Quitty, kurz, anti-infantil
Jugendfeind
Quitty, kurz, anti-infantil
Nachdem ich meinen 60sten Geburtstag glücklich überstanden habe, wird diese Kolumne eingestellt. Sonst hält man mich noch für einen krückstockschwingenden Renitenzopa.
(Die alten Texte ganz weit unten)
Bevor ich meinen 62sten Geburtstag glücklich überstehe, wird diese Kolumne wiederbelebt.
Ich bin ein krückstockschwingender Renitenzopa.
(Der Krückenschwung vom Juni 2019 weiter unten)
Inzwischen habe ich meinen 63sten Geburtstag glücklich überstanden. Zum Krückenschwingen habe ich aber nur selten Lust.
(Der zweite Krückenschwung vom September 2020 ebenfalls weiter unten)
Inzwischen habe ich meinen 64sten Geburtstag glücklich überstanden. Und weil ich zum Krückenschwingen noch weniger Lust habe, wird die Kolumne wieder eingestellt.
Inzwischen habe ich meinen 66sten Geburtstag glücklich überstanden. Die Krücke steht symbolisch in der Ecke und ist mir zum Schwingen zu schwer.
66, Juni 2023
Neulich hatte ich wieder einmal Geburtstag. Das war schlimm. Wie nicht anders zu erwarten, wurde ich mit einem alten Schlager getröstet, dessen Refrain ich nicht auch noch einmal wiederholen will.
Wenn man jung ist, kann man es den Alten nicht recht machen. Und wenn man alt ist, können es einem die Jungen nicht recht machen. Mir passiert es neuerdings, zum Glück noch nicht oft, dass mir junge Menschen in der U-Bahn ihre Plätze anbieten. Das ist sehr freundlich. Und zugleich beleidigend. Bin ich 80, gebrechlich oder halbtot oder was? Meiner Frau ist es neulich passiert, dass ihr ein junger Handwerksmann in einem Zusammenhang, in dem es um die Beschaffung eines nicht ganz leicht zu bekommenden Gegenstandes ging, den Ratschlag gab, vielleicht könne die Tochter ihr helfen, die habe doch bestimmt Internet. Das war sehr freundlich. Und zugleich beleidigend. Mal sehen, wo das alles noch hinführt?
Was für eine Frage! Ist doch klar, wo das alles noch hinführt. Letztlich und letztendlich.
Zweiter Krückenschwung, Sept. 2020
Derzeit wird wieder einmal debattiert, ob Jungmenschen nicht schon ab Sechzehn wählen wollen sollen dürfen. Es geht um Bundestagswahlen. Die Teilnahme an Kommunalwahlen ist in manchen Bundesländern, darunter Brandenburg, bereits erlaubt.
Ich gehöre als 'älterer Herr' zum ersten Jahrgang, der mit 18 an einer Bundestagswahl teilnehmen durfte. Das fand ich damals natürlich richtig. Das finde ich heute natürlich immer noch richtig. Ein uneingeschränktes Wahlrecht mit 16 finde ich heute natürlich falsch - und hätte es auch damals, als ich selbst noch ein junger Hund war, falsch gefunden. Überhaupt war ich schon damals der Meinung, dass die moderne Kultur eher unter Infantilisierung leidet als unter Vergreisung. Das ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht besser geworden. Längst müssen die sogenannten 'fitten Alten' so tun, als wären sie mental so jugendfrisch, wie ihnen von den sozialen und asozialen Medien unserer überspannten Gagakonsumkultur routinemäßig abverlangt wird.
Ein Wahlrecht mit 18 passt zur Volljährigkeit. Ein Wahlrecht mit 16 passt nicht zur Volljährigkeit. Es ist ein Zeichen von kindlich-kindischem Wollen ohne Verantwortungsbereitschaft, wenn man beim Wählen wie ein Erwachsener und beim Strafrecht wie ein Jugendlicher behandelt werden möchte.
Auch das 'Zukunftsargument' ist ein bisschen babyhaft. Die jungen Menschen, heißt es, sollen über die Zukunft mitbestimmen, denn schließlich ist es die ihre. Ei, ei. Dann her mit dem Wahlrecht für Sechsjährige! Denen steht noch ein Jahrzehnt mehr Zukunft bevor als den Sechzehnjährigen. Und die Neugeborenen? So verrückt kann ja keiner sein, ein Wahlrecht für Neugeborene zu fordern? In den 90ern gab es Leute, die so verrückt waren, ein Wahlrecht für alle zu fordern, auch für Neugeborene. Das sollten dann die Eltern in Stellvertretung ausüben.
