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Beste!Bücher

Hier werden herausragende Neuerscheinungen vorgestellt, Bücher, die so gelungen sind, dass man sich unbedingt selbst damit beschenken sollte, auch wenn man es vielleicht gerade nicht verdient. Will man sie anderen schenken, sollte man sie vorher auf jeden Fall selber lesen.

Manfred Pfister!Englische Renaissance. Shakespeare & Company

Ausgewählt, erläutert und mit gelegentlichen Freundesgaben übersetzt von Manfred Pfister. Galiani Berlin 2025, 478 Seiten, 98 Euro

Bevor ich loslobe sei anstandshalber erwähnt, dass im Verlag dieses Buches auch meine Bücher erscheinen. Außerdem sei hingewiesen auf das ebenfalls galianische und genialische weiter unten beschriebene Werk über die italienische Renaissance von Tobias Roth.

Ich weiß mich nicht zu halten bei diesem Prunk- und Prachtwerk, das so großformatig prunk- und prachtvoll ist, dass man es ebenfalls kaum halten kann. Shakespeares Werk ist der Mittelpunkt des Ganzen, aber auch der böskomische und tragische Ben Jonson fehlt nicht oder Robert Burton mit seiner Anatomie der Melancholie, um nur zwei weitere Autoren zu nennen. Ich würde aus der Anatomie in der Pfister-Variante zitieren, wenn mich Melancholie egal in welcher Variante nicht so melancholisch machen würde. Pfister bietet als Überleitung zu diesem Textauszug eine Passage aus Hamlet, dem Stück mit dem heldenschurkischen Bühnenmelancholiker schlechthin: "Sein, oder nicht sein, das ist die Frage" - und? Wie geht's weiter? Ich wette, den meisten Leuten (ich gehörte bis eben zu ihnen) fallen schon die nächsten Zeilen nicht mehr ein: "Ob' mehr uns adelt wohl im Geiste, die Pfeile / Und Schleudern wüsten Schicksals stumm zu dulden".

Das Buch enthält nach einer charmanten Einführung (die den Untertitel als Referenz an die legendäre Pariser Buchhandlung Shakespeare & Company von Sylvia Beach annonciert) sage und schreibe 27 Kapitel, deren letztes "Tod, Testamente und Exequien" betitelt ist und mit einer Textpassage Francis Bacons "Über den Tod" beginnt. Bacon ist in meinem eigenen Buch Sätze, die die Welt verändern ein Kapitel gewidmet, und animiert durch das Thema des 27. Kapitels in Pfisters Buch will ich erwähnen, dass ich gerade begonnen habe, an einem über das Erben zu schreiben, was mich wiederum ganz melancholisch macht. Aber ich will mich wegducken unter den Pfeilen und Schleudern wüsten Schicksals und der wunderschönen Pfisterschen Renaissance ein langjähriges, vielgelesenes und vielbestauntes Bücherleben wünschen.

Thomas Böhm (Hrsg.)!Die Wunderkammer des Lesens

Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Berlin 2023, 318 Seiten, 28 Euro

Was für eine Wunderschönheit, dieses Buch, vom Scheitel bis zur Sohle, vom violetten Oberschnitt bis zum grünhängenden Lesebändchen unten. Und erst die bunten Turbulenzen innendrin. Man weiß gar nicht mehr, wohin mit den Augen. Und selbst darüber gibt es noch was zu lesen: Übungen für müde Augen. Es geht auch um Lesepulte, Leselampen und Lesebadewannen, will sagen: um's Lesen in der Wanne, für manche ja eine echte Leidenschaft. Über's Lesen auf dem Klo habe ich allerdings nichts gefunden.

Während meiner 'aktiven Zeit' als Journalist hatte ich darüber einmal einen Artikel geschrieben. Es kamen viele lobende Leserbriefe. Das machte mich ganz niedergeschlagen. Ich schrieb auch sozialkritische Essays und politische Kommentare, die ich für wichtig hielt, und die gelegentlich lobende oder tadelnde Leserbriefe hervorriefen, aber immer nur ein oder zwei. Dann schreibt man über das Lesen auf dem Klo, und der Redaktionsbriefkasten ist voll. Daran sieht man, was die Leute wirklich interessiert, jedenfalls lesende Leute. Deshalb ist es kein Wunder, wenn diese Wunderkammer den Leseleuten gefällt, wie sie ja auch mir gefällt. Der "Schnellkurs im Schnelllesen" hat es mir aber nicht so angetan. Literarisch Lesende lesen nicht schnell, und wenn ein Verlag ein Buch als 'pageturner' bewirbt, weiß ich, dass es nichts für mich ist. Die Seiten über das Wiederlesen fand ich interessanter: "Wiederlesen als Qualitätsprüfung des Werks", "Wiederlesen als Qualitätsprüfung des Lesers" und so weiter.

Anrührend ist das Vorwort des Herausgebers Thomas Böhm (übrigens einer der "Literaturagenten" von Radio 1), das ich gerade wiedergelesen habe. Beim Vorlesen, das ich bei meinen Buchvorstellungen gelegentlich selbst bewältigen muss, könnte ich mich von der Schilderung der Lesetouren von Charles Dickens inspirieren lassen. Oder besser doch nicht. Er las vor Tausenden und machte vor allem in den USA Riesenshows aus und mit seinen Romanen. Viele Leute mögen das Sentimentale, da waren und sind sie bei Dickens richtig. Auch ich habe bei Dickens geweint, beim Lesen des Oliver Twist, aber da war ich noch sehr jung und hatte mich gerade erst aus meiner Karl May-Phase herausgelesen. Bei Dickens dürfen sich die Diener darüber beschweren, schlecht behandelt zu werden, aber nicht darüber, Diener zu sein. Ich habe vergessen, wer das gesagt hat, aber es trifft den Sach- und Machtverhalt. Für unsere mitunter recht sprachbizarre Gegenwart ließe sich die Wendung variieren: POCs dürfen sich darüber beschweren, "Neger" genannt, aber nicht, wie welche behandelt zu werden.

Genug davon, mehr würde zu weit und womöglich ins Abseits führen. Zum Beispiel in das des "Sensitivity Reading", das in der Wunderkammer von einer der Verfechterinnen vorgestellt wird. Damit ist gemeint, dass Romanpassagen über marginalisierte Leute von eben solchen Leuten gegengelesen werden sollten, um diese Passagen auf sachliche Richtigkeit zu prüfen und darauf zu achten, dass sich durch sie Lesende nicht verletzt fühlen, die der marginalisierten Leutegruppe angehören. Auch darin drückt sich aus, worauf ich gerade mit meiner N*Wort-Bemerkung hingewiesen habe: Reden und Schreiben über die Verhältnisse sollen verbessert werden, nicht aber die Verhältnisse selbst. Aber das ist ein weites Feld. Wer hat das nochmal gesagt? Fontane? Ne, der Papa von Effi Briest. Zu nicht moralisch, sondern literarisch richtigem "Sensitivity Reading" gehört, zwischen Autoren und Figuren unterscheiden zu können, und zwischen Autorinnen und Figurinen auch. Genug davon. Lieber nochmal zurück zu Karl May. Der kommt in der Wunderkammer auch vor. Aber man lese selbst!

Postskriptal noch der Hinweis auf die zehn Geschichten in Kapitel VIII "Vom Lesen schreiben" im Dekameron für Leserinnen.

Viktor Schklowki!Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder die dritte Heloise

Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Olga Radetzkaja, Essay von Marcel Beyer. Guggolz Verlag, Berlin 2022, 189 Seiten, 22 Euro

Briefe nicht über Liebe sind eine alte Liebe von mir. Genau gesagt: 40 Jahre alt. Ich lernte das Buch 1982 kennen. Das hat damals gut gepaßt. Das Buch war knapp 60 Jahre zuvor in Berlin entstanden, wohin ich 1982 übersiedelte, das Zoo-Buch neben einem weiteren Schklowski-Werk in den Bücherkisten. Dieses weitere Werk handelte von dem Filmemacher Eisenstein. Ich hatte dieses Buch aus Interesse an Eisenstein gekauft, und während des Lesens wurde mein Interesse an Eisenstein durch das an Schklowski verdrängt. Die Art seines Schreibens faszinierte mich mehr als das von ihm Beschriebene. Und so habe ich später auch alles andere von ihm gelesen, was ich - in deutscher Übersetzung - von ihm auftreiben konnte. (Mehr dazu und zu Schklowski überhaupt in dem Eintrag über die Neuübersetzung der Sentimentalen Reise weiter unten in dieser Abteilung. Diese Neuübersetzung stammt ebenfalls von Olga Radetzkaja. Die beiden Übersetzungen gefallen mir sehr. Mehr darf ich dazu nicht sagen, weil ich kein Russisch kann.)

Der Briefroman ist deshalb mit "Zoo" betitelt, weil die meisten russischen Emigranten der 1920er im Berliner Bezirk Tiergarten lebten. Den Untertitel mit der Dreizahl motiviert der literarische Verfahrenstechniker (auch dazu der Text weiter unten) Schklowski mit dem Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloisa aus dem 12. Jahrhundert und dem Briefroman Die neue Heloise von Rousseau (1761).

Die Regel, nach der Schklowski mit uns sein literarisches Spiel treibt, liefert er mit: Ein junger Russe streunt durch Berlin, sehnt sich nach Russland und schreibt Briefe an eine geliebte Frau, die ihm allerdings verboten hat, Briefe über Liebe zu schreiben. Aus diesem vergleichsweise einfachen 'Setting' wird in aller Kürze ein komplexes Spiegel-imSpiegel-Spiel. Aber kein plänkelndes oder bloß raffiniertes, sondern eines mit existenzieller Antriebsdynamik. Die Antriebsdynamik von Autos spielt übrigens auch eine Rolle. Vor hundert Jahren war das 'Automobil' noch so neu, dass Vertreter einer neuen literarischen Richtung und einer neuen literaturtheoretischen Perspektive auf dieser Metapher - nun ja: herumreiten konnten.

Zu weiteren Explikationen soll es hier nicht kommen, auch wenn ich eingestehen muss, dass meine Liebeserklärung an dieses Buch ziemlich trocken ausgefallen ist. Aber sie kommt von Herzen, was in diesem Fall heißt: aus der Herzkammer des literarischen Verstandes. Das Nachwort der Übersetzerin gibt entstehungsgeschichtliche und editorische Auskünfte, der Essay von Marcel Beyer erzählt von dessen Liebesgeschichte mit diesem Buch. Ich selbst könnte - und das hatte ich ursprünglich auch vor - die Tagebücher meiner ersten Berliner Jahre aus dem Pappkartongrab holen und meine hingerissenen Eintragungen zu Sklovskij (wie man damals noch transskribierte) reanimieren. Statt dessen gehe ich an mein Russenregal (ich muss dafür auf den Schreibtisch steigen) und schiebe die auch editorisch schön gemachte Guggolz-Ausgabe des Zoobuches neben die alte grellgelbe der Bibliothek Suhrkamp.

Johann Wallbergens SAMMLUNG Natürlicher Zauberkünste

Oder aufrichtige Entdeckung vieler bewährter, lustiger und nützlicher Geheimnüsse, insbesondere denen Wein-Negozianten dienende. Nebst einem ANHANGE von medizinisch-, sympathetisch-antipathetisch- und ergötzenden Kunst-Stücken.

Nebst einem ESSAY von Christoph Hein, einem NACHWORT und einer ZEITTAFEL zur Wissensgeschichte der >Naturmagie< von Rainer Schmitz sowie ANMERKUNGEN von Birgit Dietzsch.

Die Andere Bibliothek. Aufbau Verlag, Berlin 2022. 603 Seiten, 44 Euro

Bisher hatte ich Erd- und Walnüsse, jetzt habe ich Geheimnüsse. Sie stammen aus dem Barock und liegen verpackt in eine editorische Wuchtbrumme vor mir auf dem Tisch. Eines der "Geheimnüsse" verrät ein Mittel gegen Appetitlosigkeit: Wermutblätter. Aber nicht für Mund und Magen, sondern für die Schuhe! "Wermutblätter in die Schuhe gelegt und mit bloßen Füßen darauf gegangen, bringet Lust zum Essen".

Magische Mittel für auch nicht immer vernünftige Zwecke haben die Alchemistenzeiten überlebt und werden immer noch angewandt. In meiner Jugend zum Beispiel fand ich die vielen Sommersprossen im Gesicht unmännlich und bekämpfte sie mit einer Creme namens "Schwanenweiß". Sie hat nicht geholfen. Inzwischen sind die Sommersprossen verblasst - und mit ihnen die Jugend. So habe ich dieses "Mittel wider die Sommersprossen" nicht mehr nötig: Aus Bohnen- und Holunderblüten, Ziegenmilch, Wasser und Bohnenmehl "einen Teig gemacht, das Angesicht damit geschmiert, von selbsten trocknen lassen, alsdann wieder abgerieben und damit fortgefahren." Weil mit den Sprossen auch die Jahre vergangen und die Runzeln gekommen sind, wäre das Geheimmittel für glatte Haut auszuprobieren oder das gegen die Schwerhörigkeit oder - ich breche ab, zumal ich immer noch höre wie ein Luchs (ein alter).

Das Buch enthält neben medizinischen Ratschlägen auch solche zur Hausökonomie und zum Landbau sowie etliche Zaubertricks, mit denen man leichgläubige Leute verblüffen und ungläubige unterhalten kann.

Eigentlich wären nun Erläuterungen zu Wallbergen, zur vormodernen Zauberkunst und zur vorchemischen Alchemistenkultur fällig. Aber das machen Christoph Hein und Rainer Schmitz in ihren Texten besser, als es hier zu bewerkstelligen wäre. Über Wallbergen wissen auch sie nichts, möglicherweise handelt es sich um ein Pseudonym. Dafür ist die Editionsgeschichte des erstmals 1745 gedruckten Werks von Rainer Schmitz übersichtlich dargestellt. Von ihm stammt auch die Zeittafel. Eine 170 Seiten starke 'Tafel', die 2000 vor unserer Zeitrechnung beginnt und 1815 endet. Das ist echter Schmitz, der vor Jahr und Tag ein literarisches Lexikon veröffentlicht hat, in dem alles, alles verzeichnet ist, was man über Literatur und Literaten nicht wissen muss, aber wissen kann. Und zwar mit allergrößtem Vergnügen.

