Purzelbäume
(Die Offenen Briefe im Anschluss)
36. Purzelbaum
Ein Leben ohne Mops ist möglich, ohne Smartphone nicht: Der comdirect-Beweis
19. Februar 2026. Mein Versuch, bei der Onlinebank comdirect ein Konto zu eröffnen, hat ein halbes Dutzend Mails nach sich gezogen. Mails kann ich empfangen, ich bin doch nicht von gestern. Allerdings habe ich kein Smartphone und bin auch noch stolz darauf, wenn ich in der Öffentlichkeit all die Leutchen mit Brettchen vor den Köpfchen herumlaufen sehe. Na, ich bin wohl doch von gestern. Das Eröffnungsverfahren bei der comdirect ist mehrstufig, was ja gut, richtig und sicher ist. So sicher, dass es ohne Smartphone nicht möglich ist, bei comdirect Kunde zu werden, weil man für den Eröffnungs- und jeden weiteren Vorgang die Photo-TAN benötigt und für die wiederum ein Smartphone. Dabei bietet comdirect auch ein mobiles TAN-Verfahren an, wenn auch eher indirekt. Man bekommt dann die TAN aufs Handy. Ob ich ein Handy habe? Ich bin doch nicht von gestern! Ich kriege also eine Zugangsnummer aufs Handy, und nachdem ich mit meiner natürlichen Intelligenz eine PIN kreiert habe, will ich direkt auf die Kontoeröffnung zugehen. Geht aber nicht. Ich muss erst die mobile TAN freischalten, um mich einloggen zu können. Aber um die mobile TAN freischalten zu können, muss ich mich einloggen. Ohne freigeschaltete mobile TAN kein Einloggen, ohne Einloggen keine freigeschaltete mobile TAN. Ich rufe die Kontaktseite auf. Dort wird drohend gefragt: "Benötigen Sie immer noch Hilfe?" Dann schulterklopfend: "Wir helfen Ihnen gerne, wenn Sie uns brauchen". Also rufe ich an, beantworte einer künstlich, aber nur künstlich intelligenten Automatenstimme verschiedene Fragen, tippe dann über mein Festnetztelefon, das schon ein Tastenfeld und keine Wählscheibe mehr hat (ich bin doch nicht von gestern) die bereits erhaltene Zugangsnummer und die selbstgebastelte PIN ein und - warte. Die Automatenstimme versichert launig: "Einen Moment dauert es aber noch." Bei der comdirect dauert ein Moment direkt zehn Minuten. Danach gebe und lege ich auf, lösche die Mails von comdirect und lasse es direkt gut sein.
35. Purzelbaum
Die angeborene Intelligenz und das Internet
19. Januar 2026. Wenn ich mir selber guckle, um den Dativ zu retten und um nachzusehen, wie es mir so geht im Netz, stoße ich auf den Link zu einem Artikel von mir, der vor gut 15 Jahren im Tagesspiegel erschienen ist. Der Text setzte sich mit einem seinerzeit heftig diskutierten Buch von Thilo Sarrazin auseinander, und zwar auf recht polemische Weise. Zum Beispiel machte ich mich über die Sarrazinose (ich weiß: never make jokes with names) lustig, dass Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent angeboren sei. Dummerweise sieht der Link so aus:
Von Bruno Preisendörfer: „Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent angeboren“
Wer das sieht, wird und muss denken, der Preisendörfer meine, Intelligenz sei - und so weiter. Meint er nicht. Es ist wirklich blöd, aber der Link stellt eine von mir zitierte Aussage von Sarrazin, die ich für völlig bescheuert hielt (und immer noch halte), als Meinung von mir dar. Kann ich da was machen? Oder muss ich dummer Kerl damit leben, dass mich das Internet mit der Behauptung linkt, Intelligenz sei - und so weiter?
BEGLÜCKT DARF ICH MELDEN: Der Link wurde inzwischen umformuliert, und ich muss mich nicht mehr für intelligenzferne Aussagen über Intelligenz schämen, die ich gar nicht getroffen habe.
34. Purzelbaum
Politik als Beruf
20. Dezember 2025. Neulich war ich im Zusammenhang mit der Arbeit an einem Buch über das Erben auf Einladung der "grünen Fraktion im 21. Deutschen Bundestag" in einem Ausschusssitzungssaal (sieht komisch aus, das Wort - ist es auch) des Abgeordnetenhauses (sieht opulent aus, das Haus - ist es auch). Das war interessant, nicht wegen der erwartbaren Kontroverse um die Erbschaftssteuer, die das Beratungsthema war, sondern wegen der 'Atmo', in der die Abgeordneten (sieht ungeniert ungenderbar aus, das Wort) leben, parlamentieren und beschließen.
An einem Infostand erhielt ich eine Broschüre über die 85 grünen Bundestagsabgeordneten, die ich zuhause durchblätterte. Unter den Fotos der Abgeordneten waren die Ausschussmitgliedschaften, die Wahlkreise und auch die Berufe angegeben. Ich nehme an, die Art der Berufsbezeichnung haben die Leute jeweils selbst gewählt. Mir fielen die vielen Politikwissenschaftenden auf, manche nannten sich "Politologen", manche "Politikwissenschaftler", manche einfach nur "Politiker" - als ob das ein Beruf wäre, einer mit geregelter Ausbildung und Abschlussprüfung. Vielleicht haben die 5 Leute, die als Beruf "Politikerin" oder "Politiker" angaben, ja sonst nichts gelernt. Da hat mir die Berufsangabe von Katrin Göring-Eckardt - "Theologiestudium ohne Abschluss" - besser gefallen. Aber die ist auch prominent genug, sich sowas leisten zu können. 1 Abgeordneter bezeichnet sich als "Politologe", weitere 11 Abgeordnete als "Politikwissenschaftler" bzw. "Politikwissenschaftlerin". Das sind, ich hole mal den Taschenrechner raus: 14 %, den Politologen mitgezählt. Nimmt man noch die Selbstbezeichnungspolitiker dazu sind es 20 %. Ein Fünftel der Fraktion hat also keinen ordentlichen Beruf. (Ich darf das sagen, denn ich bin ebenfalls Politikwissenschaftler.)
Wollte man die Sache auf die Spitze treiben, könnten jetzt noch die Sozialwissenschaftler und -innen gezählt und dazugerechnet werden. Und wenn man dann noch die Kulturwissenden und -schaffenden dazunimmt, wie etwa Claudia Roth, die "Dramaturgin" angibt, läuft das darauf hinaus - ich hab's nicht genau nachgezählt: Ein gutes Drittel der Fraktion hat nichts "ordentliches gelernt" oder nichts "ordentliches studiert", wie meine schwer arbeitenden Eltern zu beklagen pflegten, nachdem sie von meiner Studienfachwahl erfahren hatten: Germanistik ("geht ja noch, kannste Lehrer werden"), Soziologie ("meine Güte") und Politologie ("was is das denn").
Weil ich aber Soziologie und Politologie studiert habe, kenne ich den unter Politologen und Soziologen nicht unberühmten Aufsatz von Max Weber mit dem Titel "Politik als Beruf", der auf einen Münchner Vortrag vom 28. Januar 1919 zurückgeht, gehalten also in der Vorphase der Ausrufung der sogenannten "Münchner Räterepublik" am 7. April 1919, von Weber übrigens als "Karneval" bezeichnet. Webers Vortragsaufsatz besteht aus zwei Teilen, deren zweiter den Titel trägt "Der Beruf zu Politik" (gemeint als Berufung zu Politik) und mit einer Frage beginnt: "Was vermag die Politik als >Beruf< an inneren Freuden zu bieten, und welche persönliche Vorbedingung setzt sie bei dem voraus, der sich ihr zuwendet?"
Man könnte die Frage Omid Nouripour weitergeben, den prominentesten unter denen, die "Politiker" als Berufsbezeichnung wählten. Aber Max Weber gibt gleich selbst die Antwort: "Nun, sie gewährt zunächst: Machtgefühl."
Ein Hauch dieses Gefühls wehte mir ins Innere, als ich, die Broschüre der grünen Fraktion in der Hand, durch die hohe Halle des Abgeordnetenhauses am Sicherheitspersonal vorbei hinaus ins Freie schritt.
33. Purzelbaum
Ach Fratzschi
1. September 2025. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher genießt derzeit sehr viel Aufmerksamkeit. Die hat der 54jährige selbst generiert, indem er im Zuge des derzeit verbreiteten Boomer-Bashing gefordert hat, weil die bösen Boomer zu wenig Kinder produziert haben, müssten sie ihrer intergenerationellen Verantwortung durch eine Art Finanzausgleich gerecht werden, "Boomer-Soli" nennt er das. Außerdem hätten Verrentete ein soziales Jahr zu absolvieren, verpflichtend.
Der Vorschlag mit dem Soli hat insofern Sinn und Verstand, weil mit ihm sehr hohe Renten steuerlich etwas mehr belastet würden, um mit den Einnahmen niedrige Renten etwas steigen zu lassen.
Der Vorschlag mit dem sozialen Jahr hat insofern weder Sinn noch Vestand, weil dafür erst einmal geklärt werden müsste, wie die zu verplichtenden Leute zu erfassen sind, ob Frühverrentete ebenfalls verpflichtet werden sollen, wie das mit kranken Frühverrenteten ist und wer das feststellt, wie das mit kranken Regelverrenteten ist und wer das feststellt, ob eine diesbezügliche Feststellung nur aufschiebende oder generell dienstbefreiende Wirkung hat, ob es Altershöchstgrenzen gibt, ab wann der Pflichtdienst abzuleisten wäre und so weiter.
Es lohnt nicht, aufgeregt über 'Für und Wider' zu streiten, weil der Vorschlag kein praktischer ist. Der provokationskompetente Ökonom weiß das, er weiß auch, dass sich die Leute über 'sowas' gerne aufregen. Und weil gerade ein neues Buch von ihm erschienen ist, war es schlau, den Vorschlag genau jetzt rauszuhauen. So kommen die auf diese Weise provozierten Meldungen, Interviews, Artikel, Fernsehdiskussionen kaum 'der Sache' (Finanzierungskrise des Rentensystems) und sehr dem Buch über sie zugute. Ach Fratzschi, man könnte als freilaufender Schrifti direkt neidisch werden auf diese clevere Aufmerksamkeitsbeschaffung mittels pawlowesker medialer Reiz-Reaktionen.
Übrigens hat Fratzschi dem Wikipedia-Artikel über ihn zufolge weder Wehr- noch Zivildienst geleistet. Wie hat er das denn hingekriegt? War er etwa 'untauglich', wo er doch so eine Sportskanone ist?
32. Purzelbaum
Aschaffenburg
8. April 2025. Ergänzung zum Eintrag vom 29. Jan. 2025:
Der Psychozombi, von dem nachfolgend die Rede ist, wurde nach seinen Mordtaten von einem Mann aus Somalia verfolgt und konnte deshalb gestellt und verhaftet werden. Der mutige Verfolger heißt Ahmed Mohamed Odawaa und ist ein Asylbewerber, ein abgelehnter, noch dazu ein Abgelehnter, dessen Ablehnung gerichtlich bestätigt wurde. Er hatte 2024 bereits einen Asylantrag in Italien gestellt und hat damit nach der 'Drittstaatenregelung' der 'Dublin-Vereinbarungen' kein Zugangsrecht mehr zum deutschen Asylsystem. Odawaa bekam nach seiner Heldentat - und was es für eine war - einen Brief aus dem bayerischen Innenministerium: Es "waren Sie durch Ihr beherztes Handeln und Ihre Hilfsbereitschaft ein leuchtendes Beispiel für den Zusammenhalt in unserer Gemeinschaft", aus der er aber ausgeschlossen und nach Italien abgeschoben werden sollte. Das wäre juristisch korrekt und zugleich menschlich widerwärtig gewesen. Petitionen und behördliche Einsicht haben nun dazu geführt, dass Odawaa eine 'Duldung' erhalten hat. Das ist keine Aufenthaltserlaubnis, sondern nur ein befristetes Aussetzen der Abschiebung. Auf die 'Duldung' folgt wohl demnächst eine Arbeitserlaubnis und damit dann doch eine 'Bleibeperspektive'.
29. Jan. 2025. Ich komme aus Aschaffenburg, das ist dort, wo neulich ein Psychozombi (mehr zu dem hässlichen Ausdruck später) erst ein Kleinkind abgestochen hat und dann einen Passanten, der schützend eingreifen wollte. Genau genommen komme ich nicht direkt aus Aschaffenburg, wo die Untat im schönen Park Schöntal stattgefunden hat, sondern aus einer Gemeinde im Landkreis Aschaffenburg. Das letztemal war ich im vorigen Jahr anläßlich der Beerdigung meiner Mutter dort, um einen allerletzten Abschiedsblick auf mein inzwischen verkauftes Elternhaus zu werfen, das nun, naja, von einer afghanischen Flüchtlingsfamilie bewohnt wird.
