn.
Der dienstälteste Kollege war Erwin Brandt, Mitte Fünfzig - vielleicht, sein Alter ließ sich schwer schätzen. Er war bei den Bewohnern umstritten. Einige mochten, viele mieden ihn. Es wurde kein Geheimnis daraus gemacht, dass Brandt einmal einer der ihren gewesen war, einer, dessen früheres Leben die Flasche verschluckt hatte. Weil er aus eigener Erfahrung wusste, was die Einsichten und Gelöbnisse von Betrunkenen wert sind, wies er jeden ab, der nicht nüchtern zu ihm kam. Manche nahmen ihm übel, dass sie sich von ihm durchschaut fühlten, andere hielten ihn für mitleidlos. Aber seine Herzenskälte war die eines gerade noch Geretteten, der an sich selbst erlebt hatte, dass es auf die Hilfe der Unbarmherzigen ankam, auf die eherne Treue zur Nüchternheit, nicht auf die tröstende Heimtücke der Verbrüderung mit dem Säufer. Er war der erste, der mich vor der Freundschaft mit Wolfram Ungeheuer warnte, in der ich um ein Haar ertrunken wäre.
Brandt wies mich in den Dienst ein. Er brachte mir die wichtigsten Regeln bei, und auch, auf welche Weise diese Regeln gebrochen werden durften. Während der Tagschicht dominierte der Service, während der Nachtschicht die Kontrolle. Am Tag war der Raum, in dem unser Schreibtisch stand, eine Mischung aus Pförtnerloge, Telefonzentrale, Wechselstube, Zahlstelle und Fundbüro. In der Nacht war er Basisstation unserer Rundgänge, Beichtstuhl der Heimbewohner und Kapelle der Müdigkeit. Im hinteren Teil des Raumes, der mit einem Vorhang abgeteilt und vor den Blicken der Bewohner geschützt werden konnte, lehnte zusammengeklappt eine Gartenliege an der Wand, auf der ich die Stunden zwischen Drei und Fünf verdöste, obwohl das Schlafen während der Nachtwache verboten war. Der Heimleiter wusste, dass hinter dem Vorhang eine Gartenliege an der Wand lehnte, und dass die Liege benutzt wurde. Schlafen ist verboten – das war eine der Regeln. Das Ignorieren der Liege durch den Heimleiter eine andere.
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Wolfram Ungeheuer hatte keine Fahne, als ich neben ihm die Treppe hochstieg und ihm oben vor der Zimmertür den Schlüssel aushändigte. Ich sah zu, wie er die Tür öffnete und hinein ging. Mit dem abgeschabten Köfferchen in der Hand stand er mitten im Raum und schüttelte den Kopf über das Rudel nackter Mädchen, mit deren Fotos die Längswand tapeziert war, Kalenderblätter der vergangenen Begierden des Mannes, der dieses Zimmer bewohnt hatte, bis vor einer Woche sein Hals von den Rädern eines Güterzugs entzwei geschnitten worden war.
Ich hatte beschlossen, dem neuen Bewohner keine Auskunft über das Schicksal des Vormieters zu geben, die Horde im Fernsehraum würde ihm früh genug davon erzählen. Aber meines Vorsatzes hätte es nicht bedurft. Ungeheuer gehörte zu den wenigen, die sich nicht danach erkundigten, ob das Zimmer, in das sie zogen, aus einem guten oder einem schlechten Grund frei geworden war. Er setzte den Koffer ab, hängte das Jackett über die Lehne eines ramponierten Stuhls und begann damit, die Mädchen von der Wand zu reißen.
Zwei Jahre später stand ich wieder in seinem Zimmer. Es war bereits an einen neuen Bewohner vergeben, aber noch nicht frei geräumt. Ich arbeitete nicht mehr im Heim. Erwin hatte mich angerufen, mir von Wolfram Ungeheuers Zwangseinweisung in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik erzählt und mich gebeten, vorbei zu kommen. Gemeinsam packten wir Wolframs Sachen in blaue Säcke. Ein Kuvert mit meinem Namen lag auf dem Fensterbrett. Erwin tat so, als hätte er es nicht bemerkt, und ich steckte das Kuvert ein. Erwin sagte: „Solchen wie Ungeheuer ist nie zu helfen.“
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Meine Freundschaft mit Wolfram begann am Billardtisch. Mit seinen dreißig Jahren war er einer der jüngsten Bewohner. Auch seine Trinkerkarriere war noch jung, und gegen die Einwände von Erwin bekam er vom Heimleiter und von der Gesprächstherapeutin eine günstige Prognose. Als er zu uns kam, durchlief er eine trockene Phase, und die Stöße, mit denen er die Kugeln über den grünen Filz trieb, waren scharf und präzise. Es beeindruckte mich, wie er die weiße Spielkugel so anschnitt, dass sie die getroffene Kugel beim Aufprall in ein Geschoss verwandelte, selbst aber wie festgefroren liegen blieb, bis ich begriff, dass ich selbst der getroffenen Kugel glich.
Wolfram wanderte um den Billardtisch, erklärte mir die wichtigsten Konstellationen, brachte mir die richtige Queuehaltung und ein paar Kniffe bei. Wenn Wolfram den ersten Stoß hatte, konnte es passieren, dass er auch den letzten machte, ohne den Gegner zum Zug kommen zu lassen. Er sprengte das Dreieck, ließ den Tisch umkreisend eine Kugel nach der anderen in den Löchern verschwinden und schickte mit einem abschließenden Spiel über zwei Banden die Schwarze Acht schlafen, bevor er sich aufrichtete, das Queue auf den grünen Filz legte und „Hm?“ sagte.
Später, als ich trotz der Warnungen von Erwin Brandt auch außerdienstlich Umgang mit Wolfram hatte, trafen wir uns in einem Billardsalon und spielten Karambolage – er spielte Karambolage, ich kam über eine Karikatur dieser Kunst nie hinaus. Erst an den riesigen, beheizten Tischen, über deren Felder drei Kugeln glitten und sich klackernd durch immer neue Kombinationen küssten, lernte ich Wolfram Ungeheuer wirklich kennen.
Als ich ihn zum erstemal betrunken sah, arbeitete ich nicht mehr im Heim. Wolfram lehnte im Billardsalon am Tresen, vor sich einen Jack Daniels auf Eis, und setzte mir auseinander, dass er heute nicht spielen würde, dass er eine ganze Weile nicht spielen würde.
„Ich trinke“, sagte er, „und ich spiele nie, wenn ich trinke, diese Kunstformen schließen einander aus.“
Es begann die Zeit im Nevermore. Die Bar lag wie der Billardsalon, den wir jetzt mieden, am Rand des Rotlichtviertels, nicht weit entfernt vom Wohnheim und dem Hotel mit den zerbrochenen Neonherzen über der Tür. Aber die Bar war eine Enklave: keine Zuhälter, keine Huren, keine Drogen; milieufrei, wie Albert versicherte, der Inhaber und einzige Mann hinter dem Tresen. Das Nevermore wurde von Künstlern, Theaterkritikern und Journalisten frequentiert, hergetrieben von der Lust auf weitere Drinks nach der letzten Runde, mit der die Kneipen in den anderen Vierteln zwischen ein und zwei Uhr ihre Gäste nach Hause schickten. Im Nevermore trank ich mit Ungeheuer, und im Nevermore öffnete ich das Kuvert vom Fensterbrett.
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In den Nachtschichten war die Zeit zwischen Drei und Fünf am schwierigsten zu überbrücken. Vom Dienstantritt um Sechs bis gegen Zehn gab es genug mit all den kleinen Verrichtungen zu tun, die wir zu erledigen hatten. Der Kaffeeautomat war nachzufüllen, eine Glühbirne im Treppenhaus zu erneuern, ein Streit im Fernsehzimmer zu schlichten. Dazwischen mussten Trinker, die ihre gebrochenen Vorsätze beweinten, getröstet, und torkelnde Besucher, die gekommen waren, um bei einem Bewohner Schulden einzutreiben, beschwichtigt oder hinausgeworfen werden.
Nach Zehn wurde es allmählich ruhiger, gegen Elf konnte ich vom Drehstuhl am Schreibtisch in den abgeschabten Cordsessel im hinteren Bereich der Loge wechseln und einen der Dostojewski-Romane zur Hand nehmen, die mir damals den Kopf verdrehten. Gegen Zwei wurde ich müde, gegen Drei bekam ich Kopfschmerzen, zog den Vorhang zu und klappte die Gartenliege aus. Ich achtete darauf, nicht fest einzuschlafen, und hielt mich bis Fünf in einem dämmernden Schweben, durch das in Schlieren die Monologe des alten Karamasow, Fürst Myschkins, des Mörders Raskolnikoff oder des ewig betrunkenen Marmeladow zogen, auch er in Schuld und Sühne verstrickt: Mitleid, warum Mitleid mit mir haben, man muss mich kreuzigen und nicht bemitleiden, kreuzige, Richter, kreuzige, und nachdem du gekreuzigt hast, habe Mitleid; nicht Fröhlichkeit suche ich in der Flasche, sondern Kummer und Tränen, Kummer, Kummer suche ich auf ihrem Boden.
Kurz vor Fünf stand ich auf, schlug mir über dem Handwaschbecken Wasser ins Gesicht, zog den Vorhang zurück und setzte mich an den Schreibtisch, um die Eintragungen im Pfortenbuch zu vervollständigen: Besondere Vorkommnisse, Hinweise für den Sozialarbeiter, Beschwerden der Bewohner. Dann holte ich den Blechschacht aus dem Kaffeeautomat und leerte die Münzen auf den Tisch. Ich zählte sie, rollte sie in die Münzpapierchen der Bank und legte sie in den Safe. Die ersten Bewohner kamen herunter, hängten mürrisch grüßend die Schlüssel ans Brett und verließen das Haus. Wenn um sechs endlich die Ablösung kam, brannten meine Augen, und meine Bewegungen waren langsam und vorsichtig wie die eines Betrunkenen, der versucht, seinen Rausch zu bewachen und dem Sturm hinter der Stirn wenigstens äußerlich standzuhalten.
In den letzten Monaten meiner Dienstzeit klappte ich die Liege nur noch selten aus, die Morgenstunden zwischen Drei und Fünf gehörten jetzt Wolfram. Wenn er von seinem Zimmer herunterkam, schloss ich das Buch, bat ihn, im Cordsessel Platz zu nehmen und rollte für mich den Schreibtischstuhl heran. Ich stellte den Sitz so niedrig wie möglich, um nicht auf Wolfram hinunter zu sehen. Ich spürte, wie gut ihm die Geste tat, und war in meiner Einfalt stolz auf meine Rücksichtnahme. Erwin hätte den Kopf darüber geschüttelt.
Wolfram hatte fast alles von Dostojewski gelesen. Er war der Meinung, dass die Mischung aus Verzweiflungszappeln und cremiger Sentimentalität, genau so drückte er sich aus, für ungefestigte Menschen besonders attraktiv, aber auch besonders gefährlich sei. Als er das erstemal um drei Uhr morgens in der Pförtnerloge auftauchte, eine Thermoskanne Tee in der einen und zwei Becher in der anderen Hand, fing er sofort an, von Marmeladow zu sprechen, als er sah, welches Buch ich aufgeschlagen nach oben auf die Schreibtischplatte gelegt hatte, um ihm die nachtsüber ins Schloss gezogene Glastür zur Pförtnerloge zu öffnen. Er setzte Kanne und Becher ab, fragte „Darf ich?“, griff sich das Buch und hielt einen Vortrag über Marmeladow. Er verurteilte dessen betrunkene Rührseligkeit mit der gleichen Schärfe, mit der Erwin Brandt die der Hausbewohner verurteilte.
In den folgenden Monaten nahm Wolfram Ungeheuer mich zwischen drei und fünf Uhr morgens in die Lehre: „Alles geschieht nur aus Machtwille und Todesangst. Wir hätten keine Geschichte, wenn wir nicht sterben müssten, und bräuchten keine Historiker, Biografen und Romanciers, alles Hyänen über dem Aas unserer Endlichkeit.“
Ich hörte zu und sprach selten.
„Vielleicht sollten wir leben, als lebten wir ewig, im Rausch der Präsenz. Aber trocken, wenn’s geht.“
Er lächelte verzagt.
„Beim Trinken steht die Zeit still, das ist das schönste – und das schlimmste, darin liegt der Grund, warum es fast unmöglich ist, dieser Erfüllung zu widerstehen, wenn man sie einmal gespürt hat. Auch Marmeladow sucht diese Erfüllung, nicht nur den Kummer, der Kummer ist bloß Vorwand, dahinter verbirgt dieser Säufer, der sich in Selbstanklagen suhlt, das große Geheimnis des Rauschs. Er verrät sich ja selbst mit seinem Schielen aufs Erbarmen nach der Kreuzigung. Auferstehen will er, ewig leben, immer aufs neue ewig leben in jedem Schluck. Er schreit nach der Kreuzigung und meint die Auferstehung. Er belallt den Kummer auf dem Flaschenboden, aber sein Geheimnis sind die vielen kleinen Unsterblichkeiten, die er sich ins Glas gießt, und die er sich immer ins Glas gießen wird, bis der Tod es ihm aus der Hand schlägt.“
Ich schwieg. In diesen Nächten habe ich nie mit Wolfram diskutiert. Ich schenkte Tee aus der Kanne nach, die er mitgebracht hatte, hörte ihm zu und merkte nicht, dass ich jedes Wort glaubte. Er bereitete mich auf den Exzess vor: erst die Theorie, dann die Praxis. Ein verführerischer Lehrer, der mir hinter den zierlichen Wellen der Trunkenheit, die ich bisher kennen gelernt hatte, die große Woge zeigte, die mich später beinahe fortriss, und in der er selbst schließlich unterging.
Vielleicht versuchte er, mit diesem Trinkerpropädeutikum Zeit zu gewinnen, die unvermeidliche nächste Auslieferung an das giftige Glück im Glas wenigstens hinauszuzögern. Ich glaube nicht, dass er mich die Selbstzerstörung lehren wollte. Aber für sein Empfinden war auch ich ein Gefährte des Mangels, ein Novize der großen Bruderschaft, die an schierer Sehnsucht zugrunde geht.
Noch tranken wir nicht gemeinsam, noch zauberte er seine Choreographien über die Billardtische, noch waren unsere Nachtwachen nüchtern. Manchmal balgten sich Katzen auf dem Glasfiberdach der Garage, in der die Sozialarbeiter tagsüber ihre Autos abstellten. Wolfram verstummte dann. Wir bliesen in die Teebecher und hörten den schrecklichen Lauten dieser Liebeskriege zu.
Später, als wir unsere Nachtwachen im Nevermore hielten, sprachen wir nicht mehr über den Rausch. Wir tranken. Manchmal trieb Wolfram ein wenig Gras auf, nur ein, zwei Gramm, das er mit Tabak vermischte und in den Kopf einer stummeligen Tonpfeife stopfte, deren Mundstück zerkaut war und bitter schmeckte. Nachdem Albert, der Wirt des Nevermore, uns einmal brutal vor die Tür gesetzt hatte, weil Wolfram nicht davon abzubringen gewesen war, das Pfeifchen in der Bar anzustecken, kam Wolfram zu mir in die Wohnung, um ein winziges grüngraues Plättchen aus der Alufolie zu wickeln, es zwischen den Fingerspitzen zu zerreiben und die Krümel in den Tabak zu streuen. Bedächtig reichten wir die Pfeife hin und her, zogen den Rauch ein, hielten den Atem an, bliesen den Rauch wieder aus. Mein Gehirn verwandelte sich in einen Ballon und schwebte davon. Von weit oben sah es mir zu, wie ich Cola und Weinbrand auf den Tisch stellte. Wolfram trank seine ersten Gläser. Ich wartete damit, bis wir im Nevermore ankamen. Hätte ich früher begonnen, wäre ich diesen Nächten nicht gewachsen gewesen. Wolfram hat mich nie, nicht einmal im schlimmsten Rausch, zum Mittrinken genötigt. Aber er hat mich auch nie davon abgehalten. Wenn er gewusst hätte, dass ein bestimmtes Glas, dieses eine bestimmte Glas, dieser eine bestimmte Schluck, mein Tod gewesen wäre, ich glaube nicht, dass er mich daran gehindert hätte, das Glas zum Mund zu führen und den Schluck zu trinken.
Die durchzechten Nächte im Nevermore ersetzten die nüchternen Wachen im Wohnheim, und der Marmeladow, der in jedem Trinker hinter dem Vorhang steht, kam schamlos hervor. Kreuzige, kreuzige, Richter, aber wenn du gekreuzigt hast, hab’ Erbarmen. Wolfram hob das Glas und flehte. Erwin Brandt hätte gekreuzigt – und sich mitleidlos abgewandt. Ich konnte nichts weiter tun, als ebenfalls mein Glas zu heben. Wir waren ruhige Trinker, Flüsterer, schlürften besinnlich das Gift. Wenn mir die Zunge schwer wurde, trank ich schweigend. Wolfram wurde die Zunge nicht schwer. Er hob das Glas, flüsterte, flehte, oh hab’ doch Erbarmen, und das Lächeln des Verrats an sich selbst zog über sein Gesicht.
„Wie weißt du, wo deine Hand ist, wenn du sie nicht siehst“, fragte er mich eines Abends, als wir das Einstimmungspfeifchen weggelassen hatten und gleich ins Nevermore gegangen waren. Er griff nach meinem Glas, nahm das seine in die andere Hand, breitete die Arme aus und machte die Augen zu. Er führte die Arme in zwei Halbkreisen nach vorn, die Gläser fest umklammert, die Augen geschlossen. Die Gläser wackelten ein wenig, aber er verschüttete nichts. Kurz bevor sie aneinander stießen, hielt er inne.
„Woher weiß ich das“, fragte er und wiederholte die seltsame Umarmung des Nichts mit den Gläsern in der Hand.
„Der Körper weiß immer, wo der Körper ist, auch wenn sich die Seele aus den Augen verliert.“
Wir waren noch nicht beim Whiskey. Vorerst tranken wir weißen Bordeaux. Wolfram stellte mein Glas ab, trank das seine in einem Zug aus und deklamierte lauthals: „Herr Wirt, uns macht der Durst Beschwerden, trag auf Wein, trag auf Wein, trag auf Wein.“
Die Leute am Tresen lachten. Nach einer Weile kam Albert mit einem buntbemalten Krug an den Tisch und stellte ihn grinsend vor uns hin. Auf dem gewölbten Bauch des Kruges prangte ein laubumkränztes Medaillon mit Wolframs Spruch und darunter in verschlungenen Buchstaben: Oswald von Wolkenstein. In einer Ecke des Medaillons kniete ein fetter Bacchus und reckte den Becher empor.
Später, wir waren längst zum Whiskey übergegangen, kam Wolfram auf sein Experiment zurück, auch wenn er es nicht zu wiederholen wagte. Er sprach mit zusammen gezogenen Brauen von „kinetischem Selbstbewusstsein“, vom „Heimatgefühl der Glieder“, vom „Ballett der Präsenz“, das wir mit unwillkürlicher Vollkommenheit bei jeder Bewegung aufführen – wenn wir nicht betrunken sind.
Ich strebte mit pochendem Herzen ins Nevermore, voller Furcht vor dem ersten Drink, der mir Schauer über die Haut jagte und mir ins Hirn schoss wie ein Geysir. Ich lernte, das Brennen mit Feuer zu löschen und auf die Glut zu warten, die irgendwo tief innen zu glimmen begann, wenn der Schock des ersten Drinks mit Hilfe eines zweiten und dritten überstanden war. Ich lernte, mich an die Reiherschwingen des Rauschs zu klammern, hochfliegend und selig, entzückt vom Alleinsein, dem Blut lauschend, das in den Ohren summte, bis ich im Morgengrauen selbst ein Reiher wurde, ein reigaro, ein Krächzer, der blass wie das Licht des hereinbrechenden Tages mit vom Rauch schmerzendem Hals dem Zechkumpan Lebewohl sagt, während ein erschöpfter Wirt die Tür verriegelt. Ich lernte den Kater kennen, nicht das schnurrende Kätzchen, das bisher meine zierlichen Verfehlungen geahndet hatte, sondern den rotfelligen Behemoth, dessen Krallen mir die Därme zerfetzten, als wären sie ein Sack, ihn zu ertränken. Es gab nur Wolfram, das Glas in meiner Hand und an den verkaterten Tagen den düsteren Vorsatz, nie mehr zu trinken, gebrochen schon am gleichen Abend im Nevermore.
Nach einem furchtbaren Rausch, aus dem ich nackt und besudelt erwacht war, frierend in einer Ecke der Duschkabine kauernd und weinend wie am ersten Tag, durchschnitt ich das Band zwischen Wolfram und mir und durchlitt den letzten Kater meines Lebens. Am Abend ging ich nicht ins Nevermore. Auch am nächsten und am übernächsten Abend nicht. Zweimal stand Wolfram vor meiner verschlossenen Tür. Wenn das Telefon klingelte, ließ ich den Hörer auf der Gabel. Ich sperrte mich sechs Tage lang ein, verschlief die Vormittage, las bis drei Uhr morgens und lag danach schlaflos im Dunkeln. Ich brauchte alle Konserven auf und trank Wasser aus dem Hahn. Die Briefe, die Wolfram mir schrieb, beantwortete ich nicht. Die Anklagen und Beschimpfungen entsetzten mich. Sein delirierendes Locken, noch einmal, ein letztes Mal mit ihm im Nevermore zu trinken, schnürte mir die Kehle zu. Wie schwankende Säufer torkelten die Buchstaben über die Seiten, manchmal zu unlesbaren Worten verknäuelt, manchmal in sinnlose Schleifen auseinander gezogen. Dann blieben die Briefe aus.
Ich sah Wolfram Ungeheuer nie wieder, wie ich auch Erwin Brandt nicht wiedersah, nachdem ich ihm geholfen hatte, Wolframs Habe weg zu räumen. Nach einem letzten gemeinsamen Kaffee in der Pförtnerloge verabschiedete ich mich, ergeben sein Schulterklopfen mitnehmend, voll heimlichen Widerstrebens gegen die Bürde seiner Ermunterung: „Kopf hoch, mehr konnten wir nicht tun“. In der Innentasche der Jacke brannte das Kuvert mit meinem Namen, das Wolfram auf dem Fensterbrett zurück gelassen hatte.
Am Abend ging ich ins Nevermore, um den Brief zu lesen. Ich bestellte einen Krug weißen Bordeaux und setzte mich an den Tisch, an dem ich auch mit Wolfram meistens gesessen hatte. Ich legte das Kuvert bereit, wartete aber mit dem Öffnen, bis der Bordeaux gebracht wurde. Herr Wirt, uns macht der Durst Beschwerden, trag auf Wein, trag auf Wein. Albert stellte den Krug vor mich hin und rückte ihn so zurecht, dass ich im Medaillon Wolkensteins Trinkspruch sehen konnte und darunter in einer Ecke den immer noch blühenden, immer noch rosigen, ewig vergnügten Bacchus, der alle Zecher überlebt, denen er zuprostet.
„Lange nicht mehr hier gewesen“, sagte Albert, und auf den Brief hinunternickend, „na also, dann hat es ja doch geklappt. Er wollte ihn hier für dich hinterlegen. Ich hab’s ihm abgeschlagen, eine Bar ist kein Postamt; und woher sollte ich wissen, ob du dich überhaupt jemals wieder hierher verirrst. Hast wohl Schluss gemacht mit der Sauferei, was? War auch höchste Zeit. Es war zu viel. Es war viel zu viel und wurde immer mehr. Wo ist er denn jetzt, hab’ ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen?“
Ich erzählte Albert, dass Wolfram in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen worden war. Albert schien nicht überrascht zu sein, sagte aber nichts. Er räumte den Aschenbecher weg, in dem sich eine nur halb aufgerauchte Zigarette krümmte, und holte vom Nebentisch einen sauberen. Dann zog er sich zurück. Ich trank ein Glas Wein, rauchte, trank noch ein Glas Wein. Dann öffnete ich das Kuvert. Es enthielt zwei Blätter, auf denen nichts geschrieben stand.
Erzählung zur Erzählung
Der Text ist die umgearbeitete und stark gekürzte Fassung eines Kapitels aus meinem unveröffentlichten Roman Sieben Leben. Eingereicht zu einem Literaturwettbewerb der Wiener Ärztekammer wurde er von der Jury in eine Shortlist mit fünf Texten aufgenommen, erhielt jedoch keinen Preis. Er ist abgedruckt in der Anthologie Gesund schreiben (Wien 2020), die anläßlich der Preisvergabe erschienen ist.
Das Haufenproblem
Jeden Dienstag und jeden Freitag schlendert er über den Markt. Er kauft etwas Obst und Gemüse: zwei Äpfel, zwei Bananen, zwei Pfirsiche, eine Gurke, einen Salatkopf, eine rote und eine gelbe Paprika und Erdbeeren. Obwohl es bequemer wäre, die Sachen im Supermarkt mitzunehmen, wenn er seine übrigen Einkäufe erledigt, zwingt er sich aus erzieherischen Gründen zu den Gängen über den Markt. Er ist achtundvierzig Jahre alt und lebt vollkommen allein. Seine letzte Beziehung – er kann dieses Wort, diese „Vokabel“, wie er sagt, nicht ausstehen – liegt drei Jahre zurück. Er hat keine Verwandtschaft in der Stadt und nur wenige Freunde. Seine Bekannten meidet er, denn er schreibt gerade ein Buch; immer, wenn er ein Buch schreibt, zieht er sich noch weiter in sich selbst zurück. Bekannte lenken nur ab. Das Leben lenkt nur ab. Die Liebe lenkt nur ab.
Das Buch trägt den Arbeitstitel Inseln der Stille und ist eine Art Reiseroman, aber ein ganz und gar erfundener. Unterwegs sein strengt an und lenkt vom zuhause sein ab. Er ist nicht gern unterwegs. Zuhause in seinem Arbeitszimmer, einem bis auf den Schreibtisch und den Drehstuhl davor vollkommen leeren Raum, kann er sicher sein, nicht in die Gesellschaft eines Freitag zu geraten. An dem Tag, als er begriff, dass er sich über Freitag nicht freuen würde, selbst wenn er Robinson wäre und seit wer weiß wie vielen Jahren auf einer einsamen Insel lebte, beschloss er, etwas gegen seine Menschenunlust zu tun. Es ist nicht eigentlich Menschenfeindlichkeit, die meisten Leute findet er recht nett, sie sind nur so schrecklich anstrengend, viel anstrengender als Bücher. Bücher kann man zuklappen. Manchmal belustigt er sich mit der Vorstellung von dem Tumult, der zwischen ihren Deckeln herrscht: all dieses erfundene Leben, all dieses erfundene Lieben, all diese erfundenen Leidenschaften. Als gäbe es in der Welt nicht schon genug davon, wurde ständig weiter dazuerfunden. Und innerhalb wie außerhalb der Bücher herrschte wie wahnsinnig das Wollen.
Das waren natürlich nur vage Gedanken. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Wer hatte das gleich nochmal gesagt? Wo hatte er das gleich nochmal gelesen?
Unter einem Apfelbaum, meinte er, sich zu erinnern. Es musste ein sanfter Frühlingstag gewesen sein, einer dieser Tage in mittlerer Schwingung, an denen nichts zu viel war und nichts zu wenig. Er hatte in einem Garten unter einem Apfelbaum im Gras gesessen, den Rücken an den Stamm gelehnt, und gelesen. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Aber mit den anderen kommt auch das Schicksal. Und dann ist immer etwas zu viel oder etwas zu wenig. Er war seit jeher darauf bedacht, sich Schicksale möglichst vom Leib zu halten. Zugleich kämpfte er dagegen an, es sich jetzt schon in völliger Vereinsamung bequem zu machen wie in einem alten, ausgeleierten Sessel.