Und dies gilt ebenso für diese Neupräsentation von Wallbergens Sammlung.

Anna Dünnebier & Gert von Paczensky!Leere Töpfe, volle Töpfe

Die Kulturgeschichte des Essens und Trinkens. Illustriert mit 62 Abbildungen. Die Andere Bibliothek. Aufbau Verlag, Berlin 2021. 501 Seiten, 58 Euro

Was für eine Auferstehung nach mehr als einem Vierteljahrhundert: Das erstmals 1994 erschienene Werk liegt nun als Prunk- und Prachtausgabe in Folio vor, apart gestaltet und auch textlich aktualisiert. (Paczensky, den 'ältere Semester', wie man kommilitonenhaft sagt, noch vom Fernsehmagazin Panorama kennen, ist 2014 gestorben.)

Nach einer Einleitung geht es im ersten Kapitel über "Feuer und die Folgen" und im letzten über "3000 Jahre Gastronomiekritik". Das ist gewissermaßen die Ausleitung. Deren letzter Satz lautet: "Wenn Du einen unter den Deinigen betrübt siehst, so schenke ihm lieber einen Stör als ein philosophisches Büchlein, sagte Cicero." Wenn Du aber keinen Stör hast, sei hinzugefügt, dann lege ihm oder ihr dieses küchenphilosophische, küchenhistorische, küchenkulturelle Buch auf den Küchentisch.

In diesem Buch kommt auf charmante Weise nahezu alles vor, was einem in der Küche in den Mund und unter die Nase kommen kann. Auch das Auge isst mit. Und obwohl die Ohren in der Küche normalerweise zu kurz kommen, es sei denn, die Sektkorken knallen, kann man in diesem Fall auch sie verwöhnen, denn die Texte in ihrem kenntisreichen Plauderton lässen sich gut vorlesen.

Es geht um Zucker und Salz (in getrennten, wohltuend weit auseinanderliegenden Abschnitten), um Kaffee und Tee (in benachbarten Kapiteln), auch um Bier, Wein und Schnaps. Und um nicht das Inhaltsverzeichnis vollständig wiederzugeben, sei nur noch erwähnt, dass auch Soziologisches ("Feiern als Staatsakt"), Religionsgeschichtliches ("Essen für Tote"), Gesundheitliches ("Proteine, Vitamine, Mineralstoffe"), Geschäftliches ("Agrobusiness") und Anständiges ("Feines Benehmen") nicht fehlt. Trotzdem wird nicht alles ausgebreitet, was man wissen kann, aber vieles, was man wissen will. Und so ist, naheliegender Vergleich, dieses Buch übers Kulinarische selbst überaus kulinarisch.

Gibt es auch etwas zu tadeln? Kaum, allenfalls die lässliche Sünde gelegentlicher Floskelei. Beispielsweise ist die Vorzeit seit Vorzeiten grau und wird auch hier wieder als "graue Vorzeit" ins Spiel gebracht, obwohl jeder weiß, dass niemand weiß, wann diese Vorzeit eigentlich war.

Tobias Roth!Welt der Renaissance

Ausgewählt, übersetzt & erläutert von Tobias Roth. Verlag Galiani Berlin, Köln 2020, 639 Seiten, 89 Euro

Salvierungsklausel: Dieses (großartige) Buch ist in dem (großartigen) Verlag erschienen, in dem auch meine (hoppla) Bücher herauskommen.

Man schlägt dieses prachtvolle Buch auf und geht sofort an die Decke - an die der Uffizien mit ihrer überbordenden Ausmalung. Die 'Büros' (italienisch 'uffici') sind jedoch erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden. "Der Schwerpunkt dieses Buches", erläutert hingegen der Herausgeber, "liegt bei den Autoren, die im Quattrocento, dem 15. Jahrhundert, geboren werden." Allerdings sind auch Vorherige und Nachherige berücksichtigt, als erster Petrarca (geboren 1304), als letzter Torquato Tasso (geboren 1544). Der Mini-Anachronismus mit den Deckengemälden ist also vertretbar, und was sich da abspielt auch, zumal es wunderschön anzuschauen ist - wie das gesamte Buch. Es gehört in seiner exemplarischen Wucht, seiner typographischen Eleganz und seinem illustrativen Gewand zu denjenigen Werken, die man hingebungsvoll am Pult beblättern und belesen sollte. Das im Bett zu tun dürfte wegen seiner auch körperlichen Gewichtigkeit ohnehin nicht möglich sein.

Der zweite von insgesamt 68 präsentierten und porträtierten Autoren ist Giovanni Boccaccio (geboren 1313). Der ist mein Renaissance-Liebling, nicht wegen des Decamerone, sondern wegen seines heute fast vergessenen Vom Glück und vom Unglück berühmter Männer und Frauen. Ich mag das so sehr, dass ich sogar mal ein update schreiben wollte: Vom Glück und vom Unglück gewöhnlicher Männer und Frauen.

Der dritte von Roth vorgestellte Autor ist Coluccio Salutati (geboren 1332). Der ist bei uns Heutigen so weltunberühmt, dass das orientierende Porträt, das der Herausgeber hier wie überall den dargebotenen Texten voranstellt, besonders wichtig ist.

Den nächsten Autor übergehe ich. Aus Feigheit. Er hat über die Pest geschrieben. Und von 'Pestzeug' haben wir derzeit genug um die Ohren - um das Mindeste zu sagen.

Bevor ich den anderen poetischen Persönlichkeiten des Bandes, darunter übrigens auch Dichterinnen, die Parade abnehme oder aus den Schweinereien des Pietro Aretino und den Schwanzereien (La Cazzaria) des Antonio Vignali zitiere oder mit Lodovico Domenichi Witze erzähle, seviere ich abschließend lieber "Zehn Teller Maccheroni alla Napoletana" nach Cristoforo di Messisbugo: "Man nehme acht Pfund besonders feines Mehl, das Innere eines fetten runden Brotes, in Rosenwasser eingeweicht, und vier frische Eier und vier Unzen Zucker und knete alles gut in einen Teig zusammen."

Der

fertige

Teig

wird

dann

in

Strei-

fen

ge-

schnitten.

"Dann kochst du sie in einer sprudelnden und fetten Brühe, und wenn sie fertig sind, richtest du sie auf Tellern an. Obenauf kannst du Kapaun oder Ente geben oder aber du machst sie mit Zucker und Zimt untermischt und überstreut".

Guten Appetit!

PS

Nachspeise: Die gibt es tatsächlich, bei Cristoforo di Messisbugo oder in Bartolomeo Scappis "Mittagessen für die zweite Krönung von Papst Pius V."

Ich will stattdessen noch nachreichen, dass textbegleitend ganz nebenbei und doch reich bebildert eine Geschichte des frühen Buchdrucks in Beispielen serviert wird.

Etgar Keret!Tu's nicht

Storys. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Aufbau Verlag, Berlin 2020, 234 Seiten, 20 Euro

Wie alt man geworden ist merkt man manchmal an Neuerscheinungen. So geht es mir mit dem neuen Storybuch des israelischen Schriftstellers Etgar Keret. Er ist heute vierzehn Jahre älter als ich bei meiner ersten Rezension eines Keret-Buches gewesen bin. Das war 1996. Es handelte sich damals um Gaza Blues. Später, 2001, habe ich Der Busfahrer, der Gott sein wollte besprochen. Von beiden Erzählungsbänden war ich hellauf begeistert. Seitdem sind viele Jahre ins Land - oder wohin auch immer - und viele Buchseiten durch meine Hände gegangen. Auch als Leser wird man reifer. Oder verfällt. Oder verliert an Begeisterungsfähigkeit.

Es wäre also überraschend, wenn Geschichten mit Fischen in Pantoffeln oder mit Menschenkanonen oder mit Registrierkassen die gleiche Anziehungskraft auf mich ausüben würden, die sie vor zwei Jahrzehnten gehabt hätten.

Überraschung! Kerets Geschichten mit fernsehguckenden Fischen (in Pantoffeln), Menschen in Kanonen (in der Zirkusmanege) und Registrierkassen (in einem Süßigkeitenladen an einem Kindergeburtstag) üben die gleiche Anziehungskraft auf mich aus, als wäre Keret immer noch Ende Zwanzig und ich immer noch Ende Dreißig wie seinerzeit, als Gaza Blues erschien. Und ich bin wieder hellauf begeistert: von seinem literarischen Alltagssurrealismus, seinem Sound und seiner Geschicklichkeit beim Vermeiden des Erwartbaren.

Robert Louis Stevenson!Der Pavillon in den Dünen

Erzählung. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Lucien Deprijck, mareverlag, Hamburg 2018, 159 Seiten, 20 Euro

Manchmal flattern einem Kleinode ins Haus - obwohl Kleinode ja nicht 'flattern' können. In diesem Fall wurde es ganz gewöhnlich, wenn auch überraschend, vom Postboten in den Briefkasten geworfen. Das Bändchen mit Leseband ist sehr hübsch gemacht und fasst sich apart an. 'Haptisch' nennen das Verlagsleute, wenn sie richtige Bücher von Displaytexten unterscheiden wollen. Drinnen im hübsch Haptischen ist astreiner Stevenson. Man wird mit dem ersten Satz gepackt und durch die Geschichte gezogen. Dieser erste Satz lautet: "Als ich jung war, lebte ich sehr zurückgezogen." Wie es weitergeht, kann nicht verraten werden, das gehört sich nicht bei Spannungsliteratur. Ich mache es also kurz: Wer die unnachahmliche Schatzinsel oder die Hyde/Jekyll-Geschichte (dazu im Dekameron für Leserinnen die siebte Geschichte im Kapitel "Prächtige Schurken") kennt und zu schätzen weiß, wird sich mit dem Pavillon beglückt beschenkt fühlen.

Chantal Jaquet!Zwischen den Klassen

Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Konstanz University Press bei Wallstein, Göttingen 2018, 253 Seiten, 26 Euro

Me too! Ich bin auch ein ‚Arbeiterkind’. Wie Pierre Bourdieu, Didier Eribon, Annie Ernaux oder Chantal Jaquet, um drei berühmte Leute und eine noch nicht so bekannte Autorin zu nennen. (Zu Eribons Rückkehr nach Reims der Eintrag im Journal vom 20.5.2017.) Dass alle vier französisch sind hat damit zu tun, dass so etwas wie die Zugehörigkeit zu einer ‚Klasse’ in Frankreich intensiver thematisiert wird als bei uns. In Deutschland hält man als Bildungsaufsteiger lieber die Klappe, damit keiner merkt, aus welchem Stall man kommt. Die sich als ‚links’ missverstehende Multikultimittelschicht macht sich bevorzugt Sorgen um Rassismus und Sexismus, lässt aber das Klassismus-Problem so weit rechts liegen, dass schon der Terminus ‚Klassismus’ irgendwie daneben klingt. Gegen Rassismus und Sexismus zu sein kostet als Mittelschichtler nicht viel. Beim Klassismus ist das nicht so. Da kommt die eigene Moral leicht mit den eigenen Interessen in Konflikt. Und im Leben folgt man, wenns darauf ankommt, den Interessen.

Chantal – tragen bei uns nicht die Unterschichtmädchen diesen Vornamen, wie in Schantall, tu mal die Omma winken, in der es um die Familie Pröllmann (!) geht? Man treibt Kinderbüchern den Rassismus aus, indem man die ‚Neger’ streicht, die in diesen Texten stehen (die in den Restaurantküchen lässt man stehen, schlecht bezahlt, gut bezahlt kostet zu viel), aber der Schantall-Klassismus mit seiner schenkelklopferischen Herablassung macht Quote.

Chantal Jaquet kann – aus akademischer Perspektive – als Schülerin Bourdieus bezeichnet werden. Aber die theoretisch akademische Zuordnung ist hier nicht wichtig. Was dieses Buch auszeichnet, auch vor den Büchern Bourdieus, ist die reflexiv erzählerische Darstellung der sozialen Vererbung familiärer Macht – oder eben Ohnmacht – und die Thematisierung der Brüche, die dazu führen, dass diese Weitergabe nicht erfolgt, dass es also zu Ausbrüchen nach oben kommt, nun doch akademisch soziologisch ausgedrückt: zur Nicht-Reproduktion sozialer Ohnmacht. Das wäre übrigens der genauere Untertitel des Buches gewesen. Der Untertitel „Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht“ führt insofern in die Irre, als er vermuten läßt, es gehe um ‚Absteigerbiographien’.

Der Aufsteiger, der ‚Klassenübergänger’ ist ein sozialer Hybride, und zwar ein desintegrierter. Wie es dazu kommt und was das bedeutet, für die soziale ‚Umwelt’ und vor allem für den Aufsteiger (oder, versteht sich, die Aufsteigerin) – das ist Jaquets Thema. (Wie es das meine ist in dem erstmals 2008 erschienenen Buch Das Bildungsprivileg.)

