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Journal

7. April 2026: Der Idiot

Es hat mich wieder voll erwischt. Ich habe angefangen, den Dostojewski-Roman wiederzulesen, mit dem mein literarisches Leseleben begann (siehe den Journal-Eintrag vom 7. Juni 2024): Erste Lektüre 1974, zweite Lektüre von April bis Juli 1977, vor einem runden halben Jahrhundert.

Neulich war ich im Deutschlandfunk Kultur, um etwas über mein neues Buch Schlagworte, die Geschichte machen zu erzählen. Hinterher wurde ich noch gebeten, zwei Minütchen für eine Reihe "Mein Lebensbuch" zu sprechen, und habe etwas über diesen Roman gesagt. Da wusste ich noch nicht, dass ich ihn nun wiederlesen würde. Ich tue das deshalb, weil ich ein Buch über das Erben schreibe und dafür auch Romane und Dramen lese, in denen das eine Rolle spielt. Und gestern ist mir gedämmert, dass dies auch im Idiot der Fall ist. Schon in der ersten Dialogszene fällt eine entprechende Bemerkung. Und jetzt lese ich also den Roman nach einem halben Jahrundert zum dritten- und wohl letztenmal, ihn als alternder Mensch (nahezu zwanzig Jahre älter, als Dostojewski überhaupt geworden ist) um vieles besser verstehend als während meiner Lektüre als junger Mann, übrigens nicht nur wegen der sogenannten 'Lebenserfahrung', sondern auch wegen des allgemeinen Wissens und der besonderen Kenntnisse, die seitdem in mich eingesickert sind. Genug geschrieben - ich will leeesen!

19. Februar 2026: ECO

Habe gerade im Deutschlandfunk ein schönes Kalenderblatt von Maike Albath über Umberto Eco gehört, der vor zehn Jahren gestorben ist. Anlass, meine Eco-Karten mal aus dem Kasten zu holen: Das offene Kunstwerk (teilgelesen 1986), Die Bücher und das Paradies (gelesen 2003), Im Krebsgang voran. Heiße Kriege und medialer Populismus (gelesen 2007), Die große Zukunft des Buches (gelesen 2010). Außerdem Im Wald der Fiktionen (gelesen 1994) sowie Lector in fabula (gelesen 2011), zu beidem auch das Dekameron für Leserinnen, 8. Abteilung, 6. Eintrag: "Umberto Eco über das Lesen mit Modell". Zusätzlich in der 9. Abteilung der 8. Eintrag: "In der Bibliothek".

In einer solchen habe ich Mitte der 80er als studentischer Mitarbeiter drei Jahre gearbeitet. Und mir fällt gerade ein, dass ich im mündlichen Magisterexamen über 'Kulturindustrie' mit Apokalyptiker und Integrierte (gelesen 1986) zu tun hatte.

Dass ich so viel von ihm gelesen habe, war mir nicht mehr bewusst, (es lebe die Karteikarte), was ich nicht von ihm gelesen habe, schon: Der Name der Rose. Und ich fürchte (oder eher nicht), dass das so bleiben wird, denn Lesezeit ist Lebenszeit.

19. Dezember 2025: Oskamp, Marzahn Mon Amour

Manchmal fällt einem was auf die Füsse, manchmal auch vor sie. Und manchmal hinkt man ganz schön hinterher. So ging es mir mit den "Geschichten einer Fußpflegerin" von Katja Oskamp. Das Buch ist schon älter, heutzutage ist jedes Buch, dessen Erscheinen zwei Saisons zurückliegt, 'schon älter', aber ich habe es erst neulich aus einer Bücherkiste gefischt. Und bin so fasziniert davon, dass ich es zwischen die Lektüre der Flegeljahre von Jean Paul geschoben habe, mit der ich gerade eigentlich befasst bin, zeitweilig recht lustlos, weil es mir wegen der eigenen Schreiberei an Geduld für die Richter'schen Schnurrpfeifereien fehlt. Jedenfalls gefällt mir Oskamps literarische Existenzialpodologie, wenn ich es mal so überkandidelt ausdrücken darf, obwohl ich den Titel nicht mag. Warum nicht, das zu erklären, fehlt es mir gerade ebenfalls an Geduld. Hat nichts mit Marzahn, sondern mit Hiroshima zu tun.

6. November: Warum Erbrecht?

Nachdem ich die in der Überschrift genannte juristische Habilitationsschrift mit etwas über 570 großformatigen Textseiten mit sage und schreibe 2088 (!) Anmerkungen als Nichtjurist durchlitten habe, stoße ich auf einer der letzten Seiten unter der Überschrift "§ 12 Ergebnisse" auf die Auskunft: "Die Ergebnisse der vorliegenden Studie lassen sich mit wenigen Sätzen zusammenfassen." Wow.

9. Oktober 2025: Flaubert

Gerade habe ich die L'Éducation sentimentale (Lehrjahre des Herzens) zu Ende gelesen - und bin fix und fertig. Was für ein hinreißendes und zugleich hintertriebenes Meisterwerk. Ich habe den Roman zuerst und zuletzt vor 32 Jahren gelesen. Meine kargen Notizen aus dieser Zeit sind mir heute so peinlich, dass ich lieber nicht daraus zitieren, allenfalls die damalige Verwunderung darüber erwähnen will, dass Flaubert sich nicht auf die Haarfarbe der Madame Arnoux, der großen Liebe des kleinen Helden, festlegen kann. Diese eigenartige Farbenblindheit Flauberts bezüglich gewisser Körpermerkmale seiner Heldinnen begegnet auch in Madame Bovary, die mit wechselnden Augenfarben ausgestattet ist. Zu diesem Roman übrigens die sechste "Titelgeschichte" im Dekameron für Leserinnen.

29. Juli 2025: Rilke mit Pullover

Für diesen Eintrag habe ich einen alten Pullover angezogen, der aber immer noch wie neu ist. Ich trug ihn zum letztenmal vor über 15 Jahren. Als ich ihn zum letztenmal trug, war er auch schon alt, aber auch schon immer noch wie neu. Gekauft habe ich ihn Mitte der 80er. Also ist er vierzig Jahr alt, deutlicher älter als ich war, als ich ihn gekauft habe. Er war ziemlich teuer. Zehn Jahre später, Mitte der 90er, habe ich Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke gekauft. Die waren nicht so teuer, sind aber immer noch wie neu. Das haben 'Klassiker' so an sich. Sie altern und bleiben frisch, was man von Romanlesern und Pulloverträgern nicht behaupten kann. Der Roman wurde 1910 geschrieben, war also Mitte Achtzig, als ich ihn gekauft habe. Inzwischen ist er 110. Ein Alter, das Pullover sehr selten und dessen Träger nie erreichen.

Auf meine Lesekarte habe ich im Juni 1995 geschrieben: "Mir sagen natürlich die Passagen des Buches zu in denen das Poetische diagnostisch wird (die Städte, das Sterben, die Einsamkeit, die Armut); außerdem dort, wo man sieht: Er stellt mit kleinen, kurzen Sätzen äußerst sichtbare Szenen hin, die gleichzeitig das innere Wesen (und den Reifegrad) eines Menschen charakterisieren. Mitunter ausgleiten auf dem Kitsch, besonders, wenn er vom Erzählerischen ins 'Denkerische' hinübergeht, dort ist er schwach, und diese Schwäche beschädigt seine Dichtung. Diese Stellen haben etwas Jungmännerhaftes, verzweifelt Spätpubertäres. Und ich war überrascht nachzurechnen, daß er doch schon 35 Jahre alt war, als er den Roman schrieb." Als ich das schrieb, war ich doch erst 38 Jahre alt und mein Pullover erst zehn.

5. Juni 2025: Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff

Nun habe ich seit langer, langer Zeit, wirklich seit Jahren, wieder einmal so eine richtige Wuchtbrumme verschlungen, einen Roman von fast 700 Seiten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas noch aus- und durchhalte, aber trotz des Adjektivgeflatters, das mir anfänglich auf die Nerven ging, wurde ich vom Text dermaßen um- und bestrickt, dass ich die Fäden nicht mehr zerreißen konnte. Und selten oder nie habe ich einen Roman gelesen, dessen Figuren mit so viel Giftigkeit präsentiert, um nicht zu sagen herumgeschubst werden, und das über eine so lange Textstrecke.

PS

Ich habe tatsächlich eine Karteikarte gefunden, aus der hervorgeht, dass ich vor Jahren schon einmal Erzählungen von ihr gelesen hatte, vor Jahren heißt: vor 37. Möglicherweise liegt es an dieser Spanne, dass ich mich nicht mehr daran erinnere. Auf der Karte steht auch die Empfehlung: "gelegentlich mehr lesen". Manchmal dauert 'gelegentlich' eben Jahrzehnte.

28. Mai 2025: Walter Benjamin

Neulich bin ich mit der Einbahnstraße ins Bett gegangen, mit der von Benjamin. Es war schlimm. Ich bin dem Buch (und Benjamin) zu Beginn meines Frankfurter Grundstudiums begegnet, das war, Schreck lass nach, Anfang der 80er Jahre. Das "Germanische Seminar" (germanisch, nicht etwa germanistisch) war gerade in "Walter-Benjamin-Institut" umbenannt worden, wenn ich mich recht erinnere, und Benjamin war eine Art Säulenheiliger. Einsam stand er auf den inneren Podesten der Studentinnen und Studenten, wurde bewundert und bemitleidet, auch mit Groll, weil das vor der Hitlerei nach New York geflüchtete "Frankfurter Institut für Sozialforschung" ihn nicht haben und retten wollte.

Zu jener Zeit erschien bei Suhrkamp das legendäre Passagen-Werk, WBs (wie ich in meinen Notizen vertraulich abzukürzen pflegte) opulente Materialsammlung über "Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts". Es steht, wie seine anderen Werke in Ausgaben der edition suhrkamp und der Bibliothek Suhrkamp noch heute in meinen Regalen, darunter auch die "Geschichtsphilosophischen Thesen" mit dem Gleichnis des vom Sturm der Geschichte über die Trümmer der Vergangenheit wehr- und hoffnungslos in die Zukunft geblasenen Engels. Über diesen "Engel der Geschichte" gibt es im Berliner Bodemuseum derzeit eine Ausstellung, und ein Werbeplakat zu dieser Ausstellung hat mich bewogen, mit der Einbahnstraße ins Bett zu gehen. Es war schlimm.

Es war schlimm, weil es so enttäuschend war. Zum Beispiel diese Kalauerweisheit: "Für Männer. Überzeugen ist unfruchtbar." Ich stelle das Bändchen zurück ins Regal.

17. Januar: Lessing

Als magistrierter Germanist mit Spezialgebiet 18. Jahrhundert habe ich alles Wichtige von Lessing gelesen. Das stimmt aber erst seit heute. Gerade habe ich sein Drama Nathan der Weise gelesen, zum erstenmal. Bisher kannte ich es nur aus zweiter Hand, zum Beispiel diese berühmte "Ringparabel", die Nathan über das Judentum, das Christentum und den Islam erzählt. Als erstes Drama von Lessing habe ich im Dezember 1979 Emila Galotti gelesen, dann 1985 Miß Sara Sampson, dann Minna von Barnhelm 1987 und nochmal 1992. Die Aufzählung der Schriften, mit denen ich mich vor Jahr und Tag beschäftigt habe, lasse ich weg. Ich notiere das ohnehin eher aus melancholischen Gründen.

Wie lange, lange, schrecklich lange das alles her ist. Nun also der Nathan, und zwar sozusagen als Nebenlektüre, weil ich mich für mein nächstes Buch (siehe den vorhergehenden Eintrag vom Juni 2024) nun mit dem Islam beschäftige, mit dem "Islam in Deutschland", um genau zu sein.

Im Nathan wird zum Schluss alles gut, weil sich herausstellt, dass irgendwie nahezu alle mit allen verwandt sind, die Tochter des Juden Nathan, ein christlicher Tempelherr, der Sultan Saladin, und zwar nicht etwa 'rein menschlich', sondern wirklich familiär. Im wirklichen Leben sind nicht alle mit allen verwandt, weder 'rein menschlich' noch familiär. Das wirkliche Familienleben, das Heiraten, das Kinderkriegen, geht meist in den gleichen Lebenskreisen vonstatten. Soziale wie religiöse Vermischungen sind selten, man bleibt unter sich.

7. Juni 2024: Russische Literatur

Wie ich mich freue! Endlich darf ich wieder mal schmökern, hemmungslos aufs Sofa gestreckt ohne Stift in der Hand und doch mit Erlaubnis des inneren Schriftsteller-Überichs. Denn das nächste Kapitel meines nächsten Buches handelt vom Bestraftwerden durch das Leben beim Zuspätkommen in demselben. Sowas in der Art soll Gorbatschow gesagt haben, und deshalb beschäftige ich mich nach zwei Kapiteln über die deutsch-deutsche Wende- und Einigungszeit nun mit der Endphase der Sowjetunion (Selbstauflösung zum 31. Dezember 1991) und werde dazu eben auch russische Literatur lesen, unter anderem Romane der Ulitzkaja. Von ihr habe ich vor Jahren die Erzählung Sonetschka gelesen und notiert: "Berichtston, große Züge, dann wieder Szenen en detail. Keine Faxen, klar und bestimmt, keine Psychologie. Sehr gut." Ach, wie ich mich freue!

Die 'Russen' haben es mir seit jeher angetan. Schon kurz nach Beendigung meiner Karl-May-Phase bin ich Dostojewski verfallen. Daran war die Katholische Pfarrbücherei meines Geburtsdorfes schuld. Dort fiel mir Dostojewski (Der Idiot) in die Hände, oder eher ich Dostojewski. Von ihm habe ich nahezu alles gelesen, wie später auch von Nabokov. Die Bücher stehen heute im Russenregal über dem Schreibtisch. Ich komme nur ran, wenn ich auf den Schreibtisch steige. Ach, wie ich mich freue, den Staub der Lebensjahre von den Büchern zu blasen.

Nach Dostojewski folgten weitere russische Meister des 19. Jahrhunderts: Gogol, Puschkin, Tolstoi, Turgenjew, Gontscharow, Ostrowski, sogar Tschernyschewski, dessen Roman Was tun später (1902) Lenin den Titel seiner parteiorganisatorischen Programmschrift abgeborgt hat. Lenin habe ich ebenfalls gelesen, und Trotzki und sogar Stalin (Aufsätze über Sprachwissenschaft!). Später kamen die modernen Russen dazu, die Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts, darunter mein literarischer Liebling Viktor Sklovskij. Mit einem großen Artikel über den hatte ich in der taz mein feuilletonistisches Coming-Out. Der Artikel erschien vor - Schreck lass nach - nahezu vierzig Jahren, am 5. Januar 1985. Da war ich schon beinahe 28 Jahre alt. Andere haben in diesem Alter bereits Romane veröffentlicht. Zum Beispiel Maria Chmelik Kleine Vera. Das war 1989 und die Autorin 28 Jahre alt. Der Roman folgt einem seinerzeit erfolgreich umstrittenen Kinofilm, dessen Drehbuch von Chmelik stammte. Es geht um eine junge (17 Jahre) Frau der Perestroika-Zeit. Die Handlung spielt in der öden Stahlstadt Mariupol, gelegen in der Ukraine, die es damals als Nationalstaat noch nicht gab (Unabhängigkeitsreferendum am 1. Dezember 1991, wenige Wochen vor der Selbstauflösung der Sowjetunion). Heute begegnet uns Mariupol in Nachrichten über den Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Kleine Vera habe ich zum erstenmal 1990 gelesen und notiert: "Perfekt gemacht. Irgendwann bricht allerdings der Ton: aus dem manchmal noch bitterkomischen Sarkasmus wird drückende Schwere." Ach, wie lange ist das her, ach, wie freue ich mich sehr!

12. Februar 2024: Eichendorff, Aus dem Leben eines Taugenichts

Und wieder acht Monate älter (siehe Eintragung vom 12. Juni 23). Und wieder eine Erinnerungslektüre, diesmal eine romantische Novelle von Eichendorff. Hinreißend, wenn man auf 'ideologiekritische' Schlaumeierei verzichtet. Das erstemal habe ich's, ebenfalls mit Begeisterung, im Januar 1998 gelesen. Die Geschichte geht gut aus, so gut, dass ihre letzten Worte das ausdrücklich ausdrücken. Aber auf's Gutausgehen kommt (und kam) es mir gar nicht an, sondern auf die Optik. Es ist ein dermaßen sicht- und farbintensiver Text, dass einem beim Lesen die Augen übergehen. Dabei sind es doch nur Buchstaben. Aber was heißt hier 'nur'?

12. Juni 2023: Martin Walser

Als Leser erkennt man, dass man alt geworden ist, daran, dass man nicht mehr alles erinnert, was man gelesen hat. Derzeit lese ich, weil ich mich des Schreibens halber in den deutschen 1950ern aufhalte, Walsers Roman Ehen in Philippsburg von 1957. Obwohl ich studierter Germanist bin, lese ich den Roman nicht etwa wieder, sondern zum erstenmal. Ich meinte, überhaupt noch nie etwas von Martin Walser gelesen zu haben (von Robert Walser schon), wurde jedoch von meiner eigenen Kartei korrigiert. Eine Karte beweist mir, dass ich fast auf den Monat genau vor zwanzig Jahren Meßmers Reisen gelesen und - völlig vergessen - für die Deutsche Welle rezensiert habe. Eine weitere Karte dokumentiert, dass ich vor 43 Jahren (!, das meine ich mit Altwerden) Ein fliehendes Pferd gelesen habe. Ich war 23 Jahre alt und hatte vom Leben keine Ahnung. Von der Literatur auch nicht, versteht sich, denn das eine hängt mit dem anderen zusammen. Das hielt mich nicht davon ab, in jugendirrer Herablassung zu urteilen wie ein Alter: "Kurzweiliges, amüsantes Stück Unterhaltungsliteratur, das als Nacht- und Bettlektüre gewiß empfohlen werden kann. Hätte ich Walser gar nicht zugetraut. Von literarischer Meisterschaft etc., die >Kritiker< an dem Werk bemerkt haben wollen, kann ich nichts finden, aber wie gesagt: les- und genießbar bis auf die letzten zehn Seiten."

