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Die Konjunktivkolumne · Stillgelegt

Was wäre, wenn …

Die Konjunktivkolumne

Stillgelegt

Der Koran zu Gast

"Und wenn alle Bäume auf Erden Federn würden, und wüchse das Meer hernach zu sieben Meeren von Tinte, Allahs Worte würden nicht erschöpft."

Aus der Sure 31

Martin Luther zu Gast

"Wenn diese Welt so voll von Eintracht, Frieden und Gerechtigkeit wäre, daß der Bauer dem Fürsten allenthalben gehorsam wäre, das Gesinde dem Herrn, das Weib dem Manne, so würde sich niemand ins künftige Leben sehnen."

Luther, Tischreden

... wir darauf eine Antwort wüßten?

"Wenn wir wern, wo wir wolten, wer wais wo wir wern."

Leonid Andrejew zu Gast

"Es versteht sich von selbst, dass ich mein Vaterland Russland liebe und würde es überfallen werden, sei es von einem Narren oder Wahnsinnigen, so müsste ich es verteidigen. Das ist wie gesagt selbstverständlich, und ich spreche in der Aufrichtigkeit meines Gewissens, so wahr Gott lebt, dass ich, wenn ich noch militärpflichtig wäre, es mir auch keinen Augenblick überlegte, mich zu fügen, dass ich mich krank stellen, Protektionen ausnützen, mich irgendwo verstecken würde, sondern marschierte, ohne gezwungen werden zu müssen, auf dem Felde stünde, auf meinem Posten wartete, allein oder mit den anderen, bis man mich tötet oder ich töte, wie es dort eben sein muss.

All dies ist selbstverständlich, und es handelt sich darum, dass ich zum Glück fünfundvierzig Jahre alt bin und das volle Recht habe, mich nicht vom Fleck zu rühren, denken und urteilen kann, wie ich will, ein Feigling oder Narr, oder vielleicht kein Narr - sein darf. Das ist mein gutes Recht, mein Schicksal! Anstatt Ilia Petrowitsch Dementjew zu heißen und in Petersburg auf dem Potstamskoi-Platze zu wohnen, hätte ich ebensogut irgendein Belgier sein können und könnte nun bereits von den deutschen Geschossen ins Verderben gebracht worden sein. Aber ich bin Ilia Petrowitsch, der fünfundvierzig Jahre alt ist, auf dem Potstamskoi-Platz in Peterburg wohnt, wo die wilden Germanen nie hingelangen werden, und ich bin glücklich.

Ja, und was könnte nicht alles sein! Statt an unserem Bankhaus angestellt, das fest wie eine Mauer steht und alle Anstöße des Krieges aushalten wird, könnte ich an irgendeinem kleinen Unternehmen beteiligt sein, das jetzt schon erschüttert ist, wie so viele es sind [...] Oder ich könnte ein Pole aus Kalisch sein, oder auch ein Jude, wie ein Aas im Graben liegen, oder an einem Strick hängen; jedem sein Schicksal."

Tagebuch-Eintrag (29. 8. 1914) des fiktiven Ilia Petrowitsch Dementjew in Das Joch des Krieges von Leonid Andrejew (siehe auch Beste!Bücher)

Lichtenberg zu Gast

"Was der Mensch könnte geworden sein, will ich nicht wissen. Was hätte nicht jeder werden können? Sondern ich will wissen, was er ist."

Georg Christoph Lichtenberg: Über Physiognomik, 1778

Wolf Helmhard von Hohberg zu Gast

"Hätten wir das Holz nicht, dann hätten wir auch kein Feuer, dann müßten wir alle Speisen roh essen und im Winter erfrieren; wir hätten keine Häuser, hätten auch weder Kalk noch Ziegel, kein Glas, keine Metalle. Wir hätten weder Tische noch Türen, weder Sessel noch andere Hausgeräte."

