Briefe an Zeitgenossen und Zeitgenossinnen
Offene Briefe
Briefe an Zeitgenossen und Zeitgenossinnen
Offene Briefe ...
... an Jens Spahn
12. August 2017. Sie sind noch jung, sehr geehrter Herr Spahn, unter Vierzig, glaube ich, und schon ein Wichtigtier im Bundesfinanzministerium, glaube ich. Und es kommt häufig vor, zu häufig für meinen Geschmack, dass Sie irgendwas in die Welt tröten oder twittern, damit die Welt nicht vergisst, dass Sie noch da sind. Jetzt haben Sie bekannt gegeben, dass Ihnen Englisch sprechende Kellner auf den Zwirn gehen, so war Ihre Ausdrucksweise, glaube ich. Ich muss sagen, da haben Sie völlig recht. Mir gehen Englisch sprechende Kellner und Innen zwar nicht auf den Zwirn, so vornehm laufe ich nicht rum, wenn ich in Neukölln in eine Kneipe gehe, sondern – ich drücke mich mal problembezirksmäßig aus – auf den Sack. Fast so auf den Sack (oder auf die, Sie wissen schon) wie Ihre Aufmerksamkeitgenerierungspenetranz. Aber wo Sie Recht haben, da haben Sie nunmal nicht Unrecht. Auch wenn das Geschäftsführerjulianchen von der SPD gezwitschert hat: "I'm feeling so sorry for him. Poor guy." Mann, kann die aber Englisch.
Ich nicht. Ich lese zwar täglich im Web „Arts & Letters Daily“ (sehr zu empfehlen), aber in Neukölln, wo ich schon länger wohne als die hier kolonisierenden englischen Jungmenschen auf der Welt sind, in Neukölln möchte ich gerne neuköllnerisch sprechen. Oder unterfränkisch. Oder hochdeutsch, wenn es gar nicht anders geht. Englisch lieber nicht. Englisch ist seit einiger Zeit in meinem Neuköllner, Kreuzköllner Kiez die Sprache von Leuten, die Teil des Problems sind und sich für die Lösung halten.
Beispielsweise klebte kürzlich an meiner Haustür (ökonomisch korrekt: an der Haustür meines Hausbesitzers) ein Flugblatt, mit dem zum Widerstand gegen Gentrifizierung aufgerufen wurde - in Englisch.
Noch kürzlicher, es ist wirklich erst ein paar Tage her, wurde ich in einem Lokal um die Ecke von einer jungen Kellnerin aufgefordert, doch bitte Englisch zu sprechen, ihr Deutsch sei so schlecht. Ja, das hat mir leid getan. Sie war so nett. Aber ich finde, wenn sie auf Englisch kellnern will, dann soll sie das in England tun. Oder in Amerika. Oder in Australien. Die Welt ist groß und weit. Das habe ich dann auch gesagt. Nicht zu ihr, sondern zu ihrer deutschsprachigen Kollegin. Naja, und jetzt gehe ich eben nicht mehr in dieses Lokal. In andere Lokale, bei denen schon die Speisekarte neben der Tür nur auf Englisch ist, setze ich ohnehin keinen Fuß.
Die Englifizierung durchdringt nicht nur meinen armen Berliner Kiez, sie hat auch die deutschen Universitäten durchdrungen. Vor drei, vier Jahren wurde ich von einer deutschen Universität gefragt, ob ich als deutscher Schriftsteller auf einer deutschen Tagung einen Vortrag über einen deutschen Schriftsteller (es ging um Seume, über den ich ein Buch geschrieben habe) halten könne – auf Englisch. Ich konnte nicht. Ich habe denen gemailt, sie sollen sich ins knee – nein, hab ich nicht, ich drückte mich akademischer aus.
Bevor ich nun Beispiel nach Beispiel aufreihe und Ihnen damit auf den Keks gehe, sehr geehrter Herr Spahn, lege ich vor Ihnen, meiner Leserschaft und der gesamten Weltöffentlichkeit das Versprechen ab, englische Worte im Alltag künftig konsequent deutsch auszusprechen. Auch wenn das deutsch betonte 'urban' dann nach Krankenhaus klingt.
... an den lieben Gott
29. April 2017. Ach Du lieber Gott, diesen Brief schreibe ich auf dem Rückweg von einer Lesereise mit meinem Buch über die Lutherzeit. In Köln hatte ich Aufenthalt, und da Bahnhof und Dom Nachbarn sind, wollte ich kurz bei Dir vorbeischauen. Aber ich habe Dich nicht angetroffen. Dein Haus war voller Leute, fast so voll wie der Bahnhof, es herrschte eine gottserbärmliche Betriebsamkeit. Und überall waren die Handys im Einsatz, etliche davon auf lange Stangen montiert, mit denen man sich selbst auf Abstand fotografieren kann mit ausreichend Domhintergrund, einer Säule oder einem Altarbild oder einem wehrlos herumstehenden Steinheiligen.
Bei all dem unandächtigen Treiben fing mein armes, altes Agnostikerherz zu bluten an. Ich weiß, dass Du schon lange nicht mehr an mich glaubst. So wenig, wie ich an Dich. Da sind wir uns ausnahmsweise einig. Im Dom freilich trauerte ich Dir nach, ernüchtert in der Kirchenbank sitzend und sozusagen seelisch entweiht von all dem Menschentun um mich herum. Dann schnappte ich meine Reisetasche, hängte mir die Notebooktasche um und machte mich zurück in den Bahnhof. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder im Kölner Dom nach Dir sehe.
... an Kaiser Karl V.
21. Januar 2017. In meiner Not, Majestät, wende ich mich an Euch, obwohl Ihr seit ungefähr einem halben Jahrtausend unter der Erde oder, genauer gesagt, in einem Steinsarg liegt. Die Not kommt nicht daher, dass ich an der Armutsgrenze lebte, obwohl das rein statistisch vorletztes Jahr noch der Fall war. (Statistisch, müsst Ihr wissen, lebt bei uns in Deutschland an der Armutsgrenze, wer über weniger als 60 % des durchschnittlichen Nettoeinkommens verfügt, das entspricht 979 Euro im Monat und trifft auf zwölf Millionen Menschen zu.) Die Not, die ich vor der Klammer meinte, ist mentalpolitisch. Sie macht Kopfweh und Herzrasen und rührt daher, dass Klugscher in den klugen Zeitungen derzeit eine Meldung von Oxfam wegdiskutieren, nach der ein paar Leute (acht, sagt Oxfam) mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Menscheit.
Bevor ich darauf zurück komme, will ich Eure Majestät an die Bestechungsgelder erinnern, die Ihre Diplomaten den deutschen Kurfürsten aushändigten, um 1519 die Wahl zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation sicherzustellen. Es handelte sich um rund 850.000 Goldgulden. Ein Großteil des Geldes wurde von den Augsburger Fuggern zur Verfügung gestellt. Eine Augsburger Dienstmagd hätte für diese Summe etwa 200.000 Jahre arbeiten müssen. Unsere Klugscher würden das durch den Hinweis wegdiskutieren, dass die Rechnung insofern einen falschen Eindruck erwecke, als die Magd in ihren 200.000 Arbeitsjahren schließlich Kost und Logis frei hätte.
Das Abstoßende der Klugscher-Kritik an der Oxfam-Meldung besteht darin, dass sie die Kernaussage der Botschaft niederrechnen wollen, nämlich die unerhört ungleiche Verteilung des Wohlstands auf unserem Unheilsplaneten. Das mit den acht Leuten stimmt nicht, sagen die Klugscher, das geben die Zahlen nicht her. Na und? Vielleicht besitzen nicht 8, sondern 80 Leute soviel wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Oder 800 oder 8000 oder 80.000 oder 800.000 oder 8 Millionen. Wenn acht Millionen Leute soviel besitzen wie drei Milliarden ist das immer noch ein dermaßen unerträgliches Verhältnis, dass man sich nicht zu wundern bräuchte, wenn die drei Milliarden sich aufmachten, den acht Millionen auf die Pelle zu rücken.
Armer Karl. Ihr seid Eure Schulden nie wieder losgeworden. Vermutlich wüssten die Klugscher uns vorzurechnen, dass Ihr in Wahrheit ein armer Hund gewesen seid, viel ärmer als die Augsburger Magd.
... an Papst Franziskus
5. Februar 2015. Hier schreibe ich und kann nicht anders, lieber Pontifex Franziskus, obwohl ich mir nach meinem Rücktrittsbrief an Benedikt vom 5. März 2013 vorgenommen hatte, nie und nimmermehr an einen Papst zu schreiben – nicht etwa, weil ich Eure Heiligkeit für den „bruntztopf zu Rom“ halte (wie der theologisch durchgeknallte Gotteskrieger Thomas Müntzer) oder für des „Teufels Sau“ (wie der mit dem Rumstehen und nicht anders können), sondern weil es fruchtlos und Zeitverschwendung ist. Andererseits macht das Leben ja beim Zeitverschwenden am meisten Spaß. Und nun, da aus Rom zu hören ist, dass eine Schönheitsoperation die Operationsschöne in eine „Burka aus Fleisch“ bannt, muss ich einfach zur Feder greifen, obwohl man ja heutzutage auf Tasten schreibt, nicht mit Federn wie der mit dem Rumstehen und nicht anders können, der eben diese Feder ins Tintenfass tauchte, das er, nebenbei gesagt, gar nicht nach dem Teufel geworfen hat, um seinerzeit einen offenen Brief an Papst Leo zu schreiben wegen des vielen Sündenvergebungsgeldes, das in den teutschen Landen eingesammelt wurde, um in Rom den Bau der Peterskirche und anderer künftiger Touristenattraktionen zu finanzieren. Aber das ist eine alte und andere Geschichte.
Das neue Ding mit der Fleischburka indessen ist eine großartige Sache, viel treffender als das mit den „Erdbeeren auf dem Kuchen der Kirche“, als die Sie die Frauen zu beschreiben geruhten, oder als die „Barmherzigkeit“ mit den Schwulen, die in unserer unbarmherzig stumpfsinnigen Medienwelt als neue Toleranz gefeiert wurde, als ob noch immer die Scheiterhaufen für „Sodomiten“ aufgeschichtet wären.
Aber die „Fleischburka“ ist eine von den Formulierungen, die sich aus reaktionärer Inbrunst im Handumdrehen in eine progessive Kritik unserer gagaesken Gegenwartsverhältnisse verwandeln. Ich nehme an, die violetten Herren im Vatikan meinen damit, dass das runderneuerte Evafleisch so die sündige Seele verbirgt wie die Burka den Leib der MuselmanIn. Doch die Seele beiseite oder meinetwegen dem Teufel überlassen, bringt die Vokabel „Fleischburka“ treffend weltlich zum Ausdruck, dass Menschlein und Weiblein vor lauter Verfallenheit ans Irdische und Natürliche ganz überirdisch unnatürlich werden können. Bis dahin, dass frau ihre Eier (nicht die von Hühnern) in den Kühlschrank tut, wenn Fressebuch es bezahlt, oder sich eine Plaste- und Elastehaut übers Gerippe ziehen lässt, wenn sie die Kohle hat, das selbst zu bezahlen. Das Annehmen seiner selbst, diese Ursprungsleistung des modernen, Gott aus der Hand gefallenen Menschen, wird dabei als Sinnfrage und Existenzantwort gar nicht mehr wahrgenommen. Alles ist Konsum, und so konsumiert man sogar sich selbst.
... an die alte Schlampe Europa
28. Mai 2014. Wenn wir Europäer mit Dir abends in den Himmel schauen, sehen wir dort oben ein Sternbild prangen, den Stier, jedenfalls von November bis April. Erinnerst Du Dich an den Stier, Du fünftausend oder viertausend oder zweitausendachthundert Jahre alte Schlampe? Die allerersten Besiedlungen Kretas gehen in die Jungsteinzeit zurück, und die ersten Paläste wurden vor drei- oder dreieinhalbtausend Jahren gebaut. Aber der Zeuskult setzte sich vermutlich erst um 800 v. Chr. auf Kreta durch, und damit die Geschichte vom weißen Stier, der Dich am Meeresgestade mit seiner zahmen Bullenkraft so beeindruckte, dass Du ihn erst gestreichelt und dann, wie soll ich sagen, besprungen hast. Auf dem Rücken trug er Dich übers Meer zur Insel Kreta, wo er drei Söhne mit Dir zeugte und Dir drei Geschenke übergab. Jetzt schaut er als Sternbild zu uns runter, und auch auf der blauen Fahne flattern die Sterne. Wie viele sind es nochmal? Man verliert langsam den Überblick.
Wieso denn, wirst Du sagen, auf der Flagge sind und waren zwölf Sterne, schon immer, die haben mit der Zahl der Mitgliedsstaaten überhaupt nichts zu tun. Auch wenn deren Zahl von 28 auf 30 steigt oder 40 oder 50, es bleiben immer zwölf Sterne. Anders wäre es auch kaum zu machen. So viele Sterne wie Europa Staaten hat würden auf die Fahne gar nicht draufpassen, jedenfalls nicht in dieser kreisrunden Anordnung. Oder die Sterne müssten so klein ausfallen wie die am Himmel in ein paar Dutzend Lichtjahren Entfernung. Kein gutes Symbol für Bürgernähe.
Eines der drei Geschenke des Zeus war Talos, der Bronzemann. Er rannte jeden Tag dreimal um die Insel, um anlandende Fremde zu verjagen, ist also der mythische Vorfahre Deiner heutigen Frontex, mit der die Zwölfsterne-EU vor den anbrandenden Wellen der Weltarmutswanderung geschützt werden soll. Wer erst einmal im Foyer ist, macht Schwierigkeiten: nämlich Rechte geltend. Deshalb klettern die Leute über die Zäune von Ceuta. In der Hoffnung auf eine Wohnung im europäischen Haus, das ihnen dann ein Zimmer im Asylantenheim zuweist.
Das alles muss gemanagt werden, und legitimiert werden muss es auch. Fürs Management ist die Bürokratie zuständig, für die Legitimation das Volk. Wie in der Demokratie üblich gilt der Grundsatz: Ein Mensch, eine Stimme. Nur Giovanni mit dem Doppelpass hat zwei. Der Chefredakteur der Zeit hat bei der Europawahl einmal als Deutscher und einmal als Italiener gewählt, weil, so hat es ein verdienter deutscher Rätselonkel und Showtalker gerechtfertigt, man ja nicht mit dem Wahlgesetz unterm Arm herumläuft. Ich muss zugeben, Oma Europa, dass ich noch nie über Dich abgestimmt habe, keine zehn Pferde kriegen mich in die Wahlkabine und keine zwölf Stiere. Das ist aber kein Prinzip, sondern bloß Lustlosigkeit, sozusagen der Gegenpol zum doppelwählenden Übereifer von Giovanni di Lorenzo.
Ich weiß nicht, wie Du die Sache siehst, mir kommt die Aufregung darüber künstlich vor. Wenn Deine europäische Elite sich nur der Verfehlung schuldig machen würde, zweimal zu wählen, statt keinmal Steuern zu zahlen, wäre der weiße Stier der Anmaßung schon bei den Hörnern gepackt.
