20. März 2010 bis 29. Juni 2013
Bücher!Tagebuch
Archiv (20. März 2010 bis 29. Juni 2013)
Im Unterschied zu den anderen Rubriken des fackel kopf, deren Beiträge entworfen, geschrieben, ausgedruckt, redigiert und dann erst eingestellt werden, habe ich hier direkt in die Maske notiert. Was bedeutet das für die persona des Autors?
Larvatus prodeo ...
Samstag, 29. Juni: Goethe, Die Wahlverwandtschaften
Hätte mir nicht zugetraut, dass Goethe, dessen Faust ich verfallen bin (nur dem ersten Teil), aber dessen andere Sachen ich eher wenig mag, dass also Goethe mich dermaßen hinreißen kann. Der Roman ist abgezirkelt, präzise und, jedenfalls in der ersten Hälfte, von äußerster (erzählerischer) Ökonomie und innigster (symbolischer) Dichte. Er ist wie eine Versuchsanordnung, eine trotz der Getragenheit des Stils die Nerven spannende Versuchsanordnung. Geschrieben bevor das epische Erzählen in Gestalt des realistischen oder naturalistischen Romans sich ausbreitete, wirkt er in Format und Anordnung, als habe er dieses epische Erzählen hinter sich gelassen. Statt Psychologie herrscht Weisheit, statt Einfühlung wohltuende Kälte, statt Sentimentalität die Vernunft der Darstellung bei aller Unvernunft der Dargestellten. In der zweiten Hälfte wirkt das eine oder andere Motiv bloß pflichtbewußt motiviert, bloß so hereingeschubst. Überhaupt sind die ersten Kapitel der zweiten Hälfte in ihrer mit der Handlung nur flüchtig verbundenen Gedankenaustauscherei zwischen den Figuren die schwächsten, wie ein Füllstoff, bis wieder das Geschehen das Erzählen übernimmt. Die Passagen aus Ottiliens "Tagebuch", die diesen Kapiteln angeklebt sind, gehören auch zu diesem Füllstoff, ebenso die eingeschobene Novelle der "Wunderlichen Nachbarskinder", so hübsch sie für sich genommen auch ist.
Ich habe den Roman März/April 1977 zum erstenmal gelesen, das geht aus einer Notiz in meiner Ausgabe hervor. Die Lektüre erfolgte damals hauptsächlich wegen eines Aufsatzes von Walter Benjamin über den Roman. Später muss es noch einmal eine Lektüre oder einen Lektüreversuch gegeben haben. Allerdings habe ich in meiner Lektürekartei merkwürdigerweise keinen Beleg dafür gefunden. So lege ich also jetzt, 36 Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Roman, die Karte darüber an. Auch an so etwas merkt man, dass man alt geworden ist - viel älter z.B. als die Romanfiguren, die einem bei der Erstlektüre, als man selbst noch jünger war als sie, so alt vorkamen.
Dienstag, 21. Mai: Jim Morrison
Doors-Jimmy war ein bedeutender Lyriker, "yeah". Ich habe eine Ausgabe der Songtexte aller sechs Studio-LPs (LP, was für ein romantisches Wort aus längst versunkenen - und versungenen - Tagen), ich habe also ein Büchlein mit Doorstexten aus dem Regal gezogen, und während ich dies schreibe, läuft im Hintergrund auf Youtube When the music's over. Das Lied, oh pardon: der Song dauert etwas über zehn Minuten und besteht hauptsächlich aus der Aufforderung, das Licht auszumachen, wenn die Musik vorbei ist. Das Geniale dabei ist, dass es so genial ist: "When the music's over/ Turn out the lights/ Yeah, yeah". Meine Textausgabe bietet unter dem Originaltext die deutsche Übersetzung: "wenn die Musik zu Ende ist,/ lösche die Lichter". Großartig! Auf Deutsch werden bei den Doors die Lichter nicht einfach ausgemacht, sondern lyrisch hochwertig "gelöscht". Sehr lustig, besonders wenn man sich daran erinnert, wie das Lied, oh pardon: der Song aufhört: "fuck you in the ass, baby!" Bestimmt wurden da vorher auch die Lichter "gelöscht".
Gerade fällt mir ein, daran habe ich zu Beginn dieser Notiz gar nicht gedacht, das ich mit einem anderen Doors-Titel mal was zu tun hatte, und zwar ohne mein Zutun. Nach dem Erscheinen meines ersten Romans Desaster rückte mir ein Fernsehjournalist auf die Schreibbude. Er bat mich darum, eine LP aufzulegen (der Roman erschien 2002, und damals hatte ich noch einen Plattenspieler). Ich schwenkte also den Arm über den Plattenteller und legte das Hebelchen um, und während sich die Nadel in die erste Rille senkte, meinte der Fernsehmann: "Fernsehen ist ja kein authentisches Medium." Auf dem Plattenteller lag ein Gregorianischer Song, pardon: Choral, was schlechtmöglichst zu meinem Desaster passte, das in der ersten Hälfte des Jahres 2000 spielt. Im Fernsehen sah ich dann, wie ich im Leben (Das Leben ist auch kein authentisches Medium) einen Gregorianischen Choral aufgelegt hatte und hörte dazu aus dem Fernseher "This is the end". Und das war dann auch wirklich das Ende, "beautiful friend".
Sonntag, 28. April: Globalgeschichte
Von Robert B. Marks Die Ursprünge der modernen Welt. Eine globale Weltgeschichte. Inspirierend, aber mit seinen markigen - ich weiß: never make joke with names - mit seinen markigen Thesen etwas überzogen. Außerdem wird das Sentenzenhafte bei ihm öfter zur Selbstparodie. Weitere Produktmängel: Unbeholfene Übersetzung, schlechtes (oder gar nicht vorgenommenes) Lektorat und schlechtes (oder gar nicht vorgenommenes) Korrekturlesen.
Sonntag, 21. April: Die Schlange von Sorokin
Mitte der 80er Jahre erschien in einem französischen Verlag auf russisch Vladimir Sorokins Roman Die Schlange. Auf Deutsch kam das Buch 1990 heraus, und weil ich - neben meiner Zeitreiseberichterstattung aus der Goethezeit - für Le Monde diplomatique gerade an einem Artikel übers Schlangestehen schreibe, habe ich das Buch aus meinem Russenregal gezogen. Es ist ein turbulentes Stück, das eigentlich gesprochen werden müsste. Das Layout hat mich an die Geriatrische Komödie des wunderbaren (und bis zum Selbstmord tieftraurigen) englischen Schriftstellers B.S. Johnson erinnert, der mit solchen Formen schon in den frühen 70ern experimentiert hat.
Sonst weiter mit Goethezeitzeugenliteratur. Außerdem viel Globalgeschichte, denn mein Goethezeitbuch wird nicht nur von Weimar handeln, sondern auch von Deutschland und der Welt. Meine globalgeschichtliche Lektüre wuchert an ältere >welt-< bzw. >universalgeschichtliche< Lektüren an. Die Weltbögen über die Zeiten haben mich schon immer fasziniert.
Donnerstag, 4. April: E.T.A. Hoffmann
Eine Zeitreise in eine vergangene Epoche kann sich mitunter in eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit verwandeln. Ich reise in deutsche Städte um 1800, ins Provinzkaff Weimar und in die preußische Hauptstadt Berlin. Eine Passage in Helmut Königs Buch über "Die Masse im bürgerlichen Zeitalter" (Haupttitel: Zivilisation und Leidenschaften) erinnert mich an Hoffmanns Erzählung Des Vetters Eckfenster, enthalten in Band vier meiner Hoffmann-Ausgabe. Diese Ausgabe ist die erste Werkausgabe, die ich in meinem Leben gekauft habe, 1980, im zweiten Semester. Auf meiner Karteikarte vom Februar 1980 steht: "Hübsche kleine Erzählung; gelesen in Zusammenhang mit der Lektüre Über einige Motive bei Baudelaire von Benjamin, wo in Absatz 7 auf sie verwiesen wird." Im Buch selbst finde ich ein mit roter Tinte (wie konnte ich nur je mit roter Tinte schreiben?) geschriebenes Zettelchen, datiert mit 28.2.1980: "Voll kindischer Freude über die in meiner Insel-Ausgabe enthaltene Erzählung Des Vetters Eckfenster, auch welche der hervorragend-tolle Benjamin verweist, umseitiges Klamauk-Geverse:
Geliebter Etah!
Alle Zeit
bleibt Dir ein Platz bei mir geweiht.
Vier grüne Bände, wunderbar.
Ich drücke sie an meine Brust,
das ist des Büchermolches Lust.
Prust, äh, Prost."
Und jetzt verlasse ich den Schreibtisch, lege mich aufs Sofa und lese Des Vetters Eckfenster, bevor ich weitermache mit Recherchen über deutsche Städte um 1800.
Sonntag, 17. März: Jean Paul, Schiller
Mit dem Hesperus beschäftigt. Außerdem das gerade erschienene Jean Paul Abecedarium von Bernhard Setzwein. Eine hübsche Idee, die auch geglückt verwirklicht ist, jedenfalls im Aufbau des Buches. Nicht aber im Ton: ältlicher Humor, philisterhaftes Rumgeschmunzel und Originalität simulierende Allerweltsmeinerei zu sogenannten aktuellen Themen - das alles vorgetragen in einem unerträglichen Plauderton mit eingestreuten "nun jas", "justs", "alsos", "sichers", "freilichs" und "nämlichs". Schade. Setzwein kennt sich aus mit Jean Paul und dessen Texten. Deshalb überfliege ich das Buch bis zur letzten Seite. Ich würde es lieber lesen mit Freude, würde die Onkelei sie mir nicht verderben.
Scanne Alts Schiller zu Ende. Es ist so ein gescheites Buch, ein Einserschülerbuch. Es sagt immer alles artig und richtig auf, was zu den jeweiligen Lebensabschnitten Schillers und zu seiner jeweiligen Produktion gewusst werden kann. Ach, und wie froh bin ich, wenn ich's endlich, endlich hinter mir habe.
Sonntag, 10. März: Schiller, Jean Paul
Pflüge die beiden Bände der großen (1400 Seiten) Schillerbiographie von Peter-André Alt. Es ist insofern ein gutes Buch, als sich viel aus ihm erlesen lässt, jedoch insofern ein schlechtes, dass es jedes interesselose Wohlgefallen erstickt wie nur irgendein Bürokratenkonvolut. In langen Reihen marschieren die Substantive über die >Themenfelder< - wie Soldaten, die bei Manövern ihre >Evolutionen< entfalten.
Ich tröste mich mit Jean-Paulinischen Schrulligkeiten und erfreue mein Literatenherz mit seiner Selberlebensbeschreibung und der Konjektural-Biographie, dieser Was-wäre-wenn-Vita, auf die ich anläßlich des 250. Geburtstages von Jean Paul am 21. März in der Konjunktivkolumne zurück kommen werde.
Donnerstag, 21. Februar 2013: Jean Paul
Einwände gegen Jean Paul würden derzeit seltsam wirken, und zwar nicht wegen seines 250sten Geburtstages, sondern wegen der Gemütslage der bildungsbürgerlichen Leserschaft, die es als kulturelle Rest- und Randgruppe immer noch gibt. In den 70er und 80er Jahren galt Jean Paul als schnurriger Kauz, der sich mit viel intellektuellem Erzählaufwand in Geistesidyllen einspann, um so den politischen und sozialen Verhältnissen im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zu entkommen. Oder, um es ganz kurz zu sagen, er galt als Eskapist. Ein Griff in meine Karteikiste, die Leute, die immer nur die gerade aktuelle Gegenwart der Rede wert halten, ruhig als Mottenkiste ansehen mögen, ein Griff in meine Kiste fördert eine Karte zu Jean Pauls Dr. Katzenbergers Badereise zutage, auf der ich notiert habe: "Mit Interesse gelesen. Jean Paul dürfte allerdings nicht gerade mein Autor sein: ein niedlicher Grotesker und umständlicher Unterhalter, der plaudert und plaudert, aber nicht berührt. Eigentlich ist er überhaupt kein >Dichter<, sondern ein Bibliothekar und Feuilletonist." Das war im Juni 1989. Möglich, dass ich damals was nicht verstanden habe. Heute würde ich das nicht mehr so schreiben. Es ist aber auch möglich, dass ich das damals ganz genau verstanden habe, so genau, wie ich es heute, da ich meinen eigenen eskapistischen Neigungen keinen Widerstand mehr entgegensetze, gar nicht mehr wissen will. Im Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz, das ich gerade gelesen habe, wird gleich zu Anfang eine Idylle im Elternhaus geschildert in Form einer "aus dem unabsehlichen Gewölbe des Universums herausgeschnittenen", in der die Eltern in "ihrer Stube so beschirmet waren, so warm, so satt, so wohl ..."
Da mag manchem ganz allgemein menschlich das Herz aufgehen, aber dieses "so warm, so satt, so wohl" hat doch auch etwas Einschnürendes, Herzbedrückendes.
Andererseits: Im Elternhaus des Wutz war der Hunger nicht fremd, und bei leerem Bauch bedeutet dieses "so satt" dann doch wieder etwas anderes als bei leerem Kopf.
Samstag, 5. Januar 2013
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die Eintragungen dieses Bücher!Tagebuches vom Beginn im März 2010 bis zum Dezember 2012 in eine Archiv-Rubrik auszulinken und am 1. Januar 2013 neu zu starten mit einem täglichen Zitat aus Schriftstellertagebüchern, auf das dann gegebenenfalls eigene Einträge folgen sollten. Aber ich schaffe das nicht. Außerdem werde ich die nächsten Monate kaum zum eigentlichen Lesen kommen. Mit >eigentlichem< Lesen meine ich intrinsisches Lesen, also Lesen als Selbstzweck, zum Vergnügen, zum ästhetischen Genuss, jedenfalls nicht als Mittel und nicht mit einem Ziel. Da ich aber ein Ziel habe - und da ich Schriftsteller bin, ist dieses Ziel ein Buch - werde ich viel lesen müssendürfen, um dieses Buch schreiben dürfenzumüssen (13.11.2012). Also nix mit >intrinsisch<. Würde ich jedoch anfangen, hier über >professionelle< Lektüre zu schreiben, würden die Einträge allmählich so lang und zahlreich werden, dass die >professionelle< Lektüre genauso allmählich zu kurz käme, bis ich allmählich nichts mehr zu schreiben hätte und wieder mehr Zeit zum >professionellen< Lesen, was wiederum dazu führte, dass ich so viel übers >professionelle< Lesen schreiben müsste, dass ich erneut zu wenig zum >professionellen< Lesen käme - und so weiter. Kurzum: Da ich über meine >professionelle< Lektüre nicht (oder nur in Ausnahmefällen) schreiben mag, und da ich fürs >intrinsische< Lesen die nächsten Monate keine Zeit habe, wird es hier für eine Weile kaum noch Einträge geben.
Dienstag, 11. Dezember: Cioran
Ich amüsiere mich wieder mal mit einem Griff in die Karteikiste: Cioran. Bei der Überarbeitung eines Aufsatzes über "Dramen des Verzeihens" für ein Buch bin ich auf eine Bemerkung von E. M. Cioran gestoßen, die ich sehr schlimm und leider sehr wahr finde: "Wer nimmt heute Nebukadnezar noch etwas übel?" Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis es sich erübrigt, beispielsweise Adolf Hitler etwas übel zu nehmen? Ich verdanke meine teilweise schon länger zurückliegende Cioran-Lektüre der Ermunterung und Anfeuerung eines alten Freundes. Folgende Karten mit folgenden Bemerkungen habe ich aus der Kiste gefischt. Auf den Gipfeln der Verzweiflung, gelesen Juni 1989: "Auch wenn es oft anders scheint: in Wahrheit schreitet er doch immer nur seinen eigenen inneren Kreis ab." Valéry und seine Idole (aus Über das reaktionäre Denken), September 1992: "Schönes kleines Stückchen, von dem mir der Anfang besser gefällt als der irgendwie verdrehte Schluss." Das ganze Über das reaktionäre Denken habe ich erst im November 1998 gelesen: "Ausgezeichnetes, sehr klares Stück über die Faszination de Maistre", einen Klassiker des katholischen reaktionären Denkens. Es gibt Dinge, zitiert ihn Cioran, "die man zerstört, wenn man sie zeigt". Jede Ordnung, die dauern will, sagt de Maistre, ist auf eine "gewisse Dunkelheit" angewiesen. Er hat vollkommen Recht. Damals notierte ich: "Wegen solcher Aufschlüsse schätze ich die klugen Schriftsteller der Rechten; in ihrem Eifer plaudern sie alles aus. Schon deshalb ist in bestimmten Abständen Feindkontakt nötig." Meine Güte, wie kampfbereit ich vor zwanzig Jahren noch war. Der zersplitterte Fluch, Juli 2006: "Sein letztes Werk, glaube ich. Vollendet." Gedankendämmerung, Karte ebenfalls vom Juli 2006: "Vieles sehr schäumend, die aufbrüllenden Metaphernwellen, das Groß- und Kleintun, ein Zickenkampf zwischen zwei Langweilern: Gott und dem Autor. Manches auch unreif, die Geste oft unwichtiger als das Gesagte. Ich hab's auf dem Klo gelesen, und es war lustig." Gevierteilt, August 2006: "Mörder oder Ermordeter (Motto für Vergelten!)" Tatsächlich habe ich das entsprechende Zitat dann meinem 2007 erschienenen Roman Die Vergeltung vorangestellt.
Und jetzt muss ich die Nebukadnezar-Stelle suchen.
Montag, 3. Dezember 2012: Smollett
Weiter mit Humphry Clinker (8.11.), besonders amüsant sind die Briefe von Mr. Bramble. Ich bekomme direkt Lust, einen Berlinreiseführer in seinem Stil zu schreiben, einen Berlinführer also, der den Stil der üblichen Anpreiseführer mit vergnügtem Sarkasmus ins Gegengteil verkehrt. Aber ich muss mich um eine andere Reise kümmern, um eine Zeitreise in die Goethe-Zeit. Dafür lese ich mehr, als ich hier aufschreiben kann. Für Sperenzien, die doch der wahre Sinn des Lebens und Lesens sind, bleibt kaum noch Zeit.
Dienstag, 20. November: Mercier
Die Auswahl aus Louis-Sébastian Merciers Tableau de Paris (10.9.) zu Ende gelesen. Ich mochte es nicht. Merciers Gedankengänge sind sprunghaft und folgen einer Kapriolenlogik. Besonders archivarische Geister und philologische Köpfe finden seine Luftsprünge heute immer noch spaßig. Vielleicht, weil sie sonst nichts zu lachen haben? Es gibt jedoch auch Passagen, die mir gefallen, etwa in seiner Charakterisierung Voltaires:
"Selten beredt, außer in seinen schönen Tragödien, ist er ansonsten steril, wenn er über Moral spricht, und ziemlich engstirnig, wenn er Politik behandelt. Es ist eine Alltagsphilosophie, mit der er sich dekoriert, aber er hat sie sehr gut aufgeputzt."
Jetzt noch eine köstliche Stelle über die Frau, bzw. über das, was die Männer von den Frauen wollen (nein, nicht immer >nur das eine<):
"Der Mann fürchtet in der Frau immer irgendeine Überlegenheit: Er will, dass sie nicht mehr als die Hälfte seines Wesens sei. Er schätzt die Bescheidenheit der Frau oder sagen wir es besser, ihre Unterwürfigkeit, als die schönste aller ihrer Eigenschaften. Und da die Frau mehr natürlichen Esprit hat als der Mann, liebt dieser es gar nicht, diese Fähigkeit zu sehen, diese Verstandesschärfe. Er fürchtet, sie könne alle seiner Laster und Fehler durchschauen."
Donnerstag, 15. November: Smollett
Für meine Unterwegerei habe ich zur Reiselektüre aus dem Regal gezogen Tobias Smollett: Humphry Clinkens Reise. Schöner Manesse-Band, den man trotz seiner 719 Seiten auch mal in der Tasche der Anzugsjacke verschwinden lassen kann. Gekauft habe ich das Buch im Oktober 1996! Wie lange die Leute mitunter warten müssen, bis der Leser sie aus dem Regal herauszieht und in die Realität - wie soll man sagen: hineinliest.
Dienstag, 13. November: Goethezeit
Nun stürze ich mich erneut ins 18. Jahrhundert und in die ersten Jahre des 19ten (26.10.). Was ich da lesen darf (und muss), werde ich hier nicht alles notieren können. Aber das eine und andere Notätchen wird es schon dazu geben.
Samstag, 3. November: Gogol
Diesmal hat mir Nabokovs Gogol (2.11.) ausnehmend nicht gefallen, besonders nicht im Ton mit seinem metaphorischen Aufplustern und seiner Großsprecherei. In der Sache hat er mit seiner Verhöhnung der >Rezeption< Gogols als realistischer Schriftsteller im Kampf gegen Bürokratie (Revisor) und Leibeigenschaft (Die toten Seelen) jedoch recht.
Freitag, 2. November 2012: Gogol
Ich konnte nicht widerstehen und habe jetzt doch den Gogol von Nabokov aus dem Regal gezogen. Zum erstenmal habe ich es im August 1993 gelesen und notiert: "Mit viel Vergnügen gelesen. Weil ich gerade mit der Gabe beschäftigt bin." Nabokovs Roman Die Gabe war damals im Rahmen der Werkausgabe gerade neu erschienen, und ich hatte das Buch für die Woche zu besprechen. In Nabokov war ich mal ganz vernarrt, d.h. natürlich: in seine Bücher. Inzwischen ist meine Begeisterung abgekühlt und ähnelt mehr dem Respekt. Was Nabokovs eigenes Verhältnis zu seinem Gogol angeht, so hat er sich darüber zwei Jahrzehnte nach dessen Abfassung 1942 recht unfreundlich und lustlos geäußert.
Sonntag, 28. Oktober: Gogol
Mit größtem Vergnügen Tote Seelen zu Ende gelesen, den ersten Teil. Den zweiten Teil hat Gogol verbrannt, überliefert sind nur Vorfassungen und Entwürfe, die mich aber jetzt nicht interessieren, d.h.: interessieren tun sie mich schon, aber es fehlt mir die Muse dafür, und so werde ich nur noch ein wenig in seinen Briefen herumlesen.
Freitag, 26. Oktober: Diderot und so
Bringe seine Briefe an Sophie Volland (16.9., 19.8.) zu Ende. Werde mich wegen eines Buchvorhabens wieder aufs deutsche 18. Jahrhundert konzentrieren, genauer genommen auf die Goethe-Zeit (Gogol ist die Ausnahme, aber ob ich mir nach den Toten Seelen auch noch die Wiederlektüre von Nabokovs Gogol-Buch gestatte, ist fraglich). Jedenfalls werde ich mir eine Perücke aufsetzen, mich an die Rockschöße des Weimarer Geheimrats heften und gucken, was die Leute um ihn herum so treiben. Vielleicht fragen die mich dann: "Guckst du, bin ich Kupferstich?" Den Witz versteht keiner? Selber schuld.
Donnerstag, 11. Oktober: Gontscharow, Gogol
Schwere Not (8. Oktober) gelesen, mit einem körperlich zwar schon dicken, literarisch aber doch eher mageren Vorläufer von Oblomow. Die Nympodora werde ich jetzt nicht lesen, sondern mich gleich auf Die toten Seelen stürzen.
Montag, 8. Oktober: Gontscharow
Ich stelle den Oblomow ins Regal neben eine ältere Übersetzung des Romans und bemerke dabei zwei Erzählungen in Ausgaben der Friedenauer Presse. Die hatte ich ganz vergessen. Man ist doch immer wieder angenehm überrascht, wer sich alles so bei einem einnistet: Die schwere Not, erschienen 1991, und Nymphodora Ivanovna, erschienen 2000, beide ungelesen. Das ändere ich jetzt.
Als "Unterwegsroman" lese ich Gogol: Die toten Seelen, in der Übersetzung von Vera Bischitzky.
Samstag, 6. Oktober: Oblomow
Fertig. Schön war's. Nun bin ich in Seufzerstimmung wie früher als junger Leser nach dem Auslesen eines großen Romans. Dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr, alter Haudegen, der ich bin, oder soll ich schreiben: Haufeder? Übrigens: Haufedern könnte man ihn schon auch, diesen Roman mit seinen in ihre Unwandelbarkeit hineingesperrten Figuren. Das gilt ja nicht nur für Oblo, sondern ebenso für seinen Freund Stolz bei all seinem unabänderlichen Tätigtun die ganze Zeit; es gilt auch für die Nebenfiguren, bis hinunter zum Kettenhund, der nur aus Altersschwäche nicht mehr aus der Hütte kommt und sich die Seele aus dem Leib bellt. Wie, Hunde haben Seele? In Russland schon. Übrigens ist eigentlich Oblomow die einzige Figur des Romans, die sich doch ändert, wenn auch nur vorübergehend.
Vielleicht sollte ich jetzt noch Gogols Tote Seelen wiederlesen und es dann einstweilen gut sein lassen mit der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts? Zumal ich mich die nächste Zeit weiter um's deutsche 18. Jahrhundert zu kümmern habe. Und parallel um ein frisch gelegtes Ei. Aber Schluss mit meiner schriftstellerischen Bekenntnislust, hier soll doch, wie oft muss ich es mir noch einschärfen, bloß der Leser schreiben.
Freitag, 5. Oktober 2012: Oblomow
Dritter Teil, elftes Kapitel: Olga trennt sich von Obolomow. Herzzerreißend. Meine Augen wurden feucht, was mir schon lange nicht mehr passiert ist. Wer wird denn flennen beim Lesen? Als Gegengewicht will ich mal gleich an eine Stelle aus den Briefen Diderots denken, die mich heute vormittag sehr empört hat. Ich war schon dabei, sie hierher zu schreiben, als mich der Herbst und die Pflicht (und noch jemand) in den Garten rief, Blätter fegen, Kaminholz holen, Grünschleim aus dem Teich fischen, Gartenstühle im Schuppen einwintern. Jetzt rasen draußen die Wolken übers Himmelsgemüt, und die Kiefern an der einen und die Birken an der anderen Seite des Grundstücks spielen zusammen Meeresrauschen.
Sonntag, 16. September: Diderot, Oblo
Weiter mit Diderots Briefen an Sophie (19.8.) und mit Oblomow (29.8.). Der Oblo und sein Diwan und mein Sofa spielen in der ersten der Kolumnen eine Rolle, die ich ab Oktober zehn Monate lang für das swr Radiomagazin LiteraturEN schreibe. Was den Diderot betrifft, mein Lesemantel heißt so, das heißt, eigentlich heißt so der Lesemantel von Balzac, nicht vom Honoré, sondern von einer nach dem Honoré benannten Figur meines Romans Sieben Leben. Der Roman ist unveröffentlicht, und so hat auch Jojo nie das Licht der Bücherwelt erblickt, neben der forschen Marie und dem glücklos glücklichen Ich-Erzähler Felix die gehörlose Heldin der Geschichte. Aber ich muss mich ermahnen: das Bücher!Tagebuch handelt von dem, was andere veröffentlicht haben, nicht von dem, was ich nicht veröffentlicht habe.
Montag, 10. September: Beach & Company, Mercier
Sylvia Beachs Erinnerungen an ihre Pariser Buchhandlung Shakespeare & Company (22.8.) zu Ende gelesen. Amüsant, plapperig, stricklieselhaft, legendenstricklieselhaft.
Beginne mit einer Auswahl aus Louis-Sébastian Merciers Tableau de Paris, die gerade bei Wallstein erschienen ist.
Sonntag, 2. September 2012: Milosz
Sein ABC zu Ende gelesen (11.8.). Manches hat mir gefallen, manches lieber nicht, und ob ich es insgesamt mochte konnte ich irgendwie auch nicht entscheiden. Bis zur Seite 141. Die fehlt nämlich. In meiner Ausgabe ist es zu einem Bindungsfehler gekommen. Es fehlen die Seiten 141 bis 160, und die Seiten 121 bis 140 sind doppelt. An meiner Enttäuschung, als ich auf Seite 141 weiterlesen wollte und nicht konnte, merkte ich, dass ich das ABC doch mehr mochte als nicht mochte.