von Hohberg: Georgica curiosa, 1682

Gellert zu Gast

"Was würde nicht die einzige Gewissheit der Art und des Tages unseres Todes für Unheil stiften! Was würden die guten Zufälle, was die bösen, welche unwidertreiblich wären, und solche würde es allezeit in der Liste der Begebenheiten unseres Lebens geben, für Folgen nach sich ziehen! Hier würden ganze Häuser wegen des bevorstehenden Unglücks wehklagen. Dort würden Trunkene vor Freuden und Vergnügen wegen des nahen Glücks herumtaumeln. Keiner würde mehr arbeiten, keiner das gemeine Beste befördern wollen. Wie oft würde man aus Verzweiflung sich selbst oder andern das Leben nehmen! Der Vater würde seinen Sohn in der Wiege umbringen, ehe er ihn im dreißigsten Jahr auf dem Rabensteine sterben sähe. Den Freund, der uns morgen unser Glück rauben sollte, würden wir heute aus dem Wege räumen; und morgen hätten vielleicht andre uns aus Rache, oder wir aus Reue uns schon selbst umgebracht. Kurz, die Welt würde nicht lange bestehen können, wenn wir unser Schicksal umständlich voraus wüßten."

Christian Fürchtegott Gellert: Warum es nicht gut sei, sein Schicksal vorher zu wissen

Schopenauer zu Gast

"Wenn die Welt nicht etwas wäre, das, praktisch ausgedrückt, nicht sein sollte; so würde sie auch nicht theoretisch ein Problem sein: vielmehr würde ihr Dasein entweder gar keiner Erklärung bedürfen, indem es sich so gänzlich von selbst verstände, daß eine Verwunderung darüber und Frage danach in keinem Kopfe aufsteigen könnte; oder der Zweck desselben würde sich würde sich unverkennbar darbieten."

Die Welt als Wille und Vorstellung, Kapitel 46: "Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens"

...Eva und Adam vom Baum des Lebens gegessen hätten?

Dann wären der Menschheit diese ganzen Geschichten mit der Geschichte erspart geblieben. Geschichte gibt es nur, weil es Macht gibt; und Macht gibt es nicht ohne Angst; und die mächtigste Angst ist die Angst vor dem Tod. Hätten unsere 'Ureltern' vom Baum des Lebens gegessen, hätte Kain den Abel nicht umgebracht, denn wer ewig lebt, kann nicht ermordet werden. Wer nicht sterben muss, braucht nicht zu gehorchen, und wer nicht töten kann, kann auch nicht herrschen. Ohne den Tod und die Angst vor ihm ist Geschichte nicht denkbar. Wenn es aber die Schrecken der Geschichte nicht gibt, wird auch die Gegenwart nicht durch die Angst vor der Zukunft vergiftet.

Selbstzitat aus meinem Buch Hat Gott noch eine Zukunft? Glaube - Alltag - Transzendenz; Hirzel Verlag, Stuttgart 2013

...Friedrich Staps Napoleon erstochen hätte?

18.8.1756, Rousseau an Voltaire: "Wenn irgendein tragischer Zufall Cartouche oder Cäsar in ihrer Kindheit dahingerafft hätte, hätte man dann gefragt: Was haben sie verbrochen?"

Jean Paul zu Gast

Anläßlich des 250sten Geburtstages von Jean Paul etwas aus seiner Konjektural-Biographie:

"Wir würden alle den Tod schöner finden, wenn er unsere Hülle nur entseelte, nicht zerlegte - ferner wenn wir die Trauer, die uns geliebte fremde Gräber geben, nicht verwirrend in das Bild des unsrigen übertrügen - ferner wenn wir uns nicht im Leben so recht wie in einem warmen häuslichen eingewohnten Neste* festgesessen hätten, aus dem wir nicht gern aufwollen in den hohen kalten Himmel - und endlich würden wir den Tod verschönern, wär' er uns versagt."

* "Die Menschen fürchten weniger die Vernichtung als eine hohe Art des Seins. Wenn z. B. der Tod darin bestünde, dass jedes Jahr ein Komet an der Erde tief vorüberflöge und die Alten und Kranken lebendig zu sich aufrisse, unter eine Gesellschaft hoher Geister: so würden die meisten Kanzlei-, Forst- und andere Bedienten nicht wissen, was sie davon haben, dass sie droben in einem fort seraphisch verfahren sollen, indes sie unten die besten Sonntagsbraten und Kränzchen und Tabaksrollen wissen."