Es gibt also nichts, was jungen Leuten nicht in den Sinn kommen könnte. Und wir Alten sind dafür da, das Jugendirresein verständnisvoll zu begleiten, und zwar ruhig auch ein wenig von oben herab, aber nicht dafür, ranschmeißerisch kritiklos alles gut oder womöglich 'cool' oder 'geil' zu finden, was Greenhörnchen durch die süßen Köpfchen rauscht.
Erster Krückenschwung, Juni 2019
Die heutige Jugend war der von gestern seit jeher suspekt. Und seit jeher haben die Alten von morgen sich über die von heute lustig gemacht. Deshalb ist intergenerationelle Verständigung prinzipiell nicht möglich. Übrigens auch deshalb nicht, weil die Jungen erst noch alt werden, die Alten aber "auch einmal jung waren", wie sie gern behaupten. Das könnte man 'Lebenserfahrung' nennen, ist aber meist nur spätjuvenile Selbstverteidigung mit Pensionärstouch. Dann lieber gleich offenherzig senil die Haltung des Patriarchen einnehmen und die Jugend nur vorlassen, damit sie einem die Ringe küsst. Nur müsste man dafür auch küssenswerte Ringe haben - oder beachtenswerte Verdienste. Aber immerhin hatten manche viel Verdienst in ihrem Leben, können mithin nach ihrem Ableben viel Vererben. Da kommt die Jugend gern zum Küssen, auch wenn gar keine Ringe vorhanden sind. Übrigens wollte ich eigentlich etwas anderes schreiben, und nachdem ich dieses andere geschrieben haben würde, hätte ich jugendfeindliche, jedoch sehr klimaschützende Forderungen aufgestellt. Z.B.: 20 Jahre Flugverbot für alle unter 20. Nur noch alle drei Jahre ein neues Smartphone für alle über drei. Und so weiter. Aber beim Fuchteln ist wohl die Krücke entzwei gebrochen.
Alte Texte
Auf der Autobahn ist es auch schön (nicht nur im Buchladen, wie in der Vorgängerkolumne erzählt). So schön, dass sich junge Leute zum Selfiemachen draufstellen und dann totgefahren werden. Es gibt das normale Jugendirresein, da muss man durch, das verlangen 'die Hormone'; und es gibt eine jugendliche Blödigkeit auf Leben und Tod. Das muss nicht immer Dschihadismus bedeuten (dazu die Vorvorgängerkolumne), sondern kann zu tödlichen Autobahnselfies führen oder zum S-Bahn Surfen oder zu Ballermannsprüngen vom Hotelbalkon in den Swimming Pool. Manchmal merken die jungen Leute (bei diesen Sachen sind es immer die Buben) vor lauter Alkopop im Kopf nicht, dass kein Wasser im Pool ist. Dann springen sie fröhlich besoffen in den Tod. Wenn man trotz solcher jugendirren Heldentaten die eigene Jugend überlebt hat, wird man alt und immer älter. Ich kann ein Lied davon singen. Ich werde in diesem Jahr 60. Auf meinen Lesereisen senke ich trotzdem den Altersdurchschnitt. Manchmal sitzt zwischen den Grauköpfinnen und -köpfen ein Jungmensch und hört mir beim Lesen zu. Dann freue ich mich, frage mich aber, was Jungmenschen auf einer Lesung über die Lutherzeit suchen. Haben sie nichts anderes zu tun? Auf S-Bahn-Dächern surfen, von Balkonen in leere Pools springen, schwachsinnige Selfies vom jugendirren Ich machen.