Mittwoch, 29. August: Hobsbawm, Oblomow
Sein Buch über den Marxismus (21.8.) zu Ende gelesen, Hobsbawms natürlich. Oblomow hätte nie und nimmer über den Marxismus schreiben können, auch wenn zu seiner Zeit das Kommunistische Manifest schon erschienen war. Aber für so etwas war er viel zu bequem. Er wäre nicht vom Diwan aufgestanden, selbst wenn er geahnt hätte, was auf seinesgleichen in der Oktoberrevolution zukommen würde. Um Missverständnisse zu vermeiden ein Bekenntnis: (Mindestens) zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Menschlich und psychologisch bin ich auf Seiten Oblomows, geschichtlich und politisch aber auf Seiten der Revolution, auch wenn es die Oktoberrevolution war - tut mir leid.
Zu Iwan Gontscharows Roman finde ich zwei Karteikarten. Die erste von Januar 1984 mit dem Vermerk: "noch nicht gelesen, aber Aug./Sept. '82 im Radio gehört". Daran kann ich mich gut erinnern. Es war während meiner ersten beiden Monate in Berlin. In meiner einfachen Wohnung (aber mit IT - nicht Internet, Innentoilette!) in der Soldiner Straße im Wedding hörte ich jeden Morgen eine Fortsetzung des Romans. Dass die Karte erst von Januar 1984 datiert, hat mit Wolf Lepenies' Melancholie und Gesellschaft zu tun, das ich damals las, und in dem es Passagen über den Oblomow gibt.
Die zweite Karteikarte stammt vom Oktober 1989 und enthält nur Stellenverweise, abgesehen von der interessanten Notiz: "wie mit dem Verlauf des Romans die Zeit dynamisiert wird - immer größer werden die Abstände."
Manchmal werden im Leben selbst die Abstände immer größer. Dreißig Jahre, ich fasse es nicht, nach meiner Küchenanhörung begegne ich Iwan Gontscharows Oblomow erneut und lese ihn nun in der Neuübersetzung von Vera Bischitzky. Die Übersetzerin selbst hat den letzten Anstoß gegeben durch einen charmanten Vortrag über die schöne Schwierigkeit, Oblomows Reisebegleiterin zu sein beim Übersetzen vom Diwan ins Deutsche.
Ich bin schon einmal um die Neuübersetzung herum geschlichen (31.5.), habe mich aber beherrscht, weil auch der Schrifti nicht vom Buch allein lebt, sondern seine Brötchen verdienen muss, besonders wenn er kleine backt. Aber jetzt! Jetzt reiße ich dem schönen Hanser-Band den dämlichen Umschlag vom Leib, der einen gähnenden älteren Herrn zeigt, gemalt von Adolph von Menzel. Das Gemälde stammt zwar von 1859, also dem Jahr, in dem Oblomow erschienen ist, aber es präsentiert einen Herrn im Eisenbahncoupé. Im Eisenbahncoupé! Ilja Iljitsch Oblomow in der Eisenbahn! Nicht auszudenken. Wo er doch seinen Diwan nur im äußersten Notfall verlässt. Außerdem ist Oblo "ein Mann von zweiunddreißig, dreiunddreißig Jahren", wie es schon im zweiten Absatz des Romans heißt. Und die >Hansers< illustrieren mit einem alten Knaben. Also weg mit dem Umschlag und alles wird gut. Die Sonne scheint aufs Sofa, ich lege mich mit dem Roman in der Hand zu Oblomow auf den Diwan und bin glücklich.
Mittwoch, 22. August: Monnier, Beach
Monnier (14.8.) beiseite gelegt, alles gelesen, was mich interessiert. In Beachs Buch über Shakespeare & Company lese ich noch ein bisschen herum.
Dienstag, 21. August: Hobsbawm
In meiner Bibliothek gibt es, abgesehen von dem neuen Titel, fünf Bücher von Hobsbawm. In meiner Lesekartei sind aber nur vier Karten, weil ich Nationen und Nationalismus nicht gelesen habe. Zuerst gelesen habe ich seine "Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts" Das Zeitalter der Extreme. Es hat mich fasziniert, aber mein Karteikarteneintrag vom Juni 1996 ist mager: "Kapitel natürlich unterschiedlich gelungen; eher schwach das Kunst-Kapitel des 1. Teils." Im März 1999 habe ich das im Jahr zuvor auf Deutsch erschienene Wieviel Geschichte braucht die Zukunft gelesen. Auf meiner Karte sind nur Stellenhinweise vermerkt. Im September 2003 las ich Gefährliche Zeiten, seine Autobiographie: "Teilweise schlecht geschrieben (Klammerninflation), vermutlich diktiert; jedenfalls ein >glänzender Stilist< ist Hobsbawm nicht." Notiert auch ein >schönes< Zitat aus dem Buch: "Man sollte sich in einer Welt wie der unsrigen nicht wohl fühlen." Ebenfalls im September 2003 gelesen Das Gesicht des 21. Jahrhunderts. Ein Gespräch mit Antonio Polito. Auch auf dieser Lesekarte nur Stellenvermerke.
Das neue Buch über Marx (20.8.) ist eine Zusammenstellung älterer Aufsätze.
Montag, 20. August: Hobsbawm
Beginne mit Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus von Eric Hobsbawm, das ich für den Tagesspiegel zu besprechen habe. Wieder einer dieser grassierenden Wie-Titel (siehe Wiediotie in der Rubrik Babel & Co). Der Fairness halber muss aber hinzugefügt werden, dass der Titel diesmal korrekt vom Original übernommen ist: How to Change the World. Vom Umschlag schaut mir ausgerechnet die Che-Ikone entgegen, über die ich die letzte "Mail an einen Unbekannten" geschrieben habe (Hi Hitler vom 10.8.12). Der Betreff heißt "Hitlerwein". Es geht trotzdem um Che. Und so.
Sonntag, 19. August: Montesquieu, Diderot
Perserbriefe beendet (24.7.). Nun Diderots Briefe an Sophie Volland.
Dienstag, 14. August: Sennett, Rinck, Beach, Monnier
Sennett (7.8.) ausgelesen. Rinck (18.7.) abgebrochen. Nehme nebenher Sylvia Beach und Adrienne Monnier wieder auf (zu beiden 14.3.)
Samstag, 11. August: Milosz, Fifty Blues, Lowry
Nebenher im ABC von Milosz (den polnischen Strich durchs l kriege ich auf dem Computer nicht hin). Der Eintrag "Akademiker" beginnt so: "Alle Menschen sind nackt - so sahen die vage erotischen Träume in meiner Kindheit aus." Wie aufregend. Nicht wegen der vagen erotischen Träume, sondern weil ich gespannt bin, wie er von denen zu den Akademikern kommt: "Solche Träume sind weit verbreitet, und von ihnen geht der Impuls für die Sekten der Adamiker aus ..." Wie schade. Der Eintrag heißt gar nicht "Akademiker", sondern "Adamiker". Freud'sche Fehllesung. Müssen ich und mein Es uns Sorgen machen, dass ich und mein Ubewe lieber etwas über angezogene Akademiker als über nackige Adamiker lesen wollten? (Für Freudfremdler: Ubewe = Ubw = Unbewusstes.)
Schade, dass mir das Ubewe gerade jetzt erst eingefallen ist. Es hätte hübsch zu Emilio Schmitz-Goddoni gepasst, und statt Selbstgespräche zu führen hätte er ein wenig mit Ubewe plaudern können. Emilio Schmitz-Goddoni, wer soll das schon wieder sein? Das ist ein Psychoanalytiker mit Praxis am Würmsee, vulgo Starnberger See, und die Analytikerpraxis am Würmsee steht in meinem Roman Fifty Blues.
Merkwürdigerweise fällt mir zu Ubewe Ukulele ein. Die hielt Malcolm Lowry gern im Arm, Autor von Unter dem Vulkan. Ich habe fast alles von ihm gelesen, bin aber von meiner Lektürekartei gerade zu weit entfernt, um nähere lesebiographische Auskünfte geben zu können.
Ukulelen halten es aus, von Lowry im Arm gehalten zu werden. Häschen nicht. Es gibt die Anekdote, dass Lowry, ein schwerer Trinker, während eines Gesprächs ein Häschen im Arm gehalten und gestreichelt hat. Auf einmal ließ das Häschen den Kopf hängen. Lowry hatte ihm beim Streicheln das Genick gebrochen. Ohne es zu bemerken. Ob das Ubewe im Fall Lowry eher eine Ukulele oder ein Häschen ist, möchte ich nicht entscheiden. Aber die halsbrecherische Szene kommt in der "Litanei der Trinker" vor, die in dem Kapitel "Nachtwachen mit Ungeheuer" vorkommt, das in meinem Roman Sieben Leben vorkommt. Der ist jedoch unveröffentlicht.
Ich verplaudere mich. Dabei muss ich Sennett lesen.
Mittwoch, 8. August: Buch der Sprüche
Nach dem Kohelet und dem Hohenlied (3./4.7.) nun auch das Buch der Sprüche Salomos gelesen. Dort finden sich Pudelkerne (siehe Dekameron für Leserinnen, IV. Abteilung) in Serie: "Hochmut kommt vor dem Fall" und so. Aber hauptsächlich steht dummes Zeug drin. Mit einer derartigen Bemerkung blamiert man sich natürlich. König Salomo! Und Schrifti Bruno behauptet, es stehe dummes Zeug drin. Damit ich nicht für dümmer gehalten werde als ich bin: Das >dumme Zeug< vom Salomo war zu seiner Zeit die reinste Weisheit, wenn auch nicht die reinste Wahrheit. Es handelt sich um eine Sammlung von Regeln, übrigens kompiliert aus verschiedenen Quellen und deshalb redundant: Der Ratschlag, die Söhne zu züchtigen (und das ist nicht symbolisch gemeint, sondern mit der Peitsche), damit man als Vater seine Freude an ihnen habe, findet sich ein halbes Dutzend mal; die Warnung, nicht für andere zu bürgen, ebenfalls; dito die Warnung vor der Frau des Nachbarn und überhaupt vor der fremden Frau. Es handelt sich um Regeln für eine agrarische Stammesgesellschaft, für eine Stammesgesellschaft aus Ackerbauern und Viehzüchtern, die noch damit beschäftigt waren, das Recht des Stärkeren einzuhegen und alle Stammesmitglieder bindende (und verbindende) Gesetze zu schaffen, deren Garant der König sein sollte. Alles an salomonischer >Weisheit< muss in diesem Zusammenhang verstanden werden. Für Menschen, die sich nicht mehr im urväterlichen Gewaltstadium einer vorstaatlichen Clangesellschaft befinden, sind diese Lehren nur noch von historischem (oder ästhetischem) Interesse, aufgefasst als Lebensweisheit aber >dummes Zeug<. Wobei, zugegeben, die >Dummheit< nicht die Salomos ist, sondern diejenige seiner (theologischen) Kolporteure, die aus Hirten- und Bauernsprüchen einen Heiligen Text machen, gültig über die Zeiten. Dabei kann er für uns nicht mehr sein als Weisheit aus dem Stall: "Ein schönes Weib ohne Zucht ist wie eine Sau mit einem goldenen Ring durch die Nase."
Dienstag, 7. August: Sennett
Ich beginne mit der Lektüre der Fahnen des neuesten Buches von Richard Sennett, Zusammenarbeit, das ich für den Tagesspiegel bespreche. Meinen >ersten Sennett< habe ich 1994 gelesen, zwanzig Jahre nach dem Erscheinen: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Identität. Im Dezember 2003 folgte die Lektüre von Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, im April 2004 Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Auf meiner Lesekarte dazu steht: "Wie gewohnt von R. S. rafft und vereinfacht er soziologische Forschung und bringt sie in gefällig plaudernde Form, deren geistiger Makel ihr Impressionismus ist, die Dominanz des Anekdotischen. Trotzdem anregend." Das ist wenig nett, aber ich fürchte, ich kann das nicht zurück nehmen - höchstens freundlicher formulieren. Im Juni 2005 las ich Die Kultur des neuen Kapitalismus. Auf meiner Lesekarte ist vermerkt, dass ich es damals für die Frankfurter Rundschau besprochen habe. Hatte ich ganz vergessen. Ich lebte damals mit einem Literaturstipendium in Baden-Baden und spielte an einem Text herum, aus dem dann mein Roman Die letzte Zigarette geworden ist. Aber ich muss mich wieder einmal zur Ordnung rufen: Dies ist kein Schreib-, sondern ein Lesetagebuch. Von Sennett steht in meiner Bibliothek noch das >Städtebuch< Fleisch und Stein, das ich aber nicht gelesen habe. Und jetzt mache ich mich mal an Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Ein miserabler Titel. Auf Deutsch. Der englische Originaltitel ist besser: Together. The Rituals, Pleasures and Politics of Cooperation. Der deutsche Titel folgt dieser so dämlichen wie enervierenden Wer-Wie-Was Mode. Beispiele aus der Wie-Abteilung unter Wiediotie in der Rubrik Babel & Co. Jetzt muss ich aber wirklich lesen.
Montag, 6. August: de Maistre
Die Zimmerreisen (31.7., 26.7.) von Xavier de Maistre zu Ende gelesen. Hübsch geplaudert, aber recht langweilig. Es ist einer jener Texte, die berühmt sind, weil sie nicht gelesen werden. In diesem Fall liegt der Ruhm auch daran, dass de Maistre ein Genre begründet hat. Ihm gebührt die Ehre, den Initialtext zahlreicher Zimmerreisen geschrieben zu haben. Vielleicht sollte ich ...?
Samstag, 4. August 2012: Tallis
Aping Mankind (12.7.) von Raymond Tallis beendet. Instruktiv, aber auch recht redundant und irgendwie >einhämmernd<. Doch bin ich auf seiner Seite, wenn es darum geht, Einspruch zu erheben gegen den naturalistischen Reduktionismus und die Fetischisierung der Gene, der Evolution und des Gehirns. Ich bin manchmal fassungslos, mit welch euphorischer Primitivität im Abholerjournalismus etwa davon gesprochen wird, man könne dem Gehirn beim Arbeiten zusehen; oder es >liege< etwas in den Genen; oder dies oder jenes >diene< der Evolution; oder ein gewisses Experiment, wo es darum ging, einen Finger zu bewegen, widerlege die Willensfreiheit (Libet selbst, nach dem dieses Experiment benannt ist, zieht diese Schlussfolgerung gar nicht). Auch die strafrechtlichen Vorschläge, die Hirnforscher in Zeitungsfeuilletons unterbreitet haben, erinnern in ihrer Simplizität an gewisse Diskussionen über die Vorsehung, wie sie im 18ten Jahrhundert geführt wurden. Wenn alles vom lieben Gott vorherbestimmt ist, wie kann man dann einen Mörder strafen? Wenn alles vom bösen Gehirn determiniert ist, wie kann man dann einen Mörder strafen? Die Frage ist verkehrt perspektiviert und verdient bloß eine kabarettistische Reaktion: Wenn ein vom lieben Gott oder vom bösen Gehirn als Mörder vorherbestimmter oder determinierter Mensch bestraft wird, dann ist das philosophisch wie praktisch überhaupt kein Problem, weil ebenfalls vorherbestimmt und determiniert.
Würden die Hirnis nicht nur ihre bildgebenden Verfahrmaschinen anschalten, sondern auch ihren Cortex, wären sie mit ihren politischen, sozialen und juristischen Schlussfolgerungen weniger schnellfertig und mit ihrem Expertentum weniger anmaßend. Experten leben ja, wissensproduktionstechnisch gesehen, in Käfighaltung. Sie haben über Dinge, die ihr Fach überschreiten, nicht mehr zu sagen als andere Leute und sollten deshalb auch nicht mehr zu sagen haben. Aber was reg' ich mich auf? Dies hier ist doch ein Büchertagebuch.
Dienstag, 31. Juli: Tallis, de Maistre
Weiter mit Tallis, dazwischen de Maistre, der Schönschwätzer, der sentimentale (siehe die Rubrik Sarrazo). Übrigens gefällt mir seine Zimmerreiserei trotz allem, und nach dem Ende der Tagesreise folgt nun noch die Nächtliche Entdeckungsreise um mein Zimmer, die erst 1825, also dreißig Jahre nach der Reise um mein Zimmer erschienen ist.
Donnerstag, 26. Juli: Reise um mein Zimmer
Von Xavier de Maistre. Weiter mit Tallis (12.7.).
Dienstag, 24. Juli: Perserbriefe
Immer wieder wundere ich mich, was man so über kanonisierte Bücher zu hören und zu lesen bekommt. Wenn man sie dann selber liest, ist man ganz frappiert, wieviel >on dit<, wieviel >sagt man so< da im Spiel ist. Über Montesquieus Perserbriefe, die ich gerade lese (12.7.), lese ich in einem Text von Hans Christoph Buch in Lettre Nr. 97: "Die eigene Kultur wird mit fremdem Blick gesehen." Das ist verkehrt, es ist andersherum: Der fremde Blick wird simuliert aus der Perspektive der eigenen Kultur. Montesquieu beschreibt keineswegs, wie "Perser" die Pariser sehen, sondern er beschreibt, wie "aufgeklärte" Pariser sich vorstellen, wie "Perser" die Pariser sehen - und das ist etwas völlig anderes. Aber selbst dies spielt in den Perserbriefen eine viel geringere Rolle als kolportiert wird. Viele der Briefe sind aus dem Serail Usbeks (das ist der reisende Perser), und diese Briefe, die entweder aus der Perspektive von Haremsdamen oder von den sie bewachenden Eunuchen geschrieben sind, zeigen keineswegs die "eigene Kultur mit fremden Blick", sondern, wiederum andersherum, die fremde Kultur mit eigenem Blick. Sie zeigen nicht die Welt einer Haremsdame oder eines Eunuchen, sondern die Vorstellungen, die sich ein französischer Aristokrat darüber macht.
Samstag, 21. Juli: Abbé Ferdinando Galiani
Den Band mit Briefen des Abbé und mit Ausschnitten aus seinen Schriften über das Geld, über den Getreidehandel und über Horaz beendet.
Freitag, 20. Juli: Preisendörfer
Ein Buch von sich selber zu lesen ist immer wieder ein merkwürdige Erfahrung. Es passiert mir, wenn ich meine 1987 in einer Hochschulschriftenreihe publizierte Magisterarbeit über Karl Philipp Moritz mitrechne (siehe die Autobibliographie in der Rubrik Babel & Co), nun zum elften Mal. Ich lese die Korrekturfahnen meines im November bei Galiani erscheinenden Buches über Seume Korrektur. Außerdem weiter mit Tallis und dem Abbé (12.7.).
Mittwoch, 18. Juli: Rinck
Monika Rinck: Ah, das Love-Ding! Ein Essay. Lustig. Amüsiert mich sehr. Sprachabbildung kunstgewerblich betriebener Intellektualität und clever gemacht wie eine waaahnsinnig geniale Dissertation.
Dienstag, 17. Juli: Ritter
Die Notizhefte (14.3.) von Henning Ritter zu Ende gelesen. Schön war's.
Donnerstag, 12. Juli: Milow, Monte, Tallis und ein Abbé
Lese die Autobiographie von Margarethe E. Milow, Hamburger Kaufmannstochter und Lübecker Pastorengattin in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Außerdem weiter die Perserbriefe Montesquieus (30.6.), die mich etwas langweilen mit dem ganzen pseudo-orientalischen Serailgeschwätz in der Rahmenhandlung. Der Rahmen ist übrigens recht breit und nimmt, um im Bilde zu bleiben, mehr Raum ein als das Gemälde. Das hat vermutlich zum Erfolg dieses Briefromans im 18. Jahrhundert beigetragen, doch heute - aber naja, ich lese das Buch hauptsächlich unterwegs, so ist es auszuhalten.
Zwischendurch die Briefe, die Abbé Galiani nach seiner >Verbannung< aus Paris in quecksilbriger Untröstlichkeit aus Neapel an seine alten Freunde in Paris geschrieben hat, und an seine alten Freundinnen, speziell die d'Epinay.
Außerdem endlich angefangen mit dem schon im Januar gekauften Raymond Tallis: Aping Mankind. Neuromania, Darwinitis and The Misrepresentation of Humanity.
Freitag, 6. Juli: Weinberger
Den Essayband Orangen! Erdnüsse! von Eliot Weinberger, in dem ich in den letzten Wochen herumgeschnürt bin, zu Ende gelesen. Der Band enthält auch einen schönen Text über das Übersetzen.
Mittwoch, 4. Juli: Hohelied
Nach dem Kohelet das Hohelied Salomos. Folgt noch das Buch der Sprüche.
Dienstag, 3. Juli 2012: Kohelet
Ich habe gestern Koholet gelesen, das Buch des Predigers Salomo im Alten Testatment, ich habe es gelesen, weil ich gebügelt habe. Beim Bügeln höre ich immer Musik. Gestern hörte ich das "Große Requiem" des Abbé Vogler. Tolles Tamtam. Dann, weil ich so schön in Stimmung, wenn auch mit dem Bügeln schon fertig war, hörte ich noch Zbigniew Preisners "Requiem for my friend". Mit dem "friend" ist der im März 1996 gestorbene Filmregisseur Krzysztof Kieslowski gemeint. Im zweiten Teil von Preisners Requiem gibt es das Stück "Kai Kairos": "Toìs pasin ho chrònos". Ich kann kein Polnisch. Also im Booklet rüber in die Spalte mit der englischen Übersetzung: "To every thing there is a season". Wie sich das anhört! Wie Werbung fürs Hotel Vierjahreszeiten. Aber es stammt aus der Bibel, aus dem Buch Kohelet eben. Und da klingt es so:
"Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit; lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon."
Meiner abtrünnigen Katholikenseele läuft es in Schauern über den Rücken. Seelen haben keine Rücken? Katholische schon.
Samstag, 30. Juni: Rousseau, Montesquieu
Am Donnerstag, 28. Juni, war (endlich) Rousseaus 300ster Geburtstag. Am Abend in einem neu etablierten Berliner Salon Henning Ritter gehört, wie er Rousseau gelesen hat. Aber dies ist ein Bücher-, kein Menschentagebuch, nicht einmal ein Büchermenschentagebuch, und so will ich der Versuchung widerstehen, zu schwatzen und zu klatschen.
Mit den Perserbriefen Montesquieus begonnen.
Mittwoch, 20. Juni: Novalis
Schlimmer Rückfall in die Bronzezeit meiner Selbstbildung. Ich lese die Hymnen an die Nacht von Novalis, und mein Herz klopft wie das eines verirrten Jägers und Sammlers, der nach langer Abwesenheit zu den alten Feuerstellen zurück kehrt und von fern die Trommeln schlagen hört.
"Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. "
Donnerstag, 14. Juni: Hinter der Schlafzimmertür
Trotz meines Selbstverbotes habe ich ein Buch nicht aus dem 18ten Jahrhundert gelesen, ein kurzes: László Földényis Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus. Das Büchlein war in dem Bücherpaket, das ich von der Zeitschrift Edit aus Leipzig bekommen habe. Das Bücherpaket habe ich bekommen, weil mir beim 1. Edit-Essaywettbewerb der 3. Preis zugesprochen wurde. Der Preis wurde mir zugesprochen für Zeitsprünge. Der Text ist in der demnächst erscheinenden Juni-Ausgabe der Zeitschrift abgedruckt und wird am 1. November (glaube ich) vom swr gesendet. Földényis schöner Text vom Hegel lesenden, weinenden Dostojewski hat mich veranlasst, nach einem anderen Buch von Földényi zu suchen, das ich vor Jahren lieber doch nicht gelesen habe, weil es mir nicht gefallen wollte. Warum, habe ich vergessen. Es heißt Melancholie, und ich habe es im dritten Stapel (von links) hinter der Schlafzimmertür gefunden. Jetzt liegt es neben dem Notebook auf dem Schreibtisch und wartet auf die Wiederbegegnung.
In den Stapeln hinter der Schlafzimmertür liegen Bücher, die ich im Ordnungssystem meiner Bibliothek nirgends sonst unterbringen kann. Es sind also Bücher zu Gebieten, für die ich kein systematisches Interesse habe, aber offenbar ein gelegentliches. Die jeweiligen Gelegenheiten lagen schon länger zurück, und die Bücher waren sehr staubig. Ich habe von den 55 Titeln des Stapels (wie passend, bin ich doch vor ein paar Tagen genau so alt geworden) ohne langes Herumüberlegen elf Titel für die Bücher!Listen herausgesucht. Ich hätte die größte Lust, zu jedem dieser elf Bücher eine "Lebensgeschichte" zu schreiben. Da käme, trotz der kuriosen Zufallsstruktur, eine Art Autobiographie zustande.
Sonntag, 3. Juni 2012: Augustinus
Das dreizehnte und letzte Buch der Confessiones gelesen (siehe 5.3.).
Donnerstag, 31. Mai 2012: Gide, Gontscharow, Diderot und immer noch Rousseau
Aus >aktuellem Anlass< (die Kammerdieneraffäre im Vatikan) habe ich André Gides Die Verliese des Vatikan in die Hand genommen. Ich war für Gide zu einer Zeit begeistert, als ich noch keine Lektürekartei führte, und das ist lange her. Meine dtv Ausgabe der Verliese habe ich einer Notiz im Buchdeckel zufolge im Dezember 1976 gekauft. Hinten im Buch sind Anzeigen geschaltet, zum Beispiel eine von der Deutschen Verlagsanstalt. Darin wird Werbung für eine "neue internationale Reihe" gemacht: "Der Maßstab für die Auswahl ist die literarische Qualität. Auf schnell vergängliche, wenngleich erfolgversprechende Konsumware wird verzichtet." Eine Botschaft aus einer anderen Welt.
Ich schleiche um Vera Bischitzkys Neuübersetzung von Gontscharows Oblomov herum, darf es mir aber (noch) nicht gönnen, weil ich vorher noch Jacques der Fatalist und sein Herr von Denis Diderot und Julie oder die Neue Héloise von Rousseau zu Ende lesen möchte. Den Jacques schaffe ich heute, mit der dicken Julie dauerts noch eine Weile. Viele Briefe müssen geschrieben, viele Tränen vergossen werden, bis sie endlich aufs Sterbelager sinkt und uns von sich erlöst.
Ostern 2012: Rousseau, Forster, Augustinus, Thérèse,
Mit anhaltendem Vergnügen Forsters Ansichten vom Niederrhein (18.2.) zu Ende gelesen. Buch Neun und Zehn in den Bekenntnissen des Augustinus (5.3.), ansonsten weiter viel Rousseau.
Ich bekomme Thérèse nicht aus dem Kopf (11.3.) und überlege, ob ich während meiner Rousseau-Phase, in der es wenig zu büchertagebuchen gibt, statt dessen ein Levasseur-Tagebuch führen sollte (seit Anfang Juni 2012 in der neuen Rubrik Die Bekenntnisse von Thérèse Levasseur).
Veranlasst durch einen hübsch handlichen, blau gebundenen, besser gesagt: genähten Ausdruck des fackel kopf (Danke Più) habe ich das Bücher!Tagebuch zum erstenmal seit der Inbetriebnahme vor etwas über zwei Jahren von hinten bis vorn vollständig durchgelesen.
Freitag, 30. März: James Boswell
Weiter mit Rousseau. Texte von ihm und über ihn, darunter die Abschnitte aus den Reiseaufzeichnungen des Schotten James Boswell (1740-95), der als junger Mann, mit vierundzwanzig, Rousseau und Voltaire besucht hat.
Mittwoch, 14. März: Rousseau, Monnier, Ritter
Mit den Bekenntnissen begonnen. Nebenlektüre zu Rousseau: Sylvia Beachs Shakespeare & Company und parallel Adrienne Monniers Aufzeichnungen aus der Rue de l'Odéon. In dieser Pariser Straße hatte Monnier ihre Buchhandlung und um die Ecke Beach die ihre.
Des weiteren mit den Notizheften von Henning Ritter begonnen. Ich hatte sie schon einmal auf der inneren Liste, wollte sie dann aber aus irgendeinem Grund, den ich vergessen habe, doch nicht lesen. Nun, veranlasst durch die von ihm vor vielen, vielen Jahren herausgegebenen Schriften Rousseaus, deren beide Bände auf meinem Schreibtisch vor Altersschwäche auseinander fallen, und durch die kürzlich von ihm zusammengestellten Rousseau-Briefe (11.3.), habe ich sie doch in die Hand genommen.
