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Die Türkei und die EU
(Ein Radiofeuilleton vom Dezember 2004-!-, eingestellt aus Anlass des Putsches in der Türkei im Juli 2016)
6. August 1945. Kleine Jungs
Eine Kalendergeschichte
Der innere Bronzemann
(2014)
Zwei Vorträge
Die Polizei der Freuden
Bildungsinteresse statt Gerechtigkeit
9 Monatskolumnen
für das Radiomagazin LiteraturEN auf swr 2, 2012/13
Drei Vorträge
Von der Senatsflocke zum Riesenstadtplan
Rousseau twittert über Jean-Jacques
Vom Pferd erzählen
Die Türkei und die EU
(Ein Radiofeuilleton vom Dezember 2004)
Vor ein paar Wochen bin ich wieder mal auf eine Party gegangen. Wie oft bei solchen Gelegenheiten tagte in der Küche ein Gästeparlament. Nachdem das Thema Irak abgehakt war, wurde über Integration politisiert, über Kopftuchverbot und Leitkultur. Unter den Gästen war ein türkisches Paar, Ende Zwanzig vielleicht, sehr nett, hellwach, topmodern; beide in Deutschland geboren, wie sich im näheren Gespräch herausstellte, und mit makellos hochdeutscher Aussprache - was ich von mir nicht behaupten kann.
Wie es sich so ergibt bei Küchendebatten, wurde ich gefragt, was ich vom EU-Beitritt der Türkei halte. Die Frage brachte mich in Verlegenheit. Schließlich bin ich genau so alt wie die "Römischen Verträge", mit denen 1957 der europäische Einigungsprozess begann. In Gestalt des jungen Paares wurde mir die Frage gewissermaßen von der Zukunft gestellt. Wenn die beiden so alt sein werden wie ich heute bin, wird die Türkei Mitglied der Europäischen Union sein. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel - bin aber trotzdem dagegen. Und genau deshalb war mir die Frage so peinlich. Es kam mir irgendwie abweisend vor, dem charmanten Paar ins Gesicht zu sagen, dass ich gegen die Aufnahme der Türkei bin; ich hatte das skurrile Gefühl, ihnen damit gewissermaßen persönlich die Tür vor der Nase zuzuschlagen - obwohl die beiden als deutsche Staatsbürger ja schon längst "drin" sind in der Union.
Ich gab mir einen Ruck und sagte meine Meinung. Das Paar versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war aber doch ziemlich irritiert. Bei der Diskussion um die deutsche Leitkultur hatte ich wie alle anderen brav die üblichen multikulturellen Positionen vertreten, ich hatte sogar einen vaterländischen Witz über die deutsche Leitkultur und das deutsche Reinheitsgebot beim Bierbrauen gemacht. Das türkische Paar hatte lachend das deutsche Reinheitsgebot verteidigt, und ich hatte mich, ebenfalls lachend, geschlagen gegeben.
Von dem kleinen Bierstreit abgesehen war man sich aber einig gewesen - bis zu dem Punkt, an dem die Frage nach dem türkischen Beitrittsgebiet aufs Tapet kam. Weil meine Auffassung in dieser Frage von dem multikulturellen Mainstream abwich, in dem ich nur wenige Augenblicke zuvor noch mit geschwommen war, machte sich ein gewisse Ratlosigkeit, um nicht zu sagen Verlegenheit breit. Weil die Leute aber nett waren, beharrten sie nicht weiter. Verständnisvoll wechselten sie das Thema, wie man es eben macht, wenn man jemandem, der gerade in den Fettnapf getreten ist, aus der Patsche helfen will.
Die kleine Szene hat mich länger beschäftigt. Warum bloß hatte ich dieses komische Gefühl, irgendwie abweisend zu sein, als ich meine Meinung äußerte? Es ging doch um keine persönliche Auseinandersetzung, sondern um eine außenpolitische Frage; und warum hatte meine Antwort auf diese Frage jene Art von Nachsicht hervorgerufen, die man Leuten entgegenbringt, die im falschen Moment einen schmutzigen Witz erzählen?
Nachdem ich das eine zeitlang durchgegrübelt habe, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es nur an der Macht liegen kann. Das eigentlich Peinliche ist die Macht. Machtfragen sind in Multikulti-Milieus so peinlich, dass jeder politische Konflikt zum kulturellen Problem umgedeutet wird. Der EU-Beitritt der Türkei ist aber von eminent machtpolitischer Bedeutung. Gemessen daran sind die ganzen Werte-, Kultur- und Kopftuchfragen fünftrangig: An erster Stelle geht es um die künftige europäische Außenpolitik, die nur als Machtpolitik begriffen werden kann; an zweiter Stelle geht es um die innere Verfassung Europas; an dritter Stelle um Wirtschaftspolitik; an vierter um Bevölkerungspolitik, und erst an fünfter um die kulturellen Dimensionen, die bei uns unglückseligerweise alle anderen dominieren.
Es wird gerne gesagt, man könne das alles nicht voneinander trennen. Und ob man das kann. Und weil man das kann, bin ich schon wegen des noch unabgeschlossenen europäischen Verfassungsprozesses und wegen der Machtkonflikte innerhalb einer künftigen gesamteuropäischen Außenpolitik gegen den Beitritt, selbst wenn die Türkei so christlich-abendländisch wäre wie Österreich.
Die Türkei ist ein politischer Koloss und ein historischer Riese, ein bewundernswertes Land mit einer imperialen Vergangenheit und einer großen republikanischen Zukunft. Deshalb ist das Land eine Nummer zu groß für die Europäische Union. Nach dem Beitritt, der wohl nicht mehr zu verhindern ist, werden wir das zu spüren bekommen.
6. August 1945. Kleine Jungs
Der Vater heißt Robert, die Mutter Enola, das Baby Little Boy. Seine Luftgeburt bringt hunderttausend Menschen den Tod. Am 6. August 1945 um 8 Uhr 15 Ortszeit fällt eine Uran-Bombe aus dem Bauch einer B-29, die der Pilot Paul Tibbets nach dem Kosenamen seiner Mutter Enola Gay genannt hat, und explodiert über der japanischen Stadt Hiroshima. Drei Tage später wird Nagasaki von einer noch stärkeren Plutonium-Bombe Namens Fat Man zerstört. Nach dem erfolgreichen Doppelschlag sagt Präsident Harry S. Truman über die neue Waffe: „Sie macht sich die elementare Kraft des Universums zunutze. Wir sind jetzt zu schnellerer und vollständigerer Vernichtung in der Lage. Man soll sich nicht täuschen. Wir werden vollständig vernichten.“
Fast zwanzig Jahre später erklärt J. Robert Oppenheimer, einst wissenschaftlicher Leiter des als Manhattan-Projekt firmierenden Atomprogramms und oft als >geistiger Vater< der Bombe bezeichnet: „Die Entscheidung für ihren Einsatz war ein wesentlicher Teil des Projektes. Ich weiß nicht, wie sie hätte aufgehalten werden können.“
Als Little Boy sich am Himmel über Hiroshima in einen Blitz verwandelt, der Schatten in die Fassaden der Häuser brennt, steckt der kleine Toshio Nakamura noch in seinem Schlafkissen. Er liegt wach, obwohl er mit seiner Mutter und seinen beiden jüngeren Schwestern in der vergangenen Nacht wegen eines Bombenalarms bis halb drei auf den Beinen gewesen ist. Um sieben Uhr haben erneut die Sirenen geheult, danach konnte Toshio nicht mehr einschlafen. Der Zehnjährige knabbert die Erdnüsse, die ihm die Mutter in die hohle Hand geschüttet hat, als es plötzlich sehr hell wird.
Der kleine Toshio überlebt Little Boy und schreibt später in einem Schulaufsatz: „Am Morgen aß ich Erdnüsse. Ich sah ein Licht. Ich wurde auf den Schlafplatz meiner kleinen Schwester geworfen. Als wir gerettet waren, konnte ich nicht weiter sehen als bis zur Straßenbahn. Die Nachbarn gingen verbrannt und blutend umher.“
Toshio ist ein Hibakusha, „Hi“ für „Leiden“, „baku“ für „Bombe“, „sha“ für „Mensch“. Die Hibakusha waren nach dem Krieg lange zum Schweigen verurteilt. Erst verhinderte die amerikanische Besatzungsmacht in Japan die Veröffentlichung von Berichten der Strahlenopfer, dann standen sie dem japanischen Wiederaufbau im Weg. Heute ist die Stadt mit Gedenktafeln und Erinnerungsstätten übersät. Der Friedenspark ist eine touristische Attraktion mit Souvenirläden voller Bomben-Postkarten, Bomben-T-Shirts, Bomben-Tassen und mit einem Friedensbrunnen, in den kleine Jungs Münzen werfen.
Der innere Bronzemann
Wenn ich von meinem Neuköllner Kiez in die große weite Welt fahren will, zum Beispiel an den Kurfürstendamm, steige ich in einen der Doppeldeckerbusse der Linie 129. Obwohl ich mit meinem unterfränkischen Migrationshintergrund seit über dreißig Jahren in Berlin lebe, halte ich wie ein Tourist Ausschau nach den Logenplätzen im Oberdeck, ganz vorne an der Frontscheibe. Man hat so einen schönen Überblick von dort während der Fahrt.
Manchmal im Leben passen allerdings Überblick und Durchblick nicht zusammen. Bei einer Fahrt Anfang August schaute ich abwechselnd nach draußen und in ein Buch, zu dessen Lektüre ich gerade erst gekommen war, obwohl es auf Deutsch schon 2010 (im italienischen Original sogar schon 2007) erschienen ist: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa von Fabrizio Gatti. Der italienische Journalist reiste auf einer Schleuserroute quer durch die Wüste im Niger bis an die Grenze von Libyen, das es damals als Staat noch gab; und er verschaffte sich als angeblicher Kurde mit Namen Bilal Zutritt in ein Migrantenlager auf Lampedusa, indem er auf der Insel von einer Klippe ins Meer sprang und sich als über Bord gegangener Bootsflüchtling retten ließ. Das hatte die von ihm geplante Einweisung, man kann auch sagen: Einsperrung, in das Lager zur Folge.
Ich halte mich für einen hartgesottenen Leser und kann literarische Sentimentalität nicht ausstehen. Aber bei Bilal konnte ich nicht verhindern, dass mir immer wieder das Wasser in die Augen stieg, etwa bei der Schilderung, wie halb verdurstete Fliegen sich auf die Tränenflüssigkeit in den Augenwinkeln ebenfalls halb verdursteter Westafrikaner stürzen, die zu Dutzenden auf nahezu schrottreifen europäischen Lastwagen hunderte von Kilometern über afrikanische Sandpisten fahren, in der Hoffnung, irgendwie und irgendwann dahin zu kommen, wo die LKWs ursprünglich herkamen.
Mit Bilal in der Hand schaukelte ich im Oberdeck des 129er über den Grenzkanal zwischen Neukölln und Kreuzberg, überwand Dank der Umsicht des unerschütterlichen Fahrers die Hindernisse in der Oranienstraße und blickte dann, am Oranienplatz, hinunter auf das Flüchtlingscamp, das aufgeschlagene Buch im Schoß. Inzwischen ist dieses Camp aufgelöst, auch die Besetzung der Gerhart-Hauptmann Schule, wegen der mein Bus einen Umweg fahren musste, ist inzwischen beendet. Nur am Görlitzer Bahnhof, den der Bus ebenfalls passiert, lungern nach wie vor junge schwarze Männer im Dutzend herum mit ein paar Krümeln Dope zum Verkauf in der Hosentasche.
Der Umweg ging mir auf die Nerven, und die Übergriffe von Migranten in der besetzten Schule gegen die Einsatzkräfte von Notarztwagen, die von ihnen selbst gerufen worden waren, hatte ich empörend gefunden. Von den Jungs am Görlitzer Bahnhof nahm ich weiter keine Notiz. Erst am Oranienplatz hob ich den Kopf von Gattis Reportage, die mir gerade noch die Tränen in die Augen getrieben hatte, und sah die aggressive Verwahrlosung, die solche Besetzungen nun einmal mit sich bringen. Da stand plötzlich mein innerer Bronzemann auf, und Talos begann zu rennen.
Talos, der Bronzemann, war dem antiken Mythos zufolge ein Geschenk des Zeus an Europa, nachdem er sie in Gestalt eines weißen Stieres nach Kreta entführt hatte. Europa gebar Zeus drei Söhne. Für jeden dieser Söhne bekam sie ein Geschenk, darunter einen Riesen aus Bronze, der dreimal täglich um die Insel rannte, um Fremde, die an der Küste landen wollten, zu verjagen. Zeus hat seine Europa mit einer Art Frontex beschenkt.
Die Agentur Frontex wurde 2004 auf Veranlassung des Europäischen Rats gegründet. Mit Aufklärungszeppelinen, Drohnen und Patrouillenbooten sucht sie das Mittelmeer nach Migranten ab. Eine ihrer Operationen heißt Poseidon, nach dem zornigen Gott des Meeres, der Odysseus zehn Jahre lang daran hindert, zurück nach Hause zu kommen. Der Unterschied besteht nur darin, dass Frontex in den letzten zehn Jahren die Meerfahrer daran hindern wollte, von zu Hause fort zu kommen.
Als ich im Oberdeck des 129er Buses an diesem erpresserischen Basislager verzweifelter Migranten am Oranienplatz vorbeischaukelte, sprang auch in mir unversehens Talos auf und begann zu rennen. Er rannte um eine innere Insel, rannte die Grenze des unheimlichen "Wir" entlang, zu dem diejenigen gehören, die "zuerst da waren", und zu denen ich mich zählte, trotz des Schamschattens, das dieses aufspringende Gefühl sofort warf, trotz der intellektuellen Ablehnung dieser emotionalen Trennung zwischen "Wir" und "Ihr", "Innen" und "Außen", und trotz des Buches, das von eben diesem Problem handelte und das mich gerade noch so beeindruckt hatte.
Inzwischen hat sich Talos wieder beruhigt. Aber ich weiß, dass er wieder zu rennen beginnt, sobald er glaubt, dass zu viele Fremde zu nahe kommen. Diese Reaktion ist kein persönlicher Charakterfehler, das will ich zu meiner Selbstachtung wenigstens hoffen, sondern eine soziale Grundeigenschaft. Auch Fremde grenzen sich gegen Fremde ab. Und je mehr neben die Identität auch das Interesse tritt, desto martialischer kann diese Abgrenzung sein. Manchmal setzen die verschiedenen Gruppen in den Asylunterkünften genau diejenigen Bürgerkriege fort, vor denen sie nach Europa geflohen sind. Man könnte das, aus der Perpektive des Einwanderungslandes, Konfliktimport durch Migration nennen. Und auch wenn Talos schon wieder auf die Beine springen will, muss der Kopf über die Probleme nachdenken, die Migration hervorrufen kann, wenn sie ein bestimmtes Maß überschreitet: Probleme für die Migranten selbst, für ihre Herkunftsländer und für die Aufnahmestaaten.
Eben dies versucht Paul Collier, bekannt geworden durch seine Globalanalyse Die unterste Milliarde, in seinem gerade auf Deutsch erschienenem Buch Exodus. Während Gatti von einzelnen Individuen und ihren Schicksalen erzählt, stellt Collier die Systemfrage. Gatti nimmt gewissermaßen die Perspektive der schwarzen Menschen vom Oranienplatz, von der Hauptmann-Schule oder vom Görlitzer Bahnhof ein, während Collier von oben auf die Sachlage herunterschaut, nicht vom Oberdeck eines Busses wie ich, mitten in meiner mitleiderfüllten Lektüre vom Schock der Anschauung getroffen, sondern eher von der Höhe einer Frontex-Drohne und mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers.
Die meisten Migranten gehören nicht zu den Armen in ihren Heimatländern, denn arme Familien können die Kosten einer Migration nicht aufbringen. Die Familien müssen ein bestimmtes Einkommensniveau erreicht haben, um in eine Migration investieren zu können, ohne sicher zu sein, dass diese Investition sich auch lohnt, etwa durch spätere Rücküberweisungen des Migranten. Das ist keine neue Erkenntnis, aber Collier weist auf einen Zusammenhang hin, der das gängige Argument in Frage stellt, man müsse mehr für die Herkunftsländer tun, damit weniger Leute von dort weg wollen. Wenn ein bestimmtes Minimum an Einkommen eine Bedingung der Möglichkeit zur Migration ist, dann wird steigendes Einkommen in der Breite die Migration nicht etwa senken, sondern erhöhen. Denn viele Familien der unteren und untersten Schichten kommen dadurch überhaupt erst in die Nähe der Option, in die Migration eines ihrer Mitglieder zu investieren und die Schleuser für eine Fahrt über das Meer zu bezahlen.
Bei Frontex heißt das Mittelmeer mare nostrum, „unser Meer“. Wir wollen nicht, dass zu viele „unser Meer“ überqueren. Talos rannte um Kreta und hielt nach Fremden Ausschau. Satelliten kreisen um die Erde und halten nach Fremden Ausschau. Wir bedauern die sechseinhalb Tausend Menschen, die schätzungsweise in den letzten zehn Jahren beim Versuch ums Leben gekommen sind, unser Meer zu überqueren. Aber uns wird Angst und Bange, wenn wir erfahren, dass allein in der ersten Hälfte dieses Jahres an die fünfzigtausend Menschen über unser Meer nach Italien kamen.
Gibt es eine Brücke von der politischen Analyse der Migration als Systemproblem zum Verständnis für das Schicksal einzelner Menschen? Ich konnte sie nicht schlagen, ich konnte nur ein Bötchen falten, ein kleines, gelbes Bötchen aus einem Bastelbogen, verteilt von amnesty international zum Tag des Flüchtlings.
Die Polizei der Freuden. Wie kommen Massen in Bewegung?
(Vortrag, gehalten am 31. Januar 2014 im Einstein Forum, Potsdam)
Bevor ich zu einer vergnügungspolizeilichen Stipvisite ins 18. Jahrhundert einlade, zwei Vorbemerkungen, eine handgreifliche und eine begriffliche. Die handgreifliche: Wie Massen in Bewegung kommen habe ich am eigenen Leib 1978 auf dem Frankfurter Römerberg erfahren. Eine Anti-Nazi-Demonstration wurde von der Polizei aufgelöst. Es ging alles sehr schnell. Der Platz vor dem Römer war vollgestopft mit Menschen. Die dreimalige Aufforderung der Polizei, den Platz zu räumen, konnte trotz Megaphon nicht von allen gehört und schon gar nicht sofort befolgt werden. Also räumte die Polizei den Platz. Die Räumung ging so vor sich, dass Polizisten mit Schilden auf die hintersten Reihen der Demonstranten eindrangen, damit diese hintersten Reihen die vor ihnen stehenden Leute ihrerseits nach vorne drängten und diese wiederum die vor ihnen Stehenden, bis auf diese Weise eine Art Verdrängungsmasse entstand, die sich selbst nach und nach vom Platz schob. Weil das nicht schnell genug ging, wurde in den hintersten Reihen von den Polizisten mit Knüppeln nachgeholfen. Die Beamten prügelten auf alles ein, was zufällig in den letzten Reihen stand. Ich war in einer dieser Reihen und kam mit einer Platzwunde am Kopf davon. Andere hatte es schlimmer getroffen, vor allem, wenn die Schläge nicht wie beabsichtigt auf Schultern und Hinterköpfe niedergingen, sondern ins Gesicht trafen. Die Schläge waren nicht persönlich gemeint - und eben das war das Schlimmste. Man wurde nicht als einzelner Mensch geschlagen, sondern als Stück Massenfleisch, wie Vieh in der Herde, das von der Weide getrieben wird. Ich war damals empfindsame 21, und die Demütigung ungeheuer. Als ich endlich vom Platz herunter war, liefen mir die Tränen über das Gesicht, während ich in hilfloser Wut und mit hassender Inbrunst versuchte, die Demütigung von mir zu werfen. In einer solchen Situation liegt nichts näher als ein Pflasterstein. Ich habe ein paar davon in Richtung der Wasserwerfer geschmissen, die nach der Räumung des Platzes die Straßen von Randalierern - wie soll man sagen: säuberten, Randalierer, zu denen auch ich nun unversehens gehörte. Wäre ich beim Steinewerfen festgenommen worden, hätte das viel ernstere Folgen haben können als eine Platzwunde am Kopf, und dennoch wäre es nicht so demütigend gewesen wie dieses beprügelt werden als anonymes Elementarteilchen einer polizeilich vom Platz bewegten Masse. Die räumliche Bewegung einer Masse und die Gefühlsbewegung eines Menschen können zur traumatisierenden Erfahrung verschmelzen. Zum Glück ist bei mir keine posttraumatische Belastungsstörung zurück geblieben, auch keine postdemokratische.
Die begriffliche Vorbemerkung ist wichtig, um nicht für einen Anachronisten gehalten zu werden, der Worte und Zeiten durcheinander bringt. Die Masse, wie sie Gustave Le Bon, Elias Canetti, Ortega y Gasset, David Riesman und viele andere thematisiert haben, entwickelte sich als soziales Phänomen und als soziologischer Begriff im 19. Jahrhundert. Im 18ten sprach - und schrieb - man vom 'großen Haufen', was eher eine Mengen- als eine Massenangabe ist. Die Lexika der Zeit bringen nirgends Masse mit Menschen in Verbindung. In der Universal-Enzyklopädie von Krünitz heißt es zum Beispiel:
"In der engsten Bedeutung ist Masse zuweilen so viel als ein Teig, woher in den Apotheken auch alles dick gemischte [...] Massa heißt. Die Bildhauer pflegen aber auch einen großen Hammer, womit sie auf den Meissel schlagen, wenn ein Werk aus dem Gröbsten gearbeitet wird, eine Masse zu nennen. Im mittlern Latein ist Massa gleichfalls ein hölzerner Hammer, Massare, damit schlagen ..."
Der historische Lexikoneintrag könnte zusammen mit meiner zeitgeschichtlichen Erfahrung zu kalauernden Reflexionen darüber verleiten, was dick gemischter Menschenteig und die Polizei als großer Hammer fürs Gröbste mit- und gegeneinander zu tun haben.
Wenn ich Polizeikommissar wäre - aber das sage nicht ich, das schrieb der Osnabrücker Publizist Justus Möser in dem Aufsatz Etwas zur Polizei der Freuden für die Landleute, enthalten in seinen Patriotischen Phantasien aus den 1770er und 1780er Jahren.
"Wenn ich Polizeikommissarius wäre, [...] die Leute sollten mir wenigstens ein- oder zweimal im Jahr, auf der Kirmes oder auf Fastnacht, völlige Freiheit haben [...] Unsre heutige Mäßigkeit macht lauter Schleicher, die des Morgens ihr Gläsgen und des Abends ihr Känngen trinken, anstatt dass die vormalige Ausgelassenheit zu gewissen Jahreszeiten einem Donnerwetter mit Schlossen glich, was zwar da, wo es hinfällt, Schaden tut, im ganzen aber die Fruchtbarkeit vermehret. - Dagegen aber würde ich auch die täglichen Säufer, wenn sie sich auch nicht völlig berauschten, ohne Barmherzigkeit ins Zuchthaus schicken. [...] ich finde, dass es für die Polizei leichter sei, einmal des Jahrs Anstalten gegen einen wilden Ochsen zu machen, als täglich die Kälber zu hüten. [...] Die Torheit muss wenigstens einmal im Jahre ausgären, damit sie das Fass nicht sprenge."
So ähnlich wird auch die Obrigkeit in Frankfurt gedacht haben. Bei der Kaiserkrönung 1764 wurde die Bretterküche, aus der man das auf dem Römerberg - schon wieder der Römerberg! - aus der man das dort versammelte Volk versorgt hatte - diese Bretterküche also wurde zur Plünderung freigegeben, zu einer kontrollierten Plünderung, versteht sich, bei der das Volk über die Stränge schlagen und Rebellion spielen konnte, damit es nicht etwa tatsächlich eine machte. Goethe hat dieses Fest in Dichtung und Wahrheit beschrieben und dabei angemerkt, dass der Pöbel lieber rauben, als sich beschenken lassen will. Die Honoratioren gönnten ihm die Illusion und sahen dem Schauspiel von oben herab zu – von gemieteten Balkonen.
Bei den richtigen Schauspielen, bei denen in den 'moralischen Anstalten', hatte die Polizei ebenfalls ihre Rolle zu spielen. Auf die Polizei im Theater, auf dem Theater und um das Theater herum komme ich gleich zu sprechen. Zuvor noch einige Erläuterungen zu dem, was damals unter 'Policey' und 'Policey-Wissenschaft' verstanden wurde, 'Policey' hinten mit y geschrieben. Die Begriffe umfassten deutlich mehr als wir uns heute darunter vorzustellen bereit sind, nämlich nicht nur ordnungs- oder kriminalpolizeiliches Handeln im engeren Sinn, sondern das gesamte Spektrum des inneren staatlichen Machthandelns und die entsprechende Lehre dazu. Für den Kameralisten Johann Friedrich Pfeiffer gehört die Policey-Wissenschaft zu den vier Säulen der "Universal-Cameral-Wissenschaft", als da wären "Staats-Regierungskunst", "Policey-Wissenschaft", "allgemeine Staats-Ökonomie" und "Finanzwissenschaft", wie sie bereits im Titel seines 1783 veröffentlichten zweibändigen Lehrwerkes genannt sind.
Wie die Policey eines Staates auszugestalten sei, war umstritten. Für Joachim Georg Darjes zum Beispiel war Policey-Politik Arkanpolitik. In der 1768 erschienenen zweiten Auflage seiner Ersten Gründe der Cameral-Wissenschaften darinnen die Hauptteile sowohl der Oeconomie als auch der Policey entworfen warnt er:
"Die besonderen Umstände, welche die Policeygesetze erfordern, zeichnen die Schwäche und die Stärke des Staates. Es ist demnach wider die Klugheit, wenn man alle diese Umstände bekannt machen will. Werden diese Umstände durch Gesetze bestimmt, so werden sie bekannt gemacht. Folglich wird es kein Kluger raten, alle besondere Umstände, welche die Policey erfordert, durch Gesetz zu bestimmen."
Aber wie bringt man gesetzlose geheime Maßnahmen öffentlich unter die Leute? Diesen Einwand legt Darjes selbst nahe:
"Man wird uns fragen, wie es möglich sei, dass man in einem Staate die Veranstaltungen, welche die Geheimnisse der Policey erfordern, ohne Gesetze machen könne?"
Die Brücke zwischen verborgener Absicht und sichtbarem Erfolg ist der menschliche Nachahmungstrieb:
"Diese Begierde ist in der Policey sehr fruchtbar. Man will eine gewisse Veranstaltung in der Policey machen, und man träget Bedenken, diese durch Gesetze zu bewerkstelligen, und die wahre Ursache hievon bekannt zu machen. 1. Man bewege einen, der vornehm ist und der bei den Inwohnern des Staats in Ansehen stehet, zu solchen Unternehmungen, die diese Veranstaltung zu wirken vermögend sind. 2. Man erwähle hiezu einen solchen, der verschwiegen ist, der es mit dem Staate wohl meinet, und der die Kunst verstehet, andere zur Nachahmung aufzumuntern, ohne ihnen die Absicht zu verraten."
Andere Kameralisten und Policey-Wissenschaftler haben dieser Auffassung der Regierungskunst als Geheimlehre widersprochen, zum Beispiel Johann Heinrich Gottlob von Justi in seinen 1759 ebenfalls in zweiter Auflage veröffentlichten Grundsätzen der Policeywissenschaft. Mit dem Ruf Justis in den Zeitzeugenstand komme ich auf das Theater mit der Polizei zurück, wobei "Theater mit der Polizei" durchaus mehrdeutig zu verstehen ist, wie sich noch erweisen wird. In Justis Lehrbuch heißt es:
"Die Polizei muss [...] bemühet sein, allerlei Arten von Ergötzlichkeiten vor die Sinne [...] zu verschaffen; und alles, wohin ihre Vorsorge dabei gerichtet sein muss, ist, dass sie die Ergötzlichkeiten in gerechten Schranken erhält. [...] Alles dieses ist bei denen Concerten, Bällen, Schauspielen und besonders bei denen Comödien allerdings möglich."
Es hängt freilich davon ab, wo gelacht wird, ob das Gelächter policey-konform oder policeywidrig ist. Johann Heinrich Jung-Stilling beispielsweise echauffiert sich in seinem Lehrbuch der Staats-Policey-Wissenschaft von 1788 über die Gassenkomödianten:
"Schauspieler von allerhand Art, Gaukler, Taschenspieler, Seiltänzer und dergleichen sind ein Gift für die Gewerb-Stande, alles läuft hinzu, verschleudert Geld und Zeit [...] Überall also, wo Industrie und Fleiß die Mittel zur Glückseligkeit und Pflicht sind, da müssen Schauspieler von jeder Art nicht geduldet werden."
Jung-Stilling war Pietist, und wie es sich für protestantische Sekten und Sektierer gehörte, zum Beispiel auch für die theaterfeindlichen Calvinisten in Genf, war er simulationsavers, um es modern auszudrücken. Den Fanatikern der Nüchternheit waren die sakralen Simulationsräume des Barock mit dem Gips unter dem Gold der Oberfläche genauso ein Greuel wie der Pomp katholischer Landfeste mit ihrer ökonomisch unverantwortlichen Verschwendung von Zeit und Geld und wie die städtische Sittenverderbnis durch die in Szene gesetzte Unmoral auf den Bühnenbrettern. Religiöser Innerlichkeit ist der äußere Schein suspekt, was jedoch nicht schützt vor Scheinheiligkeit.