Jaquet beschreibt und analysiert und erzählt, letzteres vor allem gestützt durch literarische Texte, etwa Stendhals phänomenalen Roman Rot und Schwarz (dazu übrigens die siebte Geschichte im Kapitel „Anfangsschwierigkeiten“ im Dekameron für Leserinnen). Das tut sie auf eine Weise, die – jedenfalls mir – das Herz höher und den Puls schneller schlagen lässt. Eine (leider kommaschwache) Probe: „Denn in die bürgerliche Welt eindringen heißt nicht nur Menschen gegenübertreten, die um vieles geschliffener sind als man selbst, sondern auch sich in ein Universum von Objekten begeben, die natürliche Anhängsel des Reichtums, der Bildung und der Distinktion sind und die den Klassenübergänger in einen solchen Abgrund von Verwirrung stürzen, daß er manchmal nicht weiß, was er tun soll.“ (S. 132) Noch eine Probe: „Die Komplexion des Klassenübergängers verbindet also eine Mischung von Kühnheit und Furchtsamkeit, kämpferischem Geist und Hemmung, die das Produkt einer spannungsreichen Geschichte sind und das ständige Schwanken zwischen Anpassung und Unangepaßtheit belegen. Dieser Affektkomplex verweist nicht auf Charakterzüge, er ist die Frucht des Klassenübergangs und entspricht dem Abstand zwischen den Klassenlagen.“ Allerdings formt und deformiert er den Charakter. Der ‚Klassenübergänger’ trägt Maske, und auf die Dauer verwächst die Maske mit dem Gesicht.

Jaquets Buch sei den Klassenübergängern und -innen mit klassenübergängerischer Inbrunst in die Hand und ans Herz gelegt!

Frank Trentmann!Herrschaft der Dinge

Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute.

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt und Stephan Gebauer-Lipppert. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017. 1095 Seiten, 40 Euro.

Es gibt Bücher, die sollte man sich nicht auf den Fuss fallen lassen. Trentmanns Geschichte des Konsums ist so ein Buch: Schwergewichtig im Kilobereich, und sehr gewichtig als geistige Nahrung. Manchmal allerdings fühlt man sich etwas überernährt, so opulent ist die Informationsmahlzeit, die einem der Londoner Historiker serviert. Der Originaltitel lautet Empire of Things, was ans britische Empire anklingt soll und unübersetzbar ist, wolle man nicht blöde „Das Empire der Dinge“ auf den Deckel schreiben. Herrschaft der Dinge ist eine seriöse Lösung. Der Untertitel lautet im Original: How We became a World of Consumers. Auf Deutsch: Die Geschichte des Konsums. Ein Segen! Extraverbeugung für die souveräne Vermeidung eines Titels im Stil dieser inflationären dummdidaktischen „Wie wir“-Bezeichnungen.

Zum Inhalt: Das Werk besteht aus zwei Teilen, der erste eher in Nahaufnahmen und an den Dingen orientiert, der zweite eher allgemein über die Zeiten fliegend. So akkurat getrennt spielt sich das aber nicht ab. Und so kann man die verschiedenen Kapitel der beiden Teile auch fröhlich durcheinander lesen.

Mitunter schwimmt der Text, jedenfalls in der deutschen Fassung, ein wenig. Das ist nicht wirklich schlimm, aber eben auch nicht wirklich erstklassig. Ein Beispiel: „In den 1950er Jahren boten Unternehmen nicht mehr nur Sport für ihre männlichen Mitarbeiter an, sondern organisierten Freizeitaktivität für die ganze Familie. Laut einer zeitgenössischen Untersuchung waren Modeschauen bei Frauen besonders beliebt.“ Niemand, sicher auch kein Lektor des Verlags, wird diesen Satz als elegant bezeichnen. Aber darauf kommt es mir gar nicht an. Sondern auf die Akzentuierung des Satzes. Er liest sich so, dass eben Modeschauen bei Frauen besonders beliebt waren (nicht bei Männern). Für diese Erkenntnis braucht man keine „Untersuchung“, auch keine „zeitgenössische“. Indessen wollte der Verfasser wohl sagen, dass bei Frauen Modeschauen besonders beliebt waren, mit Betonung auf Modeschau. Damit ist gemeint, dass unter den anderen Freizeitangeboten eben Modeschauen bevorzugt wurden, und für diese Behauptung bedarf es tatsächlich einer Untersuchung. Ich hacke auf dem Beispiel nicht aus nörglerischem Selbstzweck herum, sondern weil dicke Bücher, besonders in Übersetzungen, an Präzisionsverlusten dieser Art häufig kranken. Was man dagegen machen kann, weiß ich auch nicht. Dünnere Bücher schreiben vielleicht. Aber wenn ich das empfehle, fallen mir meine eigenen dicken Bücher auf die Füße.

Viktor Schklowskij!Sentimentale Reise

(Zuerst in leicht gekürzter Fassung erschienen

in der Süddeutschen Zeitung vom 8. 8. 2017.)

Aus dem Russischen übersetzt und mit einer Nachbemerkung versehen von Olga Radetzkaja. Bereichert mit Anmerkungen und einem Nachwort von Anselm Bühling. Die Andere Bibliothek, Berlin 2017, 492 Seiten, € 42.

Der Unterschied zwischen Literatur und Leben besteht darin, dass das Leben in der Literatur nicht weh tut. "Das Blut ist in der Kunst nicht blutig", schreibt Viktor Schklowskij in einem Aufsatz über den Tristram Shandy von Laurence Sterne. Der Aufsatz erscheint 1921 in Petersburg. Der Verfasser ist seit ein paar Monaten Literaturprofessor. Ein hungernder und frierender Professor, der mit Büchern heizt. Bücher können beim Lesen das Herz erwärmen, aber wenn man sie in den Ofen steckt, bleiben die Finger kalt.

Im März 1922 allerdings rettet der Frost Schklowskij das Leben. Das Eis der Newa ist so dick, dass wie zur Zarenzeit Pferdefuhrwerke über den Fluss hätten fahren können. Selbst Teile des riesigen Ladogasees östlich von Petersburg, an dessen Ufern heute die Superreichen Russlands ihre Villen haben, sind zugefroren. Ebenfalls zugefroren ist der finnische Meerbusen, der sich von Petersburg nach Westen erstreckt. Schklowskij, dem als Sozialrevolutionär die Verhaftung durch ein bolschewistisches Kommando droht, flieht zu Fuß über das Eis nach Finnland. Dort schreibt er Teile der Sentimentalen Reise, die im Jahr darauf in einem russischen Emigrantenverlag in Berlin erscheint. Andere Teile waren 1919 in Petersburg entstanden und unter dem Titel Revolution und Front bereits veröffentlicht.

Warum nennt ein russischer Literaturprofessor, der im Krieg Panzerwagen befehligt hat, ein Buch, in dem er von „Revolution und Front“ erzählt und vom Hungerleiderleben in Petersburg – warum benennt dieser von der russischen Revolution 1917 hin- und hergeschleuderte Mensch seinen Schreckensbericht nach den schlüpfrigen Reisegeschichten eines saturierten englischen Pfarrers aus dem 18. Jahrhundert? Weil dieser englische Pfarrer Laurence Sterne war, weil Laurence Sterne den Tristram Shandy geschrieben hat, und weil dieser Roman „der typischste Roman der Weltliteratur“ ist. So steht es in Schklowskijs Aufsatz von 1921.

Die Adaption des Sterne-Titels Sentimental Journey (bei uns traditionell eingedeutscht mit „Empfindsame Reise“; zu diesem Buch der Beitrag weiter unten in dieser Rubrik) für ein Kriegs- und Bürgerkriegsbuch über die Jahre unmittelbar vor und nach der Revolution von 1917 ist eine innerliterarische Ehrenbezeugung und eine lebenstolle Kapriole. Schklowskij kokettierte damit, dass er die Wissenschaft tanze, und in den literarischen Kreisen, in denen er lebte, rief man ihn anerkennend Brat Skandalist, Bruder Störenfried. Er war der Ausrufer der Kunst als Verfahren, der Trompeter der Verfremdung. Man könnte ironisch fragen, ob es der Revolution bedurfte, um aus dem Unruhestifter einen Literaturprofessor zu machen.

Ausgerechnet einen Roman, der sich kunstvoll in Abschweifungen auflöst und dabei alle Tricks (und Ticks) des Breitbanderzählens demonstrativ bloßlegt, ausgerechnet ein solches Werk als typisch für die gesamte Gattung zu annoncieren, war für die akademischen Traditionalisten ein Eklat. Und es sollte auch einer sein, eine Ohrfeige, jener ähnlich, die Majakowskij und Chlebnikow im Dezember 1912 austeilten, als sie ihr futuristisches Manifest präsentierten: Eine Ohrfeige dem allgemeinen Geschmack. Dem Weitergeben des Althergebrachten sollte rücksichtslos das Erwarten des Neuen entgegengesetzt werden, der Einpassung ins Gewohnte die Bereitschaft zum Umsturz: Auf unerprobte Weise leben, lesen, schreiben und jung sein! Schklowskij war erst 23, als er 1916 den Aufsatz „Die Kunst als Verfahren“ veröffentlichte, gewissermaßen das theoretische Gründungspamphlet des „Russischen Formalismus“, in dem das Theoretische und das Pamphletistische einander nicht auf die Füße traten, sondern miteinander tanzten.

Majakowskij hatte erklärt: „Dies sind unsere Rhythmen – der Missklang der Kriege und Revolutionen.“ Schklowskijs Sentimentale Reise ist ein missklingendes Buch. Nicht, weil der Autor es literarisch darauf anlegte, sondern weil das Leben es aufzwang. Wie können erzählende Sätze geordnet dahin marschieren wie blankgeputzte Soldaten bei der Parade, wenn bei dem, was zu erzählen ist, die Soldaten äußerlich und innerlich verlumpen, und der Schlamm des Krieges in Stiefelschäfte und Seelen schwappt?

Viele Passagen des Buches sind unmittelbar aus dem Geschehen heraus geschrieben, manchmal sogar unter genauer Angabe von Zeit und Ort, andere vergegenwärtigen Ereignisse, die noch gar nicht vergangen sind oder nur kurz zurück liegen. Das geschieht fast immer in kurzen, parolenhaften Sätzen, unterbrochen von Wertungen, Rechtfertigungen, Reflexionen. Und es kommt zu Ausbrüchen der Verzweiflung und des Hohns: „Ich beschreibe nur Elend und noch mehr Elend. Ich bin es leid.“

Als die Sentimentale Reise 1965 erstmals auf Deutsch erschien (in unvollständiger Fassung), bezeichnete Hans Magnus Enzensberger das Buch als „Faktographie“. Es war das Jahr, in dem er das Kursbuch gründete, eine Spätfolge seiner Aufforderung von 1957: „Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: sie sind genauer.“ Ob das bei den heutigen Pünktlichkeitsverhältnissen noch stimmt, sei dahingestellt. Aber die Inanspruchnahme der Sentimentalen Reise für Enzensbergers Programm war schon damals fragwürdig, eine literarische Projektion derjenigen ähnlich, mit der Schklowskij selbst sich einst gespiegelt (und andere geblendet) hatte.

Die Lage der Sentimentalen Reise im Stellungskrieg zwischen Literatur und Leben lässt sich genauer bestimmen, wenn man sie mit der Reiterarmee von Isaak Babel und Leo Trotzkis Geschichte der Russischen Revolution vergleicht. Die ersten Erzählungen aus Babels Reiterarmee erschienen 1923, Trotzkis Revolutionsgeschichte entstand im Exil Ende der 1920er Jahre. Schklowskij fuhr in Panzerwagen durch Krieg und Bürgerkrieg, Babel erlebte sie auf Pferderücken, Trotzki reiste als Organisator der Roten Armee in Eisenbahnwaggons durch die Kampfgebiete. Übrigens hatten alle drei, das sei nebenbei erwähnt, jüdische Wurzeln.

Babel verwandelte das Grauen, das er hatte durchleben müssen, in literarische Expressionen, farblich abgestimmt und symbolisch strukturiert. Das ist keine Kritik, nur eine Feststellung. Trotzki verwandelte die Ereignisse, die er zu beeinflussen versucht hatte, in gesetzmäßig sich vollziehende Geschichte, von hoch oben geschildert und politisch motiviert. Das ist ebenfalls keine Kritik, nur eine Feststellung. Schklowskij wiederum berichtet aus dem Geschehen heraus, und dieses Geschehen zerfällt ihm unter der Literatenhand in lauter einzelne Sätze. Deren erzählerische Wahrheitsleistung besteht darin, dass kein historischer Sinn konstruiert wird wie bei Trotzki und kein ästhetisches Gebilde entsteht wie bei Babel. Die Welt zerbricht, das Leben zerbricht, die Sprache zerbricht. Wer sollte wirklich begreifen, wie der Krieg funktioniert und wie Revolution gemacht wird? Und doch darf man nicht vergessen, wie der Tristram Shandy funktioniert und der Don Quijote gemacht ist. Auch über diesen ersten Roman aller Romane schrieb Schklowskij einen Aufsatz.

Während er in Berlin herum irrte und sich um die Publikation der Sentimentalen Reise kümmerte, arbeitete er an einem weiteren Buch. Dieses Buch war wirklich sentimental. Und sehr schön, und sehr kunstvoll. Es heißt Zoo oder Briefe nicht über die Liebe. Der Autor führt darin vor, wie aus Leben Literatur wird, wie schön das Leben in der Literatur ist und wie groß dennoch die Sehnsucht, aus der Literatur ins Leben zurück zu kehren – was in Schklowskijs Fall bedeutete, heim zu kehren nach Russland. Das ist ihm im September 1923 gelungen. Doch war ein Preis zu zahlen. „Ich werde lügen müssen“, schrieb er an Maxim Gorkij, der die Rückkehr vermittelt hatte.

Die ersten Lügen, oder jedenfalls die Hinnahme zensierender Eingriffe, wurden nötig, als 1924 eine Ausgabe der Sentimentalen Reise im gerade frisch zu Leningrad umgetauften Petersburg erschien. Die neue und von Olga Radetzkaja auch neu übersetzte Ausgabe bietet uns den vollständigen Text – oder mutet ihn uns zu. Das ist keine Kritik und nicht bloß eine Feststellung, sondern ein Lob.