Sonntag, 11. März: Rousseau
Die geplante Reihenfolge meiner Lektüre: Die vier Briefe an Malesherbes, und zwar in der von Henning Ritter gerade bei Hanser zusammengestellten Anthologie Philosophische Briefe. Danach Die Bekenntnisse, den Brief an Claude Aglancier de Saint-Germain, Rousseau richtet über Jean-Jacques und die Träumereien eines einsamen Spaziergängers. Erst dann die Abhandlungen, den Contrat social, den unerträglich ausufernden Emile und den unerträglich sentimentalen Briefroman Die Neue Héloise. Außerdem überlege ich, ob ich nicht die Bekenntnisse von Thérèse Levasseur schreiben sollte, Rousseaus Leben aus dem Blickwinkel seiner viel geschmähten Geliebten, Gattin und Witwe. Das wäre ein Spaß. Aber wahrscheinlich ein unverkäuflicher. In meinem Kopf höre ich sie über Voltaire raisonnieren. Die beiden sind sich nie begegnet, weil sich Rousseau und Voltaire nie begegnet sind. Aber was für ein reizendes Fiktionskapitel der europäischen Geistesgeschichte könnte das geben, wenn Thérèse Levasseur eine solche Begegnung erfinden würde. Sie steht hinter dem Vorhang ihrer vermeintlichen Dummheit und schüttelt den Kopf mit dem gesunden Menschenverstand darin über die Weisheiten der Männer, die in Wahrheit nichts, aber auch gar nichts vom Menschenleben verstehen, der eine Sohn eines Uhrmachers, der andere Inhaber einer Uhrenfabrik, einer so eitel wie der andere, einer der philosophische Hofnarr des preußischen Königs in Potsdam, der andere philosophischer Asylant des preußischen Königs in Neuchatel (das damals preußisch war). Thérèse kratzt sich unter der Achsel, wo anders wär's unschicklich, und hört zu, wie die beiden hochtrabend aneinander vorbeireden. Vielleicht könnte man noch Diderot hereinschneien und Thérèse behaupten lassen, er hätte ihr an den Arm gefasst, wo anders wär's unschicklich. Der Didi gefällt ihr, auch wenn er ganz offensichtlich nichts von ihr wissen will.
Mittwoch, 7. März: "vor allem beim Reden über Talente und Bücher können Schriftsteller sich am wenigsten zurückhalten und enthüllen sich am leichtesten ..."
... meint Rousseau. Ich beginne mit meinen Rousseau-Exerzitien, die mich die nächsten Monate beschäftigen werden. Die letzten Rendezvous mit ihm hatte ich im Juni 2011 und im Juni und Juli 2010.
Montag, 5. März: Bekenntnisse
Ich nehme Anlauf für die Bekenntnisse Rousseaus, ich nehme Anlauf mit den Confessiones von Aurelius Augustinus.
Sonntag, 4. März 2012: Arendt
Vita activa zu Ende gelesen.
Freitag, 24. Februar: Hannah Arendt
Mit Vita activa begonnen, das ich schon immer lesen wollte. Ich kenne ihre Studie über Rahel Varnhagen, einige kleinere Sachen und das Eichmann-Buch. Auch Teile ihres Briefwechsels habe ich gelesen und die Biographie von Elisabeth Young-Brühl.
Außerdem weiter mit der Napoleonbiographie von Willms (5.2.) und mit Forster (18.2.)
Mittwoch, 22. Februar: Plutarch
Die Parallelbiographie über Alexander und Caesar nun gelesen. Plutarch schreibt keine Geschichte, auch keine Lebensgeschichte, sondern er zeichnet Lebens- oder Charakterbilder. Ohne Psychologie, versteht sich, denn die wurde erst im 18. Jahrhundert erfunden. Die Texte sind faszinierend. Man kann sich ohne weiteres vorstellen, wie sie auf junge Helden in den bürgerlichen Gymnasien des 19ten und frühen 20ten Jahrhunderts gewirkt haben. Mich faszinieren vor allem die Auskünfte über Macht und Machterhalt, man kann auch sagen: Machttechniken. Da ist wenig Erhabenes, da ist viel an schmutzigen Tricks im Spiel. Außerdem lässt sich an diesen exemplarischen Geschichten lernen, dass Macht und auch das sogenannte >Charisma< keine Errungenschaften und Eigenschaften sind, sondern Verleihungen und Zuschreibungen. Es müsste weniger über die Machthaber nachgedacht werden und mehr über die Machtgeber. Es müsste weniger über Ausstrahlung nachgedacht werden und mehr über die Geblendeten.
Samstag, 18. Februar: Bürger, Wieland, Forster, Plutarch
Bürgerbriefe abgeschlossen, die ich im Oktober 2011 bei einem Besuch im Göschenhaus in Grimma Hohenstädt gekauft hatte. Die Aufsätze Wielands über die französische Revolution und Forsters Briefe aus Paris an Therese ebenfalls zu Ende gelesen. Beginne nun mit den Ansichten vom Niederrhein. Vor ein paar Tagen auch mit einer Auswahl der Doppelbiographien des Plutarch begonnen, lese aber einstweilen nur die über Alexander und Caesar. Napoleon hat - natürlich - darin herumstudiert als junger Mann. Seume hat als auch noch nicht alter (er starb ja mit 47) an einem Buch über Plutarch gearbeitet, in dessen Vorrede es gegen Napoleon geht.
Sonntag, 12. Februar: Bürger, Wieland, Forster, Napoleon
Immer noch in und wieder in den Briefen G.A. Bürgers an seinen Verleger (13.11.2011), außerdem Wieland und Forster über die französische Revolution. Von Forster außerdem die Briefe, die er in den frühen 90ern bis zu seinem Tod am 10. Januar 1794 aus Paris an Therese geschrieben hat. Bereit liegen auch seine Ansichten vom Niederrhein von 1791 (die Ansichten sind von 1790, das Buch darüber von 1791).
Auch weiter mit Napoleon (5.1.). Und ich kreise immer noch wie die Katze um den heißen Brei um Krieg und Frieden (ebenfalls 5.1.), ein sehr großer Brei.
Dienstag, 7. Februar: Therese
Manchmal trifft man Leute zufällig auf der Straße, die man Jahre nicht gesehen hat. So ging es mir heute mit Therese, mit Therese, denn es handelt sich nicht um eine Leutin, sondern um den Roman über eine. Den habe ich auch nicht zufällig auf der Straße getroffen - es kommt ja eher selten vor, dass man Romane auf der Straße trifft, ist aber keineswegs ausgeschlossen. Jedenfalls habe ich Therese in der Bibliothek getroffen, meiner eigenen. Man steht vor seinem Bücherregal, guckt dumm und zieht das Buch heraus, das einem gerade vor der Nase steht. Therese von Arthur Schnitzler, "Chronik eines Frauenlebens". Ich habe es im Mai 1980 gelesen, da war ich noch nicht einmal ganz 23. Auf meiner Lektürekarte habe ich damals eifrig notiert: "Sprachlich schöner (nüchterne, und doch innere Saiten berührende Sprache), chronistisch aufgebauter Roman einer tapferen Frau. Therese schlägt sich in Wien durch, indem sie Unterricht erteilt oder als Erzieherin in Stellung tritt. Immer hat sie gegen Widrigkeiten anzukämpfen: Schwangerschaft, Probleme mit ihrem Geliebten, Geldsorgen. Sie wehrt sich mit aller Kraft, ohne dabei heroisiert zu wirken, im Gegenteil: A.S. zeigt gnadenlos ihre Schwächen, ihre Hilflosigkeit. Sie ist ein Opfer, das sich nur in sehr engem Rahmen und zeitlich begrenzt frei entfalten kann. Aber trotz dieses zwangsläufigen Unterlegenseins strahlt sie bewundernswerte Kraft aus. Über das Kompositionsprinzip wäre nachzudenken. Mir kamen die kleinen Absätze, die meist berichten, in welche neue Stellung Therese nun gekommen ist, bald zu episodenhaft vor. Andererseits wurde ihr Leben ja in der Tat zerstückelt."
Sonntag, 5. Februar 2012: Hardy, Napoleon
Thomas Hardys Jude the Obscure liegt nicht mehr wohlig in der Hand, wie ich noch am 12. Januar notiert habe. Ich habe es beiseite gelegt. Es fehlt mir einfach an Geduld. Blaue Stunden (siehe ebenfalls 12.1.) inzwischen gelesen. Charms (12.1.) dito. Aping mankind (12.1.) weiter in Wartestellung - vielleicht sollte ich >Lauerstellung< schreiben, so wirkt es auf der schrägen Platte des Lesepults. Der malende Affe auf dem Buchdeckel guckt mich immer ganz vorwurfsvoll an, wenn ich dran vorbeilaufe.
Napoleon: Dem bin ich immer aus dem Weg gegangen, merkwürdig eigentlich. Ich hatte meine Renaissancephase, ich kenne mich akademisch geschult im 18. Jahrhundert aus, ich habe mich mit der Industrialisierung und mit der historischen Entwicklung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute beschäftigt. Die Zeit Napoleons habe ich übersprungen. Das hole ich nun nach. Hat was mit dem kleinen Seume zu tun, der ein großer Napoleonhasser war, und weil ich mein Buch über Seume nun zu Ende bringe, er starb 1810, nehme ich die Gelegenheit war, meine Napoleonlücke zu schließen und mich näher mit ihm zu beschäftigen. Zumal sich in diesem Jahr sein Russlandfeldzug zum 200sten Mal jährt. Tolstois Krieg und Frieden, das (u.a.) von eben diesem Feldzug handelt, habe ich vor zehn Jahren gelesen. Vielleicht sollte ich die Lektüre mit der inzwischen erschienenen Neuübersetzung wiederholen? Aber jetzt erst einmal Napoleon. Im Herbst habe ich Volker Ullrichs kurzes Überfliegerbuch (das soll kein Tadel, sondern ein Komplement sein) gelesen. Jetzt guck ich mir die Type mit der Wuchtbrumme (das soll ein Kompliment sein, kein Tadel) von Johannes Willms aus der Nähe an. Diese Biographie ist in Passagen geschrieben wie ein historischer Roman (ob das ein Tadel oder ein Kompliment ist, weiß ich noch nicht), vielleicht ist mir deshalb die Geduld mit dem dicken Hardy ausgegangen.
Mittwoch, 25. Januar: Lermontov, Dostojewskij, Kafka
Durch äußere Veranlassung, die hier nichts zur Sache tut, bin ich auf meinen Schreibtisch gestiegen. Ich bin deshalb auf meinen Schreibtisch gestiegen, weil in einem Doppelregal über dem Schreibtisch und unter der Decke bei mir die Russen wohnen; und weil ich denen durch die nichts zur Sache tuende Veranlassung einen Besuch abstatten wollte. Genau genommen Michael Lermontow und Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. Ich habe den Staub von Lermontows Ein Held unserer Zeit geblasen und geblättert; dann hab ich den Staub von Dostos Aufzeichnungen aus dem Kellerloch geblasen und geblättert. Dann habe ich die Herren zurück ins Glied gestellt, auch wenn die Formulierung in Verbindung mit Herren immer etwas komisch klingt, und habe die dazugehörigen Karten aus meiner Lektürekartei gezogen:
Die Eintragung zu Ein Held unserer Zeit (Erstveröffentlichung 1840) stammt von März 2004: "Zwei Erzählungen des Ich-Erzählers fungieren als Prolog zum fingierten Tagebuch eines Petschorin, der von Lermontow im Vorwort als Porträt einer ganzen Generation charakterisiert wird, also als eine Art sozialpsychologischer Kunstfigur. Und das ist die Figur auch - als >handelnder Mensch< und als literarische Figur nicht sehr überzeugend. Was in Frankreich die vorrevolutionäre Langeweile der aristokratischen Jugend gewesen ist, die ihnen dann die Guillotine vertrieben hat, das ist hier in Russland die Leere der Generation nach dem gescheiterten Dekabristenaufstand: Duelle, Bälle, Liebes- und Heiratsintrigen. Dazu ein feuchtohriger, milchbärtiger Zynismus. Der literarische Wert des Textes ist nach ästhetischen Maßstäben vielleicht nicht erstrangig, aber wegen seiner ungeheuren Wirkung ist es auf seine Weise eben doch ein Meisterwerk in seiner Zeit. Allerdings erweist es, verglichen mit Dostojewskijs Mann im Kellerloch seine erzählerische und existenzielle Harmlosigkeit."
Die Eintragung zu Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Erstveröffentlichung 1864) stammt von August 1984: "Hervorragendes Beispiel für das, was Bachtin >Vielstimmigkeit<, >innere Dialogizität< nennt. Besonders Teil II, die Erzählung >bei nassem Schnee< hat mich sehr stark beeindruckt. Hier die Lisa, das Motiv der herzensreinen Dirne, die retten und erlösen kann. Vergleich mit der Sonja im Raskolnikov (=Schuld und Sühne)."
Der Mann im Kellerloch macht ziemlich am Anfang die Bemerkung: "ich brachte es nicht einmal fertig, überhaupt etwas zu werden, weder böse noch gut, weder Schuft noch Ehrenmann, weder Held noch Insekt."
Es könnte sein, dass dieses Wort >Insekt< die literarische Puppe ist, aus der Jahre später, ich glaube 1916, Kafkas Gregor Samsa in der Verwandlung geschlüpft ist. Deshalb kletterte ich auf die Seitenlehne meines Lesesessels. Der Kafka ist etwas abgelegen gestapelt, an höchster Stelle. Knapp unter der Decke liegt er quer über Canetti. Das ist keine Absicht, sondern hat mit den Zufällen der Evolution meiner Bibliothek zu tun. Da ich ein großer Gerneschläfer bin lautet mein Lieblingssatz: ">Dies frühzeitige Aufstehen<, dachte er, >macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben.<"
Der Eintrag auf meiner Karteikarte stammt vom April 1980 und lautet: "Sprachlich und kompositorisch außerordentlich prägnante Erzählung. Auf interpretatorische Ansätze möchte ich hier verzichten. Jedenfalls allein wegen Kafkas Sprache immer wieder lesen."
Das klingt naseweis und ein bißchen peinlich. War es aber nicht. Ich war damals doch so herrlich unverzeihliche 23 Jahre alt und leider Dostojewskij verfallen. Und das ist nicht gut für junge Menschen, gar nicht gut. Die Ermahnung, "allein wegen Kafkas Sprache" das "immer wieder" zu lesen, war der - damals einstweilen fruchtlos bleibende - Versuch einer Selbsterziehung. Den Dosto bin ich erst in meinen ersten Berliner Jahren (1982ff) losgeworden. Der erwähnte Bachtin (Michail, russischer Literaturtheoretiker, Erfinder der Theorie der literarischen Polyphonie) hatte seinen Anteil daran.
So.
Jetzt muss ich arbeiten und packe Lermo, Dosto und Franz in die Regale zurück. Sonst werd ich die Geister nicht mehr los, die ich - las.
Dienstag, 17. Januar: Lowry
Er wird heute 70. Lowry? Nein, Cassius Clay! Ich kenne mich mit Boxern nicht aus, bloß mit Büchern. Also hole ich am Ali-Tag - Glückwunsch, Alterchen - eine Bücherkarte aus der Bücherkartei, die vom Boxen, vom Boxen in einem Roman handelt. Der Roman ist von Lowry, nicht dem Malcolm, wenn ich mit dem anfange, kann ich so schnell nicht wieder aufhören, so vernarrt war ich mal in seine Texte - von vorn: der Roman, mit dem ich jetzt anfange, ist nicht von Malcolm, sondern von Lowry, von Robert Lowry, jetzt hab' ich's. Der Roman heißt auf Deutsch Tag, Fremder, auf Amerikanisch ungleich gewalttätiger: The violent wedding, erschienen 1953. Ich schreibe meine Karteikarte ab:
"Ein reines Buch, existentielles `punctum´."
Ach du liebes bißchen. `Punctum´ ist eine Kategorie von Roland Barthes. Er wendet sie auf Photographien an und meint damit jene `Punkte´, jene Spitzen, die einen beim Betrachten bestimmter Photos treffen und verletzten. Die Karteikarte habe ich 1996 beschriftet. Da war ich noch altklug. Inzwischen bin ich alt und versuche nicht mehr zwanghaft, mich neu auszudrücken. Weiter über Lowrys Boxer-Roman:
"Liebesgeschichte, Projektionsgeschichte. Schwarz-Weiß."
Herrgott, nicht die Photos, es geht doch gar nicht um Photos, es geht ums Boxen, ums Booooohooxen. Cassius, Cassius, bumm, bumm, k.o. - o.k?
"Die Leidenschaft und das Handwerk: Boxen, der Kampf als Erlebnis".
Das ist ja wie Jünger, nicht wie älter, wie Ernst.
Meine Güte, kannste nicht mal ernst bleiben und aufhören, dauernd dazwischen zu quatschen - zu tippen, meine ich?
"...der Kampf als Erlebnis (von außen, von innen), der Kampf Paris gegen Jorgensen, die Vergewaltigung als Parallele. Jorgensen stirbt nach dem Kampf, die von der Vergewaltigung schwangere Laine nimmt sich mit Tabletten das Leben. Ihr Traum vom herrlichen, schönen Männertier zerplatzt. Wo geschlagen wird fließt Blut, der Kampf ist nicht heroisch und ästhetisch, sondern banal brutal und widerwärtig. Paris kommt schließlich zu seinem ersehnten Weltmeisterschaftskampf, gewinnt und will nicht mehr boxen. Aber schließlich `fängt´er sich und boxt weiter, denn er kann nichts anderes."
Von Robert Lowry habe ich außerdem gelesen:
Den Roman Lebendig begraben
Den Erzählungsband Aufenthalt in El Paso.
Den Kriegsroman Die falsche Sanftmut des Schnees.
Das war es, was ich zum Boxen als Leseerlebnis zu sagen - zu schreiben habe.
Donnerstag, 12. Januar: Blaue Stunden, Aping mankind
Meine Selbstverpflichtung aufs 18te Jahrhundert wird fleißig durchbrochen. Aber mit meinem Seume-Buch liege ich gut im Rennen, falls ein Rennen die richtige Metapher für das Schreiben eines Buches ist. Apropos Rennen: Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich an der dffb, dieser Film- und Fernsehhochschule in Berlin, einen Vortrag gehalten, in dem es unter anderem um die Pferderennen in Zolas Nana und in Tolstois Anna Karenina ging. Der Vortrag hieß Vom Pferd erzählen. Taktische Bemerkungen über narrative Tricks in Film und Literatur und war ein Fiasko. Ich glaube, das Publikum mochte meine literarische Anti-Bild-Polemik nicht, Bild nicht wie die Zeitung, sondern wie die Bilder im Kopf, die beim Lesen angeblich entstehen. Es war wohl auch wenig höflich von mir, in der Diskussion das Fernsehen als "Idiotenmedium" zu bezeichnen. Ich gebe zu, dass es wenig höflich, aber nicht, dass es falsch war.
Ich lese weiter lebensbegleitend Charms (27.12.), und Hardy liegt mir immer noch wohlig in der Hand (29.12.). Hardy ist übrigens ein stark optischer Erzähler. Film- und Fernsehleute mit ihrer auf Bilder fixierten Phantasie, um noch einmal wenig höflich zu sein, würden den Effekt, den seine Romane beim Lesen erzeugen, wohl als "Kino im Kopf" bezeichnen.
Zu Charms hinzugekommen ist Blaue Stunden von Joan Didion, das Ende Februar in deutscher Übersetzung (von Antje Rávic Strubel) erscheint. Darauf aufmerksam wurde ich durch einen Vorabdruck in der aktuellen Ausgabe der Leipziger Literaturzeitschirft Edit mit einem Schwerpunkt zum literarischen Essay in Amerika. Die Blauen Stunden werde ich für den Tagesspiegel besprechen, und nach dem, was ich bisher gelesen habe, werde ich es nach Charms in Beste!Bücher vorstellen.
Auf dem Pult liegt außerdem Aping mankind. Neuromania, Darwinitis and the Misrepresentation of Humanity von Raymond Tallis. Aber da halte ich mich noch im Vorwort auf.
Dienstag, 3. Januar 2012: Arbeiten und nicht verzweifeln
Einfach Irre. Die (am 16.1. wieder entfernte) Anspielung im fackel kopf Editorial (Arbeiten 2012) geht auf den englischen Deutschromantiker Thomas Carlyle (1795-1881) zurück. >Deutschromantiker< deshalb, weil TC ein Romantiker war und weil er Deutschland romantisiert hat. Zum Beispiel hat er ein Buch über Friedrich II. ("der Große") geschrieben. (Ich auch - deshalb darf ich "der Große" in Anführungszeichen setzen, weil ich diese Anführungszeichen in meinem Buch Staatsbildung als Königskunst begründet habe.)
Oi, ich komme wieder von Höxjen auf Stöxjen. Irre.
Vor mir liegt ein Buch mit anthrazitfarbenem Einband. Es ist von Thomas Carlyle und heißt Arbeiten und nicht verzweifeln. Ich habe es mir im April 2005 in Baden-Baden gekauft, nach dem Antritt meines Stipendiums in der "Kurstadt", wie sie dort gern sagen. Ich habe es gekauft, weil ich nicht gearbeitet habe und am verzweifeln war. Geholfen hat mir das Lesen des Buches nicht, geholfen hat mir das Schreiben eines Buches mit dem Titel Die letzte Zigarette.
Oioi, ich komme ja wieder von Höxjen auf - usw. Irre.
Auf der Inhaltsseite von Arbeiten und verzweifeln ist dieser Hinweis des Verlegers abgedruckt: "Die vorliegende Auflage mußte im Frühjahr 1919 unter der Herrschaft der strengsten Papiernot hergestellt werden." Deutschland hatte das Motto des Engländers nötig. Es war besiegt, die Monarchie war zusammengebrochen und die Revolution noch nicht sozialdemokratisiert, obwohl Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht schon ermordet waren - nicht von Sozialdemokraten, sondern von Schergen der nationalen Rechten. Die nationale Rechte hat 1933 gepflückt, was die Menschen aufgebaut hatten: das bisschen Weimarer Republik fiel ihr nicht wie eine reife Frucht in die Hände, sondern wurde wie eine unreife vom Baum der Entwicklung abgerissen.
Oi,oi,oi, ich komme ja wirklich wieder von - usw. Irre.
Die Engländer nannten (und nennen bis heute) den Ersten Weltkrieg "The Great War". Traditionell haben sie sich aus den Kriegen auf dem Kontinent heraus gehalten und sich auf die Unterwerfung ferner Völkerschaften unter ihr Empire konzentriert. Naja, so ganz herausgehalten haben sie sich auch wieder nicht. Zum Beispiel haben sie Friedrich II. mit viel Geld unterstützt, damit der auf dem Kontinent Österreich, Russland und Frankreich mit seinen Überfallkriegen beschäftigen konnte. Die militärischen Ressourcen, die Frankreich auf dem Kontinent mobilisierte, fehlten ihm dann im globalen Krieg um die Kolonien, den es mit England führte. Das englische Geld war also in Preußen gut angelegt, und man musste keine Soldaten über den Kanal schicken. Im Great War schickte man Soldaten über den Kanal. Es war ein falscher Krieg.
Achtzig Jahre, nachdem bei strengster Papiernot Carlyles Arbeiten und nicht verzweifeln in Leipzig erschienen war, erschien bei schönstem Papierüberfluss in Stuttgart ein Buch des britischen Historikers Niall Ferguson. Es hieß Der falsche Krieg. In der Einleitung wird George Bernard Shaw zitiert: "Erschießt Eure Offiziere und geht nach Hause." Die Welt wäre besser, würde dieser Ratschlag häufiger beherzigt und nicht immer erst, wenn es zu spät ist und Revolutionen nötig werden.
Oi,oi,oi,oi - usw. Irre.
Reinald Goetz! Rainald Goetz? Reinald Goetz hat 1982 den Aufsatz Die Entdeckung des Arbeitens. Aus einem Krankenhaus veröffentlicht - übrigens in der von Michael Rutschky herausgegebenen Anthologie Errungenschaften. 1983 erschien von Rainald Goetz der Roman Irre. Und das Motto dieses Romans war "Don't cry, work". Reinster Carlyle.
So hängt wieder mal alles mit allem zusammen, und ich bin über Höxjen und Stöckchen hingekommen, wo ich hergekommen bin.
Donnerstag, 29. Dezember 2011: Jacob, Hardy
Den kleinen Jacob-Roman (24.12.) mit Vergnügen zu Ende gelesen. Auf meine gelbe Lektürekarte notiere ich: "Mit Vergnügen gelesen, das kleine Ding. Wie nennt man so etwas - Feuilletonroman? Einfache Geschichte, allgemeinmenschliche Moral", das ist als Tadel gemeint, nicht etwa als Lob, "feine Formulierungen, hübsche Einzelbeobachtungen, leichte Psychologie, die trotz des sanft spöttischen Grundtons zu Herzen geht, sentenzenhafte Kurzweisheiten. Der >strauchelnde< Agrarminister im Wien der frühen 30er Jahre ist ein sympathischer, träumerischer Mensch mittleren Alters, der im abendlichen Parkdunkel einer 14jährigen Himbeerbonbons anbietet und sie dann abküsst. Er wird von einem völkischen Radikalinski beobachtet und angezeigt." Auf einer Polizeiwache nimmt dann das Schicksal, das sogenannte, seinen Lauf.
Zwischen den Jahren gönne ich mir Jude, the Obscure, einen Roman von Thomas Hardy, den ich lange aufgespart habe.
Dienstag, 27. Dezember: Charms
Noch mehr Charms (22.12.), noch mehr Danke, Più! Die 2010 und 2011 in zwei mal zwei Bänden erschienene Werkausgabe ist hinreißend - auch hinreißend gemacht. Den vierten Band mit Autobiograhischem werde ich demnächst unter Beste!Bücher vorstellen.
Montag, 26. Dezember: Golding
Die Erben (22.12) zu Ende gelesen. Ich mochte es, wenngleich es mich nicht überzeugt hat. Die Wesen, die plötzlich mit Homo Sapiens konfrontiert werden, sind keine Neanderthaler, sondern eine indifferente Vormenschenart, dem Australopithecus ähnlich. Dem aber kann Homo Sapiens nicht begegnet sein, da ihn die Evolution zu >Lebzeiten< des Australo noch gar nicht hervorgebracht hatte. Aber das ist nicht der Grund, warum der Roman nicht überzeugt. Es liegt an der Sprache. Wie soll Sprache Wesen aus der Innenperspektive zeigen, denen das Denken fern ist? Das wird und wirkt schnell komisch. In akkuraten Sätzen, artig wie aus einem Abituraufsatz, teilen sie einander mit, was sie gerade nicht gedacht haben.
Samstag, 24. Dezember: Jacob
Anstelle des ins Regal zurück gestellten Fry (22.12.) lese ich Ein Staatsmann strauchelt von Heinrich Eduard Jacob aus dem Jahr 1932. Es ist sehr kurz und recht unterhaltsam, eine feine schlanke Sache.
Donnerstag, 22. Dezember: Fry, Golding, Charms, Boccaccio
Ich halte es nicht mehr aus allein im 18ten Jahrhundert, will sagen: allein mit dem 18ten Jahrhundert. Deshalb lese ich Die Erben von William Golding, auch nicht von heute, sondern von gestern, vorgeschichtlich sozusagen, wenn sich der Leser (das bin ich, bittschön, l´etat c´est moi) zur Scheidelinie der Zeitrechnung macht: v.m.Z. und n.m.Z. Ich bin 1957 geboren, Die Erben ist 2 v.m.Z. erschienen. Und der Stoff ist noch viel mehr von gestern, prähistorisch, 50.000 v.m.Z. Erzählt wird vom Zusammentreffen des Neanderthalers mit Homo Sapiens. Sie liebten und sie schlugen sich, und die einen rotteten die anderen aus. Nicht im Roman, in der Wirklichkeit, der prähistorischen. Dass vor dem Ausrotten auch gemeinsam Kinder gezeugt wurde, geht aus vergleichenden Gen-Analysen von Homo und Neander hervor.
Gestern abend habe ich außerdem ein Buch zu lesen begonnen, das schon einmal zu lesen begonnen zu haben ich vergessen hatte: Geschichte machen von Stephen Fry aus dem Jahr 40 n.m.Z. Nach zwanzig Seiten kam mir ein Lesetatverdacht und heute morgen habe ich in meiner Verbrecherkartei nachgesehen. Und siehe da, es war eine Karte vorhanden, datiert mit November 97: "Die Hälfte gelesen. Ganz amüsant, flotte Sprüche, hübsche Idee. Hitler wird am Geborenwerden gehindert, die Geschiche läuft anders. Interessantes Fallbeispiel zum Thema >Humor und Holocaust<. Literarisch ist es mir zu fett. Und zu weitmaschig strukturiert. Deshalb Abbruch der Lektüre."