Die meisten Kameralisten wussten in ihrer kalkulativen Vernunft indessen die Vorteile einer 'polizierten' Bühne zu schätzen. Justi meinte:
"Überhaupt muss ein weiser Regent dem Volke eine erlaubte Lust nicht missgönnen [...] Dieses mühselige Leben ist ohnedem so voller Elend und Widerwärtigkeiten, dass es keiner Anstalten der Regierung bedarf, um das Vergnügen und eine erlaubte Lust den Untertanen immer seltener zu machen."
Die policeylich erwünschte Mengenerziehung mit den Mitteln ästhetischer Unterhaltung veranlasste Hans Maier, den bayerischen Kultusminister von 1970 bis 1986, in seiner respektabel plagiatsfreien Habilitationsschrift Die ältere deutsche Staats- und Verwaltungslehre von 1966, veranlasste also Hans Maier, eine "Ästhetisierung des Polizeibegriffs" im Lauf des 18. Jahrhunderts zu diagnostizieren:
"Der polizierte und polit gewordene Mensch, die polizierten Städte und Staaten - in dieser Form ist dann der Polizeibegriff auch in die Sprache der klassischen Literatur eingegangen. Aufschlussreich ist der Wortgebrauch bei Goethe, wo die Polizei als eine auf Sauberkeit und Ordnung des Gemeinwesens bedachte Institution alles Hemmende, Widerwärtige und Schädliche beiseite bringt und wegfegt. Hier erstreckt sich die Bedeutung des Begriffs [...] von der Sicherung der innerstaatlichen Friedensordnung bis zur Beförderung des Schicklichen und Geziemenden."
Justi erinnerte zur Verteidigung policeylich geordneter Volksbelustigungen an die Maxime 'Brot und Spiele', mit der einst der Satiriker Juvenal die Herrschaftstechnik im antiken Rom auf eine jener Formeln gebracht hatte, die ihre fatale Gültigkeit bis auf den heutigen Tag behalten haben, auch wenn Populus und Vulgus inzwischen nicht mehr ins Colosseum gehen - oder nur noch, wenn damit ein Kino gemeint ist, das sich ja nicht zufällig so nennt. Justi schreibt:
"Es war eine besondere Staatsmaxime der Römer, das Volk mit allerlei Spielen zu belustigen [...] Unsere heutigen Schauspiele [...], wenn die Comödianten nicht alles schlechte und ärgerliche Zeug ohne Unterschied aufführen dürften, wären dazu gleichfalls geschickt."
Alles kommt auf die richtige Bewegung an, und zwar in der Bedeutung von motion und emotion, also die Gefühlsbewegung im Herzen der Zuschauer und die Bewegung ihrer Körper im Raum. In Johann Peter Franks System einer vollständigen medicinischen Policey, erschienen von 1779 bis 1819. heißt es in dem langatmigen Stil, der das Werk auf sechs Bände und den sechsten Band auf drei Teilbände anschwellen ließ:
"Die Vergnügungen, deren die Menschen zu ihrer Erholung nach ermüdenden Berufsgeschäften empfänglich sind, ergözen entweder bloß das Gemüte oder sie setzen dabei auch noch den Körper in eine mäßige Bewegung."
Der "Maitre des Plaisirs des großen Haufens" ist Frank zufolge die Policey. Sie hat sich sowohl um die Gemüts- als auch um die Körperbewegungen zu kümmern:
"Ein ganzes Volk beweget sich immer gleich einer daherstürzenden Fluth; und wo man nicht haben will, dass kein gefährliches Austreten erfolge, da müssen jede Bewegung studieret, alle dieselbe erhöhenden Ursachen vorausgesehen und mit festem Damme eingeschränket werden."
Frank gehört zu denjenigen, die der Bühne zutrauen, das Volk in die obrigkeitlich gewünschte Richtung zu lenken. Allerdings ist dabei vieles, sehr, sehr vieles zu berücksichtigen. Frank sinniert über die ungesunden Ausdünstungen der Kleider der Theaterbesucher und macht sich volksgesundheitliche Sorgen um das schlechte Öl, das in den Lampen verbrannt wird. Die Theaterdirektoren sollten Ventilatoren aufhängen oder zu Wachslichtern verpflichtet werden, auch wenn das teurer ist als billiges Öl. Außerdem regt er an, die Zahl der Besucher einer Vorstellung policeylich zu beschränken und lieber die Zahl der Vorstellungen zu erhöhen. Die Dekorationen unterstehen ebenfalls der policeylichen Aufsicht, wobei es Frank weniger darauf ankommt, was auf sie gemalt ist als womit, mit welchen Materialien und Farben. Übrigens ist das Theater für Frank nur ein Nebenschauplatz. Er handelt auch „Von der Gesundheits-Pflege der lernenden Jugend und der nöthigen Polizey-Aufsicht bei Erziehungsanstalten“ oder „Von der mütterlichen Pflicht des Selbststillens und ihrem Einfluß auf das Wohl des Staats.“
Das alles klingt in unseren Ohren recht kurios. Unbedacht, wie der Mensch, auch der akademische (mich natürlich eingeschlossen) nun einmal ist, lässt man sich von einer derart ausführlichen Volksgesundheitsfürsorge gern amüsieren. Wenn Frank aber ärztlich konkret vor dem Bleiweiß warnt, das damals auf die Kulissen gepinselt wurde, verschlägt es einem den Atem vor Schreck und Gift und man lässt dem braven Mann Gerechtigkeit widerfahren.
Wie auch immer: Administrative Maßnahmen, besonders die kleinteiligen, müssen natürlich selbst wiederum verwaltet werden. Ohne Bürokratie keine Volksbelustigung, ohne Behörde kein 'Plaisir'. Eine solche Behörde schlägt Christian Daniel Voß, dem zufolge das Theater "den inneren Sinn des großen Haufens" entwickeln kann, in seinem Handbuch der allgemeinen Staatswissenschaft von 1796 ausdrücklich vor:
"In einer wohleingerichteten Staatspraxis werden diesem höchst wichtigen Gegenstande auch ein besonderes Departement und Staatsdiener gewidmet sein, welche die Besorgung dieser Anordnungen und die Aufsicht ausschließlich zu ihren Beschäftigungen machen."
Justi wiederum will die inhaltliche Überwachung der Stücke einer Intendanz anvertrauen, die zwischen Massengeschmack und ästhetischen Ansprüchen zu vermitteln weiß:
"Die Regierung sollte zum Aufseher über die zu spielenden Stücke einen Mann setzen, der sowohl von guter Einsicht und Geschmack wäre als [auch] ein edles Herz hätte, welcher sowohl die Regeln des Theaters als den Geschmack der meisten Zuschauer verstünde, beide miteinander zu vereinigen suchte, und welcher den Endzweck der Komödie, die Tugend und guten Sitten zu befördern, auch bei denen lustigen Stücken nicht außer Augen verlöre."
Auch für das Drumherum muss die Policey Sorgen tragen, für die Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung im Theatersaal und der Verkehrsregelung davor. Jakob Friedrich Bielfeld fordert in seinem zweibändigen Lehrbegriff der Staatskunst von 1761:
"Die Schauspiele müssen nicht nur mit Schildwachen besetzet werden, die im Namen des Landesherrn alle Unordnungen und Lärmen verhüten: sondern die Policey lässt auch alle äußerlichen Zugänge des Schauplatzes erleuchten und der Verwirrung und dem Lärmen der Kutschen zuvorkommen."
Dass Schildwachen im Schauspielhaus tatsächlich nötig werden konnten zeigt im Februar 1804, also über vierzig Jahre nach Bielfelds Staatskunst, ein Eintrag in dem Tagebuch, das der junge Joseph von Eichendorff während seiner Breslauer Internatszeit führte. Er beschreibt einen Theatertumult, ausgelöst vom Für und Wider um ein Singspiel mit dem Titel Der Marktschreyer:
„Das gesamte Publikum verlangte den Marktschreyer. Unmittelbar darauf kam hingegen ein Schwarm Offiziere hereingestürzt wohl angethan mit Pfeiffen, in der Absicht, den Marktschreyer auszupfeiffen; welches sie auch, anstatt zu Ende des Stükes, wieder alle Billigkeit, gleich in der ersten Scene auf eine so betäubende Art ausführten, daß der Vorhang augenbliklich fallen mußte. Das übrige Publicum aber, welches doch ausdrücklich den Marktschreyer verlangt hatte und sich nun um sein Geld geprellt sah, war darüber so aufgebracht, daß man aus den Logen auf die Offiziere dumme Jungen herabrief, vom 4 Groschen Platz aber eine Menge Volks, mit Scheidten etc. bewaffnet, herunterströmte, um die Herren Offiziers einmal recht herzlich durchzuwalken. Durch die überall herzulauffenden Wachen wurde jedoch noch Tod- und Mordschlag verhütet. Auch im Parterre kam es zwischen den Offizieren und Civilisten so zu Händeln, daß ein Offizier gegen einen lutherischen Studenten, der ihn nebst mehreren anderen aus dem Parterre werfen wollte, den Degen zog. Die Folge war, daß 8 Offiziere arretirt wurden, von Berlin aber in den Zeitungen alles Pfeiffen und Poltern bey Arretirung verboten wurde.“
Es kann aber auch passieren, dass nichts mehr passiert, dass die Theater leer bleiben und sich das Volk seiner Bespielung entzieht, nicht nur im Schauspielhaus, auch auf öffentlichem Platz. Wie kann die Obrigkeit verhindern, dass sich die Untertanen bei feierlichen Gelegenheiten unfestlich lustlos zeigen? Schließlich ist für diejenigen, die auf der Tribüne stehen, nichts schlimmer, als wenn unten keiner vorbeimarschiert.
Zur Organisation öffentlicher Freude, die nicht erst in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts zu einem Souveränitätsproblem wurde, gibt es von Friedrich Schiller zwei Entwürfe zu Theaterstücken. Das eine Stück sollte Narbonne oder die Kinder des Hauses heißen, das andere direkt und umstandslos: Die Policey. In diesen Entwürfen wird die Policey zum Bühnenthema. In der Form eines Kalauers ausgedrückt: Schiller will auf die Bühne bringen, was die Policey auf die Beine bringt. Im Narbonne-Entwurf heißt es:
"Die Polizei besoldet Masken an den Festen, um ein Schauspiel der öffentlichen Freude zu geben, besonders wenn ein öffentliches Unglück befürchten lässt, dass das Volk von selbst sich still verhalten werde."
Die diskreten Agenten der Obrigkeit arrangieren selbst die Inszenierung, die sie sonst zu überwachen haben. Keine Kontrolle ist so effektiv wie das Ersetzen der Kontrollierten durch die Kontrolleure. Doch was bedeutet es für die 'Schaubühne als moralische Anstalt', wenn auf ihr die policeylichen Vorführungen vorgeführt werden sollen? Mit Schauspielern als Soldaten maskiert lassen sich ganze Heerlager auf die Bühne bringen. Aber wie maskiert man eine Maske, wie simuliert man Simulation? Wie lässt sich in einem 'policierten' Schauspiel eine schauspielernde Polizei bei einem 'policierten Schauspiel' darstellen? Und alles noch in gehöriger dramatischer Einheit? Schiller notierte:
"Die eigentliche Einheit ist die Polizei, die den Impuls gibt und zuletzt die Entwicklung bringt."
Viel geholfen hat ihm die Selbstermahnung nicht, die Entwürfe sind liegen geblieben.
Zusammenfassend ließe sich sagen: Beim "Polizeireglement für die Lustbarkeiten", wie Möser es ausdrückt, kommt es darauf an, in patriarchalischer Fürsorglichkeit weder alles zu erlauben noch alles zu verbieten. Es muss die richtige Balance gefunden werden zwischen dem Aufrechterhalten der täglichen Disziplin und dem gelegentlichen Öffnen des Ventils an den Festtagen. Oder, noch einmal mit Möser gesagt: Es geht um das richtige Verhältnis zwischen „Werktagsgemüse“ und „Sonntagsbraten“. Dass der Publizist mit seiner 'policeylichen' Feder sogar in den Kochtöpfen herumstochert liegt an der nie sich beruhigenden Sorge der Obrigkeit um die Untertanen. Wer immer nur das Beste will hält schlimmstenfalls alles unter Kontrolle: von den großen Menschenansammlungen an Markt-, Fest- und Feiertagen über das Publikum im Schauspiel- und das im Wirtshaus bis hin zu den Essgewohnheiten der Leute am Familientisch. Wer den 'großen Haufen' insgesamt lenken, leiten und erziehen will, tut gut daran, sich um alles und jeden zu kümmern.
In den Diskursen kann das zu dem Versuch führen, das Leben lückenlos zu erfassen, im System einer vollständigen medicinischen Policey zum Beispiel. Andererseits, das habe ich schon angedeutet, ist eine Kritik obrigkeitlicher Diskurse sehr viel leichter als eine Reform polizeilicher Praxis. Daran sollten Intellektuelle sich gelegentlich erinnern, schon aus Gründen selbstreflexiver Hygiene - womit ich nicht gesagt haben will, Kritik ohne Verbesserungsvorschläge sei unstatthaft. Etwas Schlechtes wird nicht dadurch gut, dass es keinen besseren Vorschlag gibt.
Um auf das Volk und das Vieh im 18. Jahrhundert zurück zu kommen: Eine Volksmenge mit einem wild gewordenen Ochsen zu vergleichen - zu Mösers Zeiten zogen die Ochsen ja im Alltag noch in viehischer Geduld die Pflüge über die Felder, und die Bauern trotteten in ebensolcher Geduld hinterher - der damals also naheliegende Vergleich berührt heute ziemlich unangenehm. Gleichwohl muss man auch heute, wenn man schon 'Polizeikommissarius' (oder Einsatzleiter) ist, dafür sorgen, dass der Menschenmenge nichts zustößt und vor allem, dass sie sich selbst nichts antut. Eine nahezu unlösbare Aufgabe, und eine undankbare sowieso. Wie die Polizei es macht ist es immer verkehrt. Sind die Sicherheitsvorkehrungen zu stark, wird ihr 'Übergriffigkeit' vorgeworfen; sind die Sicherheitsvorschriften zu lax, nimmt sie ihre Verantwortung nicht wahr.
Das sei an einem banalen Beispiel verdeutlicht: einer Berliner Busfahrt mit der schönen Linie 29. Diese Busse können sehr voll werden. Lässt der Fahrer an einer Haltestelle wegen Überfüllung keine Leute mehr einsteigen, macht sich Unmut breit, und es kann zu Berliner Schnauzigkeiten kommen. Die Berufung des Fahres auf die Sicherheitsvorschriften wird ihm wenig helfen, ihm allenfalls die Beschimpfung als 'Korinthenkacker' eintragen. Lässt der Fahrer aber trotz Überfüllung weitere Leute zusteigen und es werden bei einer Vollbremsung Fahrgäste verletzt, wird empört gefragt, warum er die Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten hat. Die gleichen Leute, die sich unter Protest in den vollen Buss drängen, würden nicht zögern, die BVG wegen der Verletzung von Sicherheitsvorschriften zu verklagen.
Man könnte das kleine, banale Beispiel hochrechnen zu großen, banalen Massenveranstaltungen. Wann wird der Einlass zu einer Partymeile geschlossen? Wie wird dafür gesorgt, dass kleine Gruppen nicht anfangen, Rabatz zu machen, wenn sie nicht mehr hinein dürfen zum 'großen Haufen'? Wie verhindert man in kritischen Situationen jene emotionale Kernschmelze, die aus einer Ansammlung lauter ganz vernünftiger Individuen eine panische Masse macht? Oder, das alles dramatisch zugespitzt auf ein viel diskutiertes Beispiel: Wie verhindert man, was 2010 bei der Love Parade in Duisburg passiert ist? Wie kann die Polizei dafür sorgen, dass die Freude nicht grauenhaft wird?
Nachdem meine Zeitreise in die Vergangenheit zu einer Busfahrt in der Gegenwart geführt hat, möchte ich mit einem Ausblick in die Zukunft schließen. Die Polizei der Freuden hat nämlich in letzter Zeit erstaunliche Fortschritte gemacht - bei den Fruchtfliegen. Das wurde durch den recht jungen neurobiologischen Forschungszweig der Optogenetik ermöglicht. Hier experimentiert man damit, auf optische Reize chemische und elektrische Hirnreaktionen folgen zu lassen, die wiederum zu schlagartigen Verhaltensänderungen führen. Der Neurowissenschaftler Gero Miesenböck schildert, wie optogenetische Experimente neue Möglichkeiten massenhafter Verhaltenssteuerung demonstrieren, zum Glück einstweilen auf Fruchtfliegenniveau, wie erwähnt:
"Hunderte Fliegen laufen in einer Art Setzkasten hinter Glas kreuz und quer durcheinander. Durch kleine Tore können sie von der einen in die andere Kammer des Kastens gelangen. Zu sehen gibt es wenig, aber einiges zu riechen. Ein für Fliegen angenehmer Geruch von links, ein weniger angenehmer von rechts. Also bevorzugen die Fliegen die linke Seite. Nur vereinzelt schauen Fliegen rechts vorbei. Dann ein Lichtblitz. Die Vorliebe der Fliegen ändert sich von einem Moment zum anderen. Sie zieht es nun zur anderen Seite, bis sich fast alle Fliegen auf der rechten Seite des Kastens aufhalten."
So demütigend für mich die Sache auf dem Frankfurter Römerberg gewesen ist - ein Polizeiknüppel auf dem Kopf ist immer noch besser als ein optogenetischer Schaltknüppel im Kopf. Bei der altmodisch handgreiflichen Art der Massensteuerung weiß man wenigstens, wie einem geschieht - wenn auch nicht immer, warum.
Bildungsinteresse statt Gerechtigkeit
(Vortrag, gehalten am 13. Juni 2013 im Institut für soziale und kulturelle Arbeit, Nürnberg)
Da ich weder professioneller Erzieher noch Erziehungs- wissenschaftler bin, sondern nur ein armer freilaufender Schriftsteller, der im autobiographischen Selbstversuch ein Buch über Bildung geschrieben hat (Das Bildungsprivileg, 2008), kann ich keine pädagogischen Konzepte oder didaktischen Vorschläge bieten – nur ein Prinzip: Das „Prinzip Coco Chanel“. Bei Coco Chanel denken die meisten Männer wahrscheinlich vage an Parfum, die meisten Frauen indessen an das „Kleine Schwarze“, an dieses Kleidchen, das je nach Figur und Statur Traum oder Alptraum der Damen ist.
Aber was hat Coco Chanel mit Bildung zu tun?
Viel, sehr viel sogar: Insofern nämlich, als das 1883 geborene Kleine-Leute-Mädchen sich im Laufe seines langen Lebens, Coco starb 1971, sich also im Laufe dieses Lebens mit Ausdauer, Disziplin und Herrsucht zu einer Ikone machte, zu einem Bild, zu einem Weibs-Bild, sozusagen. Dies ist gesagt mit kniezitterndem Respekt vor dieser Dame, die ihr Leben lang auf Linie blieb, auf der eigenen Linie, die sie den anderen Frauen vorschrieb. Ihre Haltung zum Leben ließe sich so zusammenfassen:
Man soll immer aufmerksam, vorsichtig und fleißig sein!
Man soll niemals nach Mitternacht zu Bett gehen!
Man soll nur lieben, wenn man geliebt wird!
Man soll sich gerade halten, den Kopf hoch tragen, einsam und
erfolgreich sein.
Oben ist oben und unten ist unten: „Ich finde es schön“, sagte sie, „wenn die Mode sich auch unten auf der Straße durchsetzt, aber ich lasse nicht zu, dass sie von dort kommt.“
Man muss nur ‚Mode’ durch ‚Bildung’ ersetzen: „Ich finde es schön, wenn die Bildung sich auch unten auf der Straße durchsetzt, aber ich lasse nicht zu, dass sie von dort kommt.“ Das ist das „Prinzip Coco Chanel“.
Die Eigensinnigkeit der Bildung
Zunächst eine Beschreibung alter, aber vorbildlicher Nürnberger Bildungsverhältnisse: „Jeder konnte das Wort verlangen und eine Meinung gegen andere geltend zu machen suchen, der Rektor selbst trat nur hin und wieder belehrend dazwischen, um die Erörterung zu leiten. Auf solche Weise wurden den Schülern vielseitige Kenntnisse mitgetheilt, der Trieb zum Eindringen in das eigentlich Wissenschaftliche angeregt, und insbesondere der Scharfsinn gebildet.“
Diese Beschreibung des Unterrichts am Nürnberger Melanchthon-Gymnasium stammt aus den Erinnerungen von Johann Georg Wirth, einem der Mitorganisatoren des Hambacher Festes von 1832. Wirth besuchte das Gymnasium von 1814-1816. Bei dem Rektor, den er erwähnt, handelt es sich übrigens um den folgenreichsten Schwaben, den die Philosophie je hervorgebracht hat: um Georg Wilhelm Friedrich Hegel.
Wirths Erinnerung an seine Nürnberger Gymnasialzeit mündet in den Seufzer: „Ach wie ganz anders wirkt freie Erziehung, als ein sklavisches Zucht-Regiment! Es lebte unter uns Zufriedenheit, ein erhebender Stolz, ein freudiger Trieb zum Anstreben an Bildung und edle Sitte, wodurch die wohlthätigsten Erfolge erzielt wurden.“ Ein freudiger Trieb zum Anstreben an Bildung. Das klingt tautologisch. Man kann es aber auch so verstehen: Der Trieb zum Streben weist auf Eigensinn und Eigenwert der Bildung hin, auf ihren Selbstzweck.
Dieser Selbstzweck überschreitet den „Aufstieg durch Bildung“, der aus einer sozialdemokratischen Losung inzwischen zu einer von allen geteilten Lösung geworden ist: eine illusionäre freilich. Privilegien und Benachteiligungen werden nicht im Bildungssystem gemacht. Wenn sie auch dort verstärkt und zementiert werden, so entstehen sie doch nicht im Bildungs-, sondern im Gesellschaftssystem.
Wenn es um Bildung, nicht bloß um Ausbildung geht – wobei gegen Ausbildung gar nichts zu sagen ist; wenn es also um Bildung geht, wäre die richtige Parole nicht „Aufstieg durch Bildung“, sondern „Aufstieg zur Bildung“. Solange Bildung nur als Mittel zum Zweck gesehen wird, hängt die Wertschätzung, die ihr entgegenbracht wird, von eben diesen äußerlich an sie herangetragenen Zwecken ab.
Nichts gegen Ausbildung, nichts gegen soziale Mobilität, nichts gegen das ‚Aufstiegsstreben’, nichts gegen die Chance, durch höhere Bildung zu höherem Einkommen und höherem Status zu gelangen. Dennoch beinhaltet das, was man ‚Entfaltungsgerechtigkeit’ nennen könnte, etwas anderes. Diese Entfaltungsgerechtigkeit bezieht sich auf die Chance, Bildung als Selbstzweck entdecken und für sich entwickeln zu können. Ihr Sinn besteht in der Entfaltung dessen, was dem einzelnen Menschen in seinem umgrenzten Lebensraum und in seiner begrenzten Lebenszeit möglich ist. Und zwar nicht nach den Kriterien des Funktionierens, obgleich dieses Funktionieren dem Menschen seit der Vertreibung aus dem Paradies aufgebürdet ist, sondern nach Maßgabe dessen, was für den einzelnen übers Funktionieren hinaus das Leben lebenswert und sinnvoll macht. Insofern übrigens hat Bildung immer auch mit Herzensbildung zu tun, wobei ich ausdrücklich bitte, dabei nicht an den „kleinen Prinz“ zu denken.
Die Fünfsinnigkeit der Pädagogik
„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, heißt es in Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry. Aber sehen tun die Augen – und denken tut der Kopf! Was immer kleine Prinzen in großen Kinderbüchern behaupten mögen. Wenn ich mich recht ent-sinne, hat der Mensch fünf Sinne: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Ich bin nicht sicher, ob diese Reihenfolge auch eine Rangfolge ist. Sicher bin ich jedoch, dass in unserer Bildergesellschaft der Sehsinn alle anderen dominiert. Um so wichtiger ist es, Kinder rechtzeitig erfahren zu lassen, dass sie fünfsinnige Wesen sind. Man könnte das hochtrabend auch die ‚ästhetische Dimension’ der Pädagogik nennen.
Das altgriechische Wort Aisthesis, von dem die Ästhetik herkommt, hat mit Wahrnehmung zu tun. Und Wahrnehmung findet immer mit dem ganzen Körper statt, nicht bloß im Kopf – allerdings auch nicht ohne ihn. Besonders wichtig ist die ästhetische Fähigkeit, Altgewohntes neu wahrzunehmen. Für Kinder ist alles neu. Und das Erwachsenwerden besteht hauptsächlich darin, immer mehr alt aussehen zu lassen. Menschen, die selber anfangen, alt auszusehen (und wer bliebe davon verschont?) sollten dieses Altern der Welt bekämpfen, und zwar durch neue Ideen, nicht durch Regression ins Infantile.
Ich will nicht soweit gehen, die These aufzustellen, das Hauptziel der Vorschule bestünde darin, die Kinder aufs Alter vorzubereiten. Dabei läuft die seit Jahrhunderten kolportierte Schulweisheit, der Mensch solle nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen, eigentlich genau darauf hinaus. Dennoch sollte es weniger darum gehen, die Vorschulkinder auf die Schule und dann die Schüler aufs Leben vorzubereiten – vielleicht sollte es mehr darum gehen, die Kinder auf sich selbst vorzubereiten.
Eine Pädagogik, die an Bildung um ihrer selbst Willen orientiert ist, hat neben der ästhetischen noch eine existenzielle und eine historische Dimension. Mit der existenziellen Dimension meine ich die Fähigkeit zur Selbstreflexion, eingeschlossen die Erkenntnis der persönlichen Endlichkeit.
Die historische Dimension meint dementsprechend die Fähigkeit zur Einsicht in die gesellschaftliche Endlichkeit. Ich halte alle drei Dimensionen für die schulische, akademische und auch berufliche Sozialisation für außerordentlich wichtig. Im didaktischen Alltag kommen alle drei, jedenfalls soweit ich das einschätzen kann, zu kurz. Das sei an der besonders vernachlässigten historischen Dimension kurz erläutert. Damit ist nicht etwa historisches Wissen gemeint, also Wissen im Modus „Es war einmal“, so wichtig dies für die Erinnerungskultur auch sein mag. Mit der historischen Dimension ist vielmehr eine Fähigkeit angesprochen, die sich im Modus „Es wird einmal gewesen sein“ vollzieht.
Bodenständiger ausgedrückt: Es handelt sich um die Fähigkeit, über die eigene Gesellschaft aus der Perspektive der Zukunft nachzudenken. Was werden die Menschen in Zukunft über unsere Gegenwart denken, wenn diese Gegenwart Vergangenheit geworden ist? Werden unsere Maßstäbe Bestand haben? Wird unsere Tagesmoral der Überprüfung durch künftige ethische Prinzipien standhalten? Wird das, was heute Recht ist, morgen noch richtig sein? Werden die politischen Regeln und sozialen Tatsachen von heute in Zukunft Ver- oder Bewunderung auslösen?
Die historische Dimension der Bildung läuft auf die Freiheit hinaus, in Zukunft die Gegenwart anders zu bewerten, und deshalb die Gegenwart in der Zukunft auch anders zu wollen. Die historische Dimension der Bildung hat also weniger mit dem zu tun, was einmal war, als damit, wie es einmal werden soll – insofern hat sie etwas Utopisches, obwohl ich dieses Unwort nicht mag.
In der Vorschulerziehung hat die historische Dimension der Bildung – nichts zu suchen. Dafür ist sie zu politisch. Die Erwachsenen sollen die gesellschaftlichen Probleme, denen sie selbst kaum gewachsen sind, nicht den Kindern ans Bein binden, die erst einmal laufen lernen müssen – im übertragenen, intellektuellen Sinn. Kinder gehören nicht an die Macht, wie ein beliebter Schlagersänger gegrönt hat, sondern in Obhut. Sie selbst sind die Welt, auf die sie vorbereitet werden sollen.
Die Sinnlosigkeit des Lebens
Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist pathologisch – sagt Sigmund Freud! Die Formulierung ist vielleicht etwas übertrieben, aber Freud will darauf hinaus, dass mit einem Leben, das hauptsächlich damit verbracht wird, nach dessen Sinn zu suchen, etwas nicht stimmt. Den Sinn des Lebens sucht man nicht, sondern man macht ihn. Und man macht das Leben sinnvoll, indem man es lebt. Aber das ist tautologisch! Na um so besser. Das ganze Dasein ist tautologisch. Man könnte auch sagen: es ist ‚intrinsisch’. In der Psychologie wird als ‚intrinsische Motivation’ bezeichnet, wenn etwas um seiner selbst Willen getan wird. Die meisten Menschen können sich im Alltag intrinsische Motivation nicht leisten. Man geht nicht arbeiten, um arbeiten zu gehen, sondern um Geld zu verdienen. Man geht zum Beispiel arbeiten, um sich den Urlaub zu verdienen, mit dem man sich vom Arbeiten erholt. Doch ist zu hoffen, dass in der Pädagogik auch der Eigenwert, der Eigensinn der Arbeit zu seinem Recht kommt, ebenso wie der Eigenwert und Eigensinn der Bildung.