In einer Passage dieses zumutungsvollen Textes wird berichtet, wie ein Batallion, dem es an Waffen und Munition fehlte, den Sturm auf feindliche Gräben verweigerte. "Ich besorgte Gewehre und Patronen und schickte sie in den Kampf. Fast das ganze Bataillon kam in einer einzigen Attacke um. Ich kann diese Männer verstehen. Sie begingen Selbstmord." Dann wird erzählt, wie er hungernde Soldaten daran hindern will, unreifes Getreide zu mähen. Schließlich heißt es: "Die vorderste Linie zog sich dicht vor den letzten Häusern entlang, die Gegend war unruhig. Im Lauf des Tages brachten die Soldaten zwei Juden um, die angeblich dem Feind Signale gaben. Ich bin sicher, dass das nicht stimmte. Trotzhdem klebt das Blut dieser Männer irgendwie auch an meinen Hände." Wenn im Leben gemordet und gestorben wird hört die Literatur auf. Die Sentimentale Reise ist, den gewohnheitsmäßigen Kunstgriffen ihres Verfassers zum Trotz, kein Kunstwerk.

Hans Maier!Die Orgel

C.H. Beck Verlag, München 2016, 159 Seiten, 16,95 Euro

Der Untertitel dieses Buches lautet: "Kleine Geschichte eines großen Instruments". Aber die Geschichte ist nur eines der Themen in den sieben Kapiteln. Das erste zeigt "Organisten am Werk", das zweite handelt vom Klang des Instruments, das dritte setzt das Thema fort, indem beschrieben wird, wie dieser Klang überhaupt zustande kommt: Balgtreter oder elektrische Gebläse machen viel Wind.

Elektrisch geblasen wird etwa bei der in die Zukunft hineinwachsenden Orgel in der Halberstädter Burchardikirche. Maier erwähnt dieses um ein Stück von John Cage herumgebaute, herrlich verrückte Projekt nebenbei. (Und ich darf nebenbei auf "Zeitsprünge" und "Auferstehung" in der Rubrik "Erzählungen" hinweisen. In beiden Texten spielt das Projekt eine wichtige Rolle.) Maiers viertes Kapitel handelt von der "Orgel als Baukunstwerk", und vor dem historischen Schlusskapitel gibt es noch eines über Orgelkomponisten und eines über die Orgel in Dichtung und Literatur. Also von allem etwas? Gewiss, warum auch nicht? Das Orginelle an diesem Buch ist sein souveräner Verzicht aufs Orginelltun. Maier weiß vermutlich alles über die Orgel, was man nach sieben Jahrzehnten Beschäftigung mit diesem Instrument wissen kann. Bei soviel Erfahrung hat man Originalität nicht mehr nötig. Maier drückt sich umstandslos und präzise aus. Man merkt dem ehemaligen bayerischen Kultusminister an, dass er an unverrückbare Bildungswerte glaubt. Das überzeugt mich sachlich nicht, schon weil mich 'Unverrückbares' ganz unverrückbar grundsätzlich nicht überzeugt. Aber es gefällt mir besser als das feuilletonistische Mainstreaming vom verschwundenen Unterschied zwischen U und E. Das UE-Denken wird von Professor Maier nicht einmal ignoriert. Mir gefällt das sehr. Auch der altmodische Gestus gefällt mir in seiner Kombination aus honoratiorenhafter Verbindlichkeit und Bestimmtheit. Solche Bücher sind selten geworden. Das macht nichts. Nur aussterben sollen sie nicht. Dank also an den Beck Verlag für den Artenschutz.

Joachim Kalka!Der Mond

Berenberg Verlag, Berlin 2016, 101 Seiten, 20 Euro

Auf dieses Buch habe ich seit Sommer 2014 gewartet, nachdem ich vom Containerschiff Lettre International eine kleine Box gehievt und gelesen habe mit Mondereien von Joachim Kalka. Ich spielte eine Weile mit der Idee einer literarischen Mondreise herum, denn in drei Jahren wird es sagenhafte fünfzig Jahre her sein, dass ein Erdenarmstrong einen vorher einstudierten NASA-Satz aufsagte, ein Apollotreppchen hinab stieg in den Staub des Meers der Ruhe und Frau Luna eine Flagge ins Gesicht rammte. Viel scheint es ihr nicht ausgemacht zu haben, und der Mann im Mond war gerade nicht zu hause. Oder es gibt ihn gar nicht. Jedenfalls wird die Mondin immer noch aufgehen, und die goldenen Sternlein werden immer noch prangen, wenn die Polkappen längst geschmolzen sind und der Unheilsgeschichte der Menschheit mit einer neuen Sintflut ein Ende gemacht haben.

Bis dahin dauert es (kosmisch gesehen) noch ein Momentchen, und ein paar Generationen lang werden wir den Mond schon noch poetisch anheulen können. Was bisher auf diesem Gebiet geleistet wurde, potpourrisiert Kalka in seinem schmalen, schnittigen Essay in bekannt schmucker Berenberg-Aufmachung. An ihr ist nichts auszusetzen, nur die ab- und zunehmenden Mondlein, mit denen die Abschnitte gegliedert sind, gerieten ein wenig klein. Aber selbst das will ich als Lesebrillenverweigerer dem Layout nicht anlasten. Solange ich den Heiligenschein am Himmel erkennen kann, kommt es mir auf Schwarz/Weiß-Monde in Büchern und Kalendern nicht an.

Kalkas Text ist ein unterhaltsamer Mondspaziergang, bei dem vieles vorkommt, was man nicht so genau kennt, und vieles nicht vorkommt, was man gut zu kennen meint. Richtiger gesagt handelt es sich nicht um einen Mond-, sondern um einen Mondscheinspaziergang, obwohl auch Reisen hinauf nicht unerwähnt bleiben: "Peterchens Mondfahrt" und so. Bei dieser Gelegenheit will ich das tun, wofür Literaturkritiker (selbst solche a. D. wie ich) eine Vorliebe haben: nämlich in die Rezension hineinzuschreiben, dass sie als Rezensenten auch was wissen - und zwar unbedingt etwas, das nicht im rezensierten Buch steht. In Kalkas Buch steht nicht, dass im Jahr 1790 schon einmal eine Mondlandung statt fand, und zwar in einer „Posse in drei Akten“, genannt der Der Mondkaiser, verfasst von Friederike Helene Unger. Der Mond ist natürlich bewohnt, und die Mondbewohner geben der Autorin die Möglichkeit, irdische Verhältnisse zu spiegeln. Bei Kalka wird nicht gespiegelt, sondern geplaudert. Das ist auch besser so. Will man Welt und Wirklichkeit kritisieren, kann und soll man das heutzutage auf direktem Wege tun, ohne Verklausulierungen und wenn's geht ohne 'Kunscht'.

Der Essayist Kalka ist zum Glück weder ein Sonnenscheinchen der Aufklärung noch ein somnambuler Dunkelmann. Er weiß als schreibender Leser und Regalspazierer die intellektuellen Lichtverhältnisse seinen Gegenständen anzupassen. Und so ruft er auch eine Schlagerzeile in Erinnerung, die auf eine folgt, die fast alle kennen, jedenfalls fast alle aus der Lesebrillenverweigerergeneration: "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt ...". Wie es weitergeht wissen dann viele schon nicht mehr: "... und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt".

Leonid Andrejew!Das Joch des Krieges

Deutsch von Hermynia zur Mühlen. Elektrischer Verlag, Berlin 2013,

109 Seiten, 9,90 Euro, e-book 2,99 Euro

www.elektrischer-verlag.de

„Freilich, Krieg ist Krieg“ schreibt der 45 Jahre alte Petersburger Buchhalter Ilja Petrowitsch Dementjew am 28. August 1914 in sein Tagebuch. Die letzte Eintragung dieses Tagebuchs stammt vom 7. Oktober 1915 und endet mit den Worten: „Und ich weine, weine, weine.“

Dementjew ist eine von Leonid Andrejew (1871-1919) erfundene Figur, der Text entstand während der ersten Kriegsjahre und wurde 1918 veröffentlicht. Die fingierten, aber in ihrer Sachhaltigkeit durchaus nicht ausgedachten oder erfundenen Aufzeichnungen zeigen den Krieg nicht von seiner ‚historischen’ Seite, sondern aus der Froschperspektive des normalen Bürgers, der sich in die Ereignisse, die ihn erdrücken, hineingrübelt, ohne sie wirklich verstehen zu können. Nicht etwa, weil ihm das sogenannte höhere Verständnis fehlt. Sondern weil diese Ereignisse von denen, die all diese Geschichten, die die ‚Geschichte’ andauernd macht, durchleben und durchleiden müssen, gar nicht verstanden werden können, was auch immer die Historiker hinterher darüber schreiben mögen.

Andrejews „Roman“, wenn man dieses fingierte Tagebuch denn so nennen will, ist ein beeindruckender, erschütternder Text. Ich drücke das so aus, und meine es als höchste Empfehlung und großes Lob, obwohl ich sonst der Überzeugung bin, die Welt wäre besser, wenn sich die Menschen mehr von der Wirklichkeit als von der Literatur erschüttern lassen würden.

Erich Hackl!Drei tränenlose Geschichten.

Diogenes Verlag, Zürich 2014, 153 Seiten, 18,90 Euro

Ich falle mit der Tür ins Haus: Die Geschichten von Hackl sind - ja, jetzt geht die Tür gar nicht auf, und eintreten kann ich sie nicht. Sind die Geschichten von Hackl hinreißend? So das der richtige Ausdruck ist, wenn es um Arisierung und Exilierung in Österreich, Verhaftung und Folter in Brasilien, Flucht nach Chile, Flucht aus Chile, Armut in Rom, Niedergeschlagenheit in Westberlin geht wie im ersten Text. Sind die Geschichten von Hackl umwerfend? So das der richtige Ausdruck ist, wenn es um 50000 in Auschwitz gemachte Fotos geht wie im zweiten Text. Sind die Geschichten von Hackl großartig? So das der richtige Ausdruck ist, wenn es um Dachau geht und um das Verschwinden in einer der Gruben der Massenmörder wie im dritten Text.

Das Haus der Geschichte, das mit diesen Geschichten entsteht, ist ein verdammtes Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt, ein Haus ohne Türen, die man von innen aufbrechen oder von außen eintreten könnte. Aber viele sogenannte Strukturen hat das Haus, hat die Geschichte, haben die Geschichten aus der Geschichte, Strukturen, die den Menschen erniedrigen, erwürgen, ihm das Herz abdrücken und die Seele versteinern. Und wenn alles geschehen, vieles vergessen und wenig wieder gutzumachen ist, was sollten dann Sätze auf Papier noch tun können? Sie können nichts tun, überhaupt nichts, was immer über die Kraft und die Notwendigkeit der Erinnerung verlautbart wird von Menschen, die es gut meinen mit denen, mit denen es die Geschichte umbringend schlecht gemeint hat.

Die Geschichten von Hackl sind literarische Dokumente, Einzelfallgeschichten aus der Extremgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie sind präzise und unsentimental ("tränenlos"). Sie setzen nicht auf Mitleid, das für die Leidenden zu spät kommt. Sie setzen auf die Zumutung der Genauigkeit, aufs Aushalten der Wahrheit, auf Leserverstörung mit ästhetischem Minimalaufwand.

Nathaniel Hawthorne!Das Haus mit den sieben Giebeln.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Irma Wehrli. Nachwort von Hanjo Kesting. Manesse Verlag, Zürich 2004/2014, 509 Seiten, 24,95 Euro

Manesse produziert Beste!Bücher in Serie, doch in Das Haus mit den sieben Giebeln von Nathaniel Hawthorne (1804-1864) habe ich mich richtig verliebt. So etwas passiert einem selbst als passioniertem Leser nicht alle Tage, wenn man nicht mehr so jung ist wie Holgrave (eine Figur des Romans, in dem der Autor sich vielleicht selbst ein wenig portraitiert und idealisiert hat), sondern eher so alt wie die arme Hepzibah, die jede Leserin und jeder Leser, gleich ob jung oder alt, mitleidend ins Herz schließen muss. Jedenfalls habe ich mich immer so kindlich auf die nach Kapiteln rationierte Lektüre gefreut, dass mich selbst diese Freude noch gefreut hat. Der ‚kritische Leser’ in mir hätte gegen den Roman auch Einwände zu machen – darf er aber nicht. Die Leserin oder der Leser mag selbst sehen, sich das überaus hübsche handliche Werk Weltliteratur in die Hand- oder Jackentasche stecken und zufrieden sein, dass das In-der-Hand-halten von wirklichen Büchern aus Papier in Leinenbindung mit Lesebändchen noch immer glücklich machen kann. Hawthorne ist kein Koloss der Weltliteratur, wie immer sich Kolossalität definieren ließe. Herman Melville war einer wegen Moby-Dick; or, the Whale., wie der Originaltitel lautet. Diesem literarischen Kolossalwal hat Melville die Widmung vorangestellt: „In Token of my admiration for his genius, this book is inscribed to NATHANIEL HAWTHORNE.“

Henriette Herz!In Erinnerungen, Briefen und Zeugnissen.

Neu ediert von Rainer Schmitz. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013, 675 Seiten, 40 Euro

In den Berliner Salons um 1800, viele von jüdischen Gastgeberinnen geführt, wurde etwas erprobt, was man im Unterschied zu den in der Elite damals herrschenden aristokratischen Konventionen 'bürgerliche Geselligkeit' genannt hat. Eine der wichtigsten und heute noch berühmten Salondamen war Henriette Herz (1764-1847), seit 1779 Gattin des jüdischen Arztes Marcus Herz (1747-1803). Ob die in den Salons gepflegte Geselligkeit wirklich eine 'bürgerliche' gewesen ist, sei dahingestellt. Jedenfalls war sie eine verspielte, reizende und überreizte, tiefgründige und tändelnde, interessante und intrigante, Freundschafen und Feindschaften pflegende Form der Netzwerk-Kommunikation, wie man heute sagen könnte. Der Klatsch, auch der Lobklatsch gehörte ebenso dazu wie die Nachrede, die üble eingeschlossen.