Ansonsten lese ich hin und wieder etwas Charms, in der charmanten (oh Kalaueritis) Ausgabe des Galiani Verlags (Danke Più!). Und noch hinner und wiederer im Decamerone des Boccaccio. Ich bin jetzt bei der siebten Novelle des neunten Tages. Ich werde die Lektüre so strecken, dass sie passgenau zum letzten Eintrag meines Dekameron für Leserinnen zu Ende geht.
Und jetzt muss ich mir was suchen, das den Fry ersetzt, denn ich lese ihn wieder nicht zu Ende.
Freitag, 16. Dezember: Preisendörfer
Lektüre der ersten zweihundert Seiten meines Seume-Buches. Soll Preisendörfer nun darüber schreiben, wie Preisendörfer Preisendörfer liest? Ausgeschlossen. Ich will nicht riskieren, das meine Tagebuchgäste Selbstironie mit Wichtigtuerei verwechseln, obwohl ja, zugegeben, zur Selbstironie insofern ein Quentchen (oder doch ein Quantum?) Wichtigtuerei gehört, weil man sich selbst sonst mit der Ironie gar keine Mühe machen würde.
Sonntag, 4. Dezember 2011
Weiter viel 18tes Jahrhundert in Zusammenhang mit meinem Seume-Buch. Sonst Lektüreverbot, keine Seitensprünge, höchstens Aufsätze in Lettre, die ich mir nicht nehmen lasse.
Samstag, 19. November: Wieland
Die letzten Seiten des Don Sylvio (2.7.), Binnengeschichte um Prinz Biribinker mit Show-Down auf einer Palastinsel im Walfischbauch, mit Feuerbrunnen, philosophierenden Kürbissen und der schönsten unsichtbaren Salamanderin, die nie ein Prinz gesehen hat. Doch tastet er ihr Füßchen, er tastet ihr Bein, er tastet - und dann fängt ein unsichtbares Orchester an zu spielen. Zum Finale des Romans kehrt Wieland zu Don Gabriel zurück, der Don Sylvio et al. die ganze Biribinkerie erzählt hat, um 1. die Langeweile zu vertreiben, was ein häufig angeführter und mit vollster Absicht fadenscheiniger Grund für die Textweberei ist; und 2. um Don Sylvio von seinem Feenglauben zu heilen und ihn mit dem Wirklichkeitssinn auszustatten, den man, selbst als Prinz, im sogenannten wirklichen Leben nun einmal braucht.
Sonntag, 13. November: Bürger
Weiter ein wenig in den unflätigen, analhumoristischen Briefen Bürgers (6.11.) an den Verleger Dieterich. Zu Bürger siehe auch die vierte Geschichte in der Abteilung "Entlaufene Helden" im Dekameron für Leserinnen. Dort geht es um die Münchhausiaden, die er kompiliert hat. Aber auch ein Stücklein seiner schaurig schön erschröcklichen Ballade Lenore ist zitiert.
Was Münchhausen angeht. Das war eine weit verzweigte Familie (oder ist es immer noch). Seume war mit einem Baron von Münchhausen befreundet, den er während seiner Militärzeit im (heute) kanadischen Halifax kennen gelernt hatte. Bei dem Seume-Buch, an dem ich schreibe, komme ich demnächst zum Kapitel über die (merkwürdige) Freundschaft zwischen den beiden. Nur das Kapitel über "Die Mutter und die Mädchen" muss ich vorher noch fertig machen ganz fix.
Freitag, 11. November: Theresienstadt
Veranlasst durch die Theresienstadtpassagen in Austerlitz (5.11.) habe ich Mélanie Oppenhejms Theresienstadt. Die Menschenfalle aus der Shoah-Abteilung meiner Bibliothek gezogen und gelesen. Sie hatte jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei und Österreich nach Dänemark geholt, bis Dänemark 1940 ebenfalls von Deutschland besetzt wurde. (Die Titelfigur Austerlitz war als Kind von Prag nach London in Sicherheit gebracht worden.) Im Oktober 1943 wurde sie mit ihrem Mann und zwei Kindern auf der Flucht nach Schweden gefasst und nach Theresienstadt deportiert. Der Bericht beruht auf Radio Interviews von 1980. Die deutsche Übersetzung erschien 1998 bei Boer, leider in einer fragwürdig >hübschen< Ausgabe und beschämend liederlich Korrektur gelesen. Der Bericht selbst ist in seiner Knappheit (nicht einmal 90 Seiten) und Klarheit beeindruckend.
Sonntag, 6. November: Zwetajewa, Bürger
Auf eigenen Wegen (22.10., 10.9.) zu Ende gelesen. Nicht alles mochte ich, manchmal stößt mich ihr Zungenschlag ab. Doch wage ich den Tadel nicht. Sie ging nach der Oktoberrevolution ins Exil nach Paris, kehrte 1939 nach Moskau zurück und nahm sich 1941 das Leben. Ihr Mann war schon 1939 verhaftet und bei einem Verhör (vermutlich) erschossen worden.
Beginne mit der Lektüre der Briefe, die Gottfried August Bürger, hurre, hurre, an seinen Verleger Dieterich geschrieben hat.
Samstag, 5. November: Sebald
Austerlitz (28.10.) zu Ende gelesen. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich ein deutschsprachiges Werk zuletzt so beeindruckt und beschäftigt hat. >Werk< übrigens deshalb, weil es ein Text ohne Gattungsbezeichnung ist.
Donnerstag, 3. November 2011: Kurt Vonnegut. Für die Più.
"Alles" über Kurt Vonnegut, das heißt, alles, was ich in meiner Lektürekartei notiert habe, in chronologischer Lesereihenfolge:
Okt. 1999, Schlachthof 5: "Das Überleben des Bombenangriffs auf Dresden. Immer wenn jemand stirbt folgt als Refrain: >So geht das.< Der Umgang mit der Zeit: Auffaltung der Chronologie, was aufeinander folgt nebeneinander gelegt; motiviert wird das durch den Wahn der Hauptfigur. Sonst kein Sinn nirgends."
Feb. 2000, Dann lieber gleich tot: "Die Schurken seines Romans: Kultur, Gesellschaft, Geschichte. Über Krieg, über die Bombardierung von Städten - Dresden, Hiroshima. Vietnam: Die erste Fernsehgeneration im Krieg. Das Verheizen der Unterschichtjugend."
Mai 2001, Mutter Nacht: "Sein Eichmann in Jerusalem. Hervorragend! Die Memoiren eines amerikanischen Agenten, der für die Deutschen Radiopropaganda macht. Alles gebrochen, ironisch, sarkastisch. Die Selbstgefälligkeiten im Urteilen werden auseinander gepustet wie nichts."
Dez. 2006, Das Nudelwerk: "Ja, er ist wunderbar. Einer von den >Leichten<, einer von den Guten."
Dez. 2006, Frühstück für starke Männer: "Sehr amüsant, mit Zeichnungen. Der gottähnliche Autor, der sich am Schluss unter seine Figuren mischt. Sehr bizarr. Leitmotivische Themen und Melodien, Refrains. Die >Schicksalhaftigkeit<, alles Leben läuft wie am Schnürchen, wie an Fäden gezogen."
Jan. 2007, Slapstick oder Nie wieder einsam: "Bizarre, völlig verdrehte Pseudo-Science-Fiction Geschichte, die durch einen Prolog in einen autobiographischen Rahmen gestellt wird."
Jan. 2007, Galgenvogel: "Nach 130 Seiten abgebrochen, weil es anfing, mich zu langweilen. Es hat nicht diesen Vonnegut-Sound, den ich so mag - oder nur in gemilderter Intensität. Die Figur ist ein Vorwand für alle möglichen pseudohistorischen und viertelsfiktiven Episoden, die bloß rhetorisch, aber nicht architektonisch zusammen hängen."
Jan. 2007, Mann ohne Land: "Kleines, zusammen geschustertes Werklein."
Jan. 2007, Gott segne Sie, Dr. Kevorkin: "Pseudoradiointerviews mit Verstorbenen. Allerdings, und das war das Enttäuschende für mich, sind diese Interviews nicht ausgeführt, es wird nur von ihnen berichtet. Mit diesem Büchlein lasse ich es mit KV gut sein."
Dann, März 2007, doch noch Geh zurück zu deiner lieben Frau und deinem Sohn: "Erzählungen. Ich mochte die meisten Storys, nur die dezidierten SF-Geschichten ließen mich kalt."
Freitag, 28. Oktober: Sebald
Lese Austerlitz von W.G. Sebald (21.10.) und bin hingerissen. Sehr altmodisch, sehr deutsch, sehr schön. Wie es singt und schwingt. Erinnerung funktioniert so nicht, nicht so schön jedenfalls, aber das macht nichts. Es gefällt mir sehr - und besorgt mich, dass es mir so sehr gefällt.
Samstag, 22. Oktober: Zwetajewa, Goethe
Eigenartiger Effekt: Lese Zwetajewa, lese Goethe, notiere das gestern kurz - und schüttele dabei die Frage aus dem Hinterkopf, wie man nur so unsystematisch in der (literarischen) Weltgegend herumlesen kann. Und siehe da, ich stoße bei Zwetajewa auf diese Sätze: "Goethe wollte die Geschichte seines Lebens und zugleich seiner Entwicklung mitteilen, und das fügte sich ihm nicht zusammen. Ganze Passagen wie eingesetzt: [...] da hat sich ein Mensch einfallen lassen, all denen Dank zu sagen, die seine Entwicklung befördert haben - und zählt auf. Nicht, dass es langweilig wäre, - alles ist bedeutsam, aber Goethe selbst tritt dabei irgendwie zurück, schon siehst du seine dunklen Augen nicht mehr."
Oh, sie hat sie also vorher gesehen, "die dunklen Augen" Goethes? Im wirklichen Leben ist das Kitsch, in einem Gedicht hätte es womöglich eine Funktion. Zwetajewa war 27, als sie das 1919 in Moskau schrieb, von Hunger und Kälte geplagt. Überall im Haus wird gesägt. Die Treppen haben keine Geländer mehr, sie sind in den Öfen verschwunden.
Freitag, 21. Oktober
Weiter etwas Zwetajewa (10.9.), Friederizianisches, Verseumtes, Gleimiges, Klopstöcke und Goethe, der mir immer besser gefällt, je älter ich werde. Aber nicht, weil die Bildungssenilität über mich käme, sondern weil ich es lustig finde, wie er seinen Schreiber ruft und sagt: "Wir wollen etwas aus meinem Leben diktieren". Dann schreitet er auf und ab, und die schön gegliederten Sätze plätschern nur so von seinen Lippen. Es ist unüberhörbar und sehr komisch, dass Goethe ehrlich daran geglaubt hat, tatsächlich "Goethe" zu sein. Ich habe vergessen, wer die Bemerkung gemacht hat, Victor Hugo sei ein Narr gewesen, der sich für Victor Hugo gehalten habe. In diesem Sinne meine ich das über Goethe nicht. Sondern in dem, dass eine Persona (lateinisch für Maske), die man immerzu trägt, auch ganz für sich allein, sich mit der Zeit einfleischt. Die Maske wird der Mann.
Das zehnte Buch in Dichtung und Wahrheit, das ich wegen seines Gleim-Porträts wiedergelesen habe, ist ein Blick über die Literatur des 18ten Jahrhunderts, amüsant und von gravitätischer Gemeinheit.
Angefangen habe ich Austerlitz von W.G. Sebald, aber ich fürchte, dass ich derzeit damit nicht weiterkomme aus Lesezeitmangel. Habe mir außerdem Tocquevilles Demokratie in Amerika gekauft, komme aber auch dazu einstweilen nicht.
Sonntag, 2. Oktober - Montag, 10. Oktober 2011
Den Pym fertig Poe-etisiert mit etwas Mühe, nachdem es mir auf der Insel Tsalal dann doch zu langweilig wurde.
Von Wieland Texte über die Französische Revolution, großartig, meinem Herzen und meinem Kopf näher als die Tändelei im Don Sylvio.
Bis Ende Oktober habe ich etliches über Friedrich II. von Preußen, vulgo "den Großen", zu lesen für eine Sammelrezension für den Tagesspiegel.
Fürs Dekameron für Leserinnen muss ich die nächste Zeit nichts lesen, denn in der Abteilung IX geht es nicht um Bücher, sondern um die "Betriebsgeheimnisse" bei ihrer Herstellung und Vermarktung. Weil ich dafür nichts lesen muss, darf ich auch nichts lesen. Ich habe jede Menge im 18ten Jahrhundert zu tun und hätte bei Seitensprüngen in andere Epochen ein schlechtes Gewissen. Poe und Pym haben auch schon gebohrt.
Sonntag, 18. September: Poe
Weiter mit Wieland, in kleinen Dosen, und Poe, in mittleren. Meine mare-Ausgabe des Pym, überhaupt eine sehr schöne, ist gut kommentiert von den Herausgebern Hans Schmid und Michael Farin. Sie weisen auch ausdauernd auf die Unstimmigkeiten und Fehler hin, die Poe beim Niederschreiben passiert sind. So macht man die irritierende Erfahrung, dass zwar hinten und vorne nichts stimmt bei der Geschichte, sie aber trotzdem spannend ist. Ein amüsanter Hinweis darauf, dass die Spannung eher eine Sache der niederen Instinkte beim Lesen ist, jedenfalls keine, für die man besonders helle sein muss. Nach dieser ästhetischen Beleidigung des Spannungslesers begebe ich mich auf die Chaiselongue zurück und lese ganz entspannt gespannt weiter.
Samstag, 10. September: Poe, Zwetajewa
Allein mit den Jungs aus dem 18. Jahrhundert halte ich es nicht aus, weder mit dem grimmigen Seume, noch mit dem tändelnden Wieland. Soll ich neben den alten Knaben vielleicht auch Mädels lesen, Roche zum Beispiel - Sophie meine ich, nicht Charlotte (siehe Offene Briefe). Die Sophie La Roche war eine der erfolgreichsten Autorinnen des 18. Jahrhunderts mit ihren hübschen, empfindsamen, gepflegt erotisierten Romanen. Heute liest das keiner mehr. Ich könnte ja auch die "Karschin" aus dem 18. Jahrhundert lesen. Aber wenn schon schlechte Gedichte, dann doch lieber welche von Seume, zum Beispiel das mit dem "edlen Wilden", der sich "seitwärts in die Büsche" schlägt.
Und zum Ausgleich mache ich zwei Sprünge, einen kleinen ins erste Drittel des 19ten und einen großen ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts:
Egar A. Poe: Nach der Malstrom-Erzählung (Beste!Bücher) nun Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket.
Marina Zwetajewa: Auf eigenen Wegen. Es handelt sich um Prosa nach Tagebuchaufzeichnungen in Moskau von 1917-1920.
Donnerstag, 1. September 2011: Elzenberg
Kummer mit dem Sein, die Tagebücher (1907-1963) des polnischen Philosophen Henryk Elzenberg (1887-1967) zu Ende gelesen (siehe auch 27.5.2011). Ich glaube, für kein Buch habe ich länger gebraucht. Das lag nicht am Werk, sondern an Umständen und Zufällen. Es gab sogar anderthalb oder zwei Jahre, in denen es unaufgeschlagen in Bettnähe herumlag. Im Oktober 2004 bei Erscheinen gekauft, habe ich es nun, knapp sieben Jahre später, >ausgelesen<.
"Woher stammt diese meine Aufzeichnungswut? [...] Im Grunde beruht die Gesamte Entwicklung des Menschen auf einem unausgesetzten Beurteilen seiner selbst. [...] Aufzeichnungen zu machen bedeutet einfach: verläßliche Dokumente beizubringen für den ewigen Prozeß, den ich gegen mich selbst führe."
Das ist gut gesagt, wenn man annimmt, die Bemerkung stamme aus den letzten Jahren des Tagebuchs. Sie wurde aber, wie niedlich, schon 1911 notiert, als Elzenberg um die 24 war. Dennoch trifft die Beobachtung, die ein junger Hund über die eigene Suche macht, noch auf den alten Knaben zu, der sich selbstverständlich immer noch nicht gefunden hat - denn zwischen sich selbst verstehen und sich selbst finden besteht ein himmelweiter Unterschied, oder ein höllenweiter.
1942 notiert Elzenberg:
"Mein ganzes Leben lang habe ich dieses Gebot verspürt, von Zeit zu Zeit diese >Bilanzen< oder >Abrechnungen< anzufertigen. Und vergeblich sagte ich mir immer wieder, wenn es sich nur um Abrechungen mit mir selbst, in meinem eigenen Inneren handle, könne ich sie genauso gut einfach als Meditationen vornehmen, ohne etwas aufzuschreiben. [...] Mir scheint, dass meine Selbstkenntnis unvollkommen bleibt, wenn die Gedanken, die sie ausmachen, nicht aufgeschrieben werden."
Samstag, 27. August: Candy, Randsinn
Verbringe den Tag mit dem Korrekturlesen meines Romans Candy oder Die unsichtbare Hand, der im Spätherbst im Verlag Das Arsenal erscheint. Wenn ich den Blick vom Schirm hebe, sehe ich in den Garten. Nicht ich bin es, der ihn bestellt (vom Rasenmähen abgesehen), doch habe ich ihn >bedichtet<. Nicht in Candy, das ist eine andere Geschichte - oh, gerade ist ein Frosch in den Teich gesprungen, ich habe es - plutsch - durch das offene Fenster gehört, plutsch, nicht platsch! Wenn ein Frosch ins Wasser springt, macht es plutsch. Wir wollen genau sein. Deshalb springt er auch und hüpft nicht. An Land hüpfen sie. Aber wenn sie vom Holzsteg, auf dem sie sich sonnen, ins Wasser hüpfen, dann hüpfen sie eben nicht, sondern springen. Das muss man gesehen haben: Mit langgestrecktem Körper, auch die Vorderfüße und Hinterbeine sind ausgestreckt. Und dann macht es plutsch, wenn sie zwischen den Seerosenblättern ins Wasser tauchen.
Wieso schreibe ich auf einmal über Frösche?
In Candy geht es à la Candide um die Neue Weltordnung. Hier spielt der Garten nur als Sentenz zum Schluss eine Rolle. Eine Hauptrolle hingegen spielt er in meinem Roman Randsinn, für den ich 2009 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats hatte (Danke!). Das Buch lässt sich im Unterschied zu Candy oder Fifty Blues nicht verfackel kopfen, weil die Kapitel zu lang sind, um in Fortsetzungen portioniert zu werden. Randsinn besteht aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das Winterkapitel fehlt noch. Ein Verlag auch.
Freitag, 19. August: Knigge
Neben Wieland nun auch Knigge, Über den Umgang mit Menschen. Was für ein Schwung, welch ein Sound. Schwingende Syntax, tanzende Sätze. Erstmals 1788 erschienen. Eine Art Mikrosoziologie der Endphasengesellschaft des Ancièn Regime, kein Benimmbuch.
Edgar Allan (12.8.) muss noch warten. Habe auch einiges über Preußen, Österreich, Frankreich, England und Russland im 18. Jahrhundert zu lesen.
Freitag, 12. August 2011: Calvino
Wenn ein Reisender in einer Winternacht nach großem Vergnügen beim Beginn der Lektüre dann doch auf Seite 72 abgebrochen. Erst war es amüsant, dann wurde es redundant und schließlich langweilig. Es verfettet stilistisch, und die Geschichte mäandert und hat keine Architektur - obwohl ihr vermutlich ein Bauplan zugrunde liegt. Ich kann sie mir gut vorstellen, die Linien und Kästchen und Pfeile, mit denen auf einem großen Blatt das Gerüst des Geschehens aufgezeichnet ist. Architektur besteht aber nicht aus Bauplänen, sondern aus Gebäuden.
Ich wende mich nun Calvinos Buch über die Lektüre von Klassikern zu, das ich schon einmal mit Freude und >Gewinn<, wie man sagt, gelesen habe. Die nächste Dekameron-Geschichte wird davon handeln. Ansonsten Wieland in homöopathischen Dosen. Und Seume und so.
Außerdem lockt E.A. Poe.
Mittwoch, 27. Juli: Seume etcetera. Und D. F. Wallace
Seume. Goethe. Goethe. Seume. Etwas Klopstock in kleinen Dosen, denn mehr hält man heute von diesem literarischen Oberpriester nicht aus. Ein wenig Wieland, der mit seiner Preziosenschreiberei auch schnell auf die Nerven gehen kann, so klug und geschmeidig und wort- und weltgewandt er auch ist. Den gravitätischen Goethe kann ich sowieso nur portioniert lesen. Nur Seume ist lustig, meistens unfreiwillig. Zur Probe die ersten beiden Strophen seines bekanntesten Gedichts: Die Gesänge.
"Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
ohne Furcht was man im Lande glaubt;
wo man singet wird man nicht beraubt:
Bösewichter haben keine Lieder.
Wenn die Seele tief in Gram und Kummer,
ohne Freunde, stumm, verlassen liegt,
weckt ein Ton, der sich elastisch wiegt,
magisch sie aus ihrem Todesschlummer."
Hab ich nicht gestern in der Zeitung gelesen, dass "immer mehr" Menschen depressiv sind? Und zwar je besser es ihnen geht (jedenfalls im Weltmaßstab), desto depressiver. David Foster Wallace konnte auch ein Lied davon singen, und er hat es gesungen, ein schreckliches, schreckliches "Lied", nachzulesen in seinem Story-Band Kurze Interviews mit fiesen Männern. Die Geschichte heißt Die depressive Person:
"Die depressive Person befand sich in einem Zustand unausgesetzter psychischer Qual, und die Unmöglichkeit, diese Qual jemandem mitzuteilen, war Teil des Zustands und verantwortlich für seinen eigentlichen Schrecken."
Im September werden es auch schon wieder drei Jahre, dass D. F. Wallace sich das Leben genommen hat.
Freitag, 15. Juli: Andrzej Bart
Veranlasst durch eine Besprechung im Deutschlandfunk habe ich, trotz meines wegen Seume verhängten Leseverbots außerhalb des 18ten Jahrhunderts, den Roman Die Fliegenfängerfabrik des polnischen Schriftstellers Bart gekauft und gelesen. Es geht um einen Traum-, besser gesagt Albtraumprozess gegen Chaim Rumkowski, den Vorsitzenden der Ghettoverwaltung von Lodz.
Sonntag, 3. Juli
Zufallsfund: Front am Polarkreis. "Dies Buch ist gewidmet unseren gefallenen Kameraden, die ihr Leben eingesetzt haben für die Freiheit und Zukunft ihres Volkes; unseren Verwundeten, denen wir baldige Genesung wünschen; unseren tapferen finnischen und deutschen Truppen, die in treuer Waffenbrüderschaft in den Einöden und Urwäldern Lapplands den Bolschewisten geworfen haben und Wacht halten an den Grenzen des europäischen Raums." Erschienen ist dieses Buch 1943 in Berlin.
Heute, am dritten Tag nach dem Ende der Wehrpflicht, lese ich in der Zeitung eine Verlautbarung des FDP-Militärpolitikers Christoph Schnurr: "Die Bundeswehr hat den Wandel der Kernkompetenz von einer stehenden Panzerarmee zu hochmobilen Einsatzkräften noch nicht umgesetzt."
Was will ich mit diesen beiden Zitaten sagen?
Gar nichts, ich schreibe nur.
Über den >Wandel der Kernkompetenz< zu einer Interventionsarmee habe ich schon in der zweiten Hälfte der 90er geschrieben. Es hat Leute gegeben, unter anderem die damalige Kriegshandwerkspezialistin Cora Stephan, seinerzeit Verfasserin eines halbguten militärhistorischen Buches und Etappenstute mit Kampferfahrung auf Podien (heute schreibt sie Krimis statt Krieg) - es hat also Leute gegeben, die meine Warnung vor einem zukünftigen >Interventionsmilitarismus< als abwegig verspottet haben. Auch heute ist es noch nicht ganz so weit, obwohl sich immerhin ein gewesener Bundesprä über die Wahrheit von Hintersinn und Vorzug der deutschen Militäraußenpolitik verplaudert hat.
Formulierungen wie die von der >Kernkompetenz< zeigen, in welche Richtung die Entwicklung geht - und nach der Abschaffung der Wehrpflicht noch forcierter gehen wird. Die militärische Seite der Außenpolitik wird sich entdramatisieren, Interventionen werden zu >Maßnahmen< kernkompetenziert, und wenn es dann noch mit der Effektivität klappt, kräht kein Hahn und keine Henne mehr nach den wirklichen Gründen der jeweiligen Interventionsentscheidungen. Oder immer nur dann, wenn zu viele junge Hähnchen und Hühnchen (die Bundeswehr schießt emanzipiert wie der Frauenfussball) bei Unfällen in Feindesland ums Leben kommen oder gar vom Feind höchstpersönlich zu Boden geschossen und in die Luft gesprengt werden. Die dummen jungen Männer und dummen jungen Frauen, die keine andere Berufsperspektive sehen, als sich zu angestellten Söldnern und Söldnerinnen des Vater- und Mutterlandes zu machen, werden dann von den schlauen jungen Männern und schlauen jungen Frauen, die nicht so blöd sind, die schlauen Köpfe fürs Vater- und Mutterland hinzuhalten, auch noch geschmäht und verachtet.
Oh weh. Das hier soll doch ein Bücher!Tagebuch sein und keine Bös!Bruno-Kolumne. Ich verweise also auf die Beiträge zum Thema Bundeswehr in der Kolumne Was wäre wenn und zitiere jetzt noch ein bißchen altfaschistischen Militarismus, nur so als Kontrast zur neukriegerischen Kernkompetenz: "Das war das Wesen des Kampfes meines Korps in Lappland", erklärt Infanteriegeneral Weisenberger: "Siegreiches Vorwärtsstürmen, zähes Festhalten am Gewonnenen, manch kühner, erfolgreicher Handstreich, aufreibender Kleinkrieg in den Flanken."
Und jetzt desertiere ich ins 18. Jahrhundert, in dem alles viel - ja, noch viel schlechter war.
Samstag, 2. Juli 2011: Wieland
Seume, Seume, Seume. Ein wenig Don Sylvio von Wieland (9.6.), diesem neckischen Schmetterling von einem Roman, dessen vollständiger Titel annonciert: "Die Sieg der Natur über die Schwärmerey, oder die Abentheuer des Don Sylvio von Rosalva, Eine Geschichte worinn alles Wunderbare natürlich zugeht."
Dienstag, 21. Juni: Rousseau
Johann-jakobitischer Rückfall: Träumereien eines einsamen Spaziergängers. Was für ein Sound. Was für ein Extremismus der Subjektivität. Was für eine Ejakulation des Herzens. Ich finde es unmöglich - und bin hingerissen. Ich habe den Text 1987 zum erstenmal gelesen, zufälligerweise auch noch im Juni. Ich wurde damals dreißig. Heute finde ich ein verdächtiges Häkchen am Rand der folgenden Stelle:
"In meiner Jugend hatte ich mir das vierzigste Jahr als das Ziel aller meiner Anstrengungen für mein Fortkommen und aller Ansprüche jeder Art festgesetzt. Ich war entschlossen, sobald ich dieses Alter erreicht hätte und in welcher Lage ich auch sein würde, mich nicht mehr abzukämpfen, um weiterzukommen, sondern während meiner übrigen Tage die gegenwärtige Stunde zu genießen, ohne mich um die Zukunft zu bekümmern."
Als ich mein >vierzigstes Jahr< erreicht hatte, begann ich den geordneten Rückzug aus den Redaktionen. Allerdings nicht, "ohne mich um die Zukunft zu bekümmern." Diesen beneidenswerten Zustand habe ich auch im >fünfzigsten Jahr< nicht erreicht. Immerhin bleiben mir noch sechs Jahre bis zum sechzigsten. Und ich will hoffen, dass es dann keine rousseauistischen Lektüre-Rückfälle mehr gibt, sondern Montaigne auf dem Pult liegt.