Bildungsgerechtigkeit oder Bildungsinteresse
„Wenn alle Eltern so lautstark und gewichtig darauf bestehen würden, dass ihre Kinder das Abitur machen, wie es Akademikereltern auch dann tun, wenn ihre Sprösslinge nur sehr mäßige Schulleistungen aufzuweisen haben, dann wäre der vorzeitige Abgang [von den Gymnasien] bei allen Gruppen so gering wie bei Kindern aus den höheren Schichten.“
Diese Bemerkung stammt von dem Liberalen Ralf Dahrendorf, der in den 60er Jahren „Bildung als Bürgerrecht“ gefordert hatte. Aus dem Bürgerrecht ist nichts geworden, und aus der Bildungsgerechtigkeit auch nichts. Deshalb bin ich der Meinung, dass Gerechtigkeit nicht interessant, aber dafür das Interesse gerecht ist. Und so, wie die akademischen Familien mit gutem Recht ihre Interessen verteidigen, so sollten auch die Bildungsfernen mit dem besseren Recht der Zukurzgekommenen und Nachholenden ihre Interessen verteidigen, und zwar ausschließlich ihre Interessen – nicht die irgendeiner an den Haaren herbeigezogenen Allgemeinheit. Warum wird eigentlich ausgerechnet den Benachteiligten die allgemeine Weltverbesserung zugemutet? Warum sollen ausgerechnet die mit dem größten Nachholbedarf Rücksicht auf die mit den großen Vorsprüngen nehmen?
Im übrigen dient die Berufung aufs Allgemeine sowieso häufig nur der Verschleierung spezieller Interessen. Die Leute verteidigen ihre Privilegien mit der Gerechtigkeit für andere. Die Krux ist nur, dass es den Bildungsfernen an Impulsen fehlt, um Ansprüche auf Bildung geltend zu machen. Und wenn es nicht an den Impulsen fehlt, dann fehlt es – oft – an Kompetenz. Das kann man den Leuten nicht vorwerfen – und man sollte es ihnen deshalb im Bildungsalltag auch nicht nachtragen. Wer als Tochter oder Sohn kein Gymnasium (oder eine Universität) besucht hat, tut sich schwerer, als Mutter oder Vater die Bildungsinteressen seiner Kinder an einem Gymnasium (oder einer Universität) zu vertretern als Leute, für die das Gymnasium (oder die Universität) eine familiengeschichtliche Selbstverständlichkeit ist.
Eine Grundschule dagegen haben alle besucht. Und viele auch einen Kindergarten. Die Kindergärten, Kitas, Vorschulen und Grundschulden sind die Orte, an denen die Bildungsfernen ihre Interessen wirklich vertreten können. Was um so wichtiger zu betonen ist, als hier die künftigen Bildungschancen vorbereitet und die Wegweiser in die Lebensläufe aufgestellt werden.
Ich bin gegen den Zwang zur Partizipation, und wäre es selbst dann noch, wenn eine erzwungene Teilnahme brauchbare Ergebnisse zeitigen würde. Aber Motivation, auch so etwas wie ‚Anschubmotivierung’ kann es nicht genug geben – und wenn sie durch ‚Anschubfinanzierung’ unterstützt wird: umso besser. Das hat etwas mit ausgleichender Solidarität zu tun, nichts mit Mitleid. Mitleid ist politisch ohnehin schädlich, denn es handelt sich dabei – strukturell betrachtet – um Solidaritätsverweigerung auf dem Weg der Einzelfallhilfe. Politisch, bildungspolitisch kommt es aber nicht auf Samaritertum, sondern auf Strukturveränderungen an.
Übrigens ist auch das Selbstmitleid der Benachteiligten schädlich. Statt in didaktischer Herablassung die armen Bildungsfernen zu bedauern und passives Gewimmer zu unterstützen, sollte lieber ein wenig der Sozialneid geschürt werden. Von Bildungssozialneid kann es gar nicht genug geben! Würden die Bildungsfernen mit aggressiv forderndem Sozialneid ihre Rechte geltend machen, müssten die konkurrierenden Interessen ehrlicher gegeneinander abgewogen und besser miteinander ausbalanciert werden. Es geht also nicht darum, die differenzierte Klientel- und Interessenpolitik in eine indifferente Pseudopolitik für alle umzuwandeln, die nur in moralischen Appellen versanden würde. Vielmehr kommt es darauf an, in selbstbewusster Einseitigkeit die Interessen der Bildungsfernen zu formulieren und eine Klientelpolitik für sie zu entwickeln.
Noch einmal: Es handelt sich bei den Benachteiligungen nicht um Benachteiligungen im Einzelfall, auch nicht um sogenannte ‚Mißstände’. Es handelt sich um strukturelle, um systemische Benachteiligungen, denen systemische Bevorzugungen entsprechen. ‚Systemisch’ meint dabei, dass es sich eben nicht um Fehlfunktionen des Systems handelt, sondern um Funkionen, die zu seiner inneren Verfassung gehören. Deshalb kann, bei aller Hilfe in Einzelfällen, auf der politischen Ebene die systemische Bildungsdiskriminierung auch nur systemisch behoben werden. Es handelt sich nicht nur um ein didaktisches, pädagogisches, schulisches und vorschulisches Problem, sondern um ein gesellschaftliches, also ein soziales und politisches.
Die unter wohlmeinenden Gebildeten verbreitete Irrlehre, gesellschaftliche Probleme ließen sich pädagogisch lösen, ist einer der Gründe dafür, dass sich an der strukturellen Benachteiligung von Kindern bildungsferner Familien seit Jahrzehnten nichts Grundsätzliches geändert hat. Je nach ökonomischer und bildungspolitischer Konjunktur schaffen es ein paar mehr oder ein paar weniger von ihnen bis zur Universität, aber insgesamt ist die Chancenlage der bildungsfernen Schichten gleich schlecht geblieben.
Der in diesem Jahr wegen seines 250sten Geburtstages gefeierte fränkische Schriftsteller Jean Paul, Sohn eines ärmlichen, aber gebildeten ‚Schulmannes’, wie man damals sagte, Jean Paul also hat in seinem Roman Hesperus geschrieben: „die höhere Bildung der Einzelnen wird mit der Verwilderung der Menge erkauft“. So schlimm wie zu seiner Zeit ist es heute nicht mehr. Aber so viel besser auch wieder nicht: die viel herumgereichte ‚Chancengleichheit’ ist nur eine Illusion. Diese Illusion erleichtert es den Bevorzugten, ihre Privilegien vor sich und anderen zu rechtfertigen, während sie den Benachteiligten hilft, sich über ihre Lage hinwegzutrösten. Es ist leichter, sich damit abzufinden, man habe ein Chance nicht genutzt als damit, überhaupt keine gehabt zu haben.
Die Frontlinie, oder weniger martialisch formuliert: die Konkurrenzlinie der Verteilungskämpfe verläuft nicht, wie oft behauptet wird, zwischen ‚oben’ und ‚unten’, sondern durch die Mitte. Genauer gesagt: innerhalb der Mittelschicht, und zwar zwischen den akademischen Kernmilieus der Mittelschicht auf der einen und der unteren Mittelschicht der saturierten Arbeiter, Angestellten und kleinen Beamten auf der anderen Seite. Die Benachteiligung der unteren Mittelschicht, der Unterschicht und bestimmter Migrantenschichten ist keine kulturelle oder rassistische, sondern eine klassistische. Die soziale Herkunft, nicht der kulturelle Hintergrund hat den stärksten Einfluss auf die Bildungschancen. Der Überbetonung des Kulturellen, wie sie in Deutschland – sehr im Unterschied etwa zu Frankreich – üblich ist, entspricht eine Vernachlässigung, mitunter regelrechte Verleugnung des Sozialen.
Interessenpolitik für Bildungsferne wird derzeit wieder schwieriger. Das hat mit tatsächlichen und mit eingebildeten Problemen der akademisch ausgebildeten Mittelschichten zu tun. Die alte Verknüpfung zwischen höherer Bildung, höherem Status und höherem Einkommen hat sich gelockert. Sie hat sich nicht aufgelöst, wie vergleichende Statistiken über Einkommen und Arbeitsplatzsicherheit in den verschiedenen Schichten beweisen, aber sie ist doch brüchiger geworden. Und Menschen teilen eben nicht gern – oder sie teilen nur, wenn bei diesem ‚Teilen’ der eigene Anteil nicht kleiner wird. So ist es auch bei der Bildung. Deshalb wird die Tatsache, dass auch Bildung eine Ressource ist, und zwar eine begrenzte, gern geleugnet. Wenn diese Tatsache dann nicht länger übersehen werden kann, und wenn sich die Konkurrenz innerhalb der eigenen Schicht verschärft, wird man von den Leuten kaum erwarten können, sich in heiliger Selbstaufopferung auch noch für zusätzliche Konkurrenten aus anderen Schichten einzusetzen. In Situationen wie diesen ziehen die verschiedenen Interessengruppen zwar an einem Strang – aber in verschiedene Richtung.
Auch für das Bildungssystem trifft das zu, was Anthropologen und Soziologen auf der Ebene gesamtgesellschaftlicher Systeme zu beschreiben gewohnt sind: Diejenigen, die am meisten von ihm profitieren, wissen in der Regel auch am besten, wie es funktioniert und haben deshalb die höchste Kompetenz zur Kritik. Nur wer weiß, wie ein Laden läuft, kann etwas an ihm ändern. Man könnte dies das Überwinderparadox nennen. Dieses Überwinderparadox wirkt übrigens nicht nur auf der gesellschaftlichen Ebene, sondern auch auf der familiären. Bildungsmigration ist sehr häufig mit familiären Entfremdungsprozessen verbunden.
Die institutionelle Sozialisation als Fortsetzung oder Unterbrechung der familiären Erziehung
Dieses Thema ist besonders delikat. Und es gibt tatsächlich Situationen, wo das Aussprechen von Wahrheiten eine Unhöflichkeit, mitunter eine Aggression ist. Bildungsfernen Leuten zu sagen, sie würden die strukturelle Benachteiligung durch Selbstbenachteiligung noch zementieren, ist sicher nicht immer hilfreich – wahr bleibt es dennoch. Hier muss nicht um den heißen Brei geredet werden. Sentimentalität und Sozialromantik sind kontraproduktiv, auch die Veredelung der Opfer ist kontraproduktiv. Ähnliches gilt für die Helfer und Erzieher. Erzieher müssen durchaus keine besseren Menschen sein, es ist nicht einzusehen, warum ihnen eine Selbstaufopferung abverlangt wird, die andere Berufsgruppen für unzumutbar halten. Das zu betonen ist nicht nur eine Frage des Selbstwertes und Selbstschutzes, es hat auch die Konsequenz, die sehr harte Konsequenz, dass man verloren geben können muss. Vor die Alternative gestellt, sich fruchtlos abzumühen bis zu Resignation und Erschöpfung oder die Kräfte zu bündeln, bin ich aus politischen Gründen kaltherzig für die Bündelung der Kräfte. Aber im Alltag, das wissen Sie sicher sehr viel besser als ich, ist alles ja viel verwickelter als ich es hier der Deutlichkeit wegen zuspitze.
Menschen, die nicht aus bildungsfernen Milieus stammen, können sich die Bedrohung, die von Bildung ausgeht, nur schwer vorstellen. Bedrohung? Kinder aus bildungsfernen Familien – das können durchaus saturierte, auch finanziell gut gestellte Familien sein wie etwa die der gutbezahlten Facharbeiter – Kinder aus solchen Familien werden früher oder später mit Entfremdungserfahrungen konfrontiert, wenn sie das Herkunftsmilieu verlassen. Für Kinder aus Bildungsfamilien gibt es eine Brücke zwischen Herkunft und Zukunft, für Kinder aus bildungsfernen Familien gibt es zwischen Herkunft und Zukunft eine Kluft. Der Bildungsweg führt, spätestens mit Abitur und Studium, aus der Herkunftsfamilie heraus. Kinder aus Bildungsfamilien entfalten sich geistig, ästhetisch und intellektuell in und mit der Familie, Kinder aus bildungsfernen Familien können sich geistig, ästhetisch und intellektuell nur gegen die Familie entfalten.
In Bildungsfamilien stehen alle Mitglieder auf der gleichen Seite der Bildungsbarriere, in bildungsfernen Familien stehen Eltern und der Bildung nahe gekommene Kinder einander diesseits und jenseits der Barriere gegenüber. Wer von unten kommt und hoch hinaus will, hatte es schon immer schwerer als diejenigen, die eine familiär bereits erreichte Position nur noch persönlich verteidigen müssen und einfach dort bleiben wollen, wo auch die Eltern schon sind: in der gepflegten akademischen Mitte oder in der Funktionselite oder in der Oberschicht der Vermögenden. Der Aufstieg indessen muss erkämpft werden. Der Bildungsgewinn wird fast immer mit einem Bindungsverlust bezahlt – mit dem Verlust der Bindung ans untere Herkunftsmilieu. Das ist keine abstrakte Angelegenheit, sondern eine sehr persönliche. Die Entfremdung, die da auszuhalten ist, findet schließlich zwischen Eltern und Kindern und zwischen Geschwistern statt.
Das hinterlässt Spuren im Selbstgefühl und in der Identität. Es hinterlässt auch Spuren bei der Familie, aus der heraus sich diese Kinder nicht bloß weiter-, sondern fortentwickeln, fort-entwickeln eben nicht nur im Sinne von Sich-entfalten, sondern auch im Sinne von Sich-entfernen, vom Sich-entfernen aus der Herkunftsfamilie und dem Herkunftsmilieu. Für Kinder bildungsferner Familien ist Bildung eine Migrationserfahrung, zwar keine interkulturelle, aber eine innerkulturelle Migrationserfahrung.
Im einen wie im anderen Fall werden Aufsteiger bewundert, wenn sie zurückkommen und Geschenke verteilen. Wissen kann man aber nicht verteilen wie Geschenke oder Geld, auch sozialen Status kann man nicht verteilen, wie Geschenke oder Geld. Sozialer Status färbt zwar ab, aber von den Eltern auf die Kinder, nicht von den Kindern auf die Eltern. Für bildungsferne Eltern bringt die Bildung ihrer Kinder Verlustängste mit sich und auch tatsächliche Verlusterfahrungen. Ich glaube, dass darin einer der Gründe zu suchen ist, warum viele bildungsferne Eltern für ihre Kinder Realschul- oder Fachschulabschlüsse gut finden, während ihnen das Studieren eher suspekt ist. Die Kinder sollen aufsteigen, sich aber nicht zu weit von der Familie entfernen. Das ist bei den mittleren Abschlüssen am ehesten miteinander zu vereinbaren.
Die seelischen Sorgen, die sich bildungsferne Eltern machen, wenn ihre Kinder der Bildung zu nahe kommen, sind also nicht nur subjektiv berechtigt, sondern auch objektiv begründet. Die inneren Widerstände gegen Bildungsambitionen, die die eigene Herkunft überschreiten, resultieren weniger aus mentaler und intellektueller Vernagelung, als aus der Sorge, im besten Fall der Ratlosigkeit, was wohl werden wird, wenn die Kinder die eigenen sogenannten kleinen Verhältnisse verlassen und einem dann als Angehörige der sogenannten besseren Kreise gegenübertreten.
Auf der Seite der aufgestiegenen Kinder kann das zu etwas führen, was ich ‚Aufsteigerdiskretion’ nenne. Wenn man es ‚geschafft’ hat, egal wohin, erzählt man im Kollegenkreis ja nicht dauernd herum, dass Mama Putzfrau war und Papa Bauarbeiter. Auf der Seite der zurückgebliebenen Eltern wiederum wird der Stolz auf den Aufstieg der Kinder vergiftet durch die Angst, die Kinder könnten sich ihrer Eltern schämen. Man kann dieses ‚setting’ nicht genug betonen, weil Leute – jedenfalls ist das meine Erfahrung – , die in Bildungsfamilien aufgewachsen sind, von dieser Problematik keine Vorstellung haben.
Die Aufsteigerdiskretion und die Angst der Eltern vor der Scham ihrer Kinder entstehen zum Glück erst in den letzten Etappen eines Bildungsweges und dürften in Kitas und Grundschulen noch keine große Rolle spielen. Ich vermute, dass sich in dieser Phase die Eltern noch keine Gedanken darüber machen, was auf sie zukommt, wenn die Kinder bildungsmäßig fortkommen. Es ist deshalb besonders wichtig, schon in dieser Phase den Keim zur Bildung zu legen, obwohl ich die Metapher vom ‚Keim’ nicht mag, denn Kinder sind keine Pflanzen, die man in Gärten zieht.
Was bedeutet das alles für die institutionelle Pädagogik? Sollen Kitas, Vorschulen und Grundschulen die familiäre Erziehung um funktionelle Fertigkeiten erweiternd fortsetzen? Oder sollen sie die familiäre Erziehung ergänzen, vor allem dort, wo diese Erziehung defizitär ist? Aber wer befindet darüber, was defizitär ist, wer stellt die Kriterien auf? Und unter welchen Bedinungen soll die institutionelle Erziehung die Erziehung in der Familie nicht nur ergänzen, sondern unterbrechen, weil diese Erziehung nicht nur defizitär, sondern ungeeignet und schädlich für die Kinder ist?
In Fällen von Verwahrlosung sind feinsinnige Diskussionen unangebracht. Hier hat der Staat zu handeln, notfalls auch gegen den Willen der Eltern. Grundsätzlich geht es jedoch um Behutsamkeit. Staatliche Stellen und institutionelle Autoritäten sollen nicht zu weit in die Familien vordringen. Die Schule als moralische Anstalt hat ihr pädagogisches Personal nicht mit obrigkeitlichen Befugnissen auszustatten. Gleichwohl ist sanfte Intervention unvermeidlich, sobald die außerfamiliäre Sozialisation beginnt. Schon die Tatsache, dass Erziehung außerhalb der Familie stattfindet, wirkt in die Familie hinein, ob man das will oder nicht. Im besten Fall werden nicht nur die Kinder erzogen, sondern auch die Eltern; und im allerbesten Fall erziehen die Eltern in einem fruchtbaren Rückkoppelungsprozess ihrerseits wieder die Lehrer. Das ist mehr als ‚feedback’, das wäre ein pädagogisches Relais, in dem alle alle erziehen und jeder von jedem lernt. Diese Idylle wird im pädagogischen Alltag selten anzutreffen sein. Im Alltag ist ohne die wilde Mischung aus Prinzipientreue, zielorientierter Nachgiebigkeit und Durchwurstelei wahrscheinlich nichts zu machen.
In der Junikolumne läuft einer die Wilhelmstraße entlang
Jetzt liegt er hinter mir, mein letzter Gang – einstweilen zum Glück nur mein letzter Gang ins ARD Hauptstadtstudio in der Wilhelmstraße Nummer 67a. Dort habe ich meine Monatskolumnen für die LiteraturEN gesprochen. Bei jedem dieser Gänge bin ich die Wilhelmstraße entlang gelaufen, bei Wind und Wetter, bei Sonnenschein und Regen. Dieser Weg die Wilhelmsstraße entlang ist der geschichtsträchtigste, den man in dem an geschichtsträchtigen Straßen und Plätzen bestimmt nicht armen Berlin überhaupt gehen kann.
Übrigens ist die Geschichte nicht trächtig. Und falls mit ‚geschichtsträchtig’ gar nicht gemeint ist, die Geschichte sei schwanger, sondern die Gegenwart, dann wird die Sache auch nicht klarer: Schließlich ist die Gegenwart ja nicht von der Geschichte schwanger, sondern von der Zukunft, wenn überhaupt. Denn genau genommen und nicht bloß unverbindlich metaphorisch: Von wem und womit sollen Zeit, Geschehen und Zeitgeschehen denn schwanger sein? Die Zeit vergeht, das Geschehen geschieht. Hinterher erzählen sich die Menschen Geschichten, um sich zu erklären, wie das alles passieren konnte. Und während man die 2,4 Kilometer lange Wilhelmstraße entlang geht, könnte man soviele Short Storys aus der Historie erzählen, dass alle Kolumnen eines Jahres zusammen genommen nicht ausreichen würden.
Schon eine blanke Aufzählung der geschichts- hoppla, der geschichtsträchtigen Orte, die man unterwegs passiert, würde den Rahmen sprengen: Vom Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale, am einen Ende bis zum ARD Hauptstadtstudio, Ecke Reichstagsufer, am anderen. Dazwischen liegen die Topographie des Terrors auf dem ehemaligen Gestapogelände, dann ein gerade erst entstehendes riesiges Einkaufsviertel an der Ecke Leipziger Straße, wo vor hundert Jahren das berühmte Kaufhaus Wertheim stand, und schließlich das Hotel Adlon am Pariser Platz Ecke Wilhelmstraße. Außerdem gibt es vier Botschaften – die Britische, die Französische, die Ungarische und die der ehemaligen CSSR, heute Botschaft von Tschechien – und drei Bundesministerien: das Arbeitsministerium, das Landwirtschaftsministerium und das Finanzministerium. Dieses Kolossalgebäude in der Wilhelmstraße 97, in dem von 1990 bis 1995 auch die Treuhand untergebracht war, hat eine besonders – wie sagt man: ‚wechselvolle Geschichte' - erbaut als Reichsluftfahrt- ministerium, nach 1945 Hauptquartier der sowjetischen Militärverwaltung, dann Sitz des deutschen Volksrates, dann Haus der Ministerien.
Wie gesagt: Schon für eine blanke Aufzählung all der History-Orte die Wilhelmstraße entlang reicht die Kolumnenzeit nicht aus. Dabei hat die Wilhelmstraße neben ihrer national- und welthistorischen Dimension für mich auch noch eine privatgeschichtliche. Zum Beispiel liegt dort das Edelrestaurant, in dem ich die größte Zeche meines Lebens gemacht habe. Das war anläßlich des Erscheinens meines ersten Romans mit dem vielversprechenden Titel Desaster. Der Titel hat alle seine Versprechen gehalten, leider. Zum Glück musste ich den Vorschuss, den üblichen Vertragsregelungen entsprechend, nicht zurück zahlen. Es war also in Ordnung, dass ich Freunde in das Lokal in der Wilhelmstraße einlud und die größte Zeche meines Lebens machte. Heute, elf Jahre später, könnte ich mir eine solche Zeche nicht mehr leisten, denn heute, zehn Bücher später, kann ich von einem solchen Vorschuss nur noch träumen.
Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, schon gar nicht, wenn er ein schriftstellernder ist. Schriftsteller sind dermaßen geschichts-, naja, wie soll ich sagen, permanent dermaßen geschichtsträchtig, dass sie immerzu erzählen müssen. Kaum sind sie von etwas Wirklichem beeindruckt, schon haben sie etwas Dazuerfundenes im Kopf. Obwohl der schriftstellernde Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern auch von Lob und Lorbeeren, will er wie andere Menschen ‚seinen Weg’ machen, wie man im bürgerlichen Berufs- und Erwerbsleben sagt. Der meine hat nun eine zeitlang über die Wilhelmstraße geführt. Schön war’s. Aber da nicht nur Gebäude, sondern auch Leute ‚eine wechselvolle Geschichte’ zu haben pflegen, kann man nicht sein Leben lang einmal pro Monat die Wilhelmstraße entlang laufen. Trotzdem: Der Weg wird mir fehlen. Die Kolumne wird mir fehlen. Lob und Brot werden mir fehlen. Und das Publikum wird mir auch fehlen. Adé!
Die Junikolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 25.6.
Diese Kolumne schloss wie vorgesehen die Reihe ab..
In der Maikolumne rosten die Schlösser
In Berlin gibt es viele Schlösser: das Bellevue im Tiergarten als Amtssitz des Bundespräsidenten, dann eines in Britz, eines in Biesdorf, eines in Charlottenburg, eines im Grunewald, zwei in Glienicke, eines in Tegel, eines auf der Pfaueninsel, eines in Köpenick und schließlich eines in den Köpfen – das ist das größte von allen, das Stadtschloss. Es muss aber erst noch gebaut werden, oder wiederaufgebaut meinetwegen.
Und dann gibt es noch die vielen, vielen kleinen Schlösser. Sie hängen eingeschnappt an den Brückengeländern und künden von ewiger Liebe. Oder lassen wissen, dass eine Claudia aus Braunschweig im Mai 2009 in Berlin gewesen ist, ein Bernd aus Rostock im August 2011 und erst kürzlich im März 2013 eine Yoko aus Kyoto. Diese Auskünfte sind in die Metallkörper der Schlösser eingraviert. Aber, wie gesagt, bei den meisten Gravuren und Inschriften handelt es sich um Liebesbekenntnisse.
Jedesmal, wenn ich ins ARD Hauptstadtstudio gehe, um meine Kolumne zu sprechen, statte ich der Marschallbrücke einen Besuch ab. Sie ist nur ein paar Schritte vom Studio entfernt, und man hat von ihr einen spektakulär hauptstädtischen Blick quer über die Spree hinüber zum Bundeskanzleramt mit seinem riesigen Bullauge, das wohl daran erinnern soll, dass dort das sogenannte „Staatsschiff“ gesteuert wird.
Auch das Geländer der Marschallbrücke ist mit Schlössern verziert, und so verbinde ich meine Studiogänge mit Schlossbesichtigungen. Ich freue mich immer, wenn neue Schlösser hinzu gekommen sind. Am Geländer dieser Brücke hängen besonders viele Erinnerungs- und Liebesschlösser, und so manches Liebeserinnerungsschloss wird wohl auch dabei sein. Vielleicht ist das Herz, das auf einem großen Vorhängeschloss die Silke und den Leon umschließt, im Leben längst gebrochen. Vielleicht sind die beiden, die am Geländer der Marschallbrücke so unzertrennlich vor sich hinrosten, im Unfrieden auseinander gelaufen und haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich frage mich, was sie wohl mit den Schlüsseln gemacht haben.
Früher dachte ich immer, dass zu Vorhängeschlössern deshalb zwei Schlüssel mitgeliefert werden, damit man einen Ersatzschlüssel hat, falls man den anderen verliert. Seit ich die Schlösser am Geländer der Marschallbrücke studiert habe, weiß ich, dass deshalb jedes Schloss zwei Schlüssel hat, damit beide Schlossbesitzer einen haben: die Silke und der Leon zum Beispiel.
Aber warum haben die Silke oder der Leon ihr Liebesschloss nicht von der Marschallbrücke geschlossen, nachdem sie sich entschlossen haben, einander lieber doch nicht mehr zu lieben? Haben sie die Schlüssel verlegt? Oder womöglich weggeworfen? Ich stelle mir vor, wie die beiden verliebt auf der Brücke standen und das Schloss einschnappen ließen. Danach haben sie sich geküsst und die Schlüssel hinunter in die Spree geworfen. „Denn alle Lust will Ewigkeit.“
Wer hat das nochmal gesagt?
Trotz aller Lust hat die Ewigkeit dann doch nicht lange gedauert. Jetzt liegen die beiden Schlüssel auf dem Grund der Spree, und die Silke und der Leon kriegen das Schloss nicht mehr ab – es sei denn mit dem Bolzenschneider. Um Trauringe abzukriegen, braucht man keinen Bolzenschneider. Die zieht man einfach vom Finger.
Es gibt Leute, die ritzen Liebesherzen mit ihren Namen in Baumstämme. Der Baum wächst, die Liebe nicht immer. Wenn die Leute feststellen, dass sie ihr Liebesherz nicht nur in die Rinde geschnitten haben, sondern auch ins eigene Fleisch, können sie zu ihrem Baum der Erkenntnis gehen und versuchen, das Herz oder wenigstens die Namen irgendwie unkenntlich zu machen. Ein ähnlicher Versuch ist mir an einem der Geländerschlösser aufgefallen. Auch in diesem Fall waren wohl die Schlüssel zur Liebe und zum Schloss verloren gegangen, die Namen wurden durch Zerkratzen unlesbar gemacht.
Übrigens hängen die meisten Liebesschlösser nicht an der Marschall-, sondern an der Hohenzollernbrücke, der Hohenzollernbrücke in Köln! In Sichtweite des Doms, in dem sich die Pfarrer bei der Trauung zu erkundigen pflegen: „Willst du diese“, es folgt der Name der Braut, „die Gott dir anvertraut, als deine Ehefrau lieben und ehren und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot führen, in guten wie in bösen Tagen, bis dass der Tod euch scheidet?“
Im Badischen wiederum gab es vor dreihundert Jahren diese Variante: „Hans, wollt ihr Grete hiezugegen zu eurem ehelichen Gemahl und dieselbe in Lieb und Leid nimmermehr verlassen, auch euch von ihr nicht scheiden, es scheide euch denn der Tod?“
Was werden in dreihundert Jahren die Archäologen denken, wenn sie die vielen Schlüssel auf dem Grund der Spree entdecken?
Die Maikolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 28.5.13.
In der Aprilkolumne erinnert sich Amygdala
Vorletzte Woche reiste ich nach Köln. Der Grund war eine Radiodiskussion, zu der man mich als Schriftsteller eingeladen hatte. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn nicht Köln daran schuld wäre, dass ich überhaupt Schriftsteller geworden bin. Ohne Köln wäre ich womöglich Hirnforscher geworden. Genau genommen lag es aber nicht an Köln, sondern an einer dort ansässigen Behörde, die es inzwischen nicht mehr gibt, weil es das, was sie verwaltete, auch nicht mehr gibt: ich meine das Bundesamt für Zivildienst.
Nachdem ich Mitte der 70er meine Anerkennung als Wehrdientsverweigerer erreicht hatte – damals musste man eine persönliche Befragung durchstehen – wies mir die Kölner Behörde als bayerischem Landeskind eine Zivildienststelle beim Roten Kreuz im bayerischen Aschaffenburg zu. Ich hatte mir jedoch selbst eine Stelle in einem Männerwohnheim im hessischen Fankfurt gesucht. Mein Interesse für Psychologie, Psychiatrie und eben auch Hirnforschung war damals sehr groß. Ich war fasziniert von Synapsen, Cortex-Arealen und Mandelkernen – jener im Wortsinn tatsächlich Furcht erregenden Gegend im Gehirn, die von dessen Erforschern auch als Amygdala bezeichnet wird. In den Mandelkernen beginnt das Erschrecken, und zwar schon bevor das Bewusstsein über die Gefahr informiert wird. In den Mandelkernen beginnt auch das emotionale Gedächtnis, ebenfalls bevor das Bewusstsein davon etwas mitkriegt.