Peinlich ist der Doppelwahlgang trotzdem, weil er offenbart, dass der demokratische Instinkt eben doch nur ein oberflächlicher ist. Auch ohne Wahlgesetz unterm Arm würde jemand mit einem solchen Instinkt nicht gedankenlos gegen das Grundprinzip one man – one vote verstoßen. Wenn jemand davon ausgeht, dass doppelte Staatsbürgerschaft doppeltes Stimmrecht bei einer Wahl nach sich zieht (zwei Wahlrechte in zwei Ländern bei zwei Staatsbürgerschaften sind eine ganz andere Sache), muss man umgekehrt davon ausgehen, dass etwas ganz Elementares an der Demokratie unbegriffen geblieben ist: die numerische Gleichheit der Stimme unabhängig von der sozialen Verschiedenheit der Stimmenden.
Ohne dieses Prinzip kommt politische Legitimation mittels Wahlverfahren auf den Hund, auf Lailaps vielleicht, den schnellsten Hund der Welt, das zweite Geschenk des Zeus. Das dritte, das Du von ihm erhalten hast, war ein immer treffender Speer. Was ist aus dem und dem Köter eigentlich geworden?
... an Andrea Nahles
7. April 2014. Wenn Sie so weitermachen, sehr geehrte Frau Nahles, gehe ich am Ende noch wählen, und zwar SPD. Dabei habe ich erst einmal gewählt und noch nie SPD. Das eine Mal, als ich gewählt habe, war ich 18, denn ich gehöre zu dem Jahrgang, der ab 18 wählen durfte, nicht wie bis dahin erst ab 21. Was ich damals gewählt habe, kann ich Ihnen nicht sagen, ich weiß es selbst nicht mehr genau. Es muss aber was Linksradikales gewesen sein. Danach habe ich nie wieder gewählt; mein Kreuz gehört mir, und ich will es alleine tragen. Übrigens, nur damit Sie mich nicht missverstehen, bin ich nicht 'gegen' das Wählen. Ich bin dafür, dass die Leute ihre Stimme abgeben, nur selbst mag ich mir die Mühe nicht machen. Wenigstens bin ich als Arbeiterkind in der Gewerkschaft, obwohl ich als literarischer Kleinunternehmer auch FDP Anhänger sein könnte. Aber wofür ich in Wahrheit die FDP halte, kann ich unmöglich sagen und schon gar nicht hinschreiben - es liefe auf schwerste Beleidigungen hinaus; die Union ist mir zu konservativ; die Grünen sind mir zu besserverdienerisch und zu bigott mit ihren mittelgroßen mittelschichtigen ökologischen Fußabdrücken bei bestem Gewissen; die Linke ist - ach, woher soll ich das wissen, sie weiß es ja selber nicht; die Piraten sind etwas für junge Leute, die dauernd mit Brett vorm Kopf herumlaufen, und das Brett heißt smart phone. Und die SPD, na ja, wer hat uns verraten, die Sozialdemokraten - so dachte ich, wenigstens teilweise, als ich 18 und linksradikal war und die Zeit bleiern und berufsverbietend und NATO-doppelbeschlossen. Später ließ ich die SPD jahrzehntelang in der Neuen Mitte des Mannes liegen, der gerade Siebzig geworden ist.
Und jetzt, ja jetzt könnte ich die SPD wählen, wenn Sie so weitermachen, sehr geehrte Frau Nahles. Das liegt am Mindestlohn und an der Rente mit 45 - Beitragsjahren, meine ich. Bei der Propaganda gegen die "abschlagsfreie Rente mit 63", derzeit beispielsweise von dieser widerwärtigen Initiative "Neue soziale Marktwirtschaft" plakatiert, werden die 45 Beitragsjahre unterschlagen. 45 Beitragsjahre! Das muss man erst mal schaffen. Die Akademiker können das gar nicht, denn bis sie anfangen zu schaffen, haben diejenigen, die mit 16 in die Lehre gehen, schon zehn, zwölf Jahre einbezahlt.
Diese Reform ist in meinen altgewordenen Jungproletarieraugen eine, und zwar die erste seit langem, die einzig und allein den unterprivilegierten Schichten zugute kommt und ausnahmsweise einmal nicht in erster Linie der akademischen Mittelschicht wie etwa der biopolitische Lastenausgleich des Elterngeldes. Weil die akademische Mittelschicht nichts davon hat, hält sie auch nichts davon. Und weil auch multikulturlinke Medienleute dieser Schicht angehören, erweisen sie sich bei diesem Thema als Sozialrechte.
Am schlimmsten sind die Jungleute mit ihrer Generationengerechtigkeit (dazu auch die Kolumne Jugendfeind). In den Mittelschichten werden in den nächsten Jahren von einer Generation zur anderen Vermögenswerte in Billionenhöhe vererbt. Und diese Erben, allen voran die Jungunionisten, fühlen sich schlecht behandelt, werfen sich zu Stellvertretern einer ganzen Generation auf, maßen sich an, für diejenigen zu sprechen, die nichts oder wenig erben. Wie wäre es, wenn - vielleicht durch drastische Erhöhung der Erbschaftssteuer bei privaten Vermögen ab einer halben oder meinetwegen ganzen Million aufwärts - innerhalb der Generation mehr Leistungsgerechtigkeit hergestellt würde? Dann würde es auch zwischen den Generationen besser klappen mit der Gerechtigkeit. Ich weiß, ich weiß, das ist alles nicht realistisch. Das war der Sturm auf die Bastille auch nicht, bis die Fischweiber zu Hyänen wurden (wer war's, wer hat's so hingedichtet?).
Doch geht es mir gar nicht um 'die Geschichte', sondern um die Geschichten, die vielen Lebensgeschichten von Leuten, die nach acht Volksschuljahren (das war und hieß zu meiner Schulanfangszeit noch so) mit vierzehn oder fünfzehn in die Lehre gingen, in die Fabriken oder auf die Straßen - aber nicht wie die Studis für mehr Bafög, sondern um auf den Knien den Asphalt glatt zu streichen oder andere schwere und schwerste Arbeiten zu verrichten. Diesen Menschen die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren verweigern oder ihnen gar die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 in Aussicht zu stellen, löst bei mir, ich bekenne es frei und mutig, schlimme Empfindungen aus, nicht etwa bloß negative Podiumsdiskussionsgefühlchen, wie man sie dem sogenannten politischen Gegner in einer zivilisierten Medien- und Meinungsdemokratie manchmal entgegen bringt, sondern glasklaren persönlichen Hass, wie ihn auch das zoon politicon, und zwar mit vollem moralischem Recht, dem sozialen Fressfeind gegenüber empfindet. Und deshalb, sehr geehrte Frau Nahles, auch wenn Sie als Sozialtechnokratin darüber wohl eher erschrecken, könnte es sein, dass ich - aber nur, wenn Sie so weitermachen, was wohl nicht zu erwarten steht.
... an Sibylle Lewitscharoff
10. März 2014. In den meisten Fällen, sehr geehrte Frau Lewitscharoff, schreibe ich Offene Briefe nicht für, sondern gegen die Personen, an die sie gerichtet sind. In Ihrem Fall ist das anders, auch deshalb, weil ich die Art ihres Fallierens bedauere und zugleich abgestoßen bin von der Art, wie sie von der Meuteöffentlichkeit zum Fall gemacht, wenn nicht zu Fall gebracht wurden: Sie mussten widerrufen, um nicht völlig in Verruf zu kommen.
Genug gekalauert.
Ich habe keines Ihrer Bücher gelesen - vielleicht hole ich Pong demnächst nach, obwohl mir als Klagenfurter Textverlierer Klagenfurter Gewinnertexte ästhetisch suspekt sind. Auch die Ihnen von Jubelrezensenten auf den Leib geschriebene Erfolgsrolle als Löwenflüsterin genügte nicht, mich zum Aushalten von mehr als drei Seiten Blumenberg zu bewegen. Diese Beichte erfolgt übrigens nur, um deutlich zu machen, dass ich Ihnen nicht deshalb beispringe, weil ich ein ‚Fan’ oder ‚Follower’ wäre, sondern wegen der Sache – und dies obwohl ich in etlichen Punkten anderer Auffassung bin als Sie.
Das gilt zum Beispiel für Ihren Versuch, sich in irgendeinem Herzenswinkel ein Restlein Kinderglauben zu bewahren. Ich bin katholisch erzogen wie Sie, doch ist meine Religiösität aus Materialermüdung zerbrochen. Wenn ich überhaupt noch etwas glaube, dann glaube ich, dass der Mensch seine Menschlichkeit selbst verantworten muss, mag seine Sehnsucht nach Transzendenz noch so innig und brünstig sein. Auch Ihre Haltung zu Patientenverfügungen teile ich nicht. Und was die arme Frauenbewegung der 70er Jahre betrifft mit der Schrittparole "Mein Bauch gehört mir!", so finde ich, dass Sie diese feministische Dämlichkeit zu streng beurteilen, weil Sie den emanzipationsgeschichtlichen Kontext des Kampfs gegen den Paragraphen 218 ausblenden. Aber in einer Rede kann man nicht alles sagen, was es zu sagen gälte. Das ist Ihnen kaum anzukreiden, obwohl die Entscheidung darüber, was man sagt und worüber man nicht spricht, zu erkennen gibt, wes Geistes Kind man ist, welchem Dämon man folgt und von welchen Gespenstern man gejagt wird.
Das gilt auch für die Passage, die zu so viel professioneller Empörung führte. Als Sachaussage wäre diese Passage - ich zitiere sie gleich - bloß eine dieser Schriftstellerpeinlichkeiten, wie sie unentwegt produziert werden, solange die Meinung von Leuten deshalb medial relevant ist, weil eben die meinenden Leute medial relevant sind. In der medial relevanten Passage Ihrer Rede machten Sie jedoch keine Sachaussage, sondern äußerten Gefühle. Gefühle sind nicht wahrheitsfähig. Emotionen können wahrhaftig sein, aber nicht richtig oder falsch, auch wenn dies den Dummerchen nicht in den Kopf will, die das mit dem "EQ" wegen ihres IQ nicht richtig verstanden haben.
Die Gefühlsäußerung in der Passage Ihrer Rede, in der Sie auf die sogenannte 'künstliche Befruchtung' zu sprechen kamen, klang so:
"Ich übertreibe, das ist klar, ich übertreibe, weil mir das gegenwärtige Forrtpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geshöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft."
Dieser emotionale Ausbruch wurde moralisch zum Stein des Anstoßes. Diesen Stein werfen am ersten die Leute, die im Glashaus der Selbstgerechtigkeit sitzen und in tagesjournalistisch antrainierter Taubheit für Differenzierungen nicht einmal die Scherben klirren hören. Einem davon, ich nenne aus Barmherzigkeit den Namen nicht, fiel das ganze Glashaus in Trümmer, ohne dass er es auch nur bemerkte. Er schrieb:
"Die Rede ist empörend. Sie ist menschenverachtend und homophob, bedient faschistische Denkmuster und rollt Rassisten den Teppich aus."
Man schlägt die Botin, die die schlechte Nachricht bringt. Als 'menschenverachtend' gelten nicht der Selektionsbiologismus oder der Genfetischismus, der mitunter zum Genfaschismus auswuchert; als 'menschenverachtend' gilt auch nicht das Körperbasteln der sogenannten Schönheitschirurgie, oder allenfalls dann, wenn der TÜV (Technischer Überwachungsverein) auf die Medizin nicht aufpasst und industriemedizinisches Silikon die Implantate schimmeln lässt; nicht 'menschenverachtend' sind die Fortpflanzungsbestellung aus der Samenbank; der Konsumentenanspruch auf Erfüllung aller möglichen Kinderwünsche; die Abtötungsroutine zwecks Verhütung von Mehrlingsschwangerschaften bei in vitro Fertilisationen; das globale Leihmuttergeschäft; der internationale Adoptionshandel zur Befriedigung frustrierter Mutterinstinkte bei mangelnden Angeboten auf dem nationalen Baby- und Heimkindermarkt; der Sterbe-Export Schwerkranker nach Indonesien zur finalen Billigpflege; der Pflege-Import preiswerter Bulgarinnen (Polinnen sind inzwischen recht teuer), die sich um fremde Alte in Deutschland kümmern statt um die eigenen Jungen zuhause. Und was ist mit der Zwischenlagerung hirntotdefinierter Komapatienten zwecks organischer Weiterverwendung? Was mit der medizinisch-moralischen Selbstermächtigung von Ärzten und Kommissionen, die sich sogar noch über die Verfügungen der Patienten hinwegsetzen können, wenn diese Patientenverfügungen nicht durch Vorsorgevollmachten ergänzt und notariell abgesichert sind?
Nichts von dem, was da getan wird, gilt als 'menschenverachtend', statt dessen eine Rede, die der biotechnoiden Konsum- und Machbarkeitmentalität widerspricht und darauf beharrt, dass menschliches Heil nicht zu haben ist auf Bestellung und gegen Bezahlung. Sie haben gegen den Wind gespuckt, sehr geehrte Frau Lewitscharoff, jetzt spuckt der Wind zurück.
... an Susanne Gaschke
28. Oktober 2013. Bisher, sehr geehrte Frau Gaschke, habe ich Offene Briefe mit zwei Ausnahmen (Frau Roche und Frau Jens) immer nur an Jungs geschrieben. Deshalb freut es mich besonders, nun Gelegenheit zu finden, mich an ein Mädchen zu wenden, an eines dieser bösen Mädchen, die überall hinkommen, sogar von der Hamburger Zeit ins Kieler Rathaus. Dort haben sie elf Monate ausgehalten, zwei Monate mehr als eine normale Schwangerschaft dauert. Auf die Sache mit der Schwangerschaft komme ich zurück, denn die ist der eigentliche Grund meines Briefes, nicht Ihr herbeigezwungener Rücktritt wegen der dämlichen Steuernachlassentscheidung für diesen Augenarzt. Allerdings hängen die Sache mit der Schwangerschaft und die Sache mit dem Steuernachlass insofern zusammen, als die Brücke zwischen beidem mit dem Wörtlein ‚Elite’ zu bezeichnen ist.
Sie haben bei Ihrem Rücktritt von „testosterongesteuerten Politik- und Medientypen gesprochen“ und behauptet, sie seien gescheitert als „eine Frau, die nicht aus dieser Szene kommt“. Kann schon sein. Aber Sie sind doch keine Susi, Sie sind doch die taffe Gaschke, die wusste, was sie wollte. Solange Sie selbst noch eine Medientypin waren, wenn auch keine testosterongesteuerte, wussten Sie auch, was Sie wollten: Wurfprämien für die akademische Elite zum Beispiel. Übrigens: Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben, und mein Angriff ist nicht persönlich motiviert, obwohl ich die Art, wie Sie seinerzeit das Elterngeld in der Zeit verteidigt haben, auch persönlich recht abstoßend fand. Damit bin ich beim Thema: Es geht um Bildung. In meinem 2008 erschienenen Buch Das Bildungsprivileg (ich mag den verkürzenden, vom Verlag gesetzten Titel nicht) habe ich die Elterngeldspanne zwischen 300 Euro und 1800 Euro kritisiert und mich dabei mit Ihren in der Zeit geäußerten ‚Sachargumenten’ auseinandergesetzt, die in Wahrheit Interessensbekundungen waren. Alles Folgende ist ein Selbstzitat aus dem Bildungsprivileg:
Auf dem Höhepunkt seiner finanziellen Krise besinnt sich der Wohlfahrtsstaat darauf, seinen Mittelschichten eine Entschädigung fürs Kinderkriegen auszuschütten, die höher ist, als unterschichtige Leute wie beispielsweise Friseusen im Monat überhaupt verdienen. Das ist aber „nicht unsozial“, meint Susanne Gaschke, „dem Staat sind damit nicht die Kinder unterschiedlich viel wert, sondern die ‚Opportunitätskosten’ des sorgenden Elternteils. Die Einkommensabhängigkeit drückt ganz nüchtern das Ziel dieser staatlichen Subventionen aus: Sie soll Nachwuchs auch bei den Gut- und Besserverdienenden fördern, denn davon gibt es zu wenig.“
Diese ‚Opportunitätskosten’ sind eine feine Sache. Der Staat muss schon etwas springen lassen, sollen seine Akademiker die Mühen der Fortpflanzung und des Kindererziehens auf sich nehmen. Schließlich kann die Aufzucht dieser Luxusgeschöpfe dazu führen, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als „auf erstrebenswerte Lifestyle-Elemente der Oberschicht zu verzichten“.