Dienstag, 14. Juni (für Mainfrankfurter: Wäldchestag): Reineke
Der Büchertagebuchhalter ist wieder in der Stadt und bei seiner Kartei. Ich habe Reineke Fuchs zum ersten und einzigen Mal vor beinahe dreißig Jahren gelesen, im Oktober 1982, und danach notiert: "Epos in Hexametern. Macht viel Spaß beim Lesen, weil man tanzend durch die abenteuerliche Welt des Epos schreitet. Es beginnt: >Pfingsten das liebliche Fest war gekommen ...< Der Fuchs ist ein Baron, der mit List und Tücke sich seinen verloren gegangenen Einfluss bei Hofe zurückerobert. Ein schwacher König, der sich mit Verbalitäten und repräsentativem Auftreten begnügt und die Zwiste unter den Mächtigen seines Landes nicht schlichten kann, und sich auch vom Fuchs an der Nase herumführen lässt und ihn, nachdem der im Zweikampf den Wolf besiegt hat, sogar zum Kanzler macht etc."
Danach wurde der junge Mann altklug:
"Die Bezeichnung Epos für all das missfällt mir. Das Ganze ist eine Allegorie, und es ist an deren Bewertung durch Hegel zu erinnern. Das, was das Ding im Innersten zusammenhält ist nur der scheele Blick auf die Moral von der Geschicht. Die einzelnen Episoden sind willkürlich in sich und in ihrer Verbindung untereinander, es gibt keine innere Dynamik. Die Spannung, die sich beim Lesen bisweilen einststellt, resultiert aus einer oberflächlichen Neugier: wie wird es weitergehen. Ist das Ganze schon bekannt, fällt dieses Spannungsmoment natürlich weg, und will man sich nicht bei der abgeschmackten Moralität aufhalten, bleibt als Genuss der Tanzschritt der Sprache, der allerdings wirklich wunderschön ist, und vor allem völlig unangestrengt wirkt, als könnte überhaupt nicht anders gesprochen werden."
Der Mittfünfziger, der dies heute abschreibt, mag den Mittzwanziger, der das einmal aufgeschrieben hat, nicht tadeln und empfiehlt den einen wie den anderen dem Wohlwollen des Publikums dieses öffentlich >intimen< Lesetagebuchs.
Pfingstmontag
Der Leser ist auf dem Land und seine Kartei in der Stadt. Deshalb kann ich nicht nachsehen, wann ich Goethes Reineke Fuchs gelesen habe, das, wenn ich mich richtig erinnere, mit den Worten beginnt: "Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen."
Donnerstag, 9. Juni 2011
Ich unterbreche die Arbeit am Seume Buch, um heute den gesamten Text von Fifty Blues zu lesen (auf fackel kopfsind 45 von 50 Kapiteln eingestellt). (Einschub vom 24.12.2011: Inzwischen habe ich das Erscheinen des Buches für März 2012 auf der Navigationsleiste angekündigt und die Zahl der hier nachlesebaren Kapitel auf 25 reduziert.) Morgen schreibe ich die letzten beiden Kapitel fertig. Dann kehre ich ins 18te Jahrhundert zurück. Werde u.a. Wieland lesen, der Don Sylvio liegt schon bereit. Seume war gut mit ihm bekannt, mit Wieland, nicht dem Don, und es gibt einen Briefwechsel zwischen den beiden.
Freitag, 27. Mai: Elzenberg
Kummer mit dem Sein, eine Ausgabe von Tage- und Notizbüchern des polnischen Philosophen Henryk Elzenberg (1887-1967). Ich greife gelegentlich danach, es liegt seit Jahren auf einem der Bücherstapel im Flur, wo aus Platzmangel meine Sammlung von Tagebüchern untergebracht ist. Langsam lese ich mich dem Ende zu. Angefangen damit habe ich vor sage und schreibe sieben Jahren, im Oktober 2004. Es gab zwischenzeitlich Pausen von vielen Monaten, doch habe ich die Lektüre nie abgebrochen. Vor allem seine Geschichtsauffassung interessiert mich, was nicht heißt, dass ich sie teile. "Die Hölle in Bewegung, die Hölle im Fluß: das ist die Geschichte, der Strom des kollektiven Lebens. Am Ufer dieses Phlegethon [ein Fluss aus Flammen in der griechischen Mythologie] hat sich ein kleines Wesen niedergesetzt uns sieht zu; dieses Sitzen und Zuschauen hat einen Namen: das >Sichbefreien des Geistes<. 30.7.1942"
Samstag, 21. Mai: Simenon
Auf einer unvorhergesehenen Reise ein >Ausrutscher< mit einem Simenon-Roman, denn ich habe ja sonst den Wehler (9.5.) weiter zu lesen und mich wegen meines Seume-Buches im 18. Jahrhundert aufzuhalten. In einer Bahnhofsbuchhandlung kaufte ich also Der Mörder, in der hübschen Aufmachung der 50bändigen Ausgabe der Non-Maigrets bei Diogenes. Simenon macht mich jedes Mal glücklich, weil bei ihm immer alles so schön klar ist. Selbst wenn ein Mann aus der Welt fällt, ist die Sache völlig klar. Auch seine Erzählökonomie ist beeindruckend. Kein Wort zu viel. Wenn ich da an die schwatzsüchtige deutsche Gegenwartsliteratur denke ...
Sonntag, 15. Mai: Hopkins
Hopkins Journal nun beendet. Mochte es sehr. Besonders schöne Stellen, zum Beispiel der Eintrag vom 17. Oktober 1873: "Am Ende des Monats harte Fröste. Wundervoller Blätterregen: als die Morgensonne den Frost zu schmelzen begann fielen sie bei einer einzigen Berührung und in wenigen Minuten war ein ganzer Baum ihrer entledigt; sie lagen und maskierten und tapezierten den Boden um den Fuß. Dann scheint der Baum hinabzublicken auf sein entlassenes Selbst wie blauer Himmel auf den Schnee blickt nach einem langen Fall, sein Verlieren, sein Tun".
"22. Juli [1867]. Leuchtend, der Himmel ein prachtvolles Blau.
23. Juli. Ebenso, aber schimmelig am Morgen.
24. Juli. Trüb, der Himmel atmete auseinander in blaue Spalten und etwas Sonnenlicht."
Oder dieser Eintrag vom 18. Mai 1866: "Zauberisch im Garten Quadrat das starke Relief zu sehen des dunklen Grün und der Bälle aus Licht im nahen Gras und die Mischung aus sonnhellem Laub und taugleichem Schatten in den Kastanien hoch oben und im Wind bewegt."
Montag, 9. Mai 2011: Hopkins, Michels, Wehler, Im Hof
Zwischendurch wieder das Journal von Hopkins, in dem ich schon zu Beginn dieses Bücher!Tagebuchs gelesen habe (siehe unten 20.3.2010 und 18.9.2010). Lese es aus wie eine Pralinenschachtel, aus der man hin und wieder ein Leckerchen >liest<.
Wegen eines Artikels für Le Monde diplomatique beschäftige ich mich mit dem Soziologen Robert Michels. Seine Soziologie des Parteiwesens von 1910 habe ich zum erstenmal im November 1982 gelesen, kurz nach meinem Umzug von Frankfurt am Main nach Berlin. Fünf Jahre später erschien bei Campus ein Band mit Aufsätzen von Michels, den ich für die taz besprochen habe. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber er gehörte nach einem Text über Sklovskij (hier 21.4.2010; 13. und 14.5.2010) in die >frühe Epoche< meiner freien Mitarbeit bei der taz. Eine >späte Epoche< gab es übrigens nicht. Ach, die alten Geschichten.
Über die Soziologie des Parteiwesens habe ich alte Aufzeichnungen gefunden, 25 handschriftliche Seiten mit Exzerpten. Das Fleißigtun als Student hilft mir heute beim Faulsein als Schriftsteller.
Im Zusammenhang mit dem Seume-Buch, an dem ich schreibe, lese ich zum Aufnehmen der zeithistorischen Hintergrundschwingung Das Europa der Aufklärung von Im Hof und Band 1 von Hans-Ulrich Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte. Beides schlecht geschrieben. Bei Wehler eine Substantivsprache: in ganzen Kolonnen marschieren sie durch den Text. Sachlich aber ein hervorragendes Buch.
Ostersonntag 2011
Jourdains Wohltemperiertes Gehirn beendet. Nur überflogen, nicht weil es ein schlechtes Buch wäre, sondern weil mein spezielles Interesse beschränkt ist. Der bemerkenswerte Satz: "Der Plattenspieler war für die Entwicklung musikalischer Vorstellungsgabe so verhängnisvoll wie der Fernseher für die Entwicklung der literarischen Vorstellung."
Er meint damit, dass beim normalen Publikum die technische Reproduzierbarkeit von Musik und von Geschichten in Bildern die Gedächtnisanstrengung unnötig macht und so auch die Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit verringert. Was aber das Verhältnis Fernsehen und Literatur angeht, trifft die Beobachtungen jedoch nicht auf diese Weise zu. Das TV ist allenfalls insofern an der Rückbildung der literarischen Kompetenz >schuld<, als es die Literatur als Leitmedium der Sozialisation abgelöst hat, wie es selbst inzwischen vom Internet als Leitmedium der Sozialisation abgelöst wurde. Übrigens fasse ich das Nachlassen der literarischen Kompetenz und eines spezifisch literarischen Interesses (nicht nur beim Publikum, auch bei Schriftstellern, Lektoren und Kritikern) nicht als >Niedergang< auf - von was auch? - sondern eher als stetige Marginalisierung einer lange dominanten Kulturtechnik zugunsten anderer Kulturtechniken.
Dienstag, 19. April: Das wohltemperierte Gehirn
Stevensons St. Ives abgeschlossen. Neben Seume-Sachen beginne ich mit Robert Jourdains Das wohltemperierte Gehirn. Wie Musik im Kopf entsteht und wirkt. Natürlich >steckt was dahinter<, ich verrate aber nicht, was. Den deutschen Titel mag ich übrigens nicht. Es ist ein typischer Lektorentitel mit seinem spießig >gebildeten< Herumgekuschel mit einem Werk von Bach. Das amerikanische Original heißt Music, the Brain, and Ecstasy. Klare Sache, fein!
Montag, 18. April: George Steiner
Obwohl ich es wegen meiner Seume-Verpflichtungen nicht hätte tun sollen: >Heimlich< zwei Aufsätze aus George Steiners gerade bei Suhrkamp herausgekommenem Im Raum der Stille gelesen, nämlich den über Céline und den über Cioran, die wie alle Aufsätze dieses Bandes vor langer oder sehr langer Zeit im New Yorker erschienen sind. Von Steiner kenne ich Von realer Gegenwart, das ich 1991 gelesen habe, zusammen mit Freunden in einer Lektüregruppe, fällt mir gerade ein. Sein Errata. Bilanz eines Lebens habe ich 2000 gelesen. Auf meine Lesekarte habe ich damals zu meiner heutigen Überraschung geschrieben: "Ein ausgezeichnetes Buch, das ich beglückt gelesen habe." Kann mich an dieses Glück gar nicht mehr erinnern. Gelesen habe ich auch sein Tolstoi oder Dostojewskij. Analyse des abendländischen Romans. 1990 notierte ich: "Ein ganz ausgezeichnetes Buch, das ich mir unbedingt bei Gelegenheit noch einmal vornehmen werde." Die >Gelegenheit< kam erst im Juni 2002. Ich notierte: "Noch einmal gelesen. Und wieder >erleuchtet<." Diese Lektüre fand während einer wenig erfolgreichen Lesereise anläßlich meines auch nicht so erfolgreichen Romans Desaster statt. Aber diese Geschichte müsste in der Autobibliographie in der Rubrik Babel & Co erzählt werden, wo die Desaster-Geschichte schon länger angekündigt ist.
Dienstag, 12. April
Meinen Roman Candy oder Die unsichtbare Hand für den Druck abgeschlossen. Aber da dies ein Tagebuch über Bücher ist, die ich lese, nicht über die, die ich schreibe, gehört das nicht hierher. Ich lese weiter St. Ives und tummele mich in den Briefen Seumes.
Freitag, 1. April 2011
Volker Ullrichs schmales, doch souverän orientierendes Napoleonbuch gelesen. Hin und wieder St. Ives. Ansonsten Seume. St Ives unglaublich >szenenstark<: Die Flucht am Seil aus einer Festung; diverse Zweikämpfe; das nächtliche Reisen in einem fensterlosen, verschlossenen Kasten auf zwei Rädern. Auch für diesen Roman gilt, was ich am 6. März über Stevensons Master von Ballantrae notiert habe.
Samstag, 19. März
Seume, sonst (fast) nichts.
Sonntag, 13. März: Seume, St. Ives
Seume: Nach Mein Leben, Spaziergang nach Syrakus, Mein Sommer 1805 nun die Apokryphen.
Mit Stevensons letztem, nicht mehr von ihm selbst (sondern von einem befreundeten Schriftsteller) beendeten Roman St. Ives begonnen. Titelheld ist ein napoleonischer Soldat in Kriegsgefangenschaft in Edinburgh. Werde den Roman zusammen mit dem Master von Ballantrae (dazu auch der Eintrag in Beste!Bücher) im Tagesspiegel besprechen.
Sonntag, 6. März: Seume, Stevenson
Weiter mit Seume, Wiederaufnahme von Stevensons Master von Ballantrae (zu beidem der Eintrag am 12.1.). Ich finde die Briefe Seumes hinreißend. Manchmal durchklingt sie ein Nachhall des Sturm-und-Drang-Tones, manchmal ein Vorhall des Büchner-Sounds. Über diese Briefe wird in dem Buch, das ich über den Marschierer schreibe, etliches zu sagen sein, vielleicht mache ich dazu ein eigenes Kapitel. Walter Benjamin hatte in seine Briefanthologie - Deutsche Menschen ihr Titel, wenn ich mich richtig erinnere - auch einen Seume-Brief aufgenommen.
Stevensons Master, dessen Lektüre ich aus Zeitgründen unterbrechen musste, bringe ich nun zu Ende. Ich lese ihn vergnügt wie ein Junge, der eine Abenteurergeschichte verschlingt. Solche Leserfahrungen werden selten (und sind umso kostbarer), wenn man viel Lebenserfahrung hat, auch literarische Lebenserfahrung. Man weiß zuviel, um >unschuldig< lesen zu können. Beim Lesen von Stevenson kann man unschuldig so tun, als könnte man unschuldig tun. Dabei ist er keineswegs ein sogenanntes Naturtalent (etwas derartiges kommt in der Literatur fast überhaupt nicht vor), sondern ein Schriftsteller, der sein Handwerk versteht, also tut, was er weiß, und weiß, was er tut.
Dienstag, 1. März 2011: Ian Morris
Die Weltgeschichte von Morris (11.2.) zu Ende gelesen. Ich habe es von der Anwartschaftsliste zur Aufnahme in die Rubrik Beste!Bücher wieder gestrichen. So faszinierend ich seinen Gang durch die Geschichte finde, faszinierend wie viele andere Rekonstruktionen, so wenig überzeugend finde ich die Konstruktion, in die er seine Rekonstruktion hineinbaut. Und zum Schluss wird das Buch steilthesenhaft, das Understatement des Historikers verwandelt sich zum Lautsprechertum des akademischen Stars, der Aufmerksamkeit generieren will.
Ansonsten Rückkehr zu Candide und Seume (8.2.).
Mittwoch, 16. Februar: Muriel Spark
"Töte mich!" (die Anführungszeichen gehören zum Titel) war das erste Buch, das ich von Spark gelesen habe, im Oktober 2001. Auf meiner Lesekarte habe ich damals notiert: "Kurzer Roman, hervorragend mit äußerster und äußerer Nüchternheit. Eine Frau reist in den Süden, um sich umbringen zu lassen. Was ihr gelingt. Sie hinterlässt eine Spur durch ihre überbunte Kleidung und ihr auffälliges Benehmen. Es bleibt im Dunkeln, warum Lise sich töten lassen will, und was es ihr ermöglicht, zu erkennen, wer ihr >Typ<, also ihr Mörder ist. Übrigens ist es ein Buch, das man zweimal lesen muss, um die komische Seite der Geschichte zu erfassen. Das kleine Buch hat mir sehr, sehr gefallen."
Im November 2001 habe ich Die Blütezeit der Miss Jean Brodie gelesen. Der Roman, im englischen Original erstmals 1961erschienen (auf Deutsch wie alle hier genannten Bücher bei Diogenes), war Sparks internationaler Durchbruch, vermittelt, wie so oft, durch die Verfilmung. Aus meinen Lektürenotizen: "Fünf Mädchen und ihre Lehrerin, die selbst in ihrer >Blütezeit< ist, wie sie dauernd sagt, und die ihre Schülerinnen formen und in einer geschlossenen Clique bewahren will. Die Lehrerin ist einerseits modern und hängt liberalen Erziehungsmethoden an; andererseits ist sie ziemlich skurril und bewundert Hitler, Mussolini und Franko. Ihre Liebe und ihr Sex, die eine unerfüllt mit dem verheirateten, einarmigen Kunstlehrer; der andere >erfüllt< (auch wörtlich zu nehmen) mit dem unglücklich in sie verliebten ledigen Musiklehrer. Spielzeit 1930 bis 37/38. MS erzählt nüchtern. Über allem ein gemäßigt zynischer Firniss. Sehr geschickt aufgebaut, kompakt und schnell. Es hat mir gut gefallen. Aber ich glaube doch, dass man nicht zu viele Spark-Romane hintereinander lesen sollte, ähnlich wie bei Simenon, den man auch vorsichtig dosieren muss."
Also habe ich ein Jahr gewartet mit dem nächsten und habe im Oktober 2002 Vorsätzlich herumlungern gelesen: "Unterhaltsam, klug, gekonnt. Junge Schriftstellerin, die ihren ersten Roman geschrieben hat und in die Intrigen des Chefs einer >Autobiographischen Gesellschaft< gerät. Die Wirklichkeit gestaltet sich unter >Mithilfe< dieses Chefs zu einem Abbild des Romans, den die Schriftstellerin geschrieben hat."
Im November 2002 las ich Curriculum Vitae. Selbstportrait der Künstlerin als junge Frau: "Erzählt die Zeit bis 1957, als ihr erster Roman erschien", Die Tröster, den ich noch nicht gelesen habe.
Im November 2003 folgte Frau Dr. Wolfs Methode: "Verrücktes, unterhaltsames Stück. In den letzten Kapiteln wird es richtig skurril, auch im Tonfall. Ein Bruch. Der bis dahin vorhandene philosophische >touch< weicht dem Grotesken. Man hat das Gefühl, die Autorin hatte Schwierigkeiten, aus der Story auf >vernünftige< Weise heraus zu kommen. Macht aber nichts."
Im Februar 2004 las ich Robinson: "Zwei Männer und eine Frau (die Erzählerin) stürzen über einer Insel (Robinson) ab und werden vom Inselinhaber (ebenfalls Robinson) gerettet. Dann verschwindet Robinson, und es gibt Verdächtigungen, wer ihn ermordet hat. Schließlich taucht er wieder auf. Den Schlussteil erledigt MS sehr knapp, als hätte sie die Lust an der Sache verloren. Komisch, amüsant und sehr clever gemacht. Hab's gern gelesen. Die Charakterisierung der Leute durch ihre Sprechweise ist etwas übertrieben. Und dann dieser köstliche Damenton, es hat tatsächlich etwas Teekränzchenhaftes mit einem Schuß Schalk."
Im April 2005 folgte Mädchen mit begrenzten Möglichkeiten: "Brillant gemacht. Mädchenpensionat kurz nach Kriegsende 45. Liebevoll ironisierte Anmut. Zynismen, Plauderton, dann wieder Schärfe. Zum Schluss explodiert das amüsante, scharfzüngige, aber immer harmlose Buch, indem ein Blindgänger explodiert und das Haus Feuer fängt. Die eingeschlossenen Mädchen können durch eine Dachluke entkommen, die lange als mädchenhaft alberner Test für den Hüftumfang diente. Eine junge Frau, die zu Besuch ist, bleibt stecken, eine grotesk peinliche, überaus lächerliche Situation, aus der MS mit genießerischem Sadismus die Katastrophe entwickelt."
Mai 2005 Der letzte Schliff: "Souverän wie immer bei MS, unterhaltsam, spannend. In den Schlusspartien ungeduldig, die Sache wird regelrecht abgewickelt. Aber das macht sie ja öfter."
Diesen Roman habe ich im Juni 2010 noch einmal gelesen, als ich an einem Radiofeature über Internatsromane und selbst an einem Internatsroman, Die Schutzbefohlenen, schrieb. Abgesehen von diesem reizenden >Rückfall< endete meine Leseaffäre mit Spark im September 2006 mit In sturmzerzauster Welt, eine Sammlung verschiedener Texte Sparks über die Bronte-Schwestern, herumgebaut um Briefe der Brontes. Auf meiner Karte habe ich notiert: "Wie alles von MS mag ich auch dies."
Freitag, 11. Februar: Ian Morris
Wer regiert die Welt? gefällt mir trotz des ungeschickten deutschen Titels (Originaltitel Why the West rules - For Now) so gut, dass ich überlege, es in die Rubrik Beste!Bücher aufzunehmen. Manchmal schreibt der Autor zu flott und macht dann unfreiwillig eine komische Figur. Trotzdem ist er nicht auf diese mitleiderregend verkrampfte Art witzig wie manche Akademiker, die nicht schreiben können, aber trotzdem unterhalten wollen. Wichtiger jedoch ist, dass Ian Morris mit seinen Witzen die Sache nicht verscherzt, um die er sich in weitausgreifender Perspektive kümmert. Ich kriege buchstäblich Herzklopfen, wenn ich wortwörtlich lese, was er über zum Beispiel über die hominide Evolution schreibt. Ach, und diese erhaben ungeschichtliche Dauer, in der es beim Gebrauch einfachster Werkzeug blieb über tausende Generationen hinweg - ja, ja, wie die Unendlichkeit des Sternenhimmels. Und doch hatten Sternlein wie Menschlein einen Anfang. Und doch wird alles außer der Wurst ein Ende haben. Denn alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Das schreibt aber nicht Morris, das sagt Freund Mephisto im Faust.
Dienstag, 8. Februar: Candide, Morris, Seume, Spark
Voltaires Candide in die Hand genommen, da ich nun damit beginne, meinen Roman Candy oder Die unsichtbare Hand fertig zu stellen (21 Kapitel von 30 sind hier auf fackel kopf nachzulesen.) (Einschub vom 24.12.2011: nach der Veröffentlichung im Nov. habe ich die hier nachlesbaren Kapitel auf 15 reduziert.)
Außerdem mit Wer regiert die Welt? von Ian Morris begonnen wegen einer Rezension für den Tagesspiegel, und weil ich mich wieder einmal meiner alten weltgeschichtlichen Leidenschaft ergeben will. Ich beschäftige mich mit Universal- oder Welt- oder, wie ich heute sage, Globalgeschichte seit dreißig Jahren und habe etliches dazu gelesen, wenn auch nie systematisch. In den frühen 90ern wollte ich sogar mal eine "Globalgeschichtliche Studiengruppe" gründen. Doch hat es mir trotz (oder wegen?) des intellektuellen Interesses an praktischer Tatkraft gefehlt, und mein geistiges Einzelkämpfertum hätte sich mit >teamwork< beziehungsweise >teamstudy< wohl sowieso nicht vertragen.
Seume bleibt auf der >Agenda< (scheußliches Wort). Und Muriel Spark, in die ich seit Anfang der 2000er verliebt bin, wurde für ein Rendezvous aus dem Regal geholt.
Danielewski (4.2.) und Stevenson (12.1.) halten einstweilen die Klappe - und die Deckel geschlossen, werden aber nicht aus den Augen verloren.
Sonntag, 6. Februar: Seume
Nehme die Seume-Lektüre (12. und 22.1.) wieder auf für das Buch, das ich über ihn schreibe. Mein Leben, Spaziergang nach Syrakus im Jahr 1802, Mein Sommer 1805 - alles in der vortrefflichen, von Jörg Drews besorgten Werkausgabe des Deutschen Klassikerverlags.
Freitag, 4. Februar 2011: Danielewski
Während der Arbeit an einem Radiofeature über Hörbücher bin ich auf Das Haus von Mark Danielewski gestoßen. Katja Krause, die Programmleiterin des Audio Verlags (D.A.V.), hat mich bei einem Gespräch darauf hingewiesen. Zu diesem Roman gibt es bei D.A.V. ein Hörbuch, wenn man die ungewöhnliche Produktion einmal so bezeichnen kann. Es handelt sich um drei Hörspiele, die vom WDR nach der Romanvorlage produziert und zeitgleich auf verschiedenen Wellen ausgestrahlt wurden. Diese drei Hörspiele wurden auf eine DVD gepackt, und so kann man die Spiele nicht nur hintereinander hören, sondern auch zwischen ihnen hin und her hüpfen (oder >switchen<) oder Pfaden durch dieses Haus des Hörens folgen.
Den Roman habe ich mir in der gebundenen Ausgabe von Klett-Cotta (2007) gekauft. Das ist so ein Monsterwolpertinger, an dem man lange herumliest, mit dem man monatelang beschäftigt ist. Da ich Strukturfanatiker bin, mag ich Aufgehäuftes normalerweise nicht, diese stoffvollen Allerhandbücher, wo nie recht klar ist, warum was da eigentlich drin steht, wo statt Architektur nur ein Steinbruch zu finden ist. Ich bin gespannt, ob Das Haus gearbeitet ist oder bloß vollgestopft. Die Dickromane von David Foster Wallace leiden - sehr im Unterschied zu seinen Präzisionserzählungen und Reportagen - auch unter dieser amerikanischen Fresssucht. Wenn so ein Produkt >Kult< wird, kaufen es viele, aber wenige lesen es ganz. Ich wette meine Lesebrille (die ich nicht verlieren kann, weil ich keine habe), dass höchstens hundert Leute Infinite Jest ganz gelesen haben, und dass unter diesen Leuten kein einziger Literaturkritiker ist. Literaturkritiker haben keine Zeit zum Lesen, die müssen schreiben. Ich kenne keinen Literaturkritiker, keinen einzigen, der oder die zum Beispiel Musils Mann ohne Eigenschaften gelesen hätte, ich meine vollständig, also langsam, Wort für Wort, Satz für Satz, gelesen, nicht gehört während langer Autofahrten, sondern wirklich und wahrhaftig und buchstäblich vollständig selbst gelesen. Wie wenig lange es her ist, dass ich das von mir selbst behaupten kann, habe ich unten am 22. Mai 2010 erzählt.
Was die DVD vom Haus betrifft, die ist ein auditives Vergnügen, das für sich allein funktioniert - wobei ich mich gleich selbst tadeln muss, ein so schönes Wort wie >Vergnügen< so hässlich >funktionieren< zu lassen.
Freitag, 28. Januar: Simenon
Als ich alt war, ein Tagebuch von Georges Simenon. Vorwort: "1960, 1961 und 1962 fühlte ich mich aus persönlichen Gründen oder aus Gründen, die ich nicht kenne, alt und fing an, diese Hefte zu schreiben." Ich habe es zum ersten Mal im Sommer 2002 gelesen, in dem Sommer, in dem mein erster Roman erschien, Desaster, und in dem ich an einem zweiten schrieb, Sieben Leben, der fertiggestellt, aber nie veröffentlicht wurde. Auf meiner Lesekarte zu Simenons Buch notierte ich: "Mochte es sehr. Aber trauen kann man ihm wahrscheinlich nicht."
Ich werde übers Wochenende ein wenig im Text spazierengehen und es dann wieder auf die Bücherstapel mit Tagebüchern legen, die ich eine Zeit lang gesammelt habe, und die jetzt im Flur herumlungern und die Wände hochwachsen, weil in den >offiziellen< Regalen kein Platz für sie ist. Meine Simenon-Romane, es sind wohl sieben oder acht, nur ein Maigret darunter, stehen dagegen dort, wo sie hingehören, chronologisch eingeordnet (nicht alphabetisch, um Himmels Willen) in die Abteilung mit französischer Literatur.
Donnerstag, 27. Januar: Daniel Bell
Aus >gegebenem Anlass<, der amerikanische Soziologe Daniel Bell ist im Alter von 91 Jahren gestorben, habe ich sein Buch Die nachindustrielle Gesellschaft aus dem Regal gezogen. Das amerikanische Original stammt von 1973. Ein deutsche Neuausgabe erschien 1985. Ich habe das Buch damals ausführlich für die taz besprochen, oder sollte ich eher schreiben: referiert. Wie fein und sachlich sauber ich da gearbeitet habe. Jetzt wäre mir beinahe ein >noch< entschlüpft. Muss ich mich fragen, ob ich heute nicht mehr >fein und sachlich sauber< arbeite? Ich denke, ich leiste es mir, obwohl man es sich eigentlich nicht leisten kann, wenn man vom Journalismus leben muss. Aber es wollte mir nie recht gelingen, diese routinierte Professionalität auszubilden. Deshalb bin ich Schriftsteller geworden. Hat aber auch nichts geholfen.