Solche Sachen faszinierten mich. Sie faszinieren mich immer noch. Aber weil ich statt Hirnforscher bloß Schriftsteller geworden bin, habe ich über die Amygdala und andere Hirngegenden kein richtiges Buch geschrieben, sondern bloß einen Roman. Er heißt Fifty Blues und handelt – unter anderem – von einem Psychoanalytiker, dem die Konkurrenz der Hirnforscher zu schaffen macht.
Während meiner Synapsen-Phase hat meine Amygdala wohl schon befürchtet, ich könnte Schriftsteller werden. Aber mein Bewusstsein glaubte noch an eine Zukunft als Hirnforscher. Deshalb wollte es – also das Bewusstein – Medizin studieren. Deshalb wollte ich meinen Zivildienst lieber in einem Wohnheim mit sucht- und seelisch kranken Männern ableisten als beim Roten Kreuz. Und deshalb fuhr ich nach Köln, um den Sachbearbeiter im Bundesamt für Zivildienst zu überzeugen, mich die Männerwohnheim-Stelle in Frankfurt antreten zu lassen statt die mir vom Amt zugewiesene Stelle beim Roten Kreuz in Aschaffenburg.
Der Sachbearbeiter war nett, lobte mein Engagement und bewilligte meinem Antrag. Schon bald, nachdem ich die Stelle angetreten hatte, fürchtete meine Amygdala, dass meine Seele den Seelen der Männer im Wohnheim nicht gewachsen sein könnte. Mein Bewusstsein brauchte dafür etwas länger. Ich leistete meinen Zivildienst und arbeitete danach noch ein halbes Jahr als Angestellter in der Einrichtung. Dann studierte ich – Germanistik.
Die Erfahrung mit den armen Seelen im Männerheim hatte mir klar gemacht, dass ich zu weich war für die harte Wissenschaft, dass meine Träumerpsyche den psychiatrischen Realitäten nicht standhalten würde, und dass alles Synapsen-Wissen eitel ist bei verzweifelten Gemütern.
Die Zivildienststelle, um derentwillen ich nach Köln gefahren war, hielt mich in direktem Gegensatz zu meinem ursprünglichen Plan davon ab, Psychiater oder Hirnforscher zu werden. Stattdessen kam ich auf die schiefe Bahn und wurde erst Germanist, dann Journalist, dann Publizist, dann Schriftsteller. Das habe ich nun davon. Und Sie auch! Und Köln ist daran schuld. Oder jedenfalls der freundliche Sachbearbeiter im Bundesamt für Zivildienst Mitte der 70er Jahre.
Was wäre wohl geworden, hätte der Mann auf dem Roten Kreuz in Aschaffenburg beharrt? Hätte ich ohne die Wohnheim-Erfahrung an meinen Hirnforscherplänen festgehalten? Wäre ich dann tatsächlich Psychiater geworden? Würde ich heute womöglich zu jenen Hirnforschern gehören, die sich die Freiheit nehmen, die Freiheit eine Illusion zu nennen? Ist das Leben, oder zumindest das Seelenleben, eine Zwangsfolge von Ereignissen, auf die unser bewusster Wille viel weniger Einfluss hat als unser Bewusstsein will?
Als ich vorletzte Woche wegen der Radiodiskussion, zu der man mich eingeladen hatte, in Köln war, besuchte ich auch den Dom – so, wie ich ihn damals besucht hatte, nachdem ich den Sachbearbeiter von der Stelle im Mannerwohnheim überzeugt hatte. Wie damals sorgte Amygdala dafür, dass mein Herz zu klopfen anfing; wie damals sank mir Düsternis in die Seele beim Anblick der heiligen Bischöfe, auf ihren Sarkophagen liegend, die Hände gefaltet im steinernen Gebet; und wie damals erleuchtete ein zukunftsfrohes Erwarten mein Gemüt, als plötzlich die Sonne durch die Marterszenen auf den Kirchenfenstern schien.
Die Aprilkolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 30.4.13.
In der Märzkolumne klappert eine Schafschere
Neulich bin ich mal wieder über den Markt am Maybach-Ufer gegangen. Er ist einer der ältesten und beliebtesten in Berlin und hat zudem den Vorteil, von meiner Neuköllner Schreibstube nur einen Katzensprung entfernt zu sein. Die Metapher ist nicht etwa weit hergeholt, vom Land, denn ich kann die Katzen von meinem Fenster aus in dem baumbestandenen Wiesen- und Garagen-Areal inmitten meines Häuserblocks herumspringen sehen. Aber davon wollte ich gar nicht erzählen, sondern vom Markt am Maybach-Ufer, der von meiner Schreibstube nur einen – Steinwurf entfernt ist, wenn die Metapher als passender für Berlin angesehen wird.
Diese Steinwurfstrecke zum Markt bin ich also neulich wieder einmal gegangen, als am Schreibtisch nichts mehr ging. Schriftsteller sind ja, jedenfalls solange sie schreiben oder zu schreiben versuchen, so etwas wie Athleten des Alleinseins. Und wenn dann, wie bei mir, noch der Charakterfehler eines gewissen Hangs zur Introvertiertheit hinzu kommt, muss man aufpassen, dass man nicht übertrainiert beim Alleinsein. Deshalb gehe ich immer mal wieder über den Markt und unter die Leute, wie man so sagt, denn der Mensch ist zwar des Menschen Wolf, aber gleichzeitig ein Gesellschaftstier.
Auf dem Markt trifft man mit Leuten aller Weltgegenden zusammen, von Afrika bis Anhalt-Zerbst. Und es gibt alles zu kaufen, von Aprikosen bis Zitronen. An manchen Ständen findet man Dinge, die man für ausgestorben halten könnte: Drehaschenbecher zum Beispiel, falls Sie noch wissen, was das ist und wie so etwas aussieht. Mal ehrlich: Wann haben Sie zuletzt einen Drehaschenbecher gesehen? Oder gar benutzt? Und können Sie sich ein vietnamesisches Schafschermesser vorstellen? Diese Messer sind hübsch, einfach und sehr scharf. Ich habe eines gekauft. Dabei habe ich gar kein Schaf, nur manchmal einen Esel, nämlich wenn ich selbst einer bin – beim Kauf eines Schafschermessers zum Beispiel. Damit kann ich Briefe öffnen, sagte ich mir. Dabei kriege ich kaum noch Briefe, nur noch Mails. Und die öffnet man mit der Maus, nicht mit dem Messer.
Neben Drehaschenbechern und Schafschermessern gibt es auf dem „Türkenmarkt“, wie er früher hieß und man heute lieber nicht mehr sagen sollte, auch griechische Oliven, deutsche Tomaten (die aber beim Türken), nigerianische Kochbananen, schweizer Käse, Mailänder Salami und andalusischen Schinken. Nur bayerische Weißwürste habe ich keine gesehen. Die sind wahrscheinlich zu dünnhäutig für dieses Durcheinander, die überleben nur in der Diaspora der Delikatessenläden.
Von denen haben in letzter Zeit etliche aufgemacht in meinem Kiez, wobei ich mich frage, wer aus meiner Nachbarschaft diese Delikatessen kaufen kann. Ich meine nicht Weißwürste, sie mögen so empfindlich sein, wie sie wollen, sie bleiben doch immer bezahlbar. Ich meine zum Beispiel Schinken von spanischen Schweinen, die mit Eicheln gemästet werden. Da können hundert Gramm schon mal 17,99 kosten. Sie haben richtig gelesen: 17,99 nicht etwa 7,99 – was ja auch schon ein Preis über dem ostdeutschen Mindestlohn ist. Wer aus meiner Nachbarschaft kann spanischen Eichelschweinschinken für Siebzehnneunundneunzig pro hundert Gramm kaufen?
Auf dem Weg zum Markt gibt es einen Aldi und gleich daneben einen Lidl. Die beiden Läden sind immer voll. Dort gehen die Leute aus meinem Kiez einkaufen, wenn sie nicht wie ich auf den Markt gehen. Aber ich gehe ja in erster Linie nicht auf den Markt, um Aprikosen und Zitronen, Drehaschenbecher oder Schafschermesser zu kaufen, sondern um mich von der Einsamkeit beim Schriftstellern zu erholen, und damit die Hände zwischendurch etwas anderes unter die Finger kriegen als Buchstabentasten: Gurken zum Beispiel, Radieschen, Gemüsezwiebeln, schwarze Rettiche und weiße Mairübchen. Und Spargel gibt es auch bald wieder.
Spargel kommt in Berlin immer aus Beelitz. Man glaubt gar nicht, wieviel Spargel aus Beelitz es jedes Jahr gibt. Wahrscheinlich liegt Beelitz in Peru. Peru ist einer der größten Spargelproduzenten der Welt. Gleich nach China, glaube ich. Aber vielleicht bringe ich da auch etwas durcheinander. Jedenfalls freue ich mich schon auf die Spargelzeit, kaum ist der letzte Schnee geschmolzen. Zumal ich den Spargel nicht auf dem Markt am Maybach-Ufer kaufe, weder beim Türken noch beim Peruaner noch beim Chinesen. Ich hole den Spargel direkt vom Hof. Das ist zwar weiter als ein Steinwurf und ein Katzensprung zusammen, aber dafür kommen die zehn Finger, die meine Texte schreiben, mal an die frische Luft.
Die Märzkolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 26.3.13.
In der Februarkolumne streifen Mohren durch Jena
Momentan treibe ich mich viel in der Goethe-Zeit herum. Es ist meine Lieblingszeit, jedenfalls geistig und fiktiv. Materiell und wirklich bin ich ganz froh, in unserer Gegenwart zu leben, meine Texte mit zehn Fingern auf der Tastatur und nicht mit dreien an der Feder zu schreiben. Und ich lieeebe es, einmal im Monat ins Rundfunkstudio zu gehen und meine Texte in ein Mikrophon zu diktieren – gewissermaßen. Goethe hat auch diktiert. Gravitätisch schritt er im Hausmantel auf und ab und ließ die Worte wie goldene Früchte in die Tintenhände seines Schreibers fallen. So etwas wie ein Mikrophon wäre ihm suspekt gewesen. Allerdings hätte er sich wohl rasch daran gewöhnt. Größen wie Goethe gewöhnen sich an alles, was ihren Einfluss noch größer macht. Und Goethe hätte das nötig gehabt. Er war zwar eine literarische Eminenz in Weimar, aber seine Werke fanden, gemessen an den Erfolgsbüchern seiner Zeit, nicht gerade reißenden Absatz, vom Werther einmal abgesehen.
Ich stelle mir also vor, dass Goethe nichts dagegen gehabt hätte, von seinem Haus am Frauenplan in Weimar einmal im Monat einen Spaziergang ins „Herzog-August-Studio“ zu machen, wie es wohl geheißen hätte, um etwas aus seinem Leben ins Mikro zu diktieren. Aber vielleicht gibt es in Weimar nicht einmal heutzutage ein Tonstudio. Und vielleicht wäre Goethe doch nicht zum Mikro gegangen, sondern das Mikro hätte zu ihm kommen müssen.
Solch kindische Gedankengänge habe ich bei meinen Gängen ins Studio. Wie gesagt: Ich treibe mich viel in der Goethe-Zeit herum, jedenfalls geistig und fiktiv. Materiell und wirklich lässt sich die Gegenwart gleichwohl nicht abstreifen. Sie lugt ständig durch die Ritzen der Vergangenheit. Zum Beispiel fielen mir die >Neger< der Goethe-Zeit erst so richtig ins Auge, als sie den Feuilletonisten der Gegenwart so viel zu schaffen machten. Bei Mozart springen sie auf der Bühne herum, und Papageno, der wunderbare Vogelfänger aus der Zauberflöte, tut seine eigene Verwunderung über schwarze Menschen mit der Bemerkung ab, es gäbe schließlich auch schwarze Vögel – was ihm wahrscheinlich eine Rüge wegen Verstoßes gegen das Anti-Diskriminierungsgesetz eingebracht hätte.
Auf Gemälden der Zeit erscheinen gleichfalls die Mohren. Sie zieren jene Bilder, die zur Repräsentationskunst der Mächtigen gehören. Aufgeputzt steht der schwarze Mann im Hintergrund, menschliches Schmuckstück der Macht über Menschen. Doch mitunter treiben sich die Mohren auch auf der Straße herum. Etwa in denen von Jena. Säße Goethe neben mir im Studio, könnte er von ihnen erzählen: „Die Universitätsstadt Jena, deren unterste ärmste Klasse sich so fruchtbar erweist, wie es in den größten Städten sich zu ereignen pflegt, wimmelt von Knaben verschiedenen Alters. Ohne eigentlich zu betteln, nehmen sie durch Vieltätigkeit das Wohltun der Einwohner, besonders aber der Studierenden in Anspruch.“
Weil die Gegenwart immerzu durch die Ritzen der Vergangenheit lugt, fällt auf, dass Goethe eigentümlich geschlechtsneutral von „Studierenden“ spricht, nicht etwa von Studenten, obwohl Frauen an den Unis damals nur ausnahmsweise zugelassen waren. Dafür bezeichneten die männlichen Professoren die Universität selbst als alma mater, als „nährende Mutter“. Und Goethe lässt im Faust den Mephisto vor einem Erstsemester dermaßen von der „Weisheit Brüsten“ schwärmen, dass dem Jungen die Ohren heiß werden vor Verlangen.
Aber ich will über den wenigen Mädchen an den Unis die vielen Buben in den Straßen nicht aus den Augen verlieren, die, wie Goethe erzählt, „das Wohltun der Studierenden in Anspruch“ nahmen: „Sie standen am Markte und an den Straßenecken überall bereit, trugen Botschaften hin und wieder, bestellten Pferde und Wagen, alles gegen geringe Retributionen, welche denn doch ihnen und ihren Familien bedeutend zugute kamen. Man nannte sie Mohren, wahrscheinlich weil sie, von der Sonne verbrannt, sich durch eine dunklere Gesichtsfarbe auszeichneten.“
Goethe hat sich nicht nur über die Mohren von Jena, sondern auch über die Sklaven in Amerika geäußert – und über die Bigotterie, mit der die Engländer damals die Sklaven ausbeuteten, den Handel aber für inhuman erklärten: „In Amerika haben die Engländer große Negerkolonien angelegt, die sehr produktiv sind und jährlich einen großen Ertrag an Sklaven liefern. Mit diesen versehen sie die nordamerikanischen Bedürfnisse, und indem sie auf solche Weise einen höchst einträglichen Handel treiben, wäre die Einfuhr von außen ihren merkantilischen Interessen sehr im Wege, und sie predigen daher gegen den inhumanen Handel.“
Die Februarkolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 26.2.13
In der Januarkolumne liegt das Glashaus in Scherben
In diesem hoffentlich glücklich verlaufenden dreizehnten Jahr des einundzwanzigsten Jahrthunderts, das ja eigentlich das vierzehnte ist, wenn man das Jahr 2000 mitzählt, in diesem dreizehnten Jahr jedenfalls kommt allerhand Be- und Gedenkliches auf uns zu: etwa der zweihundertfünfzigste Geburtstag Jean Pauls im März, der zweihundertste von Richard Wagner im Mai und der zweihundertste von Georg Büchner im Oktober. Dazu gibt es im September noch die Diamantene Hochzeit meiner Eltern. Aber das ist für's Publikum eher nicht von Belang.
Woher kommt eigentlich diese Rundungseuphorie, diese Fixiertheit auf zweihundert, zweihundertfünfzig oder dreihundert Jahre? Nicht, dass ich groß was dagegen hätte. Im letzten Jahr zum Beispiel war ich Jubiläumsgewinnler: dreihundert Jahre Rousseau brachten mir immerhin drei Aufträge ein, die ich mit Vergnügen erfüllte, denn Rousseau war zwar eine Nervensäge, aber eine faszinierende.
Noch einmal: Warum begeht man nicht zweihundert- zweiundzwanzigste oder dreihundertdreiundreißigste Jahrestage, warum muss es hinten immer nullen oder fünfen, wie bei der fünfundzwanzigjährigen Betriebszugehörigkeit oder der Silbernen Hochzeit? An die Silberhochzeit meiner Eltern kann ich mich noch gut erinnern. Aber das ist für's Publikum wieder nicht von Belang.
Übrigens bin ich gar nicht der Meinung, dass es etwas Verkehrtes ist, wenn sich die Menschen in gewissen Zeitabständen an gewisse Begebenheiten oder Geburtstage oder Todesfälle erinnern. Man käme ja mit der ganzen Geschichte nicht mehr klar, würde man sie nicht in lauter einzelne Geschichten zerlegen. Der „11. September“ zum Beispiel, aber der hatte sein Zehnjähriges schon im vorvergangenen Jahr. Oder der „9. November“, an dem in Deutschland so schrecklich viel und so viel Schreckliches geschehen ist, die sogenannte „Reichskristallnacht“ zum Beispiel, das Pogrom gegen die Juden im Jahr 1938. Das nächste – wie soll man sagen: Jubiläum? – steht im November bevor, es ist das 75ste.
Auch das, was wir mit „89“ verbinden passierte am 9. November: der Mauerfall, was irgendwie komisch klingt, wie ich finde, als ob die Mauer einfach umgefallen wäre, ganz von allein, ohne Zutun der Menschen. Sei’s drum. Darüber ist nächstes Jahr zum Fünfundzwanzigjährigen noch genug zu debattieren. Mir wird jetzt schon plümerant, wenn ich daran denke, was dann alles auf uns zukommt. Dieses unentwegte Herumerinnern, das vom Herumirren nicht immer klar zu unterscheiden ist. Und wo waren Sie in der Nacht des Mauerfalls? Etwa im Bett? Das zuzugeben kann sich vielleicht jemand in Süddeutschland leisten, aber keiner, der schon damals in Berlin gelebt hat, so wie ich.
Noch plümeranter wird mir, wenn ich daran denke, was passiert, genauer gesagt: nicht passiert wäre, wenn Erich Honecker recht behalten und die Mauer „noch hundert Jahre“ stehen würde. Meine Frau stammt ja aus Ostdeutschland, und bei einer hundertjährigen Mauer hätte ich sie niemals kennen gelernt. Aber das ist für die Hörerschaft schon wieder eher nicht von Belang.
Von Belang sind die großen Sachen und die großen Leute. Nichts dagegen, völlig in Ordnung. Andererseits ist das Jubiläums- und Jahrestagsgeschäft doch irgendwie enervierend. Was wird nur für ein wahnsinniges Gewese um Wagner gemacht? Die ganzen alten Themen, die schon hundertmal diskutiert worden sind, werden wiederaufbereitet und gedenkgeschäftig erneut unters Publikum gebracht. Man lädt Koryphäen auf Podien, fragt Künstler nach ihrer Meinung, testet Promis auf ihre Einstellung. Es werden Artikel verfasst, Ringe inszeniert, Bücher publiziert. Mein lieber Schwan, es herrscht Hochjunktur in der Jubiläumswirtschaft.
Aber wer im Glashaus sitzt, sagt man, soll nicht mit Steinen werfen. Das mit dem Glashaus ist nur eine Metapher. Zum Glück! Denn auch ich habe mich schuldig gemacht und ein Jubiläumsbuch geschrieben: Nicht über Wagner, sondern über Johann Gottfried Seume, den "Spaziergänger nach Syrakus", der am 29. Januar vor 250 Jahren geboren wurde.
Die Januarkolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 29.1.13
In der Dezemberkolumne tickt eine Zeitbombe
Früher, als ich Kind war und so jung, wie ich mich fühlte, hieß es immer: Noch dreimal schlafen, dann ist Geburtstag. Oder: Noch zweimal schlafen, dann ist Weihnachten. Heute, da ich so alt bin, wie mich nicht fühle, muss ich sagen: Noch zehn mal Weihnachten, dann kriege ich Rente – falls das Renteneintrittsalter nicht auf 69 hochgesetzt wird. Entsprechende Vorschläge kursieren ja schon. Wenn es bleibt, wie es ist, sind es nur noch zehn mal Weihnachten bis zu meinem Renteneintrittsalter. Kinder, wie die Zeit vergeht. Ja, ja, das sagen alte Leute immer. Und wenn junge Leute anfangen, das zu begreifen, fangen sie selber an, alte Leute zu werden.
Die Zeit ist ein dehnbarer Begriff. Nicht wegen des Begriffs, sondern wegen der Zeit. Ich muss zugeben, dass ich einen Tick mit der Zeit habe. Zum Beispiel habe ich für meinen Roman Fifty Blues ausgerechnet, wie sich die Zeit einer Ehe zur Zeit verhält, die man in dieser Ehe mit Zähneputzen verbringt. Man kann das auch auf andere Zeiträume anwenden. Zum Beispiel auf den Zeitraum „Zehn mal Weihnachten“. Meine automatische Zahnbürste ist auf zweieinhalb Minuten Putzzeit eingestellt. Bei zweimal Putzen täglich ergibt das fünf Minuten. Bis zum Renteneintrittsalter in zehn mal Weihnachten putze ich 18.250 Minuten Zähne, das sind etwas über dreihundert Stunden. Ziemlich viel, bezogen aufs Putzen. Ziemlich wenig, bezogen aufs Leben.
Mein Zeittick geht vielleicht auf ein Kindheitserlebnis zurück. Einmal fragte ich meinen Großvater, der hin und wieder auf uns Kinder aufpasste: „Opa, was ist das: Es hängt an der Wand, macht Tick-tack, und wenn’s runterfällt, ist die Uhr kaputt?“ Mein Großvater antwortete: „Ei Bub, ich weiß net, was des is.“ Und ich weiß bis heute nicht, ob mein Großvater einfach nicht zugehört oder mich kleinen Frechdachs zum Narren gehalten hat. Er lebt schon lange nicht mehr. Er starb 1974, vor beinahe vierzig Jahren. Er hatte zu hohen Blutdruck. Ich habe auch zu hohen Blutdruck. Deshalb musste ich mich neulich einer 24-Stunden-Messung unterziehen. Mir wurde ein Messgerät an die Hüfte und eine Manschette um den Oberarm geschnallt. Die Manschette wurde über einen Schlauch mit dem Messgerät verbunden. Es war etwa so groß wie mein erster Walkman – ein Walkman aus jener versunkenen Epoche, als Toncassetten im Alltag herumlagen, nicht in Vitrinen des Technikmuseums. Es gab welche mit sechzig Minuten Spielzeit, mit neunzig Minuten und mit hundertzwanzig Minuten.
Keine Sorge, ich rechne nicht vor, wie lange Zähneputzen das jeweils ist. Das Blutdruckgerät erinnerte mich jedenfalls an meinen ersten Walkman und damit fatal an meine Jugend. Fatal nicht wegen der Jugend, sondern wegen des Alters. Wegen meines Alters. Ich bin noch nie mit so einem Gerät herum gelaufen, noch nie, und fühlte mich, als würde mir der Arzt demnächst ein Rollwägelchen verschreiben.
Das scheußliche Gerät, das mich so fatal an meinen ersten Walkman und an mein erstes Rollwägelchen denken ließ, blieb vierundzwanzig Stunden an meiner Hüfte. Alle fünfzehn Minuten pumpte es automatisch die Manschette auf, um den Blutdruck zu messen, und speicherte das Ergebnis. Dann wurde die Luft abgelassen, und fünfzehn Minuten später fing es von vorn an. Vierundzwanzig Stunden wurden in lauter fünfzehn Minuten Einheiten zerlegt. Ich könnte das nun in Relation setzen zu den zehn Jahren, die mir bis zum Renteneintrittsalter bleiben, könnte sozusagen die Maßeinheit „Zähneputzen“ durch die Maßeinheit „Blutdruckmessen“ ersetzen. Der Messvorgang selbst dauert etwa eine Minute. Man muss dabei stillhalten, sonst wird der Vorgang abgebrochen. Also muss man in jeder Stunde vier Minuten stillhalten, macht in vierundzwanzig Stunden sechsundneunzig Minuten, macht in zehn Jahren...? Das Ding an meiner Hüfte ließ die Minuten explodieren, es war wie eine Zeitbombe, eine Lebenszeitbombe.
Als meine Frau abends von der Arbeit nach Hause kam, sagte sie bei der Begrüßungsumarmung: „Du fühlst dich ja an wie ein Revolverheld.“ In der Nacht lag ich schlaflos. Ich hatte viele Viertelstunden Zeit, zwischen den Stillhalteminuten darüber nachzudenken, woher meine Frau weiß, wie sich Revolverhelden anfühlen.
Die Dezemberkolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 25.12.12
In der Novemberkolumne rasen Mäuse herum
Ich habe ein Problem: Ich hab’ `ne Maus! Nicht die am Schreibtisch unter der Hand, sondern eine in der Küche in der Falle. Die Maus ist nicht in meiner Berliner Wohnung in der Falle, sondern in dem Haus auf dem Land, in das ich mich gern zurück ziehe, um in aller Ruhe meine Texte zu schreiben mit der Maus unter der Hand. Und jetzt hab’ ich eine in der Falle. In einer Lebendfalle, versteht sich – ich kann ja keiner Fliege was zu leide tun. Aber woher soll das Mäuslein das wissen? Ganz panisch dreht es sich in dem kleinen Drahtkäfig im Kreis und steckt immer wieder die Pfötchen durch den Maschendraht. Kaum zu glauben, wie zart so ein Mäusepfötchen ist. Trotzdem möchte ich nicht, dass die zarten Pfötchen in der Küche herumtrippeln. Deshalb habe ich die Lebendfalle aufgestellt, obwohl ich sonst keiner Fliege was zu leide tun kann. In der Stadt habe ich sie früher manchmal in der hohlen Hand gefangen und zum Fenster getragen, die Fliegen, nicht die Mäuse. Auf dem Land ist das natürlich kindisch. Eine schmeißt man hinaus und drei fliegen herein. Da verliert man doch die Geduld und wird zum Totschläger. Dem Mäuslein kann ich nur raten, die Beine in die Hand zu nehmen, oder meinetwegen die Pfötchen, und zu verschwinden und sich nie wieder sehen zu lassen, in der Küche nicht und auch nicht in der Lebendfalle.
Mein Mäuslein, das ich gleich in den Garten und in die Freiheit tragen werde, erinnert mich an ein Erlebnis auf der Champs Elysee in Paris. Es hat mich erschüttert, ohne Übertreibung: wirklich erschüttert. Eine Maus sauste auf der mehrspurigen Straße herum, rannte hin und her, vor und zurück, rannte im Kreis, drehte sich auf der Stelle – und war völlig außer sich. Die Autos fuhren über sie hinweg. Sie hatte wahnsinniges Glück und wurde von keinem Reifen erwischt, sie kam immer wieder zum Vorschein. Dann rollte ein riesiger Reisebus mit gewaltigen doppelten Rädern heran. Diesmal würde sie es nicht schaffen, die Räder waren einfach zu groß, und die Maus war einfach zu klein. Ich hätte vor Entsetzen beinahe die Augen zugemacht. Aber oh Wunder, auch diesmal kam sie wieder zum Vorschein, sie kam tatsächlich wieder zum Vorschein.
Und dann bemerkte ich die anderen Menschen am Rand der Champs Elysee in Paris. Das war es, was mich wirklich erschütterte. Die Leute beobachteten die Maus genauso gebannt wie ich. Man sah förmlich, wie sie innerlich die Daumen drückten, und man hörte sie aufstöhnen, als wieder ein Bus heranrollte. Die Maus entging auch diesmal den Rädern. Welche Freude auf den Menschengesichtern, was für eine Erleichterung. Ich begriff plötzlich, was dieses Mitgefühl der Menschen mit dem Mäuslein bedeutete, ich begriff plötzlich, dass alle, jeder einzelne – und mich nicht ausgenommen, dass wir deshalb so innig mitfühlten, weil jede und jeder von uns Momente im Leben kannte, in denen man sich fühlt wie diese Maus, die völlig außer sich unter den fahrenden Autos herumsauste und keine Ahnung hatte, wie sie je von dieser Straße herunter finden sollte – und dann kommen riesige Räder angerollt und es sieht aus, als wäre alles vorbei, und dann ist doch nicht alles vorbei, aber von der Straße ist man immer noch nicht und rast verzweifelt hin und her. Das glaubte ich in den Gesichtern der Leute zu sehen, und das hatte auch ich im Innern gespürt, damals, an der Champs Elysee.
Die Maus überlebte. Durch Zufall und Glück fand sie doch an den Straßenrand, raste in der Rinne entlang und verschwand schließlich in einem Gully. Und die Leute, ich werde es nie vergessen, die Leute jubelten, manche klatschten sogar – noch einmal davon gekommen, die Maus und irgendwie wir alle waren noch einmal davon gekommen.
Es wird Zeit, die Sache zu Ende zu bringen. Die Maus in der Lebendfalle stirbt mir sonst noch an Herzstillstand. Daran will ich nicht schuld sein. Ich trage die Falle in den Garten, öffne die Klappe, und die Maus macht einen Satz in die Freiheit und mein Herz einen Satz vor Glück. Aber ich warne dich, lass dich hier nicht mehr blicken, lass dich hier bloß nicht mehr blicken, sonst – meine Hand krampft sich beim Schreiben um die Maus – sonst werden andere Saiten aufgezogen und andere Fallen aufgestellt: Zack!