Ich muss das Selbstzitat nun doch unterbrechen, damit meine unbeherrschten Arbeiterkindfäuste nicht in die Tasten hauen, was dem Intellektuellen bei so etwas durch den Kopf schießt. Aber weiter im Text:
Weil Susanne Gaschke offenbar davon überzeugt ist, dass die Menschheit in die Steinzeit zurückfällt, wenn Akademikerinnen wegen der ‚Opportunitätskosten’ keine Kinder mehr kriegen, und weil sie große Angst vor Überfremdung durch die Bildungsfernen hat, fügt sie warnend hinzu, „die Gesellschaft steht plötzlich vor der schwierigen Aufgabe, immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten auf Hochschulniveau zu trimmen.“
Immer mehr Kinder aus bildungsfernen Schichten! Wunderbar. Die kuriose Drohung klingt für meinesgleichen wie ein Versprechen. Vielleicht bekommen die Bildungsfernen eine Chance, wenn die Bildungsschicht ausstirbt?
Irgendwie haben Sie’s ja mit den ‚Opportunitätskosten’. Den Steuerdeal mit dem Augenarzt hatten Sie auch mit ‚Argumenten’ aus dieser Richtung begründet. Mögen Ihnen nun die Lifestyle-Elemente der Kieler Oberschicht um die Ohren fliegen
... an Bahnchef Grube
30. August 2013. Eigentlich habe ich gar keine Zeit, sehr geehrter Herr
Grube, an Bahnchefs Briefe übers Lesen zu schreiben. Ich muss nämlich meinen Job machen, wissen Sie, und mein Job besteht derzeit darin, ein Buch über die Goethezeit zu schreiben, eine Art Zeitreiseführer. Es wird aber nicht mit der Bahn gereist, sondern im Kopf. Jedenfalls habe ich viel zu viel zu lesen – was, wie gesagt, mein Job ist – um Zeit zu haben, Ihnen zu schreiben, weil Sie viel zu viel lesen – was nicht Ihr Job ist. Sie haben sich in den Zug von Berlin nach Hamburg gesetzt und einer Schulklasse vorgelesen. Haben Sie nichts besseres zu tun? Sie sollten sich um Ihre Züge und Stellwerke und ICEs kümmern, Sie sollten Ihren Job machen, guter Mann, anstatt einen auf Kultur.
Aber irgendwie habt Ihr es ja mit dem Lesen, Ihr Bahnchefs. Ihr Vorvorgänger, wenn ich die Reihenfolge richtig im Kopf habe, also der Mann vor Mehdorn, ich komme gerade nicht auf den Namen, saß vor vielen, vielen Jahren im Berliner Literaturhaus und schwadronierte was von Bibliotheken in der Bahn, schwadronierte von Entschleunigung und „Entdeckung der Langsamkeit“. Die Züge haben Verspätung, und der Bahnchef setzt sich, anstatt seinen Job zu machen, ins Literaturhaus und schwadroniert von der „Entdeckung der Langsamkeit“. Ich muss sagen, ich fand das damals richtig ekelhaft, dieses honoratiorenhafte Literaturhausieren. Der damalige Vorsitzende der „Stiftung Lesen“, wie hieß er doch gleich, war auch dabei. Es war gerade ein neues Buch von Martin Walser erschienen. Und wenn ein neues Buch von Martin Walser erscheint, wird das routinegemäß in allen Zeitungen besprochen. Der Lese-Vorsitzende kam auf das Buch zu sprechen. Er war nicht einmal in der Lage, den Titel des Werks richtig wiederzugeben, aber in seiner Ansprache forderte er das Publikum des Literaturhauses zum Lesen auf. Der Bahnchef hat über Literatur geredet, aber seinen Job nicht gemacht; der Lesechef hat über Literatur geredet und seinen Job auch nicht gemacht.
Und Sie vertrödeln Ihre Zeit mit Vorlesen in der Öffentlichkeit. Dabei haben Sie vermutlich privat, wenn keiner zuguckt, gar nicht die Zeit, ein Buch zu lesen, aufmerksam, konzentriert und von vorn bis hinten. Ach ja, jetzt noch Mainz. Mainz liegt nahe bei diesem Thema, weil es von Fernzügen abgeschnitten war. Wenn Sie mal wieder hinkommen und nicht wissen, ob Sie ins Gutenberg Museum gehen sollen oder ins Stellwerk, hoffe ich, dass Sie sich am Riemen reißen und nicht in Literatur, sondern Ihren Job machen. Ich mache jetzt auch wieder meinen Job und reise zurück in die Goethezeit, erster Klasse übrigens. Wenn das Buch erschienen ist, dürfen Sie daraus vorlesen.
... an Benedikt XVI.
5. März 2013. In meinen ersten beiden Briefen (30.9.2009, 24.3.2010), sehr geehrter Benedikt XVI., habe ich Sie mit Ihrem bürgerlichen Namen angesprochen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie tatsächlich vom Heiligen Stuhl springen würden, als wären Sie wie der Ackermann aus der Schweiz bloß ein irdischer Manager. Sie sind doch der Stellvertreter Gottes. Da kann man doch nicht einfach zurücktreten. Aber womöglich denkt Gott selbst ebenfalls über einen Rücktritt nach. Verübeln könnte man es ihm nicht, wenn er seinem Unheilsgeschöpf sagen würde: „Mach Deinen Dreck doch alleine!“
Ich habe aber noch eine andere Sorge, und die heißt Johannes Heesters. Das war dieser Film- und Volksschauspieler, der 108 Jahre alt geworden ist. Das müssen Sie mal überlegen. Sie sind Mitte achtzig, bis zum Heesters-Alter hätten sie noch fast ein Vierteljahrhundert vor sich. Ich wünsche Ihnen nicht, dass der liebe Gott Sie noch so lange am Leben zappeln lässt, aus rein menschlichen Gründen wünsche ich Ihnen das nicht.
Aber ich will meine Sorge erklären: Wenn Ihr Nachfolger ausgeklüngelt ist, kehren Sie von Ihrer Datsche auf dem Land zurück in die Vatikanstadt und beziehen dort ein Häuschen oder ein Palästchen, darauf kommt es mir nicht an. Sondern darauf, dass Sie als Papa a.D. in unmittelbarer Nähe zum Papa i.D. residieren, zurückgezogen natürlich, und Tag und Nacht versunken ins Gebet oder gebeugt über die Bücher, die Sie noch schreiben wollen. Das wird wohl auch gehen, und Sie werden sich wohl auch wirklich nicht einmischen, sondern sich in „absolutem Gehorsam“, oder wie das in Ihrem Betriebsjargon heißt, dem amtierenden Petrus unterordnen.
Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie werden so alt wie Johannes Heesters. Ihr Nachfolger stirbt in vier oder fünf Jahren, und Sie sind immer noch in Ihrem Nebenpalast ins Gebet versunken und über Bücher gebeugt. Ein paar Jahre später stirbt der Nachfolger des Nachfolgers, während Sie weiter versunken und gebeugt sind. Dann stirbt der Nachfolger des Nachfolgers des Nachfolgers, und Sie – genau. Ein Vierteljahrhundert kann verdammt – oh Entschuldigung – kann mordsmäßig lang sein, in einem solchen Zeitraum können viele Päpste sterben, auch wenn sie heutzutage ja nicht mehr ermordet werden. Es könnte also passieren, dass Nachfolger kommen und gehen, während Sie in jeweils absolutem Gehorsam, egal wie die petriarchische Leitlinie gerade ist, bestehen bleiben. Das sind so die Sorgen, die ich mir mache, denn Sie müssen wissen: Ich war auch mal katholisch und habe Angst, dass der Chef ganz oben den Bettel hinwirft. Dann hätten wir keinen mehr, dem wir die Schuld geben können, wenn's verteufelt zugeht mit uns heillosen, gottverlassenen Menschen.
... an Samuel Schmidt
27. Februar 2013. Sie sind ja kein Großwild wie der Herr Fitschen und die anderen Jungs, an die ich meine Offenen Briefe meistens schreibe, sehr geehrter Herr Schmidt, sondern nur ein kleiner Fisch, Geschäftsführer der Firma ExrtaEnergie GmbH mit Sitz in Neuss, zu der auch die Marke prioenergie mit Sitz in Chemnitz gehört. Aber Kleinvieh macht auch Mist, ich meine, es macht Mist und es baut welchen. Und manchmal führt die doppelte Bedeutung zu eindeutigen Resultaten. Ich brauche Ihnen nur zuzurufen: Teldafax!
Teldafax ist ein inzwischen insolventes Energieunternehmen, das Kundendaten gefälscht hat. Dabei waren die erschwindelten Summen in den Einzelfällen gar nicht so groß. Aber wie gesagt: Kleinvieh macht auch Mist. Übrigens müssen Ihnen und Ihren Pressedamen, auf die komme ich noch, nicht gleich die Knie anfangen zu wackeln, bloß weil ich „Teldafax“ schreibe.
Teldafax, Teldafax, Teldafax - das ist, fuck, das aktuelle four letter word Ihrer Branche, und zwar gleich doppelt mit seinen acht Buchstaben. Vielleicht ist man deshalb bei Ihnen so aufgeregt. Teldafax! Eine Ihrer Pressedamen hat mir in einer Mail geschrieben, dass Sie sich „deutlich vom Geschäftsmodell der Teldafax distanzieren und jegliche Gleichstellung von uns weisen“. Dabei habe ich danach die Damen gar nicht gefragt. Ich habe auch niemanden gleichgestellt und keinen als Stromer bezeichnet. Ich habe die Damen in einer Recherche-Mail nur gefragt, ob bei prioenergie Verträge per Mail oder am Telefon zustande kommen können oder ob es dazu auch einer Unterschrift des jeweiligen Kunden bedarf. Ein simples Ja oder ein simples Nein hätten genügt, und dieser kabarettistische Offene Brief wäre ungeschrieben geblieben. Stattdessen antwortete eine Pressedame – der Name, nicht wahr, bleibt schonungsvoll unter uns – antwortete mir also die Pressedame, ich würde „Auskunft über betriebsinterne Prozesse“ wünschen. Da fragt der Schrifti, das bin jetzt ich, lieber, armer Samuel Schmidt, von wenig begnadeten Pressedamen eingerahmt wie ein Porsche von Beistellmädchen, da fragt der Schrifti, ob bei prioenergie Vertragsabschlüsse ohne Unterschriften zustande kommen können und bekommt den Bescheid, das wolle man nicht beantworten, weil das „betriebsinterne Prozesse“ seien. Teldafax! Vielleicht haben Sie ja doch Grund, zu erschrecken. Bei Teldafax gab es auch so `ne „betriebsinternen Prozesse“, die dann zu Gerichtsprozessen führten. Kommen bei Ihnen nun Verträge auch ohne Unterschrift zustande oder nicht?
Wir erleben gerade eine Renaissance des Lumpenkapitalismus, wo Geschäft, Gier und Ganoventum nahtlos ineinander übergehen wie rumänische Pferde zu deutschen Rindern oder Batterie- zu Bio-Eiern. Sogar Bier wird neuerdings mit Wasser gestreckt, als wäre ein moderner Weltkonzern ein mittelalterlicher Wirt. Da wird man doch mal fragen können, Teldafax, ob bei prioenergie Verträge auch ohne Unterschrift wirksam werden. Mehr will ich doch gar nicht wissen.
... an Jürgen Fitschen
19. Dezember 2012 Ihr Anruf, sehr geehrter Herr Fitschen, erfolgte mit guten Absichten. So haben Sie es formuliert bei Ihrer Entschuldigung für Ihr Protesttelefonat beim Hessischen Ministerpräsidenten nach der Razzia in Ihrer Bank. Die übrigens auch meine ist, wenn auch nur sehr ein ganz kleines bißchen. Bevor ich wie die Oma im Klischee meine Kohle unters Kopfkissen tue und mir das Kissen schwarz mache, mache ich mir lieber die Hände schwarz und kaufe ein paar Aktien Ihres und nun (sehr ein ganz kleines bißchen) auch meines Instituts. Und jetzt wird mir schwarz vor Augen, bei dem, was ich da von Ihnen hören muss. Da ich ja (wenn auch nur sehr ein ganz kleines bißchen) Anteilseigner und damit sozusagen Ihr Arbeitgeber bin (wenn auch – okay, ist ja schon gut), also jedenfalls gehört Ihnen eine Abreibung oder eine Abmahnung oder, lassen Sie es mich proletarisch ausdrücken: Eigentlich gehört Ihnen ein Tritt in den Arsch! Wie kann man nur so blöd sein. Da wird ein Bundespräsident von der Medienmeute gehetzt – ich mag die Meute übrigens nicht, bin aber froh, dass es sie gibt – und in den Rücktritt getrieben, weil er dumm genug war, beim Chefredakteur der Bildzeitung anzurufen – ich mag die Bildzeitung übrigens nicht und bin auch nicht froh, dass es sie gibt – und den AB vollzutexten. Das haben Sie doch alles mitgekriegt. Oder kriegt Ihr da oben über den Wolken in Euren Chefetagen so etwas nicht mehr mit? Aber was dem Staatsoberhäuptchen da passiert ist, kann Ihnen nicht entgangen sein. Und trotzdem rufen Sie an, Sie – ach, suchen Sie sich die Beleidigung selbst aus. Ich fordere nicht: „An die La Terne!“ Das ist der Rubrik Sarrazo vorbehalten. Aber ich frage mich, wie bei so viel Unverstand der Oberen meine Aktie aus dem Keller kommen soll. Ich habe bei über 40 gekauft, verdammt nochmal, das war noch zu Ackermanns Zeiten – ich mag den Ackermann übrigens nicht, und ob ich froh bin, dass es ihn gab, lasse ich mal dahingestellt, hoppla: dahingeschrieben sein. Der Kurs der Aktie ist jetzt bei 33. Vielleicht sollte ich verkaufen und die Kohle unters Kissen tun, auch wenn es dabei schwarz wird – oder ich tue die Kohle schwarz zur UBS. Um Himmels Willen! Das Schweizer Systemrelevanzinstitut muss 1,2 Milliarden Strafe zahlen für ihr Zinsmanipulationsbanking. Lauter schwarze Schafe, wo hin man sieht. Und wenn die Polizei anrückt, um die schwarzen Schafe bei Ihnen zu verhaften, reagieren Sie wie ein grüner Junge auf dem Schulhof: Das erzähle ich meinem großen Bruder. Was übrigens die „schwarzen Schafe“ angeht, das ist eine Systemlüge. Die Ställe sind schwarz, nicht die Schafe. Aber das wissen Sie, wenigstens das werden Sie doch wissen?