Dafür war es zu früh. Diese Art der Bequemlichkeit zählte zu den Vorrechten des Alters. Er hätte nichts einzuwenden gegen ein wenig literarischen Ruhm in den letzten Lebensjahren. Das sichert die Grundversorgung und hält die Neugier des Publikums wach. Außerdem würden gelegentlich junge Schriftstellerinnen zu Besuch kommen, um ihn zu bewundern und ihm die Ringe zu küssen, rein symbolisch, versteht sich. Auf das, was die Leute, die jungen Schriftstellerinnen eingeschlossen, „Kontakt“ nennen, als wäre der Mensch eine Batterie, würde er sich im Alter nicht mehr einzulassen brauchen. Für seine Mitmenschen würde er ein komischer Kauz sein – für sich aber ein Gott mit einem Kosmos im Kopf, zu dem auch das gehörte, was andere für die Wirklichkeit hielten.
Mit achtundvierzig Jahren sind solche Überlegungen anmaßend und verfrüht. Mit achtundvierzig Jahren schuldet man Frau Welt gelegentlich ein Tänzchen. Seit er das eingesehen hat, schlendert er zweimal die Woche über den Markt und trainiert das Leben, dem er an den übrigen Tagen sorgfältig aus dem Weg geht.
Die Stände stehen in zwei Reihen mit den Rücken zueinander, jede Reihe ist ungefähr dreihundert Meter lang. Obst- und Gemüsestände, aber auch Verkaufswagen von Geflügelhändlern oder von Fischhändlern, mit den Schütten aus kleinen Eisbrocken, auf denen die Ware liegt. Es gibt auch Stände mit Käse und solche mit Oliven und Peperoni und eingelegten Gurken. Ein Händler bietet ausschließlich französische Salami an, haufenweise französische Salami, vierzig verschiedene Sorten. Ein anderer brät in Teflonpfannen afrikanische Kochbananen. Wieder ein anderer hat haufenweise Ballen mit Stoffen im Angebot, Stoffe in verschiedenster Qualität und in allen Farben. Scharen von Frauen stehen davor und prüfen die Ware. Wird eine von ihnen kauflustig, wickelt der Händler virtuos eine Bahn vom Ballen und hält einen hölzernen Messstab daran. Er schneidet die gewünschten Bahnmeter ab oder wickelt sie gleichmütig wieder auf, wenn sich die Kundin doch nicht entscheiden kann. Und ebenso gleichmütig zieht er die Bahn, die er gerade erst aufgewickelt hat, erneut heraus, wenn die Kundin nun doch kaufen will. Dieser Stoffhändler gefällt ihm besonders gut, er weiß selbst nicht warum. Vielleicht liegt es an dessen nonchalanter Ergebenheit in das Wollen oder Nichtwollen der Kundschaft.
Die Aufgabe, die er zweimal wöchentlich bewältigen muss, besteht darin, erst die eine Reihe hinauf und dann die gegenüberliegende wieder hinunter zu schlendern. Das erledigt er immer in der Mittagszeit, der Markt ist dann besonders voll. Viele türkische Frauen sind unterwegs mit Kindern im Schlepptau und Rollwagen hinter sich herziehend. Aber auch deutsche Anwohner machen auf dem Markt ihre Einkäufe, und schwarze Leute, braune Leute, gelbe Leute. Große, kleine, dicke, dünne Leute. Feine Leute und eher nicht so feine. Leute, die komisch aussehen, es aber nicht sind. Leute, die komisch aussehen, weil sie so ernsthaft sind und so unglaublich zuhause in ihren Köpfen, dass man darüber nur den Kopf schütteln kann.
Alle diese Menschen trippeln und drängeln sich an den Ständen entlang, manchmal bilden sich kleine Staus hinter den Pulks an beliebten Ständen, und man muss warten, bis einer nach dem anderen durch quergestellte Rollwagen oder Barrieren aus Kinderwagen schlüpfen kann. Und selbstverständlich wird man immerzu von allen Seiten berührt, nur nebenher, wie es eben zugeht in einer Menge, absichtliche Grobheiten sind selten, aber dauernd wird man am Arm gestreift, Schultern tupfen aneinander, fremde Rucksäcke schlackern gegen die Hüfte, Rollwagen und Kinderwagen fahren einem über die Füße, mit und ohne Entschuldigung, und manchmal halten sich kleine Kinder ohne hinzusehen an den Hosenbeinen der Umstehenden fest und reißen erschrocken die Augen auf, wenn sie plötzlich merken, dass es nicht das Hosenbein von Papi ist. Gelegentlich kommen ihm Touristen entgegen, ältere Männer oft mit Videokameras am Auge, die jungen Leute nahezu ausnahmslos mit Smartphones in der Hand. Sie gleiten zwischen der dichtgedrängten Menge auf ihn zu und an ihm vorbei, und er muss sich mit dem unbehaglichen Gefühl abfinden, nach dem Ende der Ferien dieser wildfremden Menschen auf deren Bildschirmen zu erscheinen, in allen möglichen Teilen der Welt, die er nie bereisen würde, und doch gleitet dann in einem Wohnzimmer in Tokio oder in einem Partykeller in Atlanta (Georgia) für kurze Momente sein Gesicht über einen Bildschirm, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Rasch wandert sein Gesicht an den Rand des Schirms, verschwimmt und verschwindet wieder.
Wenn er durch die Doppelparade, die er sich auferlegt hat, erschöpft ist, belohnt er sich mit einem Mittagessen. Er nimmt es stets im gleichen Lokal ein. Es liegt etwas abseits, aber der kleine Umweg macht ihm nichts aus. Meistens nimmt er draußen im Vorgarten Platz, wenn es möglich ist immer am gleichen Tisch und immer auf dem gleichen Stuhl am gleichen Tisch. Das hat mit der Sonne zu tun. Er mag es, wenn sie ihm ins Gesicht scheint. Schließlich sitzt er den ganzen Tag hinter zugezogenen Jalousien und schreibt oder liest oder recherchiert im Internet. Es trifft sich gut, dass die meisten Gäste an den heißen Tagen die Stühle unter den Sonnenschirmen vorziehen. Sein Platz ist fast immer frei. Er bestellt jedesmal das Tagesgericht und ein Glas Mineralwasser, sprudelnd. Das Gericht kostet 7 Euro 50, das Mineralwasser 2 Euro – macht 9 Euro 50. Er sieht auf der Tafel vor dem Eingang nach, was es zu essen gibt, hängt die dünnen, schmutzig orangefarbenen Plastiktüten mit seinen Einkäufen an eine Stuhllehne, nimmt Platz und wartet auf die Bedienung.
Er schätzt sie auf vierundzwanzig Jahre – oder lieber auf fünfundzwanzig, dann ist er wenigstens nicht doppelt so alt – und liebt ihre herrlichen hellgrünen Augen, die gut zu den seinen passen würden, die ebenfalls grün sind, aber dunkler, mit bräunlichen Einsprengseln. Das Hellgrün ihrer Augen ist wie junges Gras. Sobald sie an den Tisch kommt, nickt er grüßend mit dem Kopf, blickt ihr in die Augen und bestellt. Nie sagt er mehr als: „Das Tagesgericht und ein Mineralwasser, bitte.“ Während er auf das Essen wartet, blättert er eine der Zeitungen durch, die zwischen Holzhalter geklemmt drinnen an der Garderobe hängen. Er holt sich eine Zeitung, je nachdem, welche gerade frei ist, liest die Wirtschaftsnachrichten und die Börsenberichte. Um die klein gedruckten Kurse lesen zu können, die den Wertbestand seiner nicht gerade opulenten, aber auch nicht eben ärmlichen Ersparnisse anzeigen, muss er die Brille absetzen und sich die Zeitung unter die Nase halten. Schnupperkurse. Mit diesem Kalauer tröstet er sich, wenn die Kurse fallen. Wenn sie wieder steigen, gratuliert er sich zu Geduld und Weitsicht. Noch so ein Kalauer, den er vor anderen, vor den jungen Schriftstellerinnen zum Beispiel, nie heraus lassen würde.
Die Weitsichtigkeit macht ihm erst seit kurzem zu schaffen. An seine Kurzsichtigkeit ist er seit Kindertagen gewöhnt. Das Auf- und Abziehen der Brille und das Herumhantieren mit der Zeitung gehen ihm auf die Nerven, aber Gleitsichtgläser kann er nicht ausstehen. Schon das Wort dreht ihm den Magen um. ‚Gleitsichtgläser’ – hört sich an wie ‚Seniorenteller’. Das Leben gleitet vorüber wie sein Gesicht auf den Bildschirmen fremder Leute, wenn sie ihren Freunden ihre Urlaubsvideos vorspielen. Dann verschwindet es.
Wenn das Essen kommt, bricht er die Lektüre sofort ab, rollt die Zeitung um den Halter und legt sie beiseite. Er rührt sie auch nach dem Essen nicht mehr an. Wenn er fertig ist, sagt er: „Ich möchte zahlen, bitte.“ Sie tritt an seinen Tisch und rechnet zusammen: „Ein Tagesessen: Siebenfünfzig; ein Wasser: zwei Euro – macht Neunfünfzig.“ Obwohl er inzwischen seit fast drei Monaten jeden Dienstag und jeden Freitag hierher kommt, wiederholt sich ihre Addition stets auf genau gleiche Weise. Es scheint weder für sie noch für ihn den geringsten Zweifel zu geben, dass sie „Siebenfünfzig“, „zwei Euro“ und „Neunfünfzig“ sagen muss, bevor er Geld auf den Tisch legt, ihr kurz in die Augen blickt, und den Betrag nennt, den sie abziehen soll. Inzwischen sind sie bei Einundzwanzigfünfzig angelangt. Er legt zwei Zehn-Euro-Scheine und eine Zwei-Euro-Münze auf den Tisch und sagt „Fünfzig retour, bitte.“ Sie greift ohne die geringste Verwunderung nach der Geldkatze, die senkrecht hinten in ihrem Hosenbund steckt, klimpert ein wenig mit den Münzen, legt das Fünzig-Cent-Stück vor ihn hin, sieht ihm kurz in die Augen und wünscht ihm einen schönen Tag. Sie sehen einander nur beim Bestellen und Bezahlen in die Augen, beim Bestellen etwas länger, beim Bezahlen nur ganz kurz. Er bedankt sich, schiebt den Stuhl zurück, rafft die Plastiktüten zusammen, um sie mit einer Hand tragen zu können, und verlässt das Lokal. Zuhause setzt er die Arbeit an den Inseln der Stille fort.
Das Dienstags- und Freitagsmädchen ist groß, hager, knochig und gefällt ihm sehr. Ihre Haare sind hinten zu einem Zopf gebunden, mehr eine Art Zwickel, ein kleines Büschel, das aus einem breiten roten Band heraus schaut, nicht in der Mitte des Hinterkopfes, sondern etwas seitlich versetzt. Das beschäftigt ihn. Weshalb bindet sie den Zopf nicht in der Mitte, sondern nach links oder rechts versetzt? Macht sie das absichtlich oder ist es Nachlässigkeit? Sie hat ein hübsches, unauffälliges Mädchengesicht und Augen so hellgrün wie junges Gras. Dass ihre Augen so hellgrün wie junges Gras sind, kann gar nicht oft genug wiederholt werden, hellgrün wie junges Gras.
Die Gäste werden von ihr recht bestimmt, aber stets gleichbleibend freundlich behandelt. Schon nach zwei, drei Besuchen hatte er bemerkt, dass es noch andere Stammgäste gibt, und dass sie bei allen außerordentlich beliebt ist.
Wann beginnt ein Haufen? Eine Perle ist kein Haufen. Noch eine Perle – immer noch kein Haufen. Drei Perlen? Vier Perlen? Vierhundert Perlen sind bestimmt ein Haufen. Achtundvierzig auch. Aber vier? Oder vierundzwanzig? Die Liebe ist wie das Haufenproblem. Man kann nie genau sagen, wann sie anfängt. Wann sie aufhört schon eher.
Das Leben ist kein Haufenproblem. Die Stunden vergehen, die Tage, die Jahre – immer eins nach dem anderen, immer schön der Reihe nach schwinden sie dahin. Achtundvierzig Jahre sind kein Haufen. Vierhundert Perlen hinter einander gelegt sind schließlich auch kein Haufen. Aber ist das Leben im Kopf nicht doch ein Haufen? Und ein großes Durcheinander? Oder hängen die Jahre und Erlebnisse etwa eins hinter dem anderen im Kopf, aufgereiht wie an einer Wäscheleine, und die Jahreszahlen sind die Klammern?
Nachdem sie das erstemal zu ihm gesagt hatte „Ein Tagesessen: Siebenfünfzig; ein Wasser: zwei Euro – macht Neunfünfzig“, legte er einen Zehn-Euro-Schein auf den Tisch und sagte: „Danke!“ Sie sah ihm kurz in die Augen und wünschte ihm einen guten Tag. Bei seinem nächsten Marktbesuch, einem Freitag, nahm er wieder dort das Mittagessen ein, und nach ihrer Rechnungsstellung legte er auf den Zehn-Euro-Schein noch eine Fünfzig-Cent-Münze. Sie lächelte, sah ihm kurz in die Augen und wünschte ihm einen guten Tag. Am Dienstag darauf legte er zwei Fünfzig-Cent-Münzen auf den Schein. Sie war ein wenig überrascht, freute sich aber offensichtlich. Am Freitag zahlte er mit einem Zwanzig-Euro-Schein und sagte: „Elf-fünfzig, bitte.“ Sie ließ sich nichts anmerken, blickte ihm in die Augen, bedankte sich und wünschte ihm einen schönen Tag. Das nächste Mal bezahlte er Zwölf, dann Zwölf-fünfzig, dann Dreizehn, dann Dreizehn-fünfzig. Inzwischen sind sie bei Einundzwanzig-fünfzig angelangt. Sie zeigt keinerlei Erstaunen mehr. Gleichbleibend freundlich bedient sie ihn, gleichbleibend freundlich sagt sie die Zeche auf und nimmt das Geld entgegen. Nur in ihren Augen meint er manchmal Neugier zu sehen. Oder ist es eher ein schalkhafter Trotz, und dahinter die Frage, wie weit er sein Spiel wohl treiben wird.
Die Inseln der Stille machen erstaunliche Fortschritte. Er gehört sonst nicht zu den raschen Arbeitern. Seit er vom Schreiben lebt, schreibt er genau dreihundertunddreizehn Seiten im Jahr, Normseiten, dreißig Zeilen mit jeweils sechzig Anschlägen, jeden Tag eine Seite, die Sonntage abgezogen. Auf diese Weise hat er in den letzten zehn Jahren sechs Bücher geschrieben. Dass es nicht zehn geworden sind, liegt daran, dass er nach einem fertigen Buch ein paar Monate Pause macht und vor einem neuen Buch ein paar Monate braucht, in denen er schwanger geht, wie er es vor sich selbst formuliert – nicht besonders originell. In einem Text würde er sich nie so ausdrücken. Aber auch vor sich selbst noch originell zu sein, wäre wirklich zu viel verlangt, wo er sich schon in seinen Erfindungen für andere damit abquälen muss.
Die Konzeptionsphase eines Buches ist für ihn die unglücklichste im ganzen Schreibprozess. Er hasst diese Phase. Manchmal ist ihm richtig übel. Wenn er ein Leseverbot verhängt, um die Konzentration auf sein Vorhaben zu erzwingen, verdüstert das noch mehr die Stimmung. Wenn er aber seiner Gier nachgibt und alles mögliche durcheinander liest, hat er das Gefühl, niemals wieder den Punkt zu erreichen, an dem er mit dem Niederschreiben des neuen Buchs beginnen und endlich mit dem Fertigwerden anfangen kann. Sobald er jedoch die erste Seite geschrieben hat, erfüllt er gelassen sein Pensum, bringt tagtäglich eine Seite hervor und legt sie mit der Schrift nach unten auf den Stapel, eine nach der anderen. Vierzig Blätter sind ein Stapel, kein besonders großer, aber immerhin. Und vier Blätter? Am wohlsten fühlt er sich, wenn die Blätter auf dem Schreibtisch ohne Zweifel als Stapel anzusehen sind, auch wenn er nicht sagen könnte, ab wann genau das der Fall ist. Der schönste Augenblick jedoch ist jedes Mal der, wenn er die letzte Seite aus dem Drucker nimmt, um mit der Hand „finis operis“ unter den letzten Satz zu schreiben – was er natürlich nicht tut, er ist schließlich nicht Thomas Mann. Andererseits ist er auch nicht Goethe, und doch liegt vor der Schwelle zu seinem Arbeitszimmer ein hellbrauner Fußabtreter, auf dem in Großbuchstaben ein dunkelbraunes SALVE prangt. Er hat den Fußabtreter vor Jahren in einem Museumsshop in Weimar gekauft. Das SALVE ist exakt so ausgeführt wie jenes auf der Eingangsdiele zu Goethes Haus am Frauenplan. Jedesmal, wenn er über die Schwelle seines Arbeitszimmers tritt, wird er an Goethe erinnert, den er nicht ausstehen kann, aber dennoch bewundert.
Seit er zweimal pro Woche in Augen blickt, hellgrün wie junges Gras, wächst seine Tagesproduktion stetig, immer nur einige Zeilen, aber inzwischen ist er bei fast zwei Seiten angekommen. Soviel hat er nur als junger Mann geschrieben, als sein erster Roman ihn am Schopf packte und in einem herrlichen Rausch hinter sich herzog. Vielleicht schreibt er nun seinen letzten? An dem Tag, es muss unbedingt ein Dienstag oder Freitag sein, an dem er die letzte Seite aus dem Drucker nimmt und zum letzten Mal das Trinkgeld um weitere fünfzig Cent erhöht, wird er dem Mädchen eine Liebeserklärung machen.
Das wird er gewiss nicht tun. So wenig, wie er „finis operis“ unter die letzte Zeile auf der letzten Seite von Inseln der Stille schreiben wird. Soll er etwa das Geld auf den Tisch legen, „Stimmt so“ sagen und hinzufügen: „Ich liebe Sie“. Oder einen zusammen gefalteten Zettel mit seiner Mailadresse unter das leere Wasserglas schieben? Oder die Adresse einer website, die er junges-gras nennt, und die er einzig ins Netz stellt, um „Ich liebe Dich“ auf ihrem Schirm erscheinen zu lassen, wenn sie die Seite aufruft? Nur „Ich liebe Dich“ – und im Hintergrund eine Wiese mit jungem Gras und Gänseblümchen.
Die Stammgäste rufen sie Maggie. Maggie, Margarete, Maßliebchen. Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Arm und Geleit Ihr anzutragen? Bin weder Fräulein noch bin ich schön, kann ungeleitet nach Hause gehn! Teufel nochmal, Gretchen, wäre ich bloß wieder jung.
Wenn er ihren Namen durch den Garten schallen hört, sieht er eine Wiese vor sich, übersät mit Gänseblümchen, haufenweise Gänseblümchen. Wann werden Bäume zum Wald, wann die Halme zur Wiese? Ab der wievielten Perle, Margarete, bildet sich ein Haufen? Nach wievielen Jahren ein Leben? Nach wievielen Worten ein Text? Tag um Tag habe ich Blatt um Blatt auf den Stapel gelegt. Die Inseln der Stille sind fertig. Wir werden uns nicht wiedersehn.
Die bisher ungedruckte Erzählung wurde am 1. November 2018 auf swr 2 gesendet.
Die Zikaden machen mich wahnsinnig
Diese Wege, diese Weiten, diese ewigen Fahrten um die alte verdammte Weltkartoffel. Ich hasse das Reisen. Ich bin irgendwo, ich bin nirgendwo, ich bin allein. Das Meer rauscht. Die Zikaden zirpen. Rasend blau hängt der Himmel über Kreta. Überall im Haus liegt feiner weißer Sand. Die Tür stand die ganze Nacht offen, der Wind hat ihn herein geblasen. Wir hätten nicht hierher kommen sollen. Wir hätten zuhause bleiben sollen. Wie ich das Reisen hasse. Sie wird nie zurück kehren.
Vielleicht liegt ihr Körper am Fuß der Klippe. Ganz verkrümmt. Ihr Haar ist nass und vom Sand verklebt. Aber ich glaube nicht, dass sie gesprungen ist. Ich habe ihrer Drohung auch in der Nacht nicht geglaubt, als sie aus dem Haus lief. Sonst wäre ich ihr hinterher gelaufen. Wäre ich ihr dann hinterher gelaufen? Wollte sie, dass ich ihr hinterher laufe? Hätte ich ihr hinterher laufen müssen, ganz egal, ob sie es wollte oder nicht?
Ich brachte es nicht fertig. Ich hätte aus mir selbst heraus springen müssen in diesem Moment, um ihr hinterher laufen zu können. Ich konnte es nicht. Die ganze Nacht habe ich gewartet, dass sie zurück kommt. Erst rechnete ich fest damit, dann kamen die Zweifel, dann die Gewissheit: Sie wird nicht zurück kommen. Die Zikaden machen mich wahnsinnig.
Ich muss nach ihr suchen, den Strand abgehen. Vielleicht finde ich Fußspuren. Oder ich fahre ins Dorf und höre mich um, an der Tankstelle, im Laden, auf dem kleinen Marktplatz, wo den ganzen Tag alte Männer auf den Bänken sitzen und Krückstöcke zwischen den Beinen drehen.
In der Nacht glaubte ich, sie würde den einzigen Taxifahrer unten im Dorf aus dem Bett klingeln, sich zum Katzanzakis-Airport nach Heraklion fahren lassen und nach Hause fliegen. Sie kann aber nicht nach Hause fliegen. Sie hat ihren Pass nicht mitgenommen, auch nicht das Portemonnai mit den Geldkarten und die Wohnungsschlüssel. Alles liegt ordentlich an seinem Platz. Ihre Sachen haben immer einen festen Platz. Egal, ob sie in der Wohnung ist, in einem Hotel in New York, in der Kabine eines Nildampfers oder eben in einem Ferienhaus auf Kreta. Sie sucht für Schlüssel, Pass und Portemonnai feste Plätze. Und da liegen die Sachen dann, ordentlich und griffbereit, damit sie nicht vergessen werden, wenn sie aus dem Haus geht. Diesmal ist sie aus dem Haus gegangen und hat die Sachen vergessen.
Sie hat die Sachen nicht vergessen, sondern zurück gelassen. Und sie ist nicht aus dem Haus gegangen, sondern gerannt. Wie eine Wahnsinnige. Mit aufgelöstem Haar und tränenverschmiertem Gesicht. Theatralisch wie in einem Film. Oder in einem Stück von Ibsen. Schließlich ist sie Schauspielerin. Begnadet auf der Bühne und am Küchentisch. Wie sie dasitzen kann, abgrundtief ergeben die Hände um die Tasse gelegt, den seelenvollen Blick ins Nichts gerichtet, das heißt auf einen genau berechneten Punkt hinter meinem Kopf. Auf diesen Punkt stellt sie den Blick ein und sieht mir geradewegs durchs Gehirn, immer die Hände provozierend ergeben um die Tasse gelegt. So pflegte die erste Szene des ersten Aktes des Dramas zu beginnen. Die zweite bereitete den Aufstand vor. Der Ablauf war immer gleich. Alles war ordentlich an seinem Platz. Jede Geste, jedes Wort, jeder Augenaufschlag, sogar das Zucken der Oberlippe und der kontrolliert vergebliche Versuch, dieses Zucken zu unterdrücken. Du sollst nicht sehen, wie ich mich quäle; du sollst nicht sehen, wie ich vor dir verbergen will, wie ich mich quäle. Aber du sollst sehen, wie du nicht sehen sollst, wie ich vor dir verbergen will, wie ich mich quäle. Man hat keine Vorstellung, wie raffiniert ihre Vorstellungen sind.
„Glücklich leben die Zikaden, denn sie haben stumme Weiber.“ Von welchem ‚alten Griechen’ stammt das? Bei den Zikaden ‚singen’ nur die Männchen. Aber woher weiß man, dass nur die Männchen singen? Woher wussten die ‚alten Griechen’, dass nur die Männchen singen? Und was heißt überhaupt ‚singen’? Sie dellen die hinteren Platten ihrer Panzer ein und machen Krach. Ununterbrochen. Die Zikaden singen nicht und zirpen nicht und reiben auch nicht die Beine aneinander. „Sie erzeugen den Krach mit ihrem Körperpanzer“, sagte sie, „tatsächlich mit ihrem Körperpanzer. Die armen Männchen.“ Mit dem angerosteten Dosenöffner, den sie nach langem Suchen ganz hinten in einer Küchenschublade gefunden hatte, machte sie eine Büchse mit geschälten Tomaten auf. „Du musst dir das vorstellen wie bei diesem Dosendeckel“, sagte sie, leckte die Innenseite des vollständig abgetrennten Deckels sauber und bewegte dann das dünne Stück Blech zwischen beiden Händen hin und her, dass es knackte. „Das ist das Prinzip.“ Sie lachte. „Tausende Männchen knacken unaufhörlich mit ihrem Panzer wie mit Dosendeckeln, und Tausende Weibchen fallen darauf rein.“ Sie zog verächtlich ihre Divenbraue hoch und warf den Deckel in den Abfalleimer. Das war am ersten Abend nach unserer Ankunft in diesem abgelegenen Ferienhaus auf Kreta, über dessen steinerne Fußböden der Wind weißen Sand bläst, sobald die Tür nur einen Spalt breit offen steht. Wir hätten nicht hierher kommen sollen, nicht nach den Auseinandersetzungen in den Wochen vor der Reise, nicht nach diesen mörderischen Beschuldigungen, die auf einmal aus uns herausbrachen nach zehn Jahren Schweigen. Du hast ihn umgebracht! Du hast ihn umgebracht!
Der Mord liegt zehn Jahre zurück. Oder war es gar kein Mord? Ist Fabian damals von selbst von der Klippe gesprungen, hier auf Kreta? Oder haben wir ihn hinunter gestoßen in jener Nacht, als wir am Rand der Klippe saßen, Fabian zwischen uns, sie auf der einen, ich auf der anderen Seite, unser beider Hände auf seinem Rücken, ihre Hand auf der einen, meine Hand auf der anderen Seite? Unsere Hände lagen zwischen seinen Schulterblättern, flach nebeneinander in der Mulde zwischen seinen Schulterblättern. Unsere Hände berührten sich an den kleinen Fingern. Der kleine Finger ihrer rechten Hand, der kleine Finger meiner linken Hand. Es war unglaublich erregend. Nie bin ich einem Menschen näher gekommen. Sie saß links neben Fabian am Klippenrand, ich rechts neben ihm. Als er den Druck unserer Hände im Rücken spürte, wurde er starr. Dann fing ein Muskel zwischen den Schulterblättern zu zucken an. Ich konnte es spüren unter der Handfläche. Nach einer Weile hörte das Zucken wieder auf. Fabian beugte sich nach vorn über die Klippe, langsam und vorsichtig. Ich verringerte den Druck meiner Hand. Ich weiß nicht, ob sie ebenfalls den Druck ihrer Hand verringerte. Unsere Finger berührten sich immer noch. Wir hätten die Hände wegnehmen sollen. Vielleicht wäre Fabian dann nicht gesprungen. Vielleicht ist Fabian gar nicht gesprungen. Vielleicht haben wir ihn hinab gestoßen. Oder sie hat ihn hinabgestoßen, hat den Druck ihrer Hand verstärkt, während ich ihn verringerte. Wie weit können wir gehen, bevor wir die Hände ganz von Fabians Rücken nehmen. Wie lange können wir den Druck erhöhen. Und dann, wenn wir den Druck wegnehmen, wenn er unsere Hände nicht mehr im Rücken spürt, wird er dann springen? Oder braucht er unsere Hände, den sanften Druck, spring nur, spring, Fabian, du bist nicht allein.
Wir kannten ihn erst wenige Tage. Er war einer jener Herumtreiber, die ihre Seele im Rucksack haben. Den Rucksack tragen sie um die Welt auf der Suche nach sich selbst. Wir hatten ihn nachmittags beim Trampen aufgegabelt und ihm angeboten, die Nacht bei uns im Ferienhaus zu verbringen, es war das selbe Ferienhaus, das wir nun, zehn Jahre später, wieder angemietet haben. Schon damals bließ der Wind den Sand über den Steinfussboden, wenn man die Tür nicht zumachte. Schon damals waren die Zikaden in manchen Nächten so laut, dass wir uns draußen auf der Veranda kaum unterhalten konnten. Schon damals war das Rauschen des Meeres wegen der Zikaden nicht zu hören.