Die Novemberkolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 27.11.12
In der Oktoberkolumne scheint die Sonne aufs Sofa
Bestimmt spreche ich es furchtbar unbeholfen aus: Солнце светит на диване. Ich kann kein Russisch. Obwohl ich vor ein paar Jahren als Stipendiat in Baden-Baden lebte. Die Redewendung habe ich nicht von den Russen in Baden-Baden, den Kurgästen und Spielbankern, auch nicht von dem Dostojewski, der im Park vor der Rheumaklinik die bronzenen Fäuste ballt. Ganz abgekämpft und verloren sieht er aus. Seinerzeit pflegte ich ihn zu besuchen, wenn ich mit dem Schreiben nicht vorankam und aus der stipendienspendierten Stube fliehen musste.
Солнце светит на диване Den Spruch habe ich von meiner Frau. Sie kann Russisch, seit sie als junges Mädchen aus der damaligen DDR in die damalige Sowjetunion gegangen ist, um an der damaligen Trasse zu arbeiten – an einer dieser Pipelines, durch die heute das Gas von Ost nach West strömt. Солнце светит на диване Das bedeutet: Die Sonne scheint auf den Diwan. Man hat Sorgen, man ärgert sich, man weiß gerade nicht weiter. Was soll’s: Die Sonne scheint auf den Diwan.
Das kleine Zimmer in Berlin Kreuzkölln, wie man heute die >hip< gewordene Gegend nennt, wo sich Kreuzberger und Neuköllner „Gute Nacht“ sagen in zahllosen Kneipen – in einer wird angeblich sogar gekocht wie bei den Jägern und Sammlern der Steinzeit: Fleisch, Früchte, kein Getreide.
Das kleine Zimmer, in dem ich dies schreibe – und in dem ich schon geschrieben habe, als die Mauer noch stand und Kreuzberger Nächte lang und Neukölln nicht die Bohne hip war – dieses kleine Zimmer ist mit Literatur vollgestopft, mit Geschichten aus der Weltgeschichte von der Steinzeit bis zur Gegenwart.
Und unter dem Fenster steht ein Sofa! Nachmittags scheint die Sonne darauf. Ich lege mich hin, verschränke die Arme unter dem Kopf und bin glücklich wunschlos. Солнце светит на диване Dann fällt mein Blick auf den Oblomow in meinem Bücherregal. Und ich schäme mich, dass ich so schamlos ohne Wunsch bin und glatt den Rest der Weltgeschichte auf dem Sofa verträumen könnte.
Ilja Iljjitsch Oblomow ist die Hauptfigur eines Romans des russischen Schriftstellers Iwan Gontscharow, 1859 zum ersten Mal in Buchform veröffentlicht. Dieser Oblomow ist die sympathischste Niete der europäischen Literatur des 19ten Jahrhunderts. Er ist kein romantischer deutscher Taugenichts à la Eichendorff, der fröhlich singend in die „weite Welt“ hinaus spaziert. Oblomow bleibt ja zuhause auf dem Diwan liegen. Er ist auch kein amerikanischer Looser, der abgekämpft ins Elternhaus zurück kehrt. Oblomow hat es mental ja gar nicht verlassen. Er ist kein Verlierer, denn er will gar nicht erst gewinnen, er hat nicht einmal Lust, überhaupt mitzuspielen und mitzukämpfen. Vielmehr achtet er mit großer Umsicht darauf, so wenig Schicksal wie möglich zu haben.
In dieser Romanfigur wurde der taten-, ideen- und energielose russische Landadel Mitte des 19. Jahrhunderts persifliert. Viele Angehörige dieser Schicht verkümmerten in ihrer Bequemlichkeit und hätten den Diwan nicht einmal verlassen, wenn sie am >Horizont der Geschichte<, wie man zu sagen pflegt, wenn sie am Horizont der Geschichte die blutrote Sonne der Oktoberrevolution hätten aufgehen sehen.
Ich liege träumend auf dem Sofa, und die Sonne scheint durch die geschlossenen Lider. Mir wird rot vor den Augen. Ach, das Leben ist schön. Wenn nur die Sonne aufs Sofa scheint.
Oblomow ist intensiv damit beschäftigt, nichts zu tun, überhaupt nichts, also auch nichts Gutes. Wären alle wie Oblomow, würde die Mauer in hundert Jahren noch stehen – nur als Beispiel. Und wie käme das Gas von Ost nach West? Oder die Steinzeitküche nach Kreuzkölln?
Andererseits muss man zugeben, wieder nur als Beispiel, dass die Mauer erst gar nicht gebaut worden wäre, wenn alle wären wie Oblomov. Es wäre rein gar nichts gebaut worden. Der Vormensch würde immer noch am Boden kauern und überlegen, ob es wohl die Mühe lohne, sich aufzurichten. Dann wäre es auch nie dazu gekommen, dass die Sonne auf den Diwan scheint.
Die Oktoberkolumne wurde gesendet in der LiteraturEN-Ausgabe von Dienstag, 30.10.13
Von der Senatsflocke zum Riesenstadtplan.
Berlin als politisches Festival 1987/2012
(Vortrag während der Fest-Tagung "Heyday of Emotions" im Einstein Forum Potsdam, 13.-15. Dezember 2012)
Berlin ist gemessen an anderen deutschen Städten ein rechter Frischling. Mainz zum Beispiel wurde vor zwanzigtausend Jahren von Steinzeitjägern gegründet – naja, >gegründet< ist übertrieben, die cavemen hatten Rastplätze im heutigen Stadtgebiet. Gegründet wurde Mainz vor zweitausend Jahren als römische Garnison. Köln mit K am Rhein wurde bekanntlich auch von den Römern gegründet. Cölln mit C an der Spree dagegen sehen wir erst über ein Jahrtausend später urkundlich erwähnt, und zwar als „Colonia“.
Die Berliner Jubiläumsrechnungen beziehen sich aber nicht auf diese Erwähnung im Jahr 1238, sondern auf einen durch sie dokumentierten Rechtsvergleich im Jahr zuvor, also 1237. Dies war das der Geschichte und einem gesiegelten Stück Pergament abgezwackte Referenzdatum der 700-Jahrfeier von 1937 und der 750-Jahrfeier von 1987. Entsprechendes gilt für die Jubiläumsfeier von 2012.
Auf der offiziellen Berliner website zum Fest wird daraus kein Hehl gemacht, das wäre ahistorisch, und in Berlin darf man nie vergessen, dass Geschichtsvergessenheit ein Luxus ist, den man sich nicht leisten kann, vor allem nicht, was die >tausend Jahre< zwischen 1933 und 1945 betrifft:
„Das Jubiläum >775 Jahre Berlin< lässt sich nur erklären mit Verweis auf frühere Berliner Stadtjubiläen. Schon das Jahr 2012 bezieht sich eher auf die zweifache 750-Jahr-Feier 1987 und auf die 700-Jahr-Feier 1937 als auf etwaige mittelalterliche Quellen. Die Vorgängerjubiläen der Reichshauptstadt und im geteilten Berlin wurden in einer >Zeit der Extreme< und unter jeweils anderen politischen Bedingungen gefeiert. Der Rückblick auf diese Feste veranschaulicht das Wechselspiel zwischen städtischem Selbstverständnis und politischer Inszenierung und bindet die Vergangenheit Berlins an die Gegenwart der Bundeshauptstadt.“
Wer von 1937 redet, kann von 1936 nicht schweigen:
„1937 feierte Berlin zum ersten Mal Geburtstag, ein Jahr nach der Olympiade und vier Jahre nach der nationalsozialistischen Machtübernahme.“
Dann folgt auf der Senatswebsite die kritische Charakterisierung der beiden zurückliegenden Jubiläen:
„In historischen Umzügen und Festspielen inszenierte die Stadt 1937 ihre Vergangenheit: Sie betonte ihre germanische Vorgeschichte und feierte den Aufstieg zur Hauptstadt des Dritten Reiches. Die Berliner 700-Jahrfeier überschritt aber kaum die Grenzen eines kommunalen Festes, Adolf Hitler bevorzugte die Bayreuther Festspiele. 50 Jahre später rüsteten beide Stadthälften zu einer doppelten 750-Jahr-Feier. Das Jubiläum war ein direkter Wettbewerb um historische und politische Legitimität. Die Feierkonkurrenz dehnte die Festprogramme in Ost und West weit aus. Zwei Jahre vor dem Mauerfall standen sich Ost- und West-Berlin in voller Pracht gegenüber.“
Und in Kreuzberg – wäre zu ergänzen – standen sich Polizei und Autonome voller Wut gegenüber. Die Kreuzberger Krawalle am 1. Mai, die seitdem in alljährlichem Ritual das alte Szenario nachspielen, gehen auf die Revolte gegen die Selbstfeier West-Berlins im Jahr 1987 zurück. Die Randale ist in die Jahre gekommen wie das 1987 gegründete Deutsche Historische Museum – 25 Jahre eben. Wenn die randalierende Zerstörung des eigenen Kiezes nicht so eine erbärmliche Sache wäre, könnte man höhnen: Die einen sperren die Geschichte in Säle, die anderen zertrampeln sie auf der Straße.
Nicht nur Städte haben eine Geschichte, sondern auch ihre Bewohner. Und da ich seit 1982 einer von Berlin bin, erlaube ich mir ein Selbstzitat aus einem Artikel vom Mai 1987 mit dem Titel Fest, Randale und Normalität:
„Die Randale in Kreuzberg war kein Aufstand der Armen und Unterdrückten. Ich glaube eher, dass es sich dabei um Stimmungskonflikte handelt, die etwas mit dem diffusen, aber berechtigten Gefühl zu tun haben, dass die äußere Ordnung der obrigkeitlich inszenierten Festlichkeiten die bisher wenigstens halbwegs geduldete Pluralität der Lebensstile für die Dauer des Festes untolerierbar werden lässt. Der Karneval der Etablierten setzt die Stillstellung jeder Art festfeindlicher Renitenz voraus.“
Der „Karneval der Etablierten“? Soviel schmähende Ehre würde ich heute dem damaligen Jubiläumsfest nicht mehr antun. Es war ein genau geplantes politisches Festival, kein die Realität außer Kraft setzender Karneval. Die Realität wurde erst von diesem anderen, von niemandem geplanten Fest im November zwei Jahre später außer Kraft gesetzt.
Beim Stadtjubiläum 1987 handelte es sich in West-Berlin um ein riesiges politisches Kulturevent, so wie es sich 2012 in der Hauptstadt Berlin um ein Kulturevent handelte, nur um ein kleineres, kaum politisiertes und längst nicht so aufgeblasenes. Vielleicht hat eine Stadt, die wirklich Hauptstadt ist, wenn auch eine in Mainz und Köln nicht sehr beliebte, die Kompensation durch simulierte Relevanz nicht mehr nötig. 2012 jedenfalls wurde mit mehr understatement gefeiert als 1987. Freilich war auch eine gewisse Lustlosigkeit zu spüren, zumal sich die Stadt in den letzten Jahren in Partys erschöpft hat, vom sogenannten Sommermärchen bis zum alljährlichen Massensilvestern am Brandenburger Tor. Wenigstens ist man die Love Parade rechtzeitig los geworden. Damit hatte dann Duisburg ein Problem.
Am 28. Oktober 2012, dem Haupttag des Hauptstadtfestivals, war in einem Kommentar des Berliner Tagesspiegel zu lesen, dieses Mal werde „mit kleiner Geste gefeiert“. Außerdem sehe es in der Mitte aus wie „bei Hempels unterm Sofa“. Bei Hempels scheint ja ein großes Sofa zu stehen. Immerhin umfasste die „celebration area“, so hieß es tatsächlich in den offiziellen Programmheften, umfasste also die celebration area den Bereich zwischen Schlossplatz, Nikolaiviertel und Fernsehturm.
Ist das Feiern mit „kleiner Geste“ ein Rückfall in die administrative Nüchternheit der Bonner Republik? Es hat in den 80er Jahren westdeutsche Intellektuelle gegeben, die den in der späten Bonner Republik wenig ausgeprägten Willen beklagten, Machtfragen zu dramatisieren und Herrschaft als Inszenierungshandeln Gestalt annehmen zu lassen. Politisch-ästhetische Konturlosigkeit nicht als Folge mangelnder Effektivität, sondern als bewusst gepflegter Formverzicht – darin bestand der Hauptvorwurf der intellektuellen Illusionisten einer neuen politischen Ästhetik. Wer sich jetzt Namen wünscht, dem sei beispielhaft der von Karl Heinz Bohrer genannt.
Die politisch-ästhetische Kritik der 80er Jahre wurde nach 89 gegenstandslos durch die überinszenierten Vereinigungsspektakel am Brandenburger Tor im Jahr 1990, durch die opernhaft pompöse Neubestattung Friedrichs II bei seinen Hunden auf der Terrasse von Schloss Ohnesorg und durch die medial gekonnte >Bismarckisierung< des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. 1988 polterte Bohrer:
„Was sich in Bonn phasenhaft abspielt, ist die Demonstration, dass die Unfähigkeit, symbolisch zu handeln, nicht mehr das Defizit eines einzelnen ist, sondern das einer ganzen neuen politischen und gesellschaftlichen Klasse.“
Vier Jahre später, also 1992, veröffentlichte Thomas Meyer, nebenbei gesagt der Verfasser des SPD/SED-Dialogpapiers von 1987, ein Buch mit dem Titel Die Inszenierung des Scheins. Der Text suchte unter dem Eindruck der Rückkehr des Dramas in die deutsche und europäische Zeitgeschichte die „Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik“ zu beschreiben, und zwar in durchweg warnendem Ton. Offenbar hängt der Blick auf politisches Symbolhandeln auch von der historischen Perspektive ab, die >Zeitdiagnostiker< nolens volens einnehmen müssen, und offenbar ist die Beschäftigung mit politischen Symbolen selbst eine Art symbolischer Politik.
Ich könnte nun ein wenig von Klassikern dieses Genres erzählen, von Murray Edelmann zum Beispiel oder – mehr anthropologisch orientiert – von Victor Turner. Bei ihm findet sich die sehr hübsche Unterscheidung zwischen dem „Liminalen“ und dem „Liminoiden“. Aber statt Definitionszitate über das „Liminale“ und „Liminoide“ zu referieren, will ich lieber definieren, was die im Vortragstitel versprochene Senatsflocke ist: Eine Senatsflocke besteht aus heißer Luft. Das ist bei manch anderem auch so, werden Sie sagen. Stimmt, aber hier geht es um heiße Luft in Plastik, und zwar Plastik in Schneeflockenform. Wenn österreichische Varietékünstler heiße Luft in Plastik in Schneeflockenform in den Berliner Winterhimmel steigen lassen, handelt es sich um ein Event.
Ein solches Event fand 1987 unter künstlerischer Leitung von André Heller statt. Den damals parlamentarisch noch nicht wieder reanimierten Reichstag in Plastik verpacken zu lassen, traute man sich 1987 noch nicht. Aber so ein Hellerballon durfte schon steigen, obwohl das Event immerhin vierhunderttausend Mark kostete. Die Berliner Schnauze, die so gern kommentiert, was bei Hempels unterm Sofa liegt, bezeichnete das bizarre Ding als „Senatsflocke“. Auch in Westdeutschland wurde Hellers Plastikflocke verspottet. Aber dort hatte die Kritik einen anderen Zug: Wieso schmeißen die Berliner, fragte mancher in Köln oder Mainz, wieso schmeißen die eigentlich unser Geld zum Fenster hinaus, mag dieses Fenster auch das Schaufenster des Westens sein. Schließlich hing Berlin am Tropf. Ganz Berlin hing am Tropf. Die Alimentierung West-Berlins wurde über den Bonner Bundeshaushalt finanziert, die Profilierung Ost-Berlin als Hauptstadt war nur möglich auf Kosten anderer Städte und Regionen der DDR.
Alimentiert oder profiliert – inszeniert wurde auf beiden Seiten. Von städtebaulichen Großprojekten (westliches Stichwort Internationale Bauaustellung, östliches Stichwort Nikolaiviertel) über die Konkurrenz des Kulturangebots bis zur Konkurrenz der Wasserkorsos, von denen es zwei gab, wie es in Berlin von 1949 bis 1989 ja immerzu alles zweimal gab – nur die Mauer war einmalig.
Legt man die Maßstäbe von 1987 an, wirken die Events von 2012 eher ost-, denn westberlinerisch. Insofern nämlich, als die ganze, also nunmehr ganzberlinerische Angelegenheit den Charakter als Spektakel wenn auch nicht völlig eingebüßt, doch weitgehend abgestreift hat. 2012 ging es um Kultur und Geschichte und um Geschichte und Kultur. 1987 konnte die Hauptstadt der DDR mit Recht behaupten, das anspruchsvollere Kulturprogramm auf die Beine gestellt zu haben. 2012 stellte die Hauptstadt Deutschlands ein anspruchsvolles Kulturprogramm auf die Beine. Keine heiße Luft in Schneeflockenform, kein eingemauerter Cadillac und kein „Mythos Berlin“, ausgestellt, diskutiert, gefeiert, verhöhnt. Das Spektakulärste im Jahr 2012 waren ein begehbarer Riesenstadtplan im Maßstab von 1 zu 775 und in der historischen Mitte ein Feuerfest – dargeboten von einer französischen Truppe. Das Feuerwerk 1987 war auch nicht deutsch, sondern vorsichtshalber japanisch. Ohne Feuerwerk geht’s nicht, aber mit einem deutschen geht’s auch nicht – nicht in Berlin. Hier sehen Deutsche und Feuer immer gleich so fackelzugmäßig faschistisch aus.
Im Osten wurde Berlin 1987 als Hauptstadt der DDR gefeiert, im Westen als „Hauptstadt der Phantasie“. Das war der Slogan, mit dem André Heller, der Mann mit der Flocke, die West-Berliner begeistern wollte. Soviel Phantasie, um sich vorzustellen, was zwei Jahre später wirklich in der Stadt passieren sollte, hatten nur wenige. In jener festlichen Nacht, als die Bewohner der Hauptstadt der DDR die Hauptstadt der Phantasie überfluteten, riefen selbst die Nüchternsten „phantastisch, phantastisch“, während alle anderen vernünftigen Leute „Wahnsinn“ riefen, „einfach Wahnsinn“, und das war es ja tatsächlich. Doch folgte wie nach jedem Fest auch nach diesem der Kater. Und wenn der Kater ausgestanden ist, folgen Alltag und Routine, Gewohnheit und Gewöhnung. 1996 hieß es in einem dreibändigen repräsentativen Werk mit dem Titel Hauptstadt Berlin:
„Die Dramatik der >Westgewöhnung< des Ostens und der >Ostgewöhnung< des Westens als Voraussetzung für ein gemeinsames Handeln zum Vorteil aller ereignet sich nirgendwo deutlicher als in Berlin.“
Verfasser dieses Textes war Volker Hassemer, im Jubiläumsjahr 1987 Kultursenator und in dieser Eigenschaft mitschuldig an der Senatsflocke wie an dem schon erwähnten eingemauerten Vostell-Cadillac am Anfang des seinerzeitigen „Skulpturenboulevards“ Kurfürstendamm.
Hassemers Westgewöhnung des Ostens und Ostgewöhnung des Westens schreitet im Alltag weiter voran. Die Unterschiede, die man 1987 nicht genug feiern konnte, verschwinden langsam aus der Gegenwart und finden letzten Unterschlupf in den Vitrinen des Deutschen Historischen Museums. In Jubiläumsjahren erinnert man sich ihrer, um dann im Alltag weiter an ihrer Abschleifung zu arbeiten, bis zum nächsten Fest. Das wäre berlinhistorisch die 800-Jahr-Feier im Jahr 2037. Dann werden das Deutsche Historische Museum und die Kreuzberger Maikrawalle Fünfzig. Eine zur 800-Jahr-Feier passende Publikation ist übrigens schon 1996 erschienen, im gleichen Jahr wie Hassemers Aufsatz. Sie heißt 800 Jahre Berlin-Geschichte Tag für Tag. Heute haben wir den 15. Dezember. Unter diesem Datum findet sich folgender Eintrag für das Jahr 1984:
„Um 4 Uhr früh erfolgt die Inbetriebnahme des in knapp vier Jahren termingerecht fertiggestellten Abschnitts der Autobahn Berlin – Frankfurt am Main.“
Warum habe ich unter den Einträgen des 15. Dezember ausgerechnet diesen herausgesucht? Wegen des schönen Wortes „termingerecht“. Termingerecht feiern ist eines, termingerecht bauen etwas ganz anderes. Und wenn wir schon beim Bauen sind: Nein, nicht was Sie wieder denken. Es geht um einen Bahnhof. Am 15. Dezember des Jubiläumsjahres 1987 wurde der ostberliner Ostbahnhof, was in jeder anderen Stadt ein Pleonasmus wäre, nur eben nicht in Berlin, wurde also der Ostbahnhof, seit zwei Jahren im Umbau begriffen, in Hauptbahnhof umbenannt, denn eine Hauptstadt, werden sich die DDR-Oberen gedacht haben, braucht nun einmal einen Hauptbahnhof. Heute heißt der vor 25 Jahren festlich zum ostberliner Hauptbahnhof umgetaufte ostberliner Ostbahnhof wieder Ostbahnhof, während zum Hauptbahnhof der westberliner Lehrter Bahnhof geworden ist. Vom Hamburger Bahnhof wiederum, der bis 1984 hoheitlich zur Hauptstadt der DDR gehörte und erst mit der Übernahme der östlichen S-Bahn in westliche Obhut gelangte, vom Hamburger Bahnhof wurde einen Tag nach der Umbenennung des ostberliner Ostbahnhofs in den ostberliner Hauptbahnhof, also am 16. Dezember 1987, bekannt gegeben, und zwar von Volker Hassemer, dass der Hamburger Bahnhof zu einem Museum umgebaut werden solle, was dann ja auch geschehen ist.
Beinahe auf den Tag genau 25 Jahre später, am 2. Dezember 2012, schrieb Volker Hassemer in einem Zeitungsbeitrag von der „anhaltenden öffentlichen Ratlosigkeit über die Rolle, die Mission der Mitte unserer Stadt.“ Wieso um alles in der Welt muss eine Stadt eine „Mission“ haben? Ich finde Bahnhofsmissionen wichtiger. Der Hauptbahnhof hat übrigens keine, soll nun aber eine bekommen.
Die Beförderung des Ostbahnhofs zum Hauptbahn am 15. Dezember 1987 stand natürlich im Kontext des als Hauptstadtfeier zelebrierten Stadtjubiläums in Ost-Berlin. Die Hassemer Erklärung zum Hamburger Bahnhof einen Tag später wiederum war sicherlich keine Reaktion auf die symbolische Bahnhofspolitik im Osten. Sie hat aber gleichwohl mit der Konkurrenz der Systeme zu tun, ausgetragen auf Berliner Stadtgebiet, das in dieser Hinsicht eine einzige celebration area des zum Kulturkampf gemäßigten Kalten Krieges in dessen letzter Phase war. Es gab auch Phasen, in denen nicht von „celebration“, sondern von „war“ gesprochen wurde. Während des Konflikts um die Stationierung von Mittelstreckenraketen – erinnnert sich noch jemand? – war Berlin, und zwar ganz Berlin, im Drama wechselseitiger nuklearer Abschreckung keine „celebration area“, sondern ein „war theatre“.
In den vom Jubiläum 2012 veranlassten offiziellen Äußerungen des Senats zum politischen Festival des Jahres 1987 fällt der selbstkritische Unterton auf, mit dem an die „Feierkonkurrenz“, wie ich schon zitiert habe, erinnert wird. Man kann großzügig sein, man hat ja gewonnen. Zugleich haben diese Stellungnahmen den müden Ton der Endgültigkeit. Als ob sie wirklich das letzte Wort wären. Dabei weiß doch kein Mensch, wie die Sache weitergeht. Wie wird Berlin in 25 Jahren aussehen, 2037, zum achthundertsten Stadtjubiläum? Die Rückschauer der Zukunft werden das, was wir gegenwärtig treiben, anders interpretieren und kommentieren als unsereins, die wir in der Gegenwart das machen, was die Historiker der Zukunft analysieren. Sie werden uns vermutlich besser verstehen als wir uns selbst. Manches werden sie schärfer sehen, aber manches werden sie auch übersehen, manches werden sie fehl- oder überinterpretieren. Genauso, wie es uns mit 1987 oder 1937 oder meinetwegen 1237 ergeht. Wie würde der Pfarrer, der sich damals mit anderen Herren um die Abgaben seines Kirchspiels Colonia stritt, was zu jener dubiosen Urkunde führte, wie würde dieser Pfarrer wohl über die Sache denken, säße er hier im Publikum?
Die Geschichte wird von den Menschen gemacht, aber hinter ihrem Rücken. Wer hat das nochmal gesagt? Die Feste werden von den Menschen gefeiert, aber unter ihren Füßen. Und die Wissenschaftler haben die Feste immer nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern. Doch in welcher Weise? Etwa hin zu einer allgemeinen Verschmelzungsorgie à la Rousseau? Bloß das nicht. Oder zur Verflockung des Alltags in eskapistische Kitschphantasien? Oder zu seiner Reduzierung im Maßstab 1 zu 775?
Man könnte auch den Versuch machen, im Jahr 2037 überhaupt nicht zu feiern. Wohin möchte das wohl führen? Wahrscheinlich würde die Stadt dann ein ganzes Jahr lang ihren Nichtgeburtstag feiern, so ähnlich, wie die Figuren in der Hasenunterwelt von Alice in Wonderland.
In Berlin ist es unmöglich, der Geschichte aus dem Weg zu gehen, ich meine nicht, dem Geschehenen, sondern dem Gesehenen, das, was wir Erforscher, Erklärer, Er- und Verdeuter dem Publikum vor Augen führen – manchmal auch unter die Nase reiben. In Berlin bekommt man so viel Geschichte vor Augen geführt, dass ich mich manchmal frage, wie das alles passieren konnte. Und alles, was passiert ist, passiert irgendwie immer wieder, nicht wirklich wirklich, sondern mehr so historisch, gespielt, nachgespielt, manchmal auch nachgeäfft.
An dieser Stelle will ich einen Moment innehalten. Vielleicht fragen sich manche von Ihnen, ob das, was Sie von mir hören ein quasi-akademischer Vortrag ist, ein literarischer Essay oder eine wissenschaftsaffine Büttenrede. Das diesjährige Motto der Mainzer Fasenacht lautet: „Dem Zeitgeist närrisch auf der Spur – mit Mainzer Fassenachtskultur“. Das könnte glatt als Motto über diesem Senatsflockenvortrag stehen – der im übrigen tatsächlich in den Karneval münden wird, in jene Zwischen- und Ausnahmezeit, der Michail Bachtin seine Diskurstheorie der Verkehrung abgewonnen hat, und die heute, jedenfalls gemessen am Mittelalter – oder an dem, was wir uns unter >Mittelalter< vorstellen – die daran gemessen zum vereinsmeierlich geregelten Folklore-Event geworden ist. Das Einmünden meines Vortrags in Bemerkungen über die Mainzer Fasenacht ist geschichtsphilosophisch motiviert.
Zuvor jedoch noch Etwas zur Polizei der Freuden für die Landleute. So lautet der Titel eines Aufsatzes in Justus Mösers Patriotischen Phantasien, zum erstenmal 1775 erschienen. Es ging darin um die Frage, ob es policeylich („policeylich“ mit y geschrieben, also im übergreifenden Sinn von verwaltungspolitisch gemeint), ob es policeylich günstiger sei, wenige große Feste zu veranstalten und unter Kontrolle zu behalten oder viele kleine Gelegenheitsvergnügungen. Möser plädierte für die erste Option:
„Ich finde, dass es für die Polizei leichter sei, einmal des Jahres Anstalten gegen einen wilden Ochsen zu machen, als täglich die Kälber zu hüten.“
Möser befürchtete, der kleine, aber auf Dauer gestellt Alltagsspaß würde den Fleiß untergraben und sich wegen seiner Unscheinbarkeit leicht der obrigkeitlichen, auch medizinischen Aufsicht entziehen. Das große, aber seltene Fest hingegen sei bei all seiner polizeiwidrigen Unruhe wenigstens zeitlich überschaubar. Es ist nur darauf zu achten, dass der behördlich gezogene Rahmen nicht gesprengt wird, oder, um in Mösers Bild zu bleiben, dass der Ochse im Gatter bleibt, solange er seine wilden Tage hat.
In unserer Dauerspaßgesellschaft, die nach einem gewissen 11ten September für kurze Zeit ihr Ende fand, nur um mit noch mehr Wucht alsbald wieder loszulegen, als ob nichts passiert wäre – wie es eben zu sein pflegt beim Geschehen der Geschichte, in unserer Dauerspaßgesellschaft also sind die großen Feste im Alltagsfun keine Ausnahmezustände mehr, sondern bloß noch Höhepunkte, oh, Entschuldigung: Highlights, Highlights auf der celebration area. Das Berlin Stadtjubiläum 2012 war nichts weiter als ein solches Highlight, kein auftrumpfendes politisches Festival wie 1987, sondern routiniertes Entertainment, ebenso routiniertes Geschichtsbewusstsein inklusive. 1987 war das interessantere Jubiläum, auch deshalb, weil es interessante Gründe gab, >dagegen< zu sein. Wogegen hätte man 2012 schon sein können? Gegen den Riesenstadtplan vielleicht? Was aus dem wird, ist meines Wissens noch nicht geklärt. Je mehr Geschichten man mit der Geschichte macht, desto mehr steht hinterher erinnerungspolitisch und denkmalgeschützt in der Gegend herum und ist immer schon da, gerade so wie die betrügerischen Igel im Märchen mit dem Hasen.