... an Peer Steinbrück
5. November 2012. Halten, um zu erhalten, den eigenen Ruf und das Geld anderer Leute, ist das Grundprinzip des Vortragswesens, sehr geehrter Herr Steinbrück. Ich halte zum Beispiel demnächst einen Vortrag und erhalte 250 Euro. Sie halten dauernd demnächst einen Vortrag und erhalten das Hundertfache. Na und, werden Sie sagen, ist das meine Schuld? Nein, ist nicht Ihre Schuld, ist die Schuld von Leuten wie den Geldrausschmeißern in Bochum, die 25.000 Euro überweisen, um Großvieh in den Stall zu locken, Exfinanzminister oder kostbare Bürger wie Gauck. Jeder weiß, sogar die Geldrausschmeißer in Bochum, dass kein Mensch einen Vortrag halten kann, dessen Sachgehalt 25.000 Euro wert ist. Noch dazu, wo in den vielen Vorträgen, die für das viele Geld gehalten werden, immer das Gleiche enthalten ist, während das, was man dafür erhält, jedesmal neu aufs Konto geht.
Eingekauft wird nicht Sachverstand, sondern Prominenz, wobei ich Ihnen den Sachverstand in der Finanzpolitik gar nicht absprechen will, sowenig wie Herrn Gauck den seinen in Sachen der Behörde, die er einst geleitet hat. Nur wird eben nicht der Sachverstand bezahlt, sondern Prominenz; genauso, wie beim Großvieh in den Vorstandsetagen nicht der Sachverstand bezahlt wird, sondern Vernetztheit und ökonomische Entscheidungsmacht. Niemand, wirklich niemand, kann Sachverstand für zig Millionen haben, nicht für zig Millionen Euro, übrigens auch nicht für zig Millionen Menschen. Dass niemand Sachverstand für zig Millionen haben kann, merkt man immer dann, wenn etwas schiefgegangen ist. Wenn alles glatt geht, liegt es am Sachverstand des Vorstands. Wenn etwas schiefgeht, kann der Sachverstand des Vorstands auch nichts dafür.
Und die Moral von der Geschichte? Was für `ne Moral. Als ob es bei solchen Geschichten um Moral ginge. Es geht um Macht. Und ich wette den linken Daumen, mit dem ich beim Schreiben die Leertaste drücke, dass die SPD mit Ihnen als Kanzlerkandidat nicht glücklich wird.
... an die GEZ
2. August 2012. Sehr geehrte GEZ, vor Jahren habe ich Ihnen einmal einen Brief über Ihre Briefe geschrieben, über deren Kaltschnäuzigkeit, Unhöflichkeit und Ununterzeichnetheit. Ich habe Ihnen seinerzeit angeboten, da ich ja Schriftsteller bin, neue Texte zu entwerfen, allerdings gegen ein GEZ-würdiges Honorar. Erwartungsgemäß sind Sie auf mein Angebot vor lauter Schreck nicht eingegangen, und so liegt mir inzwischen eine kleine Sammlung der kaltschnäuzigen, unhöflichen und ununterzeichneten Briefe vor, die sie an Ihre Teilnehmer verschicken, darunter auch solche mit Eintreibungsandrohungen an Verstorbene.
Nun zu Ihrem Brief vom 30. 7. 2012: Sie erkundigen sich nach einem Kennzeichen? Was für ein Kennzeichen? Das von meinem Moped? Ich habe kein Autoradio in meinem Moped.
Zur Betriebsstätte: Meine Wohnung wird seit Jahren als schriftstellerische Arbeitswohnung benutzt und ist bei Ihnen gemeldet. Falls der Ausdruck „schriftstellerische Arbeitswohnung“ zu viel für Sie ist: Wissen Sie, das sind so Dachstuben mit schrägen Wänden und einem Bett, worin ein ärmlicher Kerl liegt mit Nachtmütze auf dem Kopf, der auf einer Feder herumkaut. Also: Eine schriftstellerische Arbeitswohnung ist eine Wohnung, in der ein Schriftsteller wohnt und arbeitet, träumt und schreibt, aufs Klo geht und liest, Kaffee trinkt und Radio hört und noch andere privatmenschliche Dinge tut, die nicht in Ihren Gebühreneinzugs- kompetenzbereich fallen. In meiner Schriftstellerwohnung gibt es viele Bücher, allesamt gebührenfrei, aber kein TV. Deshalb ist auch keines gemeldet.
Vielleicht kamen deshalb vor zwei oder drei Jahren einmal Herren aus Ihrer Kontroll- und Überwachungsabteilung (die korrekte bürokratie-interne Bezeichnung dafür ist mir nicht geläufig) zu Besuch. Sie erkundigten sich, ob ich in der Wohnung arbeite, und machten auf dem Treppenabsatz kehrt, als ich bejahte. Ich ließ die Herren wissen, dass ich vielleicht ein Buch mit dem Titel Vorsicht Fernsehen! schreiben werde, worauf sie mir einen Anmeldebogen aushändigten. Aus dem Buchprojekt ist gottseidank nichts geworden, sonst hätte ich ja Fernsehen schauen, gucken, glotzen müssen.
Ich arbeite gelegentlich fürs Radio, und in meiner Schriftstellerwohnung befindet sich ein Radio, und dieses Radio in meiner Schriftstellerwohnung ist bei Ihnen angemeldet.
Was aber das Fernsehen angeht: Ja wissen Sie, ich halte Fernsehen für ein Idiotenmedium. Ich könnte Ihnen jetzt erklären, dass ich das mit dem >Idiot< griechisch meine und nicht als Beleidigung, will Sie jedoch nicht überfordern. Nehmen Sie aber zur Kenntnis, dass ich mir die Meinungsfreiheit erlaube, das Fernsehen für ein postfaschistisches Volksempfängermedium zu halten, so populär wie populistisch. Das müssen Sie weder verstehen noch muss es Ihnen gefallen. Allerdings müssen Sie sich gefallen lassen, auch wenn es Ihnen unverständlich ist, dass ich nun einmal kein Fernsehen schaue, gucke, glotze. Gleichwohl werde ich ab nächstem Jahr mit der Haushaltsabgabe gebührentechnisch – wie soll ichs sagen, darf ichs wagen? – gleichgeschaltet und muss für etwas bezahlen, was ich gar nicht haben, schauen, gucken und glotzen will.
Jetzt bezahle ich korrekt und zuverlässig, denn Sie haben eine Abbuchungserlaubnis, meine Gebühren für das Radio in meiner Schriftstellerwohnung, in der ich lebe und schreibe, meine Bücher abstaube, aufs Klo gehe, auf die GEZ – fluche, Kaffee trinke, gebühreneinzugszentralgenehmigt Radio höre, nicht fernsehe und andere privatmenschliche Dinge tue, die nicht in Ihren Gebühreneinzugskompetenzbereich fallen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Teilnehmer
... an Dirk Niebel
10. Juni 2012. Haben Sie eigentlich einen Doktor, sehr geehrter Herr Niebel? Naja, wenigstens haben Sie einen Teppich. Der Afghane wurde mit einem Flugzeug des Bundesnachrichtendienstes nach Deutschland und dann am Zoll vorbei von einem Fahrer mit dem Auto zu Ihnen nach Hause geschafft. Sie haben dazu erklärt, es tue Ihnen leid, dass Sie Ihre Mitarbeiter nicht angewiesen haben, den Teppich zu verzollen. An dieser Erklärung habe ich gemerkt, dass Sie nichts gemerkt haben. Sie halten es für völlig normal, dass Ihre Mitarbeiter, die ja nicht von Ihnen bezahlt werden, sondern aus Steuermitteln, sich um Ihre Privatsachen zu kümmern haben. Das mit dem Zoll tut ihnen leid, das mit den Mitarbeitern merken Sie nicht einmal. Es scheint für Sie und all das andere höhere – setzen Sie das Wort selber ein, aber behaupten Sie dann nicht, ich hätte Sie beleidigt. Setzen Sie einfach Ihr Käppchen auf und gucken in den Spiegel. Wen sehen Sie da? Na sehen Sie.
Jedenfalls scheint es für Sie und Ihresgleichen selbstverständlich zu sein, sich auch bei Privatsachen öffentlicher Mittel und steuerlich finanzierten Personals zu bedienen. Aber an einem Teppich aus Afghanistan bereichert man sich nicht, nicht einmal ein Dirk Niebel. Die ganze Nummer ist eine zum Lachen, ein Kabarettstück, und die Aufregung darüber scheinheilig. Wir alle dirksen, wir alle wulffen. Wir sind ja auch bloß Menschen mit Wohnzimmerteppichen oder hypothekenbelasteten Einfamilienhäusern. Das sind natürlich nur so Beispiele. Und wenn wir den entsprechenden allgemeinmenschlichen Schwächen nicht ausgesetzt sind, liegt es meistens nicht an einem Überschuss an Moral, sondern am Mangel an Gelegenheit. Und Gelegenheit macht Teppichschmuggler, oder wie ging gleich nochmal der Spruch?
PS: Was ich Ihnen noch sagen wollte, sehr geehrter Herr Niebel: Wer einen Teppich hat, bekommt es schnell mit den Medien zu tun. Ich weiß, wovon ich rede. Wir sind da Leidensgenossen. 2009 wurde mir anläßlich der Inbetriebnahme des fackel kopf vom Tagesspiegel eine junge Journalistin für ein Autorenporträt auf die Bude geschickt. Das Porträt war recht nett, aber meinen Teppich hat sie beleidigt. Sie schrieb, mein Arbeitszimmer sähe aus wie eine Dichterklause aus dem Bilderbuch. Naja, was junge Leute sich halt unter einer >Dichterklause< so vorstellen mit viel Spitzweg im Kopf. Und wenn mehr als zwei Regalmeter Bücher zu sehen sind, erschrecken sie vor der Belesenheit. Die junge Journalistin behauptete, mein Teppich sei alt - und hätte früher mal ein Muster gehabt. Früher! Dabei ist das Muster von meinem Teppich auch heute noch genau zu erkennen, so genau, als wäre der Teppich erst gestern von einem korrekt verzollten Kamel aus Afghanistan in mein Arbeitszimmer transportiert worden.
... an Joachim Gauck
18. März 2012. In meinem ersten Offenen Brief an Ihren vorübergehenden Amtvorgänger, sehr geehrter Herr Gauck, den ich kurz vor Weihnachten geschrieben habe, legte ich spaßeshalber das Versprechen ab, auch Ihnen einen zu schreiben, falls es tatsächlich so weit kommen sollte, dass. Jetzt ist es tatsächlich so weit gekommen, dass. Auch an den Vorgänger Ihres Vorgängers hatte ich schon einen Offenen Brief geschrieben, und weil ich nicht die Zeit habe, dauernd an vorübergehende Bundespräsidenten zu schreiben, möchte ich Sie bitten, recht lange im Amt zu bleiben.
Bei Ihrem ersten Anlauf, der noch an dem Vorübergegangenen gescheitert ist, war ich nicht für Sie. Nicht, weil ich gegen Sie war, sondern weil mir die Kulturleute mit ihrem Gauck-Getue auf die Nerven gingen. Ich bekam zum Beispiel eine Rundmail mit der Aufforderung, mich mit einer Rundmail für Sie einzusetzen. Künstler lieben Symbole. Wenn sie sich politisch engagieren, engagieren sie sich symbolpolitisch. Die meisten Übelstände in der Welt sind so hässlich, dass sich schöne symbolpolitische Aktionen nicht mit künstlerischen Ansprüchen vertragen. Deshalb suchen Künstler und Literaten nach Gelegenheiten, ihr analytisch meist eklatant unterentwickeltes politisches Bewusstsein in ansprechender Form ans Publikum zu bringen.
Im Falle des Versuchs, Ihren Vorgänger zu verhindern, war eine dieser Formen eben diese Rundmail voller aufgeblasener Formulierungen und dermaßen in Moral und Selbstgerechtigkeit gebadet, dass ich sie schon aus ästhetischen und appetitlichen Gründen unmöglich unterschreiben konnte. Es war auch die Rede davon, dass Sie ein Präsident aller Deutschen sein würden. So dürfen Politiker reden, bei Künstlern wirkt das abstoßend. Jedenfalls habe ich auf die Rundmail mit der Erklärung reagiert, ich wäre nun „ganz faschistisch für Wulff“.
Bin ich heute „ganz antifaschistisch für Klarsfeld“? Nein. Die Dame hat ihre Naziverfolgungsverdienste, ist aber sonst ein ignorantes, wichtigtuerisches und eitles Persönchen. Also bin ich heute „ganz antistalinistisch für Gauck“? Nein, tut mir leid. Ich habe nichts gegen Sie als Würdenträger, und was die von Ihnen geleitete Stasi-Behörde anbelangt, so war (und ist) das alles in allem eine Sache, die vergleichsweise gut und vernünftig gelaufen ist, so gut und vernünftig, dass sie von anderen Gesellschaften in Transformationsprozessen nachgeahmt, oder, wo das nicht möglich war, beneidet wurde. Die Verdienste, die Sie da haben, werden durch das, was Sie sonst so politisch zu meinen belieben, nicht geschmälert.
Aber auch, wenn es Ihnen gelingt, wirklich so zu tun, als könnten Sie – oder irgendjemand sonst – der Präsident aller Deutschen sein, wie die Künstler es seinerzeit ausdrückten, bin ich nicht für Sie. Nicht, weil ich gegen Sie bin, sondern weil ich mir als denkender Staatsbürger das Recht herausnehme, es mir egal sein zu lassen, welcher Bundespräsident als nächster zurücktritt oder im Amt bleibt. Es gibt wichtigeres als die Stuhlbesetzung im Schloss Bellevue. Deshalb verspreche ich dieses Mal, nie wieder einen Offenen Brief an einen Bundespräsidenten zu schreiben, so bunt der Präsident es auch treiben mag.
... an Christian Wulff
17. Februar 2012. Es hat ja nun recht lange gedauert, sehr geehrter Herr Wulff, bis sie sich gezwungen gesehen haben, sich nicht länger zu einem Rücktritt nicht zwingen zu lassen. Entschuldigung, dass ich das so kompliziert ausdrücke, aber das liegt daran, dass Sie so kompliziert herumdrucksten die ganze Zeit. In meinem ersten Brief an Sie, gerade zwei Monate liegt der zurück, habe ich vermutet, dass Ihnen ein Mann nachfolgt, der Ihnen vielleicht doch besser gleich vorgezogen worden wäre. Aber das wird die Kanzlerin zu verhindern wissen wollen (schon wieder so eine komplizierte Formulierung), weil das dem Eingeständnis gleich käme, bei der ersten Wahl, also der Ihren, so drittrangig gehandelt zu haben, dass man nun auf die zweite zurück greifen und Herrn Gauck doch noch ins erste Staatsamt wählen muss. Aber das ist ja nicht mehr Ihr Problem. Sie werden sich ein wenig mit der Staatsanwaltschaft balgen, und dann, wenn alles überstanden ist, werden Sie ihre Hotelrechnungen, ihre Flugreisen, ihre Autos und den ganzen Kram selber bezahlen, weil die Zahl der Einladungswilligen deutlich abnehmen wird. Und falls doch mal jemand versehentlich die Rechnung begleicht, wissen wir, dass Sie immer genug Bargeld dabei haben, um das am Tresen oder zwischen Tür und Angel wieder glatt zu stellen. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau Bettina rasche Genesung von den Verletzungen, die Ihnen die Meute der sogenannten Vierten Gewalt zugefügt hat. Manchmal jagen eben die Hasen die Wölfe.