Und weil wieder mal alles mit allem zusammenhängt, sei noch erwähnt, dass mich derzeit ein Kapitel meines nächsten Buches (zu dessen Fortgang die gelegentlichen Bemerkungen im Journal) beschäftigt, in dem es um Migration geht und um das Thema Asyl, das nun einmal mit dem der Migration (leider) unentwirrbar verknäuelt ist. Dabei hat das individuelle Recht auf Asyl mit Migration eigentlich gar nichts zu tun. Auch die Aufnahme von Flüchtlingen (mehr zu dem unschönen Ausdruck gleich) hat eigentlich mit dem grundgesetzlich garantierten und menschenrechtlich motivierten individuellen Recht auf Asyl nichts zu tun. Dass die drei Bereiche seit Jahren und Jahrzehnten weder theoretisch noch praktisch auseinandergehalten werden, ist Teil des Problems, das in absehbarer Zeit nicht zu lösen sein wird, auch wenn Wahlkämpferische in verschiedenste Richtungen in den Volkswald hineinrufen, aus dem es dann entsprechend wieder heraushallt.
Jetzt will ich aber erstmal das in den beiden bösen Klammern wieder gut machen. Zur ersten Klammer: Vor einiger Zeit bin ich in einem Nachbarschaftsnetzwerk auf eine Online-Diskussion über Spritzen auf Spielplätzen gestoßen. Dabei kam es auch zur Anmahnung von Respekt gegenüber den Drogenzombies, die Spritzen auf Kinderspielplätzen wegwerfen. Manchen fallen eben vor lauter Gutmütigkeit sämtliche Tassen aus dem Schrank. Wieso sollte man Respekt vor Leuten haben, die den ihrerseits für andere nicht aufbringen und nicht einmal für sich selbst? Man soll diesen Leuten helfen, wenn man kann. Aber Respekt? Weg damit. Der Messerstechermann, der in meiner schönen Herkunftskreisstadt Aschaffenburg mit dem Küchenmesser auf Kleinkinder losgeht, verdient keinen Respekt. Er muss aus dem Verkehr gezogen werden, was ja nun auch, wenn auch sehr verspätet, geschehen ist. Soll man - wer ist denn das schon wieder? - ihn nach Afghanistan abschieben? Dort würden ihm die Schariahenker vielleicht die Küchenmesserhand abhacken. Können wir das wollen? Sollen wir das dürfen? Also wird er hier in der Psychiatrie untergebracht, bis er austherapiert mit beiden Händen wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Mal sehen, was dann passiert.
Zur zweiten Klammer, der mit den Flüchtlingen. Man hat "Geflüchtete" zu sagen und zu schreiben, und für diese Forderung werden alle möglichen Gründe an den Haaren herbeigezogen. Das ist etwas für Narrativversteher und Wortklingler. Mit dergleichen 'wording', wie Klingler 'worden' würden, setze ich mich als böser alter weißer Mann nicht mehr auseinander, zumal mir mein böser alter weißer Rücken vom Purzelbaumschlagen ohnehin schon wehtut.
Lieber kehre ich zur Arbeit am nächsten Kapitel meines Buches zurück, das Merkels "Wir schaffen das" von 2015 und dessen Folgen gewidmet ist.
31. Purzelbaum
Das schwarz-weiße Pfarrerproblem
Okt. 2024. In einer Radiosendung zu Kirchenfragen habe ich gehört, dass es vor einiger Zeit einen Skandal gab, weil sich Leute für eine katholische Beerdigung einen weißen Pfarrer wünschten. Früher, als alles noch viel schlimmer war, standen im Kircheneingang 'Nicknegerchen'. Nicht aufregen, stammt nicht von mir, die hießen damals so, weil die Figuren mit dem Krausköpfchen nickten, wenn man Münzen in den Opferstock darunter warf. Heute stehen keine 'Nicknegerchen' mehr im Kircheneingang, sondern afrikanische Pfarrer am Altar. Der 'Fachkräftemangel' verschont auch die Katholische Kirche nicht. Der Gemeindepfarrer hält ja nicht nur Messen, sondern führt auch Beerdigungen durch - falls das der richtige Ausdruck ist. Jedenfalls wollten in dem skandalisierten Fall die Angehörigen rassistischerweise nicht vom eigentlich zuständigen schwarzhäutigen Gemeindepfarrer versorgt werden - falls das der richtige Ausdruck ist, sondern von einem weißen. Ob der, noch rassistischer, auch arisch sein sollte, ist nicht bekannt.
Nun stelle man sich vor, eine schwarze Trauerfamilie würde sich, vielleicht aus alter afrikanischer Herkunftsverbundenheit, wünschen, dass nicht der weiße Pfarrer aus der eigenen Gemeinde, sondern der nette schwarze aus der Nachbargemeinde die Beerdigungszeremonien erledigen würde - falls das der richtige Ausdruck ist (schon gut, ich höre jetzt auf damit). Wäre dieser Wunsch auch rassistisch? Oder bloß multikulturell?
Gegen die weiße Trauerfamilie mit ihrem anti-schwarzen Pfarrerswunsch ließe sich noch etwas anderes einwenden, was mit Rassismus gar nichts zu tun hat: Nämlich Kritik an der Vorstellung, die Kirche sei eine Art Supermarkt fürs Transzendente mit dem 'lieben Gott' als Filialleiter, bei dem die Kundschaft mit gutem Konsumentenrecht ihre Bestellungen aufgeben kann.
Gegen diese Kritik wiederum könnte der Einwand vorgebracht werden, es sei doch gut, dass die Kirche keine religiöse Autoritätsinstitution mehr sei, deren Vorgaben die Gläubigen einfach hinzunehmen hätten. Stattdessen müsse die Kirche auf die Bedürfnisse der Gläubigen eingehen.
30. Purzelbaum
Wehrpflicht
Juni 2024. Sie kommt wieder, sie kommt tatsächlich wieder, wenn auch - einstweilen - in minimalisierter Form. Wie schön! Auch wenn Anlass und Begründung unschön sind. Es ist sage und schreibe 26 Jahre her, dass ich als ehemaliger Wehrdienstverweigerer in der taz gefordert habe: Die Wehrpflicht verteidigen, den Wehrdienst verweigern (am 24.2.1998, im online-Archiv auffindbar unter dem Titel "Abstoßender Privilegienpazifismus"). Das ist nach wie vor meine Meinung, jawoll und die Hacken zusammengeschlagen. Wenn wir - wer is'n das? - 'kriegstüchtig' werden müssen, dann allesamt. Nur die Frauen nicht. Ich war, bin und werde sein gegen die Wehrpflichtigkeit der Frauen. Wenn eine unbedingt ein Flintenweib werden will, sollte ihr die Möglichkeit gegeben werden, eine militärische Berufslaufbahn einzuschlagen, damit es nicht zu einem gender fight gap kommt und dem dann unvermeidlichen Gequatsche oder meinetwegen 'Diskurs' darüber. Ansonsten: Wehrpflicht für alle.
So. Und jetzt muss ich 'Neger' schreiben. Am Ende des taz-Artikels kam das Wort auch schon vor: Denn das "Verlangen der Mittelschichten, von der Zeitverschwendung im Wehr- oder Zivildienst verschont zu bleiben" laufe mittelfristig, und so ist es mit der 2011 erfolgten Abschaffung der Wehrpflicht dann ja auch gekommen, "auf eine Armee der Plebejer" hinaus. "Auch in demokratischen Staaten haben die Privilegierten für bestimmte Jobs ihre >Neger<." (Zum N-Wort und dem medialbigotten Umgang damit der 28. Purzelbaum.)
Übrigens waren gerade die Erinnerungsfeierlichkeiten anläßlich des 80sten Jahrestages des Beginns der Landung amerikanischer und kanadischer Truppen an der Küste der Normandie. Es wurde an alles erinnert, an fast alles, nur nicht an die - pardon - 'Neger'. Die Landung erfolgte in mehreren Wellen. Die Soldaten der ersten Welle waren besonders gefährdet. Der Anteil schwarzer Männer war in der ersten Welle besonders hoch. So geht das!
PS
Es geht immer noch so und wird immer so weiter gehen. Hier und da, heute und morgen und überall auf der Welt. Auch in Russland, versteht sich. Dazu ein Satz aus einem Artikel in der Juni-Ausgabe von Le Monde diplomatique: "Die russischen Streitkräfte rekrutieren sich vorwiegend aus den untersten Gesellschaftsschichten, also aus den Bevölkerungsgruppen und Gebieten, die vom wachsenden Wohlstand nicht viel mitbekommen haben."
Was die Ukraine betrifft: Dazu ein Abschnitt im 21. Purzelbaum.
29. Purzelbaum
Die Rosinenlüge
Januar 2023. Kürzlich wurde wieder einmal die "Mogelpackung" des Jahres gekürt. Sie wird irgendwie durch eine Konsumentenabstimmung ermittelt. Wie das vor sich geht, weiß ich nicht und will ich nicht wissen. Zumal es vor Mogelpackungen nur so wimmelt in unseren marktwirtschaftlichen Supermarktregalen. Wahrscheinlich gibt es gar keine ungemogelten Packungen. Und wahrscheinlich gehört die Reklamelüge zur Marktwirtschaft wie die Rhetorik der Unwahr- und Halbwahrheiten zur Politik.
Abends, wenn ich mich vor dem Fernseher dieser Rhetorik aussetze, tröste ich mich mit Studentenfutter (oder meinetwegen Studierendenfutter). Und weil ich keine Rosinen mag, oder jedenfalls nicht so viele, wie sie in besagtem Futter die Packungen auffüllen, um Nusskosten zu sparen, weil ich also keine Rosinen mag, kaufe ich das Futter ohne Rosinen. Das gibt es tatsächlich. Sogar ausdrücklich. Zum Beispiel von der Firma Kluth. Deren Produkte sind nicht die edelsten, aber man kann sie schon mal nehmen, wenn gerade nichts anderes griffbereit ist. Auf dem von mir gekauften Futtertopf der Firma Kluth stand in einem roten Balken großbuchstäblich "OHNE ROSINEN". Nachdem ich den Topf geöffnet hatte, fand ich lauter dicke fette Rosinen vor. Dann begriff ich, das waren gar keine dicken fetten Rosinen. Es waren Kranichbeeren, Cranberries. Das stand hinten auch drauf, im berüchtigten 'Kleingedruckten', in dem - halbwegs - die gesetzlich vorgeschriebene Wahrheit zu finden ist, die in den roten Balken mit den falschen Versprechungen umgangen wird.
Diese Art der Konsumentenübertölpelung ist die banale Regel, so sehr, dass ganze Verbrauchersendungen davon leben, immer neue Produktlügen zu entlarven und Mogelpackungen zu enttarnen. Nun kann ich also Sendungen über Mogelpackungen schauen und dabei in eine Mogelpackung, die noch dazu richtig bauernschlau so tun kann, als wäre sie keine, weil ja im roten Balken nicht stand "OHNE CRANBERRIES", sondern - genau. Dass Leute, die keine Rosinen im Futter haben wollen, kaum wünschen werden, dort Cranberries vorzufinden, noch dazu in Überzahl, wird dabei einfach ignoriert. Macht aber nichts. Dann ignoriere ich eben in Zukunft zurück. Keine Kluth-Produkte mehr. Never.
28. Purzelbaum
N-Wort Sampler
Am 26. Mai 2023 wurde auf Deutschlandfunk Kultur ein Feature gesendet mit dem Titel "Böse Wörter - Wie Sensitivity Reading die Literaturwelt spaltet". Darin kamen Beispiel-Zitate vor, die das Wort "Neger" enthielten. Diese Zitate wurden jedoch nicht durchgesprochen, sondern die "Neger" durch ein Geräusch, wie soll man sagen: geschwärzt. "Wir haben uns nach längeren Debatten in der Redaktion dazu entschlossen, das N-Wort durch ein akustisches Signal zu ersetzen." Ich habe mich nach längerer Debatte mit mir selbst dazu entschlossen, diesem kläglichen Hineinsinken in die akustische Sicherheitshocke eine Beispielreihe mit N-Wort-Zitaten entgegenzusetzen, die im Original deutschsprachig sind und aus dem 20. und frühen 21. Jahrhundert stammen. Dabei werden zuerst nur die Zitate wiedergegeben und danach, in gleicher Reihenfolge, die Quellen.
1- "Der Ghetto-Neger, der brennende Geschäfte plündert, erfährt, daß das System nicht zusammenbricht, wenn er sich kostenlos beschafft, was er dringend braucht".
2- "Schwälbchen, der Morgen, der Morgen ist da! / Bald seid Ihr groß, dann werdet Ihr fliegen / Fort übers Meer zu den Negerlein, / Schwälbchen, der Morgen, der Morgen ist da."
3- "Man kann an Negerstudenten der Nationalökonomie, Siamesen in Oxford und allgemein an beflissenen Kunsthistorikern und Musikologen kleinbürgerlicher Herkunft die Neigung und Bereitschaft finden, mit der Aneignung des je zu Lernenden, Neuen einen unmäßigen Respekt vor dem Etablierten [...] zu verbinden."
4-"Clara und Klothilde, die jeden Sonntag-Abend im Hause einer Freundin für kleine Negerkinder Strümpfe strickten".
5- "Welch eine närrische Welt, in welcher der gentile den Juden, der Jude den Negro, und der Negro am Ende den Juden verachtet und diskriminiert."