Im Buchladen ist es am schönsten. Noch schöner als im Blumenladen. Der Blumenladen ist auf Platz zwei gelandet bei einer Umfrage (Juli 2015) im Auftrag des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Es wurden 5000 Leute ab 14 nach den schönsten Geschäften gefragt. Hätte der Bundesverband des deutschen Blumenhandels die Umfrage in Auftrag gegeben, wäre die Reihenfolge wahrscheinlich umgekehrt. Die Umfrage brachte auch zu Tage, dass sich junge Menschen im Buchläden wohler fühlen als in Handy-Shops. Aber vielleicht sollte man nicht alles glauben, was der junge Mensch so sagt, auch wenn er repräsentativ gefragt wird. Vielleicht sagt er nur, dass er sich in Buchläden wohler fühlt als in Handy-Shops, obwohl er seit Monaten nicht mehr in einem Buchladen war, aber alle zwei Wochen in den Shop geht, um zu sehen, was es Neues gibt. Jedenfalls haben im wahren Leben, das sich von unwahren Antworten auf Umfragen unterscheidet, mehr junge Leute ein Brett vorm Kopf als die Nase im Buch. Auch laufen etliche von ihnen auf der Straße mit eben diesem Brett vorm Kopf herum. Vielleicht gucken sie auf dem Display nach, wo sie lang müssen, weil sie vergessen haben, dass sie nur den Kopf zu heben bräuchten, um zu wissen, wo sie sind. Jedenfalls glaube ich nicht, dass für knapp 65 Prozent der 14- bis 19jährigen der Buchladen zu den Favoriten gehört, und nur für gut 11 Prozent der Handy-Shop. Sie sagen das nur, damit die Erwachsenen Ruhe geben. Kann ich verstehen. Im Übrigen ist das sozusagen die Schwundstufe der sogenannten Buchkultur. Die jungen Menschen aus Bildungsfamilien haben noch mitgekriegt, dass es sich gut macht, gut über Buchläden zu reden, auch wenn sie selber kaum noch reingehen. Die Schwundstufe der Schwundstufe wird sein, wenn das bißchen scheinheilig oder scheinliterarisch Tun gar nicht mehr für nötig gehalten wird; und die Endstufe der Schwundstufe, wenn auf die Frage, ob man in Buchhandlungen geht, geantwortet wird: "Buchhandlung? Was'n das? Muss ich mal googeln."
Dschihadisten sind jung, blutjung, wie heilige Krieger immer gewesen sind. Die Alten stützen sich auf ihre Stöcke, geben kluge Ratschläge und wollen noch älter werden, um noch mehr kluge Ratschläge geben zu können. Oder hat man je gehört, dass sich palästinensische Opas an israelischen Bushaltestellen in die Luft sprengen? Selbstmordattentäter sind jung, die Enthaupter sind jung, die Mörder anderer jungen Leute sind selbst junge Leute, die Vergewaltiger sind junge Leute. Blutjung sind auch die Flintenmädchen, die aufgehetzt von bärtigen Alten mit 16 dem heimischen Kopftuch entschlüpfen und in den Krieg ziehen, cool wie eine islamische Lara Croft. Den Mordbuben wiederum genügen Turnschuhe, Sonnenbrille und Kalaschnikow zum Coolsein. Wie sie auf den Ladeflächen ihrer Pickups sitzen, die Waffe auf den Schwanz gepflanzt, und blöde grinsen, wie nur Halbstarke blöde grinsen können.
Zu Gast: Erasmus von Rotterdam
"Wie hat doch jeder seine Freude an einem jungen Menschen, wie aufrichtig will ihm jeder wohl, wie eifrig fördert man ihn, wie dienstbereit streckt man ihm helfend die Hand entgegen? Woher aber diese Beliebtheit? Woher sonst, wenn nicht von mir, der Torheit? Denn daß der junge Mensch keine Gedanken hat, sich also auch keine macht, das ist mein Werk. Bei meiner Ehre: ist er erst älter und haben ihm Erfahrung und Studium schon etwas Verstand beschert, so verblüht im Umsehen die Schönheit, verlöscht das Feuer, verstummt der Scherz, versiegt die Kraft."
Aus: Lob der Torheit, ausgedacht im Sattel während langer Ritte, gewidmet Thomas Morus und niedergeschrieben im Juni 1511
Zu Gast: Christoph Wilhelm Hufeland
"Pythagoras [...] pflegte das menschliche Leben in vier gleiche Theile zu theilen. Vom 1sten zum 20sten Jahre sey man ein Kind (anfangender Mensch), von 20 bis 40 ein junger Mensch, von 40 bis 60 erst ein Mensch, von 60 bis 80 ein alter oder abnehmender Mensch, und nach dieser Zeit rechne er niemand mehr unter die Lebendigen, er möge auch so lange leben, wie er wolle."