In der Mitte dieser Salonstubentumulte triumpierte Henriette als eine Juno an körperlicher Statur, vermittelndem Ein- und kontaktpflegerischem Durchblick. Will man sich ein Bild von dieser Sozialheroine machen, tut man das am besten mit der opulenten Neuedition ihrer Erinnerungen durch Rainer Schmitz, ergränzt durch Briefe und Zeugnisse von Zeitgenossen, einem Nachwort, ausführlichen Anmerkungen und ebenso ausführlichem Personenglossar - nur fehlt leider eine Chronologie, die den Überblick hätte erleichtern können. Dass aber das Bild, das man sich von Henriette Herz mit Hilfe dieses opulenten Buches machen kann, aus vielen verschiedenen, übereinander gelegten Bildern besteht, ist der schönste Makel dieses Werks - nicht nur des Buches übrigens, sondern auch des Lebenswerks, vielleicht besser gesagt: der Lebenswirkung von Henriette.

Zwar muss man nicht alles glauben, was die Leute sagen (und schreiben), ob es sich nun um Friedrich Schleiermacher, Alexander von Humboldt, Rahel Varnhagen, Ludwig Börne oder Henriette Herz selbst handelt. Aber auch durch versehentliche Irrtümer und absichtliche Irreführungen entsteht - nein, kein Bild der Zeit, das wäre zu statisch, eher eine Art Nachschwingung jener Epoche um 1800. In jenen Jahren wurden viele der philosophischen Ideen, ästhetischen Konzepte, moralischen Überzeugungen und mentalen Haltungen entwickelt, die heute (zu Recht) als überlebt und (zu Unrecht) als überwunden gelten. Früher war nicht alles besser, aber manches gar nicht so schlecht. Der gelbe Komet, den man mit diesem Buch in die Hand nimmt, wirft darauf sein Licht.

Adelbert von Chamisso!Reise um die Welt.

Mit 150 Lithographien von Ludwig Chroris und einem essayistischen Nachwort von Matthias Glaubrecht. Die Andere Bibliothek, Berlin 2012,

519 Seiten, 99 Euro

Von August 1815 bis Oktober 1818 segelte Adelbert von Chamisso, der ihm Jahr zuvor Peter Schlemihls wundersame Geschichte veröffentlicht hatte, auf einem russischen Schiff um die Welt. Das Schiff hieß Rurik, der Rurik – warum sollten Schiffe immer weiblich sein? Die Umstände dieser Reise beschrieb Chamisso in einem missverständlich als „Tagebuch“ bezeichneten Text knapp zwanzig Jahre nach der Ausfahrt. Das „Tagebuch“ firmierte zusammen mit der Aufsatzsammlung Bemerkungen und Ansichten als Reise um die Welt im ersten Band einer Werkausgabe, erschienen 1836, zwei Jahre vor Chamissos Tod. Die Bemerkungen waren in verstümmelter Form schon in der 1821 in Weimar veröffentlichten Entdeckungs-Reise in die Süd-See von Otto von Kotzebue, dem Kapitän des Rurik, enthalten.

Die als Reise um die Welt erschienene Prachtausgabe der Anderen Bibliothek enthält nur das „Tagebuch“. Das 'nur' ist nicht als Kritik gemeint, denn die Einbeziehung der Aufsatzsammlung hätte das imponierende Format und die hinreißend schöne Ausstattung des Bandes verunmöglicht. Das Weglassen der Bemerkungen und Ansichten wird durch die Hinzunahme der Lithographien von Ludwig Choris wettgemacht. Der deutschstämmige Maler und Zeichner war zu Beginn der Reise um die zwanzig Jahre alt. Als Chamisso die Reise um die Welt veröffentlichte, lebte er bereits nicht mehr. Der Bilderfänger war 1828 in Mexiko bei einem Raubüberfall ermordet worden.

Die farbigen Tafeln von Choris sind wie Zeitfenster, durch die man in eine Vergangenheit blickt, aus der man die eigene Gegenwart heran kommen sieht. Insofern ist diese Weltreise zugleich eine Zeitreise. Schon damals war der Erdball von Händlern und Schmugglern, von Handels- und Kriegsschiffen so umfahren, dass man von Globalisierung sprechen kann, ohne sich eines Anachronismus’ schuldig zu machen. Der russische Graf, der die Expedition finanzierte, tat das nicht aus wissenschaftlichem Forscherdrang, sondern um Geschäftswege zu erkunden. Er war Hauptaktionär der „Russisch-Amerikanischen Kompanie“, die mit dem Handel von Pelzen und dem Verschiffen von Arbeitskräften über riesige Distanzen ebenso riesige Profite erzielte.

Die Häfen, in denen der Rurik vor Anker ging, waren koloniale Stützpunkte, und die Bewohner der Inseln, vor deren Riffen Kapitän Kotzebue lavierte, hatten vor ihm schon genug weiße Männer gesehen, um zu wissen, wann diese zu fürchten und wann sie zu benutzen waren. König Kamehameha etwa, bis 1819 Herrscher über Hawai, von Chamisso in größter Ehrerbietung Tameiameia genannt und von Choris in ebensolcher Ehrerbietung porträtiert, hatte es verstanden, mit Hilfe englischer Waffen die Könige der Nachbarinseln zu unterwerfen und die Sandwich-Inseln, wie sie damals hießen, unter seine Oberhoheit zu zwingen. Kamehameha mag nach seinem Sieg ein weiser Herrscher gewesen sein, ein ‚edler Wilder’, diese europäische Projektionsfigur, war er nicht. Hinter den Kulissen der Bewunderung, die Chamisso vor Tameiameia schiebt, sind die Ränkespiele der Europäer und die Machtkämpfe der Inselbewohner zu ahnen.

Chamisso trat während der Reise als Naturwissenschaftler auf, doch der Bericht über sie gleitet manchmal ab in sentimentale Romantisierung der Natur, die Natur des fremden Menschen inbegriffen. Der Dichter wusste in seinen letzten Lebensjahren Dampfschifffahrt und Eisenbahn zu loben und träumte davon, Walfische zu zähmen als wären sie Pferde. Zugleich feierte er die sogenannte natürliche Unschuld, deren Schilderung mehr Auskunft über die eigenen Zivilisationssehnsüchte gibt als über die Lebenstatsachen fremder Völker. Gleichwohl, und wieder kippt das Bild, sieht Chamisso die Zukunft der Nichteuropäer darin, europäisch zu werden – „früher oder später werden, dem Fortschritt der Geschichte angemessen, die Hauptinseln des Großen Ozeans sich der Welt unserer Gesittung anschließen“.

Um diesem Fortschritt auf die Sprünge zu helfen, wurden Tiere auf den Inseln ausgesetzt, Samen verteilt und Gärten angelegt. Aber die Ratten fraßen die Samen, und so brachte man Katzen auf die Inseln – nur um beim nächsten Besuch festzustellen, dass sich die verwilderten Katzen über die Maßen vermehrt und die Ratten nicht verringert hatten. Gleichwohl gab man nicht auf, und in dem Inselbewohner Kadu fand Chamisso einen einheimischen Unterstützer. Ihm hat er ein (übrigens aus den Bemerkungen übernommenes) schönes Denkmal gesetzt, und ein nicht minder schönes Porträt von Ludwig Choris schmückt den Umschlag der neuen Ausgabe.

Wo der poetische Sammler von Eindrücken die Welt romantisiert, schreckt der naturkundliche Sammler von Fundstücken nicht davor zurück, sie zu plündern. Aus fremden Begräbnisstätten geraubte und in heimatliche Berliner Museen verschleppte Schädel sind der Stolz des Wissenschaftlers. Das menschliche Bedauern, das ihn dabei anweht, ist wert-, weil folgenlos. Im Zweifel wird die fremde Würde der eigenen Wissenschaft geopfert. Das war kein spezieller Charakterzug Chamissos, sondern gängige Anmaßung der Weltvermesser, Naturforscher und ethnologischen Menschen- sammler.

Das letzte Drittel des achtzehnten und das erste des neunzehnten Jahrhunderts können als die Epoche der Welt-Erfahrung gelten, auch wenn die Umseglung von Reinhold und Georg Forster unter James Cook von 1772 bis 1775 nicht die erste, und die Umseglung Chamissos unter Kotzebue von 1815 bis 1818 nicht die letzte gewesen ist. Übrigens gibt es von Georg Forsters Reise um die Welt ebenfalls eine opulente Ausgabe in der Anderen Bibliothek.

Henry David Thoreau!Wilde Früchte

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Bradley P. Dean. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Uda Strätling. Mit 52 farbigen Illustrationen von Sonia Schadwinkel. Manesse Verlag, Zürich 2012, 316 Seiten, 99 Euro

Für mich hingen die Wilden Früchte zu hoch, also habe ich sie verschenkt. Zur Belohnung bekomme ich manchmal abends daraus vorgelesen. Es ist, was die äußeren Werte betrifft, eines der schönsten Bücher, die ich je verschenkt habe; und was die inneren angeht, eines der schönsten, aus denen mir jemals vorgelesen wurde.

Die äußeren Werte: Großformatiger Leinenband im Schuber, fein, akkurat und stabil gearbeitet; großzügiges Seitenlayout; herrliche Farbillustrationen; hübsche Miniskizzen von Thoreaus Hand in den Zeilen.

Die inneren Werte sind botanischer Natur und stilistischer Herkunft. Das ideologische Naturaposteltum Thoreaus und sein dem Langweiler R. W. Emerson nachempfundenes Transzendenzeln verflüchtigen sich beim poetischen Rühmen der sogenannten kleinen Dinge: Äpfel, Beeren, Apfelbeeren, Birnen, Clintonien, Disteln und Eicheln, Feigen, Getreide, Heidel- und Hucklebeeren (oh, wie er die Hucklebeere liebt und beschreibt und beschwärmt), Johanniskräuter, Kirschen, Löwenzahn, Moosbeeren, Nüsse, Pfirsiche, Pflaumen und Strandpflaumen, Quitten, Rhéxia, Traubenkirschen, Ulmen, Vogelbeeren und Zaunrosen.

Sie alle hat er beobachtet und besucht, beschrieben und besungen. Die Texte packte er in Packpapier, legte sie in eine Truhe und vererbte sie seiner Schwester. Er starb im Mai 1862, vierundvierzig Jahre alt. Das Konvolut wurde nach einer Zeitreise, die jedem Philologen Schauder der Entsetzenslust über den Bücherrücken laufen lässt, endlich entziffert und im Jahr 2000 erstmals veröffentlicht. Dieser Ausgabe entspricht die deutsche Übersetzung.

Im Nachwort ist eine Tagebuchnotiz zitiert, in der Thoreau Auskunft über das gibt, was man seine >Beobachtungspolitik< nennen könnte: „Bald achtete ich genauestens auf das erste Erscheinen von Blüten und Blättern an den Pflanzen, und das früh und spät, nah und fern, mehrere Jahre in Folge, strebte in verschiedene Richtungen aus der Ortschaft hinaus bis zu den Nachbargemeinden, manches Mal zwanzig, dreißig Meilen am Tag. Oft suchte ich ein und dieselbe, vier oder fünf Meilen entfernte Pflanze im Lauf von zwei Wochen ein halbes Dutzend Mal auf, damit ich genau wüsste, wann ihre Knospen sich öffneten ...“

Das letzte Wort sei der verehrten Hucklebeere gewidmet: „Es gibt sie in den verschiedensten Formen, Farben und Geschmacksnoten: mal rund, mal birnförmig, mal schwarz glänzend, mal stumpfschwarz oder blau mit dicker, fester Schale (wenn auch nie von dem sehr eigenen Lichtblau bereifter Blaubeeren), mal süßer, mal fader und so fort ...“

Jean-Jacques Rousseau!Ich sah eine andere Welt

Philosophische Briefe. Ausgewählt und übersetzt von Henning Ritter. Hanser Verlag, München 2012, 396 Seiten, 27,90 Euro

Die Glanzleistung von Henning Ritter, anerkannter Rousseau Kenner, verdienter Schriftenediteur und nun auch Herausgeber dieses in ruhiger Weise nahezu klassisch aufgemachten Buches, die Glanzleistung liegt darin, aus einer Korrespondenz, die in der Gesamtedition 52 Bände umfasst, einzelne Briefe Rousseaus an zwanzig verschiedene Adressaten herauszufischen und der Leserin, dem Leser in die Hand zu geben. Natürlich ist auch ein Brief an Voltaire und einer an David Hume enthalten.

Voltaire, dieser große Mann, dem wegen seiner giftigen Zunge und seiner Intrigen Friedrich von Preußen den Marsch flötete, dieser große Mann biss sich in Rousseau fest und verfolgte ihn mit anonymen Schmähschriften. Voltaire war es auch, der publik machte, wiederum anonym, dass Rousseau die fünf von Thérèse geborenen Kinder ins Findelhaus gegeben hatte. Rousseau vermutete freilich Jacob Vernes als Verfasser dieses Pamphlets. An Vernes sind drei Briefe Rousseaus abgedruckt, alle aus einer Zeit, als beide noch befreundet waren.

Ein erschütterndes und zugleich herzschmerzend komisches Dokument ist Rousseaus Brief an David Hume aus der Zeit des englischen Exils. Rührend wiederum sind die moralischen Lehrbriefe an die junge Sophie d’Houdetot, an der Rousseau sich abliebte während der Arbeit an seinem Briefroman Julie oder Die neue Heloise. Es geht ziemlich nass zu, und wenn die Tränen weniger literarisch wären, würden sie die Tinte verwässern und die Texte unlesbar machen.

Zuletzt sei als Adressat noch Malesherbes hervorgehoben. Die vier Briefe an ihn vom Januar 1762 sind autobiographische Meisterminiaturen, und gäbe es die Bekenntnisse nicht, wären sie zu den wichtigsten schriftlichen Selbstexplikationen des 18. Jahrhunderts in Frankreich zu zählen.