Fabian wollte unsere Einladung nicht annehmen, so wenig, wie er uns seinen Namen sagen wollte. Ich weiß nicht, warum wir ihn Fabian nannten. Ich weiß auch nicht, ob es ihre Idee war oder meine. Und ob es ihre Hand war oder meine, die ihn hinunterstieß. Oder wir haben ihn gemeinsam hinunter gestoßen. Oder er ist von selbst hinunter gesprungen, der verlorene Herumtreiber zwischen den beiden Fremden, die er erst ein paar Tage kennt.
Er hatte sein Zelt ungefähr einen Kilometer vom Haus entfernt aufgeschlagen, nicht weit von der Klippe, auf der wir ein paar Abende später zu dritt nebeneinander saßen und zusahen, wie die Sonne theatralisch im Meer versank, glutrot selbstverständlich, im uralten Schauspiel, das schon die ‚alten Griechen’ gesehen hatten. Und am Beginn des nächsten Tages streicht die rosenfingrige Morgenröte über den Horizont wie vor drei- oder viertausend Jahren, als die Götter noch jung waren und stierköpfige Ungeheuer in steinernen Labyrinthen hausten. Die Morgenröte streckt noch immer die Rosenfinger aus, aber seit langem schon hausen die Ungeheuer in den Labyrinthen hinter der Stirn. Ich weiß nicht, warum wir es getan haben. Warum wir ihn aus unserer Mitte gestoßen haben. Vielleicht haben wir es gar nicht getan. Vielleicht ist er von allein gesprungen. Aber wir hatten unsere Hände zwischen seinen Schulterblättern, und die kleinen Finger berührten sich, und die Sonne versank hinter dem Horizont, und dann, als völlige Dunkelheit herrschte, war der Platz zwischen uns plötzlich leer. In meinen Ohren explodierte der Lärm der Zikaden.
Bevor er hinab gestoßen wurde oder hinab gesprungen ist, saß er starr zwischen uns, nur der Muskel zwischen den Schulterblättern zuckte. Dann hörte das Zucken auf, und wir spürten unter unseren Händen, wie er sich entspannte, wie er in sich zusammen sank und sein Rücken rund wurde. Der Oberkörper pendelte hin und her zwischen den seitwärts aufgestützten Armen, ein wenig zuerst, aber die Schwingungen wurden allmählich größer, der Oberkörper pendelte immer weiter nach vorn. Er fing an, zu sprechen. Ich weiß nicht, ob er mit uns sprach oder mit sich oder mit der Nacht oder mit dem Nichts oder mit dem mondbeschiedenen Schaum in der Tiefe. Ich beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, während er wirres Zeug erzählte, von seinen Reisen auf der Suche nach sich selbst, mit denen er nun ans Ziel gekommen sei, an den Endpunkt des Daseins. Er sprach ganz ruhig, als würde er unten im Dorfcafé auf einem Plastikstuhl sitzen, uns gegenüber, nicht zwischen uns am Rand des Abgrunds. „Es ist vorbei“, sagte er, „ich werde nie nach Hause kommen.“ Sein Oberkörper schwankte zwischen den aufgestützten Armen. Mein Mund war plötzlich ganz trocken, mein Herz raste. Ich wollte den Kopf drehen und ihm ins Gesicht sehen. Aber ich wagte es nicht. Wenn du ihn ansiehst, dann springt er, wenn du die Hand von seinem Rücken nimmst, dann springt er, wenn du den Druck verstärkst, dann springt er. Ich starrte ins Dunkel und spürte ihre Hand neben der meinen auf seinem Rücken. Ich spüre immer noch, wie sich die kleinen Finger unserer Hände berühren. Aber ich habe vergessen, wie wir zurück ins Haus gekommen sind, nachdem der Platz zwischen uns leer war.
Wir haben nicht darüber gesprochen, in jener Nacht nicht, in den folgenden Nächten nicht und nicht in den Jahren unserer gemeinsamen Reisen. Dann brachen die Anklagen über uns herein. Du hast ihn umgebracht! Du hast ihn umgebracht! Bin ich der Mörder? Ist sie der Mörder? Ist Fabian von allein gesprungen, trotz der Hände in seinem Rücken? Ist sie von allein gesprungen?
Ich bin ihr nicht hinterher gelaufen. Vermutlich sitzt sie unten im Dorf im Café, trinkt einen Ouzo und stellt sich vor, wie ich verzweifelt den Strand unter den Klippen entlang renne. Sie sitzt in einem dieser Stapelstühle aus Plastik, die auf der ganzen Welt herumstehen. Ich habe Rudel solcher Stühle in Berliner Schrebergartenkolonien gesehen und in Reihen hintereinander gestellt auf dem Deck eines Ausflugschiffs, von dem wir zur Loreley hinaufblickten, oder auf dem Deck eines Nildampfers, von dem aus wir komisch gähnenden Ungeheuern in die Rachen blickten; ich habe sie gestapelt gesehen auf einem Busparkplatz am Stadtrand von Delhi und vor Wellblechhütten in den Slums von Sao Paulo und am Straßenrand von Neapel zwischen nicht abgeholten Müllsäcken; und zwei in skulpturaler Einsamkeit nebeneinander stehend an einem düsteren See in Norwegen. Hätte auf den nebeneinander stehenden Stühlen ein Paar gesessen, es hätte nicht getrennter voneinander sein können. Bei den Ruinen von Knossos sah ich ein Einzelstück vor einem Kiosk mit Andenken, ein schmächtiger Theseus lungerte darin herum und bewachte die Souvenirs, gerahmte Zeichnungen von Labyrinthen, Ungeheuer aus Plastik mit Menschenkörpern und Stierköpfen, und an einer Schnur aufgereiht ein Dutzend Ikarusfiguren mit ausgebreiteten Flügeln. Nachdem Ikarus mit Hilfe der Flügel aus dem Labyrinth des Minotaurus geflohen war, stieg er in seinem Lebensjubel höher und höher, bis die wachsverklebten Federn der Sonne zu nahe kamen. Das Wachs schmolz, die Flügel lösten sich auf, Ikarus stürzte ins Meer. Seit drei oder vier Jahrtausenden stürzt Ikarus ins Meer; seit zehn Jahren, Fabian, springst du von der Klippe.
Wir sind viel gereist, ‚um die halbe Welt’, wie man so sagt. Seit zehn Jahren verreisen wir miteinander, seit wir verheiratet sind. Wir haben gleich nach dem Mord geheiratet. Oder war es gar kein Mord? Ist er von selbst gesprungen? Wäre er auch gesprungen ohne unsere Hände auf seinem Rücken, ihre Hand auf der einen Seite, meine Hand auf der anderen?
Je weiter wir miteinander reisten, desto weiter entfernten wir uns voneinander. In den Hotelbetten trennten Armlängen unsere Körper, und Kontinente lagen zwischen uns. Oder war es der leere Platz zwischen uns, der leere Platz auf der Klippe, nachdem er gesprungen war, der uns trennte?
„Du bist gar nicht da!“ Das war ihr Lieblingsvorwurf. Einer ihrer Lieblingsvorwürfe, nachdem sie dazu übergegangen war, ihre Vorwürfe „Feststellungen“ zu nennen. „Du bist so wenig da, dass ich manchmal glaube, es gibt dich überhaupt nicht.“
Spring nur, spring! Aber sie springt nicht. „Du musst schon nachhelfen“, sagt sie, keine zwei Fuß breit vom Rand der Klippe entfernt. „Na komm schon, komm schon her.“ Sie beugt sich behutsam über den Klippenrand. „Du musst mich bloß anstupsen, du musst gar nicht die ganze Hand nehmen wie damals, brauchst mir nicht die flache Hand zwischen die Schulterblätter zu drücken, ein Stupser mit dem Zeigefinger reicht, siehst du, dann beginne ich zu fliegen.“ Sie schwankt und breitet die Arme aus. Ich bin ihr nicht hinterher gelaufen. Ich habe sie nicht hinab gestoßen.
Bestimmt sitzt sie in einem dieser über den ganzen Globus verteilten Stühle, schlägt die Beine übereinander, betrachtet konzentriert ihre durchsichtig lackierten Fußnägel und hört den Zikaden zu. Sie ist barfuß aus dem Haus gerannt, mit tränenverschmiertem Gesicht und aufgelöstem Haar. Aber sie ist nicht von der Klippe gestürzt, sondern wippt in diesem bescheuerten Plastikstuhl auf der Terrasse des schäbigen kleinen Cafés unten im Dorf mit der Fußspitze und macht eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, als der Wirt sich nach mir erkundigt. Sie nimmt für die Bewegung nicht einmal das Glas vom Mund. Der Ouzo ist nicht kalt genug. In ganz Griechenland ist der Ouzo nicht kalt genug. Ich stelle mir vor, wie sie das Glas absetzt und lächelt. Sie lächelt durch den Wirt hindurch über das Meer, an dessen Gestade sie pathetisch liegt mit verkrümmten Beinen und zerbrochenem Rückgrat, während in meiner Vorstellung am Horizont langsam ein großes weißes Schiff vorüberzieht, exakt dort, wo das Blau des Meeres und das Blau des Himmels ineinander übergehen. Auf dem Schiff wird getanzt. Man kann es vom Strand aus nicht sehen, dafür ist das Schiff viel zu weit entfernt. Aber es muss unbedingt getanzt werden, während das Schiff die zartblaue Linie zwischen Himmel und Meer entlang quer über den Horizont zieht und verschwindet. Am Strand liegt eine tote Frau. Ein Arm ist abgespreizt, die Hand offen wie die eines schlafenden Kindes.
Die Tür steht immer noch offen. Wie lange es wohl dauern wird, bis man sie findet? Ich sollte zurück fliegen. Nachdem man sie gefunden hat, wird man mich nicht mehr ohne weiteres zurück fliegen lassen. Es wird nicht so sein, wie damals bei Fabian, mit dessen Tod uns niemand in Verbindung brachte. Dessen Tod vermutlich niemand bemerkt hatte. Nicht einmal der Leichnam wurde gefunden. Das Meer hat ihn sich geholt, mit ihm gespielt und ihn nach einer Weile in einer Felsenhöhle abgelegt. Oder der Leichnam wurde doch gefunden, aber wir haben nie davon erfahren.
Man wird sie finden und ein Polizei-Inspektor wird mich fragen, warum ich das getan habe. Warum ich ihr hinterher gerannt bin und sie von der Klippe gestoßen habe. Ich hätte ihr nicht hinterher rennen sollen. Ich hätte im Haus bleiben und abwarten sollen. Sie wird schon wieder zurück kommen. Ich bin ihr nicht hinterher gerannt. Ich bin im Haus geblieben. Sie wird nicht mehr zurück kommen. Ich habe sie nicht von der Klippe gestoßen; ich habe sie doch von der Klippe gestoßen, weil ich ihr nicht hinterher gerannt bin, sie nicht aufgehalten habe. Deshalb ist sie gesprungen. Aus Hochachtung vor der eigenen Konsequenz, vor sich selbst die Verzweifelte spielend noch in der allerletzten Sekunde vor dem Sprung.
Aber vermutlich sitzt sie im Dorfcafé und malt sich das aus in allen Einzelheiten, während sie am Ouzo schlürft. Wie ein schmollendes Kind, das sich mit all der Inbrunst, zu der es fähig ist, die eigene Beerdigung ausmalt, nur um den Schmerz auszukosten, den es in seiner Vorstellung über die Gesichter der Eltern legt.
Als der Wirt sich nach mir erkundigt, reagiert sie mit einer unwilligen Handbewegung, wedelt den Gedanken an mich beiseite. Ich bin ja nicht da. Ich bin oben im Haus. Oder ich irre erschöpft den Strand unter den Klippen entlang. „Du bist gar nicht da!“ Wie oft sie mir das vorgeworfen hat. „Oh, kein Vorwurf, nur eine Feststellung.“ Und dann war ich doch da und habe sie von der Klippe gestoßen. Oder ich bin im Haus geblieben und habe sie von der Klippe gestoßen, weil ich eben nicht da war. Weil ich sie aus dem Haus laufen ließ und ihr nicht hinterher gerannt bin. Folge mir, rette mich! Ich hätte sie aufhalten können. Ich wollte sie nicht aufhalten. Lauf nur, lauf. Spring schon, damit endlich alles ein Ende hat, damit endlich, endlich die letzte Szene des letzten Akts vorüber ist. Du wirst doch wirklich springen? Du wirst in ein paar Stunden doch nicht plötzlich in der Tür stehen mit schiefem Grinsen und wackeligen Knien von den Ouzos, die du in der Mittagshitze unten am Dorfplatz getrunken hast, während die alten Männer die Krückstöcke zwischen den Beinen drehten und Bemerkungen über diese seltsame deutsche Touristin machten.
Der Wind bläst den Sand durch die schwellenlose Tür und häuft eine kleine Düne auf. Soll ich den Sand zusammen fegen? Ich fege ihn zusammen, fege ihn auf eine Schaufel und trage ihn hinaus. Ich lasse die Tür offen, und der Wind bläst ihn wieder herein. Die Zikaden haben aufgehört. Mit einen Schlag. Bevor die Stille in meinen Ohren explodiert, fangen sie von neuem an. Es macht mich wahnsinnig.
Die Erzählung zur Erzählung ist kurz, denn sie ist nur hier veröffentlicht.
08/15 oder Die Spuren der Geschichte
Im Jahr 1891, sieben Jahre vor der Geburt meines Großvaters mütterlicherseits, verlagerten die Söhne des jüdischen Zigarettenherstellers Abraham Eckstein die Produktion von Göttingen nach Dresden. Wenige Jahre später fusionierte Eckstein & Söhne mit einer Zigarettenfirma aus Breslau. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Firma erneut übernommen und ging schließlich 1928 zur Firma Reemtsma über. Noch heute gehören Reemtsma die Markenrechte an der filterlosen Eckstein Nummer 5, die mein Großvater zu rauchen pflegte.
In der zweiten Hälfte der 30er Jahre machte der „Cigaretten-Bilderdienst Dresden“ im Auftrag der Firma Reemtsma Reklame mit bunten Sammelbildern im Format 62 mal 47 Millimetern. Die Bilder lagen den Zigarettenschachteln bei und konnten in aufwendig gemachte Sammelalben geklebt werden, die nur eine Reichsmark kosteten.
Zwei dieser Alben liegen auf meinem Tisch, das eine heißt Der erste Weltkrieg, das andere Die deutsche Wehrmacht. Die Alben stammen aus dem Nachlass meines Großvaters. Ein paar Bilder fehlen, manche sind an den Rändern eingerissen, die Deckel sind an den Ecken rundgestoßen. Man könnte sagen, die Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen. Aber im Unterschied zu vielen anderen Fällen, in denen die ‚Geschichte ihre Spuren hinterlassen’ hat, sind die Alben recht gut erhalten.
Mein Großvater starb vor vierzig Jahren, sechzig Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges. Vierzig und sechzig macht hundert. Deshalb schreibe ich diesen Text. Ich habe mir eine Packung Eckstein gekauft und eine Schachtel Streichhölzer. Die Streichholzschachtel stülpe ich über die kleine hölzerne Hundehütte am Rand eines hölzernen Aschenbechers mit rundem Messingeinsatz. Neben der Hundehütte steht der Hund, ein hölzerner Spitz. Die Schnauze, die Ohrenspitzen und die Schwanzspitze sind abgegriffen. Die Menschen können einfach nicht widerstehen und müssen immerzu alles anfassen. Die Spuren werden von den Menschen hinterlassen, nicht von ‚der Geschichte’.
Ich schiebe die Streichholzschachtel mit der schmalen Seite senkrecht über die Hundehütte. Die äußere Hülle der Schachtel wird dabei nach unten gedrückt und gibt die Streichhölzer zur Hälfte frei. Jetzt stehen sie bereit mit ihren roten Zündköpfen. Es sieht irgendwie militärisch aus, finde ich, wie gestapelte Granaten. Oder wie die Patronen im Ladegurt eines Maschinengewehrs. Aber ich habe die Assoziation vermutlich nur, weil die Alben meines Großvaters vor mir auf dem Tisch liegen. Der Aschenbecher mit dem Hund und der kleinen Hütte als Halter für die Streichholzschachtel stammt ebenfalls von meinem Großvater. Ich war siebzehn Jahre alt, als er starb, 1974, vor vierzig Jahren, sechzig Jahre nach Beginn des ersten Weltkrieges, dessen hundertstes Jubiläum 2014 ‚gefeiert’ wird, falls ‚feiern’ der richtige Ausdruck ist.
Auch vor hundert Jahren wurde weniger gefeiert als manche heute behaupten. Man muss sich nur die Bilder ansehen. Die Kriegsbegeisterung, von der in den Alben die Rede ist, steht mit Kreide auf Eisenbahnwaggons geschrieben, aus denen lachende Soldaten winken. Auf anderen Bildern ist zu sehen, wie bei Bekanntgabe der Mobilmachung die Hüte in die Luft fliegen. Die Plätze sind voller Menschen. Ein Meer von Hüten. Aber keine Frauen, und auch keine Mützen. Überall Hüte. Die Hüte gehörten Männern aus dem sogenannten ‚Heer der Angestellten’, der neu entstehenden städtischen Masse. Die Arbeiter trugen damals Mützen. Auf den Bildern sind nirgends Mützen zu sehen. Vermutlich waren die Arbeiter nicht begeistert, trotz der Bewilligung der Kriegskredite durch die Sozialdemokraten. Nur Karl Liebknecht stimmte dagegen, weil „der Krieg nicht der Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes“ dient, wie er sagte. Vielleicht sind auf den Bildern aber auch deshalb keine Mützen zu sehen, weil die Arbeiter in der Mittagspause nicht mal schnell aus den Fabriken auf die Straßen und Plätze laufen konnten wie die Angestellten.
Mein Großvater trug fast immer Mütze. Dabei war er längst kein Arbeiter mehr, sondern ein Staatsbeamter, wie damals üblich bei den Beschäftigten der Deutschen Bundesbahn. Trotzdem zog er im Alltag eine Schiebermütze über den kahlen Kopf. Die große Eisenbahnermütze mit dem Emblem eines geflügelten Rads über dem Schirm lag auf dem Wohnzimmerschrank. Ich weiß nicht, aus welcher Phase seiner Berufslaufbahn die Mütze stammte. Er wird sie kaum im Führerstand der Lok getragen haben. Solche Prunkmützen trägt man nicht für sich, sondern für andere, der Schaffner für die Fahrgäste, deren Karten er kontrolliert; der Offizier für die Gefreiten, die er kommandiert, der General für die Offiziere, denen er befiehlt, der Oberbefehlshaber für das Oberkommando, dem er vorsteht. In dem 1936 erschienenen Album über Die deutsche Wehrmacht lese ich: „An der Spitze des Heeres steht der Oberbefehlshaber, zur Zeit Generaloberst Freiherr von Fritsch. Ihm unmittelbar unterstellt ist das Oberkommando des Heeres mit dem Generalstab des Heeres, mit den Ämtern, zum Beispiel Allgemeines Heeresamt, Personalamt, Waffenamt, Verwaltungsamt, und mit der Heeresfeldzeugmeisterei, der Inspektion der Kavallerie und anderen hohen Dienststellen.“
Manchmal nahm mein Großvater die Eisenbahnermütze vom Schrank und wischte mit dem Ärmel den Staub vom Schirm. Das Emblem mit dem geflügelten Rad schimmerte golden. Als Kind hätte ich die Mütze gerne einmal aufgesetzt, wagte aber nie, ihn darum zu bitten. Er sah so abweisend aus, wenn er sie vom Schrank nahm. Erst pustete er den Staub vom Schirm, dann fuhr er mit dem Ärmel darüber, dann legte er die Mütze, ohne sie aufzusetzen, zurück auf den Schrank.
Zum Kirchgang an den Sonntagen trug er statt der Schiebermütze einen schwarzen Hut. Wie die anderen Männer nahm er ihn beim Eintreten in die Kirche ab. Er wirkte etwas unbeholfen dabei. In der linken Hand den Hut griff er mit der rechten ins Weihwasserbecken und schlug das Kreuz, dass es nur so spritzte.
Auf einem der wenigen Fotos, die ich von ihm habe, trägt er einen Anzug und hält den Hut in der Hand. Man sieht, wie unwohl er sich fühlt in seinem Sonntagsstaat. Sogar die Beine der Anzughose sind etwas zu kurz, wie bei einem Jungen, der zu schnell aus den Klamotten wächst. Ein solcher Junge steht auf dem Foto neben meinem Großvater und trägt ebenfalls einen Anzug, dessen Beine jedoch nicht zu kurz sind. Der Anzug war gerade erst gekauft worden. Der Junge hatte noch keine Zeit, herauszuwachsen. Seine Hände umklammern eine große Kommunionkerze. Das Foto wurde 1967 – geschossen, wie man merkwürdigerweise zu sagen pflegt, als wäre ein Fotoapparat ein Gewehr. Aber man sagt ja auch Gewehrverschluss, als wäre ein Gewehr ein Fotoapparat.
Als das Foto geschossen wurde war ich zehn Jahre alt, mein Großvater neunundsechzig. Die Ähnlichkeit zwischen uns ist zum Lachen, „wie aus dem Gesicht geschnitten“ – das sagten die Leute in der Verwandtschaft immer, „wie aus dem Gesicht geschnitten, der zweite Opa“. Ich hörte das nicht gern. Welcher junge Mensch, der sein Leben noch vor sich hat, hört schon gern, er sei die Neuauflage eines alten, der das seine schon fast hinter sich hat. Inzwischen hat die Geschichte auch in meinem Gesicht ihre Spuren hinterlassen. Wenn ich erst auf das Foto von dem alten Mann und dem zehnjährigen Jungen mit der Kommunionkerze schaue und danach in den Spiegel, muss ich zugeben, dass ich dem neunundsechzigjährigen Mann ähnlicher sehe als dem zehnjährigen Jungen.
Wenn nicht gerade Sonntag war oder ein Enkel zur Ersten Heiligen Kommunion ging, lief mein Großvater mit Mütze herum. Sie ließ die Ohren frei. Das linke Ohr sah irgendwie verformt aus und färbte sich im Winter purpurrot. Als er mit neunzehn nach Frankreich fuhr, lachte er nicht aus einem dieser Waggons mit Kriegsparolen aus Kreide, die auf den Bildern in den Alben zu sehen sind. Sein Platz war zwischen Lokomotive und Tender. Er fuhr als Heizer nach Westen in den Ersten Weltkrieg und kehrte mit einer Gasvergiftung zurück. Er fuhr als Lokführer nach Osten in den Zweiten Weltkrieg und kehrte mit einem erfrorenen Ohr zurück. Aber er kehrte zurück. Im Ersten Weltkrieg verloren von den zwischen 1870 und 1899 geborenen deutschen Männern dreizehn Prozent ihr Leben. Für die anderen Nationen zeigt die Kriegsstatistik vergleichbare Zahlenverhältnisse. Im Zweiten Weltkrieg kamen vier Millionen Wehrmachtssoldaten ums Leben. Die Zahl der Toten weltweit wird auf fünfzig Millionen geschätzt.
Zwischen den Kriegen rauchte mein Großvater Eckstein. Ab 1936 klebte er Bilder in die Felder der neu heraus gekommenen Alben des „Cigaretten-Bilderdienstes Dresden“. Felder und Bilder sind nummeriert. Bild Nummer 6 im Album Der Weltkrieg: „Planmäßig und in vorbildlicher Ordnung vollzog sich der deutsche Aufmarsch. Ganz außerordentlich waren die Leistungen der Staatsbahnen, die innerhalb weniger Tage in 11.100 Kriegstransporten 3.120.000 Mann und 860.000 Pferde mit Ausrüstung an die Grenzen beförderten. Die Begeisterung der ins Feld ziehenden Truppen war unbeschreiblich.“ Bild Nummer 6 zeigt lachende Soldaten in offener Waggonluke. An die Außenwand des Waggons ist mit Kreide geschrieben: „Viel Feind, viel Ehr.“ Einer der Zwischentexte des Albums zählt auf: „Den Krieg erklärten uns: Russland, Frankreich, England, Italien, Vereinigte Staaten von Amerika, Belgien, Serbien, Japan, Rumänien, Portugal, Montenegro, Kuba, Panama, Siam, China, Brasilien, Bolivien, Guatemala, Honduras, Nikaragua, Haiti, Peru, Uruguay, Ekuador, Griechenland, Liberia.“ Die Soldaten lachten. Aber nur bei der Hinfahrt. Viele lachten auch schon bei der Hinfahrt nicht, egal ob sie zu Hause Mützen oder Hüte trugen. Von denen, die nicht lachten, gibt es in dem Album keine Fotos. Aber der Spruch auf der Holzwand des Güterwaggons im Jahr 1914 war ein Menetekel. „Viel Feind, viel Ehr.“ Im Zwischentext des Albums von 1936 heißt es: „Die feindlichen Länder hatten zusammen eine Größe von 100 Millionen Quadratkilometern mit insgesamt 1400 Millionen Einwohnern. Die Größe der Mittelmächte betrug 5,7 Millionen Quadratkilometer mit 163 Millionen Einwohnern.“
Ich fingere eine Eckstein aus der Packung und ein Streichholz aus der Schachtel über der kleinen hölzernen Hundehütte. Der Spitz wedelt freudig mit dem Schwanz. „Aber Bub, das bildest du dir ein.“ Plötzlich höre ich die Stimme meines vor vierzig Jahren gestorbenen Großvaters – ganz deutlich: den brummigen Ton, den unterfränkischen Dialekt. Der Spitz wedelt nicht mit dem Schwanz.
Die Eckstein ist filterlos und stark. Mir bleibt die Puste weg. Ich weiß nicht, wieviele von den Dingern mein Großvater im Lauf seines Lebens geraucht hat. Er wurde 76 Jahre alt. Trotz der Zigaretten, trotz der Fahrt nach Westen, trotz der Fahrt nach Osten, trotz der Gasgranaten, der Panzer, der Haubitzen. Und trotz MG 08/15. Das war die Chiffre, mit der die Entwicklung eines leichten Maschinengewehrs in den Etat des Deutschen Reichs eingestellt wurde. Erst war das im Jahr 1908 etatisierte MG 08, dann kam als Weiterentwicklung das 08/15, dann das 08/18. „Si vis pacem, para bellum“ – „Willst du Frieden, bereite den Krieg“. Im gleichen Jahr, in dem das erste MG etatisiert wurde, wurde auch die selbstladende Handfeuerwaffe P 08 in den Militäretat eingestellt. P stand für Parabellum. Das war der Name der Pistole. „Willst du Frieden, bereite den Krieg.“
Zu Beginn des Weltkrieges, als Soldaten aus offenen Waggons lachten und auf den Plätzen die Hüte in die Luft flogen, verfügte die Wehrmacht über knapp fünftausend MG 08. Das MG 08/15 Weiterentwicklung des 08 kam in der deutschen Wehrmacht ab 1917 zum Einsatz und wurde bis Kriegsende rund 130.000 mal produziert.
Das MG 08 war ein schweres Maschinengewehr, die Fortentwicklung 08/15 ein leichtes. Aber auch das ‚leichte’ 08/15 wog an die zwanzig Kilogramm – mit Kühlwasser, ohne Patronen. Das gewöhnliche Marschgepäck eines Infanteristen wog 27 Kilogramm.
Das Zigarettenbild Nummer 35 im Wehrmachtsalbum zeigt, wie vier Soldaten ein Maschinengewehr über eine Bretterhürde hieven. Die Bildunterschrift lautet: „Die Schützen müssen es lernen, ihre Maschinengewehre schell über jedes Hindernis zu bringen.“ Unter Bild 22 ist zu lesen: „Unterricht am MG: Der Unterricht über die Waffen zeigt ihre Einrichtung und Wirkung, erklärt das anzuwendende Schießverfahren, lehrt über Pflege und die Beseitigung von Störungen.“ Zum Beispiel wenn die zweieinhalb Liter Kühlwasser des 08/15 verdampft sind und der Lauf heiß wird. Oder wenn sich der Leinengurt verheddert, in dem die Patronen stecken.