Zugabe aus dem Hesperus: "Die Philosophen sehen vor lauter Möglichkeit die Wirklichkeit nicht".

... "der" 11. September nicht gewesen wäre?

11.9.2011. Dann wäre alles anders als es wäre, wenn nicht alles anders wäre. Was ging damals nicht alles zu Ende. Die Spaßgesellschaft zum Beispiel. Dabei hat die Spaßgesellschaft mit dem Zuendegehen nur Spaß und danach solche Fortschritte gemacht, dass Rückschritte auf ein Niveau unter dem anderen nicht mehr aufzuhalten sind.

Jetzt fallen die „Zwillingstürme“ zum zehnten Mal in sich zusammen. Schon zum ersten Jahrestag 2002 waren die Fernsehbilder zur Deckerinnerung geworden. Heute sind sie Geschichte. Vor allem Fernsehgeschichte. Bei uns ist alles Fernsehgeschichte. Sogar das, was die Leute mit eigenen Augen gesehen haben. Den „Fall der Mauer“ zum Beispiel. Man kann sich nur schwer erinnern, was man mit eigenen Augen und was mit eigenen Augen im Fernsehen gesehen hat. Beim Fall der „Zwillingstürme“ haben alle, die nicht in New York in der Nähe waren, alles mit eigenen Augen im Fernsehen gesehen. Auch die kleinen schwarzen Punkte, die außen an den Fassaden hinunter glitten, schrecklich. Man blinzelte, weil man dachte, es seien so Pünktchen auf der Linse.

Im Internet wurde damals der „Voyeurismus der Medien“ und die „Katastrophengeilheit der Zuschauer“ gegeißelt. Naja. Der Deutsche Presserat ließ die Peitsche stecken. Die Bilder seien „Dokumente des Zeitgeschehens“. Naja. Bloß ein Kommentar der Ostfriesischen Nachrichten wurde gerügt. Der Kommentator hatte gefordert, mit Osama Bin Laden und Saddam Hussein „kurzen Prozess“ zu machen „ohne mit irgendwelchen Menschenrechtlern herumzudiskutieren“.

Im Fall Bin Laden dauerte der „kurze Prozess“ zehn Jahre lang, und am Ende fand gar keiner statt. Im Fall Hussein war es kürzer und mit Prozess. Erst fing man ihn in einer Erdhöhle, dann leuchtete man ihm in die Mundhöhle, dann stellte man ihn vor Gericht, dann zog man ihm eine schwarze Kapuze über, dann streifte man ihm einen gedrehten Strick um den Hals, dann – man kann es im Internet ansehen, so oft man will, so lange man geil ist. Naja. Nichts ist voyeuristischer und katastrophengeiler als das Internet, in dem vor zehn Jahren der Voyeurismus und die Katastrophengeilheit kritisiert wurden.

Wissen Sie eigentlich, wann es losging? Ich meine, man sieht es derzeit dauernd losgehen, rund um die Uhr, auf allen Programmen. Ununterbrochen fallen die „Zwillingstürme“ zusammen. Der Himmel ist blau. Ein Flugzeug kommt geflogen. Es fliegt in den einen Turm und macht einen schönen Feuerball. „Wie in einem Hollywoodfilm.“ Eine dunkelgraue Rauchwolke breitet sich aus. Dann kommt noch ein Flugzeug geflogen. Und so weiter. Dann fällt erst der eine Turm in sich zusammen. „Wie in einem Hollywoodfilm“. Dann der andere. Sie gehen zeitlupenschön in die Knie. Jedenfalls sieht es so aus, wenn wir die Wirklichkeit auf dem Schirm haben. In der Wirklichkeit der Wrklichkeit war es 8 Uhr 46, als das erste Flugzeug - naja.