... an Christian Wulff
20. Dezember 2011. Vor ziemlich genau anderthalb Jahren, sehr geehrter Herr Bundespräsident, habe ich an Ihren Vorgänger einen Offenen Brief geschrieben, in dem es um Außenpolitik ging und um die präsidiale Ungeschicklichkeit, die Wahrheit allzu ungeschminkt auszuplaudern. Im Offenen Brief an Sie geht es um Innenpolitik und um die präsidiale Geschicklichkeit, möglichst wenig Wahrheit zu sagen ohne zu lügen. Sie haben ja mal ein Buch veröffentlicht mit dem Titel Besser die Wahrheit. Naja, die Wahrheit ist, dass man sie besser nicht sagen soll, aber ohne zu lügen, um die Wahrheit zu sagen. Es kann einem ganz schwindlig werden dabei, selbst wenn man überhaupt nicht geschwindelt hat. Alle fallen über einen her. Dabei hat man doch gar nichts gemacht.
Das ist nun aber das eigentliche Problem mit Ihnen als Staatsoberhaupt. Das Sie gar nichts gemacht haben, überhaupt nichts. Ein paar integrative Bemerkungen über Integration, sonst kam von Ihnen (und Ihren Redenschreibern) nichts zu den Themen, die den Leuten am Herzen und auf der Seele liegen.
Der Herr Gauck hätte das sicher besser und nicht gar nichts gemacht. Allein schon deshalb, weil Herr Gauck es gar nicht aushalten würde, überall und über alles hauptsächlich den Mund zu halten. Herr Gauck würde es wahrscheinlich sogar fertig bringen, seine Reden selbst zu schreiben.
Dabei ist das gar nicht wichtig. Wichtig wäre, wie soll ich sagen, wichtig wäre, kein Pappkamerad zu sein, sondern Staatsoberhaupt. Unsere sogenannte politische Klasse ist in einem desolaten Zustand. Andererseits war die politische Klasse früher, als auch nicht alles besser war, ebenfalls in desolatem Zustand. Eigentlich ist die politische Klasse immer in desolatem Zustand, jedenfalls in den Augen des sogenannten normalen Bürgers, der ebenfalls und eigentlich immer in desolatem Zustand ist.
Dennoch wäre es erfrischend, wenn der Bundespräsident mal was sagen würde, es muss ja nicht gleich die ganze Wahrheit sein. Die von Ihnen repräsentierte Nichtpräsenz schlägt einem auf Dauer doch aufs staatsbürgerliche Gemüt. Und Sie sind doch erst so kurz im Amt. Wo soll denn das hinführen, wenn es so weitergeht mit Ihnen? Oder denken Sie etwa an Rücktritt? Dann wird womöglich doch noch Herr Gauck – nicht auszudenken. Dem schreibe ich dann auch einen Offenen Brief, versprochen.
... an Charlotte Roche
14. August 2011. Sie haben einen Arsch in der Hose, sehr geehrte Frau Roche, das muss ich schon sagen, auch wenn ich damit nicht meine, dass es ein „Arsch ist, wie so ein Arsch eben ist“. Das haben Sie in einem Interview allerliebst über Ihren Allerwertesten geäußert. Ob es stimmt, kann ich nicht beurteilen, ich kenne Ihren Arsch nicht persönlich. Und das mit dem in der Hose meine ich eher metaphorisch. Vielleicht so ähnlich, wie Sie die Schoßgebete eher metaphorisch meinen. Der Titel ist genial. Der Titel Feuchtgebiete war auch genial. Der teeninfantile Text hat mir ebenfalls gefallen, sehr sogar, vom handwerklichen Standpunkt aus betrachtet. So etwas muss man ja können, und wenn man es kann, muss man es auch bringen, man muss einen – genau.
Die Feuchtgebiete liegen bei mir auf dem Nachtschrank. Naja, nicht direkt bei mir, sondern bei Helen in meinem Roman Manneswehen, die ein klein wenig absichtlich so heißt wie die Helen in Ihrem Roman Feuchtgebiete. In Manneswehen liegt Feuchtgebiete auf Helens Nachttisch, und Mitschläfer Max wundert sich, warum seine Frau ein Pflaster auf den Buchdeckel geklebt hat. Er versteht nicht viel von Literatur, der Max. Er ist Spezialist für Seniorenduschen und heißt Vola mit Nachnamen, Vola wie die skandinavische Edelmarke unter den Hebelmischern.
Ursprünglich war Max Vola nicht der Name des Romanhelden, sondern das Pseudonym des Romanautors. Der Roman selbst hieß ursprünglich Nasszellen, natürlich ein Echo auf die Feuchtgebiete. Ich schrieb den Roman in drei Monaten und wollte ohne meinen Namen auf dem Cover oder meinetwegen ohne Arsch in der Hose ein wenig Geld verdienen. Das Buch erschien im Juni 2009 unter dem Titel Manneswehen im Verlag mit der Fliege. Ich war damals in Klagenfurt, um aus meinem Roman Fifty Blues zu lesen, übrigens auf Einladung von Ijoma Mangold - ich nehme an, Sie kennen ihn. Die Einladung nach Klagenfurt danke ich Mangold immer noch, obwohl Fifty dort glücklos blieb. Das lag auch daran - aber das ist eine andere Geschichte.
Die Manneswehen kamen nicht unter Max Vola heraus, sondern unter meinem Namen. Darauf hat der Verlag, der damals ganz knapp gerade noch nicht pleite war, bestanden. Und leider hat der Verlag in seiner damals gerade noch solventen Inkompetenz den Roman auf einem Niveau beworben, für das ich mich zu Tode geschämt hätte, wäre ich nicht immer noch am Leben. Weil der Roman-Max sich einer Sterilisation unterzieht, machte der Verlag beispielsweise Reklame mit der Formulierung: Was passiert, wenn das beste Stück des Mannes in die Werkstatt muss? Oder so ähnlich. Der Verlag hielt das für Humor, ich für unter Niveau und geschäftsschädigend dazu. So kam es dann auch.
Von den großen Feuilletons wurde das Buch ignoriert. Die mittleren Zeitungen druckten reihenweise eine dpa-Rezension ab, in der die Manneswehen völlig verkehrt als männliches Pendant der Feuchtgebiete beschrieben wurden. Dieser dpa-Text monopolisierte die Berichterstattung über die Manneswehen in den mittleren und kleinen Feuilletons. Ich glaube, dpa und die Rezensentin haben an dem Buch mehr verdient als der Verlag und der Autor. Womit ich aber nicht gesagt haben will, dass der alte Hebelmischer Max Vola schuld daran ist, dass die Fliege noch zwei Jahre blind gegen die Scheibe brummte und dann erschöpft auf der Fenster- und bei der Geschäftsbank liegen blieb.
Literarisch bedauerlich war an der ganzen Geschichte, dass den Manneswehen von den Feuchtgebieten die, naja, die Eier abgeschnitten wurden. So ähnlich stand es tatsächlich in einer der wenigen mittleren Zeitungen, die nicht die dpa Rezension druckten. Der Rezensent meinte, die Manneswehen würden die Feuchtgebiete parodieren, wie in den 80ern Ich war der Märchenprinz den Untergang des Märchenprinzen von Svende Merian parodiert hatte.
Diese Leseweise war Blödsinn, und zwar absichtlich böswilliger. Niemand, der Manneswehen unvoreingenommen liest, käme auf die Idee, darin eine Parodie der Feuchtgebiete zu sehen, trotz der kleinen Verbeugung, die darin besteht, dass ich meiner Helen, die im Unterschied zu der Ihren eine erwachsene und sehr vernünftige Frau ist, Ihren rosaroten Roman mit dem Pflaster auf den Nachttisch lege – übrigens ohne den Titel zu nennen.
Ach, jetzt habe ich nur über Ärsche geschrieben: über Ihren, meinen und einen Rezensenten. Kein Wort über Sex. Wie obszön.
... an Minister zu Guttenberg a.D.
2. März 2011. In meinem Brief vom 23. Februar, sehr geehrter Herr zu Guttenberg, habe ich mir machiavellistische Sorgen um den Arsch in Ihrer Hose gemacht. Und schwuppdiwupp, schon fällt die Tanne. Machen Sie's gut, alter Oberfranke. Mit unterfränkischem Gruß.
... an Dr. zu Guttenberg a.D.
23. Februar 2011. Einen akademischen Titel, sehr geehrter Herr Doktor zu Guttenberg, kann man nicht in die Ecke stellen wie ein Paar Schuhe, die auf einmal drücken. Aber die Art, wie Sie das Rin-in-die-Pantoffeln, Raus-aus-den-Pantoffeln durchziehen, passt wie die Faust aufs Auge oder der Stinkfinger ins – Sie wissen schon. Ich drücke mich bewusst proletarisch aus, nicht aristokratisch, Ihr Adel verpflichtet nicht mich. Akademisch mag ich mich ebenfalls nicht ausdrücken und lasse mein eigenes Doktorchen beiseite. Sonst würde ich es nicht fertig bringen, mir an diesem Thema die Finger schmutzig zu machen, den moralischen Zeige- und den polemischen Stinkfinger.
Interessant an der ganzen Geschichte mit Ihrer Dissertation ist nicht, dass Sie Geschichten gemacht haben bei deren Abfassung. Das kommt bei hohen Tieren häufiger vor, wird von Großwildjägern (vulgo: Journalisten) gelegentlich aufgedeckt und nach kurzer Empörung von der medialen Alzheimergesellschaft schnell wieder vergessen:
- Erinnert sich noch jemand an die Doktorarbeit von Frau Schröder, nicht der Doris, Mann, der Kerstin? Sie hat bei Professor Falter in Mainz promoviert. Das ist der, der immer bei Sabine Christiansen rumgeflattert ist. Die Doktorarbeit von Frau Schröder handelte irgendwie von Gerechtigkeit und Gleichheit und wie das mit der männlichen und weiblichen Wählerschaft der Union zusammen hängt. Da sie wie Sie wichtigeres zu tun hatte, als herumzuforschen, heuerte sie für ihre Disse eine wissenschaftliche Hilfskraft an. Diese Hilfskraft war Wissenschaftlicher Mitarbeiter ihres Doktorvaters Professor Falter.
- Erinnert sich noch jemand an die Doktorarbeit von Frank Schirrmacher, heute Herausgeber der FAZ? Der hat 1988 in Siegen bei Professor Gumbrecht seine erweiterte Magisterarbeit als Dissertation eingereicht, nicht heimlich, sondern ganz normal promotionsordnungsgemäß. Weil Gumbrecht gleichzeitig Autor der FAZ war, hat es darüber in anderen Zeitungen präcoxiale Erregungsergüsse gegeben. Gumbrecht meinte damals: „Dass da im Falle Schirrmacher Gefälligkeit im Spiel gewesen sein soll, ist eine absurde Behauptung.“ Das unbedachte Wörtlein >absurd<, das bei Ihnen zum Rohrkrepierer wurde, hatte für die Jungs damals keine Folgen. Ganz erledigt war die Sache dadurch aber für Schirrmacher doch noch nicht, denn er führte seinen Titel zu früh. Das ist Ihnen, wie ich höre, auch passiert. Solche Sachen tut man ja nicht, die passieren einem halt, tschuldigung, war bloß ein Versehen, eine Schlamperei. Genau das sagte Schirrmacher, als man ihn darauf ansprach, warum er in einem Beitrag für das biographische Munzinger Archiv den Promotionsabschluss zwei Jahre vordatiert hatte: „Eine Schlamperei, gewiss.“
- Erinnert sich noch jemand an Dr. Friedrich Merz, den Frau Merkel, obacht, Herr Guttenberg, politisch ausgemerzt hat? Der hat auch abgeschrieben: eine Karnevalsrede aus dem Internet. Das war eine Lachnummer. Dabei hat er vermutlich nicht einmal selbst abgeschrieben, sondern das einen Geisterschreiber erledigen lassen.
Wer viel auf sich hält und mehr aus den anderen heraus holen will kümmert sich um öffentliche Promotion, englisch gesprochen, nicht um die akademische Promotion. Als ob je ein Politiker seine Aufsätze und Bücher eigenhändig verfasst hätte - von Winston Churchill abgesehen. Aber der war schließlich Träger des Literaturnobelpreises.
Dass Politiker nur höchst teilweise selber schreiben, sogar nach ihrer politischen Verschiebung auf die lange Bundesbank, hätte man etwa an diesem verhurten Anschaffungsbuch von Dr. Sarrazin sehen können, wenn man hingeguckt hätte. Natürlich hatte er Mitarbeiter (einen journalistischen erwähnt er in seiner Danksagung) und Zuträger, die übrigens die Quellen auch nicht immer korrekt nach sogenanntem wissenschaftlichen Standard referieren - doch nie aus Absicht, stets mit ehrlichster Inkompetenz.
Sei's drum. Sie dürfen darauf hoffen, dass sich die dumme Angelegenheit rasch wegalzheimert und so schnell vergessen wird, dass sie nicht mehr vergeben werden muss. Mag die B-Zeitung nur zum hausgemachten Plebiszit beim Plebs schreiten, so müssen Sie das doch allein aussitzen, am besten auf dem Hochsitz einer oberfränkischen Wettertanne. Dafür braucht's allerdings einen Arsch in der Hose. Der Arsch in Ihrer Hose scheint sehr darauf angewiesen zu sein, dass Dr. Seehofer und Dr. Merkel die Axt nicht an den Tannenbaum legen.
Einstweilen haben Sie Glück. Seehofer will Sie im Spiel halten, damit der Dr. Söder, der ihm schon genug Ärger in München macht, es nicht noch ärger treibt, wenn Sie entpromoviert aus der Bahn fliegen und dem promoviert bleibenden Söder die seine frei machen. Seehofer hält Sie, damit er Sie bei besserer Gelegenheit fallen lassen kann. Merkel will Sie im Spiel halten, weil Sie selbst im Spiel bleiben will. Die Wettertanne durch eine Kabinettsumbildung zu fällen wäre wie Sägen am eigenen Ast.
Zum Schluss wollte ich eigentlich auf die Haltung eingehen, die hinter Ihrem Verhalten steckt. Dafür müsste ich Ihnen aber erklären, was ein Schloch ist. Sie können das mit dem Stinkfinger von oben in Verbindung bringen, müssen aber nicht, denn ich will mich akademisch von Ihnen verabschieden. >Schloch< ist nur ein anderes Wort für >Fürst<. Il Principe heißt ein Buch von Niccolo Machiavelli. Sie haben als gebildeter Mensch sicher davon gehört. Es ist eine Art Gebrauchsanweisung des Machterwerbs und Machterhalts, ursprünglich geschrieben für die Schlochs von Florenz im frühen 16ten Jahrhundert, aber bis heute lehrreich für alle Schlochs, die etwas werden und bleiben wollen. Darin heißt es:
„Wer zur Herrschaft gelangt mit Hilfe der Großen, behauptet sich weniger leicht, als wer mit Hilfe des Volkes Fürst geworden ist.“
Für Sie trifft beides zu: Sie sind politisch hoch gekommen mit Hilfe der Großen und bleiben vorerst politisch oben mit Hilfe des Volkes. Aber wie behält man die Zustimmung des Volkes? Da gibt es „verschiedene Möglichkeiten“, schreibt Machiavelli, „die von den Umständen abhängen und sich daher nicht in bestimmte Regeln fassen lassen, weshalb ich sie hier übergehe.“ Machiavelli scheint ratlos zu sein. Vielleicht fragen Sie mal den Professor Falter.