Henning Ritter stellt alle Adressaten im Anhang vor, und in der knappen Präzision, über die nur trainierte Kenner verfügen, umreißt er den diskursiven und lebensgeschichtlichen Kontext der Briefe. Die gleichen Komplimente – konzise, souverän und frei von Akademismen wie von Feuilletonismen – dürfen dem Nachwort gemacht werden.

Zum Schluss noch ein Wort zu dem, was bei Büchern am Anfang steht: zum Titel. „Ich sah eine andere Welt“ ist nicht direkt ein Geniestreich, ruft aber wegen seiner Indifferenz allenfalls Verlegenheit hervor und führt nicht in die Irre. Der Untertitel „Philosophische Briefe“ indessen ist hinterlistig. So hieß ein Buch Voltaires, das, viele Jahre vor Rousseaus Emile erschienen, gleichwohl die Ehre hatte, 1762 mit diesem verbrannt zu werden. Rousseau hielt die Philosophischen Briefe Voltaires, die keine >richtigen< Briefe waren, sondern Artikel und Essays in Anredeform, nicht gerade für das Beste, was sein „gefährlicher Nachbar“, wie er ihn in einem seiner >richtigen< Briefe nennt, geschrieben hat.

Den Untertitel von Ritters Zusammenstellung von Rousseau-Briefen in Verbindung zu bringen mit dem Titel einer Voltaire-Schrift, die Rousseau nicht schätzte, ist entweder eine hinterlistige Feinheit des Herausgebers oder von mir eine Überinterpretation - die ja eine Verstehensform ist, die Rousseau in seinem Brief an David Hume zur Blüte brachte.

PS

Ergänzend sei hingewiesen auf Ritters Rousseau-Notate in der Zeitschrift für Ideengeschichte, Nr. VI/2, Sommer 2012, erschienen bei C.H.Beck, 128 Seiten, 12,90 Euro

Daniil Charms!Autobiographisches

Du siehst mich im Fenster. Autobiographisches. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2011. 249 Seiten, 24,99 Euro

Dieses sehr schöne Buch ist der letzte Band der sehr schönen vierbändigen Ausgabe der sehr schönen Werke des russischen Avantgardeschriftstellers, die 2010 und 2011 bei Galiani Berlin erschienen sind. Band 1 (Trinken Sie Essig, meine Herren!) ist der Prosa gewidment, Band 2 (Sieben Zehntel eines Kopfs) den Gedichten, Band 3 (Wir hauen die Natur entzwei) den Theaterstücken. Meine Lieblingsbände sind der erste Band und der letzte, der mit den autobiographischen Aufzeichnungen.

Zu den äußeren Werten: Die Buchdeckel wirken, als wären sie aus Papirossi-Pappe verziert mit Zeichnungen von Charms. Das Format der Bände ist stattlich, ein wenig hochaufgeschossen, was sehr apart ist. Jeder Band hat ein Lesebändchen und ist fadengeheftet. Das Lesebändchen des vierten Bandes ist schwarz, die Heftfäden sind rot. Das Lesebändchen des ersten Bandes ist rot, und die Heftfäden sind schwarz. Zeichnungen gibt es nicht nur außen auf den Deckeln, sondern auch innen auf den Seiten.

Zu den inneren Werten: Der vierte Band hat vier Abteilungen: 1. „Texte mit autobiografischem Bezug“; 2. „Notizbücher, Tagebuch“ von 1924 bis 1940; 3. „Briefe“; 4. „Traktate“.

In den persönlichen Aufzeichnungen gibt es endlose Notate über Esther, die erste Ehefrau von Charms, und Marina, die zweite Ehefrau von Charms, und den Eintrag vom 25. Mai 1938: „wie schrecklich ist es, verheiratet zu sein.“

In den persönlichen Aufzeichnungen gibt es Notizen über den Hunger, über das Versagen, über den Sinn.

In den Briefen gibt es Erklärungen, Selbsterklärungen, Purzelbäume und Kapriolen.

In den Traktaten gibt es Erklärungen, Selbsterklärungen, Purzelbäume und Kapriolen.

In den Texten mit autobiografischem Bezug, in den Notizbüchern, Tagebüchern, Briefen und Traktaten ist Charms zugleich Nervensäge, Sprachartist, Denkclown, Gottesanbeter, Sinnsucher, Kinderhasser, Verbalcartoonist, Phantasiesadist, Melancholisierer, Pfeifenraucher im Dunkeln, Nacktfenstergucker – und auf jeder Seite was anderes und doch von allen Seiten derselbe.

Zum Schluss ein paar Perlen:

„Der Mensch sollte keine Angst vor seinem eigenen Leben haben.“

„Man muss kaltblütig sein, d.h., man muss schweigen und einen konstanten Gesichtsausdruck beibehalten können.“

„Es gibt Büchersammler, das sind Bibliophile; es gibt Geldsammler, das sind Reiche; und es gibt Sammler eigener Werke, das sind schreibwütige Dilettanten und Genies.“

„Der Philosoph wandelte unter Bäumen und schwieg, denn die Inspiration hatte ihn verlassen.“

Dies ist Charms letzter Satz im letzten Band der Werkausgabe.

Jens Bisky!Unser König

Friedrich der Große und seine Zeit - ein Lesebuch. Rowohlt Berlin, Berlin 2011, 396 Seiten, 19,95 Euro

Eines der interessantesten der zahlreichen interessanten Bücher, die in diesem Herbst vor dem Preußenfrühling 2012 erschienen sind, ist das Lesebuch von Jens Bisky, Feuilletonredakteur bei der Süddeutschen Zeitung. „Lesebuch“ klingt altmodisch und unbeholfen, aber es ist sympathisch, dass ein Verlag und ein Autor solchen Einwänden trotzen und tapfer außen auf den Deckel schreiben was im Buch innen drin ist.

Und innen drin ist eine ganze Menge: Eine Sammlung von Texten von und über Friedrich den Zweiten, vulgo den Großen, Nachgerufenes von Spätgeborenen (auf die komme ich noch zurück), Zugerufenes von Zeitgenossen, Anhimmelndes, Verteufelndes, Einsichtiges, Verbohrtes. Große preußische Stimmen sind darunter, Bismarck etwa und der preußisch unvermeidliche Fontane. Aber auch andere Dichter machen große Worte: Goethe mit seinem Gravitätischtun, in dem sich viel Durchtriebenheit versteckt; Gleim mit seinen – pardon für den halben Kalauer – schleimigen Grenadiergedichten; Abbt mit seinem antik verschimmelten Lob des Tods fürs Vaterland, das es doch nur für poetische Schreibtischtäter gab, nicht aber für die Bauern auf den Äckern und die einfachen Soldaten auf dem Feld; auch Kleist singt seine Kriegslieder, Ewald von Kleist, der an seinen Verwundungen aus der Schlacht von Kunersdorf gestorben ist, während Freund Gleim als Tintentunker hübsch weit weg war vom Blut und vom Hauen und Stechen, vom Niedergehauen- und Abgestochenwerden.

All das und vieles mehr findet man fein aufgefädelt und grob untergliedert in die Kapitel „Jugend“, „Glanz“, „Krieg“ und „Alter“ in Biskys Friedrich-Lesebuch. Jedes der Hauptkapitel wird zudem mit einem Essay eingeleitet, jedem einzelnen Text wiederum steht ein kleiner Orientierungstext voran, eine Art historische Visitenkarte. Eine Einleitung, „Unser König“, und ein Schlußlicht, „Friedrich und kein Ende“ rahmen den Band.

Eine Wendung wie „Friedrich und kein Ende“ ist das hundertmillionste Echo von „Shakespeare und kein Ende“ (na, wer wars?), das als Sentenzentitel zu dem ins gehobene Feuilleton abgesunkenen Kulturgut gehört. Schlimm ist das nicht, und so wird es auch nicht schlimm sein, wenn ich mich ein wenig darüber lustig mache.

Eine andere Sache ist Biskys hin und wieder aufblitzende Neigung, die Spätgeborenen am Schlafittchen zu nehmen und in die Zeit, die sie nicht erlebt haben, zurück zu stellen. Als ob ferne Zeiten nur aus der Nähe kritisiert werden dürften, aus jener Nähe des Historismus, die selbst Resultat der Ferne ist. Bodenständiger ausgedrückt: Man muss sich nicht in Friedrich hinein versetzen, nicht die Bohne, um seine Handlungen kritisieren zu können. Diese Handlungen und ihre Folgen sind moralisch bewertbar – moralisch unterstrichen – auch ohne Beschäftigung mit den Motiven Friedrichs.

Um es am Adolf-Beispiel zu verdeutlichen – am Adolf kann man eine ganze Menge ganz schnell verdeutlichen, woran man sonst stundenlang herum erklären muss – also das Adolf-Beispiel: Muss man seine Motive kennen, um seine Politik moralisch abzulehnen, moralisch unterstrichen? Muss man seine Motive kennen, um seine Politik historisch zu verstehen, historisch unterstrichen? Man täte gut daran.

So ähnlich ist es auch mit Friedrich, wobei ich jedem das weitere Lesen des fackel kopf verbiete, der mir jetzt damit kommt, ich würde Friedrich und Adolf vergleichen. Man sollte sich mit Friedrichs Motiven beschäftigen, wenn man seine Politik historisch verstehen will. Man sollte sich mit seinen einzelnen Taten beschäftigen, wenn man seine Handlungszüge verstehen will. Man sollte darauf achten, seine Worte nicht mit seinem Wirken zu verwechseln. Beispielsweise sollte man seine Kriminalpolitik in den Einzelheiten rekonstruieren, will man begreifen, was es mit der sogenannten „Abschaffung der Folter“ wirklich auf sich hatte: nicht in der Wirklichkeit der Spätgeborenen, sondern in der zu Friedrichs Zeit, wohl aber in der Wertigkeit der Spätgeborenen. Wer sollte werten, wenn nicht wir? Die Geschichte ist eine alte, halb blind gewordene Lehrerin, die so taub ist, dass sie unsere Fragen nicht mehr hört. Obwohl wir alle ihre Schüler sind, müssen wir die Antworten auf unsere Fragen schon selber geben.

Eben dazu trägt Biskys Lesebuch bei. Deshalb – um es mit einer dieser rhetorischen Katzenschwanzbisse zu sagen, die im gehobenen Feuilleton (und im nicht gehobenen auch) so beliebt sind – deshalb ist es eines der interessantesten der vielen interessanten Friedrichbücher dieses Herbstes.

Edgar Allan Poe!Ein Sturz in den Malstrom

Eine phantastische Fahrt. Aus dem Amerikanischen von Hans Wollschläger. Mit der bekannten Studie von Charles Baudelaire: Edgar Allan Poe. Sein Leben und seine Werke. Aus dem Französischen von Guido Meister. In Zusammenarbeit mit Friedhelm Kemp, sowie herausgegeben, gestaltet und mit einer Nachbemerkung versehen von Klaus Detjen. Typographische Bibliothek Bd.7. Wallstein Verlag und Büchergilde Gutenberg. Göttingen, Frankfurt am Main 2011, 96 Seiten,

29,-- Euro

Zuallererst muss gesagt werden, dass es sich bei diesem Buch um einen Gegenstand handelt. Nicht nur um einen schönen Gegenstand, obwohl das auch schon etwas ist, sondern überhaupt um einen Gegenstand. Von vielen Büchern lässt sich das heute nicht mehr sagen, weil sie selbst bei innerem Charakter äußerlich eigenschaftslos erscheinen.

Dieser Gegenstand von einem Buch aber hat Eigenschaften. Er stinkt zum Beispiel. Oder riecht. Oder duftet – wie ich sagen würde. Er duftet nach Papier und Leim. Und das schon seit einem halben Jahr. So lange liegt der überaus schön gemachte Band schon in meinem Bücherzimmer herum.

Poes Text erzählt von einem Orkan und von einem Fischer, der mit seinem Boot in einen Wirbel hinein gezogen wird. Da der Fischer diese Geschichte selbst erzählt, wir liegen dabei selbst am Rand eines Felsenabgrunds und blicken schaudernd in die Tiefe, wissen wir, dass der Mann die Katastrophe überlebt hat. Wie das zuging, braucht hier nicht verraten zu werden. Es ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist das Hingerissenwerden aufs Nichts, von dem hier berichtet wird. Dabei werden wir doch allesamt allezeit auf dieses Nichts hingerissen: auf den „weißen Katarakt des Todes“, wie Flaubert es ausgedrückt hat.

Unter Poes Text steht ein Mitläufer, wobei meine Leser sicher auf der Stelle bemerken, dass ein stehender Mitläufer ein komischer Ausdruck ist. Trotzdem steht er da unter dem Text von Poe, der Mitläufertext von Baudelaire. Der böse Charles spart nicht mit Blumen an seinen verlorenen amerikanischen Bruder. Die Kunst, schreibt er, muss „die Seelen den schlammigen Geleisen der Gewohnheit entreißen“. Schön und richtig.

Schön und falsch ist, was Baudelaire an Biographischem über Poe zu berichten weiß. Was blieb Poes verlorenem französischem Bruder auch anderes übrig, als die Geschichten zu glauben, die Poe über sich, seine Herkunft und sein Leben verbreitet hat.

Jetzt muss noch etwas über die Buchstaben gesagt werden. Schließlich ist der Band Teil einer „Typographischen Bibliothek“. Vor und hinter Poes Geschichte und dem (wortwörtlichen) Subtext Baudelaires türmen sich Buchstabenfelsbrocken, schrundig, zerrissen, zerspellt. Man könnte meinen, das Alphabet wäre mit in den Malstrom gezogen, über den felsgezackten Meeresgrund gezerrt und wieder nach oben geschleudert worden. Richtig schön.