Ich habe die Uhrzeit gerade nachgelesen. In einem Roman. Der Roman ist von Frédéric Beigbeder, heißt Windows on the World und erschien im Französischen Original schon 2003. Die Uhrzeit wird schon stimmen. Es wäre nicht richtig, wenn die Uhrzeit falsch wäre. Auch wenn das Buch nur ein Roman ist. Ich stelle das Buch ins Regal zurück. Sein Umschlag ist blau mit dicken grauen Wolken drauf. Was wäre gewesen, wenn es an diesem Morgen in New York geregnet hätte?

... es Bundessöldner gäbe?

6.7.2010. Die Wehrpflicht ist erledigt, ihr Auslaufen nur eine Frage der Zeit. Zurückbleiben wird der harte Kern einer Berufsarmee, und dieser >stahlharte Kern< wird eine professionelle Interventionstruppe sein. Rekrutieren wird sich diese Truppe aus der unteren Mittel- und der oberen Unterschicht. Auf diese Weise wird die saturierte Mittelschicht mit Kampfeinsätzen und den damit verbundenen lästigen Diskussionen nicht länger behelligt. Einige Aspekte davon wurden im vorletzten Was wäre wenn ... unter dem Titel Was wäre, wenn Wehrpflichtige kämpfen müssten behandelt. Andere Aspekte wurden in der Rubrik Offene Briefe im Brief an Horst Köhler aufgegriffen.

Wenn es völlig normal ist, auf nationaler Ebene die Berufsmilitärs aus den unteren Schichten zu rekrutieren, warum ist dann auf internationaler Ebene eine Rekrutierung nach ähnlichem Muster ein Tabu?

Anders gefragt: Warum wären all diese moralisch so selbstsicheren Berufsarmee-Anhänger schrecklich empört, wenn diese Berufsarmee nicht aus den >Negern< der eigenen Gesellschaft bestünde, sondern aus denen anderer Herkunft? Warum nicht Leute aus aller Herren Länder anheuern, ausbilden und bewaffnen? Wer fünf Jahre >unsere< deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigt, darf hinterher bei >uns< mitmachen und die verteidigte Freiheit genießen. Wäre das kein Vorschlag: Wehrdienst gegen Staatsbürgerschaft? Oder >wir< heuern fremde Legionäre an, besolden sie gut und schicken sie nach Ablauf der Dienstzeit wieder nach Hause, wo immer das auch liegen mag.

Noch einmal: Warum löst die Vorstellung einer Bundessöldnerwehr nur dann Unbehagen bis Empörung aus, wenn diese Söldner aus dem Ausland rekrutiert werden? Und warum findet man die Bundessöldnerwehr völlig normal, wenn sie sich aus unterschichtigen Inländern zusammensetzt? Die Mittelschicht, die putzen lässt, fragt doch auch nicht danach, wo die Leute herkommen, die den Dreck wegmachen. Aber wenn >wir< kämpfen lassen, wollen >wir< wissen, wer den Dreck wegmacht. Das hat wohl damit zu tun, dass man bei einer Bundessöldnerwehr aus reinrassigen Unterschichtsdeutschen und schon eingebürgerten Immigranten die ganze schmutzige Sache besser zum Dienst am Vaterland veredeln kann.

>Süß ist es und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben.< Das kann man in Deutschland von normalen Wehrpflichtigen nicht mehr verlangen. Und von internationalen Mietsoldaten könnte man zwar das Kämpfen und gegebenenfalls das Sterben kaufen, aber nicht ein >süßes und ehrenvolles<. Also hält man sich an die Unterschichtsjugend der eigenen Gesellschaft. Die meldet sich freiwillig, bekommt einen festen Job und ist auch noch begeistert.

... Organe käuflich wären?

12.2.2010. Dann gäbe es wahrscheinlich genug von ihnen. Man stelle sich vor: Nieren, besonders die viel nachgefragten Nieren würden auf einer Organbörse gehandelt. Und es gäbe Optionen, und Optionen auf Optionen, und es gäbe Herzderivate, Leberdividenden und Blutdevisen. Perverse Vorstellung?