... an Frank Bsirske
1. Oktober 2010. Neulich hast Du mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, lieber Frank, als ich einen Brief aus dem ver.di Umschlag zog: "Lieber Kollege Preisendörfer", las ich, "vielleicht erinnern Sie sich noch an den November 1985?" Wieso denn 85? Sonst wird man immer nach dem November 89 gefragt. Wo warst Du eigentlich, Frank, als die Mauer aufging? Ich war am anderen Ende der Sonnenallee und hab auf Trabidächer geklopft, und um drei Uhr in der Früh hat mich ein schluchzender Taxifahrer nach Hause in den Reuterkiez gebracht, dem damals nicht anzusehen war, wie hipp er einmal sein würde. Der weinende Chauffeur stellte sich übrigens beim Bezahlen als Koreaner heraus. Er hoffte, bei ihm zuhause wäre es nun auch bald soweit. Der arme Kerl wartet immer noch.
Aber davon wollte ich gar nicht schreiben. Sondern vom November 85. Der ist nämlich der Grund, warum ich Dich duze. Weil Du doch mein Gewerkschaftsführer bist. Obwohl ich im Brief gesiezt wurde, sagen wir Kolleginnen und Kollegen alle >du< zueinander. Das ist in der Gewerkschaftsbewegung nun einmal uso, um es mit einer Bürowitzelei zu sagen. Das ist uso, zum Bleistift. Schönen Schrank auch.
Doch nicht wegen der Worte schreibe ich Dir, sondern wegen der Taten. Du musst aber nicht gleich erschrecken, obwohl auch ich erschrocken bin. Es geht jedoch nicht um eine Kritik der neuen Grundsatzerklärung vom März 2010, sondern um den November 1985. Ich hänge nämlich an der Nadel. Oder die Nadel an mir. Die Nadel kullerte aus dem Brief, in dem ich nach dem November 1985 gefragt wurde. Es war eine Ehrennadel und zu ihr gehörte eine „EhrenUrkunde zur 25-jährigen Mitgliedschaft in der Gewerkschaftsbewegung“.
Das mit der >Gewerkschaftsbewegung< ist eine Notlösung. Denn obwohl ich heute Mitglied bei ver.di bin, trat ich im November 85 der dju bei. Später trat die dju der IG Druck bei und nahm mich mit. Dann trat die IG Druck der IG Medien bei und nahm mich mit. Dann trat die IG Medien ver.di bei und nahm mich mit. Deshalb bin ich heute nicht seit 25 Jahren Mitglied einer Gewerkschaft, sondern Mitglied der ganzen Bewegung.
Schön.
Aber was mache ich mit der Urkunde?
Was verdammt mache ich bloß mit der Urkunde?
Das war es eigentlich, was ich Dich fragen wollte.
... an Horst Köhler
2. Juni 2010. Da verquatscht man sich einmal, sehr geehrter Herr Köhler, und piff-paff wird man medial abgeschossen, als wäre man nicht Präsident, sondern bloß präpotent, der oberste Feldwebel. Hätten Sie das, was Sie gesagt haben, nicht in einem Interview gesagt, sondern in einer Rede, dann hätten Sie es wahrscheinlich überhaupt nicht gesagt. Denn die Verlautbarungen des Präsidenten sind keine persönlichen, sondern eben präsidiale Verlautbarungen und müssen von den Fachressorts gegengezeichnet werden. Die inkriminierte Passage, ich schreibe und reibe Sie Ihnen gleich nochmal unter die Nase – die inkriminierte Passage also hätte im Fall einer Rede durch das Verteidigungsministerium und durch das Außenministerium abgezeichnet werden müssen. Und wäre dann vermutlich gestrichen worden. Man muss ja nicht gleich alles ausplaudern, was man so denkt und vor allem, was man so macht. Verzeihen Sie den Kalauer: Aber Macht kommt von machen, und wenn man Quatsch macht, verliert man sie. Das ist Ihnen jetzt passiert auf dem Rückflug von Shanghai, denn da kamen Sie eigentlich her, nach einem Zwischenstopp mit Truppenbesuch in Masar-i-Scharif.
Im Flieger haben Sie einem Reporter des Deutschlandradio Kultur ins Mikro gesagt:
„Wir brauchen einen politischen Diskurs, wie es kommt, dass Respekt und Anerkennung zum Teil doch zu vermissen sind, obwohl die Soldaten so eine gute Arbeit machen.“
Da kann man Ihnen nur Recht geben, sogar, wenn man den Einsatz ablehnt. Es ist wirklich ziemlich ekelhaft, Leute dort die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen und sie dann auch noch dafür zu beschimpfen, beziehungsweise sich einen Dreck um die Probleme dieser Leute zu kümmern. Unsere Mittelschichten neigen ja dazu, putzen zu lasen, und so lassen sie eben auch im Ausland putzen. Die anderen machen den Dreck weg und die eigenen Söhne und Töchter Karriere. Ich habe im fackel kopf unter der Rubrik Was wäre wenn einen Text darüber geschrieben: Was wäre, wenn Wehrpflichtige kämpfen müssten.
Aber weiter im >Diskurs<:
„Ich glaube, dieser Diskurs ist notwendig, um einfach noch einmal in unserer Gesellschaft sich darüber auszutauschen, was eigentlich die Ziele dieses Einsatzes sind.“
Ein paar Sätze später folgt dann die >inkriminierte Passage<:
„Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden, und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“
Nur Sie waren auf dem Holzweg, als Sie das dem Reporter ins Mikro gestottert haben. Freie Handelswege! Wie ungeschickt. Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit. Wenn ein Präsident sie aus Versehen auch mal sagt, wird ihm medial der Hintern versohlt wie einem ungezogenen Balg.
Die deutsche Militäraußenpolitik hat sich in den letzten fünfzehn Jahren dramatisch verändert: An die Stelle der permanenten Fähigkeit zur Mobilisierung eines Massenheeres, wie es zur Verteidigungsauffassung im Kalten Krieg gehörte, ist die Vorstellung einer kleinen, aber schlagkräftigen und hochprofessionellen Interventionstruppe getreten. Die alte Wehrpflichtigenarmee ist dabei nur noch ein Klotz am Bein – oder meinetwegen am Panzer, Kriegsschiff und Kampfflieger. Deshalb wird jede Gelegenheit genutzt, die Wehrpflicht so lange auszuhöhlen, bis sie ganz zusammenbricht und nur die Berufsarmee übrig bleibt. Selbst die Konsolidierung des Staatshaushalts wird neuerdings als Argument benutzt, um die gerade erst auf sechs Monate reduzierte Wehrpflicht weiter abzubauen.
Die guten Leutchen aus der alten Friedensbewegung finden das toll. Sie finden die Wehrpflicht böse, wegen der Weltkriege und so. Diese moralisch weit über ihren analytischen Verhältnissen lebenden Menschen haben so furchtbar viel aus der Vergangenheit gelernt, dass sie schrecklich wenig begreifen von den Gefahren der Zukunft. In der Zukunft, schon in der allernächsten, würde eine Wehrpflichtigenarmee den militärischen Interventionen, Teil-, Halb-, Unter- und Sonderkriegen wegen ihrer legitimatorischen Unbeholfenheit nur im Wege stehen, während eine fein und fies ausgebildete Berufstruppe ihre Jobs mit Professionalität und ohne Aufhebens erledigt.
Dabei geht es nicht einfach um spätimperialistische Interessen, wie es sich die Clownsköpfe der Linkspartei vorstellen, namentlich Klaus Ernst:
„In Afghanistan riskieren Bundeswehr-Soldaten Gesundheit und Leben für Exportinteressen riesiger Konzerne.“
Ein bißchen viel komplizierter ist die Sache schon. Wie kompliziert, sieht man an Ihnen. Sie wollten gar nicht mit dem Säbel rasseln, sondern erstmal drüber reden, und sind prompt über ihn gestolpert.
... an Joseph Ratzinger
24. März 2010. Zum zweiten Mal, sehr geehrter Herr Ratzinger, schreibe ich Ihnen einen offenen Brief, diesmal geht es nicht um Auschwitz und die Kirche, sondern um die Kirche und die Küken, die Ihren zölibatären Jungs in die Hände gefallen sind. Darüber haben Sie als Hirte Ihrer Herde einen Brief geschrieben, der mich nun zu dem meinen inspiriert. Dabei bin ich kein Schäfchen von Ihnen, aus der Christenheit kann man austreten. Aus der Menschheit aber nicht. Außerdem: Einmal katholisch – immer katholisch. Das ist eine Frage der Grund- und Urerziehung, nicht der Kirchensteuer.
Bei dem, was derzeit an Diskussionen in der industriell organisierten Öffentlichkeit zum Quotenbringer Sex und Kirche stattfindet, könnte man dazu neigen, päpstlicher zu sein als der Papst. Nachdem man Ihren Brief an die Herde gelesen hat, überlegt man es sich schnell wieder anders. Sie schreiben von der
„... Tendenz vieler Priester und Ordensleute, Weisen des Denkens und der Einschätzung säkularer Realitäten ohne ausreichenden Bezug zum Evangelium zu übernehmen. Das Programm der Eneuerung, das das Zweite Vatikanische Konzil vorgelegt hat, würde häufig falsch gelesen; im Licht des tiefen sozialen Wandels war es schwer, die richtigen Weisen der Umsetzung zu finden. Es gab im Besonderen die wohlmeinende, aber fehlgeleitete Tendenz, Strafen für kanonisch irreguläre Umstände zu vermeiden. In diesem Gesamtkontext müssen wir das verstörende Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu verstehen versuchen, das nicht wenig zur Schwächung des Glaubens und dem Verlust des Respekts vor der Kirche und ihren Lehren beigetragen hat.“
Die Kinderschänderei ist für alle, die nicht nur vorm, sondern auch vom Altar leben, eine ganz dumme Sache. Aber >fehlgeleitete Tendenzen< nach dem Konzil sind nicht daran schuld. Schuld daran ist vielmehr alles, was Ihre zweitausend Jahre alte Institution groß und stark gemacht hat. Dieser religiöse Rechts-, Verwaltungs- und Machtapparat hat schon ganz andere Sachen verbrochen als den Knäblein – Sie verzeihen schon, Heiliger Vater – väterlich an die Eier zu greifen.
Ich will Sie nicht mit dem alten Hexenkram langweilen oder der kolonialistischen Gewaltmission oder dem Ausrotten von Sekten, die der Heiligen Mutter Kirche ihren religiösen unique selling point streitig machten.
Alle diese Sachen hat die Kirche überlebt, alle ihre Widersacher und alle Verbrechen, die sie an ihren Widersachern verübt hat. Über die aktuelle Situation der Kirche sind Sie trotzdem erschrocken. Sie erkennen genau das Problem: Die Macht der Kirche schrumpft. Sie ist ja nicht bloß ein Verein, dem die Mitglieder weglaufen und wegsterben, sondern – aus der Perspektive des Katholiken – die Mittlerinstitution zwischen Gott und Mensch.
Wenn diese Institution an Macht verliert, werden die schlimmen Erinnerungen an die Katakombentage der Frühzeit wieder wach. Und wer weiß: Vielleicht führt bei fortschreitender Fragilisierung der lange Zeit mächtigen, ach, übermächtigen Institution ein unschuldiges Büblein in Pfarrers Bett zu größerer Bedrohung als einst der Verfolgungszirkus des Kaiser Nero. In Ihrem Brief mahnen Sie die Priester und Ordensleute:
„Ich weiß, dass viele von Euch von der Art und Weise, wie diese Dinge von Euren Oberen behandelt wurden, enttäuscht, verwirrt und verärgert sind. Trotzdem ist es wesentlich, dass Ihr eng mit den Autoritäten kooperiert und helft, dass die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise wirklich dem Evangelium gemäß, gerecht und effektiv sind.“
Einer Ihrer historischen Gotteskrieger, Ignatius von Loyola, hat geschrieben:
„Wir müssen jeweils mehr bereit sein, sowohl die Anordnungen und Weisungen wie auch die Gewohnheiten unserer Vorgesetzten zu billigen und zu loben; denn wenn auch einige nicht lobenswert sind oder waren, so würde doch, spräche man dagegen, sei es in öffentlichten Predigten oder in Äußerungen vor dem gewöhnlichen Volk, dies eher Murren und Ärgernis als Nutzen bewirken.“
Ihre wenig beneidenswerte Aufgabe besteht darin, das murrende Volk zufrieden zu stellen ohne die Autorität der Kirche als Institution zu gefährden. Wie ihre Chefkollegen in Politik und Wirtschaft bleibt Ihnen wenig anderes übrig, als es mit Sündenböcken zu versuchen. Wenn Sie genug dieser Böcke in die Wüste und zu den Staatsanwälten schicken, kommt der Stall insgesamt wohl noch einmal davon.
... an Günther Jauch
29. November 2009. Als Quizmaster, sehr geehrter Herr Jauch, haben Sie viel Anerkennung gefunden und sich bei Leuten, die nicht so genau wissen, was das ist, den Ruf des Intellektuellen erworben. Erst neulich habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen – online übrigens, was Sie hoffentlich nicht erschreckt – Sie seien „Deutschlands wohl berühmtester Fürsprecher klassischer Bildungsideale“. Das ließ mein Herz höher schlagen. Der Rateonkel als Bildungsideal. Obwohl Sie ja wirklich hinreißend sind, wenn Sie bis vier zählen beim abcd-Sagen. Und wie maliziös Sie dabei grinsen. Mir gefällt das. Meine Mutter mag den Pilawa lieber. Sie seien immer so zynisch, sagt sie.
Ich kann das nicht vergleichen. Ich sehe kaum fern. Fernsehen langweilt mich. Zu unterkomplex. A, b, c oder d – wenn nicht mehr drin ist im Kasten kann auch nicht mehr rauskommen. Wenn ich mal etwas anschaue, dann meistens einen Tierfilm. Aber ohne Ton. Mit Ton ist es kaum auszuhalten. Nicht wegen der Geräusche der Tiere, sondern wegen der Kommentare der Menschen.
Früher, als ich noch einen Fernseher hatte, aber das ist schon lange her, habe ich manchmal bei den Nachrichten Hemden gebügelt. Ich brauchte nicht hinzusehen (nur auf die Hemden). Bei den Fernsehnachrichten ist es genau umgekehrt wie bei den Tierfilmen. Da reicht der Ton. Da sind die Bilder ohne Ton unverständlich, der Ton ohne die Bilder ist es nicht.