Klaus Detjen, der das gestaltet hat, sagt in einer Nachbemerkung: „Die Destruktion des Schriftbildes, die hier einem sinnstiftenden Inhalt entgegensteht, will Verstörung beim Leser hervorrufen.“ Das ist Verstörungsdidaktik wie beim Unterricht an einer Hochschule für Gestaltung. „Gewillte“, gewollte und angesagte Verstörung ist aber keine. Ganz abgesehen davon, dass ja nicht immer alles furchtbar verstörend sein muss. Der Poe ist – literaturgeschichtlich gesehen – schließlich auch ein zu alter Knabe, um – Hand aufs Herz – eben dasselbe wirklich zum Pochen zu bringen, jedenfalls nicht vor Entsetzen. Vor Freude schon. Schön!

Robert Louis Stevenson!Der Master von Ballantrae

Eine Wintergeschichte. Herausgegeben, aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Melanie Walz. mareverlag, Hamburg 2010, 348 Seiten, 29,90 Euro

Bücher bestehen nicht bloß aus Buchstaben, dies gilt nur für Texte, sondern sind Dinge zum Anfassen, schöne Dinge zum Anfassen, mitunter sehr schöne Dinge. Ein besonders schönes Buch zum Anfassen beim Lesen ist die mare Ausgabe von Robert Louis Stevensons Der Master von Ballantrae: Schöner grüner Leineneinband mit eingeprägten gekreuzten Degen auf dem Deckel als Symbol für das Duell der feindlichen Brüder, von dem der Roman handelt; auf dem Buchrücken eingeprägt der Name des Autors und der Titel – quer, bitteschön, denn sonst rutscht es ja dem Buch den Buckel runter – und ein feines Segelschiff; das Format großzügig, das Druckbild großzügig, die ganze Ausstattung großzügig, den handfest gearbeiteten Schuber eingeschlossen; ein gutes und auch gut geschriebenes Nachwort der Übersetzerin Melanie Walz.

Soviel zu diesem guten Buch, das wahrlich und wirklich ein bestes ist, denn für den Text, den es birgt wie das Kästchen den Schatz, gilt das gleiche. Stevenson ist ein raffinierter einfacher Erzähler, oder meinetwegen einfach ein raffinierter. Worum es ihm in diesem – auch eher seltsamen – Fall zu tun ist, mag er selbst erklären:

„Die Geschichte finde ich höchst packend; sie enthält Elemente des Übernatürlichen; den Hauptteil bildet ein verdammt ernstes menschliches Problem [...] Dramatis personae: 1. Der alte Mylord Durrisdeer, 2. der Master von Ballantrae und 3. Henry Durie, seine Söhne. 4. Clementina, mit dem ersten Sohn verlobt, mit dem zweiten verheiratet. 5. Ephraim Mackellar, Landverwalter und Erzähler des größten Teils des Buches. 6. Francis Burke, Chevalier de Saint Louis [...] Erzähler des Rests. Daneben viele Figuren mit Kurzauftritten ...“

Meine Lieblingsszene ist nicht der nächtliche Degenkampf der Brüder, auch nicht der unnachahmliche Augenblick – und ob es sich um einen Augenblick handelt –, in dem gegen Ende der Geschichte der Master, dem Grab gerade buchstäblich entronnen, seinen Bruder tötet, bevor er selbst stirbt.

Meine Lieblingsszene findet auf einem Schiff statt. Der gute Mackellar, der so gut auch wieder nicht ist, immerhin versucht er, den Master umzubringen - der gar nicht so gute Mackellar und der Master von Ballantrae, der meisterhafte Musterschurke, kauern einander auf dem Schiffsdeck gegenüber. Es stürmt, und das gefährliche Schaukeln des Schiffes hebt den Master hoch über Mackellar hinaus und senkt ihn tief unter ihn hinab. Und während Mackellar dem Master gebannt mit den Augen folgt, erzählt der die Schauergeschichte eines so hintersinnigen wie hinterlistigen Mordes aus Hass. Man muss sich beim Lesen nur einen ganz kleinen Ruck geben, und schon beginnt der Sessel, in dem man es sich gemütlich gemacht hat, zu schwanken – und mit ihm die Welt.

Amartya Sen!Die Idee der Gerechtigkeit

Aus dem Englischen von Christa Krüger. C.H. Beck Verlag, München 2010, 493 Seiten, Euro 29,95

Beste!Bücher können schwer sein. Nicht nur, weil sie viele Seiten haben, sondern viele Gedanken. Beides ist in Amartya Sens Idee der Gerechtigkeit der Fall. Das Buch stellt hohe Ansprüche an die Konzentration, aber eigentlich ist es ja eine Schande, dass so etwas heutzutage entschuldigend angemerkt werden muss. Das Buch stellt hohe Ansprüche an die Geduld, aber die ist beim Aufbau eines Denkgebäudes, das nicht aus Fertigplatten besteht, nun einmal erforderlich. Das Buch stellt hohe Ansprüche an die Vernunft, aber nicht nur an die beim Lesen, sondern auch an die im Leben.

Denn die Vernunft, Sen wiederholt es wie ein Mantra, ist zusammen mit der Fähigkeit zum Mitleid und der Fähigkeit zum Verstehen der Garant dafür, dass die Idee der Gerechtigkeit gedacht und tatsächliche Gerechtigkeit im sozialen Leben angestrebt werden kann.

Diese >tatsächliche Gerechtigkeit< ist der Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation. Im Unterschied zu vielen philosophischen Konzepten von Gerechtigkeit, die sich über bestmögliche Institutionen oder optimal gerechte Gesellschaften Gedanken machen, gehen Sens Gedanken von den Tatsachen aus und kehren auf den Argumentationswegen auch wieder zu ihnen zurück:

„Die Gerechtigkeitstheorien der etablierten politischen Philosophie von heute einschließlich Rawls’ Gerechtigkeit als Fairness“ – mit der Sen sich ausführlich und überaus respektvoll beschäftigt – „sind geprägt von einem utopischen Ansatz, dem >transzendentalen Institutionalismus<, wie ich ihn genannt habe; ich behaupte, dass es sehr gute Gründe gibt, Fragen zur Gerechtigkeit statt dessen erstens auf die Einschätzung sozialer Verwirklichungen zu konzentrieren, das heißt, auf das, was tatsächlich geschieht (und nicht ausschließlich auf die Beurteilung von Institutionen und Regelungen), und zweitens auf vergleichende Erwägungen zur Stärkung von Gerechtigkeit (und nicht auf den Versuch, vollkommen gerechte Regelungen zu bestimmen).“

Auf diese Weise kann er tatsächliche Befähigungen und wirkliche Handlungsspielräume thematisieren und bleibt nicht in Regeln und Prinzipien stecken. Außerdem wird deutlich, dass eine an Befähigungen und Chancen interessierte Idee der Gerechtigkeit theoretisch stimmiger und zugleich praktisch nützlicher ist als eine auf Ressourcen und deren Verteilung fixierte.

Im Übrigen ist die im Zitat zum Ausdruck kommende Grundentscheidung die Voraussetzung dafür, dass Sens typische Fähigkeit zum Tragen kommt, argumentative Strenge mit praxisorientierter Offenheit zu verbinden und sowohl ideologischen als auch theoretischen Dogmatismus zu vermeiden.

Das Buch besteht aus vier Hauptteilen: „Anforderungen der Gerechtigkeit“, „Formen des Argumentierens“, „Materialien der Gerechtigkeit“ und „Öffentlicher Vernunftgebrauch und Demokratie“. Die historische Denkergestalt, die hinter allem steht, oder besser: unter allem, denn Sen steht auf der Schulter eines Riesen – diese historische Gestalt ist wie schon in Sens Ökonomie für den Menschen (Hanser Verlag 2000) der Philosoph und Politische Ökonom Adam Smith. Allerdings ein Smith, der mit der Karikatur, die das neoliberale Meinen von seinem Denken zeichnet, nichts zu tun hat. Die Idee der Gerechtigkeit kann nicht als elegantes Werk gelten. Doch ist es ein Bestes!Buch, wenn auch schlecht geschrieben.

Henry James!Die Drehung der Schraube. Novelle

Aus dem Englischen von Ingrid Rein. Nachwort von Paul Ingendaay.

Manesse Verlag, Zürich 2010, 300 Seiten, Euro 19,95

Dieses ungewöhnliche kleine Buch liest man am besten an einem herbstlichen Sonntagnachmittag, und zwar in einem Rutsch. Abgesehen von einer Art Prolog besteht die Erzählung aus dem, was einer Weihnachtsgesellschaft abends beim Kaminfeuer aus dem Manuskript einer zwanzig Jahre zuvor verstorbenen Gourvernante vorgelesen wird.

Die Gouvernante erzählt etwas >Grauenvolles<, das sie als junge Frau in einem von seinem Besitzer gemiedenen Landhaus mit einem achtjährigen Mädchen und einem zehnjährigen Jungen erlebt hat. Die beiden sind nicht die Kinder des Besitzers, sondern die Kinder von dessen verstorbenem Bruder. Der Besitzer des Landhauses tritt in der Geschichte nicht auf – oder allenfalls in der Phantasie der in ihn wohl irgendwie verliebten Gourvernante.

Die Geschichte ist spannend und wird immer spannender, als würde wirklich eine Schraube allmählich fester und fester ge- und gegen Ende vielleicht auch überdreht. Gleichzeitig ließe sich vermuten, schließlich wird alles nur aus der Ich-Perspektive der Gouvernante erzählt, dass diese junge Frau selbst etwas – überdreht, oder, um es in einem frühfreudianischen Terminus dieser Jahre (der Text erschien erstmals 1898) zu sagen: hysterisch ist. Vielleicht bildet sie sich alles nur ein? Und lädt dadurch große Schuld auf sich. Vielleicht hat aber doch alles so stattgefunden, wie sie es erzählt, dann machen wir uns durch unser Misstrauen schuldig. Oder es ist alles nur ein Spaß von Henry James. Wer wird sich denn an einer Gespenstergeschichte erschrecken?

James hat in Briefen behauptet, die Erzählung erstens geschrieben zu haben, um damit Kohle zu verdienen (sie sei ein >potboiler<), und zweitens, weil er damit angefangen habe und einmal Begonnenes aus Handwerkerstolz auch zu Ende bringe: „Das fragliche kleine Buch ist wirklich nur eine Übung in der Kunst, vor sich selbst nicht als gescheitert zu gelten.“

Die Drehung der Schraube als >kleines< Buch? Kann schon sein. Aber dann als bestes kleines Buch. Und Vorsicht! Wem es Vergnügen macht, über das Leben in der Literatur nachzudenken, und über den Tod auch, wird in diesem Fall feststellen, dass der Sinn dieser seltsamen Geschichte, die James als die einer Gouvernante fingiert, nicht in dem zu suchen ist, was diese Gouvernante schreibt, sondern in dem, was man selbst hineinliest.

Noch ein Takt zur taktvollen Ausstattung des Buches. Die Ausgaben der Manesse Bibliothek der Weltliteratur sind alle schön gemacht. Aber dieses Bändchen ist besonders apart mit seinem vornehmem grauen Leineneinband unter dem bunten Umschlag und dem goldfarbenen Lesebändchen. Komplimente verdienen außerdem die frische Übersetzung aus dem Jahr 2000, das kurze, klare Nachwort von Paul Ingendaay und die Editorische Notiz ganz zum Schluss mit ihrer knappen Erläuterung des ungewöhnlichen deutschen Titels, der eine begründet wörtliche Übernahme des Originaltitels The Turn of the Screw ist, der wiederum auf eine englische Redewendung zurückgeht.

César Aira!Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo. Roman

Novelle. Aus dem argentinischen Spanisch von Matthias Strobel. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010, 90 Seiten, Euro 8,90

Beste!Bücher müssen nicht teuer sein und auch nicht dick. Wenn sie dagegen >dicke< tun, ist das nicht so schlimm. Die lateinamerikanische oder meinetwegen hispanoamerikanische Literatur tut gern dicke, wenn es um das Literarische an der Literatur, um das Fiktive am Faktischen, um das Experimentieren und Avantgardieren geht.

Der Argentinier César Aira, geboren 1949, ist da keine Ausnahme. Varamo auch nicht. Varamo ist der Originaltitel dieser 2002 in Barcelona erschienenen – Erzählung. Vielleicht sollte man als Gattungsbezeichnung lieber >Begebenheit< wählen. In der deutschen Übersetzung, 2006 bei Nagel & Kimche im Hanser Verlag erschienen, wurde der Titel aufgebrezelt zu Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo. Das >aufgebrezelt< hat seinerzeit ein Kritiker geschrieben. Er hat wohl Recht. Obwohl ich ehrlich sein will und zugeben muss, dass ich das Buch ohne den >aufgebrezelten< Titel nicht gekauft hätte, und zwar in der nun bei Wagenbach erschienenen Taschenbuchausgabe.

Und die ist sehr hübsch. Der Einband ist so schön gestreift. Und das Vorsatzblatt ist so schön blau. Sonst hat es Wagenbach gern mit roten Einbänden und grünen Vorsatzblättern und weißen Seiten, italienisch halt. Der Aira ist Argentinier und sein Büchlein blau, gute- Laune-blau.

Das Buch spielt aber in Panama. In einer Art Kafka-Panama des Jahres 1923. Varamo, der Held, ist Halbchinese und ganz Bürokrat in einem Ministerium. Sein Hobby ist das Einbalsamieren, das Einbalsamieren von Tieren, lebendigen. Außerdem geht er regelmäßig ins Café, nachdem er abends sein armes altes Mütterchen ins Bett gebracht hat. An dem Tag, an dem die >Begebenheit< spielt, lernt er Verleger kennen und schreibt in der Nacht ein Gedicht. Was das für ein Gedicht war, erfährt man nicht, das heißt, es wird einem der Titel gesagt und wie es entsteht, auch aus was es entsteht und welchen (fiktiven) Stellenwert es in einer (fingierten) hispanoamerikanischen Literatur hat. Aber eine Kostprobe davon zu geben, das traut sich Aira nicht zu – beinahe ein Grund dafür, dass Varamo doch kein Bestes!Buch ist.