6-"Eine Frau stand vor einem Schuhgeschäft, sie sah im Spiegel der Scheibe den Neger vorübergehen".
7-"Die Neger pißten in zwei hohen Strahlen in das Gras unter den Bäumen."
8-Ich "verwunderte mich über den völlig mit Grünspan überzogenen Negerknaben, der mit seinem Dromedar als ein Denkmal der afrikanischen Tier- und Eingeborenenwelt hoch droben auf einem Erkerturm [...] steht."
9-"Der Neger hob Balken, / hämmerte, bäumte. / Hobelte Tische: saum-selig."
10-"Sag' mal, wer malt denn die Neger so schwarz an?"
11-"Der weiße Neger Wumbaba aber ist eine radikalpoetische, fremdbesondere und - gelassen lächelnd über jeder politischen Korrektheit stehend - im Grunde ganz unzeitgemäße Figur".
12-"Eine Krankheit gibt es / wird genannt Melancolia / eine Hautkrankheit, die Indianer und / Neger befällt / in Flecken fällt die Haut ab / am besten sieht mans am Neger" - "der amerikanische Neger in Viet Nam / ihr laßt euch ausnützen in einem Rassenkrieg / eure Herren schicken euch gegen eure Brüder"
13-"Noch nie kam jemand auf die Welt / mit diesem Sinn: / Es ist 'ne Schande / daß ich kein Neger bin."
14-"die Negerjungen von Scottsboro warteten auf den elektrischen Stuhl"
15-"An den Studentenprotesten sind fast ausschließlich bürgerliche Jugendliche beteiligt, die nicht die Arbeiterschaft oder die Neger oder die Entwicklungsländer repräsentieren"
16-">Wenn ich ein Neger wäre ...<"
17-"Mit der Entscheidung von 1898, an der die Neger überragenden Anteil hatten, war Cuba zwar angeblich frei, aber befreit waren wieder nur die Weißen [...] Nicht befreit wurden die Neger, die den Hauptteil der Bevölkerung stellten."
18-"Revolutionäre Negerküsse von den Stadtguerillas"
19-"Der Neger Erwin"
Zugabe
"Wo vom Waldessaum der Holzweg führt ins Tal / wo vom Felsenhang als Kind so manches mal / 's traute Vaterhaus dich grüßt am Negerstrand / liegt mein schönes, bergumkränztes Heimatland."
1-Ulrike Meinhof: Warenhausbrandstiftung, in: konkret 14-1968.
2-Ernst Toller: Das Schwalbenbuch; 1924.
3-Theodor W. Adorno: Minima Moralia; 1951.
4-Thomas Mann: Buddenbrooks; 1901.
5-Thomas Mann: Unbetiteltes Nachwort zu einem Hörspiel über Rassendiskriminierung; gesendet am 16. Dezember 1945 von CBS
6-Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras; 1951.
7-Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus; 1953.
8-W. G. Sebald: Austerlitz; 2001.
9-Klabund: Der Neger; 1917.
10-Erste Allgemeine Verunsicherung: Afrika; 1983.
11-Axel Hacke: Der weiße Neger Wumbaba; 2004.
12-Peter Weiss: Notizbuch 10 und Notizbuch 11; 1965/66.
13-Wolfgang Neuss: Ballade vom selbstgefälligen Bischof; 1965.
14-Stephan Hermlin: Die Straße; 1958.
15-Jürgen Habermas: Studentenprotest in der Bundesrepublik; 1967.
16-Rainer Langhans/Fritz Teufel: Klau mich; 1968.
17-Aus einer Werbeanzeige des Insel Verlags für Miguel Barnet: Der Cimarrón. Die Lebensgeschichte eines entflohenen Negersklaven aus Cuba, von ihm selbst erzählt; 1969.
18-Aus einem von der "Bewegung 2. Juni" bei zwei Sparkassenüberfällen 1975 an die Angestellten und Kunden verteilten Flugblatt.
19-Kapitelüberschrift in Herbert Achternbusch: Happy oder Der Tag wird kommen; 1973.
Zugabe: Lokalhymne des Dorfes Neger im Negertal in Südwestfalen
27. Purzelbaum
Namen*Sternchen
13. Juli 2023. Als diskurskampferprobter alter weißer Mann wandeln mich manchmal selbstironische Sehnsüchte nach den 1990ern an. Damals gab es halbidiotische (pardon), schwachsinnige (pardon), "anders begabte" (geht doch) Diskussionen über political correctness. Damals hätte man/frau/divers sich nicht vorstellen können, dass diese Diskussionen in noch durchgedrehterer Form geführt werden könnten. Das will ich jetzt nicht weiter ausmalen. Als diskurskampferprobter alter weißer Man setzt mann sich nicht mehr mit jeder Halbidiotie (pardon), jedem Schwachsinn (pardon), jeder Andersbegabung (geht doch) auseinander. Aber als Zeichen, dass auch ich die Zeichen der Zeit erkannt habe, werde ich nun meinen Namen mit einem Sternchen verzieren: Bruno*Preisendörfer. Ich fange gleich hier, unter dem fackel kopf -Logo auf der Editorialseite, damit an.
26. Purzelbaum
Bahngaga
16. Juni 2023. Auf meinen Lesereisen habe ich schon viele, viele Abenteuer mit der Deutschen Bahn erlebt, manch angenehme, viele, viele unangenehme.
Ein angenehmes war: Auf dem von mir reservierten Platz saß ein sehr umfänglicher Herr, um es einmal so auszudrücken, dermaßen umfänglich, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie er hinter dem Tischchen je wieder hervor und aus dem Plätzchen je wieder herauskommen sollte. Reservierte Plätze muss man innerhalb einer Viertelstunde einnehmen, danach verfällt die Reservierung. Hätte ich mich in dem ziemlich vollen Zug also auf einen anderen Platz gesetzt, einen von der Sorte, die mit "Gegebenenfalls freigeben" gekennzeichnet sind, hätte ich gegebenenfalls freigeben müssen, aber den von mir reservierten Platz von dem umfänglichen Herrn nicht mehr einfordern können. Das habe ich dem Zugbegleiter erzählt mit dem Hinweis, dass ich den, nun ja: umfänglichen, Herrn ungern vertreiben möchte. Der Zugbegleiter reagierte überraschend freundlich auf meine Freundlichkeit und bot mir einen Platz in der ersten Klasse an.
Ein unangenehmes war: Ich stieg von einem Bahngleis, dessen Richtungsanzeiger meinen in zwanzig Minuten abfahrenden Zug anzeigte, in den dort bereitstehenden Zug. Zehn Minuten später, nicht zwanzig Minuten später, fuhr der Zug los. Auf ein Abstellgleis. Nachdem das Personal bemerkt hatte, dass sich etliche Fahrgäste in diesen Zug befanden, der nicht gekennzeichnet war und dessen Türen nicht verschlossen waren, fuhr der Zug vom Abstellgleis in den Bahnhof zurück. Das dauerte aber ein bißchen, denn die zwanzig Minuten waren inzwischen um, und der auf dem Abstellgleis stehende Zug musste warten, bis der eigentliche Zug aus dem Bahnhof herausgefahren war, um selbst wieder hineinfahren zu können. So sah ich also vom Abstellgleis zu, wie der Zug, den ich eigentlich hatte nehmen wollen, aus dem Bahnhof herausfuhr. Eine Entschuldigung von Seiten des Personals fand nicht statt.
Das geschah in Karlsruhe. Da will ich demnächst wieder hin, ohweh, zusammen mit meiner Frau. Ich buche also Sparpreis-Fahrscheine erster Klasse. Und wundere mich, dass anders als sonst üblich bei erstklassigen (ich lasse die Anführungszeichen höflicherweise weg) Zugfahrten, die Reservierung im Preis nicht inbegriffen ist. Dann wundere ich mich, dass die Reservierung nicht nur nicht inbegriffen, sondern überhaupt nicht möglich ist. Also schaue ich nach reservierbaren Plätzen in der zweiten Klasse. Und siehe da, hurra! Ich buche zwei Sitzplätze in der zweiten Klasse. Und so werden wir, wenn die erste Klasse übervoll ist, mit unseren "erstklassigen" (auch die Höflichkeit hat Grenzen) Tickets auf den beiden extra bezahlten Sitzen in der zweiten Klasse Platz nehmen. Und auch noch dankbar dafür sein. Und hoffen, dass wir von den Zugbegleitenden nicht den Bescheid bekommen, wir hätten mit unseren Tickets erster Klasse in der zweiten Klasse nichts zu suchen.
Das ist die Deutsche Bahn!
25. Purzelbaum
Chorporno
2. März 2023. Abends, wenn ich erschöpft vom Schriften und Denken bin und mir das Fernsehen gar zu blöd kommt, gucke ich Pornos. Während diverse Juso-Menschen vor einiger Zeit verlangt haben, das Pornoschauen im Schulunterricht zu üben, sollte man als älterer Herrn eher zurückhaltend sein, zumal in der Öffentlichkeit, auch wenn die, wie hier, recht klein ist. Also nur so viel:
Ich suche mir die Videos auf youtube heraus und zwar mit Vorliebe solche mit gemischtem Personal. Das versteht sich keineswegs von selbst. Schließlich gibt es auch reine Frauen- und reine Männerchöre. Denn davon ist die Schreibe. Bei gemischten Chören stehen die Männer immer hinten und die Frauen stets vorne. Hat das musikalische Gründe? Oder akustische insofern, als Männer meistens größer, oder sagen wir mal: länger sind als Frauen? Oder ästhetische insofern, als Frauen meistens schöner sind als Männer, würde ich mal so sagen. Jedenfalls schaue ich lieber den Frauen in die Gesichter als den Männern. Kann sein, dass das daran liegt, dass ich eben ein Mann bin. Was soll man da machen? Bei Konzerten bin ich kurzsichtig zu weit weg, um die Gesichter der Sänger und Sängerinnen gut genug sehen zu können. Aber bei Film- und Videoaufnahmen von Choraufführungen pflegen die Kameras die Reihen entlang zu gleiten, von Gesicht zu Gesicht. Und das finde ich erhebend. Singende Menschengesichter. Wunderschön. Man kann sich bei solchen Anblicken gar nicht mehr vorstellen, was Menschen und Menschinnen einander anzutun fähig sind. Besonders anrührend ist das Runzeln der Stirnen beim Singen im Chor. Das ist wirklich auffällig. Zumal das nur bei singenden Erwachsenen zu beobachten ist. Kinder und Jugendliche singen mit glatten Stirnen. Manche sind dabei ganz ernst, andere lächeln verzückt. Dieses zauberhafte Singelächeln ist auch bei Erwachsenen zu beobachten. Und damit ich das alles in Reinform beobachten kann und mein Singvoyeurismus durch keine weiteren Musikalitäten abgelenkt wird, bevorzuge ich a cappella Stücke, O magnum mysterium von Morton Lauridsen zum Beispiel, oder Northern lights von Ola Gjeilo, oder die Missa Papae Marcelli von Palestrina. Die Missa allerdings höre ich in der Regel nicht am Bildschirm, sondern von einer CD. Ich höre sie beinahe jeden Tag! Sie dauert ja nicht lange, in meiner Aufnahme gut 20 Minuten. Ich entdeckte die Messe 2015 während der Arbeit an meiner "Zeitreise" in die Lutherzeit. Seitdem kann ich ohne sie nicht mehr leben. Sie ist sozusagen mein Musikmops, um es à la Loriot auszudrücken. Sie ist mein powernap. Ich lege mich auf der Lesecouch lang und lasse mich beim Dösen zwanzig Minuten in den ersten Himmel singen (zwei bis sieben sind mir nicht zugänglich): "dona nobis paceeeeeeeeeeem". Erhoben vom Frieden erhebe ich mich vom Sofa und kehre in die Niederungen am Schreibtisch zurück.
PS
Neuere Live-Mitschnitte erkennt man daran, dass das Publikum Maske trägt.
24. Purzelbaum
Rumpelpflicht
24. Januar 2023. "Träume sind Schäume", sagt man. Aber wer ist schon 'man'? Bei mir sind Träume Bäume, Purzelbäume. "Bitte beachten Sie: Es gilt weiterhin Maskenpflicht in den Zügen!" Von wegen. Bei meiner nächtlichen Traumfahrt erscholl - oder schreibt man erschallte? Aber wer ist schon 'man'? Bei meiner nächtlichen Traumfahrt erklang die Durchsage: "Bitte beachten Sie die Rumpelpflicht! Die Maskenpflicht in den Zügen ist aufgehoben. Das Rumpeln der Züge beim Fahren ist weiterhin selbst zu erzeugen."