Als Leser erkennt man, dass man alt geworden ist, auch daran, dass in Büchern, die alt geworden sind, ge-Nwortet wurde. In Ehen in Philippsburg steht ein junger Mann im Zimmer der jungen Frau, mit der er gerade seine Verlobte betrogen hat, vor einer Fotowand: "Auf allen Bildern das gleiche: Instrumente mit Musikern dran. Auch ein paar Tänzerinnen: ein Körper, ein Gesicht, darunter verschiedene Namen. Eine korpulente Negerin an einem runden Fenster" - Ella Fitzgerald vor einem Flugzeugbullauge.

2. Dezember 2022: Mohamed Mbougar Sarr

Was mach' ich nur, was mach' ich nur? Falsch werde ich's machen, weil's richtig gar nicht geht. Also: Auf meinem Schreibtisch liegt Die geheimste Erinnerung des Menschen von M. M. Sarr, ein Roman und "sehr literarisch", wie der Deutschlandfunk verlautbart und der Verlag auf den Buchumschlag gesetzt hat. Ich will weder den Radio- noch den Verlagsleuten zu nahe treten, die sich bestimmt waaahnsinnig viel Gedanken gemacht haben, was das ist, ein "sehr literarischer" Roman. Außerdem ist das gar nicht mein Problem. Mein Problem ist, dass Sarrs Roman auf meinem Schreibtisch liegt, ich aber wegen des Buchs, an dem ich gerade schreibe, Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche lesen und also den Sarr einstweilen ins Regal stellen muss. Das ist das Problem. Es soll ja "sehr literarische" Leute geben, die ihre Bücher alphabetisch ordnen, und ich will auch diesbezüglich niemandem zu nahe treten. In meiner Bibliothek sind die literarischen Werke nach Herkunft geordnet, und innerhalb der Herkunftsabteilungen chronologisch nach Erscheinen. Dazu kommen noch Unterabteilungen, aber das muss ich hier nicht ausbreiten, weil es nicht zum Problem gehört. Das Problem ist die Herkunft. Sarrs Roman ist auf Französisch geschrieben und von Holger Fock und Sabine Müller mit Verve, wenn ich das so ausdrücken darf, ins Deutsche übersetzt. Der Autor stammt aus dem Senegal. Die Geschichte, oder besser die Geschichten in diesem Buch haben mit Afrika zu tun. Nun gibt es in meiner Bibliothek eine größere französische und eine kleinere afrikanische Abteilung, wobei ich ein postkolonial schlechtes Gewissen habe insofern, als ich keine senegalesische, ghanaische oder tansanische, sondern eben nur eine afrikanische Abteilung habe. Ich böseralterweißer Mann schmeiße "sehr literarische" Leute mit schwarzer Haut allesamt in den Topf Afrika, während die Europäer mit weißer Haut ordentlich nationalstaatlich untergebracht sind. Oder nationalsprachlich. Oder literatursprachlich. Wenn ich den Sarr zu den Afrikanern stecke, mache ich mich da nicht einer rassistischen Reduktion schuldig, indem ich mich an der Haut statt an der Sprache orientiere, wo der Roman doch auf Französisch geschrieben und von Holger Fock und Sabine Müller, ich wiederhole mich, mit Verve ins Deutsche gebracht wurde. Dass das Buch nicht in die deutsche Abteilung gehört, versteht sich von selbst und wirft keinerlei Rassismusprobleme auf. Bei einem "sehr literarischen" Roman, von einem schwarzhäutigen Autor auf Deutsch geschrieben, wäre das schon wieder anders. Nun aber wohin mit dem Sarr? Wenn ich seinen "sehr" - ist schon gut, ich höre auf damit, wenn ich seinen Roman zu den Franzosen stecke, neben Mathias Enard und Patrick Deville zum Beispiel, ebenfalls von Holger Fock und Sabine Müller mit Verve ins Deutsche übersetzt, wenn ich also Sarrs Roman zu denen geselle, beraube ich böseralterweißer Mann den aus meiner Perspektive sehr jungen, 1990 in Dakar geborenen Autor dann nicht seiner afrikanischen, senegalesischen, dakarischen Identität? Oder ist es etwa so, dass der junge schwarze, in Paris lebende Autor von dem alten weißen, in Berlin lebenden Autor gar nicht auf diese Weise identifiziert werden will? Ich möchte als seit vierzig Jahren in Berlin lebender, hoffentlich "sehr" - oh, schon wieder, Schriftsteller auch nicht, ob von schwarzen, gelben, grünen oder blauen Männern, als ewiger Mainfranke identifiziert werden, bloß weil ich in jungen Jahren aus einem unterfränkischen Dorf davongelaufen bin. Also was mache ich nun mit dem Roman? In die afrikanische oder in die französische Abteilung? Kann mir da jemand helfen? Bis mir da jemand geholfen hat, kriegt Sarr eben eine eigene Abteilung. Das gewähre ich sonst nur mir, d. h. meinen "sehr literarischen" - das muss jetzt noch mal sein - Büchern. Meine "sehr" - Vorsicht: meine sehr erfolgreichen Sachbücher haben keine eigene Abteilung, sondern sind in die jeweiligen Sach- beziehungsweise historischen Abteilungen eingeordnet. Aber das muss ich hier nicht ausbreiten, weil es nicht zum Problem gehört.

10. November 2022: Nietzsche

Wie ist es zu verstehen, dass dieser Schriftsteller (oh, man sagt, er sei Philosoph gewesen) diesen gewaltigen und gewalttätigen Einfluss hatte? Es ist nicht zu verstehen! Jedenfalls nicht über die Texte, allenfalls über diejenigen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Texte gelesen, ge- und mißbraucht haben. Da ist viel Mediokrität im Spiel, aufgeblasene Bewunderungslust, bürgerlich jungmännerhafte Kurzzeittapferkeit, vom Gymnasium in den Weltkrieg mit Hölderlin und Nietzsche im Tornister, wie die Legende erzählt. Es wurden Zehntausende materialgeschlachtet in den Schlammgräben. Die hatten alle den verrückt gewordenen Übermenschen im Tornister. Ganz bestimmt. Übrigens sind vor allem die sogenannten Aphorismenbücher redundant und langweilig, voller Kalauer, schräger Behauptungen und von ichkranker Rhetorik gezeichnet.

3. November 2022: Thomas Mann

Ach Emma, ach Anna, ach Nana. Ich schreibe über Nietzsche und lese Thomas Mann und lache mich kaputt, manchmal vor Ekel, manchmal nur so. Ich lese in den Betrachtungen eines Unpolitischen, erstmals 1918 erschienen, ein Eiferwerk gegen Demokratie, Zivilisation, Politik und Engagement. Letzteres fertigt er an Zola ab im Vergleich zu Flaubert und Tolstoi: Während "die Emma des Ästheten Flaubert, während die moskowitische Anna unsterbliche Frauengestalten sind, bleibt Nana ein keuchend ins Politisch-Symbolische erhöhter Fleischklumpen." Ich stelle mir den Mann vor, wie er die teure Zigarre von den vornehm gekräuselten Lippen nimmt und "Fleischklumpen" sagt: "Fleischklumpen".

Übrigens bin ich doch etwas konsterniert insofern, als ich vor Jahr und Tag, ehrlicher gesagt: vor Jahrzehnten und Tag, einen Text von Georg Lukács gelesen habe, Erzählen oder Beschreiben, der mich beeindruckt und beeinflusst hat. Darin setzt er den 'Realismus' bei Tolstoi (und Balzac) dem 'Naturalismus' bei Zola gegenüber. Jetzt könnte ich nachsehen, ob er auf seinem Wertungsfeld auch Thomas Mann unterbringt. Mache ich aber nicht. Sonst renne ich von Pontius zu Pilatus, wo ich doch eigentlich zu Nietzsche kommen muss, über den man sich auch kaputt lachen könnte, hätten nicht gewisse Anhänger die Welt kaputt gemacht.

27. Dezember 2021: Nochmal der Stempel der Göttlichkeit

Die Montaigne-Stelle mit dem "Stempel seiner Göttlichkeit" (Eintrag vom 24. November) hat sich aufgeklärt. Der Französisch-Übersetzer Holger Fock hat mir erklärt, dass mit dem Stempel eine Art 'Imprimatur' von Gotteshand gemeint sei. Und Matthias Drescher war so freundlich, mir die Passage, um die es ging, auf Französisch zu mailen. Montaigne spricht von "merques empreintes de la main de ce grand architecte". Das ist denn doch etwas anderes als der "Stempel seiner Göttlichkeit", über den ich in den beiden Übersetzungen gestolpert bin - falls man über Stempel stolpern kann.

24. November 2021: Der Stempel der Göttlichkeit

Seit einiger Zeit lese ich vor dem Einschlafen Montaigne. Er kommt immer so schön von Hölzken auf Stöcksken und mäandert durch sein Gehirn - und durch das seiner Leser*innen. (Das war, bitteschön, das erste, allererste Gendersternchen, das ich je gesetzt habe. Es soll nicht wieder vorkommen. Offenbar hat mich das Bürokratensprech affiziert, von dem ich gestern vor dem Einschlafen bei Montaigne überrascht wurde.) Das ist meistens recht kurzweilig, nur bei dem langen Stück "Apologie des Raimund Sebundus" nicht. Darin bin ich in Zusammenhang mit dem Weltenbaumeister auf die Wendung vom "Stempel seiner Göttlichkeit" gestoßen. Ich war ganz fassungslos. Wie kann man, wie kann Montaigne 'Stempel' und 'Göttlichkeit' aneinander hängen? Der Stempel ist etwas durch und durch Menschliches. Den kann man doch dem Herrgott nicht in die Hand drücken. Allenfalls hat er selbst seine Hand zu einer Art Stempel gemacht wie in dieser kindlichen Erklärgeschichte von der Entstehung des Nabels: Nachdem der liebe Gott Adam und Eva fertig geknetet hatte, hat er sie am Bauch angestupst und gesagt: "Du bist fertig, du bist fertig." Deshalb haben wir Bauchnabel*innen.

Als ich das mit dem "Stempel seiner Göttlichkeit" gelesen habe, dachte ich nicht an dieses Geschichtchen, sondern ich dachte: Der Übersetzer ist schuld. Mein Bett-Montaigne ist die Ausgabe bei Manesse, übersetzt von Herbert Lüthy: "Stempel seiner Göttlichkeit". Mein Bibliotheks-Montaigne ist die Folio-Ausgabe der Anderen Bibliothek, übersetzt von Hans Stilett: "Stempel seiner Göttlichkeit". Die beiden Übersetzungen liegen in vielen Passagen erheblich auseinander. Und wenn sich an dieser Stelle die beiden gleichen, liegt der Verdacht nahe, dass im französischen Original tatsächlich steht: "Stempel seiner Göttlichkeit". Ich kann es kaum glauben. Leider habe ich keine Originalausgabe. Ich bitte also die Leserinnen und Leser, die dazu in der Lage sind (und Lust darauf haben), die Stelle zu überprüfen und mich per Mail (Adresse im Editorial) wissen zu lassen, ob Montagine tatsächlich die Göttlichkeit hat stempeln lassen.

17. November 2021: Rousseau, Derrida, Lévi-Strauss

Immer noch Rousseau, nun vor allem der köstliche Émile. Schon gleich am Anfang die Passagen über das Wickeln und das Stillen der Kinder. Man muss wissen, dass es bei den 'Höheren' üblich war, die Kinder Säugammen zu überantworten, Ammen, die zugleich verachtet wurden. Das feste Einwickeln (in Deutschland auch 'Fatschen' genannt) ist aus heutiger (und eben aus Rousseaus) Perspektive nachgerade Körperverletzung.

Veranlasst durch die Rousseau-Kapitel in Derridas Grammatologie habe ich - zum erstenmal - die Traurigen Tropen von Lévi-Strauss gelesen, die von Derrida wegen ihrer Rousseau-Bezüge diskutiert werden. Dabei ist mir lebensgeschichtlich ganz plümerant zumute. Die Grammatologie habe ich im November 1984 erstmals gelesen, also vor 37 Jahren!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Ja, es sind 37 Ausrufezeichen. Sie sind schnell hingetippt. Und es scheint, also seien auch die 37 Jahre schnell hingelebt.

Bevor es nun trübsinnig wird, lese ich schnell weiter. Rousseau ist erregend - das meinte schon d'Alembert, und Lévi-Strauss bestätigt es: "Rousseau überzeugt mich nicht, aber er erregt mich."

17. Oktober 2021: Rousseau

Wieder einmal Rousseau. Wie jedesmal vergnügt er mich sehr. Obwohl inzwischen mein Geduldsfaden dünner geworden ist und ich nicht mehr brav jede Zeile, jede Seite Wort für Wort lese. Es ist faszinierend, wieviel umwerfende (was nicht heißen muss: richtige) Gedanken sich mit dummem Zeug mischen. Beispielsweise erwähnt er bei seinem Lob des 'natürlichen' Menschen, die eben so natürlich gelebt hätten wie die wilden Tiere, dass diese Tiere kräftig und gesund sind, viel kräftiger und gesünder als die gezähmten. Die Jäger könnten das bestätigen. Ja freilich, weil die kranken und schwachen Exemplare schon aufgefressen oder verendet sind, bevor sie erjagt werden. Und so geht es in einem fort, mit einer genialen Großmäuligkeit und Klugscherei, die einen unentwegt den Kopf schütteln lässt. Deshalb geht mir das Lesen dieses Autors nicht auf den Keks, sondern auf die Halswirbel. Ich sollte ne Stützkrause anziehen, solange ich mit ihm befaßt bin.

22. August 2021: E. L. Doctorow, Ragtime

Für 15 Jahren habe ich den Roman zum erstenmal gelesen während der Arbeit an meinem eigenen Roman Vergeltung (Liebeskind, München 2007). Gestern und heute habe ich Doctorows Meisterwerk erneut gelesen und bin erneut vollkommen begeistert. Diesmal ist die Veranlassung meine Beschäftigung mit Hobbes und dessen im Leviathan entwickelter Theorie des 'absoluten Staates'. Von da aus kam ich auf Michael Kohlhaas von Kleist, ein überaus faszinierender Text, der mich auch schon während der Arbeit an der Vergeltung beschäftigte, und von dort eben zu Ragtime. Der schwarze Rebell des Buches heißt Coalhouse, in Anspielung auf Kohlhaas, der wie er einen persönlichen Krieg gegen den Staat führt, um mit Unrecht ein Unrecht auszugleichen, das ihm angetan wurde. Bei Kohlhaas geht es um Pferde, bei Coalhouse um ein T-Modell von Ford. Die Kohlhaas-Geschichte spielt Mitte des 16. Jahrhunderts in Brandenburg, die Coalhouse-Geschichte im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in den USA.

29. Mai 2021: Francis Bacon und Franz Speck

Ich lese die Essays von Francis Bacon und blättere in einem Buch mit "Antworten auf einen Brief", nämlich auf den von Hugo v. Hofmannsthal verfassten Brief des Lord Chandos, der fingiert an Franics Bacon gerichtet ist. Das Buch kam 2002 heraus, anläßlich des hundertsten Erscheinungstages des Lord-Chandos-Briefes, und enthält auch einen Beitrag von Bruno Richard: "Hochwerter Lord, nach langem Zögern will ich auf den offenen Brief reagieren, den ihr wortgewandter Sekretär [damit ist Hofmannsthal gemeint] an den alten Franz Speck geschrieben hat. Mit hat es bisher immer an Zeit und Gelegenheit gefehlt, mich mit den höheren Sorgen zu beschäftigen, die dort über die Seiten tänzeln." Dann werden sie alle verhöhnt, die Jungdichter und Feinschwätzer, die Wohlfühlverzweifelten, Genussapokalyptiker und Geschäftsironiker: "Die jungen Dichter streifen den unpraktischen Glauben an die Unglaubwürdigkeit der Worte einfach ab, häuten sich zu Journalisten oder Werbetextern und bekehren sich zur Ironie. Diese schlimmste aller intellektuellen Tugenden ist die Asche der Geniefeuer ihrer Jugend. Zwar erinnern sie sich noch daran, wie die Worte im Munde zerfielen wie modrige Pilze [Paraphrase einer berühmten Stelle, geradezu eines Gemeinplatzes, im Chandos-Brief]; und sie spüren, wie durch die hübsch gesagte Klage der Kinderwunsch bettelt, die Namen möchten wieder zu den Dingen passen. Aber nun, da sie erwachsen geworden sind, ziehen sie der Sehnsucht nach dem Paradies adamitischer Namensgebung den festen Griff der Worte vor, mit dem sie die Dinge packen und aus der Welt reißen. Nicht aufs Bedeuten, aufs Bewirken kommt es an." - "Und dann gibt es da, wie in jeder Epoche, noch die feinen Herrchen, die fest entschlossen sind, bis ins hohe Alter auf dem neuesten Stand der Verzweiflung zu bleiben." - Alle in allem, vom Hofmannsthal bis heute: "Wie der Narr, der die Stimmen der anderen nicht hören kann, wenn er seine Schellenkappe schüttelt, bleibt man taub im Lärm, den man um sich selber macht."

Kein Wort nimmt Bruno Preisendörfer von dem zurück, was er als Bruno Richard vor knapp zwanzig Jahren geschrieben hat - übrigens zum Missfallen der Herausgeber des Bandes, die mehr so was Nettkritisches oder opportun Querdenkerisches erwartet und in den meisten übrigen Beiträgen auch geliefert bekommen haben. Schwimme ruhig gegen den Strom, nur heraussteigen und hineinspucken darfst du nicht.

Und jetzt lese ich also Francis Bacon und erinnere mich aus diesem Anlass an den längst erledigten Textvorgang. Übrigens sehe ich gerade, dass einer der Beiträge des Bandes von Robert Habeck mitverfasst ist. Damals hat er noch Romane geschrieben. Heute versucht er, wie es bei einem Politiker auch gar nicht anders sein kann, mit dem festen Griff seiner Worte die Dinge zu packen.