Erst einmal eine >rein< marktwirtschaftliche, nicht wahr, in der die unsichtbare Hand, die tatsächlich noch nie jemand gesehen hat, dafür sorgt, dass auf lange Sicht alles gut wird – auch wenn auf lange Sicht alle tot sind, wie Keynes einmal bemerkt hat.

Derzeit allerdings sind schon auf kurze Sicht viele tot, die ein Organ brauchen und keines bekommen. Also noch einmal die Frage: Warum sollen Organe nicht bezahlt werden, warum gilt eine finanzielle Entschädigung bei Spendern als unmoralisch?

Die Ärzte, die Krankenhäuser, die Blutbanken, die Angestellten der Gesundheitsadministration, die Gutachter, die Mitglieder von Bioethikkommissionen, die Beteiligten an den Gesetzgebungsverfahren – alle Menschen, die in irgendeiner Weise mit dem Transplantationswesen befasst sind, werden bezahlt, nur die Spender nicht.

Eine finanzielle Gratifikation für Spender müsste nicht notgedrungen zu einem Markt, zu einer Börse oder einem Basar für Organe führen. Allerdings ist die Übermacht des Denkens in Marktkategorien so groß, dass es nur die Wahl zwischen dem derzeitigen Spendenmodell oder einer Art Organmarktwirtschaft zu geben scheint.

Zwischen der Vorstellung vom anonymen altruistischen Spender auf der einen und der Vorstellung einer Spenderselbstvermarktung auf der anderen Seite scheinen keine weiteren Möglichkeiten zu bestehen. Und so bleibt, wenn man die Vermarktung nicht will, ausgerechnet ein Marktinstrument übrig: die Reklame. Mit Plakaten und TV-Spots sollen die fehlenden Organe eingeworben werden.

Aber wäre es nicht eine Überlegung wert, eine Verbindung zwischen Spendebereitschaft und Empfängerchance herzustellen? Warum sollte es unmoralisch sein, bei gleicher Eignung eines Spenderorgans für mehrere Empfänger die Menschen vorzuziehen, die ihrerseits zur Organspende bereit sind und das mit einem entsprechenden Ausweis dokumentieren?

Ein solches Verfahren ist sicherlich schwieriger, als es auf den ersten Blick aussieht, könnte aber vermutlich bewerkstelligt werden. Auch bioethische Probleme, die dabei auftreten, wären wohl zu lösen. Zum Beispiel müssten Regelungen für Personen gefunden werden, die aus gesundheitlichen Gründen nicht spenden und deshalb ihre Chance auf ein Empfängerorgan nicht erhöhen können.

Aber selbst, wenn sich ein solcher Vorschlag als praktisch undurchführbar erweisen sollte, folgt daraus nicht, dass es zwischen dem Stereotyp des altruistischen Organspenders auf der einen und dem Stereotyp des egoistischen Organverkäufers auf der anderen Seite keine Möglichkeiten gibt, die realistisch und zugleich ethisch vertretbar sind.

Jedenfalls reichen Appelle an die Spendebereitschaft nicht mehr aus. Die Idee wiederum, per Gesetz jeden Menschen zum potenziellen Organspender zu machen, der eine solche Spende nicht ausdrücklich und schriftlich untersagt, ist eine Art staatlich legitimierter Beschaffungskriminalität – und würde in der Praxis womöglich dazu führen, dass Menschen, die nicht zu spenden bereit sind, auch als Empfänger benachteiligt werden. Dem wäre als ehrlichere Lösung eine klar geregelte, positive Verknüpfung zwischen Spendenbereitschaft und Empfängerchance vorzuziehen.

... Wehrpflichtige kämpfen müssten?

Dann gäbe es nicht diese scheinheilige Diskussion über zivile Opfer bei Bundeswehreinsätzen in Afghanistan, weil die Bundeswehr dann gar nicht in Afghanistan wäre. Und zwar unabhängig davon, ob der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan politisch sinnvoll und moralisch gerechtfertigt ist oder nicht. Selbst wenn alle der Meinung wären, dass der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan sinnvoll und gerechtfertigt ist, würde er nicht stattfinden, wenn Wehrpflichtige kämpfen müssten.