Talkshows und Ratesendungen sind auch eine Art Tierfilme. Ich meine das nicht böse. Die armen Tiere. Ich meine es eher so, dass in Talkshows die Leute ihr Leben auf ähnliche Weise erklären wie Naturfilmer das Verhalten der Tiere. Falls irgendwelche Außerirdischen die Schüsselwellen auffangen und sich das angucken, muss ihnen, was sie da zu sehen kriegen, etwa so vorkommen wie das, was wir sehen, wenn wir Tierfilme anschauen. Ich vermute, den Außerirdischen wäre das Fernsehen so peinlich wie uns ein onanierender Affe im Käfig.
Neulich zum Beispiel. Drei Primaten hatten großen Spaß, saßen im TV und erzählten uns was:
A. Das Internet überflutet mit Reizen.
B. Google ist eine Machtmaschine.
C. Facebook heizt das Kommunikationsbedürfnis an.
D. Digitale Medien sind Zeitfresser.
So schilderten Sie und Frank Schirrmacher bei Beckmann im Fernsehen das Internet. Das Internet in der Wirklichkeit ist aber viel intelligenter, vor allem intelligenter als das Fernsehen. Der Klassiker der Mentalverödung ist nach wie vor das TV. Und am ödesten ist es, wenn es gebildet tut.
Ich habe mir erzählen lassen, wie erschüttert Sie waren, als in einer Ihrer Ratesendungen das als Joker zu Hilfe gerufene Publikum für den Mann ohne Nerven als Robert Musils >berühmten< Roman votierte. Sie sollen dabei fast die eigenen verloren und Ihr Grinsen wirklich vom Maliziösen ins Zynische gezoomt haben. Ist ja auch schlimm, wenn man vom Studiopöbel, für dessen Bildung man so berühmt spricht, dermaßen im Stich gelassen wird. Aber welches Ergebnis würden Sie erst bekommen haben, wenn Sie nicht nur das Publikum im Fernsehen hätten abstimmen lassen, sondern auch das davor?
Wer auf dem Schirm dem Günther Jauch beim Multiple Choice Spielen mit >Bildungsidealen< zusieht, hat schließlich keine Zeit, sich um eben diese im Leben zu kümmern. Zum Beispiel, um Der Mann ohne Eigenschaften zu lesen. Was man alles lesen könnte, würde man Sie nicht sehen!
Und was Sie alles lesen könnten statt a, b, c und d zu sagen. Bestimmt fehlt Ihnen auch die Zeit Der Mann ohne Eigenschaften zu lesen. Kein Mensch hat heutzutage Zeit, Der Mann ohne Eigenschaften zu lesen. Ich hatte bis vor kurzem auch keine Zeit, Der Mann ohne Eigenschaften zu lesen. Dabei bin ich studierter Germanist mit krimineller Vergangenheit als Literaturkritiker. Übrigens kenne ich keine Literaturkritiker, die Der Mann ohne Eigenschaften gelesen haben. Die haben auch alle keine Zeit.
Aber die Literatur ist in unserer Gesellschaft kein Leitmedium mehr. Da wird kaum noch Schaden angerichtet. Mit dem Fernsehen ist es etwas anderes. Deshalb fordere ich das strikte Verbot sämtlicher sogenannter >Bildungsideale< im Fernsehen und die Einführung einer Bildungszensur auf dem Bildschirm. Nur ein Fernsehen ohne Bildung ermöglicht ihren Idealen, das Fernsehen zu überleben. Fernsehleute sollten sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren: Quatsch mit Werbung. Ihre schöne Ratesendung, sehr geehrter Herr Jauch, erfüllt schon jetzt diese Anforderung, auch wenn meine Mutter den Pilawa lieber mag.
... an Thilo Sarrazin
14. Oktober 2009. Es wird wieder mal eine Sau durchs Dorf getrieben, sehr geehrter Herr Sarrazin, und Sie sind das Schwein. Dabei haben Sie in diesem köstlichen Interview, das überall kurz zitiert wurde, lang und breit die Wahrheit gesagt. Schmutzige Wahrheiten in rauhem Ton, ganz wie wir es von Ihnen gewohnt sind.
Schon in der Vergangenheit haben Sie sich als bedeutender Ernährungswissenschaftler und versierter Heizungstechniker erwiesen, auch als Statistiker, der in der Lage ist, Zahlen zu interpretieren, die niemand erhoben hat.
Alle diese hervorragenden Leistungen tragen Sie in die Öffentlichkeit, wie das öffentliche Leistungsträger nun einmal zu tun pflegen. Dass Sie das im Gestus des Hasspredigers tun zeigt nur, dass Sie für Empfindlichkeiten bei denen, die nichts haben, nun einmal nicht zu haben sind.
Bei den Golfspielern, um die Sie sich während Ihrer Berliner Amtszeit so rührend kümmerten, war das etwas anderes. Kurz bevor Sie in den Vorstand der Bundesbank wechselten, und zwar von Anfang an zum Missbehagen des Präsidenten Axel Weber, der nun ja auch die Gelegenheit genutzt hat, Ihnen einen Teil Ihrer Verantwortung wieder wegzunehmen – kurz bevor Sie also zur Bundesbank gingen, haben Sie dem Golfclub Wannsee noch einen günstigen Pachtvertrag für 99 Jahre zugeschustert.
Doch will ich von solchen juristisch abgesicherten Lumpereien auf höherer Ebene nicht weiter sprechen. Auch nicht davon, dass Sie in einem lustigen Stern-Interview im Mai erklärt haben, die Renten müssten „auf das Niveau einer Grundsicherung sinken“, und in dem lustigen Lettre-Interview im Oktober beklagen: Der Berliner „Senat wird schlecht bezahlt, und er hat unattraktive Pensionsregelungen.“ Sie selbst hatten im letzten Jahr die höchsten Nebeneinkünfte von allen Senatsmitgliedern: 51.700 Euro. In einem lustigen Cicero-Interview vom Juni 2008 taten sie allerdings so, als wären Sie auch mit weniger zufrieden: "Für fünf Euro würde ich jederzeit arbeiten, das wären 40 Euro pro Tag."
Im Lettre-Interview gibt es noch andere seltsame Stellen. Damit meine ich nicht die in der Öffentlichkeit >inkriminierten<. Die Skandalarbeiter der Medien sehen mit dem Herzen gut und beliefern die Leute mit Empörung. Aber wie so oft bei den kleinen Prinzen der Mittelschichtmilieus plärrt unter der Moral sofort das Interesse auf, wenn die eigenen Bedürfnisse zu kurz zu kommen drohen. Dann wird symbolisch gesprochen jeder zum Golfspieler und erhebt Anspruch auf einen günstigen Pachtvertrag über 99 Jahre.
Ich muss das verdeutlichen und will das an den Punkten des Interviews tun, wo Sie biologistisch, man könnte auch sagen: genfaschistisch argumentieren. Interessanterweise haben diese Passagen in der Öffentlichkeit keine Rolle gespielt, obwohl sie viel wichtiger sind als Ihre kabarettistischen Einlagen über Spulendreher aus der Unterschicht und Kopftuchmädchen produzierende Türkenfamilien.
Vermutlich haben diese Passagen in der Öffentlichkeit deshalb keine Rolle gespielt, weil sie von vielen Leuten in der liberalen Mittelschicht geteilt werden. Man ereifert sich über ein paar Sentenzen, die multikulturell nicht korrekt sind, lässt aber Ihren genetischen Unterschichtsrassismus unbeanstandet.
Dabei liegt dort der böse Kern Ihres Denkens, das, was Sie nicht einfach zu einem politischen Gegner macht, dem man nach der Podiumsdiskussion vergnügt die Hand schüttelt, sondern zu einem Feind, den man nicht berühren mag. Sie nehmen all die schmutzigen Gedanken in den Mund, die viele Leute mit sauberen Händen im Kopf haben, wenn es um >die Unterschichten< geht. Ihre antitürkischen Invektiven richten sich ja nicht gegen Anwälte, Ärzte und Diplomaten, sondern gegen Gemüsehändler und Menschen ohne Bildung. Sie sind nicht >rassistisch<, sondern klassistisch.
Ihre Sicht auf die soziale Welt ist die des Fressfeindes, der sich genetisch für überlegen hält. Während früher die Lage der >gefährlichen Klasse<, als die das Industrieproletariat einmal galt, damit gerechtfertigt wurde, letztlich habe Gott die Menschen an ihren Platz gestellt, wird heute behauptet – von Ihnen und vielen anderen –, die Situation der Unterschichten sei letztlich den Genen geschuldet. Sie sagen:
„Man muss davon ausgehen, dass menschliche Begabung zum Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich.“
Das ist ein Gemeinplatz. Aber auf diesem Platz stellen Sie mental die Guillotine der genetischen Selektion auf:
„Der Weg, den wir gehen, führt dazu, dass der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demograpischen Gründen kontinuierlich fällt.“
Denn:
„Es gibt das Problem, dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden.“
Die Elite stirbt aus. Deutschland geht unter.
Um das zu verhindern, empfehlen Sie Zwangsmaßnahmen: Nicht gerade die Sterilisation, aber Maßnahmen bis hin zum Entzug sozialstaatlicher Rechte:
„Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen; weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht.“
Die biologistische Vorstellung, man könne Leistungseliten erhalten, indem man die Fortpflanzung der Unterschichten eindämmt und die der Mittelschichten mit staatlichen Mitteln fördert, ist nicht neu. Diese Art der politischen Zuchtwahl hat ideologisch Konjunktur auch bei Leuten, die sich für liberal halten. Derlei steckt noch hinter der Konzeption des Elterngeldes, mit dem der Staat die akademischen Milieus bei der natürlichen Fortpflanzung finanziell unterstützt.
Ich drücke es mal so grobschlächtig aus, wie Sie so etwas ausdrücken könnten: Was den Nazis zur Vermehrung der deutschen Rasse das Mutterkreuz war, das ist heute das Elterngeld zur Vermehrung der gebildeten Klasse.
Biologistische Überzeugungen sind gängig, wenn auch nicht allen so glasklar und eiskalt bewusst wie Ihnen. Mancher aufrechte, antirassistische, multikulturelle, linksliberale Mittelschichtmensch wäre peinlich berührt, würde er feststellen, dass seine eigenen Meinungen über den Zusammenhang zwischen natürlicher Begabung und sozialer Stellung eine große Schnittmenge mit denen von Thilo Sarrazin haben.
Aber dieser Brief wird zu lang. Ich mache es jetzt kurz und rufe mit Ihnen aus:
„Wir brauchen Klasse statt Masse.“
Weil mir das sehr am Herzen liegt, wird der fackel kopf um eine neue Kolumne erweitert, die sich um Klasse kümmert. Ihnen zu Ehren nenne ich sie
Sarrazo.
... an Joseph Ratzinger
30. September 2009. Jetzt wird Ihnen schon wieder die Hölle heiß gemacht, sehr geehrter Herr Ratzinger, die geleugnete Hölle von Auschwitz. Ich will Sie aber nicht mit Bischof Williamson behelligen. Auch nicht mit Vermutungen darüber, seit wann der Vatikan darüber informiert war, dass Williamson den Holocaust leugnet, beziehungsweise auf >bloß< ein paar Hunderttausend Tote herunter rechnet. War der Vatikan vor der Rücknahme der Exkommunikation des Bischofs darüber informiert oder nicht? Wie laufen die Kommunikationswege in Ihrer Institution? Funktioniert das Krisenmanagement richtig? Das sind so Journalistenfragen, fixiert auf die Story des Tages, desinteressiert an historischen Strukturen.
Viel wichtiger als das, was Bischof Williamson über Auschwitz gesagt hat, ist das, was Sie selbst in Auschwitz gesagt haben. Im Mai 2006 sind Sie als Papst Benedikt XVI. nach Auschwitz-Birkenau gefahren und haben dort Gott angeklagt. Einige Jahre zuvor hatten Sie als Kardinal davor gewarnt, die Kirche anzuklagen. Der Reihe nach:
Am ersten Fastensonntag des Jahres 2000 sprach Papst Johannes Paul II. im Rahmen eines Gottesdienstes sieben Vergebungsbitten aus. In der vierten Bitte kam der Papst auf die historische Schuld zu sprechen, die Christen im Verhältnis zum >Volk Israels< auf sich geladen haben:
„Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.“
An dem, was damals von Johannes Paul gesagt wurde, fällt auf, was von ihm nicht gesagt wurde. Der Holocaust blieb unerwähnt, in keiner der sieben Vergebungsbitten war von der Schuld der Kirche die Rede, immer nur von der Schuld ihrer Mitglieder. Die Institution, deren uraltes Gewicht die eigentliche Schwere der Schuld ihrer Mitglieder ausmacht, blieb unangetastet. Während der Papst die Mitglieder der Kirche ausdrücklich entschuldigte, wurde die Kirche unausgesprochen ent-schuldet.
Im Vorfeld der Vergebungsbitten von Johannes Paul hatte die Internationale Historische Theologische Kommission unter Ihrem Vorsitz ein Papier veröffentlicht, in dem davor gewarnt wurde, die Institution Kirche mit Verantwortung zu konfrontieren. Zu vermeiden sei „eine Beschuldigungsattitüde, die jedes Ereignis, jedes Wort und jede Handlung, ob gerechtfertigt oder nicht, benutzt, um die Kirche auf die Anklagebank zu verweisen.“ Wohlgemerkt: Es ging dabei nicht nur um grundlose Schuldvorwürfe gegen die Kirche, sondern um alle, „ob gerechtfertigt oder nicht“.
In dieser Schrift wurde außerdem betont, päpstliche Vergebungsbitten könnten sich ausschließlich an Gott richten, keinesfalls an „Gemeinschaften innerhalb oder außerhalb der Kirche“, also auch nicht an die Juden.
Ihre Auschwitz Rede vom Mai 2006 begannen Sie mit diesen Worten:
„An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt. An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschütterndes Schweigen stehen – Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist: Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du das alles dulden?“
An einer späteren Stelle kamen Sie darauf noch einmal zurück:
„Immer wieder ist da die Frage: Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen? Wie konnte er dieses Übermaß von Zerstörung, diesen Triumph des Bösen dulden?“
Das Schockierende dieser Sätze resultiert aus der historischen Konstellation, aus der heraus sie gesprochen wurden. Während des Holocaust hatte Papst Pius XII. als >Stellvertreter Gottes< politisch und moralisch versagt, indem er über die Vernichtung der Juden schwieg. Sie wissen, wie diese Tatsache später in Deutschland debattiert worden ist, ausgelöst durch das Theaterstück Der Stellvertreter.
Sie jedoch fragten rund sechs Jahrzehnte nach dem Holocaust nicht nach dem Schweigen Ihres Vorgängers, sondern nach dem Ihres Gottes. Sie machen als Gottes Stellvertreter Ihren Gott zum Stellvertreter, wenn es um die Schuld der Kirche geht.