21. Februar 2021: Bernhard Maier

Nach Osterhammels Die Verwandlung der Welt habe ich nun Maiers Die Ordnung des Himmels. Eine Geschichte der Religionen von der Steinzeit bis heute zu Ende gelesen. Historischen von der Steinzeit bis heute Titeln begegne ich mit einem grundsätzlichen - und ich behaupte: grundsätzlich berechtigten - Misstrauen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen, der historischen und historistischen Geistesmode folgend, etliche solcher allübergreifenden Werke, etwa Die Todesstrafe in allen Völkern und zu allen Zeiten und dergleichen. Maiers beeindruckendes Werk in seiner ruhigen, instruktiven Art hat meine Vorbehalte rasch außer Kraft gesetzt. Und es hat dazu geführt, dass ich mich noch mehr wundere als schon vor der Lektüre: Wie können Leute nur an einen Gott glauben, wo es doch so viele gibt? Mit der Betonung auf Gott: Wie können Leute nur an einen Gott glauben, wo es doch so viele gibt? (Götter, nicht Leute.)

11. Februar 2021: Jürgen Osterhammel

Gerade habe ich dessen Globalgeschichte des 19. Jahrhunderts, Die Verwandlung der Welt (erstmals 2009), zu Ende gelesen: 1300 Textseiten mit einer sagenhaften Fülle an Informationen, Reflexionen, Interpretationen, und alles von einer analytischen Präzision und synthetisierenden Behutsamkeit, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt, will sagen: erlesen habe. Ich weiß nicht, wieviele fachfremde Leute ein solch pyramidales Werk wirklich lesen können von der ersten bis zur letzten Seite. Bei mir hat die Lektüre, veranlasst durch meine eigene Arbeit an einem Buch über das 19. Jahrhundert (eine "Reise in die Bismarck-Zeit"), etliche Monate gedauert - und mit dem Schreiben meines Buches bin ich eher fertig geworden als mit dem Lesen desjenigen von Osterhammel. Nun 'bin ich durch', ohne auch nur eine einzige Seite überblättert und ohne mich auch nur ein einziges Mal gelangweilt zu haben.

19. November 2020: Arthur Schnitzler

Lese mit großem Vergnügen Schnitzlers Jugend in Wien, entstanden in der zweiten Hälfte der 1910er Jahre und den Zeitraum von seiner Geburt im Jahr 1862 bis Juni 1889 behandelnd. Die Mischung zwischen Altersmilde und jugendfrischer Selbstironie gefällt mir sehr. Mitunter zitiert er auch selbstironisch ganz unironisch gemeinte Tagebuchaufzeichnungen aus seinen frühen Jahren, darunter eine Passage, die er als 23jähriger verfasste. Daraus mein derzeitiger Lieblingssatz: "ich habe so 'ne gewisse Sympathie für den Menschen, der mein Ich repräsentiert".

4. September 2020: Marx

Auf meiner Reise ins 19. Jahrhundert bin ich inzwischen gut voran gekommen und bin nun mit einem Wiederlesen von Marx-Texten beschäftigt. In der Frühphase meiner intellektuellen Selbstsozialisation habe ich viel von ihm gelesen: die 'damals' (in den späten 70ern und frühen 80ern) viel diskutierten Frühschriften, das Kommunistische Manifest natürlich, und auch Das Kapital, aber nur den ersten Band. Das Wiederlesen fällt mir schwer. Das Manifest ist ein Meisterwerk, Das Kapital ein Koloss. Die anderen Sachen sind über weite Strecken miserabel geschrieben, oft im Sound einer Pennälerpolemik wie in der Deutschen Ideologie, und redundant bis zum Überdruss.

30. April 2020: Raabe, Storm, May

Lese immer noch am Stopfkuchen, d. h. ich bin ins Stocken geraten. Der schnurrige Text um die schnurrige Titelfigur mit ihren schnurrigen Wendungen geht mir schnurrig auf die Nerven.

Von Storm, den ich während meiner Schüler- und germanistischen Studentenzeit geschwänzt habe, bin ich beeindruckt, so sehr, dass ich meinen Kritikerverstand den Mund halten heiße, wenn sich doch der eine oder andere Einwand zusammenbraut. Habe vor ein paar Monaten schon Immensee gelesen und die Regentrude, nun Unter dem Tannenbaum, Ein Doppelgänger, Ein Bekenntnis und schließlich den Schimmelreiter.

Von Karl May habe ich am Tablet Weihnacht! durchgewischt. 600 gekonnt gemachte Seiten, aber dieser Old Shatterhand und sein Edelindio Winnetou sind nicht lange auszuhalten. Heute. Aber 'damals' - was für Leseabenteuer in den Jahren 10ff. Zur Ersten Heiligen Kommunion hat mir ein Nachbar 1967 Der Schatz im Silbersee auf den Gabentisch gelegt, 400 eng gedruckte Seiten, ein 'richtiges' Buch ohne Bilder. Dann folgten die drei Winnetou-Bände. Und so weiter, 16 oder 17 Bände nannte (und nenne) ich mein eigen. May ist auch schuld daran, dass ich glaubte, Schriftsteller werden zu müssen. Mein erster Roman hielt sich denn auch ans Vorbild. Er hieß Der goldene Pfeil und wurde mit Elf verfasst. Aber das alles habe ich schon in meinem Roman Die letzte Zigarette erzählt, der mindestens soviel vom Lesen handelt wie vom Rauchen. Genug davon.

7. April 2020: Raabe

Lese gerade den Stopfkuchen, halb beglückt, halb ungeduldig, halb fröhlich. (Macht anderthalb, ich weiß. Aber hier ist nicht Mathe, hier ist Literatur. Und Leben. Und im einen wie im anderen macht - manchmal - halb und halb und halb ein Ganzes.)

Den Hungerpastor habe ich im letzten Sommer gelesen und auf mein Kärtchen notiert: Paralle Bildungs- und Lebenswege des (guten) Schustersohnes und des (bösen) Sohnes eines jüdischen Trödlers, die gemeinsam aufgewachsen sind. Am Anfang mit großer Faszination und Anteilnahme gelesen, gegen Ende wurde es mir sehr zuviel mit dem Idyllisieren und Salbadern und Sich-in-seinen-Kreis-schicken. Die Figuren genrehaft gezeichnet, als kuriose oder eben bösewichtige Typen. Das Fränzchen mit seiner lieblichen Heiligkeit ganz unerträglich. Vom Aufbau her geschickt gemacht, spannend, dann aber doch so manches übers Knie gebrochen. Die Sprache putzsüchtig. Das Motiv des Hungers: nach Wissen, nach Liebe, nach Leben; die gläserne Kugel, die durch den ganzen Text baumelt.

17. November 2019: Keller, Die mißbrauchten Liebesbriefe

Keller schreibt immer so schön, manchmal auch ganz schön untergründig. Dann schauen unter dem Futter der Behaglichkeit die Fetzen des Naturalismus hervor. Die Liebesbriefe sind eine Seldwyla-Geschichte, deren Inhalt wiederzugeben ich zu faul bin. Sie beschäftigt sich mit dem Affektieren von Gefühlen, die andere wirklich haben. Und wenn Keller über die Liebe schreibt, wird es wunderbar herzinnig auf höchstem literarischen Niveau. Das ist hier so und noch intensiver in Romeo und Julia auf dem Dorfe. Romeo und Julia geht schlimm aus, Die mißbrauchten Liebesbriefe glücklich.

2. Mai 2019: Fontane, Frau Jenny Treibel

Zum erstenmal habe ich den Roman vor 25 Jahren gelesen und darüber notiert: „Konversationsroman. Zu kolumnistisch, zeitungshaft. Gute Dialoge, zu wenig erzählt, passagenweise höherer Klatsch. Zu viele Fäden bleiben liegen und werden nicht rund erzählt.“ Naja, ich fasse mich an die eigene Nase und frage mir, wie sich wohl ‚Fäden rund erzählen’ lassen. Ansonsten stimme ich meinem damaligen Werturteil zu: Vom ästhetischen Standpunkt kein großes Werk, kein Vergleich mit den französischen, englischen, russischen Giganten des realistischen und naturalistischen Romans, Feuilleton eben, plaudrig. Und gegen Fontanes Kritik der Bourgeoisie setzt sich unter seiner Federhand am Ende doch die bourgeoise Jenny Treibel durch. Übrigens ist seine Kritik insofern opportunistisch, als sie sich gegen das Parvenühafte richtet und der alte Reichtum unangetastet bleibt. Alles in allem: Rangkategorie hübsch.

15. Februar 2019: Hans Blumenberg, Matthäuspassion

Von Blumenberg habe ich vor langer Zeit Lebenszeit und Weltzeit gelesen und vor noch längerer Zeit Säkularisierung und Selbstbehauptung. Nun also das Buch über Bachs Matthäuspassion. Ich verstehe einige Sätze, manchmal sogar einige Absätze. Das Ganze verstehe ich nicht. Vor langer und längerer Zeit hätte ich versucht, mir das Ganze verständlich zu machen. Aber da Lesezeit Lebenszeit ist und ich überhaupt auf das Existenzformat zuspaziere, das man 'alter Knaben' nennt (wenn man sich freundlich ausdrückt), lasse ich die Verständlichkeit des Ganzen dahingestellt sein, behaupte sogar, dass einiges darin schlichtweg unverständlich, weil in irgendwelchen Privatmythen gegründet ist. Im Übrigen fasziniert mich der Text, weil GOtt der HErr in Grund und Boden philosophiert wird. Amüsieren tut mich der Text auch, nämlich dann, wenn sein Verfasser aus der tiefsten Tiefe des Gedankens die flachsten Kalauer herausholt.

19. Dezember 2018: Elif Batuman, Die Besessenen

Untertitel: "Abenteuer mit russischen Büchern und ihren Lesern". Als jemand, der in seiner Jugend unglücklicherweise Dostojewski verfallen war, habe ich dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen und nur wenige Seiten überschlagen, obwohl es etwas zu hochbegabt und etwas zu naseweis und etwas zu mittzwanzigerisch ist, um mir im Ernst wichtig sein zu können.

14. Oktober 2018: Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Aus Gründen, die ich hier nicht preisgeben will, habe ich diesen weltweiten Superbestseller von Yuval Noah Harari gelesen. Eine eigenartige Erfahrung. Zuerst war ich hingerissen, dann enttäuscht und schließlich genervt. Hingerissen war ich zunächst von der klugen Nonchalance, mit der Harari den Spuren der Menschheit vor dem Beginn der Geschichte folgt und dabei schräge Blicke auf das Geschehene wirft. Dann war ich enttäuscht von der großspurigen Ungenauigkeit, die zunimmt, je näher der Text historisch der Jetztzeit kommt. Nur ein Beispiel: Ein vielhundertseitiges Riesenwerk wie Der Wohlstand der Nationen von Adam Smith als "Manifest" zu bezeichnen ist entweder einfach blöd oder ein Schülerstreich. Oder eben ein blöder Schülerstreich. Genervt war ich von dem abholerischen Schlaumeierton, der auf den letzten zweihundert Seiten des 500-Seiten-Buchs immer lauter wird. Und so bin ich nun froh, dass ich es hinter mir habe.

30. August 2018: Sarrazin

Sarrazin hat wieder ein Stöckchen hingehalten und alle springen drüber. Ich laufe drunter durch und äußere mich nicht. Der Mann ist geistig nicht mehr satisfaktionsfähig. Zum Erscheinen seines ersten Buches 2009 habe ich noch einen Offenen Brief geschrieben. Er ist nach den Purzelbäumen über die Inhaltsliste der Offenen Briefe zu finden. Mein Kompliment übrigens an die DVA, die dieses Buch trotz des erwartbaren Umsatzes nicht veröffentlichen wollte.

10. Juni 2018: 30 Jahre Lettre International

Mit der Ausgabe 121 begeht die europäische Zeitschrift ihr 30jähriges Betriebsjubiläum. Ich habe alle Ausgaben gelesen, oder teilgelesen, von der ersten bis zur 121ten, mit der ich gerade beschäftigt bin. Ich mag jetzt nicht zu einer 'Würdigung' ansetzen, das werden, denke ich, die großen Feuilletons schon ordentlich erledigen. Vor ungefähr zwei Jahrzehnten, es muss 1999 gewesen sein, als die Zeitschrift Freibeuter eingestellt wurde, bei der ich damals Redakteur war (halbehrenamtlich oder ganz schlecht bezahlt, je nach Sichtweise) - als der Freibeuter eingestellt wurde, habe ich in einem Zeitungsbeitrag über die 'Zeitschriftenlandschaft' Lettre International als Containerschiff bezeichnet. Das war nicht böse gemeint, sondern als Kompliment. Ein Containerschiff ist die Zeitschrift immer noch, was immer noch nicht böse gemeint ist, sondern als Kompliment. Also: Weiter so!

11. März 2018: Annie Ernaux, Die Jahre

Wieder eine Seitenlektüre, die ich mir hinter dem eigenen Rücken gegönnt habe. Die französische Autorin (Jahrgang 1940) hat mit Die Jahre keine Memoiren geschrieben, auch kein ‚individuelles’ Erinnerungsbuch, sondern die Geschichte ihrer Lebenszeit und ihres Daseins in einer Art allgemeinen Autobiographie. Das Ich tritt als erzählerisch zufälliges hinter die erzählten Ereignisse (und die Meinungen darüber) zurück, wird dabei jedoch keineswegs entwertet. Das Allgemeine und das Besondere werden gerade nicht gegeneinander ausgespielt. Allerdings zeigt sie sich der Fülle der Geschehnisse nicht immer gewachsen und gleitet vom Erzählen ins Aufzählen. Wenn das eine literarische Schwäche ist, dann gewissermaßen eine objektive, unvermeidliche – jedenfalls dann, wenn man vom Leben berichten und dabei der Wahrheit halber auf Sinngebung im Nachhinein verzichten will.

21. Januar 2018: Muriel Spark, Memento Mori

Ich habe viel von ihr gelesen und mag sie sehr. Gerade habe ich mir Memento Mori (im englischen Original erstmals 1959) in der Neuübersetzung von Andrea Ott gekauft. Das darf ich eigentlich nicht, das heißt: kaufen schon, aber nicht lesen, denn ich bin auf Zeitreise in der Epoche Johann Sebastian Bachs.

Aber.

Eben.

Jedenfalls macht mir der Roman über junge Leute 70 plus viel Vergnügen, obwohl mir mein eigenes 60 plus wenig Vergnügen macht. Und wenn ich daran denke, dass ich vor sehr, sehr langer Zeit, vor über zehn Jahren, einen Roman mit dem Titel Fifty Blues geschrieben habe (ist übrigens im Psychosozial Verlag erschienen), wird mir ganz plümerant.

Aber eben deshalb lese ich mit jugendfrischem Vergnügen Memento Mori, denke daran, dass ich sterblich bin und rücke die Stützkrause um den Hals zurecht.

17. Dezember 2017: Bernard Mandeville, Die Bienenfabel

Der berüchtigte Text besteht aus wenigen Seiten geknittelter (wie Mandeville selbst schreibt) Verse, denen zum Schluss noch eine Moral angedichtet wird: Wenn jeder einzelne seinem Eigeninteresse folgt, dann kommt für die Allgemeinheit das Beste heraus.

Diese Botschaft erregte Ärgernis, und so hat sie der rhetorisch starke Mandeville mit einer Reihe von Argumenten in Abhandlungsform eingerahmt. Das Interessante daran ist das ungeschminkte Interesse am Interesse. Mandeville lässt die Moralkonventionen weg und stellt alles ganz nackt dar, man könnte auch sagen: er plaudert alles aus. Ganz ähnlich, wie Machiavell in seinem Buch vom Fürsten alles über die Macht und die Methoden, sie zu erobern und zu behalten, ausgeplaudert hat. Mandeville kritisiert so wenig wie Machiavell das, was er darstellt. Aber die beiden stellen wenigstens dar und lügen und leugnen die sozialen Tatsachen in ihrem anti-sozialen Schreiben nicht weg. Mandeville z. B. sagt, dass es die Armen geben muss, damit die Reichen (und die Mittelstände) gut leben können. Und damit das auch so bleibt, lehnt er beispielsweise die von Reformern vorgeschlagenen Armenschulen ab. Hinter den Schulbänken kommen Armeleutekinder nur auf kluge, mithin für die herrrschenden Schichten eher 'dumme' Gedanken.

Machiavell habe ich als junger Mann gelesen, in der Abiturklasse, und mich mit dem Lehrer herumgestritten, weil ich vom Leben noch nicht verdorben war und in meinem jugendlichen Idealismus einfach nicht glauben wollte, dass es sich bei dieser Schrift nicht um eine Satire auf die Machtausübung, sondern um eine völlig ernst gemeinte Lehre davon handelte.

Mandeville nun lese ich als alter Knabe, vom Leben eines besseren (oder eher schlechteren) belehrt und beeindruckt von der Offenheit des Autors, die so brutal ist, dass sie an manchen Stellen unfreiwillig ins Satirische gleitet.

20. August 2017: Jonathan Swift, Gullivers Reisen

Am meisten freue ich mich auf die Yahoos. Das sind die versklavten Primitivmenschen im Reich der sprechenden Pferde während der vierten Reise von Gulliver. (Wie kamen die mit der Suchmaschine darauf, sich ausgerechnet danach zu benennen?) Noch befinde ich mich freilich in Lilliput. Jedes Kind kennt Lilliput. Seine Hauptstadt Mildendo schon nicht mehr. Aus Swifts politischer Satire ein Kinderbuch zu machen war Literaturmissbrauch. Macht aber nichts. Das ist auch größeren passiert, dem Windmühlenbereiter etwa oder dem weißen Wal oder dem Robinson auf seinem I-land.

Swift war ein konservativer Giftpilz, um nicht gleich zu sagen: ein Schloch. Aber auch das macht nichts. Schließlich muss man mit den Leuten, deren Bücher man liest, nicht auch noch verkehren. Ich 'kenne' viele Leute aus der Literatur, die ich nie im Leben kennenlernen möchte.

16. Juli 2017: Sklovskij und Trotzki

Ich treibe mich im Russland der Jahre 1917 bis etwa 1923 herum und lese die Sentimentale Reise von Viktor Sklovskij, die schreckliche und zugleich grandiose Geschichte der russischen Revolution von Leo Trotzki, außerdem die Tagebücher von Isaak Babel und seine Erzählsammlung Die Reiterarmee.

25. Juni 2017: Rückkehr nach Reims von Didier Eribon

Es ist eigenartig: Hingerissen habe ich diesen autosoziographischen Versuch verschlungen, und doch fehlt es mir nun an Schwung, über das Gelesene auch zu schreiben. Veilleicht ermattet man an Themen, die einen schon viel beschäftigt haben. Vielleicht bin ich auch nur zu faul, hier zu wiederholen, was ich in meinem Buch Das Bildungsprivileg schon dargesellt habe (wie die französische Originalausgabe des Buchs von Eribon erstmals 2009, letzte aktualisierte Ausgabe 2015).