Warum nicht?

Weil die Abordnung von Wehrpflichtigen in Kriegsgebiete die Diskussionen über Kampfeinsätze der Bundeswehr dermaßen dramatisieren würde, dass kein Parlamentarier, der wiedergewählt werden will, es wagen könnte, solchen Einsätzen zuzustimmen.

Ortswechsel (in den Irak), Zeitwechsel (in den November 1990), Kriegswechsel (zum ersten Golfkrieg), Armeewechsel (zu den US Streitkräften). Am 23. November 1990 druckte die Zeit einen Kommentar mit dem Titel „Die Reichen in die Wüste“. Natürlich hätte die Zeit einen Text mit einem solchen Titel nicht veröffentlicht, wäre er von einem normalen Journalisten geschrieben worden. Er stammte aber von der Zelebrität John Kenneth Galbraith, einer der Grand Old Men des akademischen Segments im politischen Establishment der Vereinigten Staaten. Galbraith schrieb:

„Die jungen Männer und Frauen, die in der Wüste Saudi-Arabiens stationiert sind, kommen hauptsächlich aus den ärmeren Familien unserer Republik. Die Fernsehspots, die für einen Einritt in unsere Streitkräfte werben, haben genau jene sozial Benachteiligten und Randgruppen im Visier. Die eigentlichen Profiteure der Aktionen gegen Saddam Hussein sind aber die glücklicheren und wohlhabenderen Kreise unserer Bevölkerung.“

Die jungen Menschen dieser wohlhabenden Kreise, fuhr Galbraith fort,

„fühlen sich den Streitkräften nicht besonders verpflichtet. Ähnlich wie im amerikanischen Bürgerkrieg heuern wir auch jetzt Menschen aus dem Armenhaus Amerikas an, um den Militärdienst mit seinen möglicherweise schwerwiegenden Konsequenzen zu leisten. Die Wohlhabenden aber stehen darüber oder daneben.“

Galbraith überlegte seinerzeit, wie dieser systemisch angelegten Drückebergerei der Mittel- und Oberschicht begegnet werden könnte: Zum Beispiel, indem

„wir den Wehrdienst wieder einführten und die für den Golfeinsatz bestimmten Soldaten nach einem >Zufallsprinzip< – also unabhängig von ihrer ökonomischen Situation – gezogen würden.“

Diesen Vorschlag machte Galbraith natürlich nicht deshalb, weil er ihn ernsthaft für umsetzbar hielt, sondern weil sich damit die Verlogenheit derjenigen bloßstellen ließ, die Auslandseinsätze befürworteten, weil sie wussten, dass andere für sie die Kastanien aus dem Feuer holen würden.

Übertragen auf die Bundeswehr in Afghanistan in der Jetztzeit würde der Galbraith-Vorschlag bedeuten: Aus allen >tauglich< Gemusterten, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, werden Leute ausgelost, die nach der Grundausbildung einen Teil ihres Wehrdienstes in Afghanistan leisten müssten.

Ein solches Verfahren würde den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan binnen kurzer Frist beenden – und zwar, es sei noch einmal gesagt, völlig unabhängig davon, ob am Hindukusch unsere Freiheit verteidigt wird oder nicht.

Die Leute, die jetzt davon reden, dass >wir< in Afghanistan präsent sein müssen, sagen zwar >wir<, können jedoch gleichzeitig sicher sein, dass für dieses >wir< immer andere gerade stehen: Unterschichtler, Bildungsferne, Zukurzgekommene. Der eigene Sohn, der gerade ein Jura-, Medizin- oder sonst irgendein Studium anfangen will, als Freiheitsverteidiger und Friedenssicherer in Afghanistan: undenkbar, unerhört, eine Zumutung! Sollen die Afghanen ihren Laden doch selbst in Ordnung bringen, was hat mein Junge damit zu tun?