... an Inge Jens
28. Juli 2009. Vor einiger Zeit, sehr geehrte Frau Jens, haben Sie der deutschen presse agentur ein Interview über die Alzheimer Krankheit Ihres Mannes gegeben. In diesem Interview geht es um die Themen Patientenverfügung und Sterbehilfe. Und es geht darum, wie die Erkrankung Ihres Mannes seine Haltung dazu verändert hat. Als Intellektueller und als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens kämpfte Walter Jens für eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe, auch der sogenannten >aktiven<. Als Alzheimer Patient und Privatperson fleht er: „Nicht tot machen, bitte nicht totmachen.“
Diese Worte haben Sie in Ihrem Interview wiedergegeben. Sie berichten außerdem:
„Wenn wir hier bei Tisch sitzen, dann fängt er oft schon an zu essen, wenn noch gar nichts auf seinem Teller ist. Das zeigt, dass er das gern tut. Das ist doch kein Todeswunsch, der sich da äußert.“
Obwohl die Alzheimer-Erkrankung Ihres Mannes seit längerem bekannt und auch schon Gegenstand öffentlicher Erörterungen gewesen ist, nicht zuletzt durch ihr Interview mit dem Stern im vergangenen Jahr, hätte ich ohne Ihr neues Interview diesen Offenen Brief nicht geschrieben. Das Sterben ist etwas anderes als beispielsweise das sogenannte >Recht am eigenen Bild<, dessen eine >Person des öffentlichen Interesses< verlustig geht. Wer durch die Medien bekannt ist, kann sich gegen ein Abbild in den Medien nicht wehren.
Aber das Recht auf ihren Tod behalten auch >Personen des öffentlichen Interesses<. Sie sollten weder in Bildern noch in Worten den Augen und Ohren der Menge, die Öffentlichkeit immer auch ist, preisgegeben werden.
Es steht zu vermuten, dass Sie dies gegen die äußerste Wichtigkeit des Themas abgewogen haben. Walter Jens ist ein dramatisches und menschlich erschütterndes Beispiel dafür, wie der kreatürliche Lebenswille ethische Vernunftgründe über den Haufen wirft. Und dafür, wie das eine und das andere von Angst bestimmt ist: Als dementer Mensch von der Angst, >totgemacht< zu werden – als rational denkender Intellektueller von der Angst, nicht in Würde sterben zu dürfen.
Vor annähernd vierzehn Jahren habe ich mit dem damaligen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Walter Jens, ein Gespräch über Sterbehilfe geführt. Die schriftliche Fassung des Gesprächs wurde von Jens autorisiert und erschien im Oktober 1995 im Berliner Stadtmagazin Zitty. Jens sagte: „Ich möchte nicht als sabbernder Greis sterben und auf diese Weise nach einem Leben, das mit einiger Courage geführt worden ist, am Ende als ein Stück Fleisch und eine Ansammlung von Muskeln in die Grube fahren.“
Und, wie in Vorausahnung seines Schicksals:
„Ein Mensch, der beispielsweise von der Alzheimerschen Krankheit bedroht ist, soll in den Tagen, in denen er noch bei sich ist, sagen können: Ich möchte nicht mit einem Zettel hinten am Kragen, auf dem meine Telefonnummer steht, durch die Stadt irren, meine Frau bedrohen, meine Nächsten nicht erkennen; dieses möchte ich nicht. Helft mir. Da gibt es die Möglichkeit, der Patient kann sich selbst helfen – noch; oder es gibt die Möglichkeit, ein Arzt könnte ihm helfen. Es gibt auch die Möglichkeit, Freunde könnten ihm helfen.“
Sie sagen in Ihrem Interview: „Ich weiß genau, und es steht Wort für Wort in unserer Patientenverfügung formuliert, dass mein Mann so, wie er jetzt leben muss, unfähig zu schreiben, zu sprechen, zu lesen, überhaupt noch zu verstehen – niemals hat leben wollen. Sein Zustand ist schrecklicher als jede Vorstellung, die er sich wahrscheinlich irgendwann einmal ausgemalt hat.“
Unmittelbar nach diesem Satz folgt die Feststellung, die zum Anlass dieses Offenen Briefes wurde:
„Trotzdem wäre ich im Augenblick nicht fähig, ihm zum Tode zu verhelfen. Diese Patientenverfügung haben wir geschrieben, bevor es soweit war mit der Demenz.“
Diese Kluft zwischen dem in öffentlichen Äußerungen und in privaten Verfügungen erklärten Willen der Vernunft und dem in der Krankheit sich aufbäumenden Willen zum Leben ist unüberwindbar. Sollen sich die Angehörigen nach dem richten, was die Kranken in der Vergangenheit gewollt haben, solange sie noch bei Verstand waren? Oder nach dem, was die Kranken jetzt wollen, da sie nur noch bei Sinnen sind?
Solche Fragen sind nicht beantwortbar und müssen doch immer wieder beantwortet werden. In Ihrem Interview erklären Sie, was Sie selbst für sich in einer solchen Situation wünschen:
„Ich habe überlegt, ob ich meine Patientenverfügung“ – sie entspricht der Ihres Mannes – „ändern soll. Aber ich glaube, ich lasse es. Denn meine Söhne werden für die Entscheidung zuständig sein, und die wissen, was ich denke. Und ich vertraue darauf, dass sie dann auch meinen Willen richtig interpretieren.“
Ihre Antwort auf die unbeantwortbaren Fragen ist weise, bedeutet jedoch eine Entwertung der Patientenverfügung. Die Verfügung ist bloß noch Teil eines Bildes, das sich andere über den Menschen machen, der sie getroffen hat. Sie ist ethisch nicht verbindlich und juristisch nichts wert. Der kranke Mensch, der nicht mehr versteht und sich nicht mehr verständlich machen kann, bleibt dem Abwägen von Angehörigen und Ärzten anvertraut, wie Sie selbst es für sich empfinden, oder ausgeliefert, wie es andere Menschen unter anderem Umständen empfinden mögen. Es bleibt keine Möglichkeit, als Gesunder seinen eigenen Verstandeswillen vorwegnehmend über den eigenen Lebenswillen als Kranker zu setzen.
Sollte diese Vorwegnahme den Menschen, die sich dazu entschließen, nicht doch möglich bleiben, auch auf die Gefahr, dass sie sich als Gesunde über das irren, was sie vielleicht eines Tages als Kranke wollen werden?
Die Leserinnen und Leser seien hingewiesen auf:
Walter Jens, Hans Küng: Menschenwürdig sterben. Ein Plädoyer für Selbstverantworung. Mit Beiträgen von Dietrich Niethammer und Albin Eser. Piper Verlag, München, Zürich 1995.
... an Jan Fleischhauer
29. Juni 2009. Die Linke, sehr geehrter Herr Fleischhauer, ist etwas Größeres als die Kleinfamilie, aus der Sie stammen. In Ihrem amüsanten Buch Unter Linken erzählen Sie „Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“. Dass Menschen aus guten bürgerlichen Familien mit Vermögen, und zwar >Vermögen< in einem Sinn, in dem sich ererbte materielle Sekurität und erworbene geistige Fähigkeiten wechselseitig ergänzen, dass solche Menschen konservativ sind oder werden ist kein Versehen, sondern völlig normal. Wären sie es nicht, oder würden sie es nicht, nachdem sie die Hörner abgestoßen haben, müssten sie entweder Heilige sein oder Dummköpfe. Die meisten Menschen sind keine Heiligen.
Auch Ihre Mutter, der Sie in Ihrem Buch ein privatpolitisches Denkmal setzen, wird keine Heilige sein. Also bleibt nur die Möglichkeit, dass diese sentimentale, sozialdemokratisch wählende Dame des Hamburger Bürgertums eine – wie soll ich sagen? – lange Leitung hat. Eine neunundreißig Jahre lange, denn so viele hat es nach Ihrer Auskunft gedauert, bis sie begriff und aus der SPD trat, in die vernünftige bürgerliche Menschen entweder gar nicht eintreten, oder nur, wenn sie entweder sich selbst oder die SPD oder beides missverstehen.
Der Familienroman des linken >Juste Milieu< – und einen solchen haben Sie geschrieben, keine Geschichte der Linken – wimmelt von Verwandten, die etwas anderes sagen, als sie tun und etwas anderes tun, als sie sagen. Wie kann ein Mensch, der eine Putzfrau und noch alle Tassen im Schrank hat, links sein? Die Putzfrau selbst müsste links sein, wenn es mit rechten Dingen zuginge und die Menschen nicht so verwirrte Wesen wären. Wenn Lieschen Müller und Klein Fritz, die sich selbst als >Kleine Leute< bezeichnen und von bürgerlichen Menschen, die etwas sind und etwas zu sagen haben, als >Kreti und Pleti< bezeichnet werden, wenn diese Leute so vehement für ihre Interessen eintreten würden wie das Bürgertum für die seinen, müsste diese Interessenvertretung nicht in politischer Vormundschaft von linksbürgerlichen Menschen mitbesorgt werden, Menschen, die linken Ideen moralisch nahe-, aber denen, in deren Stellvertretung sie diese Ideen zu haben belieben, persönlich fern stehen.
Kommen allerdings Familienbedürfnisse ins Spiel, fängt die Moral an, aufgeregt hin und her zu rennen, während das Igelpaar aus Interesse und Eigennutz gelassen die Arme verschränkt und an den Enden der Furche stehen bleibt. Sie selbst beschreiben das am Beispiel der Einschulungstricks, mit denen bürgerliche Eltern ihre Kinder vor den Kindern der einfachen Schichten in Sicherheit bringen, oder anhand des verdrehten Kultimults, wie ich das nennen würde, in dem das Fremde begeistert geliebt und die nähere Bekanntschaft mit ihm sorgfältig vermieden wird. Tapfer ist, wenn weit weg, hat Tucholsky einmal bemerkt, tolerant auch.
In der Freimaurerei gibt es eine Textgattung, die als >Verräterschrift< bezeichnet wird. Die Verräterschriften plaudern Geheimnisse über das Innenleben der Logen aus. Als Arbeiterkind wirkt auf mich das linke Getue in saturierten bürgerlichen Familien so bizarr wie das Freimaurertum. Dem entsprechend lese ich Ihr Buch als brillante Verräterschrift aus dem linksbürgerlichen Milieu.
Als politische Geschichte und als soziologische Analyse der Linken sowie als Auseinandersetzung mit dem historischen Scheitern des Sozialismus ist es – Sie verzeihen schon – intellektuell nicht satisfaktionsfähig. Zu sehr verschaffen sich die Ressentiments des Genasführten Geltung, der Sie ja tatsächlich sind. Erschrocken schlagen Sie die Hand vor die Stirn – und halten mit ihr das Brett vor den Kopf. Nur so gelingt es Ihnen, die Linke für sämtliche Weltübel der letzten fünfhundert Jahre verantwortlich zu machen, von der Wiedertäuferei bis zur Mülltrennung, von Hitler bis zur Gesamtschule, von der Banalität des Bösen bei Eichmann bis zu der des Guten auf evangelischen Kirchentagen. An allem ist die Linke schuld, und mit ihr auch Ihre arme Mama.
Ein Offener Brief ist keine Buchbesprechung. Mein Anliegen ist nicht die Würdigung Ihrer publizistischen Leistung, sondern die Besichtigung eines Überzeugungsgebäudes, das in Trümmern liegt. Sie sind ein unterhaltsamer Ruinenführer.
Der „Mittelklasse-Sozalismus“ (Ihr Ausdruck) mit seinem aus guten historischen Gründen (meine Auffassung) schlechten sozialen Gewissen und seinem pädagogischen Übereifer neigt zu einer geradezu selbstmörderischen Romantisierung der Benachteiligten, der Elenden und Ausgebeuteten – vor allem, wenn diese bemitleidenswerten Geschöpfe nicht direkt in der Nachbarschaft wohnen. Wohnen sie doch direkt in der Nachbarschaft, verwandeln sich die bemitleidenswerten Geschöpfe schnell in Gesindel, dem man aus dem Weg geht, solange das möglich ist, und das man eisenhart bekämpft, sobald das nötig erscheint.
Der Mittelklasse-Sozialismus in seiner Mischung aus caritativer Herablassung und verweigerter Solidarität zieht deshalb seinerseits Hass und Verachtung auf sich, den Hass und die Verachtung derer, für die man nur das Beste zu wollen meint. Hass für das Honoratiorenhafte und Kopftätschelnde, Verachtung für das Sentimentale und Naive im linken Juste Milieu. Begreift ihr denn nicht, möchte man schreien, wir würden euch fressen, wenn wir könnten.
Ich beiße nicht, ich schreibe nur. Das „Eat the rich” an den Hauswänden hat nicht meine Handschrift. Und Schergen gleich welcher Art und Herkunft sind mir geistig, seelisch und pyhsisch zuwider. Als mir vor vielen Jahren im >Deutschen Herbst< die verwirrten Bürgerkinder einer trotzkistischen Sekte ein Flugblatt in die Hand drückten, auf dem die RAF als „Teil der Arbeiterbewegung“ bezeichnet wurde, habe ich gefragt, ob sie – sorry für die proletarisch korrekte Wiedergabe meiner damaligen Ausdrucksweise – „den Arsch offen haben“. Natürlich war in dieser Sekte kaum ein Arbeiterkind anzutreffen, lauter junge Leute aus >guten Verhältnissen< und >besseren Kreisen<.
Die durchgenallte Truppe um den Typen mit dem Ludencharisma setzte sich, abgesehen von diesem „Arschloch“ (Sartre über Baader), aus Kindern bürgerlicher Herkunft zusammen. Den Linksterrorismus haben Leute aus Ihrer Schicht hervorgebracht, nicht aus meiner.
>Meine Leute< kommen in Ihrem Buch über die Linke kaum vor. Als Schriftling bewundere ich die Profi-Leistung, ein Buch über die Linke zu schreiben, ohne das Wort >Klasse< in den Mund zu nehmen und ohne den >Kleinen Mann< und seine Frau zu erwähnen – höchstens, um sie als Profiteure des nationalsozialistischen Raubsystems zu schildern, als Muttertagsgewinnler der Vernichtung. Die Arbeiterbewegung findet bei Ihnen praktisch nicht statt, und die gesamte Gewerkschaftsbewegung wird in Gestalt eines betonköpfigen Klischeefunktionärs durch einen einzigen Absatz und den Kakao gezogen.
Dass die Linke als soziale Bewegung in Ihrem Buch nicht vorkommt geschieht nicht aus Unvermögen, sondern aus Desinteresse. Aber Fehler werden dadurch nicht besser, dass sie mit Absicht gemacht werden. Allerdings wird Ihre Leserschaft – die wie die meine eher aus Ihrer Herkunftsschicht stammt als aus der meinen, denn die meine liest leider nicht – unsere Leserschaft also wird vermutlich nicht einmal bemerken, dass Ihr Buch über die Linke diejenigen links liegen lässt, um die es der Linken eigentlich zu tun sein müsste. Erst dieses tief in Ihrem Herkunftsmilieu verankerte Desinteresse, sehr geehrter Herr Fleischhauer, nicht das, was Sie wohl für eine >Abrechnung< halten, macht aus Ihrem Buch über die Linken ein rechtes.
Leserinnen und Leser, die sich für die Bildungserfahrungen eines Arbeiterkindes im linksbürgerlichen Milieu interessieren, seien hingewiesen auf die autobiographischen Passagen meines Buchs Das Bildungsprivileg (Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2008). Wer das Marzipanrosa des Sozialkitschs mag, lässt aber besser die Finger davon. Das Buch argumentiert quer zu den Meinungen und Gemeinplätzen des linken wie rechten Mainstream.
Zum Links-Thema außerdem meine Essays in Le Monde diplomatique (deutsche Ausgabe): Leute, auf die es nicht ankommt (Dezember 2007) und Links, bis es weh tut (Juli 2008). Beide Texte sind auf den Internetseiten der Le Monde sowie des europäischen Zeitschriftenverbunds eurozine.com nachzulesen.
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