Das ist nicht nur in meiner Berliner Wahlheimatweltstadt so, sondern auch in meinem unterfränkischen Geburtsdorf Kleinostheim, Kleinostheim bei Aschaffenburg, das am Main liegt und zu Bayern gehört, aber nicht sehr weit vom rheinland-pfälzischen Mainz enfernt ist, das auch am Main liegt, aber dort, wo der Main in den Rhein fließt, weshalb der Mainzer Karneval eben zum rheinischen Karneval gehört. Über den Mainzer Karneval wurden wir gestern von Herrn Schenk schon instruiert, über den rheinischen werden wir, wie ich im Programm gesehen habe, nach der Mittagspause noch einiges erfahren. Also zurück nach Kleinostheim am Main. Dort heißen Festplätze noch Festplätze und nicht celebration area. Doch hat die Menschheit auch in Kleinostheim Geschichte. Immerhin ist die urkundliche Ersterwähnung rund 250 Jahre älter als die von Cölln mit C. Bei der 1000-Jahr-Feier 1975 gab es einen historischen Festumzug, eine Geschichtsausstellung, inklusive der Geschichte von 1933 bis 1945, und ein Feuerwerk – allerdings kein französisches oder japanisches, sondern eins von der Freiwilligen Feuerwehr. Nur einen Wasserkorso hatten wir nicht. Der Main fließt zu schnell. Er will so bald wie möglich in den Rhein.
Während meiner Kindheit in Kleinostheim erlebte ich Welt, Geschichte und Weltgeschichte im Fernsehen noch schwarz/weiß. Und in diesem Schwarz/Weiß Modus verfolgte ich auch die Mainzer Karnevalssitzungen. Ich darf erwähnen, dass Günter Schenk über Mainz, wie es singt und lacht – das war der Titel der Übertragungen – 2004 ein Buch veröffentlicht hat: Mainz, wie es singt und lacht. Fastnacht im Fernsehen – Karneval für Millionen. Und ich kann sagen, ich bin dabei gewesen.
Mainz ist nach der gegenwärtigen Selbstdarstellung im Internet die „Stadt von Johannes Gutenberg, Ernst Neger und Kardinal Lehmann“ – und zwar in dieser Reihenfolge. Wer Gutenberg ist, muss ich nicht erklären, wer Kardinal Lehmann ist, auch nicht, denn wenn Sie es wissen, ist es nicht nötig, und wenn Sie es nicht wissen, ist es egal. Aber wer war Ernst Neger? Das war der „singende Dachdecker“, ein von den 50ern bis in die 70er Jahre überaus beliebter Mainzer Karnevalssänger. Außerdem war er Geschichtsphilosoph. Aber das hat er vermutlich nicht bemerkt, seine Liedtexte waren ja eher unterkomplex. Zum Beispiel:
„Humba humba humba täterä“
Oder:
„Rucki-zucki, rucki-zucki“
Oder:
„Wini-wini, wini-wini,
nun ist der Urlaub aus,
Wana-wana, wana-wana,
wir tanzen jetzt zuhaus.”
Ein anderes seiner Karnevalslieder enthält allerdings eine Strophe, die das Publikum zwischen historischem Rück- und tröstendem Vorausblick hin- und herschunkelt. Dieses tränenlösende Trösterlied aus der Wirtschaftswunderzeit kann einem Gänsehaut machen. Andererseits ist es immerhin ein Fortschritt von „Heil Hitler“ zu „Heile, heile Gänsje“:
[einspielen:
„Heile, heile Gänsje,
s’wärd schon widder gud,
es Kätzje hot e Schwänzje
s’wärd schon widder gud,
heile, heile Mäusespeck,
in hunnert Jahr is alles weg.“]
Das ist die vorhin versprochene geschichtsphilosophische Kernaussage: „In hunnert Jahr is alles weg.“ In hunnert, nicht in tausend, wie man in Berlin zwölf Jahre lang geglaubt und wie Albert Speer es seiner Ruinenwerttheorie zugrunde gelegt hatte.
Die Ruinen standen dann viel schneller in den Städten, von denen manche kaum noch welche waren. Wie Berlin hatte Mainz im Luftkrieg arg gelitten, und so gab es in Ernst Negers Karnevalslied auch diese Strophe:
„Wär isch einmal der Herrgott heut,
dann wüßte isch nur äns,
isch nähm in meine Arme weit
mein arg zertrümmert Mänz,
un schtreischelt ischs ganz sanft und lind
un sag, hab nur Geduld,
isch bau disch widdä auf, geschwind,
du warst doch gar net schuld.“
Schuld waren die in Berlin, sollte damit gesagt, das heißt: gesungen sein, die mit ihrem Sportpalastgebrüll. Was konnten wir Mainzer dazu? Aber weiter im Lied:
„Isch mach disch widdä wunderschön
Du kannst, du därfst net unnergehn.
Heile, heile Gänsje,
s’wärd schon widder gud,
es Kätzje hot e Schwänzje
s’wärd schon widder gud,
heile, heile Mäusespeck,
in hunnert Jahr is alles weg.“
Man kann sich das auf Youtube vorspielen lassen. Einer der neueren Kommentare dort lautet:
„Ich bin kein Deutscher. Aber das ist Kultur.“
Rousseau twittert über Jean-Jacques
(Überarbeitete Fassung eines Vortrages, der während einer Rousseau-Konferenz im Mai 2012 an der Universität Potsdam gehalten wurde.)
Jean-Jacques ist eine gigantische Projektionsfigur – >Figur< gemeint als rhetorische Operation. Als solche ist er vielleicht nur noch mit Sokrates vergleichbar. Allerdings mit dem Unterschied, dass für Sokrates die Ironie das Kommunikationsmittel einer dialogisch operierenden Selbsterkenntnis war, während Rousseau so viele Jahrhunderte später glaubte, sich mit der Feder das Herz aus der Brust schreiben zu können, um es ganz unironisch auf den Altar – nein, nicht der öffentlichen Meinung, sondern von Notre-Dame zu legen.
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass es gegen Sokrates wirklich ein Komplott gab, während es sich bei dem Komplott, von dem in den Pseudo-Dialogen Rousseau richtet über Jean-Jacques immerzu die Rede ist, um eines handelt, das im Kopf von Jean-Jacques Rousseau stattfindet. Mit einer Konsequenz allerdings, die so wahnsinnig ist, dass Rousseau vermutet, Jean-Jacques solle in den Wahnsinn getrieben werden – oder in den Selbstmord wie Sokrates. Über Sokrates weiß man wenig und wüsste gern mehr. Über Rousseau weiß man sehr, sehr viel – so furchtbar ausführlich viel, dass einem glatt die sokratische Ironie vergehen könnte, die gebannt ist in die vielgewusste Formel – na, Sie wissen schon.
Ich weiß, dass ich über Rousseau nichts weiß, was sie nicht schon selber und besser wissen. Vor Ihnen steht kein dix-huitièmist, kein Forscher, kein Fachmann, sondern ein Schriftseller.
Ich habe tatsächlich >Schriftseller< getippt in der Erstfassung dieses Vortrags. Man könnte dieses ohne Fingerspitzengefühl hingetippte Bekenntnis eine Freud’sche Fehlleistung nennen. Ich bin ja wirklich einer, der seine Schriften verkauft – und damit seine Seele, wie unser Notenkopist behauptet hätte. In den Bekenntnissen äußert er die
„Überzeugung, dass der Stand als Schriftsteller nur dann ausgezeichnet und achtungswert wäre und sein könnte, wenn er kein Berufsstand wäre.“
Der im 18. Jahrhundert sich entwickelnde litererarische Markt, das Schreiben um Geld, Ruhm und Anerkennung, war für Rousseau das System einer perversen Öffentlichkeit – nicht etwa einer pervertierten, sondern einer von Anfang an perversen. Für Rousseau ist jede vermittelte Kommunikation unnatürlich. Nur die Schriftstellerei ist zu rechtfertigen, der die Schrift weder Zweck noch Selbstzweck ist, sondern unvermeidliches Hilfsmittel zur Herzensergießung über große Distanz. Auf die Empfindungen kommt es an, nur auf die Empfindungen. Die Texte, die Diskurse, die Dialoge, die Briefe und Romane und Briefromane dürfen bloß dazu dienen, die Empfindungen der Schreibenden bei den Lesenden hervorzurufen. In der Intimität dieser Übereinstimmung findet Herz zu Herz; alle, die Augen im Kopf haben, weinen an den gleichen Stellen. Die Vernunft breitet ergeben die Arme aus, um sie nicht störrisch vor der Brust zu verschränken, damit kein fremdes Herz dem eigenen zu nahe kommt.
Rousseaus exaltierte Intimität hat die Berufsveröffentlicher oft amüsiert. In ihrer Naivität hielten sie Rousseau für naiv. Was er nicht ist. Rousseau, dem Schriftsteller, mangelt es im Unterschied zu Rousseau, dem Maler, an nichts so sehr wie an Naivität. Seine Rhetorik ist immer auf dem Sprung, spielt Katz und Maus mit uns und mit sich selbst, und die List seiner Unvernunft kann einen um den Verstand bringen. Hatte Voltaire nach der Lektüre einer Abhandlung Rousseaus nicht Lust, auf allen vieren zu kriechen, wie er es in seinem unnachahmlichen Sarkasmus ausdrückte.
Der „hitzige Voltaire“, wie Rousseau ihn nannte, war eine Spottdrossel und hat sich auf sein sarkastisches Pointentalent viel eingebildet. Verglichen mit der verfolgenden Unschuld der rousseauschen Texte jedoch waren die seinen ganz treuherzig vor lauter Vernunft.
Hätten die sogenannten >sozialen Medien< des 21. Jahrhunderts ein philosophisches Maskottchen aus dem 18ten nötig, käme dafür sicher nicht Voltaire in Frage oder Diderot oder D’Alembert. Bei den sozialen Medien geht es nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um das Zirkulieren von Meinungen, nicht um die Suche nach Wahrheit, sondern um das Finden zur Wahrhaftigkeit, nicht um das Überzeugen, sondern um das Erregen.
Der „verschlagene D’Alembert“, wie Rousseau ihn nannte, hat über Jean-Jacques gesagt, dieser überzeuge ihn nicht, errege ihn aber. Ich will Sie weder überzeugen noch erregen, bloß unterhalten. Ich will Ihnen etwas vorzwitschern: !! [An dieser Stelle folgte im Vortrag ein Zwitschern von einem Scherzartikel.]
Von der englischen Vokabel für „Gezwitscher“ leitet sich bekanntlich der Markenname „Twitter“ ab. Wenn Wissenschaftler bei Vorträgen zitieren, machen sie gern mit ihren Fingern Häkchen in die Luft. Mein Vortrag heißt „Rousseau twittert über Jean-Jacques“, und was bei Ihnen und mir die Häkchen sind, ist bei mir und Rousseau: !! Alle auf diese Weise gekennzeichneten Zitate stammen aus den drei Dialogen Rousseau richtet über Jean-Jacques.
!! „Es ist sehr traurig für J.-J., dass Rousseau nicht alles sagen kann, was er von ihm weiß.“
Die Kurznachrichten bei Twitter dürfen bekanntlich nicht länger als 140 Zeichen sein. Ich halte mich an diese Spielregel, keines meiner gezwitscherten Zitate wird diese Länge überschreiten. Obwohl das eigentlich eine Zumutung ist. Ein Zumutung für Rousseau. Er war ein sehr ausführlicher Schriftsteller. Die französische Gesamtausgabe seiner Korrespondenz umfasst 52 Bände, wenn ich recht unterrichtet bin. Ziemlich viel für einen einsamen Mann. Die Neue Héloise, der Émile, die Bekenntnisse sind ebenfalls sehr ausführlich. Und was die Dialoge betrifft, so klagt Rousseau selbst in einem Vortext
!! „über die Weitschweifigkeiten, Wiederholungen, über die Geschwätzigkeit und die Unordnung dieser Schrift.“
Es ist wirklich nicht einfach, 140-Zeichen Sätze aus diesem Text zu schneiden, der weniger eine Gewebe ist als ein Gestrüpp, und oft muss die zitierte Satzperiode abgebrochen werden, um die Twittergrenze einzuhalten. Rousseau hatte eine Schwäche für die Rhetorik des Superlativs, besonders wenn es um ihn ging.
!! „Von allen Menschen, die ich gekannt habe, ist J.J. derjenige, dessen Charakter am vollständigsten allein von seinem Temperament abhängt.“
Ich will es ebenfalls mit einem Superlativ versuchen: Von allen Menschen ist J.J. derjenige, dessen Charakter am unvollständigsten bei einem >elevator pitch< zum Ausdruck käme.
Die folgende Definition von >elevator pitch< stammt von einem Kommunikationscoach mit den Schwerpunkten small talk und networking – so etwas gibt es.
„Beim elevator pitch, der Selbstpräsentation in Fahrstuhlfahrtlänge, kommt es darauf an, die eigene Person in einer Minute vorzustellen.“
Es scheint Leute zu geben, die das schaffen. Armer Jean-Jacques Rousseau. In Rousseau richtet über Jean-Jacques verlangt er ausdrücklich, dass der Text entweder vollständig oder gar nicht zu lesen sei. Ein Aufzug, der dafür lange genug unterwegs wäre, müsste eine Himmelfahrt machen. Und teilt man den langen Text in kurze Tweets auf, müsste Rousseau über Jean-Jacques rund 6.250 mal twittern. Ich habe es ausgerechnet. Selbst Lady Gaga, die Twitter-Königin mit zwanzig Millionen Gefolgsleuten, hat es bisher bloß auf gut 1.200 Tweets gebracht.
Gleichwohl wäre es engherzig, die Weitschweifigkeit Rousseaus seiner persönlichen Schwatzsucht anzulasten. Am Ende des dritten seiner Bekenntnisbriefe an Malesherbes kündigt er den vierten und letzten mit folgenden Worten an:
„Also noch ein Brief und dann keiner mehr. Verzeihen Sie, Monsieur. Obwohl ich gerne über mich rede, rede ich doch nicht mit jedem gerne über mich.“
Auch in Rousseau richtet über Jean-Jacques ist die monomanische Weitschweifigkeit nicht der Schwatzsucht geschuldet. Sie rührt vielmehr von der Art des Diskurses her. Es ist ein Diskurs auf der Flucht, aber auf der Flucht in einem Käfig. Immerzu läuft man hin und her, ohne je einen Ausweg zu finden.
Das lateinische Verb zum Substantiv Diskurs lautet discurrere und bedeutet soviel wie hin- und her-, aber auch "auseinanderlaufen". In der Konjugationstabelle taucht die Form außerdem im Präsens Indikativ Passiv auf: „du wirst auseinandergelaufen“. Beim >elevator pitch< wird das Ich auf eine funktionsrelevante Instant-Identität konzentriert. Bei Rousseau richtet über Jean-Jacques sind wir Zeugen eines herzabschnürenden Auseinandergelaufenwerdens – des Auseinandergelaufenwerdens bei dem verzweifelten Selbst-Behauptungsversuch eines Mannes, der viele Jahre zuvor voll innerem Schwung zur Konzentriertheit raten konnte. 1757, während er an dem Briefroman Julie oder Die neue Héloise arbeitete, schrieb er philosophische Lehrbriefe an die 27 Jahre alte Sophie d’Houdetot, in die er so händeringend verliebt war, dass er sie in seinem empfindsamen Tintenherz mit seiner Roman-Julie verschmolz. Keiner dieser Briefe, die allesamt doch nicht nur an Sophie, sondern gleichsam durch sie hindurch ans Publikum gerichtet waren, hat die angebetete (und vorgeschobene) Adressatin erreicht. Im sechsten und letzten dieser Briefe heißt es:
„Beginnen wir damit, wieder wir selbst zu werden, uns in uns zu konzentrieren, unsere Seele in eben jene Grenzen zu fassen, die die Natur unserem Wesen gegeben hat, beginnen wir also, mit einem Wort, uns dort zu sammeln, wo wir sind.“
Welch ein Unterschied zwischen diesem Ratschlag an eine junge Frau und seinem Selbstgespräch als alter Mann.
Im Vortext zu diesem dialogisch aufgebauten Monolog über sich selbst schreibt er, er habe sagen wollen
!! „mit welchen Augen ich, wenn ich ein anderer gewesen wäre, einen solchen Menschen, wie ich bin, betrachtet hätte.“
Später behauptete ein anderer Franzose mit R, man müsse absolut modern sein, und ließ die Leute wissen, „ich ist ein anderer“, bevor er die Feder niederlegte und zu den Waffen griff. Auch Rousseau war überzeugt, man müsse absolut modern sein, meinte das aber nicht wie Rimbaud als Parole, sondern als Konstatierung eines Zwangs. Eines Zwangs, dem man nicht mit dem Appell >Zurück zur Natur< entkommt. Und so ist ein solcher Appell, ich wette meine Zwitscherknöpfe, in Rousseaus Werk auch nirgends zu finden.
!! „Die menschliche Natur geht nicht rückwärts, und nie kommt man in die Zeiten der Unschuld zurück“.
Der Mensch vor dem Eintritt in die Moderne, die bei Rousseau ungefähr in der Bronzezeit begann, als zum ersten Mal jemand behauptete, ein bestimmtes Stück Land gehöre ihm und genug Dummköpfe fand, die ihm das glaubten – der Mensch vor dem Eintritt in die Moderne, dieser natürliche Mensch war ganz bei sich selbst und brauchte keine anderen, um erst wieder zu sich zu finden. Der natürliche Mensch war so sehr innig und einig mit sich, dass er nicht einmal merkte, wie authentisch er war. In dem Moment jedoch, in dem sich die Frage der Authentizität stellte, war sie schon nicht mehr zu beantworten.
Heute, im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Authentizität – die Formulierung stammt nicht von mir, in dieser Fassung auch nicht von Walter Benjamin, sondern von Henning Ritter, der ein großer Rousseau-Kenner ist. Im Zeitalter reproduzierter Authentizität spielt sich das Auseinandergelaufenwerden im virtuellen Modus sogenannter sozialer Netzwerke ab. Während Rousseau sich mit fliegender Feder und vor Angst klopfendem Herzen aus dem Netz seiner einstigen Freunde herausschreiben will, tippen sich heute die Menschen mit hüpfendem Daumen und vor Freude pochendem Puls in das Netz ihrer Freunde hinein. Während Rousseau fürchtet, sich mit jeder Bewegung noch mehr in dieses Netz zu verstricken, hoffen die user, durch diese Verstrickung erst richtig in Bewegung zu kommen. Man kann gar nicht genug Freunde haben, suggerieren die Facebook-Parolen. Man kann gar nicht genug auf der Hut vor ihnen sein, glaubte Rousseau.
!! „J.-J. hat nicht immer die Menschen geflohen, aber er hat immer die Einsamkeit geliebt.“
Wie kann man in der Einsamkeit Ich sagen und ein Selbst behaupten?
!! „Sobald er allein ist, ist er glücklich.“
Viel Unglück musste geschehen, bis es soweit gekommen war.
Das Ich-Sagen ist weniger Tatsachen- als Selbstbehauptung, ein performativer Akt. Er wird in den sozialen Netzwerken zur permanenten Performance, wobei der Ausdruck >Performance< sehr weit reicht: vom persönlichen Auftritt bis zum Geschäftsergebnis. Künstler machen Performance, das Kapital auch.
Die permanente Performance im online Modus ist von fließender Gegenwärtigkeit. Dies wäre ein Anlass, das elfte Buch der Bekenntnisse – von Augustinus – aufzuschlagen:
„Lass uns sehen, o Menschenseele, ob die gegenwärtige Zeit lang sein kann.“
Die Zeit-Fragen des Augustinus ließen sich ohne weiteres an das Leben im online Modus stellen. Aber bevor ich mich zu einem Kirchenvater verlaufe, hole ich lieber Erkundigungen bei einem Medienprofessor ein. Byung-Chul Han lehrt Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Er schreibt:
„Kommunikationsmedien wie Twitter oder andere soziale Netzwerke sind Präsenz-Medien, denen jede Form der Repräsentanz als störender Umweg erscheint.“
Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Aber es würde gut zu Rousseau passen. Man muss es nur leicht umformulieren: Rousseaus Schriften sind Präsenz-Medien, denen jede Form der Repräsentanz als störender Umweg erscheint. Professor Han spricht von „Transparenzgesellschaft“. Ich bin immer noch nicht sicher, ob das stimmt. Aber es würde immer noch gut zu Rousseau passen. Es ist ja kein Zufall, dass das Buch, das vor vierzig Jahren ein Genfer – ausgerechnet – ein Genfer Professor über Rousseau publiziert hat, den Titel trägt: La transparence et l’obstacle. Der Zeitungsartikel, in dem der Karlsruher Professor vor der Transparenzgesellschaft warnt, ist illustriert. Ich habe die Seite mitgebracht.
[Im Vortrag habe ich die Seite hochgehoben. Sie war illustriert mit einem Exhibitionisten, der gerade den Mantel auseinanderschlägt.]
Ich denke, es ist klar, was ich Ihnen gerade gezeigt habe. Das heißt, ich habe es Ihnen ja nicht gezeigt, Gott und die alma mater bewahre, sondern ich habe Ihnen gezeigt, wie es Ihnen ein anderer zeigt. Allerdings zeigt dieser andere es ja gar nicht Ihnen. Schließlich steht er mit dem Rücken zu uns. Ich habe Ihnen also gezeigt, wie jemand es nicht Ihnen zeigt, sondern anderen, die auf dem, was ich Ihnen gezeigt habe, nicht zu sehen sind. Transparenz mit Hindernissen.
Transparent mit Hintern, verzeihen Sie den Kalauer, ist Roussau, wenn er im Halbdunkel seiner Bekenntnisse vor der Leserschaft die Hosen runterlässt, indem er schildert, wie er im Halbdunkel Pariser Parks die Hosen runter gelassen hat. Wäre der Typ auf der Zeitungsseite Rousseau gewesen, hätten wir ihn gesehen, wie er sich gezeigt hätte, wenn er Rousseau gewesen wäre.
!! „Dieser Mann gleicht keinem anderen, den ich kenne.“
Doch der Hintern Rousseaus ist auch bloß ein nackter – Sie wissen schon.
Die Transparenz, die Professor Han so suspekt ist, ist für André Vatter ein wichtiger Wert. Vatter ist community manager beim Leipziger Informationszentrum Wirtschaft. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, wofür so ein community manager verantwortlich ist. Womöglich für das, was in Rousseau richtet über Jean-Jacques als Netz beschrieben wird, gemanagt von Leuten, die im Text immer nur als „die Herren“ bezeichnet werden und womit Diderot und Grimm und Holbach gemeint sind. Aber Diderot und Grimm und Holbach waren bei allen wirklichen oder von Rousseau er- weil empfundenen Gemeinheiten so wenig verschwörerisch wie der community manager Vatter, dem so viel an Transparenz gelegen ist:
„Heute“, schreibt er, „werden weltweit 200 Millionen Tweets pro Tag publiziert. Keine Umfrage, keine Statistik und keine Studie leistet soviel für die Transparenz auf der Erde, wie Twitter es tut – und das in Echtzeit.“
Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, das mit der Echtzeit und das mit der Transparenz. Vatters Artikel über Twitter steht im Netz und ist versehen mit einem „Online-Kommentar von hampelmann am 30. 8. 2011“. Hampelmann fragt:
„Transparenz, was soll das sein?“
Ich frage mich das auch immer noch, obwohl ich so viel von und über Rousseau gelesen habe.
Auch in einem anderen Online-Artikel bin ich auf eine Transparenz-Vermutung gestoßen. Er stammt von Pamela Haag, einer Bloggerin der Huffington Post:
„Maybe this century’s culture is a culture of feeling in which the ideal citizen-feeler has the qualities of soulful transparency.“
Rousseau hat zwar gern das Landei gespielt, aber der citizen-feeler hätte ihm vielleicht gefallen in seiner seelenvollen Durchsichtigkeit.
!! „Wenn er nur ein wenig hingerissen ist, sind seine Augen nass.“
Im Netz habe ich des Weiteren ein Interview mit Biz Stone gefunden, einem der Entwickler von Twitter. Er erzählt, Jack Dorsey, ein anderer Entwickler von Twitter, habe einmal zu ihm gesagt:
„ich mag es, mein Leben meinen Freunden mitzuteilen“.
Biz Stone sagt:
„Ich denke, es ist wichtig, dass die Leute sich verbinden und dass sie sich emotionale Nachrichten schicken, die ihnen was bedeuten.“
Nichts anderes hatte Rousseau im Sinn, als er mit seiner Abschrift unterm Arm in die Kathedrale ging: eine emotionale Nachricht schicken, die ihm was bedeutete. Heute würde er den Text nach dem Scheitern seines Versuchs, ihn auf den Altar zu legen, womöglich ins Netz stellen. Damals verteilte er in den Straßen Handzettel mit der Überschrift:
!! „Jedem Franzosen, der noch Gerechtigkeit und Wahrheit liebt.“
Niemand wollte die Zettel haben.
!! „Ich schickte Abschriften dieses Billets als Antworten auf Briefe von Unbekannten“.
Er hat gewissermaßen getwittert, auch wenn das Billet länger war als 140 Zeichen.
Twitter bietet die Möglichkeit, alle mit allen und alles mit allem zu verbinden: poetische Kurzbotschaften mit Imagebildung, die Haikus der Banalität mit dem Generieren von Meinungen, das 140-Zeichen-Bekenntnis mit Vermarktungsstrategien. Und immer sind alle so aufgeregt wie D’Alembert, nachdem er Rousseau gelesen hat.
Das Verb >twitter< bedeutet meinem englischen Wörterbuch zufolge nicht nur >zwitschern<, sondern auch >schnattern<, und zwar >aufgeregt schnattern<; des weiteren bedeutet es >zittern<, und zwar >vor Aufregung zittern<. Rousseau richtet über Jean-Jacques ist das Zittern vor Aufregung beim Auseinandergelaufenwerden. Der eigentliche Urteilstext wird gefolgt von einem Anhang über die „Geschichte der vorhergegangenen Schrift“. Dort wird berichtet, wie Rousseau vergeblich versuchte, den Text in Notre-Dame auf den Altar zu legen, und es wird die
!! „Herzensangst“
betont, in der Rousseau vier Jahre lang an ihm gearbeitet hat. Und in einer ebenfalls nach der Abfassung der Schrift entstandenen, ihr aber vorangestellten Erklärung über ihre Zwecke und Absichten erwähnt er
!! „das lebhafte Gefühl des Unglücks, das beim Durchlesen erneuert wird.“
In Rousseau richtet über Jean-Jacques, seinem vorletzten großen Text, dem nur noch die Träumereien eines einsamen Spaziergängers folgen, kommt es nicht mehr zur Herzensverbindung zwischen dem Schreibenden und einem Lesenden, der ein anderer ist, sondern der Lesende sinkt in die Unglücksempfindung des Schreibenden zurück, der er selber war. Die durch ein Absperrgitter verhinderte Niederlegung einer Abschrift auf dem Altar von Notre-Dame erfolgte in der Hoffnung, auf diese Weise würde der Text dem König unter die Augen kommen und ans Herz wachsen. Aber unterdessen war Ludwig XV., vor dem einst mit hübschem Erfolg Rousseaus Oper Der Dorfwahrsager aufgeführt worden war, gestorben. Und Rousseau fragt sich, warum sich der neue König, Ludwig XVI., mit der weitschweifigen, geschwätzigen, unordentlichen Schrift eines Mannes beschäftigen sollte, mit dem er in keinerlei Verbindung stand. Letzten Endes ist Rousseau froh, dass es mit dem Altar von Notre-Dame nicht geklappt hat, denn mit Ludwig XV. war ihm der letzte Adressat, auf den er noch zu hoffen gewagt hatte, abhanden gekommen. Er wollte die Schrift auf den Altar und dem alten König die Rechtfertigung seiner selbst ans Herz legen. Was hätte er wohl empfunden, wenn er geahnt hätte, dass dem neuen König rund zwanzig Jahre später der Kopf abgeschnitten werden würde – und zwar von Leuten, die Rousseau und Revolution in einem Atemzug nannten?
Rousseau richtet über Jean-Jacques besteht aus drei Gesprächen zwischen einem Herrn Namens Rousseau und einem namenlosen Franzosen. Jean-Jacques selbst nimmt an den Gesprächen nicht teil. Dennoch ist er doppelt anwesend: Einmal in der Figur Rousseau, dem aufgeregten Personalverwalter der Individualität, und einmal im Franzosen, dem dubiosen Sachwalter des Publikums, dessen Positionen gleichwohl vom Autor Jean-Jacques Rousseau vor- und festgeschrieben werden beim Herstellen des Textes. Und dann gibt es noch Passagen, in denen Rousseau dem Franzosen in der Ich-Form Jean-Jacques erzählt, was Jean-Jacques ihm, Rousseau, zu sagen hatte. Der Autor Jean-Jacques Rousseau schreibt, was Jean-Jacques durch Rousseau dem Franzosen sagen lässt. Aber was der Autor Jean-Jacques Rousseau geschrieben hat und was der Mensch Jean-Jacques Rousseau in Notre-Dame dem König und dem lieben Gott zum Lesen auf den Altar legen wollte – und phantasierte er nicht zu Beginn der Bekenntnisse eben diese Bekenntnisse als Text, der am Jüngsten Tag vor dem Angesicht Gottes zu verlesen sei? Was also der Autor von Rousseau richtet über Jean-Jacques für Gott, König und Nachwelt niederschrieb, zeigt uns keineswegs den harten Kern der Identität, nicht einmal in Gestalt des weichen Herzens, auf das sich Rousseau so viel zu gute hielt. Es zeigt vielmehr, wie sich das Individuum auf der Suche nach seiner Identität verläuft und verliert.