Aus: Makrobiotik oder Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern
Zu Gast Max Weber:
"Mit dem Datum des Geburtsscheines bei Diskussionen überstochen zu werden, habe auch ich mir nie gefallen lassen; aber die bloße Tatsache, daß einer 20 Jahre zählt und ich über 50 bin, kann mich schließlich auch nicht veranlassen zu meinen, das allein wäre eine Leistung, vor der ich in Ehrfurcht ersterbe. Nicht das Alter macht es. Aber allerdings: die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens, und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein."
Max Weber: Politik als Beruf (1919)
Zu Gast Johann Wolfgang Goethe:
"Das Verführerische für junge Leute ist dieses: Wir leben in einer Zeit, wo so viele Kultur verbreitet ist, dass sie sich gleichsam der Athmosphäre mitgeteilt hat, worin ein junger Mensch atmet. Poetische und philosophische Gedanken leben und regen sich in ihm, mit der Luft seiner Umgebung hat er sie eingesogen, aber er denkt, sie wären sein Eigentum, und so spricht er sie als das Seinige aus. Nachdem er aber der Zeit wiedergegeben hat was er von ihr empfangen, ist er arm. Er gleicht einer Quelle, die von zugetragenem Wasser eine Weile gesprudelt hat, und die aufhört zu rieseln, sobald der erborgte Vorrat erschöpft ist.
[...]
Auch glaubt jeder in seiner Jugend, dass die Welt eigentlich erst mit ihm angefangen, und dass alles eigentlich um seinetwillen da sein."
(nach Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens)
Eine der vielen neu erfundenen Teil-, Neben- und Sondergerechtigkeiten ist die 'Generationengerechtigkeit'. Der Terminus ist besonders beliebt im besserverdienenden Bestmenschentum der bürgerlichen Mitte mit ihren staatsgeförderten Solarzellen auf dem Eigenheimdach. 'Wir wollen, dass unsere Kinder eine Zukunft und in dieser Zukunft saubere Luft zu atmen haben', sagen die Alten, schließen Ausbildungsversicherungen ab, bauen noch ein Häusle zum Vererben, kaufen Macs für die Kleinen und jedes Jahr ein neues iPod, damit sich die eigene Brut nicht statusschämen muss in der Schule.
Aber die juvenilen Grünkonsumisten sind nicht Teil der künftigen Lösung, sondern Teil des gegenwärtigen Problems. Sie wollen sämtliche Flüchtlinge retten, aber im eigenen Jugendzimmer sollen die Lampedusa-Gestrandeten nicht untergebracht werden, auch nicht in einem Heim in der Nähe des Eigenheims von Papi und Mami – das verliert nämlich durch Neger_innen in der Nachbarschaft an Marktwert, und man ist schließlich bei aller gegenwärtigen Jungmenschenmoral auch ein künftiger Erbe. Davon jedoch wollen die furchtbaren Idealisten mit ihrer Generationenselbstgerechtigkeit nichts hören – bigott wie sie sind, und wie es die Milieus der ‚bürgerlichen Mitte’ seit jeher waren. Mit einem Handy an jedem Finger will man die Polkappen am Schmelzen hindern, mit fünf hat man eine Enegiebilanz, die ein Unterschichtsmensch der Vorgängergeneration mit Fünfzig hatte, und mit fünfzehn ist der Flugmeilenbonus der nachwachsenden Generation der Funktionselite schon auf ein Level gestiegen, die der 'kleine Mann' und seine Frau ihr Leben lang nicht erreichen, trotz der Urlaubsflüge auf die Putzfraueninsel. Schmelzt ihr Polkappen, schmelzt! Möge eine Sintflut die Scheinheiligkeit vom blauen Planeten waschen. Vergebliche Hoffnung. Die Generationsgerechten werden in der Arche sitzen und telefonieren.
Zu Gast J.L. Strick, 23, Briefschreiberin an Joachim Gauck über dessen Interview-Bemerkung zum "Tugendfuror" in der sogenannten Sexismus-Debatte:
"Wenn man so ein supereigenartiges Wort wie Tugendfuror liest, tut das weh und macht wütend."