Ich drücke die Zigarette in die Messingschale neben dem Spitz und hole Lissy aus der Küche. Lissy ist mein erstes Radio. Ich habe es mit meinem ersten selbstverdienten Geld gekauft – 1970, mein Großvater lebte damals noch. Das kleine Kofferradio kostete sagenhafte 139 Mark, und das externe Netzteil war noch nicht einmal dabei. Verdient habe ich das Geld in einer kleinen Gartenbaufirma. Der Mann, dem sie gehörte, war mit meiner Tante, der Schwester meiner Mutter verheiratet. Als ich Lissy mit meiner ersten Ferienarbeit verdiente wohnte meine Tante mit ihrem Mann noch ‚zuhause’, also im Haus meines Großvaters. Manchmal schaute ich abends nach Feierabend kurz bei ihm rein. Von den Alben wusste ich damals noch nichts. Von der Gasvergiftung und dem erfrorenen Ohr hatte ich schon oft gehört, zu oft für meinen Geschmack. Dass die alten Leute den jungen Leuten immer die alten Geschichten erzählen müssen – immerzu dieselben alten Geschichten. Auf junge Leute, die ihre Leben erst noch in die Hand nehmen müssen, wie alte Leute sagen, wirken wiederholt erzählte Geschichten schnell abgegriffen. Geschichten, die Spuren hinterlassen haben. Auf den Ohren vom Spitz, und ja Opa, ich weiß, dass ein Russe dir das Ohr gerettet hat, weil er dir gerade noch rechtzeitig eine Handvoll Schnee drauf drückte.
Übrigens ist Lissy auch abgegriffen. An der Vorderseite des Gehäuses haben die Plastiklamellen, die so tun, als wären sie aus Holz, dunkle Flecken vom vielen In-die-Hand-nehmen. Lissy ist ein Modell aus einer bis 1950 zurück reichenden Produktreihe der Firma Loewe. Mein Lissy-Modell wurde von Loewe Opta hergestellt, einem 1964 entstandenen Tochterunternehmen der Firmengruppe Loewe, die wiederum 1923 in Berlin von den Brüdern Siegmund und David Ludwig Loewe gegründet worden war. Loewe Opta ist 2013 in die Insolvenz gerutscht. Die Loewe-Firmen hatten eine ‚wechselvolle Geschichte’, die ihre ‚Spuren hinterließ’: 1961 zum Beispiel den ersten europäischen Videorekorder, 1963 den ersten tragbaren Fernseher, und 1970 eben meine Lissy, die ich mit Dreizehn von meinem ersten selbstverdienten Geld gekauft habe und die nun etwas ramponiert von den ‚Spuren der Geschichte’ und meinen Fingern vor mir steht, spielfreudig wie eh und je, wenn auch immer noch ohne Netzteil.
1898, im Geburtsjahr meines Großvaters, fand die Schlacht bei Omdurman statt, dem heutigen Khartum. Mit dieser Schlacht gingen die Mahdi-Aufstände gegen Ägypten zu Ende, an die Stelle des Mahdi-Reiches im Südsudan trat ein englisch-ägyptisches Kondominium. Der Sieger der Schlacht war Lord Kitchener. Er verfügte über zehn Maxim Guns, Vorläufer des Maschinengewehrs. Die aufständischen Derwische rannten zu Tausenden in das Serienfeuer der Maxim Guns. 34.000 Schuss töteten 9.000 Derwische. „Das war keine Schlacht, das war eine Exekution“, soll Lord Kitchener gesagt haben. Im August 1914 wurde er zum britischen Kriegsminister ernannt. In England gab es bis 1916 keine Wehrpflicht. Die Massenarmee für den Krieg musste mit Freiwilligen aufgebaut werden. Auch in England flogen die Hüte. Mit dem Slogan „Lord Kitchener wants you“ wurden die jungen Männer zu Zehntausenden rekrutiert.
Der erste deutsche Nachbau der Maxim Gun erfolgte, nachdem Hiram Stevens Maxim, der englisch-amerikanische Erfinder, 1894 eine Herstellungslizenz an die Berliner Maschinenbau-Firma Ludwig Loewe & Co vergeben hatte. Das MG 08 war eine Weiterentwicklung der Maxim Gun in der Bauart der Firma Loewe. Die P 08, die Parabellum, war eine Entwicklung von Georg Luger, ein Ingenieur der Firma Loewe.
Wenn diese Geschichte gesendet wird, werde ich sie mir durch Lissy anhören, das Kofferradio aus dem Hause Loewe Opta. Ich habe nicht herausgefunden, welche Familienbeziehungen es gibt zwischen den Gründern der Berliner Maschinenbau Firma Loewe & Co und den Brüdern Loewe mit ihren Berliner Radiofirmen.
Wenn diese Geschichte über all diese Geschichten, die überall ihre verdammten Spuren hinterlassen haben, gesendet wird, lasse ich sie mir durch Lissy erzählen. Sie steht auf dem Schreibtisch, zwischen den Alben meines Großvaters, neben dem Aschenbecher mit dem Hund. Ich zünde mir eine Eckstein an, hören zu und greife zwischendurch dem Spitz an die Holzohren. Ich bin gespannt, wie die Kadenz des Textes klingt. In der Verslehre wird mit Kadenz das Abfallen der Stimme bezeichnet. In der Musik bezeichnet die Kadenz eine Abfolge von Akkorden. Auch Geschichten haben eine Kadenz. Auch die Geschichte hat eine Kadenz. Der Begriff geht auf das lateinische „cadere“ zurück, was soviel heißt wie: 'fallen'. Wieviele Schüsse fallen in einer Minute? In der Waffentechnik wird als Kadenz die Frequenz der Schüsse bezeichnet.
Die Kadenzen eines schweren und eines leichten Maschinengewehrs unterscheiden sich erheblich. Im Album Die deutsche Wehrmacht ist zu Bild Nummer 52 zu lesen: „Das schwere Maschinengewehr kann 480 bis 600 Schuss in der Minute verfeuern. Man schießt mit ihm aus offener wie aus verdeckter Feuerstellung und kann unter Umständen noch bis 3500 Meter gute Treff-Ergebnisse haben.“ Bild Nummer 56: „Wir unterscheiden luftgekühlte und wassergekühlte leichte Maschinengewehre. Leichte Maschinengewehre können in 30 Sekunden 60 bis 80 Schüsse abgeben. Im allgemeinen wird mit ihnen nur bis 600 Meter weit geschossen.“ Bei einer Kadenz von hundert Schüssen in der Minute hätten allein die 130.000 MGs 08-15, die 1917 und 1918 produziert wurden, dreizehn Millionen Schuss in der Minute abgeben können. Aber das ist Statistik.
Große Kriege sind allerdings immer Statistik. Man kann zum Beispiel ausrechnen, wieviel es kostet, einen feindlichen Soldaten zu töten. Man muss das sogar ausrechnen. Kriegswirtschaft ist Planwirtschaft. Waffen und Munition müssen produziert und an die Front transportiert werden. Wie lässt sich das organisieren und finanzieren? Wenn man ausgerechnet hat, wieviel es kostet, einen feindlichen Soldaten zu töten, muss man auch ausrechnen, wieviel so ein Soldat wert ist, was sich vor allem daran misst, was seine Ausbildung gekostet hat und seine Verpflegung immer noch kostet. Wenn man das alles ausrechnet, und man hat es ausgerechnet, kommt man zu dem Ergebnis, dass kein Soldat so viel wert war, wie es kostete, ihn zu töten.
Nach einer dieser Berechnungen war mein Großvater im Ersten Weltkrieg 1354 Dollar wert, statistisch gesehen. Ein Brite oder Amerikaner 1414 Dollar. Ein Russe nur 700 Dollar. Um meinen Großvater zu töten mussten die Mächte der Entente – immer noch rein statistisch – mehr als 35.000 Dollar aufbringen, oder, um die genaue Berechnung auch genau wiederzugeben: 36.485 Dollar und 48 Cent. Die Reichswehr kostete umgekehrt das Töten eines Feindes 11.344 Dollar und 77 Cent. Das ist immer noch ungeheuer viel, gemessen an der Tötungseffizienz von Lord Kitcheners Maxim Guns mit nicht einmal vier Patronen pro erschossenem Derwisch.
Ich weiß nicht, wieviele Feinde mein Großvater während seiner Heizer-Fahrt in den Ersten Weltkrieg und während seiner Lokführer-Fahrt in den Zweiten Weltkrieg getötet hat, persönlich und rein statistisch. Aber rein statistisch war sein Töten des Feindes mehr als dreimal so effizient wie umgekehrt sein Getötetwerden durch den Feind. Das kann man alles ausrechnen. Und das wurde alles ausgerechnet. Während der Kriege von den Logistikern, nach den Kriegen von den Historikern. Auch das gehört zu den von der ‚Geschichte hinterlassenen Spuren’.
Die Reichweite eines Maschinengewehrs bestimmt den Gefahrenraum. Sechshundert Meter oder dreieinhalb Kilometer. Im Stellungskrieg kam es auf die im Untertext zu Bild Nummer 52 erwähnten Treff-Ergebnisse nicht mehr an. Es ging vielmehr um die Herstellung sogenannter ‚Gefahrenräume’, um die Produktion von Räumen absoluter Destruktivität vor den Gewehrmündungen. Bild 94: „Bau einer Befestigung: Meist entstehen die Befestigungen in Feuer und Nacht. Langsam entwickelt sich dann aus Schützenloch und Kriechgraben das Schützennest.“ Auch der Feind baute Gefahrenräume auf. Die Völker standen einander gegenüber, genauer gesagt: sie lagen einander gegenüber, in verschlammten Stellungen, zwischen sich den von Stacheldraht durchkreuzten Gefahrenraum der Geschichte. Der Chemiker Fritz Haber empfahl den Einsatz von Giftgas, denn der „menschliche Körper mit seinen zwei Quadratmetern Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war.“
Im Eisenstrudel verschwanden die Körper der Soldaten, sie lösten sich in Nichts auf, ihr Blut vermischte sich mit Wasser und sickerte in den Boden, ihr Fleisch wurde zerfetzt und unter die aufgewühlte Erde gemengt, ihre Knochen wurden zu Staub zermahlen. In der dritten Schlacht bei Ypern starben 47.000 Soldaten. 12.000 von ihnen sind begraben, von den anderen 35.000 wurden keine Überreste gefunden. Keine Spur im Niemandsland der Geschichte. Viele bunte Bilder in den Alben meines Großvaters, der vor vierzig Jahren gestorben ist, sechzig Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs.
Erzählung zur Erzählung
Die Erzählung ist Anfang 2014 entstanden und wurde am 19. Juni 2014 auf swr 2 gesendet.
Unschuld
Der Heiland war riesig. Acht Meter hoch stand er mit ausgebreiteten Armen an einem steinernen Kreuz, die Füße auf einem Podest, in das INRI gemeißelt war. Er trug eine Königskrone und um seinen Kopf eine goldene Gloriole. Das Sonnenlicht fiel durch die Turmfenster und stellte flimmernde Stäbe in den Altarraum. Eine verflogene Taube flatterte herum. Im Chor sangen die Mönche. Seitlich vom Chor saß in einem thronartigen Sessel Gottvater und schlief.
Es war der alte Abt des Klosters, den Kopf unter der Bischofsmütze gesenkt, die Hand reglos am Stab. Er nahm nur noch an großen Feiertagen an den Hochämtern teil. Zwischen uns Jungen ging das Gerücht, er sei nicht nur alt, sondern auch tot und werde ausgestopft auf seinen Thron gesetzt, bevor wir zum Gottesdienst einzogen und uns in Reihen gestaffelt zu beiden Seiten des Querschiffs aufstellten. Und wenn wir nach dem Segen die Kerzen aus den Haltern griffen, um uns in oft exerzierter Abfolge vor dem Altar zu Doppelreihen zu vereinigen und durch das Mittelschiff nach draußen zu schreiten, saß er immer noch da, gütig, reglos, ewig und tot.
Die Bänke des Münsters waren an Feiertagen übervoll. Eine schwarzgraue Menge folgte dem Rhythmus der Messe, kniete nieder, erhob sich und schlug hundertfach Kreuze, kleine, große, linkische, gravitätische, flüchtige, tupfende, springende Kreuze, die uns aus der Ferne des Altarraums vorkamen wie ein gemeinsames Zappeln und Kratzen, das an bestimmten Stellen der Liturgie die Laien erfasste.
Im heiligen Raum weit weg davon verbargen wir unter weißen, bis zu den Knöcheln fallenden Gewändern unsere zehnjährigen Knabenseelen, die vor hinweggesehnter Unschuld schwarz waren wie die Soutanen der Patres, von denen wir erzogen wurden. Jetzt standen sie brokatprunkend um den Altar, in den zwei mal zwölf erhobenen Händen zwölfmal den Heiland in Gestalt großer, gelbgolden gebackener Hostien, die aussahen, als wären sie vom Haupt des Königs am steinernen Kreuz herunter gerollt.
Und während die Taube mit ihren Flügeln immer noch die flimmernden Stäbe zerriss, stand ich in offenen Sandalen auf einem nach innen gebeugten großen Zeh in der ersten Reihe und fürchtete mich.
Erst kurz vor Beginn der Messe hatte ich beim Anlegen des weißen Gewands in einem Seitengelass der Sakristei die Kartoffel an meinem linken Fuß bemerkt, ein rundes Loch im Strumpf, das den Zeh aussehen ließ wie die Kuppe des Daumens, wenn wir sie vor Verworfenheit erschauernd zwischen Zeige- und Mittelfinger steckten.
Ich stand auf dem schmerzhaft nach innen gebeugten Glied des linken Zehs und versuchte, die Kartoffel vor Gott dem Allmächtigen zu verbergen wie Kain seine Untat. Aber mehr als den steinernen Blick des Königs fürchtete ich die Augen der Priester, darunter Pater Regens, Vorsteher des Internats, Pater Germar, Präfekt der 5a, und Pater Burkhard, unser Lateinlehrer und Präfekt der Parallelklasse.
Noch hatten sie alle die großen Schauhostien in den erhobenen Händen, aber gleich würden sie mit vorgeweihten kleinen Hostien in den Kelchen ausschwärmen, vier an das hüfthohe Gitter, das den Altarraum vom Kirchenschiff trennte, und auf das die Gläubigen bereits in langen Büßerschlangen zuwanderten, zwei weitere zum Chor der Mönche, und jeweils einer zu unseren Reihen und zu den Reihen auf der gegenüberliegenden Seite des Querschiffs.
Nur der kleinere Teil der das Hochamt zelebrierenden Priester gehörte zu den Erziehern des Internats. Ich tastete nach dem Medaillon der Muttergottes, das ich an einer silbernen Kette um den Hals trug, und flehte, ein internatsfremder Priester möge mit dem Hostienkelch herüber kommen.
Die meisten von uns ließen sich bei den Frühmessen in der Internatskapelle die Hostie auf den Handteller legen, wie es gerade erst durch das Zweite Vatikanische Konzil möglich geworden war, aber ich gehörte zu denen, die den Heiland auf der Zunge empfingen. Manchmal berührten dabei die Finger des Priesters die Lippen. Wir waren stolz vor Demut und kauten mit Inbrunst.
Erschrocken sah ich, wie Pater Burkhard sich aus der Gruppe der Priester löste und den Kelch zu uns trug. Ich biss die Zähne zusammen und trat fester auf den eingezogenen Zeh. Pater Burkhard schritt die erste Reihe ab. Als er zu mir kam, hielt er inne und blickte mich an. Vor Aufregung hatte ich vergessen, den Mund zu öffnen. Als er bemerkte, dass auch meine Hände nicht bereit waren, sah er mir kurz in die Augen und machte einen Seitwärtsschritt zum nächsten. Solange ich im Internat war hatte ich nie erlebt, dass einer der Jungs bei den Messen im Münster die Heilige Kommunion verweigerte. Mein Herz brannte, mein Gesicht stand in Flammen. Nur der entblößte Zeh hinderte mich, aus der Reihe zu brechen und dem zügig von Junge zu Junge weiter rückenden Pater hinterher zu eilen.
Am nächsten Tag rief Pater Burkhard mich zu sich. Das war ungewöhnlich. Für Erziehungsmaßnahmen außerhalb des Schulbetriebs waren nicht die Lehrer zuständig, sondern die jeweiligen Präfekten. In meinem Fall wäre das Pater Germar gewesen. Dass statt dessen Pater Burkhard mich einbestellte, hatte bestimmt mit meinem Zeh zu tun. Oh heilige Muttergottes. Wie hatte ich nur hoffen können, dass ihm die scheußliche Knolle entging.
Er empfing mich sanft. Der Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer sah aus wie der Schreibtisch im Arbeitszimmer meines Präfekten. Pater Germars Zimmer war mir vertrauter als gut gewesen wäre, denn ich gehörte zu jenen, die oft bestraft werden mussten. Von beiden Arbeitszimmern ging eine schmale Tür ab. Wir wussten, dass hinter diesen Türen die Schlafkammern der Patres waren, wenn wir auch keine Vorstellung hatten, wie es darin aussah und was darin vorging. Bei unserem Schlaftraktgetuschel wurde viel darüber gerätselt. Es war ein großes Geheimnis für uns, viel größer als die Wandlung der Hostie in den Leib Christi.
Bei Pater Germar war diese Tür immer geschlossen. Nur ein einziges Mal habe ich sie für einen kurzen Moment offen gesehen, als er den Stock holte, den er dort abgestellt und vergessen hatte. Vielleicht hatte er auch vergessen, dass mir befohlen war, nach dem Abendgebet wegen eines Vergehens den Schlag zu holen, und der Schlag, den er verabreichen musste, traf ihn unvorbereitet.
Man hatte im Schlafanzug anzutreten und wurde befragt, ob man seine Schuld bekenne. Manchmal gab es die Chance, den Schlag zu vermeiden, wenn man die Antwort auf die Frage nach einer Bibelstelle wusste, oder wenn man beim Anblick der schlanken Gerte in des Paters Hand ohne zu stocken das lateinische Confiteor beten konnte – Confiteor Deo omnipotenti, ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, der seligen, allzeit reinen Jungfrau Maria, dem heiligen Erzengel Michael, dem heiligen Johannes dem Täufer, den heiligen Aposteln Petrus und Paulus, allen Heiligen, und Euch, Brüder und Schwestern, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe, cogitatione, verbo et opere: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!
Ich bestand diese Prüfung selten und beugte mich. Mein Hintern straffte die Schlafanzughose, das Medaillon mit der Muttergottes baumelte mir an der Kette vom Hals. Manchmal nahm ich es zwischen die Zähne, wenn Pater Germar nicht hinsah. Der Schlag tat dann weniger weh.
Die schmale Tür im Zimmer von Pater Burkhard stand halb offen. Schon beim Eintreten fiel mein Blick auf ein schmales Bett längs an der Wand, darüber ein Kreuz mit Heiland und ein Regalbrett voller schwarzer Bücher. Pater Burkhard kam weder auf mein Verhalten bei der Heiligen Kommunion zu sprechen noch auf den nackten Zeh, der mich immer noch schmerzte vom langen Stehen auf dem untergezogenen Glied.
Er begann damit, mir zu erklären, ich würde nun bald ein Mann sein. Ich verstand nur wenig von dem, was er sagte. Aber ich begriff, dass es dabei um etwas Gefährliches ging, viel gefährlicher als die Verfehlungen, wegen derer ich in Pater Germars Zimmer über der Madonna die Zähne zusammenbiss. Und es hatte etwas mit dem zu tun, was wir zu wissen glaubten, wenn wir die Kuppe des Daumens zwischen Zeige- und Mittelfinger steckten.
Dann setzte er mir auseinander, wie wichtig es sei, sich dort zu waschen, nicht bloß unter den Gemeinschaftsduschen herum zu hüpfen, noch dazu in Badehosen, wie wir es gewohnt waren, sondern sich gründlich zu waschen und dabei auch – ich sah ihn verständnislos an und wusste nicht, was er meinte. Ich war beunruhigt und schämte mich.
Manchmal, im Schlaftrakt, flüsterten wir uns im Dunkeln schreckliche Dinge zu, schreckliche Dinge in furchtbaren Worten, die umso magischer klangen, je weniger wir uns darunter vorstellen konnten. Keiner von uns hätte sich gewundert, wenn Gott oder der Teufel mit Donner und Blitz in unser dunkles Geflüster gebrochen wäre.
Dieses Spiel war erregend. Nach dem Löschen des Lichts patrouillierte stets einer der Präfekten die Gänge entlang und warf hin und wieder einen Blick durch die kleinen Fensterchen in den Türen der Sechsbettzimmer des Schlaftrakts. Die Präfekten durften auf keinen Fall hören, was wir beflüsterten.
Über das, was Pater Burkhard mir erklärte, hatten wir auch im Dunkeln nie gesprochen, und ich kam mir dumm und unverständig vor. Als er anbot, mir zu zeigen, wie es ging, begann mein Herz zu klopfen. Er legte mir beruhigend beide Hände auf die Schultern, schob mich durch die Tür in die Schlafkammer und hieß mich, vor dem Bett stehen zu bleiben. Er setzte sich nieder und raffte die Soutane im Schoß. Seine Stirn war fast auf meiner Augenhöhe. Sie war weiß geworden, noch weißer als sonst. Ich sah einen Tropfen Schweiß in eine der blonden Brauen fließen.
Während ich den Gürtel löste brachte ich es nicht fertig, Pater Burkhard ins Gesicht zu sehen, und blickte über seinen Kopf zum Kreuz an der Wand. Es war aus dunkelbraunem Holz, mit einem winzigen, silbrigen, zierlichen Heiland. Er wand sich im Schmerz. Die Hände waren angenagelt. Die Füße waren angenagelt. Die Knie standen hervor. Der Druck meines Daumens hätte genügt, ihm die Glieder zu brechen. Der Kopf lag seitlich auf der hochgezogenen Schulter und trug eine Dornenkrone. Darüber hing ein kleines silbernes Schild mit den Buchstaben INRI am Kreuzbalken.
Die Hose fiel mir auf die Füße, die Unterhose blieb in den Kniekehlen hängen. Pater Burkhard hielt die Hände im Schoß verschränkt als würde er beten. Er wollte etwas sagen, aber ich verstand ihn nicht. Ich hätte gern alles richtig gemacht. Ich schämte mich, dass ich so unwissend war, trotz der schlimmen nächtlichen Worte, und obwohl ich bald ein Mann sein würde, wie Pater Burkhard mir versprochen hatte.
Dann zeigte er mir, wie man seine Vorhaut zurück zieht und sich wäscht. Es tat nicht weh, nur seine Hand war kalt. Ich schämte mich nicht nur wegen meiner Unwissenheit, sondern auch, weil meine Unterhose nicht sauber war. Aber ich freute mich darauf, mein neues Wissen in den Schlaftrakt zu tragen.
Nachdem er mir alles gezeigt hatte, stand er auf und befahl mir, die Hose hoch zu ziehen. Er blickte mich seltsam an. Sein Gesicht war nicht mehr weiß, sondern ganz rot. Plötzlich fragte er, ob ich wegen des Lochs im Strumpf den Heiland nicht genommen hätte. Ich sagte erst nein, dann ja, dann wieder nein und verhaspelte mich immer mehr. Er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte, dass es nicht nötig gewesen wäre, dass es schlimmeres gebe als ein Loch im Strumpf, selbst vor den Stufen des Hochaltars, und obwohl die Scham ein guter Lehrer sei. Ich verstand nicht, was er damit meinte. Er versprach, Pater Germar nichts von dem Loch zu verraten, schlug segnend ein Kreuz über mich und schickte mich aus dem Zimmer.
Noch in der gleichen Nacht erzählte ich mein Abenteuer und genoss den Triumph. Ich wusste mehr als sie alle, doch großmütig gab ich weiter, was ich von Pater Burkhard am eigenen Leib erfahren hatte.
In dieser Nacht ging Pater Germar Patrouille. Wenn ich seine Schritte näherkommen hörte, senkte ich die Stimme und schwieg. Sobald der Schatten vorbei war, den die Notbeleuchtung im Gang durch das Sichtfensterchen in der Tür warf, begann ich wieder zu sprechen.
Die Jungs glaubten mir nicht. Sie wollten wie der ungläubige Thomas selbst die Finger in die Wunde legen. Aber nur ich war in der Schlafkammer von Pater Burkhard gewesen. Ich konnte ihnen die Kammer beschreiben, das Bett, die Bücher, den Heiland. Und ich konnte ihnen erklären, wie es ging. Ich beharrte darauf, viel strenger als Pater Burkhard, dass wir uns ordentlich waschen müssten, wenn wir Männer werden wollten. Oder wenn wir Männer geworden waren. Die Reihenfolge hatte ich vergessen. Das Zweifeln der Jungs brachte mich auf. Es stellte meine Ehre in Frage. Niemand sei je hinter den schmalen Seitentüren in den Schlafkammern der Patres gewesen. Erregt zog ich die Hand unter der Decke hervor und hob sie zum Schwur.
Auf einmal stand Pater Germar in der offenen Tür. Seine Taschenlampe warf einen Fleck an die weiß verputzte Wand. Der Fleck war kreisrund wie eine Hostie. Das Deckenlicht ging an und die Hostie war verschwunden. Pater Germar trat an mein Bett. Sein Gesicht war sehr rot, noch röter als das von Pater Burkhard gewesen war. An seinem Hals schwoll eine Ader. Nie hatte ich ihn so in Zorn gesehen. Nach dem Stock griff er stets in Ruhe.
Er stand vor meinem Bett und starrte mich an. Seine rechte Hand war erhoben und zur Faust geballt, nur der kleine Finger war abgespreizt. Daran hing ein Waschlappen an der Schlaufe. Der Waschlappen pendelte hin und her.
„Sieh ihn dir genau an“, sagte Pater Germar, „denn das bist du.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, schaltete das Deckenlicht aus und schloss die Tür. Meine Augen wurden sofort nass. Gleich würde ich die Beherrschung verlieren. Ich zog die Bettdecke über meinen Kopf und biss auf das Medaillon. Heilige Muttergottes, was habe ich denn getan, ich habe doch gar nichts gemacht!
Erzählung zur Erzählung
Dieser autobiographische Text erschien zum ersten Mal am 6. März 2010 in der Süddeutschen Zeitung. Darauf hin nahm der Sprecher einer 'Aufarbeitungskommission' des im Text nicht beim Namen genannten Klosters mit mir Kontakt auf. Die Kommission reiste nach Berlin, es kam zu einer insgesamt akzeptablen Begegnung und zu einem völlig inakzeptablen Nachspiel. Davon berichte ich in der "Nachschrift" meines im August 2013 im Psychosozial-Verlag, Gießen, erschienenen halbautobiographischen Romans Die Schutzbefohlenen, der aus der Erzählung hervorgegangen ist.
Die Eifersucht bei Shakespeare
Auch auf Mallorca ist es ein Unterschied, ob man eine Putzfrau hat oder eine ist. Tina hatte das gesagt. Fabian stand neben ihr im Partygedränge mit einem Glas Rotwein in der Hand. Ich war keine zwei Meter entfernt, aber die beiden beachteten mich nicht, waren zu sehr miteinander beschäftigt. Sie kannten sich seit anderthalb Stunden. Ich hatte Fabian mit auf dieses Fest geschleppt, um ihn ein paar wichtigen Leuten vorzustellen. An Tina hatte ich dabei nicht gedacht. Fabian sah gut aus, wie immer, wenn er sich unter Kontrolle hat und nicht zu viel trinkt. Tina sah auch gut aus. Das blassgelbe Kleid stand ihr. Unauffällig perfekt und sehr teuer. Ihr Schmuck war falsch, aber auch sehr teuer. Der echte lag im Safe. Lauter ererbte Kostbarkeiten, darunter prunkvolle Ohrgehänge, wahre Kronleuchter aus Diamanten für die niedlichen Knabberöhrchen. Leider bin ich bei ihr über die Öhrchen nie hinausgekommen. Was sie auf der Party trug waren Nachbildungen. Manche Frauen tragen falschen Schmuck, dessen Anfertigung mehr gekostet hat als bei anderen der echte. Tina ist nicht eitel. Sie ist ganz natürlich XXL, dreht immer ein großes Rad. Ihre Familie ist seit hundert Jahren vermögend. Gemessen an ihr bin sogar ich ein Parvenü, von Fabian ganz zu schweigen. Der Ärmste, wie er sich quält mit seinem Ehrgeiz, unser Julien Sorel aus der Arbeiterklasse.