Gott war damals schon tot, auch wenn Rousseau noch an ihn glaubte, weil er eben an ihn glauben wollte, wie er gern betonte und damit ohne mit der Wimper und der Feder zu zucken, den Schöpfer aller Geschöpfe vom Willen eines einzigen dieser Geschöpfe abhängig machte. Der Tod des Autors wiederum war seinerzeit noch kein altmodisches Gerücht wie heute, und der Tod des Menschen noch keine Sache glasklar wie die Auferstehung. Der Mensch verschwindet im Posthistoire wie eine Zeichnung im Sand am Meeresstrand. Dann taucht er auf den Displays der Vorgeschichte der Zukunft, die unsere Gegenwart ist, wieder auf. Nie war mehr Ich als heute – und selten zugleich so wenig. Die Werbestrategen der Postbank zum Beispiel haben das – wie sagt man? – auf dem Schirm und schreiben es auf die Displays ihrer Geldautomaten:
„Unterm Strich zähl ich.“
Im 18. Jahrhundert wurde das bürgerliche Selbst nicht auf den Schirmen der Geldautomaten behauptet, vor dem die Diskretion des Abstands herrscht, sondern auf offener Bühne, der des Theaters und der des Lebens. Es geisterte durch die Briefe, gespensterte durch die Romane und griff in empfindsamen Briefromanen sich selbst ans Herz. Heute zeigt sich das vernetzte Ich als wir-kompatibles in den virtuellen Räumen von facebook bis Twitter. Und heute wie damals werden Masken angelegt, um den Menschen ohne Maske zu zeigen. Sehr viel Text wird gewoben, um den Menschen nackt in seiner ganzen Naturwahrheit zu zeigen, wie Rousseau zu Beginn seiner Bekenntnisse schreibt. Sehr viel Daumen-Ich in 140-Zeichen wird in kleine tragbare Schächtelchen getippt: Bekenntnisse mit flatrate.
Doch nichts ist so wenig authentisch wie Authentizität, ich wiederhole mich. „Der Kult der Authentizität“, schreibt Henning Ritter in seinen Notizheften, die übrigens viele piècen übers 18te Jahrhundert enthalten:
„Der Kult der Authentizität im Zeitalter der Reproduzierbarkeit läuft hinaus auf eine Playback-Authentizität, die dem Reproduzierten das Siegel einer vorgetäuschten Echtheit verleiht, indem die Reproduktion mit einem untergeschobenen Hier und Jetzt angereichert wird. Es ist eine Verwechslungskomödie von Echt und Falsch, in der das Unechte die Gefühle auf sich zieht, die dem Echten gelten sollten. Die literarische Authentizität findet ihre Erfüllung in der erfundenen Selbstbiographie, in der Ausmalung eines erdachten Lebens.“
Ich bin mir schon wieder nicht sicher, ob das stimmt. Vorhin bei Vattel und Stone ging es mir zu euphorisch zu, bei Ritter wird’s mir zu melancholisch. Und was die „literarische Authentizität“ betrifft, so findet sie in der „Ausmalung eines erdachten Lebens“ nicht ihre Erfüllung, sondern ihre begriffliche Entleerung, weil jede Selbstbiographie unweigerlich eine erfundene ist. Im Englischen klingt liegen und lügen gleich, sogar wenn es auf einem Grabstein steht: Here lies heißt die Autobiographie des Schriftsellers Eric Ambler. Ich zitiere daraus:
„Nur ein Idiot glaubt, dass er über sich die Wahrheit schreiben kann.“
Rousseau war dieser Idiot. Er glaubte, dass ein Mann, der sich selbst malt, wie er es formuliert, schon allein deshalb, weil er selbst es ist, der sich malt, die Wahrheit zum Ausdruck bringt. Weniger in dem, was er zeigt, als dadurch, wie er sich zeigt. „Ich bin davon überzeugt“, schreibt er im September 1761 in einem Brief, hier wie alle bisherigen Briefstellen zitiert nach der schön gemachten handlichen Sammlung, die Henning Ritter kürzlich herausgegeben hat,
„ich bin davon überzeugt, dass man immer sehr gut gemalt ist, wenn man sich selbst gemalt hat, und dies sogar dann, wenn das Porträt gar nicht ähnlich wäre.“
Im „Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars“ im Émile, in dem – also im „Glaubensbekenntnis“ – übrigens Ideen aus den Briefen an Sophie wieder aufscheinen – und heißt nicht Émiles Freundin und Frau ebenfalls Sophie? In diesem „Glaubensbekenntnis“ wird gesagt:
„es ist niemals falsch, dass ich empfinde, was ich empfinde“.
Das Fehlerhafte entstehe vielmehr,
„weil mein Verstand [...] seine Irrtümer mit den Wahrheiten der Empfindungen vermengt“.
Sei’s drum.
„Here lies“ wäre sicher nicht gelogen gewesen, hätte es auf der Schrift gestanden, die Rousseau viele Jahre nach diesem Brief auf den Altar legen wollte.
Gleichwohl sollte zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit unterschieden werden. In Rousseaus letztem Werk, den Träumereien eines einsamen Spaziergängers, sinniert er im vierten Spaziergang darüber nach, was beides in der Sache und auch im Gestus voneinander unterscheidet. Bei dieser Gelegenheiten gibt er übrigens zu, dass das berühmte „Erkenne dich selbst“ am Tempel von Delphi doch
„keine so leicht zu befolgende Maxime sei, wie ich in meinen Bekenntnissen geglaubt hatte.“
Inzwischen scheint das Simulative ganz natürlich geworden zu sein, von der geschönten facebook-timeline bis zu elektronisch aufgehübschten Privatfotos oder elektronisch abgeschminkten Plagiatspromotionen. Aber so quasi-natürlich das Simulative auch geworden sein mag, es lebt vom Wahrheitsversprechen, will es nicht abgleiten ins bloße Spiel mit der Inszenierung. Das gilt sogar für die älteste aller Simulationstechniken, fürs Geschichtenerzählen. Dabei könnte man meinen, und Kulturwissenschaftler meinen das häufig, Hermeneutik, Ideologiekritik, Diskursanalyse und Dekonstruktion hätten gezeigt, was es mit der Wahrheit von wahren Geschichten auf sich hat.
Aber die gute alte wahre Geschichte ist einfach nicht tot zu kriegen, mögen der liebe Gott, der Autor und der Mensch noch so sehr gestorben sein. Vielleicht liegt es auch daran, dass es Seminarstubentode waren. In Film, facebook und Fernsehen jedenfalls bleiben Geschichten, die sich wirklich ereignet haben, was immer das in Film, facebook und Fernsehen bedeuten mag, eigentümlich attraktiv. Und wenn man andere überzeugen will, tut man gut daran, sie vor allem davon zu überzeugen, dass man selbst überzeugt ist.
!! „Die Reden eines Menschen, von dem man glaubt, dass er wider seine Überzeugung spricht, werden die, die dieser Meinung sind, niemals rühren.“
Ich schätze mal, das gilt auch für das, was ich gerade erzählt habe.
Vom Pferd erzählen.
Taktische Bemerkungen über narrative Tricks
in Literatur und Film
(Text eines Vortrages, der im Januar 2011 an der Deutschen Film- und Fernsehhochschule Berlin, dffb, gehalten wurde.)
Wenn Theoretiker was vom Erzählen erzählen, geht das der Theorie zuliebe manchmal bis zur Rosstäuscherei. Der Eigensinn des Erzählens wird den Bedürfnissen der theoretischen Analyse angepasst. Dann lieber gleich was vom Pferd erzählen:
„Singe das Lied von dem hölzernen Pferde [...] das einst der göttliche Odysseus als eine List auf die obere Stadt geführt, nachdem er es mit Männern angefüllt, die Ilion vernichtet haben. [...] Denn selber hatten es die Troer auf die obere Stadt hinaufgezogen. Dort stand es nun. [...] Denn es war bestimmt, dass die Stadt zugrunde geht, sobald sie das große hölzerne Pferd in sich aufgenommen, in dem alle die Besten von den Argeiern saßen, um den Troern den Tod und das Todesschicksal zu bringen.“
Diese Geschichte stammt nicht aus der Ilias, obwohl Wolfgang Petersen mit seinem trojanischen Kostümfilm so tut. Die Geschichte stammt aus der Odyssee und wird im Rückblick erzählt. Aber das narrativ Interessante daran ist, dass diese Geschichte nicht uns erzählt wird, sondern Odysseus selbst. Am Hof der Phäaken, an deren Küste er gestrandet ist, vernimmt er die eigene Geschichte aus dem Mund eines anderen:
„Dies sang der rings berühmte Sänger. Aber Odysseus schmolz hin, und Tränen quollen ihm aus den Lidern und benetzten seine Wangen.“
Die Geschichte vom trojanischen Pferd wird erzählt, indem so getan wird, als wären wir Zeugen, wie Odysseus die Geschichte vom trojanischen Pferd erzählt bekommt. Uns wird also eine Geschichte erzählt, indem erzählt wird, wie die Geschichte auf denjenigen wirkt, von dem sie handelt. Der phäakische Sänger erzählt vom Pferd und ahnt nicht, dass dessen Erfinder unter seinen Zuhörern sitzt. Erst nach der Geschichte gibt sich Odysseus zu erkennen und fährt dann selbst mit der Erzählung seiner Abenteuer fort. Raffiniert. So etwas ist nur mit Worten zu sagen, nicht mit Bildern zu zeigen. Wenn es trotzdem gezeigt werden soll, läuft das im Erzählkino immer auf Rückblenden hinaus, und Rückblenden sind schrecklich unbeholfen.
Die zweitwichtigste Variante der Geschichte vom Trojanischen Pferd würde die erzählerischen Möglichkeiten des Films nicht ganz so stark überfordern. Es handelt sich um eine Passage im Zweiten Buch der Aeneis des lateinischen Dichters Vergil, gut sieben Jahrhunderte nach den griechischen Gesängen entstanden, die gemeinhin einem gewissen Homer zugeschrieben werden.
Auch Vergil erzählt die Geschichte nicht unmittelbar seinen Zuhörern und Lesern. Vielmehr macht er uns zu Zeugen, wie Aeneas, der Schwiegersohn des Trojanerkönigs Priamus, die Geschichte vom Pferd der karthagischen Königin Dido erzählt. Dido selbst drängt ihn dazu: „Erzähl das Unglück der Deinen.“ Und Aeneas erzählt:
„Wir zerbrechen die Mauern und öffnen den Ring unsrer Festung.
Alle gehen voll Eifer ans Werk, sie schieben den Füßen
gleitendes Bollwerk unter und legen Seile aus Hanf dem
Nacken um: so steigt zu den Mauern das Werkzeug des Schicksals,
schwanger von Waffen.“
Aeneas kann in dem Moment, in dem er vom Pferd als dem „Werkzeug des Schicksals“ erzählt, nicht ahnen, dass er selbst zum Werkzeug des Schicksals werden wird. Nachdem er Dido genug erzählt und sie genug geliebt hat, reißt er sich von ihr los und gründet in Latium ein neues Geschlecht. So wird der geschlagene Held einer zerstörten Stadt zum Urvater der Gründer einer anderen Stadt, die eines Tages die Stadt zerstört, deren Königin er von der Zerstörung seiner Stadt erzählt. Aeneas aus Troja ist der Urvater der Gründer Roms, und Rom zerstört Karthago, die Stadt der Dido.
Auch diese erzählerische Konstruktion ist zu komplex für den Film. Sie wächst ihm zwar nicht über den Kopf, aber über die Kamera. Weil Bilder so etwas nicht zeigen können, bleibt nichts anderes übrig, als auf die Information entweder ganz zu verzichten, oder sie aus dem Off des Films ins gezeigte Geschehen zu quatschen.
Aber wenigstens ist die unmittelbare Erzählsituation in der Aeneis weniger kompliziert als in der Odyssee. Der Film könnte uns Aeneas und Dido zeigen und mit dem Beginn von Aeneas Erzählung mit Bildern in eben diese Erzählung hinübergleiten. Doch ginge auch hier durch die Bebilderung des Erzählten der Vorgang des Erzählens selbst für die Wahrnehmung verloren.
Film und Literatur sind ästhetisch – nicht unbedingt stofflich – so wesensverschieden wie Film und Musik. Niemand käme auf die Idee, eine Sinfonie zu verfilmen. Was gefilmt werden kann, ist ihre Aufführung: geigende Geiger, flötende Flötisten, dirigierende Dirigenten, und hustende Zuschauer zwischen den Sätzen – denen der Sinfonie. Das alles wäre sehr lustig ohne den Ton, der die Musik macht. Denn in der Zeitfolge der Töne entsteht das Klanggebilde, das wir eine Sinfonie nennen, nicht in der Abfolge der Filmbilder, die das Hervorbringen dieser Töne zeigen. Umgekehrt sieht kein Hörer während der Musik Bilder einer Ausstellung, selbst wenn das Musikstück so heißt.
Andererseits ist die Gattung des Films dermaßen unmöglich, dass ihr nichts unmöglich ist. Es gibt sogar Leute, die es fertig bringen, so etwas wie Die Sinfonie der Pferde zu produzieren und anzupreisen, zum Beispiel auf einer Internetseite:
"Klassische Musik im Einklang mit stimmungsvollen Pferdebildern - was gibt es Schöneres! Diese erste Symphonie des Pferdes zur wunderbaren Musik von Wolfgang Amadeus Mozart zeigt das Leben der Pferde. Junge Fohlen mit ihren Müttern in großen Pferdeherden, Pferde vor der Kutsche - Das sind seltene Eindrücke von Frieden und Beschaulichkeit, die man nie wieder vergißt. Ein Film wie ein Geschenk... zum Zurücklehnen, Entspannen und Genießen ..."
Rein rezeptionsästhetisch betrachtet ist dieses dämliche "Zurücklehnen, Entspannen, Genießen" das Hauptinteresse der meisten Kinogänger, und der meisten Romanleser auch. Kunst ist wie Wellness, und Lesen wie Kino im Kopf.
Das mit den Bildern im Kopf wird seit zweieinhalb Jahrtausenden behauptet. Simonides hat damit angefangen. Er lebte etliche Jahrzehnte nach Homer und etliche Jahrhunderte vor Vergil. Er hatte ein verdammt gutes Gedächtnis, vernachlässigte aber den Unterschied zwischen Wort und Bild. Gemälde seien schweigende Dichtung, meinte er. Später hat Horaz, ein Zeitgenosse des Vergil, ähnliches behauptet. In seinem De arte poetica findet sich die Formel „ut pictura poesis“, sinngemäß etwa: wie das Bild – so das Wort.
Wenn ich Theoretiker wäre, würde ich Ihnen nun was von der sehr langen und sehr langweiligen Geistesgeschichte dieser antiken Floskel erzählen, bis hin zu Lessing, dessen Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und der Poesie gemeinhin als der Text referiert wird, der die Diskurstradition des ut pictura poesis unterbrochen hat. Dieser Text allerdings ist überhaupt nicht langweilig, sondern haarsträubend spannend. Und vom Pferd erzählt er auch.
Laokoon nämlich hat die Trojaner davor gewarnt, der Danaer Geschenk in die Stadt zu ziehen. Doch Minerva, geborene Athene, hat Trojas Untergang beschlossen und hetzt dem Seher nach seiner prophetischen Warnung Ungeheuer auf den Hals. Lessing referiert nach antiken Quellen, was dann passiert:
„Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojaner; Schrecken und Angst überfallen ihn; ein brennender Schmerz tobet in seinen Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er verblindet. Erst, da er blind noch nicht aufhört, die Verbrennung des hölzernen Pferdes anzuraten, sendet Minerva zwei schreckliche Drachen ...“
Aber nicht diese Variante der Geschichte ist in der Tradition zur quasi >offiziellen< geworden, sondern die Fassung aus der Aeneis des Vergil. Hier kommen statt Drachen zwei Schlangen aus dem Meer:
„Und, die entflammeten Augen mit Blut durchströmet und Feuer,
zischen sie beid’ und umlecken mit regerer Zunge die Mäuler.
Alle entfliehen vor der Schau blutlos. Doch sicheren Schwunges
gehn sie Laokoon an, und zuerst zwei schmächtige Söhnlein
dreht um den Leib ringsher sich das Paar anringelnder Schlangen,
schnüret sie ein – o Jammer – zernagt mit dem Bisse die Glieder,
drauf ihn selbst, der, ein Helfer, sich naht und Geschosse daherträgt,
fassen sie schnell und knüpfen die gräßlichen Windungen: und schon
zweimal mitten umher, zweimal um den Hals die beschuppten
Rücken geschmiegt, stehn hoch sie mit Haupt und Nacken gerichtet.
Ganz von Eiter die Bind’ und schwärzlichem Gifte besudelt,
und graunvolles Geschrei hochauf zu den Sternen erhebt er ...“
Lessing diskutiert in seiner Laokoon-Schrift, ob und wie sich Literatur verfilmen lässt. Jedenfalls könnte man seine Überlegungen über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Malerei und der Poesie so reformulieren. Nachdem Lessing in seiner Vorrede an „die blendende Antithese“ des Simonides erinnert hat, „dass die Malerei eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei sei“, überprüft er diese Behauptung, indem er Vergils berühmten Text mit der berühmten Figurengruppe vergleicht, die zeigt, wie Laokoon mit den Schlangen ringt. Die antike Figurengruppe war übrigens anderthalb Jahrtausende verschollen und wurde im Januar (2011) vor 505 Jahren in einem verschütteten Palast wieder entdeckt.
Lessings akribischer Vergleich ergibt, dass Worte anders erzählen als Stein. Bei Vergil ist zum Beispiel davon die Rede, dass die Schlangen Hals, Haupt und Nacken des Laokoon umschlingen. Bei der Figurengruppe ringeln sich die Schlangenkörper jedoch um Beine und Unterkörper. Die innere Ästhetik der Bildhauerei verlangt, dass die Gesichter der Gestalten zu sehen sind, während das für die Dichtung keine Rolle spielt.
Ein weiteres Beispiel für die unterschiedlichen Aufgaben, die der Darstellung durch das Wort und derjenigen im Bild, beziehungsweise in der Skulptur gestellt sind, ist Laokoons Schrei.
„Wenn Virgils Laokoon schreit“, schreibt Lessing, „wem fällt es dabei ein, dass ein großes Maul zum Schreien nötig ist, und dass dieses große Maul hässlich lässt.“
Den schreienden Farbklecks von Edvard Munch, der bei uns eine Postkartenbeliebtheit ist, hätte Lessing in seiner Zeit abstoßend gefunden. Auch in der antiken Figurengruppe ist Laokoons Mund zwar rund geöffnet, aber nicht weit aufgerissen wie im Text Vergils, wo sich der Schrei „hochauf zu den Sternen erhebt.“
Warum muss Laokoon überhaupt schreien?
„Richardson sagt“, sagt Lessing, „Virgils Laokoon muss schreien, weil der Dichter nicht sowohl Mitleid für ihn, als Schrecken und Entsetzen bei den Trojanern, erregen will. Ich will es zugeben, obgleich Richardson nicht erwogen zu haben scheinet, dass der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eigenen Person macht, sondern sie den Aeneas machen lässt, und gegen die Dido machen lässt, deren Mitleid Aeneas nicht genug bestürmen konnte.“
Es kommt also nicht nur darauf an, was erzählt wird, sondern auch darauf, wer erzählt und wem erzählt wird und zu welchem Zweck und mit welchen Gedanken und Hintergedanken. Man könnte das die Dramaturgie nennen oder die Einstellung.
„Es nützt nichts, eine scharfe Einstellung zu drehen, wenn die eigene flau ist“, sagt Jean-Luc Godard. Der Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller sagt, die Dramaturgie ist „der vernachlässigste, unbesprochenste Aspekt des ganzen Filmens. [...] Dramaturgie ist das, was der Filmer vom ersten Moment an im Kopf haben muss: seine Idee.“
Text ist nicht Kino im Kopf, sondern Kino ist Idee im Kopf. Das stellt den Film vor narrative Probleme.
"Denn der Film", sagt der französische Ethnologe und Dokumentarfilmer Stéphane Breton, „der Film ist besser dazu geeignet, von Handlungen zu sprechen als von Gedanken, denn Gedanken kann man nicht sehen und nicht hören.“
Der Erzählgedanke kann die Erzählhandlung völlig verändern. Gleiches gilt von der Erzählperspektive. Von ihr hängt ab, was aus dieser Perspektive gesehen, beziehungsweise nicht gesehen werden kann. So ist zum Beispiel die Ich-Perspektive in der Literatur rein erzähltechnisch kein Problem. Um einmal nicht vom Pferd zu erzählen: Der Ich-Erzähler in Herman Melvilles Moby Dick oder Der Wal beginnt seine Geschichte, indem er sich seinen Lesern vorstellt: „Call me Ishmael.“ Das ist im Film zwar nicht völlig unmöglich, wirkt aber völlig albern, wenn der Film es möglich macht. Die Stimme müsste aus dem Off kommen, oder der Schauspieler müsste in die Kamera sagen: „Hallo Leute, nennt mich Ishmael“ – oder: „Ich bin ich und wenn ja wie viele.“
In den Bauformen des Erzählens von Eberhard Lämmert, einem Klassiker der akademischen Erzähltheorie, heißt es:
„Die psychologischen Standorte [des Erzählens] geraten in besondere Beziehungen zur Erzählergegenwart, wenn man die beiden Zwischenformen zwischen dem Erzählen einer >in sich ruhenden Handlung< und dem >Eingreifen des Erzählers< berücksichtigt: 1. Die Ich-Erzählung, in der das Ich zugleich handelnde Person ist, 2. die Er-Erzählung, in der partienweise ein fingierter Erzähler auftritt. Diese Zwischenformen sind in der Tat durch die View-point-Theorien bisher nicht hinreichend bewältigt, was nicht zuletzt auf den normativen Anspruch auf Einheit des psychologischen Standorts in der ganzen Erzählung zurück zu führen ist.“
Tsja. Ich habe Sie vor Erzähltheoretikern gewarnt. Man muss Literatur studieren, um zu verstehen, was sie einem erzählen. Aber Sie vergaloppieren sich, wenn Sie mich deshalb für theoriefeindlich halten. Lämmerts Bauformen ist trotzdem ein interessantes Buch. Und mit den sogenannten Praktikern ist es schließlich auch nicht allzu weit her. Besonders auf dem amerikanischen Markt mit seiner creative writing Industrie gibt es eine Reihe von Büchern, die ihren Lesern beizubringen versprechen, wie man schreibt.
Abgesehen davon, dass jede Vorstellung, wie man etwas sagt, wie man etwas schreibt oder wie man etwas filmt, durch und durch konventionell ist – was nicht heißt, dass man – hoppla – Regeln und Konventionen gar nicht erst ignorieren, also nicht einmal zur Kenntnis nehmen sollte; abgesehen von dieser Verfallenheit ans kleine man und den großen Mainstream sind Autoren, die anderen beibringen wollen, wie man schreibt, nie besonders gut. Denn wären sie besser, würden sie schreiben, statt anderen Tipps darüber zu geben. Wer einen Geheimtipp beim Pferderennen hat – und zwei solcher Pferderennen werden uns noch beschäftigen – wer also einen Geheimtipp hat, setzt auf das Pferd und erzählt nicht von ihm.
So hat es zum Beispiel Charles Bukowski gehalten:
„Ich habe erst mit 35 Jahren angefangen“, schreibt er in Den Göttern kommt das große Kotzen, „jetzt bin ich sechsundreißig Jahre dabei. Und schätze, dass sie mir immer noch 5000 Dollar schulden.“
Seine Geheimtipps scheinen nicht besonders gut gewesen zu sein.
Eines dieser amerikanischen Hier-werden-Sie-geholfen-Bücher für Möchtegernschriftsteller stammt von Rebecca McClanahan und heißt Schreiben wie gemalt – es heißt tatsächlich: Schreiben wie gemalt. Darin steht in edler Einfalt und stiller Größe dieser Satz:
„Es gibt drei Haupterzählweisen: die Erzählung in der ersten Person, in der zweiten Person und in der dritten Person.“
Über die >Haupterzählweise in der ersten Person< schreibt die Autorin:
„Das >Ich< ist das Kameraobjektiv, das Von-innen-nach- außen-Schauende.“
Man kann nicht genug betonen, wie sehr es darauf ankommt, wer wann was zu wem sagt – und warum. Die Schreiblehrerin Rebecca McClanahan will ihrer Leserschaft etwas erklären. Der Schriftsteller Christopher Isherwood wiederum wollte seiner Leserschaft etwas erzählen. Auf der ersten Seite seines Romans Goodbye to Berlin steht der Satz:
„Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss.“
Das ist jedoch weder eine literaturdidaktische noch eine poetologische Aussage. Es ist vielmehr die Wahrnehmungshaltung des Ich-Erzählers, den Isherwood ins literarische Spiel bringt. Dies wird noch betont, indem Isherwood das erste Kapitel seines „Romans in Episoden“, wie er ihn nennt, überschreibt mit „Berliner Tagebuch (Herbst 1930)“. In die fiktive Welt des Romans tritt also ein >Ich< ein, das in einem fingierten Tagebuch behauptet, die wirkliche Welt zu sehen wie eine Kamera. So einfach ist das – und so kompliziert. Der zitierte Satz lautet vollständig:
„Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere nur, denke nichts.“
Sie wissen, dass Goodbye to Berlin als Cabaret mit Liza Minnelli verfilmt wurde. Sehr schön! Wirklich sehr, sehr schön! Aber eine Kamera kann nicht zeigen, dass ein Typ im Berlin des Jahres 1930 von sich behauptet, eine Kamera mit offenem Verschluss zu sein, die Kamera kann höchstens selbst einen haben. Trotzdem steht auf meiner Taschenbuchausgabe, die ich fürs Zitieren aus dem Regal gezogen habe: „Das Buch zum Erfolgsfilm Cabaret“. Wenn ich so etwas sehe blutet mein Tintenherz.
Ich erzähle in dieser Vorlesung eben aus meiner Perspektive. Wenn in einem Roman jemand aus der Ich-Perspektive erzählt, handelt es sich dabei natürlich nicht um die Person des Autors. Es handelt sich vielmehr – oder meinetwegen: viel weniger – um ein narratives Signal dafür, dass die Geschichte aus der Perspektive der Figur erzählt wird, die >Ich< sagt. Indem dies geschieht, entsteht zugleich ein Sprach- und Charakterbild der Figur, die erzählt – und zwar ohne den Umweg über die Spiegel. In einem Film, der uns die Handlung konsequent aus der Perspektive eines Ich-Erzählers zeigen würde, könnten wir diesen Ich-Erzähler nicht sehen, es sei denn unter zu Hilfenahme von Tricks, einem Spiegel zum Beispiel, oder einem Film im Film. Tricks, die wir auch in der Wirklichkeit brauchen, wollen wir uns buchstäblich unter die Augen kommen, im Wasser eines Sees zum Beispiel, wie Narziss, oder im Spiegel eines Badezimmers oder auf Fotos im Familienalbum oder in einem Film von, mit und über uns auf Youtube.
Rebecca McClanahan weist darauf hin, dass auch ein Text mit der Ichbeschreibung durch ein Selbst seine Probleme hat:
„Wie beschreiben Sie nun das Aussehen eines Ich-Erzählers?“
fragt sie ihre Schülerinnen besorgt.
„Lassen Sie Ihren Erzähler sein Aussehen beschreiben, wenn er vor dem Spiegel steht.“
Die Romanberaterin weiß natürlich, dass
„die Spiegeltechnik in der Literatur so oft verwendet worden ist, dass sie mittlerweile abgedroschen wirkt.“
Allerdings kommt sie mit keinem Wort darauf zu sprechen, dass in einem literarischen Werk die Sprache des Erzählers sein Ich viel besser charakterisiert als die Beschreibung seines Spiegelbildes durch ihn selbst es je könnte.
Bücher bestehen nicht aus Bildern, sondern aus Buchstaben. Deshalb sind Bücher kein Kino im Kopf, auch wenn sie so verhökert und verschmökert werden. Nicht nur Isherwoods episodischer Roman Goodbye to Berlin, auch Tolstois epischer Roman Anna Karenina muss damit rechnen, dass ihm nach jeder Verfilmung eine Banderole um den Bauch gewickelt wird, auf der die Tatsachenverdrehung steht: >Das Buch zum Film<.
Anna Karenina ist der zweitschönste Schinken des 19. Jahrhunderts, dem goldenen Zeitalter des Romans, der Bronzezeit der Fotografie und der Steinzeit des Films. In diesem zweitgroßartigsten Roman – der allergroßartigste ist natürlich Krieg und Frieden, in Anna Karenina also, diesem Ehe- und Eisenbahnroman, denn beides spielt für Anna eine mörderische Rolle, in diesem Buch findet eines der beiden vorhin angekündigten Pferderennen statt:
Graf Wronski, der Mann, mit dem Anna ihren Gatten betrügt, besteigt seine Stute Frou Frou. Tolstoi drückt das natürlich weniger doppeldeutig aus. Und doch ist das, was Wronski gleich seiner Stute antut, ein tödliches Vorzeichen für das, was er Anna antun wird. Tolstoi lässt seine Leserinnen und Leser den Ritt zweimal erleben. Einmal im 25sten Kapitel und einmal im 28sten Kapitel des Zweiten Teils. Die zweite Erzählung erfolgt aus der Perspektive Annas. Genauer gesagt: Wir lesen, wie Anna das Rennen beobachtet und dabei selbst von dem neben ihr stehenden Gatten beobachtet wird:
„Er betrachtete sie immer häufiger und mit immer größerer Hartnäckigkeit. Vom Schauspiel des reitenden Wronski völlig gefesselt, fühlte Anna doch den von der Seite auf sie gerichteten Blick.“
Eine Kamera mag selbst blicken und die Blicke anderer zeigen können. Einen Blick fühlen kann sie nie und nimmer. Zu diesem Zeitpunkt des Erzählens wissen wir bereits, was während des Rennens geschehen ist. Die Erzählsituation verkompliziert sich also noch dadurch, dass zwar einerseits die Perspektive der bis zum Zerreißen gespannten Anna eingenommen wird, wir aber andererseits aus dem früheren Kapitel schon wissen, wie das Rennen ausgeht. Gerade deshalb, weil wir wissen, wie es >ausgeht<, bekommt die Szene eine eigene Dynamik und Dramatik. Was in einem Film redundant, weil nicht mehr relevant für die Story wäre, das erzeugt im Text schwindelerregende Anteilnahme.