Eribon beschreibt seine Bildungsmigration von einer Unterschichtfamilie in Reims in die kulturelle Elite von Paris. Es ist die Geschichte eines Aufsteigers und zugleich, wie er sagt, die eines Überläufers. Man könnte es metaphorisch auch so ausdrücken: Du kannst die Schuhe so oft wechseln, wie du willst, an den Sohlen bleibt immer die Erde der Herkunft kleben. Und die anderen, die schon in der guten Stube sind, in die du erst rein willst, merken sofort, wenn du an deinen Sohlen (und in deiner Seele) diesen Dreck einschleppst.

Davon zu erzählen ist ohne Selbstpreisgabe nicht möglich. Eribon ist homosexuell. Aber ein Bericht vom Entdecken und Erleben der eigenen Homosexualität ist heute nicht mehr mit einer solchen Preisgabe verbunden. Wohl aber ein Bericht vom Herauswachsen aus der eigenen Familie, vom örtlichen wie mentalen Fortgehen. Sexismus und Rassismus sind verfemt. Der Klassismus fällt vielen Leuten, auch gutmenschenartigen, nicht einmal auf. Es erfüllt mich deshalb eine gewisse spätjugendliche Genugtuung, wenn ich immer noch spüre, wie bei bestimmten Äußerungen der blanke Klassenhass in mir aufspringt - nicht bloß so ein verärgertes Podiumsgefühlchen, wenn die Kontroverse mit dem politischen Gegner etwas heftiger wird, sondern nackter persönlicher Hass, der im anderen eben nicht den 'politischen Gegner' sieht, sondern den Feind, den sozialen Fressfeind, gegen den man sich aus Gründen der Selbsterhaltung wehren muss.

Ich habe in dieser Hinsicht einige Erfahrungen mit dem Bildungsprivileg gemacht. Damit sind nicht intellektuell unredliche oder menschlich schäbige Rezensionen gemeint (die von Hannes Hintermeier in der FAZ, die von Thomas Medicus in der Welt). So etwas bleibt im Rahmen der 'Gegnerschaft', auch wenn man es den Leuten lange nachträgt. (Das Nachtragen mag im Banaltag ein Laster sein, beim historischen Denken ist es eine Tugend.) Die Feindschaft, die ich meine, springt auf und legt den Panzer an, wenn Privilegien ohne Umschweife mit der Selbstverständlichkeit dessen in Anspruch genommen werden, der diese Privilegien seit Generationen inne hat und sie deshalb nicht einmal mehr begründen zu müssen glaubt. Dann gibt es nichts mehr zu diskutieren.

3. Juni 2017: Georges Perec

Ich kann es einfach nicht lassen, unter der Bettdecke zu lesen. Mit ‚unter der Bettdecke’ meine ich das Lesen von Büchern, die nichts mit denen zu tun haben, die ich gerade schreibe. Zweckgeleitetes Lesen ist eine Berufskrankheit der Kritiker: Sie können es sich nicht leisten, etwas zu lesen, wofür sie nicht bezahlt werden. Es kommt allerdings gar nicht so selten vor, dass sie für Rezensionen von Büchern bezahlt werden, die sie nicht gelesen haben. Aus Zeitmangel, aus Mangel an Lust, aus gewohnheitsmäßiger Bescheidwisserei oder bloß aus Blasiertheit.

Aber ich merke, ich purzele ins Poltern. Das wiederum ist eine Berufskrankheit von Schriftstellern. Kaum kommen sie auf Kritiker zu sprechen, fangen sie zu schimpfen an.

Wenn man, wie ich derzeit, viele Bücher zu lesen hat, um eines schreiben zu können, bekommt man schnell ein schlechtes Gewissen, wenn man sich zweckfrei aus lauter Lust und Laune einem Buch zuwendet. Dabei ist diese Art des Lesens die allerallerschönste.

Ich habe gerade Die Dinge von Georges Perec gelesen. Der viertels erzählerische und dreiviertels essayistische Text entstand Mitte der 60er und ist – konsumkritisch. So was war damals nötig und ‚in’, heute ist es ebenfalls nötig und ‚out’. Jedenfalls hat mir der kleine Text sehr gefallen und ging mir zugleich auf die Nerven. Es geht um die Lebensentwürfe eines sehr jungen Paares (sie Anfang, er Mitte Zwanzig) anhand der Dinge, die sie ersehnen, um die sie andere beneiden, die sie bei anderen beargwöhnen. Etcetera.

Nach der Lektüre fertigte ich ein flüchtiges Karteikärtchen an und steckte es zwischen die anderen Perec-Karten: Das Leben. Gebrauchsanweisung (angelesen 1988), Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof? (rezensiert – und gelesen! – 1989), Das Kunstkabinett (rezensiert – und ebenfalls gelesen! – 1989). Auf der Karte zur Gebrauchsanweisung habe ich im Januar 1988 notiert: „Faszinierende Lektüre, auch sprachlich sehr anziehend, speziell wegen der Ruhe und Kühle, wegen dieses neutral berichtenden Gestus. Obwohl das – sehr dicke – Buch seit April 87 auf meinem Nachttisch liegt, bin ich aus Zeitgründen nur bis Seite 220 gekommen und breche die Lektüre jetzt ab. Nicht ohne Bedauern und vor allem der Ordnung halber.“

So! Und jetzt, dreißig Jahre später, im Juni 2017, lege ich mir das – sehr dicke – Buch erneut auf den Nachttisch, um es zu Ende zu lesen. Ganz ohne Bedauern und nicht der Ordnung halber. Ich habe einfach nur grundlos Lust darauf. Mein schlechtes Arbeitsgewissen macht die Lesefreude noch größer, fast so groß wie einst beim heimlich Lesen unter der Bettdecke.

18. März 2017: John Donne und Hemingways Wem die Stunde schlägt

Wenn man alt und immer älter wird, wird man auch immer höcksiger und stöcksiger, es fällt einem immer zu viel ein. Da sagt irgend ein Industriefunktionär einen Spruch in China, und schon fällt einem kein Sack Reis um (ab heute bis zum Ende der Fastenzeit: keine Kalauer mehr), aber ein Gedicht ein. In diesem Fall eines des englischen Dichters John Donne (1572-1631). Es beginnt mit "No man is an island" - "Niemand ist eine Insel". Gegen Ende des so beginnenden Absatzes steht "whom the bell tolls" - "wem die Totenglocke läutet", meist wiedergegeben mit "wem die Stunde schlägt". Ich ziehe den damit betitelten Roman Ernest Hemingways aus dem Kriegsregal meiner Bibliothek. Gekauft habe ich den Band 1987, den Roman aber erst 2008 gelesen. Hemingway zitiert das Donne-Gedicht als Motto. In dieser Wiedergabe heißt es: "No man is an Iland". Das ist kein Satzfehler, sondern der originale Clou, der beim modernen "Island" verloren gegangen ist. Donnes ursprüngliches "Iland" meinte "Insel" und klang zugleich nach "Ich-Land". Auf Ich-Land-Gebiet haben wir es weit gebracht. Vom I-land zum i-phone.

3. Dezember 2016: Jules Verne, Von der Erde zum Mond

Mitunter erlebt man seine Überraschungen, wenn man als alter Knabe Bücher liest, die man als junger Hund verschmäht hat. So etwas wie "Jules Verne" hätte ich als jugendlicher Leser nie angefasst, nicht, nachdem ich aus der Karl-May-Phase heraus gewachsen war. Da musste es schon Dostojewski sein, obwohl der Gift für junge Leute ist, besonders für diejenigen, die es ernst meinen mit der Literatur und sie dementsprechend auch zum Kaputtlachen ernst nehmen.

Jules Verne wird von niemandem ernst genommen, von denjenigen abgesehen, die behaupten, er hätte künftige Entwicklungen voraus gesehen. Hat er nicht. Die Reise zum Mond beispielsweise erfolgt bei ihm in einer Kanonenkugel, genauer gesagt in einem Projektil, das von einer riesigen Kanone abgefeuert wird. Der Fabulierer Verne amüsiert sich köstlich über solches Zeug. Von der Erde zum Mond. Direkte Fahrt in siebenundneunzig Stunden und zwanzig Minuten heißt der Roman, und wenn man - alter Knabe hin oder her - mit kindlicher Unschuld an ihn herantritt wie ich und in ihn hineinliest in der Hoffnung auf eine veritable Mondfahrt, dann fängt man sich spätestens nach der Hälfte des Buchs zu wundern an, warum diese direkte Fahrt immer noch nicht begonnen hat. Dann ahnt man, dass Verne den Abschuss mit allen Mitteln hinaus zögert. Erst auf den letzten Seiten ist es soweit. Als Leser bleibt man über das Schicksal der drei Mondfahrer genauso im Ungewissen wie das Publikum im Roman. Ich werde also Vernes Reise um den Mond hinterher schieben müssen, um zu erfahren, wie es weiter geht.

Übrigens hat mir dieses An-der-Nase-Herumgeführt-werden gefallen. Nachdem mir gedämmert war, dass ich in dieser Geschichte nie und nimmer auf dem Mond landen würde, freute ich mich mit wachsender Spannung darauf zu lesen, was sich Verne von Kapitel zu Kapitel ausdenkt, um seine Helden hübsch fein auf der Erde zu behalten.

3. September: Patricia Highsmith

Ich lese 'heimlich' zwei Highsmith-Romane, in denen viel telefoniert wird. Das hat seine Bewandtnis, dass viel telefoniert wird in diesen Romanen, und dass ich sie lese, weil viel telefoniert wird in diesen Romanen. Highsmith mit Handy würde nicht funktionieren. Die Handlung ginge aus den Fugen, weil deren Orte nicht mehr fixiert wären. Wenn das Telefon in einem bestimmten Raum steht, muss man sich in diesem Raum aufhalten, um telefonieren zu können. Weil für Handys das nicht zutrifft, können sie zu Alibi-Killern werden - ein Beispiel dafür, wie die Art des Telefonierens die Art des Kriminalromans (oder "Spannungsromans", wie PH lieber sagte) verändert.

31. Juli 2016: Bilz-Perlen

Zuerst eine Stelle über Martin Luther, danach ein Potpourri aus, wie ich finde: lustigen Zitaten, entnommen den paläoanthropologischen Schriften von Rudolf Bilz.

"Die Skrupulanten z. B., die sich damit herumschlagen müssen, wie sie 'einen guten und gnädigen Gott' kriegen, wobei ich an Männer wie den skrupulantischen Augustinermönch Martin Luther denke, können als kirchliche Reformatoren historische Bedeutung erlangen, ebenso wie die ganz großen Ungeheuer, die um ihrer Großmachts-Ideen willen Hekatomben von Menschen opfern."

"Der Einzelne sollte von sich selber wissen, mit wem er es zu tun hat, zum mindesten sollte er seine animalische Basis so genau wie möglich kennen."

"Beim Menschen ist die 'Weisheit und Würde des Alters' mit einer Sparsamkeit im Gebrauch des motorischen Ausdrucks gepaart."

"Es gibt Menschen, die in der Illusion leben, daß ihr Glück in der Ferne liegt, und tatsächlich ist ein fremdes Land mit fremden Menschen zunächst eine aufregende Sache."

"Kein Mensch kann sich seiner Einfälle erwehren".

"Wieder eine andere Frage ist, ob meine Gedanken überhaupt meines Ursprungs sind."

"Gemütskrankheiten hat es wohl zu allen Zeiten und bei allen Völkern gegeben."

"Wenn gar jedermann das Tier selbst töten müßte, dessen Fleisch er genießt, so würde vermutlich weit weniger Fleisch gegessen werden."

"Über eine Sache reden und außerdem etwas dazulernen wollen, ist nicht die Regel."

"Adrenalinausschüttung ist Adrenalinausschüttung".

"Das Wort 'Bewußtsein' geht zurück auf das Wissen, und nicht alles Wissen ist ein beglückendes Wissen."

9. Juli 2016: Bilz und Lettre International

Lese mit großem Amüsement die paläoanthropologischen Aufsätze von Rudolf Bilz (siehe Bücherliste 7), außerdem wie immer mit Gewinn Lettre International (Nr. 113), auch wenn in den letzten Nummern ein bißchen viel von Georg Stefan Troller und ein bißchen viel von Marcel Hénaff drinstand. Man kann ja überblättern. Und vielleicht übergehe ich demnächst auch mal ein ganzes Heft. Es wäre das erste nach 113 Nummern.

29. Mai 2016: Bronislaw Malinowski, André Gide

Tagebücher Malinowskis und Gides. Bei Gide die aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs, die er mittendrin in Frankreich verbrachte, aber am Rande mittendrin; bei Malinowski die aus den Jahren des Ersten Weltkriegs, die er abseits auf westpazifischen Inseln verbrachte. Er erforschte die Tauschriten und Tauschreisen "der Niggers", wie es bei ihm heißt, wenn er sich über seine Forschungsobjekte, die "Wilden", ärgert, und gleichzeitig brachten sich in der zivilisierten Welt die Menschen nach Hunderttausenden um. Man könnte versucht sein, das Adjektiv zivilisiert in Anführungsszeichen zu setzen. Das wäre dann nicht nur eine durch Empörung selbstgefällig gewordene moralische Haltung, sondern auch Anzeichen eines Denkfehlers, insofern nämlich, als im Ersten Weltkrieg die Menschen eben deshalb nach Hunderttausenden umkamen, weil die europäische Welt zivilisiert war, ganz ohne Anführungszeichen.

24. April 2016: Jane Eyre von Charlotte Bronte

Aus Bücher!Liste 8 nun den dicken Ich-Roman eines gequälten und gepeinigten Waisenmädchens, das es durch innere Zähigkeit doch zu Glück und Anerkennung bringt. Ich habe mit Vergnügen begonnen, aber nun, schon nach 90 Seiten von annähernd 600, fängt mir der Erzählgestus des Textes an, auf die Nerven zu gehen. Zu sentimental, 'viktorianisch' eben, und eigentlich ein bißchen verlogen, selbst dort, wo die Verlogenheit angeprangert wird. Es ist wie bei Dickens, den ich auch nicht mag (eben wegen sentimentaler Erzählverfettung): Der Diener darf sich beklagen, schlecht behandelt zu werden, aber nicht darüber, ein Diener zu sein. In der amerikanischen Literatur wird dieser Typus am eindrücklichste (und ekelhaftesten) von Onkel Tom verkörpert. Was mich abstößt ist eben das, was im 19. Jahrhundert die Gutmenschen unter den lesenden Herrschaften so anzog an ihren kuscheligen Vorleseabenden am Kamin. Den Pfarrerstöchtern war dieser Sound gewissermaßen in die Wiege gelegt. Aber während Emilys Sturmhöhe eine Schmonzette ist, deren literarischer Eigenwert dazu verführt, über solche Einwände mit einem Schulterzucken hinwegzugehen, um ungestört weiterlesen zu können, bringt Jane Eyre diese innere ästhetische Wucht nicht auf. Wenn man zudem nicht mehr der Jüngste ist, schon vieles lesend hinter sich und doch so manches lesend noch vor sich hat, fragt man sich: warum soll ich Lesezeit an dieses langatmige, sentimentale, kitschige und eigentlich auch oberflächliche Zeug wenden, mag es nun kanonisiert sein oder nicht?

9. April 2016: Die Judenbuche, Ugresic, Woolf

Von den Wiederlesbüchern (siehe Liste 7 der Rubrik Bücher!Listen) habe ich Ugresics Museum der bedingungslosen Kapitulation mit ebensoviel Freude gelesen wie das erstemal im Jahr 2000. Nun bin ich bei der Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff (siehe die 8. Bücher!Liste, in der Texte verzeichnet sind, deren Lektüre ich nachholen möchte). Die Judenbuche habe ich aus Aversion gegen den Schullektüre-Kanon nie gelesen. Und so blieb mir ein Meisterstückchen erhalten, das man umso besser zu schätzen weiß, je erfahrener man als Leser ist. Die Novelle erschien erstmals 1842, und die Autorin kann noch erzählen. Damit meine ich nicht irgendeine handwerkliche Fertigkeit, die inzwischen verloren gegangen ist (was ja nicht stimmt), sondern ich meine die grundsätzliche Möglichkeit eines sich selbst noch nicht problematisch gewordenen Erzählens, die inzwischen verloren gegangen ist (was ja sehr stimmt). Sicherlich gibt es Autorinnen und Autoren, die aus nicht verlorener Unschuld (was in diesem Fall mit literarischer Dummheit identisch ist) oder aus übergewitztem postpostmodernen Schlautun draufloserzählen. Aber dabei kommt entweder albernes Zeug heraus oder epigonale Marktware, smart und relevanzentlastet. Mit beidem will ich mich nicht weiter aufhalten. Die Judenbuche jedenfalls ist für mich eine wahre, gute und schöne Entdeckung, auch wenn der Untertitel ("Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen") mehr verspricht, als der Text halten kann. Ich habe ein Reclam-Bändchen für 50 Cent in einem Gebrauchtbuchladen gekauft. Dieser Kauf war ein Erlebnis für sich, ein deutsches Erlebnis. Als ich den Laden betrat, hielten sich dort mehrere Leute auf, alle mit der Nase in Büchern, was ja für einen Schrifti wie mich ein erhebender Anblick ist. Ich fragte den Inhaber: "Haben Sie eine Judenbuche?" Alle hoben die Köpfe, und schlagartig hatte man das Gefühl, es stünde ein Elefant im Raum, oder vielleicht eher eine 'Judensau', entsprechend derjenigen an Luthers Predigtkirche in Wittenberg. Zum Glück war der Buchhändler orientiert und sagte schnell: "Sie meinen: von der Droste-Hülshoff?" Auf diese Weise entging ich dem antifaschistischen Widerstand der braven Leute in diesem Laden, die offenbar Die Judenbuche auch nicht hatten lesen müssen, als sie zur Schule gegangen waren.

Mit den Tagebüchern der Virginia Woolf bin ich ebenfalls weiter befasst. Arme, arme Virginia. Du wächst mir trotz meines unterschichtigen Widerstrebens gegen Deine oberschichtige Personalbehandlung rein menschlich mehr und mehr ans Herz.