Das ist eine dieser superdämlichen Äußerungen aus den geistigen Mädchenzimmern unserer Gaga-Welt.
Alter schützt vor Torheit nicht,
und Weisheit schützt vor Alter nicht.
Dummes Zeug wird nicht klüger,
weil es junges Zeug ist,
und ein Dummerchen nicht schlauer,
wenn zehn weitere dazu kommen.
Vor vielen Jahren zeigte ein Illustriertencover einen alten Mann hinter der Windschutzscheibe, Hut auf dem Kopf, die Hände ums Lenkrad gekrampft. Es ging um „Geisterfahrer“, jene Spezies, die auf der Autobahn in die verkehrte Richtung fährt. Das Cover wurde als altenfeindlich angeprangert, und in der Tat zeigt sich, dass die schweren und schwersten Unfälle nicht von alten Leuten mit Infarkt hinterm Steuer verursacht werden, sondern von jungen Leuten, genau gesagt: von jungen Männern, die vor Testosteron und Selbstüberschätzung platzen, denen das Spatzenhirn in die Schwanzspitze und dann noch weiter runter in den Gasfuss gerutscht ist.
War das jetzt jugendfeindlich?
Na hoffentlich. Immer wenn ich unter einem Alleenbaum ein Blumengebinde liegen sehe und beim Nachgucken feststelle, dass sich wieder ein armer junger Mensch die Birne am Baum eingerannt hat, bin ich betrübt – gleichzeitig aber, ich muss es gestehen, bin ich heilfroh. Wieder ein Jungraser weniger auf der Straße, wieder ein potentieller Fremdmörder im Grab. Denn wer mit überhöhter Geschwindigkeit an einen Baum rast und sich selbst umbringt, der kann nicht mit überhöhter Geschwindigkeit in ein anderes Auto rasen und andere umbringen.
Der Geisterfahrer-Idioten-Selbstmord scheint derzeit in Mode zu sein bei jungen Männern. Die jungen Leute mit ihren peer-group Gleichschaltungsgefühlen machen einander gern alles nach. Sie üben dabei fürs Erwachsenenleben. Auch die Erwachsenen mit ihren Statusgefühlen machen einander gern alles nach.
Anyway. Jedenfalls mordete auf der Sauerlandautobahn ein 24jähriger Selbstmörder bei einer Geisterfahrt fünf Menschen. Auch auf der A 5 brachte ein 20 Jähriger fünf Menschen um. Die Polizei untersucht noch, ob der tote Knabe nur ein dummer Junge war oder ein Selbstmörder und ein dummer Junge. Wären die beiden gegen Alleenbäume gefahren, wie es sich gehört, würden zehn andere Menschen noch leben. Deshalb ziehe ich als (noch recht junger) alter Mann künftig den Hut, den ich beim Autofahren gar nicht aufhabe, wenn ich wieder mal ein Blumengebinde unter einem Alleebaum liegen sehe.
Zu Gast Immanuel Kant:
"Die Jugend ist nicht klug und glaubt doch, es zu sein. Altklugheit ist noch schlimmer."
"Es ist merkwürdig, dass ein vernünftiger Mann, nachdem er zur Reife der Jahre und Urteilskraft gelangt ist, schwerlich wählen würde, jünger zu sein, gesetzt er sollte diese zurückgerufenen und ihm noch bevorstehenden Jahre auch auf bessere Konditionen leben. Er ist froh, dass er so viel hinter sich hat."
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind gleichzeitig infantil und kinderfeindlich. Die 1989 von der UN General- versammlung verabschiedete Kinderrechtskonvention wurde nur von zwei Staaten nicht ratifiziert: Somalia und die USA. Die Vereinigten Staaten sind gleichzeitig juvenil und jugendfeindlich. Bis 2004 gab es die Todesstrafe für Minderjährige. Derzeit verbüßen rund zweieinhalb Tausend Menschen eine lebenslange Haftstrafe, die zur Tatzeit minderjährig waren. Im Juni hat der Oberste Gerichtshof nun entschieden, dass die Verurteilung Jugendlicher zu lebenslangen Haftstrafen ohne Hoffnung auf Bewährung gegen das Verbot "grausamer und ungewöhnlicher Bestrafung" in der Verfassung verstoße. Auch die Kinderrechtskonvention verbietet lebenslängliche Haftstrafen ohne Bewährungsaussichten für minderjährige Straftäter.