Die erste Erzählung des Rennens drei Kapitel zuvor erfolgt aus der Perspektive Wronskis. Die Passage ist so gemacht, als würden wir selbst mit Wronski zu Pferde sitzen. Leser können reiten, Kameras nicht. Wir liegen knapp in Führung und galoppieren mit der herrlichen Frou Frou auf den letzten Wassergraben zu:
„Den Wassergraben überflog sie, als bemerkte sie ihn nicht. Sie überflog ihn wie ein Vogel; doch im selben Augenblick spürte Wronski zu seinem Entsetzen, dass er nicht mit der Bewegung des Pferdes gegangen war und, er begriff gar nicht wie, eine falsche und unverzeihliche Bewegung machte und in den Sattel fiel. Plötzlich veränderte sich seine Haltung, und er begriff, dass etwas Entsetzliches geschehen war. [...] Wronski berührte mit einem Bein den Boden, und die Stute sackte auf dieses Bein. Er konnte gerade noch das Bein freimachen, da fiel sie auf die Seite, schwer röchelnd, und unternahm, um aufzustehen, vergebliche Bemühungen mit ihrem dünnen, schweißnassen Hals, sie zuckte vor seinen Füßen auf der Erde wie ein angeschossener Vogel. Die ungeschickte Bewegung Wronskis hatte ihr das Rückgrat gebrochen.“
Nachdem wir dies erlesen und erlebt haben beobachten wir Anna, wie sie von ihrem Ehemann dabei beobachtet wird, wie sie Wronskis Ritt beobachtet. Und in der angespannten Grausamkeit des mitleidenden Lesers erwarten wir Annas fassungslose Reaktion auf Wronskis Sturz:
„Auf Annas Gesicht ging eine Wandlung vor, die nun allerdings definitiv unschicklich war. Sie verlor vollkommen die Fassung. Sie zuckte und flatterte wie ein gefangener Vogel, bald wollte sie aufstehen und fortgehen ...“
Mit der Wertung, Annas Verhalten sei >definitiv unschicklich<, lanciert der Erzähler mit drohendem Unterton die gesellschaftliche Konvention in den Text, jene Konvention, durch die Anna später zerbrochen wird. Jetzt zuckt sie in diesen Konventionen wie ein gefangener Vogel. Und war nicht Frou Frou wie ein Vogel über das Hindernis geflogen? Und zuckte nicht Frou Frou wie ein angeschossener Vogel und versuchte vergeblich, aufzustehen? Was einen literarischen Text dicht macht ist nicht die Beschreibung – „Dichte Beschreibung“ ist eine Methode der Ethnologie. Und es ist nicht das Erzeugen optischer Bilder, auch nicht von solchen im Kopf, sondern die Verknüpfung von Worten zu Sinnbildern.
Nur daran ist die literarische Qualität eines Textes zu messen, wie der Vergleich mit einem anderen Pferderennen in einem Roman erweist, der immerhin ebenfalls von einem Meister geschrieben wurde. Es handelt sich um Nana, einen Roman des weitgehend unbekannten Fotografen Emile Zola.
Nana ist eine Fallgeschichte, die Aufstiegs- und Fallgeschichte einer höheren Hure, die man mit etwas mehr Galanterie auch als Mätresse bezeichnen könnte. Sie wird von reichen Liebhabern ausgehalten und hält selbst arme Liebhaber aus. Denn sie ist jung und hat auch ihre Bedürfnisse. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere feiert Nana Triumphe während eines Pferderennens. Bei diesem Rennen tritt auch ein Pferd mit Namen Nana an. Die Stute ist ein absoluter Außenseiter, genau wie die Halbweltdame. Nana ruft dem Mann, der ihre Wette abschließen soll, unter dem Gelächter der sie umgebenden Herrchen zu:
„Setz auf jedes Pferd, welches du willst! [...] Nur nicht auf Nana. Die ist eine lahme Schindmähre!“
Arme Nana. Am Ende des Romans wird sie selbst eine lahme Schindmähre sein und einen schrecklichen Tod sterben. Doch jetzt, während des Rennens, steht sie hoch aufgerichtet in ihrer Kutsche und ist glücklich. Die Stute, die ihren Namen trägt, gehört überraschend zur Spitzengruppe. Hören wir uns das einmal an, sehen wir ein wenig Kino im Kopf, auch wenn ich die Szene nachgeschnitten und etwas gekürzt habe:
„Jetzt kam die Gruppe wie eine Windsbraut dahergerast. [...] Die ganze Zuschauermenge war an die Schranken gestürmt, und den Pferden voraus lief ein tiefes raunendes Brausen, das sich jeder Brust entrang und näher und näher kam wie tosende Meeresbrandung. [...] Hunderttausend Zuschauer, besessen von der gleichen fixen Idee, von derselben Spielwut gepackt, fieberten hinter den Pferden her, die in ihrem rasenden Galopp Millionen mit sich dahintrugen. Die Menschen stießen einander, drängten sich beiseite, sie ballten die Fäuste und keuchten mit offenen Mündern; jeder war sich selbst der Nächste, jeder peitschte sein Pferd mit Zurufen und Gebärden voran. Und diese ganze Volksmasse tobte und schrie, und es war ein Schrei wie von einer reißenden Bestie, die unter der Gesittung und Wohlanständigkeit der sonntäglichen Gehröcke jählings wach geworden war [...] Oben auf dem Kutschsitz hatte Nana, ohne es zu merken, angefangen, mit Hüften und Schenkeln hin und her zu wiegen, als wäre sie selbst mitgelaufen. Sie bewegte ihren Bauch stoßweise vorwärts und hatte dabei das Gefühl, sie helfe so der Stute bei ihrem Rennen. Mit jedem Stoß entfuhr ihr vor Anstrengung ein vernehmlicher Seufzer, und sie keuchte leise und mühsam: >Lauf doch ... lauf doch ... lauf doch ...<“
Und tatsächlich: Nana gewinnt, Nana, die Stute, und mit ihr die Halbweltdame.
Dieses Rennen ist ein starkes Stück – ein ganz starkes Stück Zola. Und dennoch ist die Beschreibung des Rennens bei Zola schwächer als die Erzählung des Rennens bei Tolstoi. Erzählen oder Beschreiben? heißt ein Aufsatz des marxistischen Theoretikers Georg Lukács von 1936. Lukács verdeutlicht diese narrative Alternative, indem er das Pferderennen in Nana mit dem Pferderennen in Anna Karenina vergleicht. Zola lässt uns zuschauen, Tolstoi lässt uns teilhaben. Der naturalistische Schriftsteller beschreibt, der realistische erzählt. Ich werde darauf zurück kommen. Jetzt sei nur angemerkt, dass man aus der Analyse von Lukács, so er recht hat – und ich glaube, er hat nicht unrecht, dass man also aus Lukács’scher Perspektive folgern könnte, Zolas Roman sei leichter zu verfilmen als der Tolstois, weil seine literarische Machart dem filmischen Nachmachen entgegenkommt.
Dennoch gibt es auch von Anna Karenina etliche Verfilmungen, darunter eine mit Greta Garbo von 1935 und eine zehnteilige Fernsehserie bei der BBC von 1977. Nana wurde zum ersten Mal 1910 verfilmt, dann 1914, 1926 – von Jean Renoir, 1934, 1943, 1954, 1970, 1997. Zola hätte das vielleicht sogar gefallen. Die Fotografie hat ihn ja auch begeistert. Seit 1895 stürzte er sich mit so großem Eifer auf sie, dass er darüber das Schreiben vernachlässigte.
Zufälliger Weise fanden in dem Jahr, in dem Zola mit dem Fotografieren begann, in Paris die ersten Filmvorführungen der Brüder Lumière statt. Schade, dass auf einem der allerersten Filme, die bei der allerersten dieser Aufführungen gezeigt wurden, kein Pferd zu sehen ist, sondern nur ein Hund, der sich durch die Arbeiterinnen und Arbeiter drängt, die durch ein Fabriktor ins Freie strömen.
Die technische Entwicklung des Films ist untrennbar mit der technischen Fotografie verbunden, vor allem mit jenem Zweig, den man Chronofotografie genannt hat. Unter anderem wurden fotografische Reihenbilder der Bewegungen von Tänzerinnen und Tieren angefertigt. Einer der Pioniere dieser Technik war Étienne-Jules Marey. Zwei Jahre vor der ersten Filmdarbietung schrieb er, die Chronofotografie könne
„uns über all die Bewegungen aufs Genaueste unterrichten, denen unser Auge nicht folgen kann, weil sie entweder zu schnell oder zu langsam oder zu verwickelt sind.“
Marey wird manchmal als der Erfinder der ersten Filmkamera bezeichnet. Es handelte sich um ein Gewehr – das Ding sah wirklich wie ein Maschinengewehr aus mit seinem scheibenartigen Aufsatz, durch den Reihenfotos belichtet werden konnten. Über die Erfindung der Lumières soll Marey gesagt haben:
„Das ist doch völlig schwachsinnig, warum soll man das, was man mit bloßem Auge schon erkennen kann, noch filmen?“
Das ist eine grundsätzliche und glasklare Auffassung von dem, was technisch unterstützte Wahrnehmung leisten soll: Zeigen, was das menschliche Auge nicht sieht. Ob es auch eine haltbare Auffassung von dem ist, was ästhetische Wahrnehmung sein soll, ist damit noch nicht geklärt. Sie ist dafür wohl zu eng. Aber immerhin erweitern alle Künste, die Bildhauerei, die Epik, die Poesie, das Theater, die Musik, die Malerei, die Fotografie, der Film, der Roman und so weiter mit ihren jeweiligen Darstellungsverfahren, erzählerischen Methoden und narrativen Tricks unsere Wahrnehmung, zeigen uns Altvertrautes neu, Verfremden das Gewohnte – oder wie auch immer die unterschiedlich ausgeformten Theorien die Praxis jeweils mit Begriffen packen.
Fotografische Reihenbilder oder die filmische Zeitlupe können mit rein optischen Mitteln Sachverhalte klären, die sich mit bloßem Auge nicht erklären lassen. Zum Beispiel, dass der Galopp eines Pferdes als Abfolge von Sprüngen aufgefasst werden kann. Dass es einen Moment gibt, in dem alle vier Hufe in der Luft sind, wurde 1878 durch den Fotografen Eadweard Muybridge bewiesen. Ein galoppierendes Pferd löste durch Reißleinen kurz hintereinander versetzte Kameras aus. Die rasch aufeinander folgenden Einzelbilder, die so entstanden, lassen sich heute auf Wikipedia als Film sehen, animiert natürlich, oder soll man sagen: reanimiert?
Mit einem in Zeitlupe galoppierenden Pferd beginnt ein jüngeres Erfolgsprodukt der Filmindustrie. Ich meine, Sie ahnen und befürchten es wohl schon, den Pferdeflüsterer. Auch hier war übrigens erst der Roman, und dann kam der Film. Das ist zwar nicht wirklich wichtig, denn Nicholas Evans hat vor seinem Bucherfolg als Fernsehreporter und Drehbuchautor gearbeitet, war also mit dem Methoden und Tricks des filmischen Erzählens vertraut. Wenn man Roman und Film miteinander vergleicht, könnte man sogar sagen, dass der Roman >filmischer< vorgeht als der Film, jedenfalls am Anfang.
Mit den Mitteln des Schnitts werden verschiedene Ereignisabfolgen hintereinander montiert, und zwar so, dass im Nachhinein, wie das beim vorwärtsschreitenden Prozess des Lesens nicht anders sein kann, dass im Nachhinein der Eindruck von Gleichzeitigkeit entsteht, von dem, was man die >unglückliche Verkettung von Umständen< zu nennen pflegt.
In einer dieser Ereignisabfolgen treffen sich zwei Mädchen bei Sonnenaufgang, um auszureiten, in einer anderen besteigt ein Mann seinen Truck und fährt los. Diese beiden Ereignisreihen kreuzen sich, und dies ist der Moment der Katastrophe: Der riesige Truck kollidiert mit den beiden Mädchen und ihren Pferden.
Der Autor erzählt das mit Hilfe jener quasifilmischen Schnitt-Technik, die in der modernen, besonders in der sogenannten >jungen< Literatur immer beliebter wird. Diese Technik suggeriert erzählerisches Können, Spannungsvermögen und dramaturgisches Geschick. Aber bei genauerer Analyse stellt sie sich als inzwischen recht abgelutschte Langweilermethode heraus.
Dem Pferdeflüsterer will ich das gar nicht groß vorwerfen. Der Roman ist ja auch schon über fünfzehn Jahre alt, und seinerzeit war der sogenannte >schnelle Schnitt< auch noch ein wenig langsamer als heute. Die Romanverfilmung übrigens verzichtet auf den Wechsel zwischen den beiden Schicksalsreihen, obwohl er das mit seinen Bildern viel rasanter könnte. So aber rast der Truck erst kurz vor dem Zusammenprall auf die Leinwand. Der Film banalisiert die im Roman klug aufgebaute Schicksalhaftigkeit zum dummen Zufall, der zu einem schrecklichen Unfall führt. Der Film tut das deshalb, weil er seiner Sache zuliebe die Ursache, die zu ihr führt, schnell hinter sich bringen will: diese Sache ist die Kitschgeschichte um den Pferdeflüsterer.
Bevor ich auf Georg Lukács und sein taktisches Interesse am Erzählen oder Beschreiben zurückkomme und damit zu meinem taktischen Interesse am Erzählen oder Verfilmen, muss ich kurz auf Falada zu sprechen kommen, nicht auf den Schriftsteller mit zwei ll, sondern auf das Pferd mit einem, nach dem sich Rudolf Ditzen Hans Fallada genannt hat.
Der Kopf dieses Pferdes ist im Grimmschen Märchen Die Gänsemagd ans Stadttor genagelt. Jedesmal, wenn die Magd, die natürlich früher eine Prinzessin war, unter dem Stadttor hindurchgeht, sagt sie:
„O du Falada, da du hangest.“
Und der Pferdekopf antwortet:
„O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüßte,
ihr Herz tät ihr zerspringen.“
Im Text wirkt das völlig natürlich. Der Film müsste das Problem lösen, ob sich das Maul des Pferdes beim Sprechen bewegt. Im Trickfilm sähe das komisch aus, in einem normalen Film wäre es kindisch. Der Film hätte mit Faladas Maul beim Sprechen ein ähnliches Problem wie die Skulptur des Laokoon beim Schreien. Im Text des Grimmschen Märchens und im Text des Vergilschen Epos spielt es dagegen als erzählerische Aufgabe überhaupt keine Rolle.
Der Dialog zwischen Gänsemagd und Pferdekopf wird dreimal erzählt, wie es sich für die rituelle Redundanz des Märchens gehört. Beim dritten Mal allerdings erfolgt die Erzählung nicht durch den anonymen Erzähler, sondern durch eine Figur, nämlich durch den Gänsejungen, dem die Magd beim Hüten helfen muss. Dieser Junge beschwert sich beim König über seine sonderbare Gefährtin, was wiederum dazu führt, dass der König sich bei der Magd nach ihrer Geschichte erkundigt. Da sie aber Schweigen gelobt hat, darf sie ihr Schicksal nicht erzählen – jedenfalls keinem Zuhörer. Der alte König sagt:
„>Wenn du mirs nicht sagen willst, so klag dem Eisenofen da dein Leid.<“
Und das tut sie dann auch. Der König aber stellt sich ans Ofenrohr und hört die ganze Geschichte. Das Märchen geht sehr schlimm aus. Jedoch nicht für die Gänsemagd. Und beim Schlimmausgehen spielen wiederum Pferde eine Rolle, aber das können Sie selber nachlesen.
Mir kam es auf die beiden entscheidenden Erzählungen innerhalb der Märchenerzählung an. Die eine Erzählung, die des Gänsejungen, ist ein Verrat. Die andere Erzählung, die der Gänsemagd, ist ein Selbstverrat. Man sieht an diesem schönen Beispiel, dass Erzählen immer einen >Index< hat, wenn man es mal so überkandidelt erzähltheoretisch ausdrücken will. Das gilt für das literarische wie für das filmische Erzählen, doch sind die Verfahrensmöglichkeiten nicht aufeinander übertragbar. Schon deshalb lässt sich literarisches Erzählen nicht >verfilmen<, sondern allenfalls das literarisch Erzählte zur stofflichen Vorlage machen. Umgekehrt kann filmisches Erzählen literarisch nicht simuliert werden, obwohl das versucht worden ist, sehr radikal zum Beispiel im französischen nouveau roman, und am radikalsten in Ja Jalousie von Alain Robbe-Grillet. Aber schon im Titel bedient sich der Text eines Wortes, dessen Doppelbedeutung ein Film nicht zeigen kann, selbst wenn eine Verfilmung zeigen würde, was eine Figur im Text tut, nämlich die Lamellen einer Jalousie auseinanderdrücken und eifersüchtig hindurchspähen. La Jalousie bedeutet eben gleichzeitig >Jalousie< und >Eifersucht<. Mit dieser Wortbedeutung spielt der Titel eines Textes, der beim Erzählen filmische Verfahren simuliert – oder sollte man sagen: nachäfft?
Wir haben beim Vergleich zwischen Nana und Anna Karenina gesehen, das heißt: gesehen haben wir überhaupt nichts, sondern ich habe etwas gesagt und Sie haben es gehört. Verrückt, wie die Metapher des Sehens in unser Denken eindringt und unsere Wahrnehmung ver-rückt.
Die Idee, die Rennbahnszenen bei Tolstoi und Zola miteinander zu vergleichen ist nicht auf meinem Pferdemist gewachsen. Ich habe schon gesagt, dass ich sie mir bei Georg Lukács ausgeborgt habe. Allerdings ist mein taktisches Interesse ein ganz anderes als das von Lukács. Ihm war es 1936 um den literarisch-ideologisch-politischen Kampf zu tun. Mir geht es heute nur darum, in einem schriftstellerischen Scharmützel gegen die Windmühlen des Films anzureiten, die ihn Wahrheit ja wirklich Riesen sind – wenn auch einäugige, so einäugig wie ein Filmprojektor oder wie der Riese Polyphem, dem Odysseus alles Mögliche erzählt, nur nichts vom Pferd, und ihm einen glühenden Pfahl in die Stirn rammt und ihn blendet.
Lukács schreibt:
Die „Kunst des Romans besteht in der Entdeckung der jeweils zeitgemäßen und bezeichnenden, menschlich-bedeutsamen Züge der gesellschaftlichen Praxis.“
Dafür reicht nach Lukács das Beschreiben nicht aus, es bleibt an der Oberläche der Erscheinungen und dringt nicht zur Struktur der gesellschaftlichen Konflikte durch.
Um die Defizienz des Beschreibens zu erläutern, greift Lukács auf Lessings Laokoon zurück:
Der „echte Epiker“, schreibt Lukács, „erzählt von der Aufgabe der Dinge in der Verkettung der Menschenschicksale, und er tut dies dann und nur dann, wenn sie an diesen Schicksalen, an den Taten und Leiden der Menschen einen Anteil haben. Diese Grundwahrheit der Poesie hat bereits Lessing klar erkannt: >Ich finde, Homer malt nichts als fortschreitende Handlungen, und alle Körper, alle einzelnen Dinge malt er nur durch ihren Anteil an diesen Handlungen.<“
Lukács fährt fort:
„Die Beobachtung, das Beschreiben ist aber gerade ein Ersatzmittel für die fehlende bewegte Ordnung des Lebens im Kopfe des Schriftstellers.“
Ordnung im Kopf statt Kino im Kopf? Heute würde man in Bezug auf die avancierte Literatur wohl eher von Diskursen im Kopf sprechen. Was von Lukács weltanschaulicher >Ordnung im Kopf< weniger weit entfernt ist, als auf den ersten Blick scheinen mag. Mir kommt es hier jedoch weniger auf die weltanschaulichen und auf die diskursiven Ordnungen im Kopf des Schriftstellers an, als auf die erzählerischen Verfahren, mit denen seine Texte das Kino im Kopf verhindern. Das ist nackte Notwehr, ein literarisches Rückzugsgefecht auf das Terrain des Textes angesichts, oh weh, angesichts der Übermacht der Bilder.
Früher war sogar das Unbewusste strukturiert wie eine Sprache. Mit wichtiger Miene erzählten wir uns dieses theoretische Märchen in Seminardiskussionen und waren mächtig stolz darauf, zu wissen, was es mit dem linguistic turn auf sich hatte. Inzwischen hat der linguistic turn ausgeturnt. Die Zeiten, in denen nicht nur Texte >gelesen< wurden, sondern auch Bilder, Psychen, Filme oder Landschaften, sind vorbei. Heute leben die Bilder.
„Bilder verhalten sich wie Lebewesen“, schreibt der Bildtheoretiker W. J. T. Mitchell in seinem 2008 auf Deutsch erschienenen Buch Das Leben der Bilder, und „Lebewesen lassen sich am besten als etwas beschreiben, das Bedürfnisse hat [...]; daher ist es unvermeidlich, die Frage zu stellen, was Bilder wollen.“
Die historische >Lebensgeschichte< der Bilder bewegte sich stets zwischen Idolatrie und Ikonoklasmus, zwischen Bilderverehrung und Bilderverbot, zwischen Bilderverlangen und Bilderverleugnung. Und oft sind es die selben Menschen, die einerseits meinen, ein Bild sei >doch nur< ein Bild, und andererseits das Bild verfemen – oder es sakralisieren und beschützen.
„Wie lässt sich erklären“, fragt Mitchell, „dass Menschen dazu fähig sind, ein >doppeltes Bewusstsein< gegenüber Bildobjekten, Bildträgern und Darstellungen in einer Vielfalt von Medien aufrechtzuerhalten, zwischen magischem Glauben und skeptischem Zweifel, naivem Animismus und nüchternem Materialismus, mystischen und kritischen Haltungen hin und her zu schwanken?“
Allerdings neigt sich in unserer Epoche die Waagschale – wenn dieses altmodische Bild der neumodischen Übermacht der Bilder gewachsen ist – neigt sich in unserer Epoche die Waagschale zugunsten piktorialer Allmacht, das Schwanken zwischen Verlangen und Verleugnen scheint aufzuhören. Mitchell:
„Wenn das lebendige Bild tatsächlich stets Gegenstand eines doppelten Bewusstseins, eines simultanen Glaubens und Verleugnens gewesen ist, was sind dann die Bedingungen, die es heutzutage immer schwieriger machen, dieses Verleugnen aufrechtzuerhalten?“
Der Schriftsteller, der Worte machen, Sätze bilden – oh weh, es fängt schon wieder an, wieso Sätze bilden? Der Sätze formen, Schrift herstellen will, der Schriftsteller also, für den die Sprache nicht nur ein Projektor ist, mit dem sich Bilder an die Gehirnhöhlenwand des Lesers werfen lassen, der Schriftsteller ist eine Alterserscheinung der abendländischen Kultur, ist jemand, der nicht ablassen kann, wieder und wieder die alten Geschichten vom Pferd zu erzählen – sogar dann noch, wenn diese Geschichten gar keiner mehr hören will.
Zu meinem Trost und zum Schluss des Vortrags setze ich deshalb auf das berühmteste literarische Pferd aller Völker und Zeiten. Es ist keines der hohen Tiere bei Karl May: Winnetous Iltschi oder dessen Bruder Hatatitla, der Old Shatterhand gehört, auch nicht Rih, das Ross von Kara Ben Nemsi. Gemeint ist auch nicht Fury, dieser Fernsehhengst in schwarz/weiß, der übrigens – wussten Sie das? – einem Roman entsprungen ist, einem amerikanischen Jugendroman von Albert G. Miller. Der wiederum ist im Unterschied zu dem von ihm erzählten Pferd dermaßen unberühmt, dass nicht einmal auf Wikipedia, wo es doch sonst über ALLES einen Eintrag gibt, mehr über ihn zu erfahren ist, als dass er wahrscheinlich (!) 1906 geboren und mit Sicherheit 1982 gestorben ist.
Doch was sind sämtliche Pferde von May und Miller zusammen genommen gegen den einzigartigen Klepper, den Cervantes seinem Don Quijote gesattelt hat. Dieser Rocinante, denn Rocinante ist ein Kerl und beweist das gelegentlich, wenn er gegen den Willen seines Herrn den Damen, vulgo: Stuten nachläuft – dieser Rocinante ist unzählige Male abgebildet worden: in Film, Funk und Fernsehen. Auch wenn Ihnen gerade nicht entgangen sein dürfte, dass man im Funk gar nichts abbilden kann. Andererseits habe ich mir von Radioleuten schon sagen lassen, dass sie mit >O-Ton< und >Atmo< Bilder im Kopf ihrer Hörer erzeugen möchten. Bestimmt kann man auch bald über Kopfhörer Bilder empfangen.
Wie auch immer. Jedenfalls gibt es nicht nur Verfilmungen des Don Quijote, sondern auch Vertonungen. Und immer und ewig reitet der Don gegen die Windmühlen der Wirklichkeit an. So ähnlich wie ich gegen die Riesen der Fiktion anreite, die Kunst des Romans bestehe darin, den Lesenden Windmühlen und Riesen in den Kopf zu setzen. Wenn das normal wäre, wäre Don Quijote nicht so herrlich verrückt. Er nimmt sich die Geschichten in den Ritterromanen, die er verschlingt, so zu Herzen, dass er sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt und für Wirklichkeit hält. Wenn wir den Don Quijote verschlingen, wie Don Quijote seine Ritterromane, tun wir bloß so, als täten wir so, als glaubten wir seine Abenteuer. Und was sagt Rocinante, der in all diesen Geschichten den Rücken hinhalten muss, damit der Don sein Steckenpferd reiten und Ritter spielen kann?
Rocinante sagt: „Wie kann ich klagen nur mein Leid, wenn Herr und Knappe Hunger leiden und größre Rösser sind als Rocinante.“
Das ist ein echter Witz und steht in einem der Eingangsgedichte des Romans, die dem eigentlichen Geschehen vorangehen. Bei dem Gedicht handelt es sich um einen Dialog zwischen Babieca, dem berühmten Pferd des berühmten Feldherrn Cid und Rocinante.
Übrigens hat Karl May auch einen Ritterroman geschrieben, und das Schlachtross seines Helden heißt ebenfalls Babieca. Doch zurück zum Dialog der Pferde bei Cervantes.
Meint Rocinante etwa spöttisch seinen viel bedichteten Gesprächspartner Babieca, wenn er ihn sagen lässt, es gebe größere Rösser als Rocinante? Und ist das nicht eine dem Rocinante ins Maul gelegte Stichelei des Cervantes? Schließlich hat >Babieca< auch die Bedeutung >Dummkopf<, und als der erweist sich Rocinante mit seiner klugen Antwort gerade nicht. Zusätzlich wird Rosinantes Bescheidenheit durch seinen eigenen Namen – wenn auch wiederum ironisch – zurück genommen. Das spanische >Rocin< hat nichts mit der deutschen Rosi, sondern mit dem spanischen Ross zu tun, und das lateinische >ante< heißt soviel wie >vor<. Rocinante ist also ein Pferd, dessen Name erzählt, es ginge allen anderen vor.
So. Und das verfilmen Sie jetzt mal!
Versuchen wir es lieber einmal mehr mit den Windmühlen. Auf die Windmühlen sind alle ganz spitz. Jeder zweibeinige Babieca, der nie auch nur eine Seite in Cervantes' Buch umgeblättert hat, weiß, dass dessen Held mit Windmühlen kämpft. Also kommt das, was im Text nur eine winzige Episode von gerade anderthalb Seiten ist, auf der Leinwand als großes Kino heraus.
Wollte man Rocinante im Film sich seinen Teil denken lassen, könnte man das nur mit Sprechblasen tun, nur dass die Blase eben nicht geschrieben über dem Pferdekopf hinge, sondern aus dem Off gesprochen würde, wie es häufig geschieht, wenn der Film so tut, als könne er Figuren nicht nur von außen, sondern auch von innen zeigen.
Eine Figur, die der Film von innen zeigt, kann der Zuschauer nicht sehen, denn die Figur, die der Film von innen zeigt, ist der Regisseur, der hinter dem Film steht – oder mit korpulenter Grazie durch ihn hindurch huscht wie Hitchcock. Aber wie war es bei Chaplin? Darauf einzugehen ist keine Zeit mehr. Außerdem kommen bei Chaplin keine Pferde vor, nur Hunde wie bei Lumière.
Was ich Ihnen hier angeboten und vielleicht auch zugemutet habe, war eine Eulenspiegelei. Auch dazu gibt es etwas vom Pferd zu erzählen, oder vom Pferd herab. Eulenspiegels Vater reitet mit seinem kleinen Sohn durch die Stadt. Der Junge sitzt vor ihm und streckt den Leuten die Zunge heraus. Verärgert schimpft man den beiden nach. Also setzt Papa Eulenspiegel seinen Sohn hinter sich. Der aber zieht die Hose herunter und zeigt den Leuten den blanken – so unhöflich will ich nicht sein. Ich steige einfach vom hohen Ross.