Wenn Wehrpflichtige in der Bundeswehr kämpfen müssten, gäbe es keine Kämpfe für die Bundeswehr. Sie würden an der politischen Heimatfront mit allen Mitteln verhindert.

... niemand sterben müsste?

Dann wäre das dauerhafte Organisieren von Macht nicht möglich. Wäre der Mensch kein leibliches Geschöpf und gäbe es den Schmerz nicht und nicht den Tod, wäre Macht durch kein Mittel auf Dauer zu stellen. Sie bliebe immer bloß die Übermacht des Augenblicks, die sich in permanentem Kampf stets von neuem zu beweisen hätte. Nackte Gewalt kann nur unterwerfen und am Boden halten. Sobald sie loslässt, löst sie sich auf. Der Unterworfene erhebt sich von neuem. Weil bloße Gewalt dauernd am Gegner bleiben muss, kann sie nicht dauern. Sie ist fähig zu Mord, Vernichtung und Selbstvernichtung, kommt wegen ihres agonalen Wesens jedoch niemals zur Herrschaft.

Erst die Drohung und ihre kampfvermeidende Annahme durch den Bedrohten ermöglicht, dass Gewalt nicht tätig wird und trotzdem Wirkung hat. Erst das Erlernen der Angst, erst die in der Phantasie vorweg genommene und deshalb in der Wirklichkeit vermiedene Verletzung des eigenen Körpers durch den des Stärkeren erzeugt die Bereitschaft zum Gehorsam, ohne den der Befehl nicht gilt.

Die Regelmäßigkeit der Befehle und die Regelmäßigkeit des Gehorsams, der allerdings an den Rändern und Grenzen stets porös bleibt und dort mit besonderer Wachsamkeit und Härte immer neu erzwungen werden muss, verwandeln die Willkür der Überwältigungsmacht in berechenbare, verordentlichte Herrschaft. Die Besiegten wägen ihr Leben gegen den Zwang, die Sieger das Auskosten der erfochtenen Übermacht gegen die Selbst- verständlichkeit erwartbaren Gehorsams. Die Gehorsamsgewohnheit wird ausgefeilt zur Disziplin, die Disziplin zur Bürokratie gestaltet.

Diese drei Absätze sind ein Selbstzitat und bilden den Anfang des Kapitels „Kitsch und Charisma“ in meinem Buch Staatsbildung als Königskunst (Akademie Verlag, Berlin 2000). Wenn ich nicht sterben müsste, also Lebens- und Schreibzeit nach Belieben hätte, wäre es nicht nötig, bei mir selber abzuschreiben. So aber habe ich mich zu diesem Verfahren entschlossen, weil ich den Zusammenhang zwischen Macht und Tod in dieser Kolumne auch nicht besser formulieren könnte als ich es schon in dem genannten Buch getan habe.

Wenn man das Thema weiterdenkt, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass Macht etwas überaus Produktives ist, keineswegs etwas Zerstörerisches, wie die Naiven unter den Moralisten glauben. Es ist entsetzlich faszinierend: Die Fähigkeit, die Körper der anderen zu beherrschen – oder zu töten, wenn sie sich nicht beherrschen lassen –, ist die grundlegende, tatsächlich Grund legende Voraussetzung für alles, was wir >Geschichte< und >Kultur< nennen.

Zur Frage, warum Macht leichter zu organisieren ist als Solidarität, siehe meinen Artikel über Handtücher auf Liegestühlen: Liegen ist Macht in Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, August 2009.

... alle studieren würden?

Dann wäre diese Konjunktivkolumne nicht nötig. Die letzte über Jungfer Zart und Drosselbart war ja ziemlich albern, trotz der Bindehautentzündung am Schluss. Allerdings kam auch die Wendung vor, unmittelbar aus dem Märchen entliehen, dass die Jungfer alles selber tun musste, was sie getan haben wollte. Und das ist so albern auch wieder nicht.