In meinen "Handelsmappen", wo alles, ich muss es leider zugeben: wirklich ALLES abgeheftet ist, was ich an Artikeln jemals geschrieben habe, in diesen Mappen fand sich zwischen dem Schreibmaschinenmanuskript meines Artikels von 1985 und dem taz-Beleg auch ein Honorarscheck. So etwas Romantisches gab es damals noch: Honorarscheck. Den kriege ich heute nur noch von der VG-Wort. Der Scheck belief sich auf 150 Mark. Für eine ganze Zeitungsseite, eine taz-Seite noch dazu, die damals noch richtig schön kleingedruckt war.
Ach, der graue Nebel der Nostalgie sinkt über die inneren Felder. Das ist nicht gut, oioi, das ist nicht gut. An die Arbeit!
Samstag, 22. Januar: Seume
Mein Leben von Seume, begonnen 1809, abgebrochen durch Seumes Tod im Juni 1810. Der erste Satz: "Das Missliche einer Selbstbiographie kenne ich so gut als sonst irgend jemand ..." Spätestens, allerspätestens seit dem Anton Reiser von Karl Philipp Moritz, einer als "psychologischer Roman" indizierten >Selbstbiographie<, der eine Generation zuvor erschienen war, konnte dieses >Missliche< an der Selbstbeschreibung nur noch von selbstverliebten Memoirenschreibern übersehen oder übergangen werden. Forciert gesagt: In der literaturgeschichtlichen Phase, in der die Autobiographie sich von der marktfähigen zur marktgängigen Gattung verfestigte, wurde diese Gattung literarisch und psychologisch problematisch. Seume allerdings scheint zu glauben, mit genügend Mut zur Aufrichtigkeit ließe es sich schon richten: "Niemand kann doch besser wissen, was an und in ihm ist, als der Mann selbst, wenn er nur redliche Unbefangenheit und Kraft genug hat, sich zu zeigen wie er ist."
Donnerstag, 13. Januar: Stevenson
Die Bösebubengeschichte vom Master gefällt mir. Stevenson hats ja überhaupt mit den Schurken, dem Mr. Hyde etwa oder dem wunderbaren Lump von Koch, Long John Silver. The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde habe ich zum erstenmal 1985 gelesen und zuletzt im August 2010. Siehe hier die Eintragung unter dem 25. August 2010, wo auch meine Kartennotiz von 85 zitiert ist. Treasure Island habe ich im Oktober 2006 gelesen und auf meiner Lektürekarte notiert: "Glasklar geschriebene, streng portioniert aufgebaute Abenteurergeschichte. Das Auftauchen der ersten Seeräuber in der Hafenspelunke, die die Eltern des Jungen - Jim Hawkins - betreiben. Die Ausfahrt, die Meuterei, die Schatzinsel, die Kämpfe auf der Insel, die Rückfahrt. Der einbeinige Schiffskoch Long John Silver mit seinem Papagei >Käptn Flint<, nach dem Piratenkapitätn, der den Schatz vergraben hat. Silver wechselt mehrmals die Seiten, er ist der einzige von den Meuterern, der davonkommt und auf der Rückfahrt sogar mit Beute fliehen kann. Die Geschichte ist in Ich-Form von Jim erzählt, mit Ausnahme von drei Kapiteln im vierten Teil. Das ermöglicht Stevenson die Fiktion von >Augenhöhe<. Der Roman ist für Jungen geschrieben" - tut mir leid, Mädels, aber es ist so - "und indem er Jim erzählen lässt, der natürlich wesentlich zum Erfolg der Schatzjagd beiträgt, ermöglicht er bruchlose Identifizierung des jugendlichen Lesers mit der jugendlichen Hauptfigur. Die faszinierendste Gestalt ist Silver: eine hinterhältige Variante der Undurchschaubarkeit des Erwachsenenverhaltens aus der Perspektive eines Jugendlichen."
Mittwoch, 12. Januar: Seume, Stevenson, Sen
Kein Murakami mehr. Keine nassen Batzen mehr von den Bäumen. Die Stadt knirscht unter den Schuhen. Der Vortrag vom Pferd (8.11.2011) ist fertig erzählt.
Ich beginne mit der systematischen Lektüre sämtlicher Schriften von Johann Gottfried Seume, über den ich ein Buch zu schreiben habe, und freue mich auf die Kehre zurück ins 18te Jahrhundert (siehe dazu Kapitel 1 meiner Autobibliographie unter Babel & Co).
Als Betthupferl lese ich von Robert Louis Stevenson Der Master von Ballantrae in der sehr hübschen Ausgabe des mare Verlages. Ich werde sie nach der Lektüre in der Abteilung Beste!Bücher vorstellen. Aber zunächst folgt dort Sens Buch über Gerechtigkeit (19.12.ff), dessen Lektüre ich am Wochenende abschließen werde.
Samstag, 8. Januar 2011
Immer noch Murakami, immer noch Sen. Oder schon wieder? Zwischenzeitlich habe ich für einen Vortrag viel nach- und herumgelesen. Der Vortrag heißt: "Vom Pferd erzählen. Taktische Bemerkungen zu narrativen Tricks in Literatur und Film." Sogar den Pferdeflüsterer habe ich mir aus der Bibliothek geholt, Buch und Film, um die Anfänge zu vergleichen.
Draußen fällt immer noch in nassen Batzen der Schnee von den Bäumen. Oder schon wieder? Wälder und Felder stehen im Nebel.
Fr., 31. Dez. 2010 - So., 2. Jan. 2011: Murakami, Sen
Immer noch Aufziehvogel und Die Idee der Gerechtigkeit. Tauwetter. Draußen fällt in nassen Batzen der Schnee von den Bäumen.
Sonntag, 19. Dezember: Murakami, Sen
Aufziehvogel zieht sich hin und mich auf. Ich weiß: Never make jokes with names. Aber der Roman langweilt mich, und ich beginne, zu schmökern, also querzulesen. Das Schmökern ist die unterste Ebene des literarischen Lesens, wenn man die Ebenen nach dem bestimmt, was beim Lesen an Komplexität wahrgenommen wird. Es gibt Texte, die man auch schmökern, und Texte, die man nur schmökern kann. Tolstoi kann man auch schmökern. Dann begnügt man sich im Großen und Ganzen mit dem Verfolgen der Handlung und dem Einfühlen in die Figuren. Nur schmökern kann man z.B. diese vampirinische Biss(chen) Literatur, die bei jungen Hühnern und älteren Dummerchen seit einiger Zeit en vogue ist. Da braucht man nicht unter die Oberfläche des Textes zu gucken, weil es darunter nichts gibt.
Wenn ich mich beim Schmökern ertappe, breche ich normalerweise die Lektüre ab. Denn Texten, durch die man surfen kann, fehlt jene ästhetische und intellektuelle Dichtequalität, die für mich das Lesen interessant macht. Literarisches Lesen ist gerade nicht >Kino im Kopf<, wie auf den Plastiktüten schlechter Buchhandlungen und in den Klappentexten der von ihnen vekauften schlechten Bücher behauptet wird.
Mit Sen komme ich langsam voran. Musste das Buch tagelang liegen lassen. Es gefällt mir, weil mich die dort entwickelten Gedanken überzeugen. Elegant geschrieben ist es nicht.
Freitag, 9. Dezember: Murakami
Ja, er macht das schon toll. Es nervt mich aber trotzdem. Wenn in einem Dialog zum Beispiel jemand zwischen zwei Sätzen ein Glas Bier einschenkt, und der Schaum im Glas aufsteigt. Warum wird das erwähnt? Warum dieser Satz, warum viele dieser Sätze? Weil es >lebendig< wirken soll, lebendig wie im wirklichen Leben. Man soll sich >identifizieren< und mit den Romanleutchen in der Küche sitzen. Könnte man wahlweise hochnäsig oder herablassend sagen: Mit Personal sitzt man nicht in der Küche, auch nicht mit dem von Romanen.
Ich setzte die Lektüre von Sens Die Idee der Gerechtigkeit (1.11.) fort.
Dienstag, 7. Dezember 2010: Murakami & Ishiguro
Nach Manzonis Verlobten schnappe ich Murakamis Mister Aufziehvogel. Ich mag dicke zeitgenössische Literatur nicht, dieses fette, fettige Erzählen, das die Dummerchen unter den Kritikern und -innen als >prall< zu bezeichnen pflegen. Die Literatur ist nicht >prall<, genauso wenig, wie das sogenannte Leben >prall< ist. Wenn ich zum Beispiel daran denke, welche rezensierenden Damen sich beglückt über die Lebensprallheit und >Intensität< dieser Hegemann (weiß heute noch jemand, wer das gestern war?) geäußert haben: Ältliche Leutinnen in bürgerlichen Umständen, gern professoral verheiratet. Sei's drum. An den japanischen Aufziehvogel muss ich jetzt ran. Er ist ein Beispiel für jenen Typus, den man als >Roman ohne Eigenschaften< bezeichnen könnte, also für Weltliteraturprodukte, die kulturell global codiert sind. Auch Ishiguros Romane gehören zu diesem Typ.
Ach, und auf dem Schreibtisch wartet geduldig Pascal (8.9.).
Freitag, 26. November: Manzoni
Bin an Manzonis Verlobten oder Brautleuten, wie in einer neuen Übersetzung betitelt. Sauberes Personal: Ein edler Jüngling und seine keusche Braut; ein feiger Pfarrer, der die beiden nicht trauen will; ein adliger Schurke, der dafür sorgt, dass der Pfarrer sich und die Verlobten nicht traut; ein tapferer Kapuziner, der selbst einst Edelmann gewesen ist; der unaussprechliche Rechtsanwalt Azeccagarbugli, in schwarzem Talar und (wein)roter Nase, ein wahrer Clown der Jurisprudenz. Alles sehr romantisch und schönschinkig.
Donnerstag, 18. November: Mann, Manzoni
Buddenbrooks (28.10.) glücklich zu Ende gelesen. Schön war's, aber gut, dass es nun vorbei ist. Zum Abschied ein Griff in meine Lektürekartei. Über Mario und der Zauberer notierte ich 1981: "Die Sprache ganz nett (sie trägt Krawatten)." Des weiteren habe ich gelesen Tod in Venedig (1980), Der Zauberberg (1982 und 2007), Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1983), Lotte in Weimar (1987), Doktor Faustus (1999). Zur Wiederlektüre ziehe ich den Krull den anderen vor und zwischen ihnen heraus. Heute beginne ich mit Alessandro Manzonis Die Verlobten, aber danach wird gekrullt. Eigentlich hatte ich das nicht vor, bin aber verführt von meine eigenen 1983er Notizen:
"Krull, der Sohn eines bankrottierten und selbstgemordeten Sektproduzenten, von allzu einnehmendem Äußeren mit guten Manieren und großer Vorliebe für alles >Lebendige< und >Menschliche<, und vor allem mit einer ganz außerordentlichen Begabung zur Imitation, gerät durch glückliche Umstände in die hoffnungsvolle Lagen, den Doppelgänger, das zweite und sogar bessere Ich eines liebegefesselten Aristokraten zu machen.
Dies ermöglicht einen von Geburts- wie Aufsteigerdünkel freien Blick in die inneren Gemächer der Aristokratie. Die andere Form des sonderbaren Innen-Außenblicks, nämlich aufs Bürgertum Frankfurts" - ich habe von 1977 bis 1982 in Frankfurt gelebt - "aufs Bürgertum Frankfurts hat mich allerdings weit mehr fasziniert. In Frankfurt drückt sich der deklassierte Bürgersohn an den Schaufenstern der Nobelgeschäfte die Nase platt, unternimmt auch die ersten Schritte (sozusagen trainingshalber) zu einer Wiederangleichung an die bessere Gesellschaft. Gerade die Harmlosigkeit seines Blicks ergibt eine feine Ironie, die gleichzeitig die betrachtete Welt und den Betrachter in ein dubioses Licht rückt. Durch dieses Arrangement kann Mann eine bezaubernde und unterhaltliche (selbstverständlich in keiner Weise gefährliche) Kritik am Bürgertum üben, die in gewisser Weise, da vollzogen übers Medium des deklassierten Bürgerkindes, Selbstbkritik des Bürgertums ist. Aber: Gleichzeitig wird sehr deutlich, dass Selbstkritik des Bürgertums eigentlich ihrem Begriff nach unmöglich ist. Sie nimmt hier die eigentümliche Form der Hochstapelei an. "
Sonntag, 7. November: Buddenbrooks, Hitler, Elser
Halb amüsante, halb widerwärtige Passagen über die 48er Revolution in Lübeck. Das Volk ist bloß Canaille. Wenn ich das in diesem ironischen, doch immer auch leicht bräsigen Roman lese, und wenn ich es ergänze durch die blasierten Unterhosen-Einträge, die Thomas Mann nahezu zwei Jahrzehnte nach Abfassung der Buddenbrooks in sein Tagebuch geschrieben hat, als 1918 in München Revolution war, wenn ich so diesen Mann mit sich selber kreuze, dann wird mir wohlig heiß vor Ressentiment, dann fühle ich mich wunderbar jakobinisch, leninesk und bolschewistisch zugleich. In der Vergangenheit wurde für alle Zukunft bewiesen, dass man Königen den Kopf abschneiden und dass man den Zar mitsamt seiner Familie einfach ermorden kann, und dass es gut ist, wenn von Zeit zu Zeit die Soldaten ihre Offiziere erschlagen (ich rede nicht von der gegenwärtigen Bundeswehr - in der Rubrik Was wäre wenn gibt es dazu zwei ganz anders orientierte Einträge).
In historischer Perspektive jedenfalls war es gut, dass es die Revolution von 1789 gegeben hat, trotz der Verheerungen durch die Terreur und durch den napoleonischen Nationalimperialismus.
Es war gut, dass es die Oktoberrevolution von 1917 gegeben hat, auch wenn sie eher ein Putsch als eine Revolution gewesen ist und der Traum von einer besseren Gesellschaft durch einen Bürgerkrieg hindurch zu einer Modernisierungsdiktatur (Elektrifizierung, Industrialisierung, Alphabetisierung) führte, von dort zu einer perversen Mischung aus bürokratischem Wahn, politischer Angst und Personenkult und von dort zur Erstarrung der Sowjetgesellschaft bis zum endgültigen Zusammenbruch.
Es war gut, dass es die Revolution von 1918 gegeben hat, auch wenn sie nicht weit genug ging und die zwölf Jahre des >Tausendjährigen Reichs< nicht verhinderte. Vielleicht hätten ein paar Morde mehr (an der alten Elite, an Hindenburg, an den Aristokraten, die später auf Hitler schworen, noch später seine Truppen in den Weltkrieg führten und als es zu spät war nicht einmal eine Kofferbombe ordentlich zünden konnten, was heute jeder Gotteskrieger an der Bushaltestelle schafft), vielleicht hätten ein paar Morde mehr oder ein Bürgerkrieg in den Jahren 1918-20 der Hitlerei und ihren Massenmorden historisch den Boden entzogen. Aber das gehört eigentlich auch in die Rubrik Was wäre wenn.
Übrigens: Meine innere Warnsirene für geäußerte Meinungen heult Alarm. Es gibt heilige Kühe (heilige Hengste oder heilige Herrenreiter wären wohl richtigere Ausdrücke), über die man besser nichts ihrer Würde Abträgliches schreibt, will man nicht selbst als würdelos verschrieen werden. Also eine persönliche Ehrenerklärung zur persönlichen Tapferkeit des Grafen: Ich stelle sie nicht in Abrede. Nur kam sie moralisch zu spät und war politisch nichts wert.
Aber jedem seine Helden. Mir ist der Elser lieber, wenn ich ihn auch nicht auf den Sockel stellen würde als Säulenheiligen wegen seiner Pfeilerbombe im Bürgerbräukeller. Doch kriegt er jetzt endlich ein Denkmal, ein Menschenalter nach seiner verrückten, leider missglückten Tat. Über Elser habe ich in Hi Hitler schon geschrieben, über das Denkmal werde ich noch schreiben.
Von den Buddenbrooks zu Elser: Wohin man von Mann-Lektüre so getrieben wird beim Schreiben.
Dientstag, 2. November
"Literaturstudenten geben ohne Umschweife zu, noch nie einen Roman >ganz< gelesen zu haben. Fotokopierte Exzerpte der Sekundärliteratur haben das Buch verdrängt, der Genuß des Lesens ist der informatorischen Lektüre gewichen."
Liest sich wie Gejammer auf der Höhe der Zeit, stammt aber aus dem Jahr 1980 und steht im Waschzettel zu Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher.
Montag, 1. November 2010: Buddenbrooks, Amartya Sen
Zu Gast bei Buddenbrooks. Ich fühle mich dort nicht wohl. Der Aufenthalt in den Salons und Speisezimmern der Familie macht mich ungeduldig zum Suppenterrinen Zerschlagen.
Mit dem neuen Gerechtigkeitsbuch des indischen Wirtschaftswissenschaftlers Amartya Sen begonnen. Habe 2000 seine Bücher Der Lebensstandard (Rotbuch) und Ökonomie für den Menschen (Hanser) gelesen. Ein paar Jahre zuvor schon Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation (Clarendon Press, Oxfort). Dort lernt man, dass Hungersnöte keine Naturkatastrophen sind, auch wenn das >in den Medien<, diesem großen Tal der Ahnungslosen, immer wieder behauptet wird. Ich las das Buch in Zusammenhang mit meiner Vorbereitung für einen Themenschwerpunkt über Hunger in dem bis 1999 bei Wagenbach erscheinenden Freibeuter, dessen Redakteur ich damals war. Dieses Heft, Nr.71, erschien 1997.
Sen ist weder Marxist noch Sozialdemokrat noch >Neoliberaler< - und auch unbeeindruckt von angeblich objektiven empirischen Größen, die sonst unter den Fachleuten und auf den Podien herumgereicht werden, wie z.B. das Pro-Kopf-Einkommen. Das sagt über die Wohlfahrt einer Nation (um es mit Adam Smith zu sagen, den Sen besonders schätzt) oder einer Klasse oder einer Schicht oder einer Region nichts, rein gar nichts aus.
Sen lesen heißt, sich mit Hilfe der Wirtschaftswissenschaft gegen die Mythen und Ideologien der Wirtschaftswissenschaftler und die davon abgeraspelten veröffentlichten Meinungen wappnen.
Donnerstag, 28. Oktober: Buddenbrooks
Ich lese es zum zweiten Mal. Die erste Lektüre muss über dreißig Jahre her sein, denn es gibt dazu in meiner Lektürekartei keine Karte. Die älteste Karte zu Mann stammt vom Mai 1980 und ist Tod in Venedig gewidmet. Also muss ich Manns ersten Roman vor dem Anlegen meiner Lektürekartei gelesen haben. Den Tod in Venedig habe ich seinerzeit als "Buch zum Film" gelesen, sozusagen, Viscontis Film. Ich sehe wie heute vor mir, wie Gustav Aschenbach eine Erdbeere ißt und sich danach die Lippen mit einem weißen Taschentuch abtupft. Und aus dem Off symphoniert Mahler.
Mittwoch, 27. Oktober: Nana
Roman fertig, Nana tot. Zola drapiert die Leiche ins Sterbebett und zieht ihr ein eitriges Clownsgrinsen übers blattternzerfressene Gesicht. Unten auf der Straße tobt die kriegsbegeisterte Menge, und wie Nana wird auch das innerlich verfaulte Kaiserreich zugrunde gehen. Die Ärmste wird zum Sinnbild des Landes, dabei war sie doch nur eine höhere Hure. Und dass Zola ihre Mithuren um den Leichnam versammelt ist von komischer Aufdringlichkeit, auch wenn er es tragisch gemeint hat. Die Herren Liebhaber übrigens stehen unter dem Fenster auf der Straße und trauen sich nicht herauf.
Flaubert hat nach der Lektüre in einem Brief an Zola geschrieben: "... zum Schluss der Tod Nanas ist ganz Michelangelo!" Man sollte auf der Hut sein, wenn Literaten Literaten loben.
Insgesamt hat mir der Roman wieder sehr gefallen. Es wird dennoch kein Wiedersehen geben, denn er gehört nicht, wie etwa die beiden großen Romane Tolstois, zu den unausschöpfbaren Büchern, zu diesen literarischen Brunnen, in die mit den Jahren, den zeit- wie den lebensgeschichtlichen, immer wieder die Wasser des Sinns nachlaufen.
Das war jetzt aber kitschig. Nichts wie weg.
Montag, 18. Oktober: Eliot, Todsünden, Nana
Middlemarch abgeschlossen. Das Todsündenbuch von Kleinberg (12.10.) in Arbeit. Morgen beginne ich mit Nana von Zola. Habe es Anfang der 80er zum erstenmal gelesen. Ich erinnere mich, dass mich die Lektüre damals gefesselt hat. Dennoch lese ich in meinen Notizen - aber was heißt >dennoch<? Manchmal halten Faszination und Kritik auch Händchen. Jedenfalls schrieb ich damals auf meine Lektürekarte:
"Alles in allem gibt es keinen inneren Zusammenhang. Alles geschieht, weil es geschehen könnte, dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit wird gehuldigt, die innere Notwendigkeit existiert nicht als gesellschaftliche Realität, sondern als abstrakte Vorstellung (Mischung aus Milieu- und Erbtheorie), die es dann immer wieder zu illustrieren gilt. Deshalb auch die Zuflucht zu gewissen allegorischen Tricks."
Oh Mann. Wie naseweis man als junger Hund sein kann. Mal sehen, ob der alte den guten Zola nach der Lektüre noch genauso bebellt.
Mittwoch, 13. Oktober: Virginia Woolf über George Eliot
Lese Aufsätze Woolfs über Jane Austen, Charlotte und Emily Bronte und George Eliot. Die Eliot mag sie nicht, und ich glaube, sie verachtet sie ein wenig - mit jenem gelassenen Ressentiment, das kluge Leute aus besseren Kreisen dem aggressiven Ressentiment kluger Leute aus schlechter Familie entgegen zu bringen pflegen. Eliots Großvater war Zimmermann. So etwas hebt Woolf hervor. Zum Schluss ihres Essays gibt sie sich Mühe und zollt der Eliot Anerkennung: " ... denken wir an alles, was sie wagte und erreichte [...] so müssen wir ihr Rosen und Lorbeer, soviel davon zu schenken nur immer in unserer Macht steht, aufs Grab legen." Aber auch dabei, nicht wahr, beugt man sich hinab.
Dienstag, 12. Oktober: Middlemarch, Michael Krüger, Sünden
Weiter mit Eliots Roman, voller kostbarer, köstlicher Stellen: "Die junge Frau [Dorothea Brooke, die weibliche Hauptfigur] war entschieden zu jung, um schon das furchterregende Stadium im Leben einer Ehefrau erreicht zu haben - es sei denn, sie wäre farblos und ohne eigenes Gesicht gewesen und hätte alles wie selbstverständlich hingenommen."
"Aber er [der Arzt Lydgate, die männliche Hauptfigur] hatte [nach einer gescheiterten Liebe] mehr Grund, seinem Urteil zu trauen, als je zuvor, nun, da er so erfahren geworden war; und von nun an würde er die Frauen streng wissenschaftlich betrachten und keine Erwartungen hegen, die nicht von vornherein begründet sein würden."
Wer weiß, vielleicht kriegen die zwei sich? Aber Doro Brooke ist doch verheiratet. Schon, aber ihr Mann ist viel älter, und das dritte Buch, in dem ich mich gerade aufhalte, heißt "Warten auf den Tod" - von wem wohl?
Freue mich darauf, für die "Schönen Schinken" auf Dekameron für Leserinnen den Artikel über Middlemarch zu schreiben.
Heute Abend zu einem Empfang für Michael Krüger, Leiter des Hanser Verlages, in die Landesvertretung Rheinland-Pfalz anläßlich seiner Auszeichnung mit dem Joseph-Breitbach-Preis. Normalerweise gehe ich zu "sowas" nicht hin, auch nicht zu Autorenlesungen ohne Schnittchen und Empfang. Aber manchmal müssen die Bären aus der Höhle.
Epsteins Plapperbüchlein über den Neid (7.10.) beendet, mit Aviad Kleinbergs Buch über die Todsünden begonnen.
Donnerstag, 7. Oktober: Middlemarch, Neid
Ich finde sie großartig, und obwohl ich den Horizont ihrer Weltsicht ablehne - sie hätte sogar beinahe diesen Herbert Spencer geheiratet, den unseligen Erfinder des "survival of the fittest" - bewundere ich den scharfen Verstand und die scharfe Zunge und die Nadelfeder von George Eliot, vulgo Mrs. Marian Evans.
Mit der Lektüre zum Thema Todsünden begonnen: Zuerst ein Büchlein von Joseph Epstein, das ich für den Tagesspiegel rezensieren werde. Außerdem steht auf meiner Brotliste (siehe dazu die Bemerkungen zum Xylophon in Babel & Co) ein Radio-Essay für den NDR über die Todsünden. Und dann überlege ich, ob ich nicht mit Furor und Feuer ein Buch schreiben soll:
Das Läster- und Lasterbuch. Zornige, maßlose, neidische, gierige, geile, oberfaule und überhebliche Tiraden gegen Zorn, Maßlosigkeit, Neid, Gier, Wollust, Faulheit und Hochmut.
Vielleicht sollte ich 100 Leserinnen und Leser suchen, von denen jede und jeder mir 100 Euro vorstreckt, damit ich es schreiben kann? Dafür gibt es dann auch nur diese 100 spezialgefertigten Ausgaben. Oder es wird sündig nummeriert: Für gierige 150 Euro gibt es das hochnäsige Exemplar Nr. 1, für 149 Euro das Exemplar Nr. 2, und so weiter, bis zum Exemplar Nr. 100, das für 50 Euro zu haben wäre, oder für 51, glaube ich, wenn man richtig rechnet.
Ist das jetzt ein Scherz oder eine Aufforderung zur Subskription?
Das hängt von Ihnen ab!
Montag, 4. Oktober 2010: Henry James, Middlemarch
Die Drehung der Schraube von James gelesen (siehe Beste!Bücher). Sonst kenne ich nur Daisy Miller, das ich im Juli 86 gelesen habe, wie ich meiner Lektürekartei entnehme, außerdem das erste Kapitel der Europeans, und ein paar Aufsätze aus Die Kunst des Romans. Darin habe ich gestern auf dem Weg zur Oper (Metanoia, Schlingensief) den Text über George Eliots Middlemarch gelesen. Wenn ich den Tom Jones zu Ende gelesen habe, was heute passiert, werde ich sofort mit Middlemarch beginnen. Habe Mitte der 90er mal, ausgerechnet auf einem Betriebsausflug des Wagenbach Verlags (war damals gerade frisch als Redakteur des 1999 eingestellten Freibeuter engagiert) mit der englischen Ausgabe einen Versuch gemacht. Meine Reclam-Ausgabe hat 1172 Seiten, und ich habe dafür zwei Wochen.
Mittwoch, 28. September: Kleist
In einem meiner Notizbücher bin ich auf folgende Notiz über Kleist (14.8.) gestoßen: "Was mich an Kleist abstößt, das merke ich jetzt, nachdem ich nach dem Kohlhaas auch die anderen >großen< Erzählungen gelesen habe, ist sein HINAUSWOLLEN, er will stets auf etwas hinaus. Was mich anzieht an ihm ist der Berichtston ..."
Die Notiz stammt vom April 2006, aus der Entstehungszeit meines Romans Die Vergeltung. Ich glaube, die gegenwärtige deutsche Literaturmarktlage ist durch die Dominanz von Texten geprägt, die >auf etwas hinaus wollen<, zugleich aber keinen Wert auf den gezügelten Einsatz sprachlicher Mittel legen, sondern barock tun, >prall erzählen<. Präzisionsarbeit ist bei den meisten Ankäufern in den Verlagslektoraten nicht gefragt. Man schlage in einer beliebigen Buchhandlung eine beliebige Neuerscheinung aus einem beliebigen Verlag an einer beliebigen Stelle auf - schon hält man einen Beweis für meine Behauptung in den Händen unter die Augen.