13. Januar 2016: V. Woolf und W. Scott

Ich habe zwar keine Zeit für Sperenzien, mache aber trotzdem welche. Ich lese in den Tagebüchern von Virginia Woolf auf dem Klo (tut mir leid, Virginia). Bin dabei auf eine Bemerkung über Ivanhoe von Walter Scott gestoßen und 30 Jahre zurück in meine Lesevergangenheit gestürzt. Meine Lektürekartei datiert vom September 1984. Noch heute kann ich mich an das als unsinnig empfundene Vergnügen erinnern, völlig grund- und verantwortungslos einen ollen Schinken zu lesen. "Man hat an vielen Stellen den Eindruck", schrieb ich von vielen Stellen beeindruckt, "daß ein modernes Epos geschaffen werden soll, ein Konsumepos." Dann attestiere ich "dekorative Schönheit", "sehr viel Farbe, sehr viel Handlung, sehr viel außerordentlich genußreich verschlingbare Erzählerei, die keine Fragen stellt und keine beantwortet." Und in Klammern: "(hab die 600 Seiten in 4 Tagen gelesen)". Und als Nachsatz: "Ich glaub nicht, daß ich von Scott nochmal was lesen werde, aber den Ivanhoe werde ich sicher wiederlesen."

Vielleicht lege ich demnächst eine Wiedersehensliste an mit Büchern, die ich lesen darf, wenn ich selbst gerade keins schreiben muss.

23. November 2015: E. M. Forster

Ich habe es wieder getan - heimlich gelesen. Obwohl ich doch für die Öffentlichkeit schreiben muss. Ein Zeitreisebuch über Luther. Dessenthalben ich Leseverbot habe, Leserverbot für alles, was nicht in den Jahrzehnten um 1500 'spielt' oder aus dieser Epoche stammt. Und wenn ich nun schon mal heimlich gelesen habe, will ich hier auch kurz darüber schreiben, trotz des 'Pausenzeichens' im Editorial.

Wiedersehen in Howards End von Forster 'stammt' von 1910. Ach, schön war's, wunderschön. Eine Leseglück wie in den alten Tagen, als man noch jung war. Ich hatte mir den Roman als Reisebegleiter mitgenommen (statt der Lutherbibel! ehrlich) und las ihn nach Ende der Reise zu Ende. Er macht das toll, der Forster, mit seinen Figuren. Zwischendrin babbelt er ein bißchen viel und zu schlau, wie das halt so ist bei jungen Menschen (als der Roman erschien war er Anfang 30). Und manchmal schubst er die Figuren herum, damit sein Plan aufgeht. Aber das macht alles nichts, weil er das meiste gut und unterhaltsam und intelligent macht. Und dann die Sarkasmen über die Oberschicht, nicht die ganz Reichen, aber die Vermögenden, die von dem leben, was das Kapital abwirft. Was ihn umgekehrt nicht veranlasst, ein Loblied auf die Unterschicht zu singen. Das Sentimentale ist ihm fremd. Er zeigt Sach- und Interessenlagen. Und was die Leute mit den Sach- und Interessenlagen anfangen, was sie dabei fühlen - und wie sie sich (anders) benehmen, wenn's darauf ankommt. Übrigens gibt es in diesem Roman (und gab es zu seiner Entstehungszeit) nicht nur die 'soziale Frage', sondern auch die 'Frauenfrage'. So. Auf Wiedersehen. Jetzt lese ich wieder Luther und Hutten und Müntzer und den putzigen Hans Sachs und Erasmus von Rotterdam.

11. August 2015: Erasmus von Rotterdam

Ich lese immer wieder, aber in kleineren Portionen, in den Schriften des Erasmus. Er geht mir auf die Nerven. Ich finde ihn 'doof'. Gleichzeitig amüsiert sich ein Oberschlauer im hinteren Teil meines Gehirnstübchens darüber, dass man Erasmus 'doof' finden kann. Ist doch alles sooo lange vorbei und nur noch kulturgeschichtlich von Interesse. Und noch dazu in meinem Alter: wie kann man da überhaupt etwas 'doof' finden als wäre man immer noch elf? Stimmt. Aber dem Oberschlauen im Gehirnstübchen sei gesagt, dass seine Expertise schätzenswert, seine Abgeklärtheit trotzdem öde ist.

23. Juli 2015: Doctorow

E. L. Doctorow ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Ich habe nur zwei Bücher von ihm gelesen, beide 2006: City of God (erschienen 2000) und Ragtime (1976).

Meine Karteikartennotiz zu Ragtime: "Sehr gut. Knappe Sätze. Schnelle Geschichten, viele Geschichten, ein Story-Teppich zu einem Zeitbild verwoben aus fiktiven Fäden und Tatsachen. Ich habe es wegen der Coalhouse-Geschichte gelesen (Kohlhaas natürlich), wegen Vergelten!" Vergelten! war der Arbeitstitel des Romans, an dem ich damals schrieb und der 2007 als Die Vergeltung erschienen ist. Es geht darin ebenfalls um eine Rachegeschichte.

Die Notiz zu City of God: "Thesenroman. Ganz anders erzählt als Ragtime. Viel Metaphysik, Glaubensfragen: Kann im Zentrum der Jetztzeit (als das NY vorgestellt wird) noch geglaubt werden? Zwischendrin Einstein- und Wittgenstein-Passagen in Ich-Form, dann eine Ghetto-Erzählung in Fortsetzungen, dann Vermischtes über Film; der Romanschreiber im Roman. Und dann diese eingestreuten Gesänge. Ich weiß nicht: ich habe es gerne gelesen, aber es ist doch recht überanstrengt; und viele der religiös explizierenden Passagen etwas superficial. NY spielt praktisch keine Rolle, oder höchstens, mit Mühe und Not, als Metapher."

8. Juli 2015: Goetz, Coetzee

Veranlasst durch die Meldung, dass Rainald Goetz den Büchnerpreis erhält, ein Blick auf meine Lektürekarten. Ich mag diesen ichigen Typus des Schriftstellers nicht, diesen Typus des Ersatzpersönlichkeitslieferanten für seine Fans. Und der berühmte Schnitt über die Stirn in Klagenfurt hat mich allenfalls wegen seiner ärztlichen Akkuratesse beeindruckt. Trotz dieser Vorbehalte war ich von seinen Texten beeindruckt. Im November 1983 notierte ich über seinen von Michael Rutschky in Errungenschaften veröffentlichten Aufsatz Die Entdeckung des Arbeiters. Aus einem Krankenhaus: "Ein Student, der seine Assistenzzeit in einem PKH und auf einer Inneren Station verbringt, erzählt einem Freund (der relativierende Entgegnungen macht) von seinen Erlebnissen. Die Einschätzung der Medizin außerordentlich faszinierend. Was über das Leben und das Sterben (fürchterliche Tode, Krebs) gesagt wird, ist dermaßen bedrängend, daß man sich als Leser plötzlich irgendwie entschließt, unbedingt über Leben und Tod (hauptsächlich über den eigenen) nachzudenken."

Ich muß kurz unterbrechen, aus Rührung über den ernsthaften Bub, der das notiert hat. War ich doch erst 26.

"Die Sprache hat etwas Distanzierendes (nicht dem Behandelten gegenüber distanziertes) und beinahe ruhig fließendes, was durch die Form der indirekten Rede erzielt wird. Auf diese Weise vermeidet Goetz, daß sich der Bericht in einen Hammer verwandelt. Ich werde versuchen, den Roman Irre in die Finger zu kriegen."

Über Irre notierte ich dann im Januar 84: "Mit Begeisterung gelesen, ein literarisch gut gemachtes und dennoch nicht unerhebliches Buch, das verändert. 3 Teile: "Sich entfernen". Klinikpatienten von innen, sie sprechen selbst, und jeder spricht anders, nicht ein Einheitserzählstil wie so oft bei neuer deutscher Literatur. 2. Teil: "Drinnen". Raspe, der junge Psychiater, in der Klinik, jetzt die Patienten, die im 1. Teil von 'innen' gezeigt wurden, sich selber zeigen, jetzt diese Patienten von 'außen' gesehen, von Raspe, der mit ihnen zusammen 'drinnen' ist. Und die Kollegen! 3.: "Die Ordnung". Ein unordentlich fetziger und fetzenhafter Teil. Verarschung der Kultur und der Kulturhelden, 12 Abschnitte (Monatsabschnitte) mit Beschimpfungen eines Prof. Ge und Hommagiererei an Achternbusch, deshalb redet der R. G. da auch so Bayrisch daher. Gegen Ende interessante Bemerkungen über Ed, das ist der Enzensberger. Raspe und Goetz unterhalten sich im 3. Teil, auch sonst einige Albernheiten und Schönheiten und meinetwegen auch Wahrheiten (gezeugt aus verantworteter Verantwortungslosigkeit), auf die es dem Sprecher sehr anzukommen scheint. Wenn ich das Geld hätt', würd' ich mir das Irre kaufen."

Habe Elizabeth Costello. Acht Lehrstücke von J. M. Coetzee aus dem Regal gezogen, um "Lehrstück 8: Vor dem Tor" noch einmal zu lesen. Die erste Lektüre des Romans war im April letzten Jahres. Damals notierte ich: "Eigenartige Lektüreerfahrung: Mochte es nicht und konnte mich doch nicht losreißen. Es sind Lektionen, in denen ethische Probleme auseinander gelegt werden, allerdings nicht weit genug und immer so, daß der Leser gefällig geführt und unterhalten wird. Wegen des akademischen Honoratiorenmilieus, in dem das alles stattfindet, hat es zudem etwas Saturiertes, Seminarstubenhaftes, etwas von überkandidelter Herumrederei. Die Tierrechtslektion mit ihrem Holocaust-Bezug ist eher eine intellektuelle Skurrilität, weil Coetzee seine Costello trotz ihrer Holo-Rhetorik nicht zum Äußersten treibt. Wenn man den australischen 'praktischen Philosophen' Peter Singer liest, wird man in herausfordernderer Weise in Denkwege hineingetrieben. Die Figur der Costello ist unsympathisch, was literarisch handwerklich wiederum eine Leistung darstellt, denn wenn eine unsympathische Figur richtige Argumente vorträgt, ist das schwerer her- und darzustellen als das Rechthaben einer sympathischen Figur. Großartig ist das 8te und letzte Lehrstück: Costello vor dem Tor."

2. Juli: Fortunatus

Eigentlich ist es bescheuert, in ein Journal zu schreiben, dass man gerade keine Zeit hat, in ein Journal zu schreiben. Während man schreibt, dass man keine Zeit zum Schreiben hat, könnte man ja schreiben. Trotzdem kann ich jetzt nicht viel über den Fortunatus sagen, eine Art frühem (Erstdruck 1509) Abenteuerroman über Geld und Glück. Aber weil ich ihn sehr mag, auch wenn ich das zur Zeit wegen der Zeit nicht näher begründen kann, will ich wenigstens diesen Journal-Knicks machen: Fortunatus!

28. April: Lutherbibel

In meiner ersten Bibel steht neben meinem Namen in Bubenschrift T 55. Das war mal ein Panzer. Und das war meine Zöglingsnummer während meiner Internatsjahre von 1967 bis 1970. T 55 stand auf jedem Wäschestück, auf jedem Schulheft und eben auch in meiner Bibel. Später, sehr viel später und längst schon der Gottlosigkeit anheimgefallen, habe ich eine schöne große Lutherbibel gekauft, aber so eine revidierte, deren Text nach Theologendisput, synodalem Kompromiss und Landeskirchenmuff riecht. Jetzt lese ich zum ersten Mal die wirkliche Biblia Luthers und bin hingerissen. Die Genesis zum Beispiel ist ein traumhafter Text, was ich wörtlich meine, weil dieser Text so unlogisch ist wie ein Traum. Zum Beispiel stehen im Paradies zwei Bäume herum, der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens, von denen man nicht recht weiß, ob es nicht doch bloß einer ist. Und was den Apfel betrifft: Davon ist bei Luther nicht die Rede, nur allgemein von Frucht. Eine Feige würde auch viel besser zu den Feigenblättern passen, die sich Adam und Eva vorhalten, nachdem sie von der verbotenen Frucht gegessen haben: "Und das Weib schawet an das von dem Bawm gut zu essen were und lieblich anzusehen das ein lüstiger Bawm were weil er klug mechte Und nam von der Frucht und ass und gab jrem Man auch da von Und er ass. Da wurden jr beider Augen auffgethan und wurden gewar das sie nacket waren Und flochten Feigenbletter zusamen und machten jnen Schürtze."

21. April: Suleiman Mourad in Lettre International

Seit Jahren (oh weh, Jahrzehnten! seit Nr. 1) bin ich beglückter Leser der Container-Zeitschrift (das soll ein Kompliment sein) Lettre International. Ich lese im Schnitt ein Drittel der Texte und breche die aufgeblasen akademisierenden unter ihnen sofort ab. Begriffsgebläse und Diskursventilatoren interessieren mich nicht. Auch nicht die ich-igen unter den Reportagen, die meistens nicht von Reportern, sondern von Literaten verfasst werden, die der seltsamen Auffassung anhängen, die sogenannte persönliche Erfahrung eines Schriftstellers habe einen ganz speziellen Eigenwert. Ich hab's mit den analytischen Texten, Texten, aus denen man etwas lernt. Langweilern mag das langweilig vorkommen, mir altem Graukopf (um nicht gleich Esel zu sagen) macht Lernen immer noch Herzklopfen. Besonders schnell hat es geklopft, als ich die Auskünfte gelesen habe, die der im Libanon geborene Islamwissenschaftler Suleiman Ali Mourad Perry Anderson gegeben hat (von dem, nebenbei gesagt, in zurückliegenden Ausgaben ausführliche und ausgezeichnete Texte über Indien zu lesen waren). Das Interview steht in Nr. 106 vom Herbst 2014, also nicht in der aktuellen Ausgabe vom Frühjahr 2015. Aber 'Aktualität' ist eine Kategorie der gesellschaftlichen Teilnahme, nicht der intellektuellen Analyse.

Wenn man den Erläuterungen Mourads gefolgt ist, versteht man, wie wenig man 'den Islam' (den es so wenig gibt wie 'das Christentum') versteht. Übrigens gilt das auch für die Moslems (beziehungsweise die Christen) selbst. Wer Mourads Erläuterungen verstanden hat, dürfte mehr vom islamischen Glauben wissen als die meisten Gläubigen. Das ist nicht als Schelte der Gläubigen gemeint. In allen Völkern zu allen Zeiten in allen Religionen leben die Leute nicht, um zu glauben, sondern glauben, um zu leben, auch wenn sie selbst glauben, dass es andersherum zugeht. Religionen sind Verhaltenstatsachen, keine Denkprozesse. Und so wissen die Gläubigen so wenig wie die Ungläubigen, was sie tun und wollen es auch gar nicht so recht wissen, weil das nur vom Verfolgen der jeweils eigenen Interessen ablenkt. Wenn man es aber mit interesselosem Unwohlgefallen doch wissen will, kann man diesen Text lesen. Dann fängt man an, zu verstehen. Und dass ein Text etwas zu verstehen gibt, ist das größte Kompliment, das man ihm machen kann.

27. März: Eulenspiegel

Das sogenannte Volksbuch über "Dil Ulenspiegel" wird 2015 fünfhundert Jahre alt. Und immer noch wird närrisches Zeug über dieses barbarische Buch erzählt. Von Germanisten, Feuilletonisten und anderen belesenen Nichtlesern. Nichtleser deshalb, weil vieles, was kolportiert wird, auf fachlich kompetenter Unkenntnis ruht. Man kann es auch so ausdrücken: Es wird nachgeschrieben, was andere geschrieben haben, statt selbst zu lesen. So etwa die Behauptung, Eulenspiegel würde seinen Mitmenschen den Spiegel vorhalten. Mitnichten! Er zeigt ihnen bloß den blanken Arsch. Der nämlich ist mit dem 'Spiegel' gemeint. Auch das dumme Zeug von dem weisen Narren, das immer wieder zu hören ist, hat mit dem Buch nichts zu tun. Man muss nur einmal die Nase hineinstecken, in diese stinkenden, unflätigen, analfixierten Histörchen, um zu begreifen, um was es sich bei diesem Werk handelt: um ein schenkelklopferisches Brutalspaßbuch, in dem Stubenscheißerei als lustig gilt und die Schadenfreude als vergnüglich. Das ganze Buch funktioniert wie die Lüge: Der Lügner kann nur deshalb erfolgreich lügen, weil er voraussetzen darf, dass die Menschen normalerweise davon ausgehen, dass ihre Mitmenschen die Wahrheit sagen. Ohne dies wäre Kommunikation nicht möglich. Die Schäbigkeit Eulenspiegels besteht im Ausnutzen dieser Grundbedingung menschlicher Verständigung. Auch das elende Wörtlichnehmen, auf dem germanistische Interpreten bei ihrem Lob so herumreiten, ist nur 'kritisch' in ganz bestimmten Situationen, nicht als Dauereinstellung des Kommunzierens.

Zu all dem auch die 8. Geschichte der 3. Abteilung ("Entlaufene Helden") des "Dekameron für Leserinnen".

19. März: Erasmus von Rotterdam und Gerhard Zwerenz

Bei Erasmus muss ich immer an Orgasmus denken. Daran sieht man, was Literatur anrichten kann. Denn an diesem blöden Zwangsgedanken ist Gerhard Zwerenz schuld. Ich ziehe ein malträtiertes Taschenbuch aus dem Regal: Kopf und Bauch. Die Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intellektuellen gefallen ist, erworben im sagenhaften Jahr 1976, als ich sagenhafte 19 Jahre alt wurde und selbst im Begriff stand, als Arbeiterkind unter die Intellektuellen zu fallen, was mir dann auch ausgiebig gelungen ist bis zum heutigen Tag. Im Roman von Zwerenz gibt es etliche pornographische Passagen (nein, nicht erotische, sondern pornographische, und zwar mit voller zwerenzischer Absicht), und einmal heißt es irgendwie, dass der Erzähler einen Orgasmus hatte und dabei an Erasmus von Rotterdam dachte. "Irgendwie" schreibe ich deshalb, weil ich die Stelle in dem zerfledderten Exemplar nicht finden kann. Jedenfalls muss ich deshalb bei Erasmus immer an Orgasmus denken. Besser als umgekehrt.