Tina hatte keine Ahnung, dass seine Mutter geputzt hat, um ihm das Studium zu ermöglichen. Auf so etwas wäre sie gar nicht gekommen. Sie meinte ihre Bemerkung nicht böse. Sie hat ein großes Herz, auch wenn sie nicht jeden hinfassen lässt. Wenn sie gewusst hätte, dass – hoppla, schon war es passiert. Bravo mein Lieber! Wenn er sich im Griff hatte, konnte Fabian brillant sein, dann war sein Stallgeruch kaum noch wahrzunehmen. Tina sah ihm viel zu tief in die Augen, um zu merken, mit wem sie es zu tun hatte. Jetzt leuchtete auf ihrem hübschen chamoisefarbenen Kleid ein roter Fleck, und Fabians Glas war leer. Er entschuldigte sich ungerührt und führte ihr vor, wie jemand von hinten seinen Ellenbogen – sie unterbrach ihn lachend und bat um ein Taschentuch, tupfte sich Rotweinspritzer vom Busenansatz. Nachdem sie ihm das Taschentuch zurück gegeben hatte hielt er es sich tatsächlich unter die Nase zwischen all den Leuten, zog die Luft ein und blickte ihr in die Augen, ohne zu lächeln, unverfroren.
Ich verließ die Gesellschaft neidisch und bedrückt. Zuhause trank ich Scotch auf der Verandabrüstung. Die Beine baumelten über dem Abgrund. Unten schlug das Meer gegen die Felsen. Nach dem letzten Schluck schleuderte ich das Glas ins Dunkel. Tina hat graue Augen, Fabian blaue. Meine sind grün, wie die der Eifersucht bei Shakespeare. Jago sagt zu Othello: „Oh, bewahrt Euch, Herr, vor Eifersucht, dem grüngeaugten Scheusal.“ Tina oder Fabian? Könnten wir nicht zu dritt? Bei Fabian hatte ich es weiter gebracht als bei Tina. In jener Nacht waren wir beide nicht nüchtern gewesen. Ich lockte ihn: Ich werde dich ein paar Leuten vorstellen. Das hatte ihn überzeugt, betrunken, wie er war. Wir sind alle Huren auf die eine oder andere Art, nur fällt es bei denen, die Ehrgeiz nötig haben, mehr auf. Es war bloß ein Experiment. Er schien es am nächsten Tag nicht zu bedauern, oder sein Rausch hatte es ins Vergessen gespült.
Als bei der Hochzeit der Priester erklärte, wer Einwände zu erheben habe, möge jetzt vortreten oder für immer schweigen, flog mir beinahe die Hand empor. Tina und Fabian steckten einander die Ringe an, küssten sich und schritten Arm in Arm durch das Kirchenschiff. Ich saß in einer der hinteren Bänke, zwei Meter vom Rand entfernt. Dieses mal beachteten sie mich. Fabian suchte für einen Moment meinen Blick und nickte mir zu. Auch von Tina wurde ich im Vorübergehen gegrüßt. Es freute mich so sehr, dass es mich tagelang ärgerte.
Nach den Flitterwochen gaben die beiden meinem Drängen nach und versprachen einen Besuch. Sie sind am späten Nachmittag angekommen, wollen über Nacht bleiben und morgen nach Deutschland fliegen. Ich werde sie lange Zeit nicht wiedersehen.
Vorhin saßen wir auf der Veranda und tranken Scotch. Die untergehende Sonne hatte die Baumwipfel auf den Hügeln angezündet wie Kerzen. Ich sagte: „Weißt du noch Fabian? Es ist wie damals, die Baumwipfel auf den Hügeln sehen aus wie brennende Kerzen.“
Tina lachte: „Ich wusste gar nicht, wie romantisch du bist.“
„Der Vergleich stammt von Fabian.“
„Tatsächlich?“, knurrte er, „ich kann mich nicht erinnern.“
Plötzlich war ich wieder so eifersüchtig wie auf der Party. Könnten wir nicht zu dritt? Wir sprachen nicht mehr viel. Tina zog sich zurück. Fabian und ich tranken schweigend weiter. In den Gläsern knisterte das Eis. Die Flasche ging schnell zur Neige. Ich ging hinein, eine zweite zu holen. Als ich zurückkam saß Fabian mit dem Rücken zu mir auf der Brüstung der Veranda und schaute über den Abgrund zu seinen Füßen zu den Hügeln hinüber. Ich zögerte einen Moment und setzte mich dann neben ihn. Tief unten schäumte die Brandung. Sein Oberkörper pendelte leicht hin und her, es dauerte eine Weile, bis Fabian mit seitwärts aufgestützten Armen eine stabile Stellung gefunden hatte. Er fing an, zu sprechen. Ich weiß nicht, ob er mit mir sprach oder mit sich oder mit der Nacht oder dem mondbeschiedenen Schaum in der Tiefe. Jetzt sitzen wir wieder nebeneinander und schweigen.
Die Ehe verändert sein Leben von Grund auf. Tinas Familie hat die Heirat mit einem Emporkömmling zunächst abgelehnt, mochte er auch noch so begabt sein. Aber als daran nichts mehr zu ändern war, zog man es vor, sich zu arrangieren. Der Ehevertrag entzieht Tinas jetzigen Besitz und den künftig ererbten allen Ansprüchen von seiner Seite. Ansprüchen, die er ohnehin niemals geltend machen würde.
Wie heftig er das betont. Fabian ist ein guter Anwalt. Wenn er sich unter Kontrolle hat und nicht zuviel trinkt. Er hat gute Chancen, in fünfzehn, zwanzig Jahren genug zu verdienen, um im landläufigen Sinn als vermögend zu gelten. Sein Ehrgeiz und seine Fähigkeiten sind ausbalanciert, sein Ehrgeiz und seine Disziplin nicht. Darin besteht seine Chance, und eben das ist sein Unglück. Mit den Eskapaden, die er sich in manchen Nächten gönnt – oder auferlegt, wer weiß – scheint er den Absturz zu üben. Aber würde er seine Karriere ohne diese Eskapaden verfolgen, wäre er nur ein begabter Streber, ohne jede Chance bei einer Frau wie Tina, die mit ihrem Vermögen, dem materiellen wie dem charakterlichen, immer schon da ist, wo Fabian erst hin will. In jeder Gesellschaft gibt es Hasen und Igel. Tinas Familie gehört seit Generationen zu den Igeln, Fabian wird immer ein Hase bleiben: wendig, leicht zu kränken und stets auf dem Sprung, der eigenen Herkunft davon zu rennen. Aber auch Tina hat ihre Ambitionen. Sie sehnt sich nach Anerkennung, nach Anerkennung, die sie verdient hat, von der sie auch sich selbst gegenüber behaupten kann, sie der eigenen Leistung zu verdanken, nicht dem, was andere in ihrer Familie geleistet haben. Sie will erben und zugleich aus eigener Kraft erwerben als gäbe es dies Erbe nicht. Tina ist in das verstrickt, was ihr mitgegeben, Fabian in das, was ihm vorenthalten geblieben ist.
Das alles geht mir durch den Kopf, während ich neben Fabian auf der Brüstung sitze und ihn aus den Augenwinkeln beobachte. Sein Oberkörper fängt wieder an zu schwanken. Könnten wir nicht doch zu dritt? Würde das die Bindung der beiden nicht eher festigen als gefährden? Ich bin zu reich, um Fabians Ehrgeiz nötig zu haben. Ich bin zu gleichgültig, um Tinas Verlangen nach verdienter Anerkennung zu teilen. Haben sie nicht beide Mäßigung nötig? Und sind nicht beide gleichermaßen unfähig, sich gegenseitig diese Mäßigung aufzuerlegen? Und doch werde ich zwischen beiden nie eine Chance haben. Grünäugiges Scheusal. Die Eifersucht als Mittler?
Auch ich habe zuviel getrunken. Mein Mund ist plötzlich ganz trocken, mein Herz rast. Es nimmt mir den Atem. Fabian schwankt nicht mehr. Er sitzt vollkommen ruhig neben mir am Rand der Brüstung, die Beine über dem Abgrund. Ich deute mit einer Hand vage in die mondhelle Nacht und lege ihm dabei die andere zwischen die Schulterblätter. Er dreht sich mir zu und sieht in meinen Augen, wie er die Arme emporreißt und in den Abgrund stürzt. Meine Hand zwischen seinen Schulterblättern verstärkt den Druck. Er starrt mir in die Augen, verkrampft sich. Unter meiner Hand beginnt es zu zucken. Ich kann mich nicht entscheiden. Er zieht vorsichtig die Beine an. Ich kann mich immer noch nicht entscheiden. Jetzt hat er die Beine auf der Brüstung. Plötzlich duckt er sich und schlägt meine Hand fort. Keuchend bleiben wir nebeneinander sitzen, Fabian in der Hocke, ich noch immer mit baumelnden Beinen. Ich beuge den Oberkörper nach vorn, sehr weit, noch weiter. Nur ein Stups mit dem Finger, Fabian, mehr brauche ich nicht.
Erzählung zur Erzählung
Dieser Text entstand für einen Wettbewerb, bei dem ich erfolglos geblieben bin, und wurde bisher noch nicht veröffentlicht. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Allenfalls noch, dass ich einen abgebrochenen Roman mit dem Titel Erben! in der Schublade habe. Doch gibt es zwischen dem Romanfragment und der Geschichte nur einen thematischen, keine textlichen Zusammenhang.
Ein Josephsgedanke
Manche Leute drücken gegen Türen, auf denen „Ziehen“ steht. Sie kommen ansonsten prima zurecht, nur drücken sie immerzu gegen Türen, auf denen „Ziehen“ steht. Oder sie können sich einfach nicht merken, welcher von zwei neben einander liegenden Schaltern zu welcher Lampe gehört. Sogar wenn sich Schalter und Lampen in der eigenen Wohnung befinden, können sie sich so etwas nicht merken. Dabei kann man schlecht Schilder auf die Schalter kleben, auf denen die Lampen, zu denen die Schalter gehören, bezeichnet sind. Man würde jedes Mal, wenn man an den Schaltern vorbeigeht, daran erinnert, dass man nicht in der Lage ist, zwei Schalter zwei Lampen zuzuordnen und deshalb sogar Schilder auf die Schalter kleben muss. Dann lieber doch die Schilder weglassen und weiter die Schalter verwechseln.
So etwas kann einen Menschen zum Wahnsinn und ins Philosophieren treiben. Schlimm, schlimm. Fängt man erst einmal an, außerhalb der geregelten Feiertage über den Sinn des Lebens oder den Zweck des Daseins nachzudenken, geht es einem wie den Leuten, die dauernd die Schalter verwechseln und gegen Türen drücken, auf denen – genau. Das kann soweit führen, dass man sich ohne Vorwarnung darüber wundert, ausgerechnet derjenige zu sein, der man nun einmal zufällig ist. Die meisten Leute sind ja nicht absichtlich sie selbst.
Wenn Luzifer, der Gott des Hochmuts, die unübersehbare Schar der Menschen aller Völker und Zeiten, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor uns aufstellen und sagen würde „Komm, such dir einen aus“, dann würden wir alle sofort auf uns selbst deuten und sagen „den da, der will ich sein“. Ganz bestimmt!
Zum Glück werden wir solche Sachen nicht gefragt, und Türen mit „Ziehen“ gehen nicht auf, auch wenn man noch so sehr drückt. Aber manchmal – manchmal kommt eben dies große Wundern über uns. Gefestigt und sozusagen im Leben stehend sitzt man mit der Zeitung am Frühstückstisch: alles in Butter, blendende Familienstimmung, perfektes Ei im Becher. Und plötzlich, von einer Sekunde zur anderen, wundert man sich, staunt in stiller Raserei über Gott und die Welt und ganz besonders darüber, mit der Zeitung in der Hand am Frühstückstisch vor einem perfekt gekochten Ei zu sitzen. Auf dem Adventskranz brennt die richtige Anzahl der Kerzen, alle Geschenke sind eingekauft, der Tannenbaum auf dem Balkon erwartet im Netzstrumpf den Heiligen Abend – und aus heiterem Himmel kommen einem Sinn und Zweck von Leben und Dasein so hoffnungslos nichtig vor, dass man in Tränen ausbrechen könnte vor Wut und Enttäuschung, wie wenn die Tür einfach nicht aufgehen will oder wie als Kind, wenn wir ein Weihnachtsgeschenk auswickeln und es ist nicht das drin, was wir uns gewünscht haben.
In dieser lamentablen Verfassung befand sich der Diplom Ingenieur Tobias Bauer, als er sich darüber wunderte, ausgerechnet Tobias Bauer zu sein. Auf Gottes Erde liefen annähernd sieben Milliarden Leute herum, und man selbst war ausgerechnet Tobias Bauer, Dipl. Ing. Nicht, dass ihn das gekränkt hätte. Hochmut war nicht sein Fall. Es irritierte ihn nur plötzlich das Stecknadelgefühl, sich genau an der Stelle der Erdkugel zu befinden, an der er sich nun einmal befand: auf diesem Kontinent, in diesem Land, in dieser Stadt, in dieser Straße, in dieser Wohnung, in diesem Zimmer, auf diesem Stuhl. Eben wie eine Stecknadel, die jemand nachlässig an die verkehrte Stelle einer Landkarte gepiekt und dort vergessen hat. Da saß er nun und wunderte sich. Und seine Frau schmierte seiner Tochter ein Marmeladenbrötchen.
Er blickte transzendent über den Zeitungsrand aufs Frühstücksei.
„Ist es zu hart?“ fragte seine Frau, dabei hatte er doch die Eier höchstpersönlich gekocht, und wie jedesmal, wenn er sie kochte, waren sie perfekt. Er benutzte eine Sanduhr. Der Sand, oder was immer für ein Zeug heutzutage in so einer Sanduhr drin ist, lief mit stets gleicher Geschwindigkeit vom oberen Glas ins untere, und wenn man die Uhr umdrehte, wieder vom oberen Glas ins untere, und so weiter bis in alle Ewigkeit. Aber er pflegte die Eier schon nach knapp fünf Minuten aus dem Wasser zu nehmen, wenn gerade das letzte Bisschen von dem Sand oder dem Zeug durch die Verengung rieselte. Kaum hatte er das Ei auf dem Löffel, war die Uhr auch schon abgelaufen. Nach dem Kochen nicht abschrecken! Seine Frau hielt das Ei jedes Mal unter kaltes Wasser, es war ihr einfach nicht abzugewöhnen. Und vor dem Kochen nicht mit einer Stecknadel anpieken! Oder womöglich mit einem extra Eieranpiekgerät. Was war das nur für eine Kultur, in der Eieranpiekgeräte erfunden wurden?
Auch solche Fragen wollten beantwortet werden, wenn man schon angefangen hatte, sich zu wundern. Verrückt, vollkommen verrückt. Vorhin hatte er noch vernünftig Eier gekocht, und jetzt schien das Leben im Löffelumdrehen so sinnvoll zu sein wie ein Eieranpiekgerät.
„Sie hätten nicht mit einer Hand die Nummern eintippen können“, sagte er etwas aus dem Zusammenhang gerissen, und seine Frau hörte mit dem Brötchenschmieren auf.
In einer der vermischten Meldungen, die er gerade überflogen hatte, wurde von einem fossilen Fund berichtet. Es handelte sich um die Handknochen von einem Wesen, das nicht mehr richtig Affe und noch nicht richtig Mensch gewesen war, damals, vor wer weiß wie vielen Milliarden Mal Eieruhrumdrehen. Dieses Wesen konnte auf zwei Beinen gehen, es konnte sich mit Lauten verständigen, es konnte Steine und Stöcke als Werkzeuge oder Waffen in die Hand nehmen. Aber es war nicht in der Lage, mit der Kuppe des Daumens die Kuppe des Zeigefingers zu erreichen.
Er legte die Zeitung beiseite und führte es seiner Frau und seiner Tochter vor. In gespielter Anstrengung verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. Beide lachten. Der Daumen und der Zeigefinger wollten nicht zusammen kommen. Es war wie verhext. Man musste sich mächtig anstrengen. Endlich hatte er es geschafft.
Natürlich war es ganz einfach. Jedes Kind kriegte das ohne weiteres hin, und sogar Leute, die gegen Türen drückten, an denen „Ziehen“ stand oder die Schalter nicht auseinander zu halten wussten, hatten keinerlei Schwierigkeit, die Kuppe des Daumens auf die Kuppe des Zeigefingers zu legen. Und trotzdem wunderte er sich darüber, so, wie er sich völlig überrrascht darüber gewundert hatte, Tobias Bauer, Dipl. Ing., zu sein und an einem Adventssonntag mit Frau und Tochter an einem Frühstückstisch zu sitzen, auf dem Kerzen brannten, statt irgendwo in einer Höhle, an deren Wand das Feuer Schatten warf. Oder in einer Funkstation an der amerikanischen Ostküste, wo weder „Ziehen“ noch „Drücken“ an der Tür stand und alle Hebel und Schalter ohne weiteres zu unterscheiden waren. In diesem Fall wäre er nicht der Diplom Ingenieur Tobias Bauer gewesen, der an normalen Tagen über die Entwicklung elektronischer Geräte nachdachte und an nicht so normalen über solche zum Eieranpieken.
Wenn er nicht an einem Adventssonntag des Jahres 2010 mit seinen Lieben am Frühstückstisch gesessen und sich gewundert hätte, ausgerechnet Tobias Bauer zu sein, wäre er womöglich Reginald Fessenden gewesen und hätte im Dezember 1906 in seiner Funkstation überlegt, was er bei der bevorstehenden ersten drahtlosen Sprachübertragung sagen könnte. Fessenden war genau der Mann, der zu sein er womöglich wählen würde, sollte Luzifer ihm je Gelegenheit dazu geben.
Reginald Fessenden war ein großer Erfinder gewesen, vielleicht ein noch größerer als Thomas Edison. Aber auch Fessenden war nicht der gewesen, der er eigentlich sein wollte. Eigentlich wollte er der Erfinder von einem Gerät sein, mit dem die Leute ohne Kabel über weite Entfernungen hinweg miteinander reden konnten. Er wäre der ideale Erfinder des Mobiltelefons gewesen. Statt dessen hatte er mit seiner Funkstation die technische Voraussetzung für die Entwicklung des Radios geschaffen. Und ich, dachte Tobias Bauer, mache genau das, wovon Fessenden geträumt hat. Wir bauen Geräte, durch die man mit anderen Leuten sprechen kann. Oder man kann sich durch sie etwas ins Ohr flüstern, selbst wenn man an weit auseinander liegenden Orten der Erdkugel steckt. „Ich liebe dich“, zum Beispiel. Subjekt, Prädikat, Objekt. Eine Stecknadel steckt hier, eine Stecknadel steckt dort. Ganz weit auseinander entfernt auf den entgegen gesetzten Seiten der Erdkugel. Oder ganz nah beieinander am Frühstückstisch. Oder beides gleichzeitig: nah beieinander und weit entfernt.
Ich könnte sie anrufen, dachte Tobias, und es ihr sagen, wo immer sie auch steckt. Das war natürlich unmöglich, hier am Frühstückstisch vor Frau und Kind. Er würde später versuchen, ihr eine SMS zu schicken, würde Subjekt, Prädikat und Objekt mit dem Daumen eintippen, wozu die Geschöpfe, von deren Handknochen er gerade in der Zeitung gelesen hatte, nie und nimmer in der Lage gewesen wären. Wie seltsam.
Seine Tochter fand das Spiel mit den Fingerkuppen lustig. Sie hatte beide Händchen erhoben, wie sie es auch bei diesem Kinderlied machte – Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh. Und mit jener umwerfend rührenden Kinderkonzentration führte sie an beiden Händen gleichzeitig die Daumenkuppen und die Kuppen der Zeigefinger zusammen.
„Die Hand, von der sie die Knochen gefunden haben, hätte das nicht gekonnt“, sagte er. Seine Frau schmierte mit festem Griff ums Messer das Brötchen fertig.
„Warum nicht, Papa?“
„Weil bei ihr der Daumen in einer Reihe mit den anderen Fingern stand, gleich neben dem Zeigefinger, wie bei den Affen, statt wie bei uns weiter nach unten und etwas nach vorn versetzt.“
Die Kleine schaute ihn verständnislos an. Wie soll ich ihr das erklären, dachte er, aber da fiel ihm schon etwas ein.
„Versuche mal, die Kuppe des Zeigefingers auf die Kuppe des kleinen Fingers zu legen.“
„Ist doch babyleicht“, meinte sie und hielt ein Händchen hoch. Zeige- und kleiner Finger berührten sich, aber an der Seite, nicht Kuppe auf Kuppe. Er demonstrierte es ihr.
„Und so, wie du deinen Zeigefinger nicht mit der Kuppe auf deinen kleinen Finger legen kannst, so konnten die Leute damals ihre Daumenkuppe nicht auf die des Zeigefingers legen, weil sie den Daumen überhaupt nicht nach innen beugen konnten, oder jedenfalls nicht so weit.“
„Die Leute?“ sagte seine Frau und lachte.
„Deshalb hätten sie auch kein Handy in die Hand nehmen können. Das heißt: In die Hand nehmen vielleicht schon, aber sie hätten die Nummer nicht eintippen können, nicht mit dem Daumen.“
Die Kleine guckte ganz erschrocken. Seine Frau warf ihm einen spöttischen Blick zu, und in ihren Augen blitzten Sternschnuppen. Früher hatte er sich bei solchen Gelegenheiten immer etwas gewünscht. Es war jedes Mal der gleiche Wunsch gewesen. Und eines Tages hatten sie ein Kind in der Krippe wie Maria und Joseph.
>Maria< sagte: „Also unterscheidet sich der Mensch dadurch vom Affen, dass er mit dem Daumen eine SMS ins Handy tippen kann.“
>Joseph< dachte auf einmal: Mein Gott, vielleicht ist die Kleine gar nicht von mir.
Für einen Moment, so kurz wie das Aufleuchten einer Sternschnuppe, stellte Tobias sich vor, wie er heimlich mit einem Wattestäbchen in der Hand zu seiner schlafenden Tochter ans Bettchen schlich, um eine Speichelprobe für den Vaterschaftstest zu beschaffen. War er wirklich der Vater? Woher sollte er das wissen? Stand nicht sogar auf seiner Unterhose der Name eines anderen Mannes? Woher nur auf einmal dieser Josephsgedanke? Noch dazu, wo er es war, der heimlich Botschaften verschickte, nicht seine Frau. Andererseits konnte er das gar nicht wissen, seine Frau wusste es ja auch nicht.
„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte seine Frau und gab nach einem Blick aufs Handgelenk auch gleich die Antwort.
Seine Tochter hatte mit ihren Händchen, deren Daumenkuppen ohne weiteres die Kuppen der Zeigefinger berühren konnten, das Brötchen geschnappt und verschmierte ihr Mäulchen nun herzallerliebst mit Marmelade. Seine Frau ließ sich die Zeitung reichen und überflog die Meldung über den fossilen Fund.
Und wenn ich doch – dachte er, es braucht ja keiner mitzukriegen, egal wie der Test ausgeht. Aber natürlich würde er das niemals tun. Genauso wenig, wie er jemals Schildchen auf die Schalter kleben würde, um zu wissen, welcher Schalter zu welcher Lampe gehörte. Und ein Eieranpiekser bin ich auch nicht, schoss ihm völlig blödsinnig durch den Kopf.
„Interessant“, sagte seine Frau und reichte ihm die Zeitung zurück.
„Weißt du, was Fessenden bei seiner ersten Übertragung mit Radiowellen gesagt hat?“
„Wer?“
„Reginald Fessenden, der Erfinder des Eieranpieksers und der Tonübertragung durch Radiowellen.“
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“
„Ach, ich weiß selbst nicht, nur so ...“
Sie schaute ihn merkwürdig an und hatte schon wieder Sternschnuppen in den Augen.
„Ich liebe dich“, sagte er.
Die Kleine sah erstaunt von ihrem Marmeladebrötchen auf.
„Ich dich auch“, erwiderte sie, „und was hat er nun gesagt, dein Reginald?“
„>Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.< Und dann hat er allen schöne Weihnachten gewünscht.“
Erzählung zur Erzählung
Der Text erschien 2010 in der Weihnachtsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Es war meine erste Erzählung an diesem Ort, der weitere folgten. Einige der Ideen, die Tobias Bauer, Dipl. Ing., durch den Kopf gehen, habe ich bei Clemens Zepernick entlehnt, dem Helden eines gleichnamigen, noch nicht veröffentlichten Romans.
Wunderschöne Anblicke
Vor einiger Zeit hat mich der Teufel auf einer Zugfahrt nach Süddeutschland mit einem Bischof bekannt gemacht. „Bischof“ ist nicht ganz die richtige Bezeichnung für den frommen Mann, mit dem ich einige Stunden über Gott und die Welt philosophierte, nachdem der Teufel sein Spiel mit uns getrieben hatte. Ich kenne den Teufel nicht persönlich, nur aus den Kirchen. An manchen der steinernen Lettner, die bis zur Reformation die Gläubigen auf Abstand vom Altar hielten, treiben sie immer noch ihr Unwesen, bocksfüßige, gehörnte, dionysische Geschöpfe. In ihren Schlingen ziehen sie gefangene Seelen hinter sich her zur Hölle. Die verdammten Seelen an den Lettnern haben kleine Gesichtchen und weit aufgerissene Münder, sie sind ganz Schrei, als hätten die Steinmetze nach dem Gemälde von Munch gemeiselt. Kein schöner Anblick.
Der Teufel im Zug nach Süddeutschland indessen war ein Intellektueller. Es handelte sich um Mephisto, der im Faust seine Zauberkünste in Bewegung setzen muss, um einem deutschen Gelehrten eine Jungfrau ins Bett zu bugsieren. Mephisto ist ein Zyniker und arg melancholisch. Er macht seinen Job nicht gern. Er wirkt müde, „denn alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“ Das legte Goethe ihm in den Mund, und mir kam es auf dieser Zugreise über die Lippen. Im Abteil war während der Einfahrt in einen Bahnhof beim üblichen Gepäckgerangel vor dem Aussteigen ein Konflikt entstanden. Ich kann mich nicht erinnern, worum es ging, ich war nicht beteiligt. Doch muss mich der Teufel geritten haben, dass ich die Streithähne mit Mephistos Sentenz zu beruhigen suchte. Wahrscheinlich wollte ich bloß sagen, dass die Sache den Streit nicht lohne, und tatsächlich hörten die Kontrahenten vor lauter Verblüffung auf, einander Vorwürfe zu machen und zerrten schweigend die Rollkoffer in den Gang. Ich blieb mit nur einem weiteren Reisenden im Abteil zurück. Friedlich rollte der Zug aus dem Bahnhof.