Dienstag, 27. September: Nietzsche über Pascal
Armer Pascal (22.9.): "Was wir am Christentum bekämpfen? Dass es die Starken zerbrechen will, dass es ihren Mut entmutigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnot verkehren will, dass es die vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts kehrt, gegen sich selber kehrt - bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmisshandlung zugrunde gehen; jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgibt."
Mittwoch, 22. September: Jenseits von Gut und Böse
Jetzt bin ich auf Nietzsche gekommen. Dabei ruht Pascal weiter mit geschlossenem Deckel auf meinem Schreibtisch (8.9.)
Ich finde diesen frühpensionierten Baseler Stubengelehrten lustig. Leider sind einige Seiten meiner uralten Goldmann-Ausgabe von Jenseits von Gut und Böse mit brunonischen Bemerkungen und Unterstreichungen aus dem Jahr 1977 verunziert. Einige dieser Randbemerkungen beziehen sich kurioserweise auf Lenz von Peter Schneider, das ich damals gerade mit unverhältnismäßiger Begeisterung gelesen hatte.
Nietzsche rät, die Peitsche mitzunehmen, wenn Mann >zum Weibe geht<. Bertrand Russel hat dazu bemerkt, neun von zehn Frauen hätten Nietzsche die Peitsche weggenommen. Wie gesagt: Nietzsche ist lustig: "Das Weib hat so viel Grund zur Scham: im Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflächliches, Schulmeisterliches, Kleinlich-Anmaßliches, Kleinlich-Zügelloses und -Unbescheidenes versteckt - man studiere nur seinen Verkehr mit Kindern! -, das im Grund bisher durch die Furcht vor dem Manne am besten zurückgedrängt und gebändigt wurde."
Wirklich interessant ist Nietzsche dort, wo er, vom Hass auf seine Zeit getrieben, dem Denken und Meinen dieser Zeit in die Eingeweide greift.
Dienstag, 21. September: Jones
Habe die Notizen meiner Erstlektüre gefunden und weiß jetzt, wann genau das war: Im September 1990. Damals habe ich den Fehler gemacht, meine Notizen nicht, wie heute wieder, auf Karteikarten zu schreiben, sondern in den Computer zu tippen und auf Disketten zu speichern. Auf Disketten, die heute kein Mensch, ich meine: kein Computer mehr lesen kann. Zum Glück war ich trotz der damals neumodischen Disketten so altmodisch, zusätzlich Papierausdrucke anzufertigen und abzuheften. Im Ordner mit den Ausdrucken meiner Notizen zu Büchern des 18. Jahrhunderts habe ich nun die über Tom Jones. Die Geschichte eines Findlings wiedergefunden. Deshalb weiß ich jetzt, dass meine letzte Lektüre genau zwanzig Jahre zurück liegt.
In diesen zurückliegenden zwanzig Jahren habe ich viel gelesen (ob ich viel gelebt habe, tut hier nichts zur Sache), und so ist der Roman, mit dem ich es heute zu tun habe, ein anderer als der, den ich damals in Händen wiegte. Er ist sozusagen mit seinem Leser gewachsen. Und da ich nicht annehme, dass ich in weiteren zwanzig Jahren Fieldings Findlingsgeschichte ein weiteres Mal lesen werde, ist die aktuelle Lektüre nicht nur eine Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten, der sich sehr verändert hat, sondern auch ein Abschied.
Samstag, 18. September: Fielding, Hopkins
Tom Jones, Tom Jones, Tom Jones. Sonst nichts. Nur zwischendurch ein ganz klein wenig Hopkins (siehe dazu den Eintrag vom 20. März 2010, an dem dieses Bücher!Tagebuch begonnen wurde).
Mittwoch, 8. September 2010: Knochenarbeit, Seume, Bove, Pascal, Tom Jones
Lese Seume. Was keine Knochenarbeit ist, ganz und gar nicht. Knochenarbeit war die Lektüre des Dummbuchs Knochenarbeit von Frank Hertel. Mehr dazu in der Rubrik Sarrazo.
Bove (19.7.) liegt weiter auf Eis, d.h. auf dem Ofen, d.h. auf dem Stapel auf dem Ofen, in dem - im Stapel, Herrgott - seine Bücher auf mich warten. Bevor ich den Ofen anschmeiße werde ich wohl nicht mehr dazu kommen, sie hintereinander zu lesen und muss sie ins Glied zurückschicken, will sagen ins Regal zurückräumen. Nur eine kleine Erzählung, die vor Jahr und Tag broschiert in Katharina Wagenbachs Friedenauer Presse erschienen ist, konnte ich zwischendurch lesen.
Pascal liegt weiter auf dem Schreibtisch, mit einem Bleistift zwischen den Seiten an der Stelle, an der ich die Pensees verlassen habe - oder mich die Gedanken.
Dafür hüpft mir der schöne Schinken Tom Jones (15.8. und 26.8.) weiter in den Händen.
Montag, 30. August: Carmen
Habe Prosper Merimées Carmen gelesen, zum zweiten oder dritten Mal. Und zum ersten Mal in einem Zug (auf dem Sofa), während der raschen kurzen Reise völlig begeistert.
Donnerstag, 26. August: Tom Jones
Man gleitet dahin auf dem Text, wundert sich über die Figuren, wundert sich über das Leben, wundert sich über die Moral, wundert sich womöglich über sich selbst.
Meine Notizen zu meiner ersten Lektüre sind verschwunden. Ich machte damals den Fehler, statt Karteikarten Disketten zu beschreiben. Mit word 5.0, das war noch nicht die dotcom-, sondern die .text-Zeit. Ich habe die Diskette mit meinen Lektüreaufzeichnungen zur Literatur des 18. Jahrhunderts zwar gefunden, aber mein aktueller Compi ist arg auf der Höhe der Zeit und hat gar kein Laufwerk mehr für Disketten, der spricht nur noch mit CDs und DVDs. Sein Vorgänger nimmt zwar die Disketten noch an, versteht aber die Welt in txt auch schon nicht mehr. Und den Vorgänger des Vorgängers, auf dem die Aufzeichnungen seinerzeit entstanden sind, habe ich ausgemustert. Es lebe die Karteikarte, das Notizheft, die Zettelwirtschaft. Man muss von der Hand in den Kopf leben.
Mittwoch, 25. August: Stevenson, Hamvas
Das Buch von Sarrazin (15.8.) vor ein paar Tagen zu Ende gelesen, ganz, aufopferungsvoll Zeile für Zeile. Dazu der Hinweis auf den "Offenen Brief an Thilo Sarrazin", den ich schon vor Monaten in die Rubrik Offene Briefe gestellt habe. Am kommenden Montag werde ich in Babel & Co mehr zu dem Buch und der programmierten Aufregung darüber sagen.
Den Gesprächsband mit Eco und Jean-Claude Carrière (15.8.) zu Ende gelesen. Unterhaltsam. Aber auch ein bißchen bräsig. Alte Herren plaudern, das Geplauder wird mitgeschnitten, abgetippt, redigiert - und schon haben wir wieder ein Buch.
Stevensons Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde liegt bereit. Zum ersten Mal 1985 gelesen. Damals notierte ich auf meine Lektürekarte: "Viktorianische Seelenspaltung, moralische Spaltung. Durchaus nicht der arme Doc, der Opfer selbstloser Experimente wird. Schon die Operationen Jekylls sind - für sich genommen - ethisch problematisch. Formal wird stark mit Briefen, Aufzeichnungen, schriftlichen Hinterlassenschaften gearbeitet. Gegen Ende etwas langweilig, besonders das >full statement of Dr. Jekyll<, zuviel Moralin. Allerdings die allerletzten Sätze wieder sehr aufregend: Das Verschwinden des Erzählers, denn Hyde schreibt niemals, würde sogar das von Jekyll Geschriebene zerreißen. Die Erzählung endet mit dem gänzlichen Verlöschen und Aufgehen Jekylls in Hyde."
Heute in der gestern gekommenen Nummer 75 des Schreibheft ein >Selbstinterview< des ungarischen Schriftstellers Béla Hamvas (1897-1968) gelesen. Das Schreibheft ist die einzige Zeitschrift, die ich abonniert habe. Lettre International, das ich ebenfalls regelmäßig lese, kaufe ich am Kiosk. Hamvas:
"Ein einsamer Mensch ist jemand, der ein gesteigertes Bedürfnis nach Zusammenleben hat. Einsamkeit heißt, mit sich selbst das durchzuspielen, was man eigentlich mit anderen spielen sollte."
"Die Spannung zwischen Schreiben und Leben wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts unerträglich."
"Nach G. Eliot [ihrem Roman Middlemarch wird der dritte Abschnitt der "Schönen Schinken" im Dekameron für Leserinnen gewidmet sein] ermöglicht das Schreiben dem Menschen, die Verzweiflung über sein Ich mit dem Vergnügen zu verknüpfen, das ihn mit dem Leben außerhalb seines Ichs verbindet."
Sonntag, 15. August
Muss mir aus schreibhygienischen Gründen, die ich nicht explizieren mag, die Herzen in Aufruhr (9. August) versagen. Sie würden mich zu sehr von meinem Roman Zepernick ablenken.
Lese in dem gerade erschienenen Gesprächsband mit Eco herum: Die große Zukunft des Buches.
Nächste Woche muss ich mich um ein Buch von Thilo Sarrazin kümmern, das ich für den Tagesspiegel zu besprechen habe. Auf dem Programm bleiben weiter Pascal mit Goldmann (7.8. und 3.8.), der schon bereit gelegte Stapel mit Bove-Büchern (19.7.) und außerdem Stevensons Jekyll und Merimees Carmen wegen des Dekamerons für Leserinnen.
Und dann steht mir Tom Jones von Henry Fielding bevor, worauf ich mich sehr freue, denn die erste Lesung des Romans vor vielen Jahren hat mich beglückt. In meiner Bibliothek trauert neben der deutschen eine englische Ausgabe. Ich verstehe sie nur schlecht, denn ich bin sprachlich nicht begabt. Mithin bin ich auf die Übersetzung angewiesen, zumal es sich bei Mr. Fieldings Englisch um eines des 18. Jahrhunderts handelt.
Samstag, 14. August: Kohlhaas
Lese den Kohlhaas. Zum fünften Mal.
Zum ersten Mal las ich es mit fünfzehn oder sechzehn. Ich kann mich irritierend genau an die Umstände erinnern. Die großformatige Broschur mit der Novelle, genauer hat man wohl - wie Kleist selbst - von Erzählung zu sprechen, stammte aus der Schulbibliothek der Kaufmännischen Realschule, die ich damals besuchte (dazu das Kapitel "asdf jklö" meines Buches Das Bildungsprivileg - dies aber nur, weil Klappern zum Handwerk gehört). Ich sehe mich auf einer der Holzbänke der >Bembel< sitzen, so hieß im Fahrschülerjargon der Schienenbus, mit dem Kohlhaas in der Hand. Als Schüler fand ich den Text schwer; was klüger war, als ich damals wissen konnte. Als Student fand ich ihn leicht; was dümmer war, als ich damals wissen wollte. Heute finde ich ihn sehr schwierig.
Zur zweiten Lektüre im Mai 1984 gibt es Aufzeichnungen. Ich habe damals begleitend das Textbegehren des "Michael Kohlhhaas" von Helga Gallas gelesen. Die (diskursanalytische) Theorie interessierte mich seinerzeit mehr als der Text, heute ist es umgekehrt. Theorien auf literarische Texte appliziert langweilen mich.
Das dritte Lesen fand im Oktober 1997 statt. Auf meiner Lektürekarte steht seltsam verblüfft, als ob ich dem Text zum ersten Mal begegnet wäre: "Unerhört gut, spannend, mit enormer Geschwindigkeit, keine Faxen, keine Psychologie; Handlung, beobachtender Stil, einige seltene Szenen, die bildlich hervortreten."
Das vierte Mal habe ich den Text im Juni 2006 während der Arbeit an meinem Roman Die Vergeltung gelesen, dessen zentrales Thema wie das im Kohlhaas die Rache ist. Mein >Protagonist< (scheußliches Wort) Michael Keller teilt den Vornamen und die Initialen mit Michael Kohlhaas.
Montag, 9. August: Thomas Hardy
Ich beschließe, bevor ich mich auf Bove stürze, von Hardy Herzen in Aufruhr zu lesen, was die kitschige deutsche Titulatur für Jude, the Obscure ist. (Ich weiß: Es gab einen Vorabdruck des Romans unter dem Titel Hearts Insurgent. Dann ist Herzen in Aufruhr eben die kitschige deutsche Titulatur nach der kitschigen englischen Titulatur des Vorabdrucks.)
Außerdem den Kohlhaas.
Sonntag, 8. August: Steinbeck
Die Prachtschurkin Cathy (7.8.) hat nun also Selbstmord begangen. Der Roman hat noch fünfzig Seiten zu leben. Cathy wird vom Erzähler in den Mund, genauer: in den Sinn gelegt: "Ja, am allerschönsten war, dass sie, wenn sie zu sein aufhörte, niemals gewesen sein würde."
Samstag, 7. August: Steinbeck, Adorno, Pascal
Jenseits von Eden läuft gegen das Ende zu. Die böse Cathy hat Arthritis, die von ihr verlassenen Zwillingsbrüder sind Halbstarke geworden. In Europa ist Krieg. Will, der Sohn des inzwischen verstorbenen Samuel Huntington (3.8.), verdient mit Bohnen eine Menge Geld. Wenn man mit vielen Soldaten Krieg führt braucht man auch viele Bohnen. Sie, also die Bohnen, sind robust und verderben nicht so schnell. Wenn Amerika in den Krieg eintritt, was ziemlich sicher ist, seit deutsche U-Boote amerikanische Schiffe versenkt haben, wird das Auswirkungen auf den Preis der Bohnen haben. Will kauft die Bohnen den Farmern ab und verkauft sie doppelt so teuer an die Proviantmeister der Armee weiter, bevor auch nur eine Bohne gepflanzt ist.
Steinbeck mag die Menschen, die Leute, und er macht sie >bigger than life<. Früher war das den Königen und anderen sog. hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Gegen die ästhetische Idealisierung der normalen Leute ist also schon deshalb nichts zu sagen. Zumal die normalen Leute die Kundschaft des Schriftstellers in der modernen Zeit sind. D.h. waren. Denn die modernen Zeiten sind dahin - jetzt haben wir's schon seit drei Jahrzehnten postmodern; und die normalen Leute lesen keine Bücher mehr, jedenfalls nicht mehr genug, vor allem nicht mehr gut genug. Die literarische Halbkennerschaft der gewöhnlichen Leserinnen und Leser beginnt sich zu verlieren. Andererseits hatte das große Publikum von John Steinbeck damit vermutlich auch nichts am Hut. Die Leute haben geschmökert - und fertig.
Ich lese ein bißchen Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno, aber nicht aus Seelenbewölkung, sondern weil es darin ein Kapitel über die Juliette des Marquis de Sade gibt, die meine nächste prächtige Schurkin im Dekameron für Leserinnen wird.
Zu Pascal habe ich als Parallellektüre nun mit Lucien Goldmanns Der verborgene Gott begonnen. Während meines Studium beschäftigte ich mich mit der >marxistisch strukturalistischen< Romansoziologie Goldmanns. Die Studie über Pascal (und Racine) las ich damals jedoch nicht. Hole das nun nach, bevor ich von Pascal zu Montaigne zurückspringe, dann wieder von Starobinski unterstützt wie schon bei Rouseau (siehe 16.6.) Starobinskis Montaigne Buch war Gegenstand einer meiner ersten Rezensionen, erschienen in der taz. Ach - fort mit der Nostalgie und hin an die Aufgaben des Tages, wozu beispielsweise die Lektüre der Fahnen des für Ende August angekündigten Buches eines gewissen Sarrazin gehört (siehe meinen offenen Brief an denselben in der entsprechenden Rubrik).
Und den Michael Kohlhaas von Kleist werde ich nächste Woche auch lesen.
Dienstag, 3. August 2010: Steinbeck, Pascal, Goldmann
Vom Steinbeck die Hälfte gelesen, mit Vergnügen. Die Umfänglichkeit schreckt mich nicht mehr. Ich mag es, auch wenn mir seine Heroisierung der Samuel Figur auf die Nerven geht. Sentimental. Cathy wiederum ist eine prächtige Schurkin. Die Art, wie der Erzähler sich mit seinen Weisheiten an manchen Kapitelanfängen zu Wort meldet, gefällt mir ebenfalls. Sie amüsiert mich.
Pascal amüsiert überhaupt nicht. Er jagt seinen Lesern einen Schreck ein, einen Heil losen, und zwar mit voller Absicht. Habe Lucien Goldmanns Der verborgene Gott (über Pascal und Racine) aus einem hinteren Regalwinkel gezogen und den Staub abgepustet.
Freitag, 30. Juli: Steinbeck
Nach einer Eskapade mit Shakespeares Othello und dem Einleitungskapitel des Shakespeare-Buches von Stephen Greenblatt nun wieder Jenseits von Eden. Ich scheue wie ein Pferd vor einem Hindernis, merkwürdig. Die schiere Fülle des Werks geht mir auf die Nerven, bevor ich überhaupt wirklich mit der Lektüre angefangen habe. Dabei gefallen mir die knapp 50 Seiten, die ich bisher gelesen habe, sie gefallen mir sogar sehr. Auch die Früchte des Zorns, die ich in den 90ern gelesen habe, hatten mir seinerzeit sehr gefallen. Vielleicht ist es so, dass ich nur bei den absoluten Großmeistern die Geduld zum Epischen aufbringe, bei Tolstoi zum Beispiel. Aber ich werde mich schon >einarscheln<, wie die Bayern sagen, wenn sie sich einen Platz zurecht setzen, ich werde mich schon hineinwickeln ins Steinbeck-Gewebe.
Mittwoch, 21. Juli: Rousseau
Das Rousseau-Buch von Starobinski zu Ende gelesen. Zu meiner Freude stelle ich fest, dass ich nicht mehr mit ihm, Rousseau natürlich, sympathisiere. Als Bürger hat man >vernünftig< zu sein, also Voltaireianer, obwohl Voltaire ein Schloch war. Rousseau war aber auch ein Schloch. Der eine von oben herab, der andere von unten hinauf. Dem mittleren Menschen, der nicht richtig oben und nicht richtig unten ist (sozial, mental und intellektuell), sind meistens die oberen Schlöcher lieber. Hier macht sich das Ressentiment gegen das Ressentiment geltend - die aufbegehrende Sklavenseele muss aber Ressentiment haben, sonst kann sie nicht aufbegehren. Eben das zeigt sich in den Schriften, den >Diskursen<, dem aufgeregten literarischen >Hin- und Herlaufen< Rousseaus.
Für die Enzyklopädisten - Diderot ist mir der liebste, und vielleicht sollte man als vernünftiger Bürger doch kein Voltaireianer sein, sondern Diderotist; Voltaire ist dem Friedrich von Preußen ins Schloss und ins Schloch gekrochen, Diderot mochte nicht mal den Hausmantel tragen, den ihm die Katharina von Russland schicken ließ.
Jedenfalls: Für die Enzyklopädisten konnte Rousseau nur ein Hergelaufener sein, ein Überraschungsgenie aus dem sozialen Nirgendwo.
Wie verschaffe ich mir aus dieser Position der verachtungsvollen Anerkennung heraus mein Recht?
Das war Rousseaus Aufgabe, an der er sich in seinen Schriften ein Leben lang abgezappelt hat. Zum Schluss, vom Verfolgungswahn gepeinigt, schreit er - er schreit es mit Tinte: Ich brauche euch nicht! Ich bin allein! Ich bin allein mir selbst genug! Aber er schreit es so laut und so lange, bis alle es hören (und es keiner mehr hören will).
Dienstag, 20. Juli: Steinbeck
Habe aus der Bibliothek Jenseits von Eden ausgeliehen, weil in meinem Regal bei den Amerikanern kein Platz mehr ist für dicke Dinger. Werde erst diesen Roman lesen, bevor ich auf Bove und dessen gestern aufgelistete Bücher zurückomme. Boves Meine Freunde (übersetzt von Handke) muss ich mir noch kaufen. Außerdem weiterhin Rousseau und Pascal (siehe 7. Juli).
Montag, 19. Juli: Bove
Durch ein Geschenk (Danke Più) bin ich auf Emmanuel Bove aufmerksam gemacht, beziehungsweise wieder an ihn erinnert worden. 1998 habe ich Die Falle (von 1945) und Flucht in der Nacht (1945) gelesen. Die Falle hat mich besonders beeindruckt. Ich habe damals auf einer meiner Lektürekarten notiert:
"Der junge Maler und Journalist Bridet, der sich nach der Besetzung Frankreichs zu de Gaulle durchschlagen will, fährt nach Vichy, um sich über alte Freunde, die kollaborieren (oder nur so tun?) Papiere zu besorgen. Er ist frei, etwas zu tun, kann aber nicht wissen, was er tut, weil es ihm unmöglich ist, die politischen, administrativen und persönlichen Verhältnisse zu durchschauen. Er wird einfach im Getriebe hin- und hergeschoben, hat Angst, demütigt sich, begehrt wieder auf, schwankt zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Alles bleibt undurchdringlich, auch für den Leser. Diese Undurchdringlichkeit ist nicht abgründig wie bei Kafka, sondern ziemlich banal, eine Art kleinkarierter Undurchdringlichkeit. Deshalb ist Bove näher an der Wirklichkeit als Kafka, der genau genommen Märchen und Parabeln geschrieben hat. Zum Schluss gerät Bridet in ein Internierungslager, wird als Geisel ausgewählt und erschossen."
In meinen Regalen stehen noch Die Verbündeten (1927) , Journal geschrieben im Winter (1931) und Colette Salmand (posthum 1999). Das mir geschenkte, hübsch gemachte Bändchen, heißt Schuld (1932) und ist auf Deutsch 2010 im Lilienfeld Verlag erschienen. Es handelt sich um eine Kammerspielvariante von Dostojewskis Schuld und Sühne (oder in der - besseren - Übersetzung durch Swetlana Geier Verbrechen und Strafe). Bove verengt das Thema gekonnt auf die knappe Seele seines Protagonisten. Den Bezug auf den Dostojewski-Roman macht Bove im Originaltitel deutlich: Un Raskolnikoff, Ein Raskolnikoff, nach dem Helden in Schuld und Sühne.
Mittwoch, 7. Juli 2010
Ich habe Zepernick wiedergelesen. Es gefällt mir, und ich mache mich beschwingt ans Fortschreiben dieses Romans, den ich fürs Fertigschreiben eines anderen Romans (Die Schutzbefohlenen) unterbrochen hatte.
Aber ich muss mich am Riemen reißen. Dies ist - leidergottseidank - kein Schriftsteller-, sondern ein Lesertagebuch.
Mache mir weiter mit Pascal Gedanken, lese weiter Rousseau und Starobinskis Rousseau-Buch. Mehr nicht, denn das ist mehr als genug.
Auf meinen Bahnfahrten schnäbele ich am Varamo von Aira (siehe auch 23. Juni), den ich demnächst in der Rubrik Beste!Bücher vorstellen werde.
Freitag, 25. Juni
Immer noch Joycens Künstler-als-junger-Mann mit einer höllisch gut gemachten Höllenpredigt.
Im Weischedel die mir vorgenommenen Einträge gestern alle gelesen, zusätzlich den über Thomas von Aquin, den dicken Scholastiker - ich meine nicht den Leibesumfang, obwohl der beträchtlich gewesen sein muss, sondern den Umfang seiner Schriften.
Ich freue mich auf Rousseau und Pascal und Monti - nicht Montgomery, obwohl der eine Kriegsgeschichte geschrieben hat, die in meinem Bücherregal schon lange auf Zuwendung wartet, sondern Montaigne.
Von Starobinski gibt es neben dem schönen Buch über Rousseau auch eines über Montaigne, und eines über Montesquieu. Das Montaigne-Buch habe ich vor langer, langer Zeit, Mitte der 80er, für die taz besprochen - eine meiner ersten Rezensionen. Ich war unter 30 und traute mir noch. Ach Jugend, lange schon bist du dahin. Jetzt rollt das Äpfelchen des Daseins auf der anderen Seite den Berg hinunter, wurmstichig vom Zweifel.
Mittwoch, 23. Juni
Gestern habe ich mir ein Buch gekauft! Während einer Vortragsreise in München. Das kommt selten vor. Ich meine nicht die Vortragsreisen nach München, obwohl die auch nicht so oft vorkommen, sondern, dass ich mir ein Buch kaufe. Meine Zimmer sind voll. Aufenthaltsgenehmigungen für Zuwanderer werden nur noch selten erteilt. Jetzt hat ein Argentinier eine bekommen: César Aira mit Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo, in diesem Jahr bei Wagenbach erschienen. Konnte dem Titel nicht widerstehen und der hübsch >Gemachtheit< der Ausgabe. Auf dem Rückflug habe ich aber nicht Aira gelesen, den heb ich mir auf für ein stilles Stündchen, sondern zum zweiten Mal Muriel Sparks Der letzte Schliff. Ich mag Spark. Sie schreibt immer so nett, und unter der Nettigkeit ist sie eine ganz Raffinierte. Wie sie zum Beispiel am Beginn dieses kleinen Romans >den Schauplatz aufbaut<, das ist von einer jesuitischen Hinter..., aber das sagt man nicht über eine Dame.
Weischedels 34 große Philosophen in Alltag und Denken. Mag ich sehr. Stammt von Mitte der 60er Jahre. Unterhaltsam und klar geschrieben. Habe früher schon die Kapitel über Hegel, Schopenhauer und Nietzsche gelesen. Jetzt über Sokrates, den ich noch nie leiden mochte, Platon, Pascal. Demnächst über Rousseau, Kierkegaard, Marx und Russell.
Letzte Woche das Manifest der Kommunistischen Partei wieder mal gelesen. Grandios. Geschichtsphilosophie mit der Axt. Die an den Stamm der bürgerlichen Gesellschaft gelegt wird, ja, ja. Gleichzeitig Lobgesang auf eben diese bürgerliche Gesellschaft, die alle menschlichen Verhältnisse auf Geldverhältnisse reduziert und so die alten Abhängigkeiten zerstört. Das >Dumme< an der Geschichte ist aber die Philosophie. Die Geschichte philosophiert nicht, sondern passiert. Es gibt keine Naturgesetze des sozialen Handelns. Mithin gibt es keine Naturgesetzlichkeit der sozialen Evolution, im Unterschied zur biologischen, und auch keine der sozialen Revolution.
Mittwoch, 16. Juni: Rousseau
Mit Jean Starobinskis Rousseau-Buch begonnen. Von Rousseau selbst bereit gelegt Rousseau richtet über Jean-Jacques, eines der wenigen Werke, die ich von ihm nicht gelesen habe. Sogar den alten Emil habe ich gelesen. Ganz! Von vorn bis hinten! Nur die alte Neue Heloise habe ich bisher nicht über mich gebracht. Zu lang. Zu langweilig. Zu viele Tränen. Erotische Bücher sind solche, die man beim Lesen mit einer Hand hält - hat Rousseau geschrieben. Sentimentale Bücher halten die Leute auch mit einer Hand, um die andere frei zu haben fürs Taschentuch. Man könnte auch in der einen Hand die Heloise halten und in der anderen den Gesellschaftsvertrag. Dann hätte man wenigstens Grund zum Heulen, denn der Gesellschaftsvertrag gehört zu den Schreckensbüchern des Totalitarismus.
Rousseau hat mich immer angezogen und aufgeregt. Das hinzuschreiben fällt mir schwer wie nur sonst ein >Bekenntnis< und ist mir aufrichtig peinlich, um es mit dem rousseau'schen Pathos der Selbstentblößung zu sagen.
Aber genug davon!
2012 wird Rousseaus 300ster Geburtstag begangen. Gestern hatte ich die "Offre de souscription" eines neuen Oeuvres complètes. Édition du tricentenaire im Briefkasten, 21 Bände. Die spinnen, die Gallier. Vielleicht liegt darin der Grund, warum sie es nicht mögen, wenn sie künftig statt mit 60 erst mit 62 in Rente gehen sollen. Zwei Jahre weniger Zeit, Rousseau zu lesen.
Ich bin kein Franzose, bloß Franke, und fang jetzt schon mal an.