Zu Gast bei Malaysia Airlines: Menschenskinder! Schon vor einiger Zeit hat die Airline Babys aus der First Class ausgeschlossen. Säuglinge sind eben zweitklassig. Wenn die Fluglinie nun im Sommer den A 380 in Betrieb nimmt, dürfen Menschenkinder unter zwölf nicht im Oberdeck Platz nehmen. Menschenkinder über zwölf ohne Kindermenschen unter zwölf schreiben begeisterte Internetkommentare, Menschenkinder über zwölf mit Kindermenschen unter zwölf sind naturgemäß empört. Vielleicht haben die Manager zuviele alte Schwarz-weiß-Filme mit W.C. Fields gesehen?
(Witz nicht verstanden? Googeln: Fields, Kinder, Hunde)
Die Piratenpartei fordert das Wahlrecht mit Sieben. Das aktive Wahlrecht. Und ab wann soll nach Meinung der Piratenpartei das passive Wahlrecht wirksam werden? Auch ab Sieben? Die Kinder sollen mit Sieben wählen dürfen. Sollen die Kinder auch mit Sieben gewählt werden dürfen? Es ist zu langweilig, das sogenannte Pro und Contra zu diskutieren. Das ist Schnullerkram. Sollen es die Babys debattieren. Das Interessante an diesem Infantilpopulismus sind ja nicht die Babyargumente, die von süßen Piratenstimmchen in die Mikrophone der Radiosender gequäkt werden. Das Interessante ist, dass hinter der vermeintlichen, aber in authentischem Infantilismus babyernst gemeinten Einbeziehung der Kinder in die Politik die Verantwortungsscheu der Erwachsenen steht, auch der sogenannten „jungen Erwachsenen“, die der Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus verholfen haben. „Kinder an die Macht“ grönte mal ein deutscher Schlagermeier. Kinder in die Fabriken! Kinder in die Politik! Kinder ins Parlament! Die Kinder sollen frühreif mitfunktionieren, weil die kindischen Erwachsenen nicht mehr klar kommen. Die Kinder müssen wählen gehen, sie müssen sich für Politik interessieren, sie müssen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Kaum sind sie untenrum trocken, aber immer noch feucht hinter den Ohren, kaum können sie bis drei zählen und ihren Namen schreiben, müssen sie richtig ran. Je mehr Infantilismus, desto weniger Kindheit! Die Piraten sind die kinderfeindlichste Partei der Legislaturperiode.
"Die Glückskurve schwankt im Laufe eines Lebens. Am glücklichsten sind die Menschen in der Regel in den Zwanzigern, wenn die Verpflichtungen noch gering sind. Mit 30 geht es dann abwärts."
(aus einem Zeitungsartikel über den "Glücksatlas Deutschland 2011")
Zu Gast: Brad Pitt
"Ich würde jederzeit Weisheit gegen Jugend tauschen."
(aus einem Interview in der Berliner Zeitung, Pfingsten 2011)
Zu Gast: Friedrich Nietzsche
"Jugend ist an sich schon etwas Fälschendes und Betrügerisches. Später, wenn die junge Seele, durch lauter Enttäuschungen gemartert, sich endlich argwöhnisch gegen sich selbst zurückwendet, immer noch heiß und wild, auch in ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie zerreißt sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache für ihre lange Selbst-Verblendung, wie als ob sie eine willkürliche Blindheit gewesen sei! In diesem Übergange bestraft man sich selber, durch Misstrauen gegen sein Gefühl; man foltert seine Begeisterung durch den Zweifel, ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als Selbst-Verschleierung und Ermüdung der feineren Redlichkeit; und vor allem, man nimmt Partei, grundsätzlich Partei gegen >die Jugend<. - Ein Jahrzehnt später: und man begreift, daß auch dies alles noch - Jugend war!" (aus dem 31sten Abschnitt von Jenseits von Gut und Böse)
Ich ficke Babys. Erinnert sich noch jemand? „Ich ficke Babys“ war vor Jahren ein Textsex-Skandal beim Bachmann Wettbewerb. Heutzutage ficken die Babys. Oder sie schreiben drüber. Und der Pestsellerpöbel liest es. In Roches Feuchtgebieten ist die Heldin vorsichtshalber 18. Die Autorin ist viel älter, aber immer noch jung. Die Raffinesse der noch nicht alten Autorin bestand darin, dass sie es trotzdem schaffte, wie eine Alte zu schreiben wie eine Junge.