23. Purzelbaum
Van Gogh hat keine Klimaten mit Suppe begossen
28. November 2022. Schade! Die Meldung, ein als Van Gogh verkleideter Mann habe Klimaaktivisten in ihrem Büro mit Suppe übergegossen, weil die ihrerseits ein Van Gogh Gemälde mit Suppe übergossen hatten, war leider ein fake. Die Klimaten sind zwar keine Terroristen, aber sie terrorisieren ihre Mitmenschen. Wollten die von ihnen Terrorisierten sich ebenso verhalten und ihrerseits die Klimaten terrorisieren, würde das in eine symbolische Vorstufe des Bürgerkriegs münden und dann vielleicht sogar in einen richtigen. Manche Klimaten, darunter die Tunnelblick-Greta, sind für den Einsatz der Atomenergie. Nun gab es in der Anti-Atom-Bewegung ebenfalls Apokalyptiker, die sich Widerstandsrechte herausnahmen. Was wäre also, wenn sich, um auf die Gefahr einer erneuerbaren Atomenergie aufmerksam zu machen, Atomkraftgegner an die Haustüren von klimaaktiven Atomkraftbefürworter kleben würden? Das nur als Beispiel.
Was die Forderung nach härteren Strafen für Klimaten betrifft, so wären die gar nicht nötig, würde man zivil- und schadensrechtlich agieren. Die Selbstkleber sollten zum Beispiel die Entklebungsarbeit der Polizei bezahlen. Sie sollten des Weiteren für alle Schäden, die durch ihre Aktionen entstehen, finanziell haftbar gemacht werden. In unserer knallbunt bescheuerten Konsumgesellschaft, von der die wohlausgestatteten Mittelschichtprotestierer genau wie die konsumgeilen Freitagskinder (dazu unten der 7. Purzelbaum von März 2019) ein Teil sind, lässt sich viel über den Geldbeutel steuern.
Und noch etwas: Die jämmerliche Feigheit der Klimaten zeigt sich daran, dass ihr Protestierchen-Mumm nur für Aktionen im öffentlichen oder quasi-öffentlichen Raum reicht. Während Greenpeace-Aktivisten in ihrem fragwürdigen Abenteuerertum es immerhin wagten, eine Bohrinsel zu entern und sich mit einem Konzern anzulegen, halten sich die Klimaten an Straßenkreuzungen, Autobahnzufahren, Museen und Flughafenpisten. Auch das hat übrigens mit dem Geldbeutel zu tun. Hätten sie den Mut, sich an SUVs festzukleben, müssten sie diesen Mut mit Schadensersatz bezahlen. Hätten sie den Mut, sich an Autohaustüren festzukleben, bekämen sie es nicht nur mit aufgebrachten Bürgern und halb verständnisvollen Richterinnen zu tun, sondern mit den Autohausbesitzern und deren Anwälten. Das staatliche Behutsamkeit mit einkalkulierende Auswählen ihrer Protestorte und -objekte zeigt die politische und ethische Infantilität der Klimaten: Sie wollen agieren wie >richtige< Widerstandskämpfer und doch bloß behandelt werden wie unartige Kinder. Sie wollen in ihrer anmaßenden Moral anderen Schaden zufügen, aber selbst mit Samthandschuhen angefasst werden.
Ach reißt ihnen doch die Klebepfoten vom Pflaster!
Ich wünsche das nicht wirklich. Aber nehmen wir mal an, nur so als Beispiel, dem leicht andere hinzuzufügen wären, in einem der blockierten Autos wäre eine Frau in den Wehen, die von ihrem Mann ins Krankenhaus gefahren werden will, und der Mann würde in seiner Verzweiflung aussteigen und Kleber*Innen von der Fahrbahn zerren - wäre das Notwehr?
22. Purzelbaum
Vermischtes aus der Gagawelt
20. September 2022. Was für eine durcheinandergeschüttelte Gagawelt, die wir gegenwärtig erleben, auf allen Ebenen, in jeder Hinsicht:
Ein tapernder US-Präsident, der einen netten Opa abgeben würde, erklärt die Pandemie für 'beendet', während täglich 400 Leute sterben an und mit und wegen Corona, also in 10 Tagen 4000, in 100 Tagen 40.000 in 365 Tagen - selber rechnen.
Die Beerdigung einer Königin wird von mehreren öffentlich rechtlichen Anstalten mit mehreren öffentlich rechtlichen Teams parallel 'begleitet', was von überbezahlten Hierarchen, hoppla: Chinnen, erwartungsgemäß mit dem 'öffentlich rechtlichen Auftrag' gerechtfertigt wird.
Die Berliner Jusos beschäftigen sich mit Pornos, weil es sonst keine Probleme gibt, schon gar nicht in Berlin, wo alles so super saumäßig funktioniert.
Und der Purzelbaumschläger ist schon nach drei Meldungen zu erschöpft, um weiterschreiben zu können ...
21. Purzelbaum
Ohne Titel
30. März 2022. Die Welt schlägt Purzelbäume, ich schlage zurück:
- Seit dem Überfall des russischen Militärs auf die Ukraine wird der Eindruck vermittelt, die Ukraine sei vor dem Einmarsch ein Paradies auf Erden gewesen. War sie nicht. Auf dem Korruptionsindex 2020 von Transparency International rangierte der Staat auf Platz 117, gleichauf mit Ägypten, Nepal, Sierra Leone und Sambia. Deutschland übrigens stand auf Platz 9, das demokratisch putinisierte Russland auf Platz 129. Mithin ist die Ukraine nicht EU-fähig und wird es auf absehbare Zeit auch nicht werden.
- Seit dem Überfall des russischen Militärs auf die Ukraine schmieren sich in Deutschland junge, konsum- und klimafreundliche Freitagsleute, denen Schwarz-Rot-Gold sogar auf dem Fußballplatz peinlich wäre, die Farben Blau und Gelb ins Gesicht. Dieser Fremdnationalismus wäre zum Fremdschämen, wenn Scham überhaupt noch eine relevante Empfindung wäre.
- Seit dem Überfall etc. wird der ukrainische Präsident Selenskyj in den westlichen Medien als Held gefeiert. Das ist er wahrscheinlich auch. Aber Helden sind gefährlich. Verzweifelte Helden sind besonders gefährlich. Manche seiner Forderungen an den Westen sind anmaßend, erpresserisch, nationalistisch und egozentrisch. Aus seiner Warte verständlich, aus der Sicht 'des Westens' oder der NATO jedoch inakzeptabel.
- Nach dem Überfall etc. hat mich kürzlich eine online-Petition erreicht, in der die Umbenennung eines Berliner Platzes in Selenskyj-Platz verlangt wird. Wohin das Helden- und Heldenverehrungsbedürfnis die Leute führen (!) kann. Stellt Euch Selenskyj-Tassen auf den Tisch, aber lasst die Berliner Plätze in Ruhe.
- Nach dem Überfall etc. und den durch ihn ausgelösten Fluchtbewegungen wurde aus 'diplomatischen Kreisen' der Ukraine in Berlin die Forderung erhoben, ukrainische Flüchtlingskinder in Deutschland nach ukrainischem Lehrplan zu unterrichten. Das passt zu den präsidentiellen Anmaßungen aus Kiew. Flüchlingskinder in Deutschland werden wie in Deutschland unterrichtet, nicht wie in Syrien, nicht wie in Afghanistan und auch nicht wie in der Ukraine.
- Seit dem Überfall etc. wird in meinem Neuköllner Bezirk die Betreiberin eines 'russischen Restaurants' bedrängt und bedroht. Sie ist Ukrainerin und hilft mit ihrer Küche ukrainischen Flüchtlingen, wird aber von gedankenlosen Moralpöblern angegriffen.
- Kurz nach dem Überfall etc. habe ich einen Radiobericht über Ukrainer in Deutschland und ihre Reaktionen auf den russischen Angriffskrieg gehört. Es handelte sich hauptsächlich um jüngere, sehr gut ausgebildete Männer, darunter IT- und Kommunikationsspezialisten, die erklärten, sie könnten ihrem Land von Deutschland aus besser helfen als damit, sich in ihrem Land zum Militär zu melden. Zum Schluss des Berichts wurde ein Lastwagenfahrer vorgestellt. Ich wußte augenblicklich, was er sagen würde, und so kam es dann auch: Er sagte, er sei Anfang 60 und würde nun in die Ukraine fahren, um sein Land mit der Waffe zu verteidigen.
So war und ist und bleibt es immer und überall: Die Schlaumeier, die Symbolhandler und Petitionenschreiber, die schlauen Weit-weg-Tapferen -- die Ungebildeten, die Tatbereiten, die dummen Vor-Ort-Tapferen.
20. Purzelbaum
Erinnerung mit Radio
4. März 2022. Heute morgen nach den Neun-Uhr-Nachrichten im Deutschlandfunk bin ich richtig erschrocken. Nicht wegen der Nachrichten, obwohl es dafür Grund genug gegeben hätte, sondern wegen des "Kalenderblatt" im Anschluss. Erinnert wurde an den 100sten Geburtstag des Politologen Iring Fetscher. Und ich erinnerte mich, dass ich während meines Frankfurter Grundstudiums Anfang der 80er Jahre bei ihm Vorlesungen über die Geschichte der Arbeiterbewegung gehört hatte. Er war damals ein paar Jahre jünger als ich heute bin. Darüber bin ich erschrocken. Wie sich die eigenen Lebens-Zeit-Räume verschieben! Und man merkt es meistens erst hinterher, wenn das Merken nichts mehr hilft. Ich hatte den kleinen Schock noch nicht verkraftet, als ich im Programmheft des Deutschlandradios einen Hinweis auf Alexa Hennig von Lange las. Ihr Relax Romandebüt und das Getue darum ging mir seinerzeit auf die Nerven. Aber das wäre mir keinen Purzelbaum wert. Was mich mitten ins Herz der Finsternis meiner Erinnerungen traf, war das im Hinweis erwähnte Erscheinungsjahr des Romans: 1997! Das ist 25 Jahre her. Wenn jemand in meinem Beisein erwähnt hätte, es wäre fünfzehn Jahre her gewesen, wäre mir daran nichts aufgefallen. Wie geschrieben: Die Lebens-Zeit-Räume verschieben sich, vor allem verschieben sie sich ineinander. Man könnte auch sagen: Sie kollabieren.
19. Purzelbaum
Die Wahrheit über Radfahrer
29. Juni 2021. Die Wahrheit über verkehrsgemäßes Radfahren kann in diesem einzigen Satz zusammengefaßt werden: Kein Radfahrer, kein einziger weltweit, hält sich beim Radfahren an die Verkehrsregeln. Ähnliches könnte man auch von Autofahrern sagen, nur dass beim Autofahren die Verkehrsverstöße die (wenn auch häufige) Ausnahme sind, beim Radfahren aber die Regel. Auch Radfahrer, die beim Autofahren zu den 'Tausendprozentigen' gehören, also zu denjenigen, die bei einer Begrenzung der Geschwindigkeit auf 70 Strich 70 fahren und nicht 75 oder ein bißchen 80, selbst die halten sich auf dem Rad nicht immer an die Regel.
18. POC
Purzelbaum of Colour
6. Mai 2021. Eigentlich hatte ich vor, mich hier einmal ausführlich für mein Pigmentdefizit zu entschuldigen. Früher, als ich noch jung war und mein Haar noch nicht grau, galt ich als Rothaariger mit Sommersprossen. Aber eine Sommersprosse macht noch keinen POC, viele davon machen immer noch keinen. Wenigstens wurden die Rothaarigen früher verbrannt. Aber nur die rothaarigen Frauen. Ich stehe also schon wieder auf der falschen Seite. Dabei bin ich Migrant, mainfränkischer Migrant in der großen Stadt Berlin. Und mit Stolz darf ich sagen, dass ich kein richtiges Deutsch kann, nicht beim Reden. Mein Munddeutsch ist dialektal gefärbt, ein DOC sozusagen, ein Deutsch of Colour. So mancher in Deutschland geborene POC spricht ein reinrassigeres Hochdeutsch als ich. Das macht mich richtig froh.
Auch das Deutsch vom Aogo-POC ist ziemlich gut. Gut genug jedenfalls, um im Fernsehen das Fußballern erklären zu dürfen. Ich darf nicht mal im Radio das Schreiben erklären. Nach der Veröffentlichung meines Buches über die Lutherzeit, das auch noch Als unser Deutsch erfunden wurde heißt, bat mich ein mdr-Redakteur vor einem Interview, auf meinen Dialekt zu achten und richtig Hochdeusch zu sprechen. Ich habe ihn 'hinterher' nicht gefragt, ob er mit mir zufrieden war. Wenigstens hat er mich nicht als "Quotenfranken" bezeichnet.
Der Aogo dagegen wurde vom porentief weißen Lehmann als "Quotenneger" bezeichnet. Naja, nicht ganz. Die Quotenbeleidigung des ehemaligen Ballfängers gegen den ehemaligen Balltreter war politisch korrekter formuliert: "Quotenschwarzer" war der Ausdruck. Das darf man heute aber auch nicht mehr sagen, weil sich sonst die Schornsteinfeger ärgern. Neger, Neger, Schornsteinfeger! Nicht aufregen. Das war ein Buchtitel, bitte, bitte, das war ein BUCHTITEL, der Titel eines Buches von einem - nein, nicht von einem Neger, auch nicht von einem Schwarzen, sondern von einem POC. Hätte der farblose Tormann geäußert, der Aogo sei ein "Quoten-POC", wer weiß, was dann passiert wäre. Schließlich haben besorgte weiße Kulturbetriebsmenschen kürzlich einen Offenen Brief mit dem Vorschlag geschrieben, in Zukunft bei der Vergabe von Literaturpreisen auf die Hautfarbe der Empfänger zu achten. Vorgeschlagen wurden in der Sache also Quoten-POCs, auch wenn es nicht so ausgedrückt wurde.