Der Mann blickte mir ins Gesicht, räusperte sich, wandte die Augen ab, sah mich wieder an, räusperte sich erneut. Dann brach es aus ihm heraus. Was ich da eben gesagt habe, wollte er wissen, das mit dem Bestehen und Zugrundegehen. Der Mann war vielleicht Anfang Vierzig, und sein Gesicht zeigte eine für gereifte Herren ungewöhnliche Besorgheit, eine innerlich leuchtende, inbrünstige Besorgtheit, die mich rührte. Er war tatsächlich um mein Seelenheil besorgt, wie sich herausstellte. Ich erklärte ihm lachend, ich sei nicht des Teufels, sondern habe ihn nur zitiert. „Den Teufel?“, fragte er erschrocken, und starrte mich an, als würden mir Hörner aus der Stirn wachsen. „Ja, Goethes Mephisto, Faust, Studierzimmerszene. Der Pudel zeigt den Kern und spricht: >Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; drum besser wär’s, dass nichts entstünde.<“
Ich liebe diese Passage, trug sie mit Begeisterung vor und lächelte vergnügt. Mein Zuhörer erbleichte. Kein schöner Anblick. Nun erfasste mich die Besorgnis, wenn auch mit wenig Inbrunst und bestimmt nicht innerlich leuchtend. Leuten wie mir fehlt die Zuversicht in die Ewigkeit. Man freut sich, so lange das Lämpchen noch glüht, aber ans ewige Licht kann man nicht glauben, auch wenn man es in katholischen Kirchen brennen sieht, während die Teufel auf den Lettnern die Seelen der Verdammten in die Hölle zerren. „Darum muss es Glauben geben; und wenn es Glauben geben muss, dann muss es auch Hoffnung geben; und wenn es Hoffnung geben muss, dann muss es auch Nächstenliebe geben.“
Das klingt nach Paulus im ersten Korintherbrief – Glaube, Liebe, Hoffnung – ist aber Moroni im Buch Mormon. Es wurde mir wenige Tage nach der Zugfahrt von dem inbrünstigen Mann ins Haus geschickt, zusammen mit einer Visitenkarte. Auf die Rückseite war notiert: „Mit freundlichen Grüßen und bestem Dank für das Gespräch während der Bahnfahrt.“
Der Mann, mit dem ich dieses Gespräch geführt hatte, war „Coordinator“ der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, nach ihrem heiligen Buch „Mormonen“ genannt. In Europa interessieren sich die Leute nicht besonders für die Mormonen. Deshalb war der Coordinator so beglückt, in dem Teufelskerl, für den er mich anfangs hielt, einen neugierigen Zuhörer zu finden, womöglich gar eine errettungsbereite Seele.
Einige seiner Geschichten waren wirklich beeindruckend. Er erzählte mir, dass er sich vor kurzem mit seiner Gattin in einer besonderen Zeremonie für die Ewigkeit verbunden habe. Den Katholiken, die sich in der Kirche beringen lassen, wird vor dem Traualtar eingeschärft: „Bis dass der Tod euch scheidet“. Schon das halten viele nicht durch. Und „bis in alle Ewigkeit“ ist wirklich arg lang. Wo doch alles, was besteht – . Trotz meiner Teufelsgedanken konnte ich dem Coordinator meine Bewunderung für seine Ewigkeitshochzeit nicht versagen.
Nach dem Buch schickte er mir die Buben. Sie waren zu zweit und sahen in ihren dunklen Anzügen aus wie frisch geschrubbt, rotbackige Amerikaner aus Salt Lake City, Utah. Wie früher die europäischen Aristokraten befanden sie sich auf Grand Tour. Aber nicht, um zu feiern und zu – also: herumzuhuren, sondern um keusch die Klinken zu putzen und Seelen zu retten. Alles ohne Alkohol, Tabak, Kaffee und schwarzen Tee.
Es war ein schöner Anblick, wie die beiden artig nebeneinander vor mir standen im Hausflur und ihre eingelernten Sätze aufsagten, mit den Schultern aneinander tupfend, innerlich leuchtend, aber nicht wegen Moroni und der Heiligen der Letzten Tage, sondern wegen ihrer kraftstrotzenden Jugend und der ganzen, gewaltigen Ewigkeit und Erwartung, die sie in sich herumtrugen.
Ich hörte ihnen nicht zu. Ich musste an Bob Carter und an Hood denken. Von Bob und Hood hatte ich erst nach der Zugfahrt mit dem Coordinator erfahren. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, ihn danach zu fragen. Er war so glücklich, einen bereitwilligen Zuhörer gefunden zu haben, und ließ sich in seinem Bekehrungseifer sogar dazu hinreißen, von einem Zeichen zu erzählen, das ihm am frühen Morgen angekündigt habe, heute werde etwas besonderes geschehen. Wenn ich am frühen Morgen das Gefühl habe, dass an diesem Tag etwas besonderes passiert, überlege ich immer, ob es nicht besser wäre, erst gar nicht aus dem Haus zu gehen. Das sind so melancholisch mephistophelische Verstimmungen: drum besser wär’s, dass nichts entstünde. In solchen Momenten erhoffe ich mir so wenig Schicksal wie möglich, um Himmels Willen, bloß so wenig Schicksal wie möglich.
Hood war die stärkste Atombombe, die jemals über der USA explodierte. Ihre Sprengkraft betrug 74 Kilotonnen TNT, knapp sechsmal so viel wie bei Little Boy, der Bombe von Hiroshima. Hood stieg im Morgengrauen des 5. Juli 1957 an einem bunten Ballon in den Himmel über der Wüste von Nevada und wurde in fünfhundert Metern Höhe gezündet. Bob Carter gehörte zu dem Trupp Soldaten unten im Wüstensand. Er stammte aus Salt Lake City und war siebzehn Jahre alt. Die beiden Jungs vor meiner Tür waren höchsten zwei, drei Jahre älter. So alt wie Mitt Romney, als er 1966 mit neunzehn Jahren begann, durch Frankreich zu touren und sich im Dienst der Heiligen der letzten Tage missionarisch die Hörner abzustoßen.
Bevor Bob und die anderen Soldaten aufs Testgelände gebracht wurden, hatte man ihnen einen Film gezeigt. Der Film hieß The Big Picture, und darin erklärte ein Militärgeistlicher: „Es gibt wirklich keinen Grund zur Besorgnis. Die Armee hat alle nötigen Vorkehrungen getroffen, um unsere vollkommene Sicherheit zu gewährleisten. Zuallererst sieht man ein sehr, sehr helles Licht, gefolgt von einer Druckwelle, und dann hört man den Knall der Detonation. Dann schaut man auf und sieht den Feuerball, der in den Himmel hinaufsteigt. Er enthält alle Farben des Regenbogens, und während er in die Atmosphäre aufsteigt, formt er sich zum Pilz. Es ist ein wunderschöner Anblick.“
Bob legt vor der Explosion vorschriftsmäßig die Hände über die Augen. Als das sehr, sehr helle Licht leuchtet, sieht er durch die geschlossenen Lider und das Fleisch der Hände seine Fingerknochen. Ein Skelett hält ihm die Augen zu, und dieses Skelett ist er selbst. Sand dringt ihm in die Kehle, Blut schießt aus der Nase. Bob nimmt die Hände von den Augen und sieht brennende Kaninchen über das Testgelände rennen. Kein schöner Anblick.
Das Buch Mormon, das mir der Coordinator mit der netten Notiz auf der Visitenkarte ins Haus schickte und das auch die beiden Jungs vor meiner Tür unbeholfen in ihren Händen drehten, wurde Joseph Smith, dem am Vorweihnachtstag des Jahres 1805 geborenen Gründer der Kirche, im September 1823 angekündigt. Er hat davon Zeugnis abgelegt: „Am Abend wandte ich mich in flehentlichem Gebet an Gott den Allmächtigen. Während ich so im Begriffe war, Gott anzurufen, bemerkte ich, wie in meinem Zimmer ein Licht erschien, das immer stärker wurde, bis der Raum schließlich heller war als am Mittag. Gleich darauf wurde an meinem Bett eine Gestalt sichtbar, und der Betreffende stand in der Luft, denn seine Füße berührten den Boden nicht. Er hatte ein loses Gewand von außergewöhnlicher Weiße an, weißer als alles, was ich auf Erden je gesehen habe. Ich glaube auch nicht, dass etwas Irdisches so überaus weiß und hellleuchtend gemacht werden kann.“ Ein wunderschöner Anblick.
Wie Bob waren die meisten anderen der eingesetzten Soldaten, die Arbeiter auf dem Testgelände und die Bewohner der anliegenden Dörfer und Kleinstädte Mormonen. Auch Ezra Taft Benson, Eisenhowers Landwirtschaftsminister während der Jahre mit den meisten Tests in Nevada, war Mormone. Als junger Mann hatte er zwei Jahre in Großbritannien missioniert, gehörte später der Leitung der Kirche an und wurde ihr dreizehnter Präsident. Mitt Romney gehörte ebenfalls zur Kirchenleitung, aber nur auf lokaler Ebene. Anfang der 80er Jahre leitete er eine Gemeinde in einem Vorort von Boston. Einer seiner Vorfahren zählte zur Gründergeneration der Kirche. Die goldenen Tafeln, auf denen Smith und elf weiteren Zeugen zufolge das Buch Mormon eingraviert war, ein wunderschöner Anblick, hat er jedoch nicht gesehen.
Heilige Worte auf goldenen Tafeln! Ist das nicht typisch für Amerika? Der Coordinator war Schweizer. Das war nicht zu überhören. Aber zur Schweiz passen heilige Worte auf goldenen Tafeln auch ganz gut, oder sind es da eher CDs? Auf unserer Zugfahrt schilderte er gerade die Erleuchtungserlebnisse des jungen Smith, als die Abteiltür aufgerissen wurde. Eine Schaffnerin kam herein, hübsch und frisch wie Gretchen. Sie wirkte in ihrer Uniform fast so inbrünstig wie der Coordinator beim Proselytenmachen. Ein wunderschöner Anblick. Sie wandte sich an meinen Missionar und sagte streng: „Heinrich, wie hältst du’s mit der Religion?“ Das sagte sie natürlich nicht. Sie sagte: „Ihre Fahrkarte bitte.“ Er holte ein selbst ausgedrucktes Online-Ticket aus der Tasche. Sie warf einen Blick darauf und sagte: „Bitte noch die Kreditkarte, mit der Sie gebucht haben“. „Ja natürlich“, meinte er. Ich glaubte felsenfest, er würde eine goldene Mastercard zücken. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“, seufzt Gretchen, nachdem sie das verteufelte Kästchen gefunden hat, das Mephisto in Fausts Auftrag in ihrer Kammer versteckt hat. Das Gretchen im Zug bekam zu meiner Überraschung bloß eine ärmliche Visa Card zu Gesicht, auch nicht besser als meine. „Fahrt zur Hölle“, sagte sie, und mein innerer Mephisto lachte. Das sagte sie natürlich nicht. Sie sagte: „Gute Weiterreise.“
Die Mormonen sind reich wie die Schweizer, oder die Schweizer reich wie die Mormonen. Das Vermögen der Kirche wird auf dreißig Milliarden Dollar geschätzt. Es heißt, die Gläubigen haben zehn Prozent ihres Einkommens an die Kirche abzuführen. Das ist fast so viel, wie Romney in den letzten Jahren jeweils an Steuern bezahlt hat. „Denkt nur“, beschwert sich Mephisto bei Faust, nachdem Gretchens Mutter das Schmuckkästchen in die Kirche getragen hat, „denkt nur, den Schmuck, für Gretchen angeschafft, den hat ein Pfaff hinweggerafft!“
Dreißig Milliarden Dollar Vermögen bei nicht einmal sieben Millionen Kirchenmitgliedern in Amerika. Armer Joseph Smith. Er hatte eine Anti-Bank gegründet, die „Kirtland Safety Society Anti-Banking Company“. Sie brach 1837 zusammen.
Davon wusste ich während der Zugfahrt noch nichts, so wenig wie von den Atomtests in der Wüste von Nevada. Der radioaktive Fallout verbreitete sich über ein Gebiet von fast einer Million Quadratkilometern. Die Beobachtung der Langzeitfolgen boten Ezra Taft Benson im Washingtoner Landwirtschaftsministerium und den Kirchenoberen in Salt Lake City eine Gelegenheit, ihre des öfteren bestrittene Loyalität zur amerikanischen Regierung unter Beweis zu stellen. Dabei wollte vor Mitt Romney schon einmal ein Mormone Präsident werden: Joe Smith, der Kirchengründer selbst.
Er war 1844 der Kandidat einer Plattform von Alkoholgegnern und wurde während des Wahlkampfs ermordet. Diadochenkämpfe unter seinen Stellvertretern brachen aus, die Kirche wankte. Ach Mephisto, ewiger Rechthaber bei der Endlichkeit menschlicher Dinge, Coordinatoren-Erschrecker, Schöpfungsverneiner und Gretchenverführer wider Willen. Meinem Bekehrer mit seiner Ewigkeitslust lief es eiskalt über die Mormonenseele, als ich deine Worte in meinen Mund nahm. „Drum besser wär’s, dass nichts entstünde.“
Der dienstälteste Stellvertreter von Joseph Smith war Brigham Young. Er zog mit seinen Anhängern in einem Treck tausend Meilen nach Westen bis zum Großen Salzsee und gründete an dessen Ufern im Sommer 1848 Salt Lake City, die heutige Hauptstadt von Utah. Sie liegt am Fuß einer zweitausend Meter hohen Bergkette. Ein wunderschöner Anblick. Vielleicht haben das die Soldaten bei ihrer Rückkehr von den Testfeldern Nevadas gedacht.
Vielleicht haben das auch die amerikanischen Jungs bei der Rückkehr von ihrer europäischen Missionsreise gedacht. Nachdem ich sie fortgeschickt hatte, hörte ich nichts mehr vom Coordinator aus der Schweiz. Wer Gott leugnet, obwohl er die Chance hatte, ihn zu erkennen, wird zu Luzifer, dem „Sohn des Verderbens“, in die äußerste Finsternis gestoßen für alle Ewigkeit, die nie, nie, nie zu Ende geht. Ich sehe die steinernen Schreie der Seelen auf den Lettnern vor mir. Kein schöner Anblick.
Erzählung zur Erzählung
Die Geschichte beruht auf einem Erlebnis während einer Zugfahrt und liegt einige Jahre zurück. Über die Zündung von Hood in der Wüste von Nevada gibt es eine Geschichte aus einem Projekt mit 365 "Geschichten aus der Weltgeschichte" ("Short Stories on History"), das ich nicht abgeschlossen habe, weil kein Verlag dafür interessiert werden konnte - was ich, nebenbei gesagt, bis heute nicht verstehe. Die Präsidentschaftskandi-
datur von Mitt Romney hat mich veranlasst, die Zugfahrt mit der "Short Story" leitmotivisch zu verknüpfen, durch weitere Episoden aus der Geschichte der Mormonen zu ergänzen und sie der Süddeutschen Zeitung anzubieten. Sie ist dort in der Wochenendbeilage vom 29./30. September 2012 erschienen.
Zeitsprünge
Alexander Lerchs Sprung in den Sambesi dauerte drei Sekunden.
Erin Langworthys Sprung in den Sambesi dauerte drei Sekunden.
Das Orgelstück Organ2/ASLSP von John Cage dauerte bei der Uraufführung im Jahr 1987 neunundzwanzig Minuten, das sind 1740 Sekunden. ASLSP, As SLow aS Possible. So langsam wie möglich.
In den drei Sekunden, in denen Alexander und Erin von der Brücke über den Sambesi hinunter in den Fluss springen, donnern weiter oben am Flusslauf an den Victoria Fällen zwanzig Millionen Liter Wasser auf einer Breite von 1700 Metern in die Schlucht.
Dieser Text dauert rund zwanzigtausend Zeichen.
Die Aufführung von Organ2/As SLow aS Possible, die am 5. September 2001 in einer vor rund tausend Jahren gegründeten Kirche in Halberstadt begonnen hat, wird am 5. September des Jahres 2640 zu Ende gehen. Sie wird dann 639 Jahre gedauert haben, rund zwanzig Milliarden Sekunden. So langsam wie möglich. Am 5. September 2001 wäre John Cage neunundachtzig Jahre alt geworden. Er starb am 12. August 1992 in New York.
Wie lange dauern drei Sekunden? Ein Wimpernschlag und eine Ewigkeit.
Das Youtube-Video, auf dem zu sehen ist, wie Erin Langworthy am 8. Januar 2012 in den Sambesi springt, dauert einhundertvier Sekunden. Fünfundzwanzig Sekunden zeigen, wie die zweiundzwanzig Jahre alte Australierin an den Rand der Plattform der Brücke über den Sambesi tritt, wie ihr das Seil für den Bungee Jump um die Beine geschlungen wird, wie sie die Arme ausbreitet zu ihrem Flug, wie sie einen leichten Stoß in den Rücken bekommt: und hinunter fliegt.
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Dann wird der Flug zum Sturz. Die restlichen Sekunden des Videos zeigen, was geschieht, nachdem das Seil gerissen ist.
Nach zwanzig Milliarden Mal „Einundzwanzig“ Sagen geht das Musikstück von John Cage zu Ende. So langsam wie möglich. Die Orgel in der Burchardi Kirche in Halberstadt bringt ihren ersten Ton am 5. Februar 2003 hervor. Das Stück beginnt am 5. September 2001, aber erst am 5. Febraur 2003 ertönt der erste Pfeifton. Vorher herrscht Stille zwischen den Mauern. Nur das Gebläse surrt vor sich hin. Die Orgel holt siebzehn Monate lang Luft, dann beginnt der erste Ton. Alexander Lerch hört den Pfeifton, der die Burchardi Kirche durchzieht wie ein straff, sehr, sehr straff gespanntes und sehr dünnes Stahlseil. Es klingt, als würde es jeden Moment reißen. Das Seil reißt nicht. Das Seil ist in seinem Kopf. Der Pfeifton in der Burchardi Kirche zu Halberstadt erzeugt das Seil in seinem Kopf.
Fünf Wochen später steht er am Rand der Plattform auf der Brücke über den Sambesi, holt Luft, breitet die Arme aus, spürt den leichten Stoß im Rücken und beginnt seinen Flug.
In dem Video, das Erins Flug und Sturz in den Sambesi zeigt, knapp neun Jahre, nachdem die Orgel in Halberstadt ihren ersten Ton hervorgebracht hat, ertönt ebenfalls ein Pfeifton. Man sieht, wie das Seil nach etwa neunzig Metern reißt und Erin die letzten zwanzig Meter in den Fluss stürzt, ein Stück des gerissenen Seils an ihren Beinen hinter sich herziehend. Das Seil reißt, die Leute auf der Brücke schreien. Der Pfeifton löscht einige der Schreie. Auf einem anderen Video fehlt der Pfeifton. Die Leute schreien Fuck.
Fuck
Fuck
Fuck
Erin stürzt in den Fluss. Über den Wasserfällen wölben sich Regenbögen in der Gischt. Seit Jahrtausenden zerlegen Myriaden von Wassertröpfchen das Licht in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Wenn am 5. September 2640 die Sonne scheint, werden Regenbögen über den Victoria Fällen stehen. Auch Livingstone hat die Regenbögen gesehen, nachdem er 1855 als erster Europäer zu den Wasserfällen vorgedrungen war. Er bezeichnete sie nach der britischen Königin als Victoria Falls.
Ein paar Wochen vor seinem Sprung in den Sambesi steht Alexander Lerch in der Kirche in Halberstadt und hört den Pfeifton, der das Seil in seinem Kopf zum Zerreißen spannt. An den Wänden der Kirche hängen Stiftertafeln. Für eine Spende von tausend Euro kann man einen Text festlegen, den Text in eine Metalltafel gravieren und die Tafel an die Wand der Kirche hängen lassen. Gesetzt den Fall, das Jahr ist noch frei. Für jedes Jahr gibt es nur eine Tafel. Alexander Lerch hat Glück. Das Jahr, auf das es ihm ankommt, ist noch frei: 2017. Er bucht das Jahr, entrichtet die Spende und legt den Text fest: Es wird einmal gewesen sein.
Eines Tages wird alles einmal gewesen sein. Als Erin am 8. Januar 2012 erst in den Sambesi springt, Einundzwanzig, Einundzwanzig, Einundzwanzig, und dann in den Sambesi stürzt, Fuck, Fuck, Fuck, lebt Alexander nicht mehr. Das Seil zieht ihn nach seinem Sprung wieder hinauf zur Plattform an der Brücke. Hätte es jemand gefilmt, würde es beinahe aussehen wie ein Rücksprung in Zeitlupe. Und wenn jemand die Sequenz, die, falls jemand gefilmt hätte, zeigen würde, wie er am Ende des Seils zur Brücke hinauf gezogen wird – wenn jemand diese Sequenz umgekehrt und etwas schneller abgespielen würde, sähe es so aus, als hätte jemand gefilmt, wie Alexander Lerch am Anfang eines Seils hinunter in den Sambesi springt.
Erin wird nicht vom Seil nach oben gezogen. Sie wird den Stromschnellen zugetrieben. Sie ist durch den Aufprall ohnmächtig geworden.
Ich weiß nicht, woran Alexander gestorben ist. Der Pfeifton in der Kirche in Halberstadt ist in seinem Kopf. Alexander ist in meinem Kopf. Es war einmal. Es wird einmal gewesen sein.
Die Tafel ist nicht in meinem Kopf. Sie hängt an der Wand in der Kirche in Halberstadt. Sie hängt am Platz für das Jahr 2017. Ich habe die Spende entrichtet und den Text festgelegt. Es waren nicht mehr viele Jahre im 21sten Jahrhundert frei. Aber ausgerechnet das Jahr, auf das es mir ankam, gehörte zu den wenigen noch freien Jahren: 2017. Inzwischen ist nur noch ein Jahr des 21sten Jahrhunderts frei: 2096. Das nächste freie Jahr ist 2101. Im 22sten Jahrhundert nimmt die Zahl der freien Jahre langsam zu. Je weiter weg die Zukunft ist, desto größer werden die Leerstellen zwischen den Jahren, für die schon eine Tafel hängt.
Wie lange dauern zwanzig Milliarden Sekunden?
Wie lange dauern zwanzigtausend Zeichen, Leerzeichen mitgezählt?
WennderTextkeineLeerzeichenhätte,wäreernurlangsamzulesen,nichtsolang
samwiemöglich,abervielzulangsam.DieStellen,andenennichtssteht,struktu
rierendenText.SiegebenihmnichtseinenSinn,abersiestrukturierenihn.Die
Momente,indenennichtsgeschieht,strukturierendasLeben.DieLeerstellen
ZwischendenWortenundzwischendenMomentenstrukturierendenTextund
dasLeben.AberesgibtkeineMomente,indenennichtsgeschieht.Esgeschieht
nichtnichts,wenndasSeilreißt.InderZeit,dieesdauert,dreimalFuckzusagen,
kannsichallesverändern.Alles.NachdemletztenFuckprallstDuaufdasWasser
desSambesi,wirsteinenMomentohnmächtig,kommstwiederzuDir.Das
WasserpacktDichundtreibtDichdenStromschnellenentgegen.
Das Wasser packt Erin und treibt sie den Stromschnellen entgegen. Auf dem Video kann man sie nicht mehr erkennen. Man sieht nur das Seil, das sie an ihren Beinen hinter sich herzieht, während sie auf die Stromschnellen zugetrieben wird. Im letzten Teil des Videos erzählt sie, was dann geschehen ist.
Das Geld für die Spende für die Tafel in der Kirche in Halberstadt, auf der „Es wird einmal gewesen sein“ eingraviert ist, stammt vom Honorar für einen Text, in dem ich erzähle, wie Alexander Lerch in der Kirche in Halberstadt steht und der Orgel beim Wachsen zuhört. Die Orgel wächst so langsam wie möglich. Das Orgelstück von John Cage wird 639 Jahre dauern. Jedesmal, wenn ein neuer Ton dazu kommt, kommt auch eine neue Pfeife dazu. Die Orgel wächst mit dem Stück, das sie hervorbringt. Wenn das Stück vorbei ist, wenn es einmal gewesen sein wird nach dem Verklingen des letzten Tons am 5. September 2640, werden es über sechshundertvierzig Pfeifen sein. Im Sockel des Gestells mit den Orgelpfeifen hängen kleine, weiße Säckchen und halten mit ihrem Gewicht die Tasten des Manuals nieder, damit ein elektrisch betriebener Blasebalg Luft durch die Pfeifen drücken, den Ton halten und das Seil spannen kann.
Alexander springt in den Sambesi. Das Seil reißt nicht und zieht ihn wieder nach oben. Zehn Meter unterhalb der Plattform breitet er die Arme aus. Der Text, in dem Alexander von einer Brücke hinunter zum Sambesi springt, mit dem Kopf kurz in das Wasser des Stromes taucht und dann wieder nach oben gezogen wird, hat rund zwanzigtausend Zeichen. Er wurde am Karfreitag des Jahres 2007 im Radio gesendet. Ein Schauspieler hat den Text gesprochen. Die Sendung dauerte rund sechsundzwanzig Minuten. Am Ende der Geschichte baumelt Alexander Lerch leblos am Seil, das ihn zu der Absprungplattform empor zieht. Aber dann, zehn Meter bevor er die Plattform erreicht, breitet er die Arme aus.
Als Erins Seil reißt, breitet sie nicht die Arme aus. Fuck. Pfeifton. Sie stürzt aus zwanzig Metern Höhe in den Fluss, Fuck, Pfeifton, und wird ohnmächtig. Das Video, auf dem ihr Sturz zu sehen ist, zeigt auch ein kurzes Interview mit ihr. Sie erzählt, wie sie ohnmächtig wurde, wieder zu sich kam und nach dem Seil tauchte, während sie auf die Stromschnellen zutrieb. Sie musste versuchen, das Seil von ihren Beinen zu lösen.
Du ertrinkst, wenn es dir nicht gelingt, das Seil zu lösen. Oder du wirst in die Stromschnellen hinein gezogen und an einem Felsen zerschmettert.
Als ich feststellte, dass in der Kirche in Halberstadt das Jahr 2017 noch frei war, schrieb ich einen Text, in dem Alexander Lerch in der Burchardi Kirche den ersten Ton am Anfang des längsten und langsamsten Musikstückes aller Zeiten hört. Die Orgel hat siebzehn Monate lang Luft geholt, jetzt erklingt der erste Ton. Der Text, in dem für das Jahr 2017 eine Tafel mit der Inschrift „Es wird einmal gewesen sein“ gestiftet wird, die nun in der Burchardi Kirche hängt, weil ich vom Honorar für diesen Text für das Jahr 2017 eine Tafel mit der Inschrift „Es wird einmal gewesen sein“ stiften konnte – in diesem Text wird erzählt, wie sich der Pfeifton durch die Kirche spannt, wie er sich in Alexanders Kopf spannt, wie sich das Seil an seinen Füßen spannt, wie sein Kopf in den weißen Schaum auf der Wasseroberfläche des Sambesi taucht, wie er von dem Gummiseil, das seine höchste Dehnung erreicht hat und nicht gerissen ist, wieder nach oben gezogen wird, bevor sein Gewicht den Zug überwiegt und er noch einmal nach unten stürzt, langsamer diesmal und nicht mehr so tief. Während sein Körper sich auspendelt, wird die Winde in Bewegung gesetzt, und er wird nach oben gezogen.
Ich bin nicht selbst in den Sambesi gesprungen, Einundzwanzig, Einundzwanzig, Einundzwanzig, bevor ich im Januar 2007 den Text über Alexanders Sprung in den Sambesi schrieb, fünf Jahre vor Erins Sprung in den Sambesi. Ich habe mir Videos von Sprüngen angesehen, die meisten gefilmt von der Plattform aus, von der gesprungen wird. Nachdem bei Erins Sprung am 8. Januar 2012 das Seil gerissen und Erin in den Fluss gestürzt ist, hat jemand vom sambischen Touristikministerium erklärt, es habe bisher rund fünfzigtausend Sprünge gegeben.
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Dann reißt das Seil.
Ich habe mir Videos von Erins Sprung angesehen. Fuck. Pfeifton. Videos mit Pfeifton. Videos ohne Pfeifton. Videos mit Interview. Videos ohne Interview.
Es gelingt Erin, das Seil zu lösen, während sie auf die Stromschnellen zutreibt. Auf den weißen Katarakt des Todes. Das denkt Erin aber nicht. Das sagt Erin auch nicht im Interview. So etwas denkt man nicht, wenn man aus einhundertzehn Metern Höhe hinunter zum Sambesi gesprungen ist, wenn zwanzig Meter über dem Fluss das Seil gerissen ist und man den Stromschnellen entgegen treibt, die Beine gefesselt vom Rest des Seils. So etwas sagt man nicht, nachdem es einem gelungen ist, das Seil von den Beinen zu lösen, gegen den Strom zu schwimmen und das Leben zu retten.