Es ließen sich auch noch andere Gründen finden, wollte ich danach suchen. Will ich aber nicht. Einen Grund freilich sieht man gleich, wenn man aufmerksam hinsieht. Draußen auf dem Buch steht unter dem Titel die Gattungsbezeichnung >Roman<, drinnen in dem Buch steht unter dem Titel >Novelle<. Da hat sich wohl jemand geschämt. Aber in Deutschland muss nun mal >Roman< auf einem Buch stehen, sonst kaufen es die Leute nicht. Eines meiner eigenen besten Bücher zum Beispiel, der Erzählungsband Die Beleidigungen des Glücks – ach, was solls.

Mein Lieblingssatz lautet: „Varamo hatte sich schon immer gefragt, wie die Leute ihr Leben meisterten.“ Diesen Satz werde ich ausleihen und Zepernick (siehe Bücher!Tagebuch v. 7. Juli) in den Mund legen, was hier bekannt gegeben werden soll, damit mich später keiner Hegemann schimpft.

„Zum Schluss“ - aber nur hier, bei Aira steht das in der Mitte: „Zum Schluss noch eine weitere Beobachtung: Es heißt, ich weiß nicht, ob zu Recht, dass in der Literatur die letzte Erfüllung darin liege, dass der Inhalt irgendwie seinen Ausdruck in der Form finde.“

Laurence Sterne!Empfindsame Reise durch Frankreich und Italen. Von Mr. Yorick.

Neu aus dem Englischen übersetzt von Michael Walter.

Verlag Galiani, Berlin 2010, 357 Seiten, Euro 25,70

Fünf Gründe, warum dieses Buch ein bestes ist: Die Neuübersetzung von Michael Walter, glücklich gelungen wie schon seine Übersetzung des Tristram Shandy.

Zweitens das Format, vom Format des Originals inspiriert, wie der Verlag wirbt. Und die Ecken der Buchdeckel sind so apart abgerundet.

Drittens die Ausstattung. Hübsch rot ist der Band, hübsch blau das Bändchen. Die alberne Banderole mit einer schrecklich humoristischen Zeichnung kann man entfernen, den schrecklich humoristischen halben Schatten auf dem Vortitelblatt übersehen.

Viertens der literarhistorische Stellenwert des Textes, der in Deutschland im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts mit der sogenannten Empfindsamkeit eine kurze Mode mit langen Folgen hervorbrachte, durchaus nicht immer guten Folgen übrigens, ja, meistens ziemlich schlechten. Dass dies nicht dem Text angelastet werden kann, sondern auf Rezeptionsmissverständnisse zurück zu führen ist, macht Wolfgang Hörner in seinen Anhängen (fast) plausibel.

Dessen instruktive und mit angenehmem Understatement präsentierte Nachrede ist wie (nicht fast, sondern) immer nicht übel – und mithin der fünfte Grund, warum die Galiani-Ausgabe zum Besten!Buch gekürt wird. Wenn Hörner der Leserschaft etwas schmackhaft macht, kann man (fast) nicht anders, als das Angerichtete zu mögen.

Die Vokabel >angerichtet< ist allerdings doppeldeutig. Es wäre eine provozierend schöne Aufgabe, auf höchstem Niveau zu zeigen, dass der vielgeliebte Sterne sich manchmal auf niedrigem befindet, übrigens auch im Tristram Shandy. Seine Erotik hat etwas Schwüles und ist wie alle Frivolität unfrei bis ins letzte Glied – oder meinetwegen ins erste.

Dieses gerade parodierte Masturbieren am Wort ist nicht erotisch, sondern obszön im etymologischen Sinn, denn >ob-szön< leitet sich ab von >hinter der Szene< (des Theaters), und dem entspricht bei Sterne >unter dem Rock< (des Pfarrers). Dass der Ich-Erzähler am Ende einer Kammerjungfer an eben dasselbe greift ist bloß Theologen- (und Philologen-)Gewagtheit.

Trotzdem - oder meinetwegen deswegen, ist es gut und schön, dass es diese schöne und gute Ausgabe gibt.

Stefan Schreiber (Hrsg.), Andreas Labes (Fotos)!100 Jahre Leben. Porträts und Einsichten.

Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010, 179 Seiten, Euro 29,95

Dieser Band wird trotz der in ihm enthaltenen Texte in diese Rubrik aufgenommen, weil er hundert Fotoporträts von hundert und mehr Jahre alten Frauen und Männern enthält. Alle diese Schwarz/weiß-Fotos sind großartig, und die meisten von ihnen auch großformatig. Auf der Mehrzahl der Doppelseiten befindet sich rechts, dem traditionell blickattraktiveren Blatt, ein ganzseitiges Porträt. Links stehen Name, Geburtsdatum und ein kurzer charakterisierender Text über und neben einem kleineren Foto aus der Kinderzeit oder den Jugendjahren.

Die meisten der Porträtierten sind Jahrgang 1905, was mit ihrer >Rekrutierung< im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Universität Kiel zu tun hat. Der älteste Porträtierte ist Jahrgang 1897, der jüngste 1909. Dass beides Männer sind, ist ein kurioser Zufall, denn unter den 100jährigen überwiegen bei weitem die Frauen. Die Ursachen dafür sind vielfältig, und >natürlich< sind viele davon gesellschaftlich. Sie haben unter anderem mit den beiden Weltkriegen zu tun.

Allerdings steht zu vermuten, dass auch in Zukunft die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen höher sein wird als die der Männer. Im Schlusstext, dessen Qualität wie die der kurzen Porträttexte hier nicht weiter kommentiert werden soll, wird übrigens das Medianalter, also das Alter, das die Hälfte eines Jahrgangs erreicht – wird also das Medianalter der im Jahr 2009 geborenen Mädchen auf einhundert Jahre geschätzt. Jedes zweite heute geborenen Mädchen würde demnach hundert Jahre alt werden.

Die Fotos von Andreas Labes zeigen in der Mehrzahl Gesichter in Großaufnahmen. Es gibt allerdings auch einige Fotos, in denen die alten Menschen anders zu sehen sind, vermutlich, weil sie anders gesehen werden wollten, aufrecht stehend zum Beispiel, oder zusammen mit anderen Menschen, oder gewissermaßen doppelgesichtig einmal im Spiegel und einmal im Profil davor.

Diese Abweichungen stören den seriellen Effekt, aber diese Bemerkung ist nicht als Kritik gemeint, sondern als Lob. Denn auf diese Weise wird vermieden, alle Gesichter ins gleiche Format und in ähnliche Rahmen zu bringen und zu entindividualisieren.

Die kleiner gedruckten Kinder- und Jugendfotos gegenüber den großen, von Labes fotografierten Porträts lassen so etwas entstehen wie einen Vorher/Nachher-Effekt, wenn die respektlose Ausdrucksweise angesichts, ja: angesichts!, dieser beeindruckenden Lebensbilder gestattet ist. Beeindruckend in doppelter, ja: Hinsicht. Wegen der Leben, die aus den Gesichtern schauen, und wegen der Bilder, die Labes davon gemacht hat.

Lutz Seiler!Die Zeitwaage. Erzählungen

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009.

284 Seiten, Euro 22,80

Der Band enthält elf Erzählungen unterschiedlicher Länge und Dichte. „Der Kapuzenkuss“ besteht aus zehn Teilen und ist eine Kinder- und Schulgeschichte. „Schachtrilogie“ ist mit rund 70 Seiten der längste Text und besteht aus drei Teilen. Der erste Teil heißt „Das letzte Mal“ und beginnt genau datiert:

„Es war am 20. November 1976, ich war dreizehn Jahre alt und hatte meinen Vater das erste Mal im Schach besiegt. Es war das letzte Mal, dass wir miteinander spielten.“

Der Ich-Erzähler entfaltet dann seine Lebensgeschichte rund um eine gescheiterte Liebesgeschichte, an die er sich erinnert und in der das Schachspiel eine große Rolle spielt – und zwar auch deshalb, weil er das Spiel gerade nicht spielt, jedenfalls nicht in der Zeit, in der er mit der Schachmeisterin Gavroche zusammen lebt.

Diese Trilogie ist der komplexeste und intensivste Text des Buches. Aber auch die anderen sind vollkommen – abgesehen von dem etwas schwächeren „Der Badgang“ und dem nicht ganz sorgfältig gearbeiteten „Und jetzt erschießen wir dich, du alter Mann“. Diese Geschichte ist sprachhandwerklich jedoch insofern interessant, weil sie zeigt, welche Gefahr das Ungefähre für einen Präzisionisten wie Seiler mit sich bringt. Ein so haargenauer Erzähler und Dichter kann nicht ungestraft >fast< sagen, noch dazu fast, hoppla, auf jeder zweiten Seite.

Seilers Erzählsprache ist schön, weil sie der Leserschaft nicht schön tut. Aggressiver formuliert: diese Sprache >kunschtet< nicht. Sie ist literarisch, weil sie einen klaren Stil und weil sie Rhythmus hat. Seiler schreibt sprechbare Sätze.

In diesen Sätzen verwandelt sich das Komische in etwas Trauriges, und das Traurige wird komisch. Es kommt immer wieder zu Szenen, in denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Ganz wie im Leben.

Die zeitliche Aufbau der Erzählungen ist nicht chronologisch oder linear, auch nicht irgendwie >spiralförmig<, sondern architektonisch. Indem man linear den Textzeilen folgt, wie das beim Lesen nun einmal nicht anders möglich ist, entsteht ein Gefühls- und Gedankenraum, in dem weder ein Erzählerklärer murmelt noch ein Brusttrommler prall und sinnlich tut. Die Räume werden beim Lesen erbaut, und dann stehen die Leser darin. Das ist alles. Das ist viel.

Die Anordnung der Erzählungen ist chronologisch, thematisch und motivisch begründet. Es empfiehlt sich, sie in der vorgegebenen Reihenfolge zu lesen. Die letzte Geschichte, „Die Zeitwaage“, ist zugleich die Titelgeschichte. Man könnte auch die Geschichten selbst als Zeitwaagen und als Abwägen der Zeit und des Lebens beschreiben. Aber Seilers Metaphern sind nicht in jenem schlechten Sinn >poetisch<, in dem eine als >Phantasie< missverstandene Willkür hübsche Worte hervorbringt. In diesen Texten werden die Dinge selbst poetisch, weil sie etwas auslösen und anrichten in und mit den Menschen, die mit ihnen umgehen, etwas mit ihnen tun, von ihnen sprechen. Auch die „Zeitwaage“ zum Beispiel ist nicht bloß Metapher, sondern das Gerät eines Uhrmachers.

Ian Jeffrey!Photographie. Sehen, betrachten, deuten.

Eine Bildgeschichte der Photographie von ihrer Erfindung bis heute.

Mit einem Vorwort von Max Kozloff.

Aus dem Englischen von Ursula Wulfenkamp.

Verlag Schirmer/Mosel, München 2009.

384 Seiten, 379 Abbildungen, Euro 49,80.

Dieses großartige Werk ist vieles zugleich: eine Geschichte der Photographie in Episoden, eine Schule des Sehens durch Bildbeschreibungen, ein Nachschlagewerk wichtiger Photographinnen und Photographen, und Doppelseite für Doppelseite ein hinreißendes Bilderbuch.

Die meisten dieser Doppelseiten sind nach folgendem Schema aufgebaut: Auf der rechten Seite ein ganzseitiges Photo, auf der linken Seite, angeordnet um eine kleinformatige Abbildung, vier Textblöcke. Die Textblöcke links oben sind biographisch orientiert, zwei Blöcke sind den Beschreibungen der beiden Bilder gewidmet, ein vierter Block fasst das auf der Doppelseite Gezeigte noch einmal zusammen.

Dieser Aufbau ist schematisch, bringt aber gerade durch den Schematismus eine bewundernswerte Klarheit hervor. Die Texte schwadronieren nicht, und die Bilder werden nicht wie Konfetti darüber gestreut. Doppelseite für Doppelseite folgt der gleichen Grundregel, auch wenn es gelegentlich Abwandlungen gibt.

Der Band beginnt mit William Henry Fox Talbot, dem Urmeister der Photographie, und endet mit den Farbphotos von Joel Sternfeld. Dazwischen werden unter vielen anderen behandelt: Eugène Atget, Alfred Stieglitz, August Sander, Aleksandr Rodtschenko, Eward Weston, Henri Cartier-Bresson, Manuel Álvarez Bravo, Robert Doisneau, Robert Frank, Diane Arbus, Lee Friedlander, Shomei Tomatsu.

Etliche Photographen werden mit Doppelseiten gewürdigt, viele mit vier Seiten, manche mit sechs, acht oder sogar zehn Seiten. Walker Evans überragt mit vierzehn Seiten alle anderen. Robert Capa bleibt mit vier Seiten erheblich hinter seiner nahezu kultischen Berühmtheit wohltuend zurück.

Über solche Entscheidungen kann man sich immer streiten, aber die Auswahl und ihre Gewichtung sind überzeugend. Und dass Helmut Newton einmal nicht vorkommt, genauso wenig wie Mapplethorpe oder die beeindruckende Kohorte der beeindruckenden Photographen aus der beeindruckenden Becher-Schule, ist auch nicht weiter schlimm.

Zwischen die biographischen Seiten sind zusätzliche Kapitel über die Photographie im Ersten und Zweiten Weltkrieg gesetzt, außerdem über die „Resettlement Administration & Farm Security Administration“. Was es damit auf sich hat, kann hier nicht erklärt werden – nur versprochen, dass es sich um etwas handelt, das spannender ist, als die bürokratische Titulatur vermuten lässt.

Mit seinen hervorragenden Eigenschaften ist das Buch photographierenden und nichtphotographierenden Leserinnen und Lesern gleichermaßen zu empfehlen. Es zeigt (durch die Bilder) und beschreibt (durch die Texte) die Geschichte der Photographie in den Geschichten ihrer handelnden Personen.

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