Die schwarz/weiße Geschichte geht aber noch weiter. Sie wird noch richtig nazimäßig, aber nur aus Dummheit. Was will man von Fußballern auch groß erwarten. Das sind halt Gladiatoren. Da zählen Schuh- und Maul-, aber nicht Geistesgröße. Jedenfalls hat der Aogo im TV verlautbart, dass irgendeine Mannschaft irgendwas trainiert hat "bis zum Vergasen". Dafür kriegte man früher eins in die Fresse. In einem Roman von Alfred Andersch, ich glaube es war Efraim von 1967, gibt es eine Szene, in der jemand 'sowas' sagt, sowas mit "bis zum Vergasen", und dafür, wenn ich richtig erinnere, eine Ohrfeige fängt.
Es geht immer noch weiter. Neger, Neger, Schornsteinfeger. Meine Kindheit in Deutschland stammt von Hans Jürgen Massaquoi. Dessen Großvater, ein Ex-König of Colour, war in den späten 1920ern, wenn ich auch das richtig erinnere, liberianischer Generalkonsul in Hamburg. Eine zeitlang lebte Hans Jürgen in besten Verhältnissen, umgeben von Dienstboten ohne Colour, mithin weiß wie der Quoten-Lehmann. Dann kamen die Nazis. Der königliche Opa verlässt das Land, Hans Jürgen bleibt mit seiner Mama allein zurück. Auf der Straße wird ihm von anderen Kindern "Neger, Neger, Schornsteinfeger" nachgerufen. Es gab auch Kinder, die hatten einen gelben Fleck auf der Jacke. Denen wurde "Jude, Jude, Jude" nachgerufen. "Bis zur Vergasung".
Der Lehmann ist von etlichen Posten entbunden worden. Wie wird es mit Aogo weitergehen? Und wie geht es beim Deutschen Fußballbund weiter? Da wird drauflosgefreislert bis zur Vergasung. Aber ich will das nicht auch noch ausbreiten. Mir ist jetzt schon ganz schwindlig.
17. Purzelbaum
Ach, Lieschen Müller
11. März 2021. Ach Lieschen, was machen wir uns alle über Dich lustig, über Deine Weltsicht von unten, Dein naives immer das Schlimmste-Erwarten, Deine Ressentiments gegen 'die da oben'. Das Dumme ist nur, Du bist gar nicht die Dumme, für die wir akademischen Klugscher Dich halten. Die Welt dreht sich genauso, wie Du es Dir vorstellst. Die Leute gehen ihren Interessen nach, und je weiter oben sie sind, dessen hochrangiger gehen die Leute ihren Interessen nach. In Frankreich wurde neulich ein ehemaliger Präsident zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In Deutschland werden bei den Schwarzen schwarze Schafe in Serie entdeckt: Maskenverbrecher, Beratungslumpen, Geldeinstecker mit guten Verbindungen nach Aserbeidschan. Das alles ist nicht neu. Das alles ist so alt. Und trotzdem schauen wir auf Dich herab, Lieschen, wenn gerade kein aktueller Fall virulent ist, auf Deine Dummerchen-Weltsicht von unten, die der Wirklichkeit, der schmutzigen, in Wahrheit vollkommen angemessen ist. Schließlich weißt Du, wovon Du redest, denn Du würdest es genauso machen, wenn Du nur könntest: Deinen Interessen nachgehen, je weiter oben, desto hochgradiger. "Die Politik ist ein schmutziges Geschäft", pflegst Du zu sagen. Typisch Lieschen Müller, heißt es dann. "Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut". So oder so ähnlich hat es im 19. Jahrhundert Lord Acton ausgedrückt. Der war übrigens, aus Deiner Perspektive, auch ein Schloch, einer von "denen da oben" eben. Von denen da oben kann keiner kein Schloch sein. Entweder Schloch oder nicht oben. So einfach ist das. Ach Lieschen, wie recht Du hast.
16. Purzelbaum
Abschied von den Eichhörnchen
16. Februar 2021. Mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel aber nicht wie in der Alexandra-Schnulze von 1968 wegen des Reims im Morgenrot, sondern in der prosaischen Wirklichkeit des Winters 2021 zwischen 9 und 11. Nicht einmal zwei Stunden hat es gedauert, bis der prachtvolle Nussbaum im Hinterhof des Hauses, in dem ich seit 33 Jahren beim Schreiben aus dem Fenster gucke, gefällt war - ich könnte auch sagen: ermordet, denn mir ist zumute, als hätte der böse Mann mit der Motorsäge meinen inneren Regenwald gerodet.
Der Nussbaum, außerdem eine haushohe Birke, von deren Wipfel noch gestern fünf Krähen auf mich heruntersahen, eine ebenfalls haushohe Fichte und eine efeuumwundene Schönheit, von der ich nicht weiß, was es für eine war - alle diese Bäume fielen einem Neubau zum Schönerwohnen für Besserverdiener zum Opfer, der nun in dem weiträumigen Hinterhof errichtet werden wird. Den Vorgang nennt man "Verdichtung", und ich will nicht darüber rechten und auch nicht darüber sinnieren, wie "Verdichtung" und "Gentrifizierung" zuzammenhängen. Ich will nur ein paar Tastentränen vergießen und um Bach, Händel und Telemann trauern, die ihren Lebensraum verlieren.
So hießen die drei Eichhörnchen, die im Hinterhof herumsprangen und an dem alten Nussbaum emporrannten, nicht -kletterten, sondern -rannten, so schnell ging das. Lange dachte ich, es handele sich um ein Eichhorn, denn es ist schwer, zumal aus der Fensterferne, gleichgroße Tiere zu unterscheiden. Und da ich immer nur ein Tierchen den Nussbaum hinauf- und an dessen Ästen entlangrennen sah, nahm ich an und freute mich, dass ich ein Eichhörnchen zum Nachbarn hatte.
Eines Tages, ich telefonierte gerade mit meinem Verleger über mein Buch "Reise in die Bachzeit", blickte ich aus dem Fenster und sah: drei Eichhörnchen. "Da draußen sind drei Eichhörnchen", sagte ich sprachlos zu meinem Verleger. Und auch, wenn mein Verleger das in einem Buchmanuskript korrigieren würde, bleibe ich dabei, dass es Momente gibt, in denen man sprachlos etwas sagen kann - sozusagen. Mein Verleger hatte meiner Stimme die Verblüffung angemerkt und meinte: "Du kannst sie ja Bach, Händel und Telemann nennen." Ich habe Bach, Händel und Telemann nie wieder zu dritt gesehen, immer nur einzeln. Außerdem wusste ich nie, wer von ihnen gerade den Stamm des Nussbaumes emporrannte, der heute morgen gefällt wurde.
15. Purzelbaum
Die Gefährlichkeit des Ungefähren
25. Januar 2021. Vor einiger Zeit, als von Balkonen noch geklatscht wurde, hörte ich auf einem dieser Balkone in der Nachbarschaft den Dauertelefonaten einer – der Stimme nach – jüngeren Frau zu. Dass ich diesen Telefonaten zuhörte, war nicht zu vermeiden, wenn ich auf meinen Berliner Stadtbalkon hinaustrat. Ich habe die Frau nie gesehen, immer nur gehört – und so manches mal zum Teufel gewünscht. Nun ist sie seit längerem verschwunden, jedenfalls höre ich sie nicht mehr. Hoffentlich ist mein Wunsch nicht in Erfüllung gegangen.
Ich nannte diese Frau „Genau“. Und zwar genau deshalb, weil dieses Wort in jedem zweiten Satz von ihr vorkam. Man hört es längst auch in Funk und Fernsehen von jüngeren Leuten. Es wird ihnen eine Frage gestellt, und sie beginnen die Antwort mit „genau“. Das bedeutet manchmal Zustimmung zum sachlichen Inhalt der Frage, manchmal bedeutet es gar nichts oder soviel wie ein Räuspern oder ein „also“. Oder wie ein „okay“, dieses langgedehnte „okaaay“, das Mütter, die nicht streng, aber gerecht sein wollen, unter hochgezogenen Brauen über die Lippen bringen, wenn ein Sprößling oder eine Sprößlingin etwas getan oder geäußert hat, das eben nicht ganz okay ist.
Frau Genau auf dem Nachbarbalkon hatte viele Meinungen, auch eine über „Corona“, eine über die Grippe und noch eine darüber, wie es jeweils um die „Mortalität“ bestellt sei. Sie war nicht die einzige, von der die Zahl der Corona-Toten mit derjenigen der Grippe-Toten verglichen wurde. In der Grippe-Saison 2017/18 habe es über 25.000 Todesfälle gegeben. Und das hätte kaum jemanden aufgeregt.
Nur werden Grippe-Tote gar nicht gezählt. Niemand, nicht einmal der Chef des Robert-Koch-Instituts, weiß genau, wieviele Grippe-Tote es gab. Worüber man genau Bescheid weiß, ist die „Übersterblichkeit“. Aber das ist eine statistische Zahl, die sich aus dem Vergleich der Todesfälle verschiedener Jahre errechnen lässt. Sie kann mit den Grippe-Toten korrelieren, beweist aber kein Kausalverhältnis, nicht einmal ein ungefähres. Das ist wie mit den Kindern und den Störchen. Es gibt in Deutschland Regionen, in denen die besonders hohe Anzahl von Störchen mit einer besonders hohen Geburtenrate korreliert. Also werden die Kinder von den Störchen gebracht! Okaaay.
Die „Übersterblichkeit“ ist trotz ihres wissenschaftsnahen Charmes immer noch zu unpräzise. Auch mit diesem Begriff kann man die Wirklichkeit nicht genau begreifen. Ohnehin sind Begriffe keine Henkel, an denen man die Dinge packen kann. Selbst die „Fallsterblichkeit“ ist einer dieser eindeutig uneindeutigen Termini. Es gibt eine CFR (Confirmed Case Fatality Rate), orientiert an Laborergebnissen; eine Symptomatic CFR, orientiert an der Symptomerfassung; und eine IFR (Infection Fatality Rate), Todesfälle in Relation zur Schätzung aller Infizierten. Die Liste ist nicht vollständig!
Der gesunde Menschenverstand krankt daran, dass er vieles schlecht versteht, aber alles besser weiß. Zugleich kann sich das Expertentum oft nur schwer verständlich machen. Deshalb greifen Wissenschaftler zu Metaphern. Sie vereinfachen damit die Kommunikation. Sie vereinfachen aber auch die Sachverhalte, die sie kommunizieren wollen. Zu oft wiederholte Metaphern verfestigen sich und besetzen die Plätze, die sie eigentlich freihalten sollten für Präzisionsbegriffe. So wird symbolisch Verständlichkeit suggeriert, wo tatsächlich Unverständnis herrscht.
Ein Beispiel für die Verwechslung von Metaphern mit Sachverhalten ist die Behauptung, man könne dem Fötus im Mutterleib oder dem Hirn beim Denken zusehen. Eine Ultraschalluntersuchung (Sonographie) zeigt den Fötus jedoch gar nicht, sondern rechnet für das menschliche Ohr nicht hörbare Hochfrequenzsignale in bewegte Schattenbilder um. Und die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) stellt Messungen des Blutflusses und des Glukosestoffwechsels im Gehirn auf dem Computerbildschirm in farbig aufleuchtenden Arealen dar. Deshalb sind Sonographie und PET korrekt als „bildgebende Verfahren“ zu bezeichnen. Aber so genau muss man es im Alltag nicht nehmen.
Ähnlich verhält es sich mit eingeschliffenen Wortgewohnheiten, bei denen sich niemand mehr etwas denkt. Zum Beispiel, wenn Frau Genau „vorprogrammiert“ sagt. „Pro“ heißt schon „vor“, und „vorprogrammiert“ ist ein Wort mit Gürtel und Hosenträger. Das richtet keinen Schaden an und stört allenfalls sprachsensible Dichternaturen oder nörgelnde Besserwisser.
Gefährlich wird das Ungefähre jedoch, wenn daraus Verwirrungen resultieren, die Abwägungsprozesse beeinflussen und beeinträchtigen. Zum Beispiel meinte Genau auf ihrem Telefonierbalkon, dass Ärzte darüber entscheiden müssten, wer leben darf und wer sterben muss. Sie wiederholte damit, was sie im Radio oder im Fernsehen gehört hatte. Manche Experten neigen dazu, sich beim breiten Publikum dermaßen verständlich zu machen, dass lauter Missverständnisse entstehen.