Der weiße Katarakt des Todes.
Das hat Flaubert irgendwo geschrieben: Wir treiben alle auf den weißen Katarakt des Todes zu. Erin treibt auf die Stromschnellen zu. Die Regenbögen stehen über den Fällen. Sie erscheinen an Sonnentagen jeden Morgen als schimmernde Halbkreise, flachen unter dem Aufstieg der Sonne ab, strecken sich dem Mittag entgegen, werden im Lauf des Nachmittags wieder steiler, bis sie abends erneut die Form von Halbkreisen annehmen und in der Dämmerung verschwinden. Livingstone hat sie schon so gesehen, als er zu den Fällen vordrang. Erin treibt auf die Stromschnellen und den weißen Katarakt des Todes zu. Weiter oben am Fluss stehen die Regenbögen über den Fällen. Es gelingt ihr, das Seil zu lösen und sich irgendwie an einen Felsen zu klammern.
In einem der Videos zeigt sie die Prellungen, die sie am Rücken und an den Armen erlitten hat. Sie sieht furchtbar aus, der Rücken ist blau, grün und gelb marmoriert, an den Armen hat sie rote Schrammen.
In der Gischt über den Fällen stehen die Regenbögen. Seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden zerlegen Myriaden von Wassertröpfchen die Lichtstrahlen der Sonne in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett.
Erins Gesicht ist unverletzt. Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt. Das Seil ist gerissen, aber es ist ihr gelungen, sich von dem abgerissenen Stück zu befreien und sich irgendwie an einem Felsen fest zu klammern.
Alexander Lerch wäre im Jahr 2017 sechzig Jahre alt geworden. Vielleicht hat er deshalb in meinem Text die Tafel gestiftet. Vielleicht habe ich deshalb in der Kirche die Tafel gestiftet. Die Jahreszahlen laufen chronologisch an den Innenwänden des Baus entlang. Burchardi ist schon lange keine Kirche mehr. Seit der Säkularisierung durch Napoleon vor rund zweihundert Jahren hat dort kein Gottesdienst mehr stattgefunden. Es gibt keine Bänke, keine Bilder, keine Altäre. Nur den leeren Raum. Und seit 2001 die Orgel. Sie wächst und füllt mit der Zeit den Raum, Ton um Ton, Akkord um Akkord, Pfeife um Pfeife. Immer mehr weiße Säckchen werden an die Manuale gehängt, um die Tasten nieder zu drücken, damit Luft durch die Pfeifen gedrückt werden kann.
Die Ursprünge der Kirche gehen ins Jahr 1036 zurück. In diesem Jahr legt Bischof Burchardi den Grundstein einer Kapelle. Nach seinem Sturz in den weißen Katarakt des Todes wird der Bischof im Dom zu Halberstadt begraben. Der Dom brennt 1060 ab, die Gebeine werden in die Kapelle umgebettet, zu der er den Grundstein gelegt hat. Anderthalb Jahrhunderte später errichten Zisterziensernonnen an der Stelle ein Kloster, die Kapelle wird zur Kirche ausgebaut und St. Burchardi genannt. Weitere anderthalb Jahrhunderte später, 1361, wird im längst wieder aufgebauten Dom zu Halberstadt die erste liturgische Orgel in Betrieb genommen. Weitere fünfeinhalb Jahrhunderte später wird am 5. September 1912 John Cage geboren.
Es wird einmal gewesen sein.
Vom Jahr 1361 bis zum Jahr 2000 hat es 639 Jahre gedauert. Deshalb dauert Organ2/ASLSP 639 Jahre. So langsam wie möglich. Das Stück beginnt am 5. September 2001, dem Tag, an dem John Cage neunundachtzig Jahre alt geworden wäre, und endet am 5. September 2640. Das Stück sollte ursprünglich am 5. September 2000 beginnen. Das war die Zeitachse, von der aus zurück gerechnet wurde ins Jahr der Installierung der ersten Orgel für liturgische Zwecke im Halberstädter Dom. Und von der aus mit dem Zeitsprung in die Zukunft begonnen werden sollte. Von der aus das tönerne Seil in die Zukunft gespannt werden sollte, immer dicker werdend, immer straffer, bis zum Zerreißen, bis es nach zwanzig Milliarden Sekunden tatsächlich zerreißen und Stille einkehren würde in den Kirchenbau mit einem stummen Orgelgebirge aus sechshundervierzig Pfeifen.
Erin steht am Rand der Plattform auf der Brücke über den Sambesi und breitet die Arme aus. Sie bekommt einen leichten Stoß in den Rücken. Ihre Fersen heben sich. Für einen winzigen Moment, der zu kurz ist, um „Einundzwanzig“ zu sagen, Fuck, steht sie auf ihren Zehen. Dann fliegt sie ihrem Sturz entgegen.
Wenn es gekommen wäre wie ausgerechnet, hätte Organ2/ASLSP am 5. September 2000 begonnen und bis zum 5. September 2639 gedauert. Rund zwanzig Milliarden Sekunden. Man hatte die Rechnung ohne die Versicherung gemacht. Kein Unternehmen wollte zwanzig Milliarden Sekunden versichern.
Fuck.
Dann fand sich doch ein Unternehmen, das es wagte, zwanzig Milliarden Sekunden zu versichern und das Projekt vor dem Scheitern zu bewahren. Deshalb begann Organ2/ASLSP um ein Jahr verzögert am 5. Sepember 2001.
Sechs Tage später sprangen in der Stadt, in der gut neun Jahre zuvor John Cage gestorben war, Menschen in den Tod. Der weiße Katarakt des Todes war ein glutroter Feuerball. Aus jedem Hochhaus schlugen die Flammen, quoll schwarz der Rauch. Menschen sprangen aus den Fenstern und stürzten in die Tiefe. Man sah es im Fernsehen. Wieder und wieder. Die Menschen sahen aus wie kleine Punkte. Die kleinen Punkte lösten sich von der Fassade und sausten in die Tiefe. Aus dem Off ertönten Schreie. „Oh my God, my God.“ Kein Pfeifton.
Zehn Jahre danach werden die Bilder erneut gezeigt. Wieder und wieder. Am 11. September 2011 lösen sich auf den Bildschirmen kleine Punkte von der Fassade und sausen in die Tiefe. Aus den beiden Türmen schlagen die Flammen und quillt schwarzer Rauch, erst aus dem einen, dann aus dem anderen. Dann stürzt der eine Turm in sich zusammen, dann der andere. Bevor die Türme einstürzen, springen Menschen aus den Fenstern, um sich vor dem Feuer zu retten.
Der weiße Katarakt des Todes.
Kleine Pünktchen sausen vor den Fassaden in die Tiefe.
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Oh my God, my God
Erin liegt auf dem Rücken auf dem Felsen. Sie konnte sich vom Seil befreien und an einem Felsen festklammern. Retter ziehen sie auf den Felsen. Sie ist den Stromschnellen entronnen, dem weißen Katarakt des Todes. Jetzt liegt sie auf dem Rücken und ertrinkt. Der weiße Katarakt ist in ihrer Brust. Sie kann nicht atmen. Sie muss das Wasser aushusten, das ihr der Sambesi durch die Luftrühre in die Lungen gepresst hat. Kein Pfeifton. Die Retter haben sie den Felsen hinauf gezogen und auf den Rücken gelegt. Sie ist neunzig Meter in die Tiefe gesprungen, sie ist zwanzig Meter in die Tiefe gestürzt, sie ist ohmächtig den Stromschnellen entgegen getrieben, sie ist zu sich gekommen, hat sich vom Rest des abgerissenen Seils um ihre Beine befreit und sich an einen Felsen geklammert. Jetzt liegt sie auf dem Felsen und erstickt.
SiekannjedenMomentwiederohnmächtigwerden.WennsiedasBewusstsein
verliert,wirdsieimSambesiinihrerLungeertrinken.
Du musst dich auf die Seite drehen und das Wasser aushusten. Du hast nicht mehr viel Zeit, Einundzwanzig, um dich auf die Seite zu drehen, bevor du ohnmächtig wirst, auf dem Rücken liegen bleibst und erstickst.
Sie schafft es. Im Video-Interview erzählt sie, wie es ihr mit letzter Kraft im allerletzten Moment gelungen ist, sich auf die Seite zu drehen und das Wasser auszuhusten. Und das Blut. "Blood and water", sagt sie, und lächelt.
An einem hoffentlich schönen Junitag im Jahr 2017 werde ich vor die Tafel treten. Wenn nicht vorher das Seil reißt.
Fuck.
Kein Pfeifton.
Es wird mein sechzigster Geburtstag sein. Sechzig Jahre sind etwas weniger als zwei Milliarden Sekunden.
DieserTexthatrundzwanzigtausendZeichen,Leerstellenmitgerechnet.
Ich speichere den Text. Auf der Homepage der Burchardi Kirche in Halberstadt werden die Sekunden gezählt. In der Sekunde, Einundzwanzig, in der ich rund zwanzigtausend Zeichen abspeichere, sind von den rund zwanzig Milliarden Sekunden, die Organ2/ASLSP insgesamt dauert, so viele vergangen, dass es jetzt noch 19.907.632.874 Sekunden dauert.
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Einundzwanzig
Erzählung zur Erzählung
Zeitsprünge wurde ausgelöst durch das Youtube-Video, das den Sturz der jungen Australierin in den Sambesi zeigt. Als ich das Video anschaute, war natürlich sofort die Verknüpfung mit meiner Auferstehungsgeschichte da. Ich schrieb die Geschichte wenige Tage nach Erins Sturz und reichte sie Ende Januar 2012 zum Wettbewerb Literarischer Essay der Leipziger Literaturzeitschrift Edit ein. Sie erhielt den dritten Preis und ist in der 59ten Edit-Ausgabe abgedruckt. Die "Referenzgeschichte" Auferstehung wurde, wie in Zeitsprünge erzählt, im Radio gesendet. Sie ist auch in der Anthologie Satzschippen (weissbooks) abgedruckt. Von Zeitsprünge gibt es ebenfalls eine Radioproduktion.
Auferstehung
Wie lange dauern drei Sekunden? Ein paar Wimpernschläge und eine Ewigkeit. Der Reiseschriftsteller Alexander Lerch springt von der Stahlbrücke, die über die Schlucht des Sambesi gespannt ist und Zimbabwe mit Sambia verbindet, einhundertdreißig Meter in die Tiefe. Nach dem Absprung vergehen drei Sekunden bis Alexanders Kopf in den weißen Schaum des Stromes taucht. In derselben Zeit stürzen weiter oben am Flusslauf zwanzig Millionen Liter Wasser auf einer Breite von 1700 Metern in die Sambesi-Schlucht. Die Gischt über den Wasserfällen ist kilometerweit zu sehen. An diesigen Tagen bedeckt sie wie Nebel die Felsenschlucht und verhüllt den donnernden Abgrund. An Sonnentagen strahlt die schäumende Hölle in blendendem Weiß. Regenbögen stehen über den Fällen. Seit Jahrhunderten, Jahrtausenden zerlegen Myriaden von Wassertröpfchen das Licht in Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau und Violett. Die Regenbögen erscheinen früh morgens als schimmernde Halbkreise, flachen im Aufstieg der Sonne ab, strecken sich dem Mittag entgegen, werden im Lauf des Nachmittags wieder steiler bis sie abends erneut die Form von Halbkreisen annehmen und in der Dämmerung verschwinden.
Alexander wusste, dass man auf der sambischen Seite des Stroms nur den kleineren Teil der Viktoriafälle überschauen konnte und zudem gegen die Sonne blicken musste. Auf der Seite von Zimbabwe hingegen blickte man mit der Sonne und hatte an günstigen Standorten freie Sicht auf zwei Drittel der Schlucht. Alexander verbrachte ein paar Tage in Vic Falls Town in Zim, wie die Leute hier sagten, und bewanderte den Naturschutzpark um die Fälle bevor er sich auf den Weg zur Brücke machte.
Die kleine Stadt war, wie Livingstone Town auf der sambischen Seite, ganz den Touristen preisgegeben. Die meisten kosteten einfach ihren Urlaub aus, sammelten Erlebnisse, die sie mit ihren Kameras festhalten und in Erinnerungen verwandeln zu können glaubten, und fuhren wieder nach Hause. Aber es trieben sich auch Leute herum, die sich für gewiefte Abenteurer hielten, weil sie nicht nur zwei, drei Wochen unterwegs waren, sondern monatelang ihre Rucksäcke durch Weltgegenden schleppten, mit denen sie nichts verband außer der Tatsache, dass sie zufälligerweise dort waren und jederzeit wieder weg konnten.
Alexander gelang es nicht, die Verachtung, die sich hinter seiner Stirn ausbreitete, zu unterdrücken, obwohl er spürte, dass dieses Gefühl etwas Tückisches hatte und sich jederzeit gegen ihn selbst wenden konnte. Reiste er wirklich so viel anders als die Abenteurer? Was unterschied ihn denn von diesen Menschen, einmal abgesehen davon, dass er nicht nur ein paar Monate unterwegs war, sondern sein gesamtes Erwachsenenleben? Lag der Unterschied in den Reportagen, die zusammen mit seinen Fotos in Zeitungen und Magazinen veröffentlicht wurden? Oder in den Büchern, die aus diesen Reportagen hervorgingen? Das Reisen war sein Beruf, allerdings, keine Erholung wie bei den Urlaubern, auch keine von vornherein begrenzte Flucht aus dem normalen Alltagstrott wie bei denjenigen, die das Abenteuer suchten. Seine Reisen waren sein Leben, und ohne seine Reisen war sein Leben nichts. Um so schlimmer für ihn! Anders als die Urlauber und Abenteurer besaß er kein wirkliches Zuhause. Er lebte allein und hatte immer allein gelebt. Seine Wohnung in Hamburg war nur ein mit Karten, Atlanten und Ausrüstungsgegenständen vollgestopftes Basislager, Station zwischen den Ausfahrten, nichts weiter als ein zufälliger Ort, an dem er seine Reportagen niederschrieb, und von dem er jederzeit wieder weg konnte.
Um die Herablassung in seinem Kopf zu verbergen, von der er sich auf merkwürdige Weise bedrückt fühlte, bediente er sich bei den Unterhaltungen in Vic Falls Town eines alten Tricks, zu dem er seit Jahren Zuflucht nahm, wenn er nicht als Reiseschriftsteller, sondern als Tourist unter Touristen wahrgenommen werden wollte. Er schlüpfte in die Haut des Menschen, den er am besten kannte und der ihm am nächsten war, in die Haut seiner Zwillingsschwester Alexandra. Das machte die Maskerade sehr einfach. Er blieb bei seinem Vornamen, adaptierte ihr Leben, phantasierte es in eine männliche Variante um und vermischte es mit Zügen seines eigenen. Auf diese Weise wurde er in der Vorstellung seiner Gesprächspartner zu einem Geographielehrer, kinderlos, alleinstehend. Alexandra unterrichtete Geographie und Sport an einer gymnasialen Oberstufe, hatte zwei erwachsene Söhne und war glücklich verheiratet. Er fand es praktischer – in der Selbsterfindung wie im wirklichen Leben – auf eine Familie zu verzichten. Aber auf seiner Schwester beharrte er auch in der verfälschten Fassung seiner Biographie. Er verwandelte sie in eine bekannte Reiseautorin mit einer ganzen Reihe von Büchern, darunter Die großen Ströme, Eine Fahrt ins Blaue und Sieben Reisen in die Stille.
Kein einziges Mal in all den Jahren, in denen er seine Verwechslungskomödie inszeniert hatte, war er auf jemanden gestoßen, der eines dieser Bücher kannte und wusste, dass es nicht von einer Frau, sondern von einem Mann geschrieben war. Mit diesen kleinen Enttäuschungen, die ihn Mal um Mal mit den Grenzen des Bekanntheitsgrades des Schriftstellers Alexander Lerch konfrontierten, büßte er das Spiel mit seiner Identität.
Hin und wieder kam er in den Bars von Vic Falls Town mit einigen der jungen, englisch sprechenden Einheimischen ins Gespräch, die den Europäern und Amerikanern zu den ersehnten Kicks verhalfen. Sie steuerten die Boote, in denen die Touristen, mit Schwimmwesten umgürtet, durch die Stromschnellen unterhalb der Fälle schossen. Oder sie organisierten die Helikopterflüge, die man an sonnigen Tagen für hundert Dollar pro Person und Stunde buchen konnte. Alexander hatte einmal aus der Ferne gesehen, wie Hubschrauber über den Wasserfällen hingen, winzig wie Libellen über dem weißschäumenden Donner. Selbst die Motorengeräusche wurden von diesem Donner verschluckt. Wenn die Hubschrauber durch einen Regenbogen flogen, zerstäubten die Rotorblätter die Wassertropfen und mit ihnen die Farben, aber schon kurze Zeit später schimmerte der Bogen wieder unversehrt, wie seit je her. Auch Livingstone, der im Jahr 1855 als erster Europäer bis zu den Wasserfällen vorgedrungen war und sie nach der britischen Königin als Victoria Falls bezeichnet hatte, musste die Regenbögen schon auf die gleiche Weise gesehen haben.
Am Morgen des festgesetzten Tages ließ er sich von einem der Einheimischen, mit denen er in den Bars Bekanntschaft geschlossen hatte, zur Brücke fahren. Der junge Mann raste lachend mit einer Hand am Steuer die Straße entlang als lenke er ein Rafting Boot durch die Stromschnellen. Alexander ergab sich in sein Schicksal und konzentrierte sich auf das schabende Geräusch, mit dem hinten auf der Ladefläche des klapprigen Toyota ein riesiges, in Kreise gelegtes Seil hin und her rutschte. Sein fröhlicher Chauffeur erzählte ihm, Livingstone habe über die Wasserfälle gesagt, ihr Anblick würde selbst Engel im Flug erstaunen.
Das alles ist im Moment des Sprungs vergessen. Alexander hat in den drei Sekunden, die ihm bleiben, keine Zeit zum Staunen. Nicht über den Sambesi, nicht über sich selbst. Es läuft auch kein Lebensfilm vor ihm ab in Blitzgeschwindigkeit, nur die Felswände der Schlucht zischen am Rand seines Sehfeldes vorbei. Er fällt aus sich heraus, stürzt, ohne den eigenen Schrei zu hören, dem brodelnden Strom entgegen. Er hat gerade genug Zeit, die Arme auszubreiten.
Sechs Wochen zuvor stand er in einem alten Kirchenbau in Halberstadt und dachte darüber nach, wohin er reisen würde, wenn er wüsste, dass mit dem Ende dieser Reise auch sein Leben zu Ende gehen würde. In seinen Reportagen achtete er stets darauf, den uralten Vergleich des Lebens mit einer Reise zu vermeiden, obwohl ihm von den Redakteuren dieser Vergleich immer wieder abgefordert wurde. Eine Flussfahrt von der Mündung bis zur Quelle stellten sie sich automatisch als Suche nach dem eigenen Ursprung vor. Dabei kam es beim Reisen doch vor allem darauf an, jedenfalls wenn man kein Tourist oder Abenteurer war, sich vom eigenen Ursprung möglichst weit zu entfernen, aus der schmalen Tür des Ichs zu treten und fort zu gehen.
Die Frage nach seiner letzten Reise war ihm von Alexandra ein paar Tage vor seiner Fahrt nach Halberstadt gestellt worden, und er hatte sich zunächst ein wenig lustig darüber gemacht. Für ein Reisejournal musste er einmal einen dieser Fragekataloge ausfüllen, in denen es um die Helden der Kindheit, die liebste Romanfigur, die größte historische Tat und den innigsten Wunsch für die Menschheit ging. Natürlich gab es auch eine Spalte für das Buch, das er mit auf die einsame Insel nehmen würde. Und natürlich trug er Die Bibel in die Spalte ein. Fast alle an dieser Umfrage Beteiligten gaben vor, für die einsame Insel die Bibel zu wählen. Seltsam nur, dass auf dem Festland des Lebens nur wenige in diesem Buch lasen, offenbar hoben es sich alle für eine Gelegenheit auf, von der sie wussten, dass sie niemals kommen würde; und er bildete keine Ausnahme. In einer anderen Spalte war nach der letzten Reise gefragt worden. Seine Antwort hatte gelautet: Eine Fahrt zum Mond. Das sagte er lachend auch zu Alexandra: Ich würde eine Reise zum Mond wählen, um die Erde vom Himmel aus zu betrachten. Man sagt, von dort oben wären Abschnitte der chinesischen Mauer zu erkennen, und neuerdings auch die Hochhäuser von Dubai.
Er saß ihr am Küchentisch gegenüber, vor sich ein Stück ihres herrlichen Apfelkuchens, und sah bestürzt die Tränen in ihre Augen treten. Ich werde bald die Erde vom Himmel aus sehen, meinte sie, und er wurde bleich bis in die Lippen, als er begriff, dass etwas Furchtbares mit ihr vorging. Er stand auf, trat hinter ihren Stuhl und umschlang sie mit den Armen, bis sie aufhörte zu weinen. Alexander hatte viel näher am Wasser gebaut als Alexandra. Das pflegte ihre Mutter immer zu sagen. Wie verschieden empfindlich Zwillinge sein können, und ausgerechnet der Junge ist so zart besaitet. Dass er seine Schwester zuletzt hatte weinen sehen, selbst mit den Tränen kämpfend, lag schon Jahre zurück. Sie standen am offenen Grab, und die Trauergäste warfen Erde auf ein Blumengebinde, das den Sarg mit dem vom Krebs ausgezehrten Leichnam der Mutter schmückte.
Nachdem Alexandra sich beruhigt hatte setzte er sich wieder hin, schob den Teller mit dem angegessenen Apfelkuchen von sich und wartete. Sie brauchte ein, zwei Minuten, um sich zu sammeln. Dann sagte sie, auf einmal ganz nüchtern, sie habe einen Gehirntumor. Die Ärzte fürchteten, er lasse sich nicht operieren, aber das stand noch nicht endgültig fest. Wenn er sich nicht operieren lasse, hätte sie noch zwei Jahre, schätzten die Ärzte, vielleicht etwas weniger, vielleicht etwas mehr. Sie sah ihn an und schwieg. Wieder traten ihr Tränen in die Augen. Alexanders Unterlippe begann zu zittern. Nach einer Weile wiederholte Alexandra ihre Frage: „Wohin würdest du deine letzte Reise machen?“
Alexander stand in Querhaus einer beinahe tausend Jahre alten, aber seit zwei Jahrhunderten nicht mehr für Gottesdienste benutzten Kirche in Halberstadt, starrte auf sechs Orgelpfeifen in einem seltsamen Gestell und lauschte dem Dauerton, der das leere, altarlose Gebäude durchzog. Er dachte über seine letzte Reise nach. Was würde er tun, wenn er an Alexandras Stelle wäre? Er wusste es nicht. Er war nicht an Alexandras Stelle. Es machte ihn fassungslos, dass er sich nicht in ihre Lage versetzen konnte, obwohl sie seine Zwillingsschwester und ihm der liebste und vertrauteste Mensch auf Erden war. Das Mitleid zerriss ihm das Herz. Und der Zorn darüber, dass sie sterben würde, nicht irgendwann – wann ist schon irgendwann? –, sondern in zwei Jahren oder etwas früher oder etwas später, schnürte ihm die Kehle zu. Aber er konnte sich nicht in ihre Lage versetzen, nicht wirklich, mit Haut und Haar und Leib und Seele. Es war kein individuelles Unvermögen, das spürte er, nichts, an dem er etwas würde ändern können, wenn er sich nur richtig anstrengte. Auch wenn er noch so viel nachdachte, niemals würde er das Hindernis überwinden, das ihn vom Verstehen des Todes trennte, mochte ihm der Tod auch so nahe kommen, wie es näher nicht möglich war, ohne ihn umzubringen. Das Hindernis war sein Körper. Die einfache, banale Lebenstatsache, dass ununterbrochen das Herz in seinem Körpers schlug, hinderte ihn daran, zu begreifen, was es heißt, zu sterben: auf der Stelle, nach dem nächsten Wimpernschlag, in drei Sekunden.
Wie lange dauern zwanzig Milliarden Sekunden? Im Sockel des Gestells mit den Orgelpfeifen in dem turmlosen romanischen Kirchenbau hingen drei kleine, weiße Säckchen und hielten mit ihrem Gewicht die Tasten nieder, damit ein elektrisch betriebener Blasebalg ohne Unterbrechung Luft durch die Pfeifen drücken und den E-Dur-Akkord hervorbringen konnte, der wie ein Klangbogen im Kirchenschiff stand. Das Stück, das gespielt wurde, stammte von dem 1992 gestorbenen Komponisten John Cage und trug den Titel As Slow As Possible-So langsam wie möglich. Es war bei seiner Uraufführung neunundzwanzig Minuten lang gewesen und sollte in St. Burchardi in Halberstadt 639 Jahre dauern, rund zwanzig Milliarden Sekunden.
Alexander verdankte den Auftrag, eine Reportage über die längste Musikaufführung aller Zeiten zu schreiben, dem Redakteur einer Illustrierten, der von den Sieben Reisen in die Stille schwärmte. Mit Stille hatte das Orgelstück begonnen: Siebzehn Monate lief nur leise surrend das Gebläse, bis die ersten drei Säckchen ans Manual gehängt worden waren und der erste Akkord ertönte. Es würde siebzehn weitere Monate dauern bis der nächste dazu kam.
Würde Alexandras Zukunft dann schon abgeschlossen sein? Würde die Zahl der Herzschläge und Atemzüge, die Alexander mehr hatte als sie, unaufhaltsam größer und größer werden?
Durch die Pfeifen der Orgel würde Jahre und Jahrzehnte, nahezu sechseinhalb Jahrhunderte lang Luft strömen, und die Anzahl der Pfeifen würde stetig zunehmen bis zur Vollendung des Stücks, das mit der Vollendung der Orgel zusammenfiel, von der es hervorgebracht wurde. Über sechshundert Pfeifen sollten es einmal sein, die kleinste kurz wie ein Finger, die größte hoch wie drei Mann. Jeder Akkord würde einundsiebzig Jahre lang gespielt werden, aber eines Tages, am 5. September des Jahres 2639 würde, falls es St. Burchardi, Halberstadt und die Menschheit dann noch gab, auch dieses Stück sein Ende finden und die letzten drei Sekunden des letzten Akkords verklingen.
Viele Menschen würden bis dahin geboren werden, gelebt haben, gestorben und vergessen sein. Staaten würden zerfallen, neue sich bilden. Und die ersten Jahre des 21sten Jahrhunderts würden für die Menschen, die gegen Mitte des 27sten Jahrhunderts an Alexanders Stelle stehen und dem letzten Ton dieses uralten Musikstückes zuhören würden, so ungeheuer weit weg sein wie für ihn das Mittelalter.
War das ein Trost? Das hing allein von der Auferstehung ab. Wenn es eine Auferstehung gab, mochte sie auch eine Ewigkeit auf sich warten lassen, wenn es sie nur gab, dann war es ein Trost. Alexander konnte nicht an die Auferstehung glauben, und er wusste, dass es Alexandra ebenso ging. Es war kein Trost.
An einer der Kirchenwände hingen Tafeln mit Jahresangaben und Inschriften. Für eine Spende von Tausend Euro, die dem Weiterbau der Orgel zugute kam, konnte man sich ein Jahr aussuchen, das noch nicht vergeben war, und eine Tafel mit dieser Jahreszahl und einer selbstgewählten Inschrift in der Kirche anbringen lassen. Von den nächsten Jahren war fast keines mehr frei. Aber schon in der näheren Zukunft, gegen Ende des Jahrhunderts, wenn von den heutigen Menschen allenfalls noch ein paar uralt gewordene Neugeborene leben würden, waren viele Jahre noch unbesetzt. Und in der Ferne der Zeit tat sich die Leere auf. Was soll man auf die Tafeln der Zukunft schreiben?