Jetzt ist ein neues Stück Pussybelletristik erschienen. Wie alt die Heldin ist, weiß ich nicht. Die Autorin ist etwas über 18 und hat wo anders den Sex abgeschrieben, den sie mit unter 18 selbst gar nicht hatte. Aber das macht nichts. Ob abgeschrieben, fremderfunden oder selbst erlebt: Hauptsache Beine breit, damit das Publikum reinlesen kann. Und je jünger, desto besser. So eine verfickte Minderjährige ist die perfekte Komplementärfigur zum traumatisierten Jesuitenzögling! Mit wollüstigem Abscheu verfolgt das Publikum die Diskussion um den sexuellen Kindsmissbrauch hinter Klostermauern und genießt zugleich mit abscheulicher Wollust die sexuelle Kindsvermarktung im Literaturbetrieb.
Früher, als alles schlechter war, fuhr die Oma im Hühnerstall Motorrad. Heute wird sie bei Ebay versteigert. Von ihrer Enkelin. So etwas ist in England tatsächlich passiert. Die Oma war aber damit einverstanden. Die Aktion könnte zu Zazie passen, einer französischen Göre, die in einem 1959 erschienenen Roman von Raymond Queneau zwei Tage und zwei Nächte bei ihrem Onkel Gabriel in Paris verbringt.
„ – Wie gut Sie sind, sagte die Witwe Mouaque. Sie sind nicht wie (Gebärde). Die Kinder, das ist doch allbekannt: die haben kein Herz.
Sie leerte ihr Glas und machte Gabriel ein Zeichen, dass es ihr lebhafter Wunsch sei, dass er es von neuem fülle.
– Was quasselt sich die nen Blödsinn zurecht, sagte Zazie schwach.
– Pah, sagte Gabriel. Was macht das schon? Nicht wahr, alte Untertasse? wandte er sich an die Hauptbeteiligte.
– Wie gut Sie sind, Sie, sagte diese. Sie sind nicht wie die. Die Kinder, das ist doch allbekannt. Die haben kein Herz.“ !
Zazie in der Metro von Raymond Queneau, übersetzt von Eugen Helmlé
Deutsche, die nicht nur Glatzen haben, sondern selber welche sind, sehen niemals alt aus, sondern immer jung. Totschläger mit Pfirsischhaut. Mörder mit strahlenden Augen. Zu jeder Grausamkeit bereite Kinderseelen in Halbstarkenkörpern. Gestern noch nach Milch geschrieen, heute schon nach Blut.
Aber auch die alten Nazis waren einmal jung. Nur Hitler mit seinen 44 Jahren war 1933 ein alter Sack. Mengele war damals 22, Goeth 25, Eichmann 27, Speer 28, Heydrich 29, Globocnik 29. Kaltenbrunner, Bormann, Himmler und Höss waren 33.
Die Schurken und Helden der Geschichte sind meistens jung. Wenn es agonal wird, wenn der Totentanz beginnt, stürmt die edle, elende Jugend immer zuerst aufs Parkett und aufs Schlachtfeld. Wenn junge Leute mit Idealen kommen, sollten Erwachsene aufhorchen! Im Kindergarten des Geistes geht es gewalttätig zu. Nur frühsenile Barden können fordern: „Kinder an die Macht.“
Auf irgend einer dieser Internetseiten, die unter den >Contents< eine >Kommentarfunktion< bieten, stand zu lesen: „Selbst 18-Jährige sind, auch wenn sich das langjährige Intellektuelle nicht mehr so richtig vorstellen können, bereits fähig zum eigenständigen Denken.“
Der das geschrieben hat, scheint kein langjähriger Intellektueller zu sein, sonst wüsste er, dass Achtzehnjährige zu allem möglichen fähig sind, zum Abiturbestehen und Führerscheinmachen, zum Komasaufen, Amoklaufen, Kinderzeugen, Kinderkriegen – nur „zum eigenständigen Denken“ nicht. Denn die Jugend ist zwangsläufig dumm, auch wenn sie sich das nicht anmerkt – was selbst wiederum ein Teil dieser frisch fröhlichen Kükendummheit ist, an der noch die Eierschalen kleben.