Das Wort „Triage“ ist kompliziert, und der damit bezeichnete Sachverhalt noch komplizierter. Also sprechen manche Experten von Ärzten, die über Leben und Tod entscheiden müssten. Das ist nicht bloß ungenau, sondern falsch. Ärzte und Ethikkommissionen entscheiden in Mangelsituationen darüber, wer wann eine bestimmte Behandlung bekommt. Oder wer wann geimpft wird. Wenn entschieden wird, dass zuerst über 80jährige geimpft werden, dann ist das nicht identisch mit einer Entscheidung darüber, ob sich die unter 80jährigen anstecken. Wenn entschieden wird, dass zuerst diejenigen intubiert werden, bei denen eine künstliche Beatmung Erfolg verspricht, ist das nicht identisch mit einer Entscheidung darüber, „wer leben darf und sterben muss“, wie Frau Genau sich ungenau ausdrückte.
Im übrigen ist die Triage kein Not- und Ausnahmefall, sondern Regel und Routine: bei der Organtransplantation, beim Verschreiben von Medikamenten und bei den Kostenübernahmesystemen der Krankenkassen bis hin zur Brillenanpassung. Darüber machte sich Genau keine Gedanken. Sie war einfach erschrocken. Das kann man verstehen. Nur sind Erschrecken und Einsicht nicht dasselbe.
Es ist alles eine Frages des gesunden Menschenverstandes. Der ist nicht zu verachten. Ein gesundes Misstrauen gegen ihn auch nicht. Vielleicht ist die Erde doch eine Kugel, obwohl der gesunde Menschenverstand eine gerade Fläche vor sich sieht. Martin Luther, um ein weit zurückliegendes Beispiel zu nehmen, nannte Nikolaus Kopernikus einen „dahergelaufenen Astrologen“, der „beweisen will, daß sich die Erde dreht und nicht der Himmel und die Sonne und der Mond. Das ist, wie wenn jemand, der in einem fahrenden Wagen oder Schiff sitzt, annehmen wollte, dass er unbeweglich sei und die Erde und die Bäume sich bewegten.“ Es gibt Leute, um ein naheliegendes Beispiel anzuschließen, die Christian Drosten für einen dahergelaufenen Virologen halten, der beweisen will, dass kleine kugelige Monster herumschwirren, während ihr eigener Menschenverstand dermaßen gesund ist, dass sie die Krankheit ableugnen.
„Tatsachen sind halsstarrige Dinger“, hat August Bebel mit seinem gesunden Menschenverstand einmal gemeint, völlig zu Recht. Er war von Beruf Dreher und hat Griffe hergestellt, mit denen man Türen aufmachen konnte. Aber was macht man mit Begriffen auf? Mit bakteriologischen Begriffen zum Beispiel? Im Jahr 1892 reiste Robert Koch, ein Zeitgenosse Bebels und Namensgeber des gerade dauerpräsenten Instituts, nach Hamburg. Dort breitete sich die Cholera aus. Die Hamburger Behörden mit ihrem gesunden Menschenverstand hatten die Krankheit zunächst ignoriert. Dann zählten sie die Toten, riegelten nach Kochs Empfehlung den Hafen ab, schlossen die Schulen und schränkten den Verkehr ein. Die Epidemie wurde niedergerungen, nachdem von knapp 17.000 Erkrankten die Hälfte gestorben war.
Mit seinem Tuberkulin war Koch weniger erfolgreich, das heißt: überhaupt nicht. Er glaubte an die Wirksamkeit eines Medikaments, von dem er nicht einmal genau wusste, wie es zusammengesetzt war. Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Das gilt für Bakteriologen, Virologen und sogar Soziologen. „Nobody is perfect“ würde Genau sagen.
14. Purzelbaum
Privilegien für Geimpfte?
28. Dezember 2020. Neulich bin ich wieder mal mit einem Typ ohne Maske aneinander geraten. Der junge, große, starke Mann behauptete, er habe ein Attest. Das habe ich ihm geglaubt. Aber das änderte nichts. Auch wenn man ein Attest hat, kann man während eines 5-Minuten-Einkaufs in einer Bäckerei einen Mund-Nasen-Schutz überziehen. Bei einer 5-Stunden-Zugfahrt ist das was anderes. Aber wer während eines Kurzaufenthaltes in einem Laden auf seinem Maskenbefreiungsattest herumreitet, ist ein Schloch und gehört so behandelt.
Derzeit wird diskutiert, ob Geimpfte Vorrechte vor Nicht- und Nochnichtgeimpften haben sollen. Wer soll denn kontrollieren, wer geimpft ist und wer nicht? Stehen dann an den Kinoeingängen oder vor denen der Opernhäuser oder vor dem für die Kultur des Abendlandes unverzichtbaren Didi-Theater in Berlin statt Kartenabreißer Impfkontrolleure? Und was kontrollieren die? Den Schein? Den Piekser im Oberarm?
Und wie würde bei einer derartigen Regelung die Situation in den Massenbewegungsflächen aussehen? Die Menschen würden ohne Masken durch die Märkte laufen, immerzu vor sich hinmurmelnd: "Bin geimpft, bin geimpft, bin geimpft." - "Hab ein Attest, hab ein Attest, hab ein Attest."
Die Abschwächung der Pandemie verlangt neben der 'Durchimpfung' der Risikogruppen und darauf folgend (freiwillig, versteht sich) vom Rest der Bevölkerung weiterhin Abstand, Abstand, Abstand; Maske, Maske, Maske; Testen, Testen, Testen; Kontaktreduzierung, Kontaktreduzierung, Kontaktreduzierung.
Schlimm, schlimm, schlimm? Freilich, freilich, freilich.
13. Purzelbaum
Linke Leitfiguren
26. November 2020. Schon mal von Pauline Staegemann gehört? Sie lebte von 1838 bis 1909, war Dienstmädchen und sozialdemokratische Organisatorin und Agitatorin und überhaupt eine tapfere Frau. Für die "Reise in die Bismarck-Zeit", an der ich gerade arbeite, schreibe ich ein Unterkapitel mit dem Titel "Erinnerung an Pauline Staegemann". Dafür habe ich mich an ein Buch in meiner Stubenbibliothek erinnert. Es heißt Lexikon linker Leitfiguren und ist 1988 in der damals noch dem Deutschen Gewerkschaftsbund gehörenden Büchergilde Gutenberg erschienen. Übrigens kann meine Autoreneitelkeit nicht unerwähnt lassen, dass bei der längst nicht mehr dem DGB gehörenden Büchergilde auch Lizenzausgaben von zweien meiner Bücher erschienen sind. Das hätte ich mir damals, 1988, als das Lexikon erschien, nicht träumen lassen. Im Jahr 1988 zog ich ins damals noch nicht so neckisch geheißene Kreuzkölln in die Wohnung, in der ich dies hier schreibe, was ich mir damals auch nicht hätte träumen lassen. Die Vorgängerwohnung war eine WG, eine WG am Kurfürstendamm, direkt am Adenauer Platz. Das wiederum kann man sich heute nicht mehr träumen lassen.
Aber ich wollte von Staegemann erzählen. Dass die nicht im Lexikon stehen würde, habe ich erwartet. Aber ich hatte vergessen, auf welche Leute man in dem Buch sonst so stößt. Mao zum Beispiel. Warum der für mich eine linke Leitfigur sein sollte, war mir schon 1988 schleierhaft. Wenigstens wurde Stalin weggelassen. Und Goethe. Eine Leitfigur? Meinetwegen. Aber eine linke? Außerdem Schiller mit seinem revolutionserschrockenen "Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild gestalten; wenn sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn." Aber den Schiller haben die Arbeitervereinsmitglieder im 19. Jahrhundert fleißig gelesen und bildungsbeflissen Die Glocke auswendig gelernt, aus der die Stelle stammt.
Ich schätze, die Pauline hat keine Gedichte auswendig gelernt. Dazu hatte sie keine Zeit, sondern eine Menge anderer Sorgen.
Zu den linken Leitfiguren im Lexikon gehören auch Marx (wär' ja noch schöner) und die Marx Brothers (ist ja noch schöner).
Und Fritz Teufel ist auch dabei. Links? Unbedingt. Aber eine Leitfigur? Er ist 2010 gestorben.
Und Ulrike Meinhof! Eine linke Leitfigur! Oh Pauline, in die Gesellschaft gehörst du wirklich nicht. Ich kann mich erinnern, während der RAF-Jahre, als ich in Hanau die Hohe Landesschule besuchte, von links irregeleiteten Splittergrüpplern dazu aufgefordert worden zu sein, ein Flugblatt zu verteilen, das die RAF als "Bestandteil der Arbeiterbewegung" bezeichnete. Als Sohn eines Fabrikarbeiters und einer Näherin weigerte ich mich, das Flugblatt zu verteilen. Als die Meinhof "in ihrer Gefängniszelle in Stammheim am 9. 5. 1976 erhängt aufgefunden" wurde, wie es vieldeutig im Lexikon heißt, war sie nicht ganz 42 Jahre alt, ein halbes Jahr jünger als meine Mutter, was mir damals irgendwie nicht aufgefallen ist.
Wie merkwürdig sich die Perspektiven verschieben nach all den Jahren.
Von Staegemann will ich jetzt doch nicht mehr erzählen. Ich verschiebe das in mein Buch über die Bismarck-Zeit.
12. Purzelbaum
Noch mehr Fragen eines alten weißen Mannes (Fortsetzung des 9. Purzelbaums)
20. November 2020. Die wichtigste soziale Frage ist die Heiratsfrage. Deren Beantwortung bringt die Wahrheit der Interessen an den Tag, die sonst von den Meinungen der Leute verhüllt und vernebelt wird.
Was würde der schwarze Botschafter eines schwarzafrikanischen Landes seiner schwarzen Tochter sagen, wenn die mit einem schwarzen Asylanten eines schwarzafrikanischen Landes nachhause käme?
Was wäre einem erfolgreichen deutschen Facharzt lieber: Wenn seine Tochter einen erfolgversprechenden türkischen Facharzt mit nachhause bringt oder einen deutschen Müllwerker?
Was würde eine Bundestagsabgeordnete der Linken ihrem Sohn sagen, wenn der mit einer Mitarbeiterin einer Putzkolonne des Bundestags nachhause käme?
Was würde die Verkäuferin, welche die Mutter der Mitarbeiterin der Putzkolonne im Bundestag ist, ihrer Tochter sagen, wenn die mit dem Sohn der Bundestagsabgeordneten nachhause käme?
Und was würden sich die Mütter der beiden untereinander sagen?
Das sind nur so Beispiele. Sie ließen sich lange fortsetzen. Die Heiratsfrage war und bleibt die wichtigste soziale Frage, zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften, in denen geheiratet wird. Hier zeigen sich die Klassen-, Schichten- und Gruppengrenzen deutlich und klar. Was sonst so erzählt wird, sind bloß Meinungen.
11. Purzelbaum
Alex und die Verkehrstoten
30. Oktober 2020. In diesen bizarren Krisenzeiten ziehen Krisenkritiker die Masken über die Hirne, statt über Mund und Nase, und tun schlau auf Niederniveau. So hat der braunsenile Alex im Bundestag gemeint, die derzeitigen Maßnahmen gegen die Pandemie seien vergleichbar mit dem Vorhaben, die Verkehrstoten durch die Abschaffung des Verkehrs zu verhindern. Das klingt clever, ist aber bloß doof, typisch AfD eben: die Alternative für Doofe. (Ich weiß, ich weiß: never make jokes with names. Aber es gibt Niveaus, die stecken an, wenn man sich auf sie herablässst.)
Jedenfalls verhält es sich in Wahrheit so: Die Zahl der Verkehrstoten ist in den letzten Jahrzehnten gesunken, obwohl der Verkehr zugenommen hat. Warum? Weil zum Beispiel eine Gurtpflicht eingeführt, kontrolliert und mit Strafgeldern durchgesetzt wurde; weil die Kopfstützen eingeführt, ihr Vorhandensein kontrolliert und ihr Fehlen mit Strafgeldern geahndet wurde; weil Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote eingeführt, kontrolliert und Regelverletzungen mit Strafgeldern sanktioniert wurden. So würde der Vergleich des älteren Herrn im braunen Jacket den Tatsachen entsprechen: Die Verkehrstoten nahmen ab, weil die Verkehrsregeln zunahmen. Ergo - ach, lassen wir's.
PS
Das war schon wieder ein unpurzeliger Purzelbaum. Soll nicht mehr sein.
10. Purzelbaum
"Ehrenpflegas"
13. Oktober 2020. Der Titel entspricht dem Titel der fünf Episoden, den die Produzenten von Fuck you Goethe im Auftrag der Familienministerin Giffey hergestellt haben, um junge Leute dazu zu bringen, über eine Ausbildung als Pflegekraft nachzudenken. Die 'Mache' ist recht lustig, die Sache ziemlich verlogen. In der letzten Folge zum Beispiel behauptet die Hübsche, in die Boris, der Klischeeblödmann mit Herz, verliebt ist, ihr Vater sei Anwalt. Nie und nimmer! Töchterchen von Anwälten machen keine Ausbildung zur Pflegerin, sondern studieren und werden selber Anwältin. Oder Ärztin. Oder sie studieren Management, leiten später eine Pflegeheimkette und sind mitverantwortlich für die unverantwortlichen Zustände in vielen Pflegeheimen: für die Überlastung des Personals, für die Schlechtbezahlung des Personales, für die Mangelbetreuung der Heimbewohner. Zur coolen Lügenbotschaft dieses ministeriellen Clips passt die uncoole Wirklichkeit nicht. Die kommt im Clip denn auch nicht vor. Man soll ja nicht 'humorlos' sein (erwartbarer Pressesprechervorwurf an die Kritiker der Filmchenserie), aber wenn man abgelacht hat, könnte man sich den Basics zuwenden und fordern: Bessere Arbeitsbedingungen und bessere Bezahlung für die Pflegekräfte.