13. Februar 2015: Lutherzeit

Wenn man etwas Neues anfängt, kann man auf 'alte Sachen' stoßen. So ist es mir mit dem Bändchen Christliche Mythen von Jacques Solé gegangen, das anläßlich einer thematischen Musterung meiner Hausbücherei zum Thema Lutherzeit aus einer hinteren Regalreihe hervorgetreten ist. Ich habe es vor annähernd 30 Jahren gekauft (oh Mann) und nie gelesen. Das hole ich nun, wenigstens auszugsweise, nach. Ich nehme an, dass mir Solés 'Diskurs' nicht besonders zusagen wird. Aber die Widmung, die ihm voransteht, gefällt mir sehr: "Für jene, die ich liebte, in Lyon zur Zeit, als die Götter nicht tot waren."

24. September 2014: Patrick Deville

Pest & Cholera, faszinierender 'Abenteuerroman' über Alexandre Yersin (1863-1943), den Entdecker des Pestbazillus, Forschungsreisenden, Schiffsarztes, Kautschuckpflanzers. Mit Handlung und Geschehnissen angefüllter Text, keine Dialoge, auch sonst kein Geschwätz. Sachhaltig, nüchtern, präzis und absolut hinreißend. Manchmal an der Grenze zum Hagiographischen. Aber es ist ein literarischer Text, keine 'kritische' Biographie. Die Lakonie des Erzählens mit ihrer - gerade zum Ende hin - manchmal melancholischen Einfärbung. Der Ablauf der Erzählung im Großen und Ganzen chronologisch, im Kleinen und Einzelnen mit Zeitsprüngen; und als durchgängige Einzelszenen im Erzählfluß immer wieder die Flucht des alten Yersin 1940 aus Paris.

Vor ein paar Jahren, 2007, habe ich Pura Vida. Leben und Sterben des William Walker gelesen. Auf meiner Lektürekarte steht: "Interessant und gut gemacht. 2 Hauptteile: 21.2.1997 und 28.2.1997. Der Ich-Erzähler ist in Mittelamerika, berichtet von diesen beiden Tagen, von Recherchen für ein Buch über W. Walker (ein Abenteurer, der Mitte des 19. Jahrhunderts sein Unwesen in Mittelamerika trieb), von Begegnungen mit 'Zeitzeugen'. Außerdem die Geschichte Costa Ricas und vor allem Nicaraguas, Honduras', El Salvadors; auch Bolivien, Panama, Kuba. Lebensgeschichten z.B. von Che Guevara. Das Verfahren nicht chronologisch, sondern kaleidoskopisch. Die 'große Erzählung' kommt nicht zustande, eine Fülle von Geschichten stattdessen, denen anzumerken ist, daß sie nur durch 'postmortale' Verknüpfungsarbeit in 'Geschichte' zu verwandeln wäre.

Derzeit lese ich nebenher noch Äquatoria, von dem ich enttäuscht bin. Es wirkt lustlos, verfusselt, irgendwie unkonzentriert und gleitet oft in Journalismus ab.

11. September 2014: Gatti, Simenon

Gatti reiste nicht durch Libyen, was ich beim Stand er Lektüre vom 23. August noch nicht wusste, sondern nur bis zur Grenze zwischen Niger und Libyen. In ein Migrantenlager von Lampedusa lässt er sich schleußen, indem er von einer Klippe ins Meer springt und sich als Flüchtling herausfischen lässt.

Gestern und heute habe ich meinen letzten Simenon gelesen, den letzten Simenon in meinen Regalen, den ich noch nicht kannte: Betty. Es hat mir wieder sehr gefallen, wie dieses ungeheure Erzähltier seine Geschichten abschnurren lässt.

23. August 2014: Fabrizio Gatti

Nach meiner Zeitreise in die Jahrhundertwende (in die von 1800), mein Buch darüber ist abgeschlossen, unternehme ich nun eine Reise ganz anderer Art: von Agadez im Niger durch die Wüste immer nach Norden, durch Libyen bis zur Mittelmeerküste und dann hinüber auf die Insel Lampedusa. Ich reise mit dem italienischen Reporter Fabrizio Gatti, der diese Route afrikanischer Migranten zurückgelegt und in Bilal (Original 2007, deutsch bei Kunstmann 2010) geschildert hat.

19. Mai 2014: Hawthorne

Der 'kritische Leser' in mir, dem ich im Beste!Bücher Eintrag über das herrliche Haus mit den sieben Giebeln den Mund (genau gesagt: die Schreibhand) verboten habe, verschafft sich nun doch noch sein Rede(genauer gesagt: Schreib)recht und redet sich von der Tintenseele, was die Tintenfinger auf die Karteikarte geschrieben haben: "Mit großer Freude gelesen, ungestört von einer gewissen Aufdringlichkeit der Charakterenzeichnung, von einer gewissen Überdehnung bei der Hinwendung zu den Hauptfiguren, etwa die duftige Verkitschung der jungen Phoebe, von der Penetranz, mit der Nebenfiguren auf die Bühne geschubst werden, um einen Knicks zu machen, etwa der kleine Junge mit seiner Naschsucht. Charmant und ironisch gekonnt ist das Einsprechen des Erzählers in seine Erzählung. Das Schuldthema ist nicht überzeugend, hängt zu sehr am Haus und an der Familie, ist zu puritanisch erbverflucht. Die schöne Zuneigung zur häßlichen Hepzibah. - Komisch, da maule ich jetzt herum, dabei habe ich mich auf jede Lektürespanne gefreut wie schon lange nicht mehr bei einem Buch."

Das zweite (in der Entstehungschronologie erste) Hauptwerk Hawthornes, Der scharlachrote Buchstabe, habe ich im November 1990 gelesen, wie ich erschüttert über meinen fortschreitenden Lesealterungsprozess feststelle. Auf meiner Karte steht: "Geschichte einer sündigen Liebe im puritanischen Neuengland des 17. Jh. (das gefundene Manuskript als Rahmenhandlung). Die Frau ist gezeichnet mit einem Buchstaben, um sie als Gefallene kenntlich zu machen. Das 'Kind der Sünde' (Pearl) ist die reizendste Figur des Romans. Unerträglich der Pastor Dimmesdale, Hesters Geliebter und Vater von Pearl. Er schweigt 7 Jahre und quält sich mit Gewissensbissen und wird gequält durch die Rache von Hesters Gatten, der sich als Arzt unerkannt in die Seele des Priesters geschlichen hat. Alles sehr schön erzählt, ohne Lob oder Verurteilung der Figuren; changierend; hat mir sprachlich und thematisch und stofflich sehr gut gefallen." Auch von diesem Roman gibt es eine hübsche Ausgabe bei Manesse. Der Fairness halber bleibe aber nicht unerwähnt, dass bei Hanser in diesem Frühjahr eine Neuübersetzung des Romans von Jürgen Brocan (er hat ein Dach überm o, das mein Zeichensatz nicht hergibt) erschienen ist, die ich aber nicht in der Hand hatte.

Ebenfalls neu (und zum erstenmal auf Deutsch, glaube ich) ist bei Jung und Jung erschienen das dialogische Tagebuch von Sophia und Nathaniel Hawthorne (Das Paradies der kleinen Dinge. Ein gemeinsames Tagebuch. Mit einem Vorwort von Peter Handke). Ich mag es sehr, und wäre nicht das kaum auszuhaltende Vorwort von Peter Handke, würde auch dieses Buch ein bestes sein.

10. April: Ruanda und Auschwitz

Anläßlich des 20sten Jahrestages des Mordens in Ruanda habe ich die entsprechende historische Ecke meiner Bibliothek aufgesucht und die Bücher und Artikel gesichtet, die ich dazu gesammelt habe, vieles davon aus dem Jahr 2004, also dem 10ten Jahrestag. Ich bin dabei auch auf den Ausdruck eines Textes gestoßen, den ich im November 2006 geschrieben, aber nicht veröffentlicht habe. Das hole ich nun nach:

Der Völkermord in Ruanda war der erste Fernsehvölkermord der Menschheits- oder vielleicht sollte man sagen der Unmenschlichkeitsgeschichte. Die erste medial 'begleitete' Hungersnot war 'Biafra' 1968. Erinnert sich noch jemand? Und 1994 wurde eben der dritte Völkermord des 20sten Jahrhunderts (Armenier, Juden, Tutsi) im Fernsehen gezeigt. Allerdings kam die große Welle der Bilder erst, als 'die Sache' schon fast vorbei war; die große Welle der Bilder kam, als diese apokalyptischen Flüchtlingsströme der Hutu nach Zaire, wie das damals noch hieß, gezeigt wurden, nachdem die Tutsi-Armee aus Burundi, angeführt vom heutigen Staatschef Ruandas, Paul Kagame, endlich Kigali erobert hatte.

Aber nicht diese 'alte Geschichte' will ich erzählen, sondern eine noch ältere, die uns Deutsche, die wir so eine Art Hutus mit Gaskammern waren, immer noch, naja: brennend interessiert. Es geht mir noch einmal um die oft gestellte Frage der Nachgeborenen an ihre Eltern oder Großeltern: Was habt ihr davon gewußt? Meine Eltern waren während der Hitlerzeit Kinder. Einer meiner Großväter war im Krieg, der andere war Bauer in einer eher abgelegenen Gegend zwischen Spessart und Rhön. Wenn jemand, der in einer eher abgelegenen Gegend zwischen Spesssart und Rhön lebt und Bauer ist und die Dorfzeitung liest oder den Völkischen Beobachter und Rundfunk am Volksempfänger hört - übrigens: muss ich jetzt Volksempfänger mit 'Häkchen' schreiben? Ja? Dann schreibe ich künftig auch 'Volkswagen' mit Häkchen. - Wenn also jemand ziemlich wenig mitkriegt, oder nur, dass "der Hitler die Juden nach Madagaskar schafft", wie damals in den dümmeren Schichten der Bevölkerung gemunkelt wurde, wenn so jemand später sagt, "ich habe nichts gewußt", so ist das halbwegs glaubhaft, auch wenn einem das heute unangenehm ist, gewissermaßen.

Komisch, dass es einem heute irgendwie unangenehm ist, wenn alte Leute sagen, sie hätten damals "nichts gewußt", während es uns nicht die Bohne unangenehm ist, dass wir 1994 ALLES gewußt und dennoch nicht gehandelt haben - mich eingeschlossen. Abgesehen davon, dass ich seinerzeit 300 Mark an die UN gespendet habe, nachdem ich Fernsehbilder von dem riesigen Lager in Goma gesehen hatte, in dem sich eine Million Hutu-Flüchlinge aufhielten, darunter viele der Mörder, denen ich womöglich mit meinen 300 Mark unter die Arme griff, mit denen sie ein paar Wochen vorher anderen die Arme abgehakt hatten. Offenbar haben wir doch nicht alles gewußt.

Man könnte einwenden: Wenn jemand aus der Nachbarwohnung zum Bahnhof getrieben und deportiert wird, dann ist das für uns etwas anderes, als wenn jemand in Afrika mit Macheten zerhackt wird, auch, wenn dann die Leichen auf dem Bildschirm zu sehen sind. Das stimmt. Aber warum eigentlich? Warum gehen uns Völkermorde, die weit weg in der Zeit, aber nah im Raum sind, mehr an als solche, die nah in der Zeit sind, aber weit weg im Raum? Haben wir, die wir 1994 im Fernsehen zugeschaut haben, wirklich die moralische Lufthoheit denjenigen gegenüber, die 1933ff vielleicht wirklich weniger wussten als wir 1994? Und könnte es nicht sein, dass es einen gewissen Typus von Auschwitz-Diskurs gibt, der vor lauter ausgestelltem Gram über die Vergangenheit die Verantwortung in der Gegenwart beiseite schiebt? Auschwitz als eine Art historischer Paravant mit lauter Bildern von Leichenbergen drauf, in die Jetztzeit gestellt als Gefühlsschutz vor der Gegenwart.

An solchen Stellen kommt immer der Punkt, an dem man klarstellen muss, dass man Auschwitz nicht 'relativieren' will. Ich stelle also klar: Ich will Auschwitz nicht relativieren. Für mich ist Auschwitz ein absoluter Einschnitt: geschichtlich, menschlich, metaphysisch - in jeder Hinsicht. Um Auschwitz irgendwann 'relativieren' zu können, hätte es einen Bürgerkrieg geben müssen und fünfhunderttausend hingerichtete Nazi-Funktionäre. Außerdem hätte es nach Auschwitz für ein, zwei Generationen keine Gedichte, keinen Sex und keine Sahnetörtchen mehr geben dürfen. Weil das mit den Gedichten nicht so schlimm ist, wie Adorno meinte, habe ich mal den Sex dazugenommen, um die Jugend zu erschrecken, und für uns Ältere die Sahnetorten.

7. April: 70000 Jahre im Glasauge der BBC

Bei dem Film über 70.000 Jahre Menschheitsgeschichte, von dem im Eintrag vom 18. März die Rede war, habe ich mich vertan. Es handelte sich nicht um einen Film von Alexander Kluge, sondern um einen von der BBC: sieben Folgen zusammengeschnitten aus Spielszenen, teilweise spektakulären Aufnahmen von der Sorte, wie Sender sie heutzutage im Archiv haben; dazu ein unterkomplexer Publikumsabholerkommentar aus dem off und dramatisch daherbrüllende Blockbustermusik und dazwischen Moderationen von diesem gräßlichen Mohr, der dort noch als Dieter untertitelt wird, wo er sich doch jetzt Max nennt.

Die Spielszenen sind kitschig und ahistorisch. Die Erfindung des Ackerbaus legen die britischen Fernsehhistoriker einer Frau in die Hände, die ihrerseits das erste Korn in die Erde legt. Das ist gentlemanlike, aber verkehrt - nicht, weil ein Mann den Ackerbau erfunden hätte, sondern weil so etwas wie Ackerbau überhaupt nicht 'erfunden' wurde. Die 'Neolithische Revolution', die allmähliche Durchsetzung von Ackerbau und Viehzucht, war ein Prozess, der länger gedauert hat als die gesamte übrige Technikgeschichte von der Erfindung der Räder in Gestalt rollender Baumstämme für den Transport riesiger Gesteinsbrocken beim Bau der Pyramiden bis zu den kleinen Schachteln, auf denen sich die Menschen die Menschheitsgeschichte in BBC-Fassung vorspielen lassen könnten, während sie selbst in großen Schachteln durch die - wie sagt man: 'Weltgeschichte' gefahren werden.

Das alles macht nichts, denn man muss das Zeug ja nicht anschauen, und so habe ich nach der ersten von sieben Filmstunden, die von 70.000 Menschheitsjahren schon 68.000 abgehandelt hatte, die Flucht ergriffen. Dennoch fühle ich mich eigentümlich niedergeschlagen, und zwar wegen Alexander Kluge. Er hat ein paar einleitende Worte zu dem Film gesagt, unter anderem meinte er, was da im Film gezeigt werde, "das stimmt alles", er habe mit Experten darüber gesprochen. Die Experten! Als ob die sich einig wären. Nicht einmal die "out of Africa"-Theorie, der Mainstream in der heutigen Paläanthropologie, auf dem auch der Film schwimmt, ist unumstritten. Chinesische Forscher zum Beispiel halten an der früher modischen Theorie fest, der homo sapiens sei gleichzeitig auf verschiedenen Kontinenten entstanden. Sie mögen es eben nicht, von den Afrikanern abzustammen, wo sie es doch sind, die in Afrika investieren und nicht umgekehrt. Ich glaube Sarrazin mag es auch nicht, dass er von Afrikanern abstammen soll, wo er doch einen Intelligenzquotienten hat wie ein mittelalterlicher Jude - nein, das war nicht anti-semitisch, höchstens deshalb eine Beleidigung des armen Shylock, weil man niemandem die Schmack antuen sollte, mit Sarrazin verglichen zu werden.

Aber ich habe mich verlaufen. Fast wie unsere Vorfahren, die eigentlich Vorgänger gewesen sind, als sie von Afrika nach Europa wanderten, als hätte es damals, als Fred und Frida Feuerstein in ihren Neandertalerhöhlen hausten, dieses Europa schon gegeben. Der weiße Stier mit der entführten Europa schwamm doch erst viel später übers Meer. Ich habe mich verlaufen, weil ich in meinem Trübsinnieren fortfahren wollte darüber, was für dummes Zeug kluge Leute daherreden können. Bei Alexander Kluge macht das insofern noch trübsinniger, als zu vermuten steht, dass er sein dummes Zeug nicht trotz, sondern gerade wegen der Klugheit daherredet. Jedes Einfällchen wird im Mund des Meisters zu einer Geistesgabe, und die Originalität, diese schlampige Feindin des Denkens, tatscht alles mit den Fingern an, ganz ohne Begriff.

Gleichwohl, ich mag und hänge an Kluges Büchern (und zwar besonders an denen, die er nicht mit Oskar Negt geschrieben hat) und will mir das Mögen und Hängen auch von ihrem Verfasser nicht nehmen und verderben lassen.

18. März: Alexander Kluge

"Kinder, wie die Zeit vergeht", sagen Eltern gern - und Ältere, die keine Kinder haben, auch. Ich gehöre als Sputnikschockjahrgänger leidergottseidank nicht mehr direkt zu den Alllerjüngsten, und es kommt mir vor, als stürzte ich durch einen Schacht in die Zukunft hinein und links und rechts raste die Vergangenheit in den Augenwinkeln vorbei. (Mir ist bewusst, dass in der konventionellen Metaporik die Vergangenheit 'unten' und die Zukunft 'oben' ist. Warum eigentlich? Weil die Zukunft immer so himmlisch erscheint? Wenn in meinem Schachtvergleich die Zukunft 'unten' ist meine ich damit allerdings nicht, dass 'früher alles besser war'.)

Manchmal tritt mir beim Schachtsturz etwas aus den Winkeln näher vors Auge. Das ist gerade mit Alexander Kluge der Fall, veranlasst durch ein Anfang April stattfindendes, wie soll ich sagen: Tagungshappening im Haus der Kulturen der Welt, bei dem ein vierhundertminütiger Film von Kluge gezeigt wird über "Die Geschichte des Menschen. Von 70.000 Jahren v. Chr. bis heute." So etwas bringt nur jemand mit einem alexandrischen Selbstbewusstsein fertig (ich weiß, ich weiß: "never make jokes with names", wie Eltern und Ältere gern sagen).