Nachdem die „zum eigenständigen Denken“ fähige Jugend aus Protest oder Langeweile den Raum verlassen und sich weggeklickt hat, kann ich vernünftig schreiben: Die Jugend ist deshalb dumm, weil sie alles, was sie weiß, von den Alten gelernt hat. Selbst wenn die Jungen sich gegen das alte Denken wehren, sind sie auf das alte Denken bezogen, und je aggressiver sie davon loswollen, desto fixierter sind sie darauf.
Aus diesem Grund können die Jungen mit ihrem wunderbaren Idealismus und Enthusiasmus, der selbst apokalyptische Szenarien mit roten Bäckchen vorträgt, zwar gegen den Strom schwimmen, den Mainstream, aber nie aus ihm heraussteigen und hineinspucken! Das ist nur älteren Leuten möglich, die sich freigeschwommen haben und mit viel Mühe hin und wieder ans Ufer eines eigenständigen Gedankens kommen.
Den Jungen hingegen ist das naive Glück beschieden, jeden Gedanken, der ihnen von außen ans Hirn plätschert, für einen neuen Gedanken zu halten, für einen, der ihnen höchstpersönlich gekommen ist.
Junge Leute, die alte Leute heiraten, lieben Geld, Macht, Ruhm oder Einfluss. Alte Leute, die junge Leute heiraten, lieben das Fleisch und ewige Jugend. Deshalb verlangen bedeutende alte Männer von ihren jungen Frauen nicht unbedingt Klugheit. Klug sind wir selber, sagen die bedeutenden alten Männer zueinander, wenn ihre jungen Frauen es nicht hören.
Junge Leute behaupten manchmal, sie würden die alten Leute, die sie heiraten, wirklich lieben, ganz doll. Sie glauben selbst, was sie andere glauben machen wollen. Manchmal glauben sie auch, dass sie einen Komplex haben.
Wenn eine junge Frau einen alten Mann heiratet, hat sie aber keinen Vaterkomplex, sondern Ambitionen. Sie will Karriere machen oder versorgt werden oder kurz pflegen und lang erben. Wenn ein junger Mann eine alte Frau heiratet, hat er keinen Mutterkomplex, sondern ebenfalls Ambitionen: Karriere machen, versorgt werden, kurz pflegen und lang erben.
Noch nie hat die Welt eine attraktive junge Frau gesehen, die einen alten Mann geheiratet hätte, der über viel Charakterschönheit und wenig Geld, Macht, Ruhm oder Einfluss verfügt und kein bisschen berühmt ist. Joseph, den dreißig Jahre älteren Taxerer mit Schirmmütze heiratet eine junge Frau nicht, Joschka, den dreißig Jahre älteren Minister im Armani-Anzug schon.
Noch nie hat die Welt einen attraktiven jungen Mann gesehen, der eine alte Frau mit Charakter und ohne Geld, Macht, Ruhm oder Einfluss geheiratet hätte. Die Ideale haben immer die Alten! Die Jungen, die erst noch etwas werden wollen, können sich keine leisten.
Je älter die Leute, desto infantiler die Gesellschaft. Alte Deppen ahmen bei ihren pädagogischen Bemühungen das Babydeutsch der Pubertierenden von vorgestern nach und machen sich damit bei denen von heute lächerlich. Das ist nicht quitty. Fortgeschrittene Vierzigerinnen zeigen hinten Ausschnitt, wenn sie sich mit knapp sitzenden Backfischhosen über die Buggys beugen, in denen die Kinder ihrer Kinder liegen. Unquitty.
Die Sehnsucht nach später Jugend führt früh zur Senilität. Regression statt Reife macht krank. Alzheimer ist nur die letzte Phase einer pathologischen Rückkehr in die Kindheit, die bereits in mittleren Jahren begonnen hat. Heute ein Vierziger, der spricht wie ein Vierzehnjähriger – morgen ein Greis, der sabbert wie ein Säugling. Nur wer begeistert altert, bleibt jung! Wer immerzu den Sarg mit dem Leichnam der eigenen Jugend hinter sich her zieht, lebt sein Leben als Requiem.