PS
Das war jetzt ein unpurzeliger Purzelbaum. Muss auch mal sein.
9. Purzelbaum
Fragen eines alten weißen Mannes
30. September 2020. Ich bin ein alter weißer Mann und nicht einmal schwul. Also komme ich bestimmt in die Hölle. Vorher hätte ich noch ein paar Fragen:
Ist es rassistisch, wenn mir angesichts eines Streits zwischen zwei schwarzäugigen und -häutigen Drogenhändlern im Görlitzer Park in Berlin durch meinen grauhaarigen alten Männerkopf schießt: Schwarze Leute sollten im Weißenland zusammenhalten.
Ist es rassistisch, wenn mir angesichts einer Rolex am Handgelenk eines schwarzen Mannes durch meinen alten Männerkopf geht, ob der wohl auch zu den Schlöchern gehört, die zuhause die Leute unterdrücken und ausbeuten, und dann, wenn sie auf die Unterdrückung und Ausbeutung des Schwarzen durch den Schwarzen angesprochen werden, das als Neokolonialismus bezeichnen.
Ist es rassistisch, wenn ich mich darüber wundere, dass man in meinem Kreuzköllner Pseudokünstlerkiez nicht 'Neger' sagen darf, denselben aber schlechtbezahlt in die Küche stellen kann.
Ist rassistisch, wenn ich mich noch mehr darüber wundere, dass schokoladenbraune Leute, wenn sie zum Beispiel amerikanische Senatorinnen sind oder amerikanische Präsidenten waren, von jungen weißen Kommentatorinnen als 'schwarze' Senatorinnen und als der 'erste schwarze' Präsident bezeichnen werden. Wieso schwarz. Das möchte ich erst einmal sehen: Einen richtig schönen dunkelschwarzen Mann mit Kraushaar und Wulstlippen im Weißen Haus.
Ist es rassistisch, wenn ich mir als Nachfahre von Leibeigenen von den Nachfahren einer sklavenhandelnden Häuptlingsfamilie nicht diesen Handel vorhalten lasse, den sie selbst als schwarze Häuptlingsschicht mit den weißen Herrenmenschen getrieben haben.
Was einem so alles einfällt als alter weißer Mann, der nicht einmal schwul ist und bestimmt in die Hölle kommt.
8. Purzelbaum
Das Sein bestimmt das Bewusstsein
17. November 2019. Was habe ich mich in den frühen 80ern während meiner Frankfurter Grundstudiumsemester 'kritisch' mit Marxens Feststellung beschäftigt: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Ich lasse die Anführungszeichen weg, weil der Satz nicht vollständig und nicht ganz korrekt wiedergegeben ist. Es kommt mir jetzt nicht auf Textinterpretation an, sondern auf Lebenswahrheiten. Eine dieser Lebenswahrheiten ist: Das Sein bestimmt das Bewusstsein! Dieser Satz trifft zu, und zwar in einer Brutalität und Primitivität, wie ich es mir als junger Hund, der noch viel Leben vor sich hat, nie hätte träumen lassen, und wie ich es als alter Hase, der schon viel Leben hinter sich hat, nur beweinen kann - obwohl Hasen, glaube ich, gar nicht weinen können, auch alte nicht.
In der Theorie hatte der Satz mit dem zu tun, was man damals Ideologie nannte. Später nannte man es 'Diskurs', heute sagt man 'Narrativ'. Aber auch auf diese 'Eskamotierungen' kommt es mir nicht an. 'Eskamotierung' ist ebenfalls einer dieser Marx-Termini, die sich auf das Ideologische beziehen, auf das Verschleiernde, Versteckende, Wegredende und Weglügende. Die Vokabel 'Narrativ' verschleiert das Interesse, das die Vokabel 'ideologisch' annonciert, weil das 'Narrativ' nahelegt, es gäbe halt verschiedene 'Erzählungen', und alle seien gleich viel wert. Sind sie nicht!
Wenn junge Hunde alte Hasen jagen, gibt es viel Gebell. Wenn alte Hasen sich vor jungen Hunden retten, stellen sie die Löffel auf und hören, woher das Gebell kommt. Das Gebell kommt immer vom Wollen - will sagen: die Leute sagen, auch wenn sie sagen, was sie wirklich denken, hauptsächlich das, was gut für sie ist und zu ihrem Leben passt. Es handelt sich um Lebensäußerungen und Interessenbekundungen. Das kann gar nicht anders sein. Denn der Mensch denkt, um zu leben. Nur die Intellektuellen machen es umgekehrt. Oder versuchen es wenigstens. Oder tun so, als würden sie es versuchen.
Dem, was die Leute sagen, wenn sie sagen, sie hätten kein 'eigenes Interesse', ist selten zu trauen. Dem, was sie sagen, wenn sie gerade wirklich kein Eigeninteresse haben, auch nicht. Um es mit einem eher harmlosen Beispiel zu veranschaulichen: Auf einer meiner Lesereisen anläßlich meines Buches über die Lutherzeit habe ich Predigten zitiert, in denen Luther gegen das Zinsnehmen wettert. Des weiteren berichtete ich, dass damals in etlichen Städten die Räte eine Zinsobergrenze von 5 %, mitunter sogar nur 3 % festlegten (oder festlegen wollten, bis 'das Kapital' mit Abwanderung drohte). Im Publikum erfolgten zustimmende Reaktionen zu Luthers Kritik am Zins. Nach der Lesung ging ich mit einigen Leuten noch einen trinken. Man kam auf dies und das, wie es halt so ist, wenn man auf das und dies kommt. Irgendwann kam man auch darauf, dass es eine Schande sei, wie wenig Zinsen man heutzutage für sein Erspartes bekomme, nämlich meistens gar keine. Während der Lesung fanden es die Leute gut, dass der Luther den Zins schlecht fand. Als es in der Kneipe um's eigene Geld ging, fanden es die Leute schlecht, dass sie keine Zinsen bekommen. So ist das Leben. Und so ist es mit dem Sein und dem Bewusstsein.
7. Purzelbaum
Klimaschwänzer
17. März 2019. Am letzten Schwänzerfreitag waren zahlreiche schulpflichtige junge Leute unterwegs, um ihren Protest gegen den Klimawandel, zu dem sie selbst maßgeblich beitragen, auf die Straße zu bringen. Ich war auch unterwegs, um in einem dieser Medienmärkte am Alexanderplatz nach einem neuen Computer zu suchen, weil mein alter, den ich übrigens vor Jahren gebraucht erworben habe, den Geist (den er nicht hat) aufzugeben droht.
Am Alexanderplatz gibt es auch einen großen Primark, wo billig produzierte Klamotten verkauft werden, brutalstbillig produziert in Asien, in Bangladesch zum Beispiel, und zwar von jungen Menschen und Mädchen aus der Alterklasse von Greta-Sie-wissen-schon.
Die um ihre Zukunft besorgten Klimaschutzjugendlichen gingen nach der Demo shoppen, völlig unbekümmert um die schlimme Gegenwart ihrer ausgebeuteten Altersgenossinnen. Und die meisten von ihnen hielten Smartphones in den Händen, die schließlich auch nicht auf den Bäumen des Regenwalds wachsen.
Smartphones brauchen Akkus, und Akkus brauchen Kobalt. Wo kommt dieses Kobalt her? Wer baut es ab? Wie geht der Abbau vonstatten? Das nur als Beispiel. Für Gegenwartsfragen wie diese bringen die jugendlichen Retter der Zukunft kein Interesse auf. Sie haben das mit ihren Eltern gemeinsam.
Die mittelschichtigen Konsumkinder mit ihren Klimasorgen üben auf ihren Demonstrationen eben jene Scheinheiligkeit ein, mit der ihre mittelschichtigen Konsumeltern seit jeher über die Runden kommen: Umweltfeindlich leben, umweltfreundlich reden. Eine schlechte persönliche Öko-Bilanz bei möglichst gutem Gewissen. Im Carport der SUV, im Gemüsefach die Bio-Tomate; den Billigflug fürs Konto, Greenpeace fürs Gemüt; den Wal im Herzen, den Thunfisch in der Dose; die Verbrauchslust für den guten Alltag, die Verantwortungslast für die böse "Politik" - das ist die neue ökologische Bigotterie, verlogen und abstoßend wie die alte religiöse. Ach schmelzt, ihr Polkappen, schmelzt, auf dass eine neue Sintflut die Erdlinge vom Planeten spült. Und, bitte lieber Gott, diesmal keine Arche, um Himmels Willen keine Arche!
6. Purzelbaum
Fair oder Fake
25. Dezember 2018. Als ich noch im ‚aktiven Dienst’ in einer Redaktion war, das ist gut zwanzig Jahre her, bekam ich es mit einem ‚Fall’ von Textdiebstahl zu tun. Der von Lesern überführte Journalist konnte oder wollte (wohl aus Trotz) nicht garantieren, dass der Fall ein einzelner blieb. Beim jetztigen Spiegel-Fall, ich mag mir mit dem Tippen des Namens nicht die Finger schmutzig machen, geht es nicht ums Abschreiben, sondern ums Erfinden von ‚Fakten’. Vor etlichen Jahren gab es schon einmal den Fall eines bekannten und ausgepreisten Journalisten, der Prominenten-Interviews gefälscht hat, bis er aufgeflogen ist. Seltsamerweise blieb das in der Berichterstattung über den neuen Fall unerwähnt. Vielleicht hätte die Erinnerung daran den Verdacht erweckt, dass es sich bei all dem eben nicht bloß um sogenannte ‚Einzelfälle’ und ‚schwarze Schafe’ handelt, sondern um Symptome einer ellenbogigen Konkurrenz- und i-Gesellschaft, i wie Ich und Ego.
Was mich bei Leuten, die ‚sowas’ machen, vor allem abstößt, persönlich wie professionell, ist die Unfairness den anderen gegenüber. Diese Unfairness ist das eigentliche Problem, zumal ihr Erfolg die Fairness der anderen zur Voraussetzung hat – so, wie die Lüge nur deshalb funktioniert, wenn die Belogenen an die Wahrheit glauben.
Seinerzeit habe ich rundheraus erklärt, dass ich mit dem betroffenen Journalisten nicht mehr zusammenarbeiten werde, und habe das damit begründet, dass ich nicht möchte, dass solche Leute überhaupt Journalismus machen. Also die berufliche Todesstrafe, wurde ich vorwurfsvoll gefragt. Also die berufliche Todesstrafe, habe ich ohne mit der Wimper zu zucken geantwortet – und würde heute wieder so antworten. Ich will, dass es solche Leute nicht gibt, eigentlich nicht nur im Journalismus nicht, und auch nicht nur nicht in einem anderen Beruf, sondern überhaupt nicht.
Auf ‚strategische Kommunikation’, wie studierte Schlaumeier das professionelle Lügen und politische Intrigieren nennen, sowie auf geplante Unfairness reagiere ich allergisch, nahezu physisch allergisch. Kann sein, dass ich deshalb auch überreagiere. Jedenfalls kann ich Vordrängler und Vorspiegler auf den Tod nicht ausstehen, seien es Fake-Journalisten wie der smarte Spiegel-Star oder Fake-Doktoren unter Politikern (dazu die Offenen Briefe vom 23. 2. und 2. 3. 2011 an den zu Guttenberg weiter unten) oder biographische Schönfärber oder akademische Hochstapler oder literarische Maulhelden oder auch nur Vordrängler in einer Schlange oder im Stau.
Die Welt wäre besser, wenn es solche Leute nicht gäbe. Obwohl manchen dann vielleicht manches fehlen würde: Angeberautos in der Garage, Angeberuhren am Handgelenk, Angeberphones am Ohr – na und so weiter, das ganze Statuszeug eben, aus dem das soziale Signalement der Angeberelite und ihrer zweitrangigen Nachäffer besteht.