Als Alexander die Reihe der Jahre abschritt, bemerkte er, dass für 2017 die Tafel noch fehlte, obwohl es bis dahin und auch in den ersten dreißig Jahren danach kaum noch Lücken gab. Was für ein seltsamer Zufall. 2017 würden er und Alexandra ihren 60sten Geburtstag feiern. Und wie sie ihn feiern würden! Sie darf nicht sterben. Mit klopfendem Herzen eilte Alexander ins Büro der Organisatoren, fürchtend, es könne ihm jemand in letzter Sekunde zuvorkommen. Das Jahr 2017 war tatsächlich noch frei. Er ließ sich die Tafel reservieren und hinterlegte den Text:
„Es wird einmal gewesen sein.“
Die Frau im Büro war für einen Moment irritiert, dann lächelte sie: „Vielleicht fangen so die Zukunftsmärchen an.“
Alexander nickte: „Vielleicht.“
Alexandra klammert die Finger um das Geländer der Brücke über den Sambesi und sieht, wie ihr Bruder in die Tiefe stürzt. Ihr bleibt fast das Herz stehen. Die Reise zu den Victoria Falls ist ihr Wunsch gewesen. Sie hat immer davon geträumt, eines Tages wie Livingstone die Regenbögen über dem weißen Schaum der seit ewigen Zeiten in die Tiefe donnernden Wasser zu sehen. Wenigstens wird dieser Wunsch in Erfüllung gegangen sein, falls...
Sie hat gestern bei einer Wanderung zum Rand der Schlucht mit ihrem Mann beschlossen, über diesen >Fall< nicht mehr nachzugrübeln. Sie muss an ihre Heilung glauben, an die Liebe ihres Mannes denken und sich auf die Hoffnung konzentrieren. Es hat sich herausgestellt, dass es doch eine Chance gibt, den Tumor operativ zu entfernen. Das Risiko ist hoch, sehr hoch, Fifty-Fifty, so hatte der Arzt es ausgedrückt und bedauernd die Stirn in Falten gelegt. Fünfzig Prozent sind wenig. Aber ohne die Operation sind es Null Prozent. Sie hatte sich entschieden und war dann mit ihrem Mann auf die Reise gegangen, obwohl der Arzt davor warnte, die Operation hinauszuzögern. Jetzt geht die Reise zu Ende. Sie hat mit ihrem Mann ein paar Tage in einer netten Unterkunft in Livingstone Town auf der sambischen Seite verbracht, um alles noch einmal zu besprechen, was es in so einem Fall zu besprechen gibt. Jetzt ist alles geregelt.
Sie sieht, wie Alexander im Sturz die Arme ausbreitet, legt im Schreck die Hand über den Mund und sagt immer wieder vor sich hin: „Oh mein Gott, oh mein Gott.“ Für drei Sekunden nimmt sie nur Alexander wahr und vergisst alles andere, ihren Mann, der besorgt neben ihr steht, sich selbst und sogar das Ding in ihrem Kopf. „Er hätte es nicht tun sollen, oh mein Gott, er hätte es einfach nicht tun sollen.“
Nach der Tumordiagnose bei Alexandra hatte der Arzt dringend empfohlen, dass Alexander zur Vorsorgeuntersuchung ging. Die Erkrankung der Zwillingsschwester und der Krebstod der Mutter lasse eine genetische Disposition vermuten, und je eher ein Krebs entdeckt werde, desto besser lasse er sich behandeln. Alexander hatte sich zunächst geweigert und in seiner ironischen Art daran erinnert, dass ihm als junger Mann nach einem EKG ein Herzfehler attestiert worden war. Wenn es nach dem EKG gegangen wäre, meinte er, dürfte ich gar nicht mehr leben. Nach seiner Rückkehr aus Halberstadt jedoch hatte er dem Drängen Alexandras nachgegeben und versprochen, sich untersuchen zu lassen, aber erst, wenn sie alles überstanden habe, nicht vorher, auf gar keinen Fall. Bei dieser Gelegenheit hatte sie ihm von der Afrikareise erzählt, die sie mit ihrem Mann noch machen wollte, bevor sie sich unters Messer legte. Sie vereinbarten, dass Alexander dazustoßen und sich mit ihnen auf der Brücke über den Sambesi treffen würde, um dann gemeinsam nach Hamburg zurück zu reisen.
Alexander taucht mit dem Kopf ins Wasser und wird schon im nächsten Moment wieder nach oben gezogen. Das Spezialseil, das um seine mit Handtüchern gepolsterten Knöchel geschlungen ist, zieht sich zusammen und hebt ihn empor, bevor das Seil sich wieder dehnt, und er erneut in die Tiefe stürzt, aber langsamer diesmal und ohne dabei in den Fluss zu tauchen. Während Alexanders Körper auf und ab pendelt, wird die Winde in Bewegung gesetzt und zieht ihn, kopfunter am Ende des Seils hängend, nach oben. Alexandra nimmt die Hand vom Mund, lehnt sich an die Schulter ihres Mannes und atmet tief aus. Es ist ihr Sprung, den Alexander eben absolviert hat. Seit sie zum erstenmal vom Bungy Jump in den Sambesi hörte, träumt sie von diesem Sprung. Aber der Arzt hatte ihn kategorisch verboten, er war richtig böse geworden und hatte gefragt, was sie wohl im Kopf habe, dass sie es darauf anlege, in den Tod zu springen. Alexander konnte sie verstehen. Er hätte sich ein anderes Geschenk ausgesucht vor einer Operation, die auf eine Fifty-Fifty Wette mit dem Tod hinauslief. Aber er konnte sich in sie hineinversetzen, und darauf kam es an. Vielleicht gelang es ihm auf diese Weise, seinen Körper zu überlisten, dieses Hindernis, das es ihm unmöglich machte, zu verstehen, wirklich mit Haut und Haar und Leib und Seele zu verstehen, wie es ist, wenn der Tod in der schmalen Tür des Ichs steht.
Alexandra sieht, wie der vom Seil nach oben gezogene Körper ihres Bruders sich einen Moment aufbäumt, dann mit nach unten baumelnden Armen erschlafft und sich um die eigene Achse zu drehen beginnt. „Oh mein Gott, er hätte es nicht tun sollen, sein Herz, an sein Herz habe ich gar nicht gedacht, bitte lieber Gott“, ein Gebet schießt durch ihren Kopf, ein Klein-Mädchen-Gebet aus innerster Seele, „bitte lieber Gott mach, dass Alex nichts passiert ist.“ Als das Seilende nur noch zehn Meter vom Brückengeländer entfernt ist, breitet Alexander plötzlich die Arme aus, als wolle er so, wie er hinuntergesprungen ist, wieder zurückspringen auf die Plattform in der Mitte der Brücke, auf der zitternd seine Schwester steht und ihn erwartet.
Erzählung zur Erzählung
Diese Geschichte entstand im Januar 2007 als Auftragswerk für den swr und wurde unter dem Titel Weißer Schaum am Karfreitag des gleichen Jahres gesendet. Später wurde es in die bei weissbooks erschienene Anthologie Satzschippen aufgenommen, die Erzählungen dieser Sendereihe enthält. Im Juni des gleichen Jahres wurde ich fünfzig Jahre alt, und nachdem ich festgestellt hatte, dass im Halberstädter Cage-Projekt ausgerechnet die Tafel für das Jahr 2017, in dem ich sechzig werden würde, noch frei war, stiftete ich mit dem Radio-Honorar für die Erzählung eine Tafel mit dem Text: "Es wird einmal gewesen sein". So hat die fiktive Tafel des fiktiven Reiseschriftstellers Alexander Lerch dem wirklichen Schriftsteller Bruno Preisendörfer die Finanzierung einer wirklichen Tafel ermöglicht.
Vier Jahre später, im Herbst 2011, besuchte ich während einer Reise zum Gleim-Haus in Halberstadt, die wiederum durch die Arbeit an einem Buch über Seume veranlasst war, erneut den alten Kirchenbau. Als die Aufsicht mitbekam, dass sie in mir den memento moribunden Märchenonkel im Futur Zwei vor sich hatte, erzählte sie von einem preisgekrönten Dokumentarfilm über das Cage-Projekt mit dem Titel Es wird einmal gewesen sein. Den Film aufzutreiben und anzuschauen ist mir nicht gelungen.
Suschidda
Ihre kupfern schimmernden Locken tanzten um ihr blasses Gesicht, wenn sie im kurzen Kleidchen und in Ringelsöckchen zum Strand hüpfte, immer an der Hand ihrer Mutter, unnahbar wie eine Prinzessin, obwohl sie Sand an den Waden hatte, die Söckchen nicht gleichmäßig hochgezogen waren oder ein brauner Schatten in den Mundwinkeln an ein Schokoladen-Eis erinnerte, dessen köstliche Spuren ihre Zunge nicht völlig verwischt hatte. Sie ließ sich nie zu einem Gruß herab, wenn sie vorüberkam, aber manchmal, an besonders glücklichen Tagen, drehte sie sich um und streckte mir die Zunge heraus – ein Zeichen ihrer Wertschätzung, dessen war ich gewiss. Doch ließ ich mir nie anmerken, wie selig mich dieses Zeichen machte, wenn ich neben meinem Vater im Strandkorb auf den Fersen kauerte und ihr hinterher blickte über den Rand eines Buches, das von Seeräubern und Schatzinseln handelte und dem ich ein verschlepptes Mädchen hinzudachte, das ich aus der Gewalt der Piraten retten musste.
Wenn es uns gelang, hinter einer Sandburg von den Erwachsenen unbeobachtet zusammen zu kommen, gingen wir in formvollendeter Höflichkeit miteinander um. Ich wusste nicht, wie sie hieß, und fragte aus einem Grund, der für mich immer ein Geheimnis geblieben ist, nie nach ihrem Namen.
„Hatte die Prinzessin einen angenehmen Tag?“
„Danke, sehr angenehm. Und wie ist es Ihm ergangen?“
In dieser Art fanden die Begrüßungen statt, bevor wir ohne weitere Umstände auf unser Lieblingsthema zu sprechen kamen: Inseln. Sie konnte siebzehn davon aufsagen: Name, Größe, Lage und Besonderheiten.
„Sizilien: Es hat 25.426 Quadratkilometer, liegt an der Spitze des italienischen Stiefels, und die besonderste Besonderheit“, sagte sie, „ist der Ätna, weißt du, das ist ein feuerspeiender Berg.“
„Ein Vulkan?“
„Richtig!“
Ich war neun Jahre alt und hatte schon von Vulkanen gehört, aber beschämender Weise noch nie vom Ätna. Ich verbarg meine Unwissenheit, beschloss jedoch, bei meinem Vater nähere Auskünfte einzuholen. Es war unmöglich, sie danach zu fragen. Immerhin war sie schon zwölf. Ich wollte nicht riskieren, die Gnade ihrer Aufmerksamkeit zu verlieren.
„Australien hat 7,7 Millionen Quadratkilometer. Es liegt halb im Indischen und halb im Pazifischen Ozean. Meine Lieblingsbesonderheit ist das Känguruh. Weißt du, wie ein Känguruh aussieht?“
Die Frage war ein wenig kränkend. Natürlich wusste ich, wie ein Känguruh aussieht. Aber dass eine Insel gleichzeitig in zwei Meeren liegen sollte, überzeugte mich nicht.
„Australien ist gar keine Insel, sondern ein Kontinent. Es gibt fünf Kontinente: Europa, Amerika, Afrika, Asien und Australien.“
„Das mit den Kontinenten stimmt. Australien ist trotzdem eine Insel.“
„Aber wenn es doch ein Kontinent ist!“
„Jedes Land, das ganz im Wasser liegt, ist eine Insel. Das ist wie bei den Sommersprossen auf meiner Nase. Jede ist eine kleine Insel für sich. Und jede, das kannst du mir glauben, jede hat ihre Besonderheit. Irgendwann werde ich dir das erklären, aber erst, wenn du groß bist. Es sind genau siebzehn. Willst du nachzählen?“
Und ob ich das wollte. Sie drehte mir das Gesicht zu, schloss die Augen und hielt mucksmäuschenstill. Ich kam auf sechzehn.
„Ich glaube, ich habe mich verzählt.“
Sie öffnete die Augen, betrachtete mich nachsichtig, und ließ erneut die Lider sinken. Diesmal waren es achtzehn.
„Siebzehn“, sagte ich, „stimmt.“
Am Abend erkundigte ich mich bei Vater, ob Australien eine Insel sei oder ein Kontinent. Er wurde nachdenklich: „Das kommt darauf an, was man unter einer Insel versteht.“
Er holte ein Lexikon aus der Hotelbibliothek: „Insel [lat. >insula<], allseitig von Wasser (Meer, See, Fluss) umgebener Teil des Festlandes, außer den Kontinenten.“
Außer den Kontinenten! Ich schrieb den Eintrag auf ein Blatt Papier, das ich sorgfältig gefaltet stets bei mir trug. Bei der nächsten Begegnung mit ihr kam ich sofort nach der Begrüßungsformel auf unsere Streitfrage zurück. Sie blieb bei ihrer Auffassung, und so zog ich den Zettel hervor – „außer den Kontinenten“, daran gab es nichts zu rütteln. Während sie nachdachte, nahm sie eine Locke in den Mund und kaute ein wenig darauf herum. Plötzlich sagte sie: „Mit dir kann man nicht reden, du bist noch zu klein.“
Dann stand sie auf und ging einfach davon.
Tagelang wartete ich vergeblich, dass sie sich nach mir umdrehen würde, sobald sie an der Hand ihrer Mutter an mir vorüber gegangen war. Schließlich gab ich auf und hob den Kopf nicht mehr von meinem Seeräuberbuch, aus dem ich das hinzuerfundene Mädchen, das von mir gerettet werden wollte, inzwischen verstoßen hatte.
Eines Tages beim Sonnen am Strand schubste mein Vater mich lachend an und sagte: „Hast du diese Suschidda gesehen? Streckt mir doch glatt die Zunge heraus.“
„Woher weißt du, wie sie heißt?“
„Das weiß ich gar nicht. Ich nenne die freche kleine Schönheit nur so, Suschidda ist Italienisch, mein Junge, und bedeutet >Sommersprösschen<, ihre Nase ist ja übersät davon.“
„Es sind nur siebzehn“, sagte ich ärgerlich.
Mein Vater blickte mich seltsam an, und ich senkte rasch den Kopf über mein Buch.
Am nächsten Tag reiste sie ab. Ach, wie reute es mich, ihr Zeichen der Versöhnung verpasst zu haben. Ich traf sie nicht wieder während der Jahre, in denen ich mit meinem Vater zur Sommerfrische auf die Insel fuhr: Sylt hat 99,1 Quadratkilometer, liegt am nördlichsten von allen nordfriesischen Inseln, und ihre besonderste Besonderheit für mich ist Suschidda.
Nach dem Abitur arbeitete ich eine Saison als Hilfskellner auf Sylt. Im Dienst war ich aufmerksam und >anstellig<, wie mein Arbeitgeber sagte, in der Freizeit abwesend und verträumt. Ich schlenderte barfuss die Strände entlang oder versank, eingeölt vom Scheitel bis zur Sohle, in einem Liegestuhl dösend so tief in meine Erinnerung an die Seeräuber- und Schatzinselgeschichten der Kindheit, dass Long John Silver persönlich hätte zwischen mich und die Sonne treten und seinen einbeinigen Schatten werfen müssen, um mich aus meinen Phantasien zu wecken. Und an besonders glücklichen Tagen träumte ich von Suschidda. Wie mochte sie wohl aussehen als junge Frau? Ob sie immer noch siebzehn Inseln mit Quadratkilometern, Lage und Besonderheit aufsagen konnte? Würde sie den kleinen Jungen, mit dem sie nicht mehr reden mochte, in dem halbwegs erwachsen gewordenen Mann wiedererkennen?
Gegen Ende der Saison sah ich sie eines Abends an einem Restauranttisch sitzen, zusammen mit einer älteren Dame, zweifellos die gleiche Dame, an deren Hand sie einst zum Strand gehüpft war. Ich erkannte Suschidda eher an ihrer Mutter als an ihr selbst, aber sie hatte immer noch Kupferlocken und ein blasses Gesicht und Sommersprossen auf der Nase. Ich trat an ihren Tisch, beugte mich darüber, rückte das Salz- und das Pfefferfässchen zurecht. Beim Wiederaufrichten flüsterte ich an ihrem Ohr so leise, dass nur sie es hören konnte: „Australien ist immer noch keine Insel.“ Sie hob den Kopf und sah mir ins Gesicht, antwortete jedoch nicht.
In den nächsten Tagen liefen wir uns einige Male über den Weg, jedes Mal war sie in Begleitung ihrer Mutter und ließ sich zu keinem Gruß herab. Aber am Tag ihrer Abreise, als sie mit ihrer Mutter zwischen den Koffern vor dem Hotel stand und auf ein Taxi wartete, während ich zum Strand hinunter ging, drehte sie den Kopf nach mir um und streckte für einen kleinen Moment die Zunge heraus – nur für einen winzig kleinen Moment. Aber ich habe es genau gesehen, obwohl sie so tat, als sei nichts vorgefallen.
Das war vor funfundzwanzig Jahren. Ich bin nie wieder auf Sylt gewesen und ihr nie wieder begegnet. Aber eines Tages werde ich zum dritten Mal auf die Insel fahren und Suschidda treffen.
„Ich habe lange, lange nachgedacht, ein Vierteljahrhundert“, werde ich zu ihr sagen, „Australien ist doch eine Insel.“
Dann wird sie lächeln und sich abwenden, und ihre schon etwas grau gewordenen Locken werden um ihr blasses Gesicht tanzen, wenn sie zum Strand spaziert, immer ein hüpfendes Mädchen an der Hand, dessen Söckchen ungleichmäßig herunter gerutscht sind und das siebzehn oder sechzehn oder achtzehn Sommersprossen auf der Nase hat wie ihre Mutter, jede einzelne von ihnen eine Insel mit Besonderheiten, von denen ich nie erfahren werde.
Erzählung zur Erzählung
Diese Geschichte habe ich vor vielen Jahren, ich habe vergessen, vor wievielen, für einen Wettbewerb geschrieben, in dem es um einen Sommeraufenthalt auf Sylt ging, um eine Art Inselschreiber. Da ich den Preis nicht gewonnen habe, bin ich nie auf Sylt gewesen, damals nicht, vorher nicht und nachher auch nicht. Suschidda ist reinste Erfindung. Und da ich nicht die Absicht habe, jemals nach Sylt zu reisen, wird sie es auch bleiben.
Der Herr auf Platz 79
Der Herr auf Platz 79 war eingedöst. Er mochte Anfang Fünfzig sein, wirkte ein wenig bleich und sah im Sitzen größer aus, als er stehend in Wirklichkeit war. Sein Kopf lehnte an der Scheibe, die das Zugabteil vom Gang trennte, seine Beine waren ausgestreckt und sein Mund stand offen. Das hätte ihn sicherlich geniert, wäre er sich dessen bewusst gewesen, denn ein offenstehender Mund macht auch im hellsten Kopf den dümmsten Eindruck. Im Schoss hielt der Herr eine Zeitschrift, deren Titel von seinen verschränkten Händen verdeckt war.
Im Abteil befanden sich zwei weitere Fahrgäste, ein jüngerer und ein älterer. Sie waren bei der letzten Station zugestiegen, hatten den Herrn auf Platz 79 aufgeschreckt und sich unter höflichen Entschuldigungen am Fenster einander gegenüber gesetzt, der Jüngere in Fahrtrichtung, der Ältere gegen sie. Sofort nahmen sie ein Gespräch wieder auf, das sie offenbar für das Umsteigen unterbrochen hatten. Hin und wieder warfen sie einen nachsichtigen Blick zu dem Herrn auf Platz 79 hinüber.
„Um auf die ewige Diskussion über das Verhältnis von Literatur und Leben zurückzukommen: Was eines vom anderen unterscheidet“, sagte der Mann in Fahrtrichtung, „ist die Tatsache, dass das Leben in der Literatur nicht weh tut. Und dass man ein Buch zweimal lesen kann.“
„Das kommt mir irgendwie bekannt vor“, erwiderte der Mann gegen die Fahrtrichtung, „nur bin ich mir nicht sicher, ob ich es im Fernsehen gehört habe oder ob es in der Zeitung stand.“
Der Mann in Fahrtrichtung lachte.
„Es stammt aus einem Roman von Blunt“, sagte er, „kennen Sie ihn persönlich?“
„Nein, obwohl ich so lange im Geschäft bin. Er zeigt sich ungern und mimt das Erzähltier in der Höhle, in seinem Fall eine platonische, versteht sich. Man könnte glatt fragen, ob es ihn überhaupt gibt.“
„Wenn es seine Bücher nicht gäbe, gäbe es ihn wahrscheinlich wirklich nicht.“
„Könnte schon sein. Aber für meinen Geschmack sind das ein bißchen zuviel Konjunktive. Das Leben ist nicht konjunktivisch.“
„Sondern?“
„Faktisch, mein Lieber, ausschließlich faktisch, sonst nichts.“
Der Mann in Fahrtrichtung musste wieder lachen. Dann wagte er den Einwurf: „Das kommt davon, wenn man entgegen der Fahrtrichtung sitzt.“
„Ganz recht: Alles saust vorbei, alles fliegt davon. Dabei ist es keinen Wimpernschlag her, dass ich mir auf Ihrem Platz gegenübersaß, gewissermaßen, und mir entgegenkam, was ich nun hinter mir habe. Aber reden wir nicht mehr davon. Eines Tages werden Sie verstehen, was ich meine. Nur wird es dann zu spät sein.“
Der Jüngere schwieg betreten und sah zum Fenster hinaus. Blühende Rapsfelder segelten auf ihn zu. Er mochte den Redaktionskollegen, auch wenn er ihn für etwas altmodisch hielt. Er wusste, dass dessen Verhältnis zu Blunts Büchern angespannt war, und zu Blunt selbst auch. Während er, der Jüngere, großes Vergnügen an Blunts sehr unterschiedlichen Büchern hatte, aber auf schon fast unhöfliche Weise desinteressiert war an Blunts Person, warf der Ältere Blunt vor, kein Lebensthema zu haben, wie es sich für wahrhaft große Autorenpersönlichkeiten gehöre, zeigte sich gleichzeitig jedoch seltsam gekränkt, dass er keinen persönlichen Zugang zu eben dieser ihm fragwürdigen Persönlichkeit hatte. Dem Jüngeren machte es Spaß, den Älteren bei Gelegenheiten, die beruflich entspannt genug waren, um etwas menschliche Spannung zuzulassen, mit dem Namen Blunt zu reizen, aber nur ganz vorsichtig. Der Ältere wiederum war alt genug, um sich darüber zu amüsieren, dass der Jüngere ihn ab und zu ein wenig ärgern wollte. Und während draußen die gelben Felder vorbeisegelten wie riesige Leinwände von Van Gogh machte sich der Jüngere seine Gedanken über den Älteren, unterdessen der Ältere in seinem schon einsetzenden Altersegoismus nicht etwa über den Jüngeren nachdachte, sondern darüber, was der Jüngere über ihn, den Älteren, wohl denken mochte. Draußen aber war es gelb, so unwahrscheinlich und über die Maßen gelb.
„Mögen Sie ihn?“
„Wen?“
„Na Blunt.“
„Blunt?“
„Dann meinetwegen seine Bücher.“
„Kritiker haben nicht zu mögen ...“
„.... Kritiker haben zu unterscheiden“, unterbrach der Jüngere und lachte schon wieder, „ich weiß, ich weiß: Vögel haben zu fliegen, Schriftsteller zu schreiben und Kritiker zu erkennen, welcher Schriftsteller was für ein Vogel ist. Wie oft ich das von Ihnen schon gehört habe.“
„Wenn es Ihnen zu viel wird ...“
„Aber nein, ich finde es lustig. Wie von Blunt erfunden.“
„In den Augen von Blunt ist wahrscheinlich alles von Blunt erfunden. Der liebe Gott glaubt ja auch, dass er Adam und Eva erschaffen hat. Dabei war es umgekehrt.“
Sie lächelten einander zu und sahen schweigend zum Fenster hinaus. Hinten am Horizont waren Windräder aufgetaucht, so weit weg, dass es perspektivisch kaum einen Unterschied machte, ob man sie in Fahrtrichtung erblickte oder gegen sie. In nervtötender Unermüdlichkeit drehten sich die Rotorblätter, unbesiegbar wie die
Windmühlen zu Don Quijotes Zeiten.
Aber nun wurde es Zeit, sich zum Aussteigen bereit zu machen. Während der Zug in den Bahnhof fuhr, schreckten sie den immer noch dösenden Herrn auf Platz 79 hoch, der Entschuldigungen murmelnd seine Beine einzog. Sich ihrerseits entschuldigend verließen sie das Abteil und schoben die Tür zu. Der Herr streckte die Beine aus. Schon sank sein Kopf wieder an die Scheibe, die das Abteil vom Gang trennte, und sein Mund öffnete sich. Das hätte ihn sicherlich geniert, wäre er sich – aber kaum war der Zug aus dem Bahnhof gerollt, tauchte eine Schaffnerin auf, riss die Tür zurück und rief triumphierend:
„Personalwechsel! Die Fahrkarte bitte!“
Der Herr auf Platz 79 zog erschrocken die Beine ein. Dann griff er in die Innentasche seiner Jacke, holte ein zweimal gefaltetes DIN A 4 Blatt heraus, entfaltete es und reichte es der Schaffnerin.
„Danke. Und Ihre Bahncard bitte.“
„Ach ja, natürlich.“
Der Herr auf Platz 79 griff noch einmal in die Innentasche seiner Jacke, zog ein Portemonnaie hervor, klappte es auf und zeigte der Schaffnerin die unter ein Klarsichtfenster geklemmte Bahncard. Die Schaffnerin beugte sich vor, nickte, richtete sich wieder auf, knipste das Online Ticket, gab es zurück, sagte „Gute Fahrt weiterhin, Herr Blunt“ und zog die Tür zu.
Blunt hob seufzend die Zeitschrift auf, die zu Boden geglitten war, und begann zu lesen: „Der Herr auf Platz 79 war eingedöst. Er mochte Anfang Fünfzig sein, wirkte ein wenig bleich und sah im Sitzen größer aus, als er stehend in Wirklichkeit war. Sein Kopf lehnte an der Scheibe, die das Zugabteil vom Gang trennte, seine Beine waren ausgestreckt und sein Mund stand offen. Das hätte ihn sicherlich geniert, wäre er sich dessen bewusst gewesen ...
Erzählung zur Erzählung
Diese Geschichte wurde zum ersten Mal im Juni 2009 in der österreichischen Zeitschrift volltext publiziert, anläßlich des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt, zu dem ich von Ijoma Mangold eingeladen worden war. Ich habe mir damals einen Spaß aus der Situation gemacht und diese (hinterlistige) Geschichte speziell für Klagenfurt geschrieben. Ich konnte nicht ahnen, dass die Juroren nicht lesen - die Texte, die sie bewerten, kaum; und die Texte drumherum, zum Beispiel die in volltext, gar nicht.
Blunt ist eine Figur, die schon seit 2004 in meinem Kopf herumspukt. Eine zeitlang wohnte er (in meinem Kopf) mit einer Frau Namens Kreta zusammen. Aus dieser Kreta wurde dann die weibliche Hauptfigur meines 2006 erschienenen Romans Die letzte Zigarette.
Blunt selbst nahm in den folgenden Jahren die verschiedensten Phantasieformen an, brachte es aber nur zu wenig Text. Eine Lieblingsidee (von mir, nicht von ihm) besteht darin, dass Blunt aufpassen muss, was er schreibt. Aber nicht, weil jeder Schriftsteller aufpassen sollte, was er schreibt, das wäre zuviel verlangt und am Markt nicht durchsetzbar, sondern weil das, was Blunt schreibt, sich sofort in Wirklichkeit verwandelt. Es geht ihm mit seinen Fiktionen wie König Midas mit dem Gold: Was er anfasst oder auch nur antippt (zum Beispiel mit den Fingern auf der Tastatur) wird Wirklichkeit. So muss er seine Gedanken hüten und verlernt darüber das Schreiben.