Was wäre, wenn alle studieren würden? Wer würde dann Busfahren, S-Bahn-Räder reparieren, Haare schneiden, bei Dreißig Grad Hitze Straßen teeren, im Liegen Gurken ernten, an der Supermarktkasse sitzen, hinter der Fleischtheke stehen? Wer würde den Müll abholen und die Straße fegen? Wer würde in aller Herrgotts Früh die Zeitungen austragen und im Restaurant bis spät in die Nacht Drinks servieren? Wer zum Teufel würde meine Wohnung putzen und meine Hemden bügeln – wenn ich meine Wohnung nicht sowieso selbst putzen und meine Hemden nicht sowieso selbst bügeln würde?

I have a dream ...

Von wegen. Bin ich Martin Luther King? Ich stelle mir nur vor, wie wir in unserer sauberen Gesellschaft die Dreckarbeit verteilen würden, wenn alle studiert hätten. Ich stelle mir das ganz ohne Utopie vor, rein interessehalber:

Wer würde die niederqualifizierte Arbeit verrichten, wenn alle hochqualifiziert wären?

Würde man eine Art Rotationsprinzip einführen, nach dem alle mal ran müssen?

Oder würde man die schlechte Arbeit besser bezahlen als die gute, damit sich Leute finden, die sie erledigen?

Oder würden wir uns Sklaven halten wie die Oberschicht der athenischen Demokratie der Antike?

Oder wie die Baumwollfarmer in der amerikanischen Demokratie des 19. Jahrhunderts?

Wäre unsere Gesellschaft überhaupt in der Lage, eine solche Aufgabe zu lösen? Wenn sie dazu nicht in der Lage wäre, könnte man darüber nachdenken – ganz nüchtern, rein soziologisch – was der Grund dafür wäre. Und wenn man den gefunden hätte, dann hätte man auch den Grund gefunden, warum eben nicht alle studieren oder – schon wieder rein soziologisch ausgedrückt – warum Bildung ungleich verteilt ist.

... das Wörtchen wenn nicht wäre?

Dann könnte keine allererste der ersten und einzigen, stetig erscheinenden Konjunktivkolumne darüber geschrieben werden, was wäre, wenn das Wörtchen wenn nicht wäre. Dann gäbe es keinen Konjunktiv, keine Möglichkeitsform und womöglich auch keine Möglichkeit, keine Alternative, keine Utopie, keinen Ort nirgends, keine Jungfer und keinen Drosselbart.

"Ich arme Jungfer zart, ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!“

Hätte, hätte. Dann hätte sie nicht selber tun müssen, was sie getan haben wollte. Dann hätten andere für sie geputzt und gekocht und die Kastanien aus dem Feuer geholt und die Wäsche aus der Waschmaschine, wenn sie eine gehabt hätte. Und nachdem die Weiden ihr beim Körbeflechten die Händchen zerstochen und die Fäden beim Spinnen die Fingerchen zerschnitten hatten, hätte sie sich nicht sagen lassen müssen:

„Du bist zu keiner ordentlichen Arbeit zu gebrauchen.“

Allerdings wäre dann auch das Märchen über das Mädchen nicht auf diese mädchen- und märchenhafte Weise zu Ende gegangen. Richard Gere wäre nicht im rosafarbenen Cadillac vorgefahren, und König Drosselbart hätte nach seinem töpfezertrümmernden Husarenritt die Jungfer nicht doch noch aus ihrer Mädchennichtigkeit erlöst. Auch die unbekannte Erzählerin beziehungsweise der unbekannte Erzählerich hätte am Ende des Märchens nicht sagen können:

„Ich wollte, du und ich, wir wären auch dabei gewesen.“

Und wenn sie nicht gestorben wären, würden sie womöglich heute noch leben. Und wenn diese erste und albernste aller ersten und einzigen, stetig erscheinenden Konjunktivkolumnen nicht auf der Stelle beendet werden würde, bekämen die Leserinnen und Leser beim Leserinnen und Lesern wahrscheinlich Konjunktivitis – was keine konjunktivische Metapher mehr wäre, sondern eine medizinische Diagnose.

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