5. Purzelbaum
B 11
19. September 2018. Ein Monatsgehalt von 2.580 Euro brutto ist zwar nicht direkt spitze, aber es gibt viele Menschen, die deutlich weniger verdienen. 2.580 Euro ist der Unterschied zwischen der Besoldungsgruppe B 9 und der Besoldungsgruppe B 11. B 9er bekommen monatlich 11.577 Euro, B 11er monatlich 14.157 Euro. Hans-Georg Maaßen wurde als Präsident des Bundesverfassungsschutzes mit B 9 und wird künftig als Staatssekretär im Bundesinnenministerium mit B 11 bezahlt. Er bekommt also jeden Monat 2.580 Euro mehr, soviel mehr, wie viele monatlich nicht verdienen. Das kann man alles erklären. Verstehen kann man es nicht. Das kann man mit Regelungen und Besoldungsrecht, mit politischen Kompromissen und Notwendigkeiten rechtfertigen. Verstehen kann es nicht. Die politische Machtelite hat das Gespür für die gewöhnlichen Leute, die so etwas nicht verstehen können, verloren. Sie hat das Gespür für diejenigen, die sie zu repräsentieren vorgeben, so sehr verloren, dass sie noch die Schuld dafür, dass sie von den gewöhnlichen Leuten nicht mehr verstanden werden, bei den gewöhnlichen Leuten suchen, nicht bei sich selbst. Der politisch moralischen Verrottung bei den Eliten entspricht die politisch moralische Verrohung bei den gewöhnlichen Leuten. Beides zusammen erzeugt das Klima, aus dem das entsteht, was die Eliten 'Populismus' nennen. Wären die alten Eliten etwas populistischer, würde so etwas wie im Fall Maaßen nicht passieren, nicht unter diesen Umständen und nicht auf diese Weise. Wenn Machtinstinkt und Herrschaftsroutine sich in einer Demokratie zum Gesindelhaften hochsteigern, ist das ein Zeichen des Niedergangs. Wehe, wenn darauf keine politisch moralische Erneuerung aus dem Inneren der Demokratie erfolgt.
4. Purzelbaum
Salatschleuder
11. Februar 2018. Ich bin in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich habe eine Salatschleuder gekauft. Lange wusste ich nicht einmal, was eine Salatschleuder überhaupt ist. Und nachdem ich während meines Studiums entdeckt hatte, dass es so etwas wie Salatschleudern gibt, wären keine zehn Pferde und nicht einmal eine Frau in der Lage gewesen, mich zu einer solchen Anschaffung zu bewegen. Das Wort allein macht mir immer noch Gänsehaut. Wofür um alles in der Welt braucht der Mensch, vor allem, wenn er ein Mann ist, eine Salatschleuder? Um den Salat nach dem Waschen zu trocknen. Warum muss man Salat trocknen? Damit das Dressing schön haftet. Aha.
Das alles habe ich nun eingesehen und eine Salat-, aber das sagte ich ja bereits. Auch, dass ich mit ihr in der Mitte der Gesellschaft angekommen bin. Alles mögliche kommt irgendwann in der ‚Mitte der Gesellschaft’ an. Man muss nur regelmäßig Zeitung lesen, Radio hören, Fernseh gucken, dann erfährt man immer rechtzeitig, was gerade ‚in der Mitte der Gesellschaft angekommen’ ist. Die AfD zum Beispiel. Oder die Homo-Ehe. Oder die Steuerhinterziehung.
Nein, ich bin nicht homophob und vergleiche die Homo-Ehe weder mit der AfD und noch mit Steuerhinterziehung, obwohl nicht auszuschließen ist, dass es mitten unter uns homophobe AfDler mit hinterzogener Steuer gibt.
Ich wollte aber nicht über die AfD schreiben, sondern über meine neue Salatschleuder, mit der ich in der - genau.
Die Schleuder ist orange. Orange wie die Revolution in der Ukraine. Steht nur zu hoffen, dass meine orangene Salatschleuder länger hält als die orangene Revolution. Revolutionen halten nie lange. Sonst wären sie permanent, und das hält kein Mensch aus, nicht auf die Dauer. Deshalb kommt metaphorisch gesprochen immer ein Stalin und macht der „permanenten Revolution“ ein Ende, notfalls mit dem Eispickel. Schluß damit. Meine Assoziationen tun ja so, als würde ich auf der Couch liegen, nicht am Schreibtisch sitzen. Wo so eine Salatschleuder überall hinführen kann. Aber was ich noch fragen wollte: Kann man damit eigentlich auch Socken schleudern? Dann müsste man wegen eines einzigen Paars nicht extra den Trockner anwerfen.
3. Purzelbaum
Neger aus Shithole-Country
14. Januar 2018. Trump hat wieder einen fahren lassen, und die Kulturlinke hält sich angeekelt die Nase zu. Mit dem Negern ist das so eine Sache, damit ist nicht zu spaßen. Würde man in meinem kulturlinksbigotten Berliner Kiez in einer Kneipe „Neger“ sagen, müsste man damit rechnen, auf der Stelle verbal gelyncht zu werden. Guckt man allerdings den kulturlinksbigotten Kiezkneipen in die Küchen, sieht man dort häufig schwarze Männer hantieren. Das liegt nicht an der Multikultur, sondern an den Stundenlöhnen. Man darf nicht „Neger“ sagen, kann ihn aber schlechtbezahlt in die Küche stellen. Man darf ausbeuten, aber stets mit Respekt.
Nun hat der seltsame Präsident dieser seltsam scheußlichen Demokratie von „Dreckloch“-Ländern gesprochen, das heißt, genau genommen von Shitholes. Komisch übrigens, dass die Medienleute, die sonst nicht eben sparsam mit englischem Vokabular sind, es in diesem Fall mit einer Verdeutschung versuchen, und zwar so durchgehend, dass man schon von Selbstgleichschaltung sprechen kann. Also „Dreckloch“ statt „Shithole“. Das ist aber nur eine Nebensache. Die Hauptsache ist, dass unsere Empörungsprofis sich und ihre Kritik wieder einmal am Symbolischen profilieren und die Sache dabei aus den Augen verlieren. Mit „Shitholes“ meint der seltsame Präsident „Scheißländer“. Die Afrikanische Union hat dafür eine Entschuldigung gefordert. Man dürfe ihre Mitglieder nicht „Scheißländer“ nennen. Aber was ist ein Scheißland? Ein Scheißland ist ein Land, aus dem die Leute zu Tausenden und Hunderttausenden fortlaufen oder fortlaufen müssen, weil es nicht auszuhalten ist. Und warum es nicht auszuhalten ist, hat wenig mit dem bösen weißen Mann zu tun und viel mit der brutalen schwarzen Kleptokratie und Bereicherungselite der Scheißländer, die man nicht so nennen darf.
Der Afrikanischen Union gehören ziemlich viele Scheißländer an. „Failed states“ wie Somalia zum Beispiel oder der Sudan oder die zwei Sudane. Was sind „Failed states“? Scheißländer! Das ist vulgär - und die Wirklichkeit, die noch viel vulgärer ist. Der Kongo ist ein Scheißland, d. h. alle beiden Kongos in der Afrikanischen Union sind Scheißländer. Mali ist ein Scheißland. Liberia ist eines. Libyen wäre eines, wenn es dieses Land noch gäbe. Nigeria ist eines. Eritrea ist eines. Äthiopien ist eines. Und wenn man der südafrikanischen Regierung auf die Finger schaut, nur so von weitem, und wenn man das, was man dann zu sehen bekommt, an den Maßstäben eines halbwegs ordentlichen, humanen, demokratischen Regierens und Verwaltens misst, dann ist auch Südafrika eines, ein richtiges Scheißland. Die Liste der Scheißländer ist lang, die Liste der Mitglieder der Afrikanischen Union auch. Die Liste der Mitglieder der Afrikanischen Union, die keine Scheißländer sind, ist dagegen recht kurz.
PS
Die in Namibia haben jetzt auch dagegen protestiert, als Shithole-Country eingestuft zu werden. Ein Safari-Unternehmen tubte einen satirischen Clip gegen Trump, der recht komisch ist, bei näherer Betrachtung allerdings unfreiwillig. So setzen sie der Scheißlandisierung entgegen, dass in ihrem Land an 300 Tagen die Sonne scheint, dass sie viele Elefanten und eine große Wüste haben. Alles Sachen, für die man in Namibia nicht wirklich was kann. Wie sieht es mit den Sachen aus, für die man in Namibia doch was kann? Ziemlich scheiße. 18 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze (der von Namibia), 10 Prozent der Bevölkerung haben HIV, und beim Entwicklungsindex befindet sich das Land auf Platz 125 (von 188 Plätzen). Aber sie haben viel Sonne, die in Namibia, und viel Wüste und viele Elefanten. Und die reichen Touristen aus den reichen Nichtscheißländern können schöne Safaris dort machen, weshalb es auf Youtube diesen scheißlustigen Clip zu clicken gibt.
Nachtrag aus 'berufenem Munde'
"Die unter euch, die nie in Nigeria waren, die nicht die Lage in Nigeria kennen – ihr wißt nicht, wovon ihr redet. Wenn ihr euch verletzt fühlt: Vergeßt Facebook, vergeßt Instragram, vergeßt, was ihr im Ausland macht, das mag alles nützlich und sinnvoll sein, und fragt euch, was ihr tun könnt, um unser verdammtes Drecksloch-Land zu reparieren. Wenn ihr nichts tut, dann seid auch nicht beleidigt." Chaz Chiazo Ogbu
2. Purzelbaum
Fragen zur Jahreswende
Am ersten Tag des Jahres 2018. So! Wieder ein Kalenderjahr durchlebt. Auf in die nächste Runde! Was sie wohl bringen wird? Vor vielen Jahren habe ich bei silvestrigem Bleigießen einen Pleitegeier gegossen. 'Pleitegeier' war das erste, was mir zu dem Gebilde einfiel, das ich damals in der Jahreswechselnacht aus der Taufe hob, oder aus dem Kühlwasser. Es ist dann nur halb so schlimm gekommen. Und als wenig weltberühmter Schriftsteller hat man schon froh zu sein, wenn es nur halb so schlimm kommt. Inzwischen geht es sogar ganz gut.
Und außerdem: Es dreht sich ja nicht nur um Geld und Einkommen, sondern auch um die Gesundheit und ums Fortkommen. Und je älter man wird - ach, sei's drum. Was soll man machen!
Was soll man machen, wenn nette junge Leute anfangen, einem in der U-Bahn Sitzplätze anzubieten?
Wenn bei Diskussionen Argumente vor allem wegen der grauen Haare gewürdigt werden, die auf dem Haupt von dem wachsen (oder nicht einmal mehr das), der sie vorbringt?
Wenn die Eltern um so vernünftiger werden, je älter man selbst wird? (Das jedenfalls hat Mark Twain behauptet.)
Wenn man sich bestimmte Verhaltensweisen verkneift, weil man nicht als spätinfantiler oder frühseniler Lustig-Opa missverstanden werden will?
Wenn man sich an manchen schwachen Tagen so alt fühlt, wie man nie werden wird?
Wenn man mit Bedacht darauf achtet, dass früher nicht alles besser war? (Und wenn ein Satz wie dieser kryptisch wirkt, aber dennoch richtig ist?)
1. Purzelbaum
Purzelnde Bäume
Im Oktober 2017. Das Leben! Ohje, ohweh, das Leben! Es spielt Schicksal und schlägt zu, oder es schlägt Kapriolen, oder es schlägt Purzelbäume. Während diese Kolumne auf ihre Eröffnung wartete, weil der Verfasser Wichtigeres zu tun hatte, als vor Publikum Purzelbäume zu schlagen, hatte das Leben nichts Wichtigeres zu tun, als Bäume purzeln zu lassen. Es schickte Xavier übers Land, warf Kräne um, machte Autos kaputt, schlug Leute tot und legte meiner Frau und mir vier Birken übers Dach. Schön vorsichtig zwar, damit nur der First zu Bruch ging, nicht auch noch der Dachstuhl, aber was machst du, wenn du nach Hause kommst, und es liegen vier fünfzehn Meter hohe, das heißt im Liegen eher lange Birken überm Dach? Denkst du dann an Max Herrmann-Neiße? Der expressionistische Dichter hat ein wunderschönes Gedicht auf die Birke geschrieben, das du mal auswendig konntest: die Zeile "Birke, auflodernde Güte, Birke Diana des Glanzes" kommt darin vor. Nein, du denkst nicht an Herrmann-Neiße, dem das Leben und die Nazis ganz andere Schicksalsschläge zufügten. Du denkst an die Feuerwehr. Weil du nicht der einzige bist, der in dieser Nacht an die Feuerwehr denkt, musst du lange an sie denken, bis sie kommt. Als es soweit ist, sägt sie einen Seitenast an einem der vier Stämme ab. Mehr können wir nicht tun, sagen die ehrenamtlichen Feuerwehrmänner, sonst reißen wir das Dach ein.
Also geht man schlafen, mit vier Birken auf dem und noch mehr Löchern im Dach, und hofft, dass der Dachstuhl von der auflodernden Güte nicht einfach erdrückt wird. Und man selbst gleich mit. Auch so kann man im Bett sterben. Am nächsten Morgen hat man überlebt und hofft nach dem Aufwachen für einen kurzen kindischen Moment, dass alles nur ein böser Traum war. Aber die Birken liegen immer noch auf dem Dach. Sie gehen auch von allein nicht wieder runter.
Und so weiter.
Und noch mehr und so weiter.
Es fehlt mir an Geduld, die ganze Geschichte zu erzählen, wie scheibchenweise (mit Kettensägen geschnittene Scheiben) die Baumstämme abgetragen wurden. Es war genug Geduld nötig, alles zu erleben. Wie ja überhaupt das Leben sehr viel mehr Geduld erfordert als die Literatur. Bücher kann man zuklappen, das Lesen von Purzelbaumkolumnen abbrechen. Nur die verdammten Purzelbäume selbst, die kriegst du dadurch nicht vom Dach, im Leben nicht.