Wie kommt Kluge auf die 70.000 Jahre? Mit der rührenden Präzision "v. Chr.". Vielleicht verfilmt Kluge in 400 Minuten 70.000 Jahre, weil er ihnen auf die Spur kam. Wenn ich mich recht erinnere, falls hier 'erinnern' der richtige Ausdruck ist, hinterließ vor 70.000 Jahren ("v. Chr.") ein Homo (sapiens und Hetero, sonst wäre man unvermehrt geblieben und uns Nachgeborenen der ganze Schlamassel mit der Menschheitsgeschichte), hinterließ also ein Menschenkind (wie die Zeit vergeht) in der afrikanischen Steppe eine Fußspur, die dann versteinerte, weshalb man ihr in den 70er Jahren (wenn ich mich recht erinnere) auf dieselbe kommen konnte. Da schau an, staunte man, die Leute haben schon vor 70.000 Jahren ("v. Chr.") den aufrechten Gang geprobt - wo er uns doch immer noch schwer fällt.

Jedenfalls? Also jedenfalls hat mich Kluges Film, den ich mir vierhundert Minuten lang ansehen werde, veranlasst, seine, also Kluges kluge Bücher (ich weiß: never make jokes etc.) aus dem Regal zu ziehen, die ich seit 1979ff gelesen und angeschafft habe, von Öffentlichkeit und Erfahrung (zusammen mit Oskar Negt) von 1972 über Neue Geschichten von 1977 (oh 'Deutscher Herbst', oh 'bleierne Zeit') und Geschichte und Eigensinn (wieder mit Negt) von 1981 bis zur zweibändigen Chronik der Gefühle (Bd.1 Basisgeschichten, Bd.2 Lebensläufe) von 2000. Dass ich die Chronik der Gefühle seinerzeit für den Tagesspiegel besprochen habe, hatte ich vollkommen vergessen. Meine Lektürekarte erinnert mich daran, und gleich werde ich ins Dachstübchen meiner Vergangenheit steigen und nachlesen, was ich in meiner Rezension geschrieben habe. (Früher, als alles schlechter war, also ungeführ zu Sputnikzeiten, befand sich dort oben unterm Dach, wo heute mein Archiv ist, eine Waschküche mit Schamottkessel, und nebenan der Trockenboden.)

Zu Öffentlichkeit und Erfahrung lese ich, notiert im Juni 1981, auf meiner Karteikarte: "Lektüre einzelner Kapitel + Passagen auf einer Schülerforumstagung in Kirchähr, auf der sich die Diskussionen etwas schwierig gestalteten." Wo liegt denn Kirchähr? Und was hatte ich 1981 auf einer Schülerforumstagung zu suchen, da studierte ich doch schon? Alles vergessen, nur Nichtblicke in den Augenwinkeln des Gedächtnisses. Aber dann geht es los auf der Karte mit lauter Sachen (will sagen Büchern), an die ich mich genau erinnern kann: "Besonders wichtig die Herstellung des Kontextes zu Strukturwandel der Öffentlichkeit" von Habermas, "und den Weiterentwicklungen des Bürger-Kreises" (Peter und Christa Bürger, ich weiß: Ladies first, bei der Lady habe ich damals in Frankfurt im Seminar gesessen), besonders wichtig also "die Herstellung des Kontextes" zu Habermas und den Bürgers. "Außerdem unter einem weiteren Aspekt (vgl. Verdinglichung und Bewußtsein des Proletariats von Georg Lukács): das Verhältnis der in sich Widerspruchslosigkeit anstrebenden gesellschaftlichen Teilbereiche zur Irrationalität und Planlosigkeit der Gesamtgesellschaft. Dies auf der Ebene Sprache, Öffentlichkeit, Medien und Reflexion der Einschätzungen Adornos (Kulturindustrie) und Brechts (Dreigroschenprozeß); natürlich Marx!"

Welch glückliche Inbrunst!

Dabei habe ich mich damals hauptsächlich unglücklich gefühlt. Mal abwarten, wie ich mich in Zukunft heute gefühlt haben werde. Und wie sich alles in allem anfühlt, wenn man aufschlägt auf dem Grund des Schachts. Kinder, wie die Zeit vergangen ist.

11. März: Hoffmanns Elexiere

So gern ich die ersten hundert Seiten gelesen habe (Eintrag vom 27.2.) fand ich im Fortgang die Familienschuldgeschichte abstrus und nervtötend. Auch ging mir die Inflation der Schreckensadjektive mehr und mehr auf die Nerven. Ebenso das Heiliggetue, das der Autor selbst nicht glaubt, all dies aufgepumpte Frommsein und das Aufdampfen der himmlischen Liebe aus der Gegend im Schritt. Des Teufels Elexiere verlieren sich im Lauf der Geschichte und werden dann nur mit Mühe noch einmal ins Geschehen gebracht. Die Doppelgängermotivik wirkt nicht aus der Geschichte heraus, sondern irgendwie implantiert. Der närrische Friseur ist eine hübsche Figur, aber dass er am Schluss von seiner Narrheit überwältigt vom Autor als Laienbruder ins Kloster geschickt wird, ist doch zu arg.

27. Februar: Weitere Teufeleien mit Hoffmann und Green

Mit größtem Vergnügen lese ich von E.T.A. Hoffmann Die Elexiere des Teufels, die ich, im Unterschied zu den meisten anderen Hoffmann-Sachen, noch nicht kenne. Dieses ganze schauerliche Mönchs- und Klosterzeug amüsiert mich sehr, nicht wegen der Motive, die in diesem Genre üblich waren und auch von Hoffmann bedient werden, sondern wegen des unglaublichen 'drives' der Sprache. Hinreißend.

Außerdem habe ich Julien Green besucht, will sagen: seine Bücher in meinem Regal. Ich habe in den 80ern und 90ern viel von ihm gelesen und mochte ihn sehr, seine Tagebücher dagegen überhaupt nicht. Der letzte veröffentlichte Band erschien 1999, und meine letzte Green-Karte stammt von Februar 2000 und bezieht sich auf diesen Band: "Teilweise ein bißchen eklig", lese ich da. Danach habe ich nichts mehr von ihm gelesen. Aber nun gönne ich mir eine Reminiszenz und freue mich sehr darauf: Wenn ich du wäre, auf Französisch erstmals 1947 und mit erweitertem Schluss 1970 erschienen, auf Deutsch 1999, aus welchem Jahr auch meine dazu gehörige Lesekarte datiert. "Motiv Seelenwanderung: Ein junger Mann (selbstverständlich mit den üblichen Green'schen Glaubenszweifeln) bekommt vom Teufel (Monsieur Brittomart) mittels einer Zauberformel die Gabe, in die Körper und Seelen anderer Menschen einzudringen und sie zu okkupieren, solange er Lust hat. Fabien wird zuerst sein Chef; dann ein physisch starker, sehr primitiver Bursche, mit dessen Händen er eine Frau erwürgt; dann ein armer und schüchterner Übersetzer und Theologe; dann ein frisch verheirateter, sehr gut aussehender junger Mann. Das Glück findet er nicht, und so kommt er am Ende in seinen eigenen Leib zurück, der in einem Krankenbett liegt. Alles ist so gehalten, dass es auch nicht passiert, sondern bloß fieberphantasiert sein könnte. Gut und spannend geschrieben, die großartige Idee wird klar ausgeführt. Sehr stark, wie immer bei Green, die optischen Momente: Pflastersteine im Regen, Dachziegel im Sonnenlicht. Obwohl sein Repertoire begrenzt ist, die jeweiligen Bilder tauchen in vielen seiner Romane auf."

Das Nachschreiben meiner eigenen Notizen hat nun soviel Vorfreude geweckt, dass ich mich geradezu ängstlich an die Wiederlektüre mache aus Angst, enttäuscht zu werden.

17. Februar: Bulgakow

Das herrliche Teufelszeug Der Meister und Margarita habe ich zum erstenmal im März 1981 gelesen, also vor sage und und schreibe 33 Jahren. Das ist fast eine Dekade länger her als mein junges Leben damals alt war. Ich merke gerade, dass ich aus Versehen eine Mathe-Aufgabe formuliert habe: wie alt bin ich heute?

Ach, wenn ich das wüßte.

Jedenfalls habe ich den Roman nun mit viel Vergnügen wiedergelesen. Es gibt den Varietéteufel Woland, den Nebenteufel Behemoth in fetter Katergestalt, den stoßzähnigen Mann fürs Grobe, Azazello, und den Nebenteufel Korowjew mit seinem gesprungenen Monokel, der in der Neuübersetzung von Alexander Nitzberg (Galiani Verlag 2012) wienert.

Sehr gefallen hat mir auch wieder der Roman im Roman um den römischen Statthalter Pilatus; und wieder nicht gefallen hat mir die Geschichte um den Meister (der Verfasser des Pilatus-Romans) und Margarita. Ich glaube Bulgakow alles ab, jede Teufelei, sei sie nun von Woland et al. begangen oder von einem der Leute, die auch nur Menschen, mithin gierig und egoistisch sind - das alles glaube ich Bulgakow, nur die Liebe zwischen dem "Meister" und Margarita nicht. Bei dieser Geschichte verwandelt sich der Wolf, der Bulgakow literarisch sein wollte, in eine Großmutter, die gern mal eine Träne in den Strickkorb tropfen lässt.

16. Januar: Walker Percy

Für ein Radioessay "Teufelskerle", das ich für den NDR zu schreiben habe, zog ich Walker Percys Liebe in Ruinen aus dem Regal, in dem ein dubioser Pseudogeheimagent dem Ich-Erzähler dessen "Lapsometer" (ein Apparat zur Gehirndiagnose und Verhaltensänderung) per Vertrag abschwatzt. Auf meiner Lektürekarte ist nach der Erstlektüre im Juli 2004 vermerkt: "Der metaphysisch trinkende Doktor, gewitzt zwischen Weisheit und Clownerei schwankend; seine drei Damen; der 'Mephistopheles' Art Immelman; die verschiedenen Parteiungen und Rassen und Klassen in der Kleinstadt 'Paradise'; des Doktors Lapsometer; sein Weltrettungsplan; der Kollaps. Der Doktor erzählt selbst, und das tut er mit einem verständnisvollen Sarkasmus, der oft die grotesken Züge des normalen amerikanischen Lebens hervortreten lässt. Die Seitenhiebe auf die Studentenbewegung", die Originalausgabe des Romans erschien 1971, "und die Black-Bewegungen könnten dazu führen, den Autor für 'reaktionär' zu halten, was er meinetwegen sein mag oder auch nicht. Literarisch jedenfalls spricht der 'Heilige Narr', der Doktor - und was davon Autor-Echo ist, interessiert mich literarisch nicht. Es geht auch nicht darum, ob der Doktor 'Recht' hat. Der Roman schwimmt in einer Art Weihwasserbecken aus Ironie." Bei meiner Wiederlektüre hat mich die anfängliche Wiederbegeisterung nach 150 Seiten verlassen.

Percy ist ein amerikanischer Schriftsteller, aber eben ein katholischer. Was weitere Bücher von Percy betrifft notierte ich im Februar 2000 über Der Kinogeher von 1961: "Kompakter, großer Roman. Ohne 'Herumgemache', ohne strukturelle Überkompliziertheit. Viel Kierkegaard. Ein Amerikaner kann wahrscheinlich gar nicht 'richtig' katholisch sein, wenn man darunter das Barocke versteht. Liebe und Verzweiflung sind die Hauptthemen, der Glaube hängt dazwischen, die Hoffnung wird nur noch aus müder Gewohnheit aufrecht erhalten."

Über Der Idiot des Südens im September 2004: "Dostojewski-Bezug im Titel nur auf Deutsch (Übersetzung von Peter Handke), der Originaltitel von 1966: The Last Gentleman. Der kranke Techniker (Gedächtnisverluste, Ohnmachten, Halbtaubheit), der heilige Narr, der die Menschen 'erkennt', selbst in Bedrängnis geraten kann, doch im Innersten stets unverletzt, unangetastet bleibt. Die Liebe zu Kitty: der sterbende Junge Jamie, dessen Bruder Sutter, der trinkende, nihilistische Arzt, Karikatur einer der Dostojewski'schen Stavrogin-Gestalten; die zum Katholizismus konvertierte Schwester Jamies; Val, die Nonne. Und Rita. Und der Familienchef, der reiche Geschäftsmann. Der Psychiater. Der selbstgefärbte Neger. Metaphysisches, religiös-sarkastisches Road-Movie. Warum leben wir? Wir leben nicht für ein 'warum', wir leben nicht, um diese Frage zu beantworten - was wäre denn, wenn wir sie beantwortet hätten? Ich mochte diesmal den sarkastischen Ton nicht, der manchmal zu stark durchschlug, von außen kam, vom Verfasser, ein Strippenzieher-Sarkasmus, was ästhetisch immer minderwertig ist. Am besten haben mir sowieso die ersten Seiten gefallen, die Sache mit dem Fernrohr, das heimliche Beobachten Ritas und Kittys durch Barrett."

Über Die Wiederkehr im November 2005: "Will Barrett trifft Kittys Tochter, die aus der Psychiatrie geflohen ist. Er fällt ihre ins Treibhaus. Die Liebe der 'Verrückten'. Barrett ist ein erfolgreicher, aber schon 'außer Dienst' lebender Anwalt, der gewisse Anfälle hat, er fällt hin und er fällt in die Vergangenheit zurück (er entdeckt, dass sein Vater ihn töten wollte vor seinem ersten Selbstmordversuch). Er ist ein Sinn- und Gottsucher. Als Figur finde ich ihn psychologisch nicht stimmig. Trotzdem ein 'nachhaltiges' Buch mit Echo, auch wenn ich es eigentlich nicht mag und im übrigen diesen apokalyptischen Katholizismus aus der Zeit des Kalten Krieges für ein historisch erledigtes Thema halte. Der Schluss ist halboffen, bleibt kurz vor dem 'fulfillment' des Happy Ends auf ganzer Linie stecken und bricht ab." Außerdem wird ein bißchen zu viel Golf gespielt. Kitty finde ich psychologisch ebenfalls nicht überzeugend figuriert. Trotzdem hat das Buch" - das ist eine Wiederholung, ich weiß, aber ich schreibe nur treu meine Karteikarten ab - "hat das Buch einen starken impact, und die Sache mit der Hölle und dem Sturz ins Treibhaus ist heftig und intensiv."

Dann gibt es noch den Essayband Ach, Sie sind katholisch?, den ich parallel zum Kinogeher gelesen, aus dem ich aber nur Zitate herausgeschrieben habe.

8. Januar 2014: Carl von Linné: Nemesis Divina

Das erste in meine Bibliothek aufgenommene Buch des Jahres ist die kuriose Sammlung von Fallbeispielen über Gottes Gerechtigkeit von dem schwedischen Botaniker Carl von Linné. Das Buch war mir ein Begriff, obwohl ich es noch nicht in Händen hatte, durch einen Aufsatz von Wolf Lepenies, der auch diesem Band vorangestellt ist, den ich aber kannte in einer etwas erweiterten Fassung aus Lepenies' Aufsatzsammlung Autoren und Wissenschaftler im 18. Jahrhundert. Die Nemesis lag in einer Remittentenkiste mit als "Mängelexemplar" abgestempelten Taschenbüchern des Diogenes Verlages, lauter Krimis und dazwischen einsam und verlassen die Nemesis, von den Büchertischwühlern wohl ebenfalls als Krimi verkannt. Ich erlöste sie mit vier Euro und bot Asyl in meiner Bibliothek, obwohl ich wegen Platzmangels eigentlich Ankaufverbot habe.

Nacht des 8./9. Dezember 2013: Hermann Broch (Für Erich)

Im Gespräch mit einem alten Freund, der mich gerade technisch auf den neuesten Stand gebracht hat, kam die Rede auf Broch und seinen Roman Der Tod des Vergil. "Ich habe den Roman nie gelesen", sagte ich zu meinem Freund, "besitze aber ein altes Exemplar aus der Suhrkamp Taschenbuchreihe" - was nicht stimmt, wie ich bei einer Regalrevue zu Hause feststellen musste. Immerhin besitze ich die Schlafwandler-Trilogie. Die drei Bände der Trilogie habe ich im Dezember 82, Januar 83 gelesen, unter dem Einfluss meines Freundes, dessen (des Einflusses, nicht des Freundes) ich mich seinerzeit zu erwehren suchte. Wenn man sich gegen eine Beeinflussung wehren will, sollte man das Beeinflussende kennen, dachte ich damals. Dass man bei dieser Methode, sich gegen das Beeinflussende zu wehren, womöglich ganz schön beeinflusst wird, ist mir damals nicht aufgefallen.

Im Dezember 82 las ich Pasenow oder die Romantik und schrieb auf meine Lektürekarte: "Der 'erzählerischste' Teil der Trilogie. Die Rolle der Ironie: Sehr gut zu sehen an einer Liebesszene zwischen Pasenow und Ruzena. Dem Pasenow außerdem konfrontiert seine spätere Frau Elisabeth, sein Vater und Bertrand, auf den im zweiten Teil der Trilogie dann der Esch trifft. Pasenow braucht eine zweite Haut, um nicht den Halt zu verlieren: die Uniform (am Ehrbegriff wird sehr deutlich die Fragwürdigkeit der Wertvorstellungen). Der Roman 'spielt' 1888."

Zu Esch oder die Anarchie, ebenfalls im Dezember 82 gelesen: "Die Form des inneren Monologs. Zeit: 1903. Pasenow wird nur einmal namentlich erwähnt, Bertrand ist mehr Nebelfigur [nicht Neben-, Nebel-! oder habe ich mich damals - wie schade - doch verschrieben?]. Zentrum ist dieser eigentümlich zwiespältige Esch (Triebhaftigkeit, Orientierungslosigkeit, Sentimentalität, gewisse erstaunlich feststehende Prinzipien). Nicht minder seltsam die Wirtin, die später seine Frau werden wird. Die Auswanderung nach Amerika ist motivisch sehr wichtig, wird immer wieder variiert und taucht als wehmütiger Nachklang auch in Huguenau wieder auf."

Zu Hugueneau oder die Sachlichkeit, gelesen im Januar 82: "Dritter Teil der Trilogie. Montiert aus Lyrik, Prosastücken (auf verschiedenen Ebenen, an verschiedenenen Orten) und Abschnitten eines Essays über den Wertezerfall."

Knapp zwei Jahre vorher, im Februar 1980, hatte ich, ebenfalls unter dem Einfluss des genannten Freundes, von Broch gelesen Die vier Reden des Studienrats Zacharias: "Ein Mathematiklehrer, dessen politisches und philosophisches Gedankengut aus vergangenen Jahrhunderten stammt, sich nichts desto trotz auf wunderlichste Weise mit seiner Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei verquickt, hält vier Reden, die vom Austrinken von vier Flaschen Wein begleitet werden. Die Geschichte spielt nach der deutschen Novemberrevolution und beginnt mit giftigen Bemerkungen gegen die Sozialdemokratie und die Bolschewiki. Die Reden Zacharias' und die eingestreuten Bemerkungen Brochs sind erst zu verstehen, wenn genaue Kenntnisse über den historischen Kontext, auch über deutsche Philosophie (Nietzsche?) vorhanden sind" - bei mir, ist damit gemeint.

Ach, der 56 Jahre alte Schriftsteller ist ganz gerührt über den 23jährigen jungen Mann, der erst noch einer werden wollte. Und dieser hinreißend naive selbsterzieherische Zeigefinger statt des Stinkefingers des alternden Intellektuellen, der (Finger und Intellektueller) schon überall hingegriffen hat!

Auf meinem Schreibtisch liegt Die Verzauberung von Hermann Broch. Dieses Buch habe ich im Unterschied zum Tod des Vergil tatsächlich in meiner Bibliothek gefunden. Dazu gibt es keine Karte, ich habe es nicht gelesen. Das hole ich nun nach, bevor ich den alten Pegasus vor meine Tastenkutsche spanne, um an meinem Buch über die Goethezeit weiter zu schreiben.

6. Dezember: Emmanuel Bove (1898-1945)

Letzte Woche gelesen den 1999 posthum veröffentlichten Roman Colette Salmand und den frühen Roman (1925) Armand. Zu Colette Salman habe ich notiert: "Colette und ihre Liebe zu dem sehr jungen, im ersten Weltkrieg am Kopf verletzten Jacques. Einschnürend, in die Ausweglosigkeit gebannt. Die Liebe Colettes ist 'gesetzt', nicht motiviert. Der Schluss ein Happy End, weil er keines ist. Aber Colette befreit sich von ihrer Liebe. Ein 'echtes' Happy End, also ein Liebesende, wäre literarisch sehr viel schwieriger zu machen gewesen als diese Lösung. So kommt Bove mit einem Trick aus dem Text. Mit großem Vergnügen gelesen zur Erholung vom Goethe-Zeit Buch." Zu Armand: "Wieder beeindruckt. Der 'Zug' der Lektüre - dabei werden lauter für sich banale Geschehnisse erzählt (aus Armands Perspektive in Ich-Form). Am Schluss wird er von seiner älteren Geliebten Jeanne fortgeschickt. Aus ihrer Wohnung verbannt, kehrt er ins Elend zurück. Die Geschichte beginnt mit der Begegnung mit einem armen Freund aus seinen Elendstagen, Lucien, dessen Schwester er küßt, was zum Zerwürfnis mit Jeanne führt. Das Erstaunliche ist die formidable Trostlosigkeit des Textes."

Den ersten 'Bove-Schub' hatte ich im Oktober 1998 mit Die Falle und Flucht in der Nacht. Auf meiner Lektürekarte zu Die Falle steht: "Ein junger Maler und Journalist namens Bridet, der sich nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht zu de Gaulle durchschlagen will, führt nach Vichy, um sich über alte Freunde, die kollaborieren (oder nur so tun?) Papiere zu besorgen. Er ist frei, etwas zu tun, kann aber nicht wissen, was er tut, weil es ihm unmöglich ist, die politischen, administrativen und persönlichen Verhältnisse zu durchschauen. Er wird einfach im Getriebe hin- und hergeschoben, hat Angst, demütigt sich, begehrt wieder auf, schwankt zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Alles bleibt undurchdringlich, auch für den Leser. Diese Undurchdringlichkeit ist nicht abgründig, wie bei Kafka, sondern ziemlich banal, eine Art kleinkarierter Undurchdringlichkeit. Deshalb ist Bove näher an der Wirklichkeit als Kafka, der genau genommen Märchen und Parabeln geschrieben hat. Zum Schluss gerät Bridet in ein Internierungslager, wird als Geisel ausgewählt und erschossen." Auf meiner Karte zu Flucht in der Nacht steht: "Flucht aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager über Brüssel nach Paris, das am Ende des Romans als erreichbares Ziel in Aussicht gestellt wird. Wie in der Falle die problematische Beziehung des Erzählers (hier ein Ich-Erzähler) zu den Mitmenschen, hier seine ebenfalls gefangenen Kameraden. Die Labyrinthe des Vertrauens; Mißtrauen, Mißverständnisse und Angst vor Mißverständnissen; permanent gefährdete Kommunikation. Was aus der Ich-Perspektive präsentiert (quasi dokumentiert) wird ist eine Hermeneutik der Panik. Die dauernde Suche nach Fallen, die Scham über diese Suche. Er opfert sich, fühlt sich nicht gewürdigt, beim Ausbruch tötet er zwei deutsche Wachsoldaten, er geht ein höheres Risiko als die Kameraden ein, gefährdet aber auch die Kameraden, denen er andererseits die Flucht ermöglicht hat. Während Falle die Verzweiflung im Geflecht der Institutionen und Bürokratien in Lyon, Vichy und Paris zum Thema hat, geht es hier um die Verzweiflung unter ganz uninstitutionell zueinander in Beziehung gesetzten Menschen."

Den zweiten 'Bove-Schub' hatte ich 2010. Im Juli las ich Schuld: "Ganz deutlich und im franz. Orig. schon im Titel Un Raskolnikoff annonciert der Bezug auf Dostojewskis Schuld und Sühne. Was Dostojewski in episch-dramatischer Form aufbaut, bringt Bove in seiner Variation als eine kleine Reihe kammerspielhafter Szenen. Das Absurde gewinnt dabei mehr Gewicht. Bei Dostojewski ist die Verzweiflung gewissermaßen noch sinnvoll, bei Bove ist sie völlig ohne Bezug. So kann auch dem Mädchen (wie Sonja bei Raskolnikoff eine 'heilige Hure') keine rettende, erlösende Rolle mehr zugeschrieben werden. Am Ende des kleinen Textes (50 Normseiten, wenn man die Druckseiten umrechnet) blickt sie dem ins Leere laufenden Protagonisten hinterher und geht dann 'traurig' allein zurück in dessen Hotel. Im Figurenaufbau stellt Bove ebenfalls einige der Grundsituationen von Schuld und Sühne nach. Der vernehmende Kommissar z.B. oder statt Marmeladow bei Dostojewski der 'kleine Herr' mit seiner seltsamen Beichte." Im Oktober 2010 las ich Aftalion, Alexandre: "Eigenartige Erzählung, Lebenslauf oder Lebensbild - auf seltsame Weise disparat (was nicht kritisch gemeint ist) gestaltet."

21. November: Sterne (anläßlich des 300. Geburtstages am 24.11.)

Aus meiner Lektürekartei der Eintrag zum Tristram Shandy (Vorsicht Sterne-Afficionados, nicht erschrecken): "Ein Roman der Romane in formaler Hinsicht, siehe Viktor Sklovskij über den Tristram; karnevalistische Züge, indem er 'hoch' neben 'niedrig' stellt; der sexuelle Humor, das Zotige; das Schrullige, nicht nur der Figuren, sondern auch des Buches selbst. Es ist aber auch eine Nervensäge, hat etwas Kleinkariertes, etwas aufgezwungen Kleinkariertes, was mit der 'objektiven gesellschaftlichen Lage' Sternes als Landgeistlicher zu tun hat. Dieser Stubenhumor, der halb zwischen Gelehrsamkeit und Infantilität hängt und immer etwas Putziges hat. Es ist ein Buch für Büchermenschen. Ich habe mich amüsiert, gemocht habe ich es nicht wirklich."

19. November: Doris Lessing

Anläßlich des Todes von Doris Lessing ziehe ich ihr Das goldene Notizbuch aus dem Regal. Ich muss es 1980 oder 81 gekauft haben, während meines Grundstudiums in Frankfurt am Main. Gelesen habe ich es nicht, nicht ganz jedenfalls, nur einige Passagen. Mir war damals Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss lieber, wenn 'lieber' der richtige Ausdruck ist. In meinem Exemplar vom Noitzbuch finde ich einen Zeitungsausschnitt mit einem Interview mit ihr von 2007, als sie gerade den Nobelpreis bekommen hatte. Darin spricht Lessing über die These, dass die menschliche Gattung ursprünglich weiblich gewesen sei: "Was für eine Vorstellung! Was spielte sich ab, als die Männer plötzlich auftauchten?" Wahrscheinlich kamen sie aus dem Meer wie die ersten Reptilien. Aber weiter: "Gab es keine Probleme? Die Frauen als eingeschworene Gemeinschaft, nicht gefährdet, nicht herausgefordert, in gutem Klima, mit genug Essen - und dann plötzlich kommen Männer! Wenn das wahr wäre, würde es vieles erklären." Dafür liebte man, pardon: frau sie damals: Die eingeschworene Gemeinschaft der Frauen ohne Zickenkrieg (um es im heutigen Alphamädchendeutsch auszudrücken) und Stutenbiss (um es im gestrigen Machodeutsch auszudrücken), alles von warmer Schwesterlichkeit umhüllt wie ein strickender Aufsichtsrat mit hundertprozentiger Frauenquote. Nicht, dass ich was gegen das Stricken hätte, schon eher gegen Aufsichtsräte. Aber das gehört nicht hierher. Ich höre auf mit dem Anfangssatz des Goldenen Notizbuchs, der heute jeden Lektor, pardon: jede Lektorin zum sofortigen Abbruch der Lektüre bringen würde: "Die Form dieses Romans sieht folgendermaßen aus:"

1. November: Marx

Schwerer Rückfall in die Zeit meiner Marx-Lektüre Anfang der 80er Jahre. Die Nadel ist schuld. In dem Reiseführer in die Goethezeit, an dem ich gerade schreibe, führe ich meine imaginären Leserinnen und Leser auch in städtische Werkstätten und Fabriken, zum Beispiel nach Krefeld in die Textilfabriken der van der Leyens (die noch amtierende Arbeitsministerin entstammt einer traditionsreichen, ja, wie soll man sagen, mit Marx vielleicht: Ausbeuterfamilie?) oder in die Nadelfabriken von Aachen, Iserlohn und Nürnberg. Und dazu fiel mir Marx ein, zwölftes Kapitel des Kapital: "Teilung der Arbeit und Manufaktur". Ich bewundere Marx als Schriftsteller (siehe auch Abschnitt 9 der Pudelkerne im Dekameron für Leserinnen): "Betrachtet man die Werkstatt als einen Gesamtmechanismus, so befindet sich das Rohmaterial gleichzeitig in allen seinen Produktionsphasen auf einmal. Mit einem Teil seiner instrumentenbewaffneten Hände zieht der aus den Detailarbeitern kombinierte Gesamtarbeiter den Draht, während er gleichzeitig mit andren Händen und Werkzeugen ihn streckt, mit andren schneidet, spitzt etc. Aus einem zeitlichen Nacheinander sind die verschiednen Stufenprozesse in ein räumliches Nebeneinander verwandelt. [...] die Manufaktur findet nicht nur die [handwerksmäßigen] Bedingungen der Kooperation vor, sondern schafft sie teilweise erst durch die Zerlegung der handwerksmäßigen Tätigkeit. Andererseits erreicht sie diese gesellschaftliche Organisation des Arbeitsprozesses nur durch Festschmieden desselben Arbeiters an dasselbe Detail."

Ich hatte als Arbeiterkind den unglaublichen Dussel, während meines gesamten Berufslebens bis zum heutigen Tag nie an dasselbe Detail festgeschmiedet zu sein, mit Ausnahme vorübergehender Fließbandjobs während meiner Studentenjahre (siehe auch die Kolumne über den Mindestlohn in sarrazo). Aber Schluss damit. Obleich nicht festgeschmiedet, muss ich als Zeitreisekutscher doch zusehen, wie ich mein Buch fertig fuhrwerke. Deshalb muss ich das von Marx schnell wieder zuschlagen.

17. Oktober: Büchner

Heute vor dreihundert Jahren wurde Georg Büchner geboren. Ich habe den Hessischen Landboten nach Jahrzehnten wiedergelesen. Die erste Lektüre war 1977, als wir ihn im Deutschunterricht 'durchgenommen' haben. Davon erzähle ich in meinem Buch Das Bildungsprivileg von 2008. Ein Selbstzitat daraus soll meine Verbeugung vor Büchner sein:

"Wir liebten Büchner, der so schrecklich wenig älter gewesen war als wir selbst, als ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm. Lenz, Dantons Tod, Der Hessische Landbote. 'Friede den Hütten! Krieg den Palästen!' Es gab Narren, die das nachts mit roter Farbe an die Schulmauer pinselten, ergänzt durch ein schwarzes Emblem mit gekreuzten Kalaschnikows und den drei Buchstaben R, A und F, die damals so unzertrennlich von B, R und D zu sein schienen. Aber auch die Kapriolen in Leonce und Lena genossen wir. In dieser melancholischen Komödie kalauert der respektlose Valerio mit seinem Freund und Herrn, dem Prinz Leonce, bei Wein und Braten herum."

Dabei sagt Valerio auch den Satz, den ich viele Jahre später als Motto dem Bildungsprivileg vorangestellt habe: "O Himmel, man kömmt leichter zu seiner Erzeugung als zu seiner Erziehung."

Weiter in meinem Text: "Ich war in der dreizehnten Klasse und zwanzig, als ich das im Frühjahr 1977 las. Büchner hatte nur ein Jahr mehr, als er im Februar 1834 schrieb: 'Der Hass ist so gut erlaubt als die Liebe, und ich hege ihn in vollstem Maße gegen die, welche verachten. Es ist deren eine große Zahl, die im Besitze einer lächerlichen Äußerlichkeit, die man Bildung, oder eines toten Krams, den man Gelehrsamkeit heißt, die große Masse ihrer Brüder ihrem verachtenden Egoismus opfern.' Inzwischen [also 2008] bin ich fünfzig, ungefähr doppelt so alt, wie Büchner überhaupt werden durfte, und bewundere ihn immer noch, seine Kraft, seinen aggressiven Idealismus und seine Verzweiflung."

21. August: Chamissos Schlemihl

Auf meiner Lektürekarte, angelegt im Februar 2013, lese ich: "Eigenartiger Text. Auf der Ausdrucksebene hat er mir gefallen, als Gebilde jedoch nicht. Das mit dem Schatten ist willkürlich, ein Sinnbild für irgendetwas, das allen Menschen wichtig ist. Wenn dem aber so wäre, ist nicht überzeugend, dass Schlemihl den Schatten ohne zu zögern gegen das Goldsäckel verkauft. Die Siebenmeilenstiefel-Geschichte ist angepappt und hat keinen inneren Zusammenhang mit der Schattengeschichte. Sie ist übrigens nur wenige Seiten lang. Faszinierend allerdings das Reisen und Forschen - der Text ist ja vor der Weltumseglung entstanden, von Mai bis Oktober 1813 in Kunersdorf im Oderbruch, erschienen 1814 in Nürnberg. Die Weltreise beginnt im August 1815 in Kopenhagen."

7. August: West-östlicher Divan

Vor einigen Tagen habe ich mir Goethes Divan als E-Book angeschaut und versucht, es 'herunterzuladen'. Armer Goethe, wie sind wir heruntergekommen, was? Und heute kommt eine dieser Automaten-Mails von Amazon und fragt: "Wieviel Sterne würden Sie West-östlicher Divan geben?"

5. August: Reineke Fuchs und Hermann und Dorothea

Weil ich Reminiszenzen nur schwer widerstehen kann, beginne ich das Journal mit einem Rückfall ins Karteikartenzitieren wie im Bücher!Tagebuch. Auslöser ist meine Lektüre von Goethes Hermann und Dorothea am Wochenende.

Im Oktober 1982 (ich war gerade von Frankfurt am Main in die Soldinerstraße im Wedding gezogen) legte ich ein Karte zu Goethes Reineke Fuchs an: "Epos in Hexametern. Macht viel Spaß beim Lesen, weil man tanzend durch die abenteuerliche Welt des Epos schreitet. Es beginnt: >Pfingsten das liebliche Fest war gekommen ...< Der Fuchs ist ein Baron, der mit List und Tücke sich seinen verloren gegangenen Einfluss bei Hofe zurück erobert. Ein schwacher König, der sich ziemlich mit Verbalitäten und repräsentativem Auftreten begnügt und die Zwiste unter den Mächtigen seines Landes nicht schlichten kann, und sich auch vom Fuchs an der Nase herumführen lässt und ihn, nachdem der im Zweikampf den Wolf besiegt hat, sogar zum Kanzler macht etc. Die Bezeichnung Epos für all das missfällt mir. Das Ganze ist eine Allegorie, und es ist an deren Bewertung von Hegel zu erinnern. Das, was das Ding im Innersten zusammenhält ist noch immer nur der scheele Blick auf die Moral von der Geschicht. Die einzelnen Episoden sind willkürlich in sich und in ihrer Verbindung untereinander, es gibt eigentlich keine innere Dynamik. Die Spannung, die sich beim Lesen bisweilen einstellt, resultiert aus einer oberflächlichen Neugier: wie wird es weitergehen. Ist das Ganze schon bekannt fällt dieses Spannungsmoment natürlich weg, und will man sich nicht bei der abgeschmackten Moralität aufhalten, bleibt als Genuss der Tanzschritt der Sprache, der allerdings wirklich wunderschön ist, und vor allem völlig unangestrengt wirkt, so, als könnte überhaupt nicht anders gesprochen werden. Es wäre interessant, Reineke mit Hermann und Dorothea zu vergleichen, epenfalls ein Epos in Hexametern, 1797, das von Hegel außerordentlich hoch geschätzt wurde."

Nach über 30 Jahren bin ich nun zu diesem Vergleich in der Lage. Aber erst schaue ich mal, was Hegel darüber gesagt hat, das habe ich nämlich vergessen.

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