Samstag, 12. Juni 2010
Jakob von Gunten gelesen, dito die Empfindsame Reise und Sternes Tagebuch für Eliza. Jetzt Joyce Künstler als junger Mann. Nächste Woche Rousseau. Pascal muss derweil ruhen. Aber das hält der schon aus. Außerdem bleibe ich meistens brav in meinem Zimmer. Von Pascal werde ich mich zurücktasten und Montaigne lesen; nach Montaigne vielleicht einen Sprung nach vorn machen zu Schopenhauer.
Samstag, 29. Mai: Jakob von Gunten
Robert Walsers >Erziehungsroman<, Roman über die Erziehung zur Selbsterniedrigung, gegeben in Gestalt des Tagebuchs des Zöglings Jakob von Gunten, aus gutem aristokratischen Hause, der sich selbst dem schäbigen Institut Benjamenta ausliefert, um Diener zu werden. Lese das Buch zum dritten Mal. Letzte Lektüre vor drei Jahren. Anlass vergessen. Womöglich >einfach nur so<, denn ich gehöre zu den verantwortungslosen Menschen, die am liebsten >einfach nur so< lesen, was Kritiker und Lektoren, Verleger und Professoren niemals tun und dürfen, die vielgefragten, vielgeplagten Funktionsträger und Verantwortungsschlepper des Literaturbetriebs.
Außerdem lese ich mit einer gewissen Genugtuung hauptsächlich an einem gewissen Ort weiter im Sterne (22. Mai). Entschluss, die bei Galiani herausgekommene Neuübersetzung der Sentimental Journey in die Rubrik Beste!Bücher aufzunehmen und bald die dem Tagesspiegel versprochene Kurzbesprechung zu schreiben. (Auch ich also! Siehe den Absatz zuvor. Sogar den Gunten lese ich wie einige andere in letzter Zeit hier erwähnten Bücher mit vordergründigen Hintergedanken, denn ich möchte und muss und darf über den Internatsroman ein Feature für das geschätzte DeutschlandRadio schreiben. Dies wiederum ist ausgelöst durch den Roman Die Schutzbefohlenen, an dem ich gerade schreibe, über den ich aber nicht schreibe, denn hier wird gelesen.)
Donnerstag, 27. Mai: Blaise Pascal
Ich beginne mit der Lektüre der Gedanken von Pascal. Seit 25 Jahren steht eine Ausgabe in meiner Bibliothek und wartet. Ich habe sie nie am Stück gelesen. Aber jetzt ...
Mittwoch, 26. Mai: Unterm Rad, Markusevangelium
Gestern Hesses Rad zu Ende gelesen. Die ersten Seiten taugen erzählerisch nichts, weil Hesse über den Kleinstadtphilister und die Schwarzwaldbiederkeit herfällt - wogegen (vielleicht) nichts zu sagen ist, nur hat Abbürsten nichts mit Erzählen zu tun. Das Abbürsten müsste, wenn schon, durch eine Figur erledigt werden, nicht vom Erzähler, der hier noch dazu nicht >figuriert< ist. Der Autor entrüstet sich höchstpersönlich und macht sich so eines erzählerischen Amtsmissbrauches schuldig.
Der übrige Text ist klar und gut erzählt und wird nur gelegentlich von moralisch-didaktischen Fingerzeigen unterbrochen. Ich habe als Jugendlicher wie viele Jugendliche meiner Generation Hesse gelesen, den unvermeidlichen Steppenwolf, den Siddharta, Unterm Rad damals schon einmal, Narziss und Goldmund. Bevor ich zum Glasperlenspiel kam war ich satt. Unterm Rad würde ich heute zu seinen besten Sachen rechnen. Die berühmten Bücher hält man als geistig gereifter Mensch nicht aus. Aggressiver gesagt: Wer als erwachsener Mensch heute Hesse >mit Gewinn< lesen kann, hat im Kopf nicht viel zu verlieren.
Gestern außerdem das Markus-Evangelium in der mitreißenden Übersetzung von Walter Jens.
"Denn aus dem Herzen,
der Seele tiefdrinnen,
kommen die bösen Gedanken,
im Herzen wohnen die Träume:
Unzucht, Diebstahl und Mord,
Ehebruch, Habgier, Gemeinheit,
Arglist und Wollust,
Neid, Lästerung, Hochmut und Torheit,
das böse Auge und die Narretei,
alles, alles kommt aus dem Innern des Menschen
und macht ihn schmutzig."
Samstag, 22. Mai
In den letzten Tagen gelesen: Herr der Fliegen von Golding, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil, angefangen Unterm Rad von Hesse, außerdem Laurence Sternes Empfindsame Reise. Sternes Tristram Shandy habe ich letztes Jahr mit viel Vergnügen gelesen. Mit Pausen allerdings, denn das Schrullige und Gezierte ist in zu großen Dosen nervtötend, und die mit abgespreiztem kleinen Finger vorgebrachten Anzüglichkeiten mögen damals für einen Pastor, der Sterne ja war, unerhört gewesen sein, wirken heute aber teetässchenhaft. Das Faszinierende an diesem Meisterwerk liegt darin, dass es die erzählerischen Möglichkeiten des Romans demonstriert, indem es die erzählerischen Möglichkeiten des Romans demontiert. Oder vulgärakademisch ausgedrückt: >dekonstruiert<.
Auch Musils Mann ohne Eigenschaften habe ich letztes Jahr zum ersten Mal vollständig gelesen. Die ersten 200 Seiten las ich schon einmal 1981 in Wien, als ich überlegte, ob ich nach meinem Grundstudium in Frankfurt am Main nach Wien oder nach Berlin gehen sollte. Zum Glück hat mich damals ein Professor aus dem Vorlesungssaal geworfen, als ich unangemeldet reingestiefelt bin, um mal testzuhören. Damit war Wien erledigt und die mentale Bahn frei für Berlin. Was wäre mir alles entgangen, wenn dieser Professor damals weniger unfreundlich und weniger borniert gewesen wäre. Vielleicht hätte ich dann >ordentlich< Germanistik studiert statt durcheinander - mal angemeldet, mal unangemeldet - Germanistik, Soziologie, Politologie, Philosophie, Religionswissenschaft und Geschichte. Dann wäre ich womöglich selbst Professor geworden und müsste jetzt en gros die öden Hausarbeiten von Studierenden lesen statt Sterne und Musil en detail.
Samstag, 15. Mai: Anna Karenina (Schluss)
An der Notiz auf der alten Karte (siehe 14. Mai) ist in soziologischer Hinsicht nichts zurecht zu rücken. Auch wenn es im Roman doch hin und wieder Arbeiter gibt, im Kulissenhintergrund oder als Symbolfiguren. Z.B. auf S.1143, sechs Seiten vor Annas Tod. Sie sieht den Mann von der Kalesche aus, in der sie zum Bahnhof fährt, um zu sterben, was sie in diesem Moment aber noch nicht weiß. "Sie warf einen Blick zur Seite [...] und erblickte einen tödlich betrunkenen Fabrikarbeiter mit pendelndem Kopf, den ein Schutzmann abkarrte."
Ja, und dann gibt es noch die Arbeiterbaracken (im Russischen sagte man im 19. Jh. >Kasernen<). Mit ihnen hat es eine besondere Bewandtnis. Es handelt sich um die Unterkünfte der Eisenbahnarbeiter. In einer dieser Unterkünfte wird Annas Leichnam auf einen Tisch gelegt. In ihrem Leben hatte sie immer wieder Albträume von >das Eisen schlagenden< Männern. Vor diesen Männern graute ihr als Frau und als Dame der besseren Gesellschaft. Und eben zu diesen Männern wird ihr Leichnam gebracht, nachdem sie sich unter den Zug gestürzt hat. Außerdem erleidet sie den gleichen Tod wie der Gleisarbeiter, der während ihrer ersten Begegnung mit Wronski von einem Güterzug überfahren wird (S.102).
Ich habe den Roman nun fertig gelesen, zum dritten Mal in meinem Leben, und hätte Lust, auf der Stelle mit der vierten Lektüre zu beginnen, um diesen neben Krieg und Frieden großartigsten aller großartigen Romane des 19. Jahrhunderts als Leser noch besser zu verstehen, auch wenn der Schriftsteller heute daraus nur noch Dinge lernt, die er nicht mehr gebrauchen kann - es sei denn als Konjunkturritter des epigonalen Erzählens. Die Romanepik des 19. Jahrhunderts ist angewandt auf das Leben zu Beginn des 21sten anachronistisch. Alles, was sich dieser Form heute bedient, ist trotz des Erfolgs am Markt, im Literaturbetrieb und bei der Leserschaft gemessen an den Meistern nicht einmal drittrangig. Und da Lesezeit Lebenszeit ist: Warum auf die nur im Umfang vielseitigen >Türme< der Gegenwart steigen, wenn man die Zeit mit Anna Karenina verbringen kann?
Freitag, 14. Mai: Sklovskij über Tolstoi
Die Anna Karenina-Kapitel bei Sklovskij zu Ende gelesen. Diese Biographie las ich zum ersten Mal 1998. Damals notierte ich auf meiner Lese(kartei)karte: "T. als Gutsbesitzer, der Bauer sein möchte, aber natürlich sein Land behalten will; als Herr, der auf der Seite des Volkes steht, aber ein Herr bleibt. Als Ankläger des Alten mit Furcht vor dem wirklich Neuen, mit Furcht vor der Revolution; also wendet er sich vom Alten zum ganz Alten zurück, als alles >noch< gut war (es war noch nie gut). Der Schriftsteller, in dessen Werk die Gesellschaft mit den Menschen zusammenprallt. Aber es gibt keine Intelligenzler in seinen Romanen, keine Beamten, keine Angestellten, vor allem keine Arbeiter. Überhaupt versteht er wenig von der Stadt."
Donnerstag, 13. Mai: Sklovskij über Tolstoi
In Viktor Sklovskijs Tolstoi-Biographie im Kapitel über Anna Karenina: Tolstoi "schaltet sich in die Telefonzentrale des gesamten menschlichen Denkens ein; wenn er den Hörer abnimmt, hört er den Lärm der Epoche."
Mir gefällt so etwas, obwohl die Metapher heute gleich doppelt anachronistisch wirkt, einmal nach hinten und einmal nach vorn. Nach hinten:
Während der Handlungs- und Entstehungszeit des Romans (die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts) gab es noch keine >Telefonzentralen<. Im Roman wird nicht telefoniert, sondern telegraphiert; bei Fürst Oblonski, Annas Bruder, ist das Telegraphieren eine Manie. Für Tolstoi ist die Zentralmetapher der modernen Zeit die Eisenbahn (siehe Eintrag v. 4. Mai).
Nach vorne:
Sklovskijs Biographie entstand knapp hundert Jahre nach Anna Karenina, in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals konnte für das Überkreuzen von inneren Gedanken und äußeren Diskursen, für den >Lärm der Epoche<, eine Metapher wie die von der >Telefonzentrale< als aktuell und angemessen gelten. Auf uns heutige Leser, weitere 50 Jahre später, wirkt das niedlich & nostalgisch. Man würde selbstverständlich zur Computermetapher greifen und von Vernetzung sprechen. Und selbstverständlich wäre man fest davon überzeugt, nicht nur auf der Höhe der eigenen Zeit, sondern auch auf der Höhe der Wirklichkeit zu sein. Aber die Wirklichkeit ist nicht metaphorisch.
Schon bald, wahrscheinlich dauert es nicht einmal 50 Jahre, wird den Menschen die Computermetapher des menschlichen Gehirns niedlich & nostalgisch vorkommen, nicht ganz so weit weg wie die olle Eisenbahn als Inbegriff modernen Zeiten, aber fast so weit weg wie die Telefonzentrale, wo gestern Frolleins das erledigten, was heute die Chips machen, über die morgen die Menschen lächeln werden.
Dienstag, 11. Mai: Kierkegaard, Tolstoi
Kierkegaard-Lektüre beendet. Die Krankheit zum Tode werde ich nicht mehr lesen. Und ich werde wohl nicht mehr zu ihm zurückkehren. Habe ihn ohnehin nur gelesen (und auch nur so lesen können) wie einen Schriftsteller, was für einen Philosophen immer beleidigend ist, auch wenn der Philosoph (wie SK) sich viel darauf zugute hält, zu schreiben wie ein Schriftsteller - oder wie Philosophen glauben, dass Schriftsteller schreiben (oder zu schreiben hätten). Schade, dass ich Die Wiederholung nicht dort habe, wo ich das hier schreibe, sonst hätte ich eine Passage zitieren können, die gut zu meinem Lesen (meiner Leserei) gepasst hätte.
Annas Katastrophe steht unmittelbar bevor. Herzzerreißend und bewundernswürdig, wie Tolstoi es schafft, dass sie dem Leser gleichzeitig schrecklich leid tut und schrecklich auf die Nerven geht. Dem Leser (ich glaube sogar auch der Leserin) geht es mit ihr beinahe wie es Wronski mit ihr geht. Und eben das schafft ein neues (ästhetisches) Missvergnügen, denn wer möchte schon mit einem Wronski Gemeinsamkeiten haben, nicht einmal Gemeinheiten. Dass Anna sich mit ihm eingelassen hat, gehört vielleicht zu dem, was man (oder hier doch eher: Mann) ihr am wenigsten verzeiht.
Dienstag, 4. Mai: Kierkegaards Wiederholung, Anna Karenina
Nach kurzem Zögern mit Die Wiederholung von S.K. begonnen. Um Die Krankheit zum Tode schleiche ich weiter herum. Habe es vor 25 Jahren schon einmal gelesen: Verzweifelt man selbst sein wollen, verzweifelt nicht man selbst sein wollen, verzweifelt nicht man selbst sein können etc.
Die Eisenbahn in Anna Karenina: Immer wenn sie im Text auftaucht, obwohl Lokomotiven zu schwer sind, um >auftauchen< zu können, selbst in Texten, also: immer wenn die Rede auf die Eisenbahn kommt, zerschneidet sie den Text, sät Zwietracht unter die Menschen, die sich über ihre Vor- und Nachteile nicht einigen können. Die Eisenbahn wird Annas Todesbote sein, und schrecklich rattert sie schon lange vorher immer wieder durch den Text.
Wie merkwürdig, dass Tolstoi auf einem Bahnhof starb.
Montag, 3. Mai: Schillers Glocke
Nachdem ich Das Lied von der Glocke zum erstenmal gelesen hatte, notierte ich: "Enzensberger hat mal ne Schiller-Werkausgabe zusammengestellt und dabei auf die Glocke verzichtet, weil sie seines Erachtens dem modernen Leser nichts mehr zu sagen hat. Ich stimme dem großen HME wie so oft auch hier nicht zu. Schillers idealistische Philosophie lässt sich an diesem sprachlich sehr flüssigen und rhythmischen Gedicht gut aufzeigen, auch fehlt es nicht an heute unverschämt anmutenden Tiraden gegen Pöbel etc., den man um Gottes Willen nicht loslassen darf, da er sonst alles niederreißt. Das Zurückschaudern vor den Konsequenzen der französichen Revolution kommt hier lyrisch zum Ausdruck. Mehr demnächst."
Köstlich. Das habe ich im Oktober 1980 geschrieben, ich war 23 Jahre alt. Bis zum "mehr demnächst" hat es fast 30 Jahre gedauert - bis zum Glocken-Beitrag für die "Pudelkerne" im "Dekameron für Leserinnen" den ich jetzt schreiben werde.
Samstag, 1. Mai 2010: Kierkegaard, Anna Karenina
Der Begriff Angst, von K. mit 31Jahren veröffentlicht. Befinde mich im letzten Kapitel. Mein Lieblingsabschnitt, obwohl das mit den Lieblingsstellen immer etwas Peinliches hat: "§ 2: Angst vor dem Guten (Das Dämonische)". "Das Dämonische schließt sich nicht mit etwas ein, sondern schließt sich selbst ein, und darin liegt das Tiefsinnige im Dasein, dass die Unfreiheit gerade sich selbst zum Gefangenen macht."
Anna stellt sich in der Gesellschaft bloß, Wronski ist genervt, Kitty kocht Warenja eine Art Himbeermarmelade (glaube ich), Lewin ist genervt. Lewins Halbbruder macht Kittys (irgendwie unangenehm heiligmäßiger) Freundin einen Heiratsantrag, vielleicht.
Bin in dem Romankoloss bis Seite 850 vorgestoßen. Und noch immer liegen nahezu 400 Seiten vor mir. Sklovskijs Tolstoi (21.4.) noch nicht wieder aufgeschlagen.
Mittwoch, 21. April: Faust, Kierkegaard, Hegel, Adorno, Anna, Sklovskij
Faust fertig. Ich auch. Da für mich die Hauptsache im Faust Mephisto ist, ist für mich der Zweite Teil (unten: 20. März) bloß Nebensache, denn dort hat Mephisto kaum was zu sagen, nur zu jammern, ganz zum Schluss, wenn dem armen Kerl die Seele streitig gemacht wird, die er sich mit so viel Fleiß redlich verdient hatte.
Vorgestern und gestern Furcht und Zittern von Kierkegaard: Abraham und das Absolute, die paradoxe Situation im Glauben. Habe es gelesen in Zusammenhang mit dem Roman, an dem ich schreibe, aber dies hier ist kein Schreiber-, sondern ein Lesertagebuch. Kierkegaards Dissertation (Über den Begriff der Ironie) hat mich mal sehr beschäftigt, als ich mich - vor annähernd 30 Jahren - mal sehr mit der romantischen Ironie beschäftigt habe. Ach, war das romantisch. Und ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich vor den höheren Ansprüchen von mir an mich geschämt habe, dass ich so romantisch war. Mir stieg die Schamröte ins Gesicht, als ich in Hegels Vorlesungen zur Ästhetik las, was er Ohrfeigen verteilend über die Romantiker schrieb, genauer: sagte, denn mitgeschrieben haben ja Hegels Hörer.
Zwei Jahre nach der Dissertation der existenzialistischen Kierke (schlechter Kalauer, zugegeben, never make joke with names) habe ich eine Dissertation über Kierkegaard gelesen, studiert, analysiert, nämlich die von Adorno, Konstruktion des Ästhetischen: "Den späten Philosophien, in denen das bei sich selbst gefangene Bewußtsein des Idealismus die eigenen Gefangenschaft erkennt und aus seiner Immanenz auszuweichen trachtet, ist eigentümlich, dass sie jeweils eine singuläre Kategorie, eine permanente Intention, einen markierenden Zug ausbilden, welcher unter der Herrschaft der Totalistätsidee, die sie allesamt noch anerkennen, deren Starrheit erweichen soll, schließlich aber die idealistische Konstruktion selbst erweicht, die in ihren Antinomien sich auflöst."
Wahrscheinlich muss man über 50 und der Universität vor langer Zeit entlaufen sein, um solche Sätze lustig zu finden. Vulgär zusammengefaßt und reduziert (doch kann man Sätze in der Philosophie nicht reduzieren wie die Soße in der Küche) bedeutet der Satz: In ihrer Spätphase treibt die idealistische Philosophie Einseitigkeiten und Marotten aus, mit denen sie die architektonischen Voraussetzungen des eigenen Systems so lange auf die Spitze treibt, bis sie abbricht.
Wenn das jetzt auch nicht viel verständlicher war, habe ich mein Ziel erreicht.
Die arme Anna übrigens liegt inzwischen sterbend im Kindbett, was ihrem Mann und ihrem Geliebten Gelegenheit zu tränenreicher Versöhnung bietet. Da das aber etwa in der Mitte des Romans stattfindet, der Roman also noch ein schönes Stück weiter gehen wird, wird auch Anna noch ein schrecklich (für sie) schönes (für uns) Stück weiter leben.
Habe mir Viktor Sklovskijs Biographie über Tolstoi aus dem Regal gezogen, und wieder wird mir nostalgisch romantisch ums Herz. Sklovskij gehört zu meinen Lieblingsautoren, und lange hätte ich gern so geschrieben, wie er in dem wunderschönen Zoo, oder Briefe nicht über die Liebe geschrieben hat.
Sonntag, 11. April
Unterschied zwischen dem sogenannten >gewöhnlichen< Leser (nicht abwertend) und dem vom Aussterben bedrohten literarischen Leser: Der gewöhnliche Leser simuliert lesend die Wirklichkeit - der literarische Leser destruiert lesend die Wirklichkeit. Der eine sucht die Realität, der andere flieht sie. Der Sinn für die >Literarizität<, also für die ästhetische Dimension eines Textes, für das, was einen literarischen von anderen Texten unterscheidet, dieser siebte ästhetische Sinn, dieser Textsinn hat eskapistische Züge.
Als Schüler träumte ich davon, >später<, damit meinte ích in der mir bevorstehenden Zukunft des Erwachsenseins und Arbeitenmüssens, irgendwo an einem Ort ohne Leid und Freud leben und nur lesen zu können.
Als Student habe ich mich für diese Neigung zum Eskapismus geschämt und viel mehr theoretische Texte gelesen als Romane, Erzählungen und Gedichte.
Allerdings hat mich die innere Stimmigkeit und die architektonische Schönheit von Theorien oder >Philosophien< stärker fasziniert als die Auskünfte, die dort vermeintlich über die Welt gegeben werden. Es irritierte mich, wie Leute auf die Idee kommen konnten, Hegel oder Marx oder Kant zu lesen, um nur ein paar Beispiele zu geben, oder Habermas oder Luhmann oder Foucault oder Derrida, und dann diese Ideen auf die Wirklichkeit >anzuwenden<. Diese Verwunderung über den >theoretischen Ansatz< ist heute noch so frisch wie in meiner Studienzeit. Wie kann man eine Theorie auf etwas >anwenden<? Als wären Begriffe die Henkel, an denen man Dinge packen und forttragen kann.
Samstag, 10. April: Barthes
Das Schreiben des Schriftstellers als Überlebensnotwendigkeit: "schreiben Sie, wenn es sicher ist, dass Sie zugrunde gehen würden, wenn Sie nicht schrieben". Als R.B. das im Winter 1979 niederschrieb war ich zweiundzwanzig Jahre alt, studierte im ersten Semester und hatte noch nie etwas von ihm gehört. Und ich schrieb.
Ich schrieb, wie ich damals glaubte und heute weiß, um zu überleben, um mich nicht umzubringen. Hätte ich aufgehört zu schreiben, was unter gewissen Bedingungen vielleicht möglich gewesen wäre, dann hätte es nur die Alternative gegeben: sich entweder um- oder es zu etwas bringen. Durch das Schreiben konnte ich sowohl das eine als auch das andere vermeiden. Es ist mir sogar gelungen, kein Journalist zu werden, obwohl es später eine Zeit lang danach aussah. Nun, im Herbst meines Mittelalters, beginnt die komödiantische Seite der Sache hervor zu treten. Es wäre ein spiralförmiges Vergnügen, alles noch einmal zu lesen - nicht das, um Gottes Willen, was ich geschrieben, sondern das, was ich schon gelesen habe.
Die Lektüre von Die Vorbereitung des Romans habe ich heute abgeschlossen. Und wenn stimmt, was ich gestern geschrieben habe, was heute natürlich schon nicht mehr zutrifft, hätte ich morgen Gelegenheit, im Konflikt zwischen Lesen und Schreiben das Schreiben zu wählen.
Freitag, 9. April 2010: Barthes, Anna Karenina
In seinen Vorlesungen, durch die ich mich treiben lasse, lese ich die Passage über die Konflikte zwischen dem Lesen und dem Schreiben. Ich hätte das heute gar nicht lesen dürfen, denn ich hatte zu schreiben. Mein schlechtes Gewissen wird durch die Amüsiertheit gemildert, die daraus resultiert, dass ich lese, dass ich nicht hätte lesen dürfen.
Gleichwohl werde ich mich nun beeilen, die Vorlesungen >hinter mich< zu bringen, damit ihre Lektüre mich nicht mehr vom Schreiben abhalten kann.
Wronski (siehe 20.3.) hat sein Rennen inzwischen hinter sich gebracht und seiner Stute durch einen unverzeihlichen Haltungsfehler beim Überspringen eines Hindernisses das Rückgrat gebrochen. In der Wirklichkeit hätte dieses >Pech< keine kausale Verbindung mit der Zukunft des Liebespaares Wronski - Karenina. Im realistischen Roman des 19. Jahrhunderts nimmt der Ausgang dieses Rennens symbolisch alles vorweg. Der Zug ist schon abgefahren.
Ostermontag 2010: Barthes
"Sobald derjenige, der schreiben will", schreibt Barthes, "den Raum des HOFFENS und BEGEHRENS oder die Phase des VORSATZES verläßt (manche verlassen sie nie: Amiel zum Beispiel), sobald er vom Schreiben zum Etwas-Schreiben übergeht, beginnen quälende Schwierigkeiten: Erwägungen, partielle, schwierige Enscheidungen, Drangsale des Willens und Begehrens, Zweifel, Entmutigungen, Prüfungen, Blockaden, Unklarheiten - eine regelrechte Pilgerfahrt beginnt, gleichsam der Weg seiner Initiation: Hindernisse, die zu überwinden sind."
(Hervorhebungen von R.B.)
Mir wird er jetzt, nach diesen ersten Einträgen, die Schwierigkeit klar, die darin besteht, dass die Einträge, wenn man ihnen von oben nach unten folgt, in einer Reihenfolge gelesen werden, die umgekehrt zu derjenigen ist, in der sie geschrieben wurden. Die Rückbezüge (z.B. Amiel, Ostermontag - Karfreitag) werden dadurch zu (unverständlichen?) Vorwegnahmen.
Sei's drum, alles nur Spiel.
Karfreitag: Barthes, Flaubert, Amiel
R.B. in der zweiten Vorlesung:
"Manchmal schmerzhfafte, manchmal sogar schwindelerregende Konfrontation des Begehrens zu schreiben [...] und des soziolkulturellen Dispositivs, in das es sich normalerweise einfügen muss, nämlich die Literatur als INSTITUTION oder GESCHÄFT [...] BEGEHREN ZU SCHREIBEN funktioniert wie eine soziale AUSGRENZUNG, eine Absonderung, die um so schwerer zu ertragen ist, als die Literatur als etwas Überholtes erscheint ..."
Dann zitiert Barthes einen Brief Flauberts an Colet vom Oktober 1846, Flaubert war damals Mitte Zwanzig:
"Und da ich nicht die Gewandtheit habe, mir Erfolg zu verschaffen, noch Genie, um Ruhm zu erwerben, habe ich mich dazu verurteilt, für mich allein zu schreiben ..."
Ich muss an Amiel denken und sein perverses Tagebuch, pervers nicht deswegen, weil darin Perverses steht, denn es steht nichts Perverses darin, sondern wegen seines schieren Umfangs. Es ist vermutlich eines der größten Aufzeichnungswerke, die je geschrieben wurden. Vor nahezu einem Vierteljahrhundert habe ich Auszüge gelesen, die bei Matthes & Seitz, damals noch in München, in einem Band zusammengestellt erschienen waren. Amiel praktiziert und beschreibt sein Schreiben als Hinauszögern des Werks, das zu schreiben er nicht fertig bringt. Mich hat das damals - auch in meinen eigenen Tagebüchern - sehr beschäftigt.
Was Axel Matthes betrifft. Er hat mir irgendwann Anfang der 90er gesagt, er interessiere sich in seinem Alter viel mehr für die Musik und den Tod als für Sex. Ich schämte mich damals (vor mir) dafür, dass ich ihn besser verstand, als zuzugeben (vor ihm) ich für angemessen hielt. Inzwischen bin ich selbst in einem Alter, in dem - außerdem ist heute Karfreitag.
Gründonnerstag: Barthes
Bin bei der zweiten Vorlesung in Die Vorbereitung des Romans (siehe 20.3.) Es wird viel um Proust gehen, was mich mehr interessiert als die Haikus in der ersten Vorlesung.
Die anderen Barthes liegen alle wieder auf ihrem Stapel in den (räumlich) höchsten Regionen meiner Bibliothek. Beschwert von einem Derrida und gestützt von Saussure. Und schon senkt sich wieder der Staub. Barthes Über mich selbst allerdings steht aufrecht in einer kleinen Abteilung mit intellektuellen Selbstbiographien, der Absicht Barthes zum Trotz, der keine intellektuelle Selbstbiographie schreiben wollte und auch gar keine geschrieben hat. Sein Buch über Michelet wiederum befindet sich in der Abteilung über die Französische Revolution, in direkter Nachbarschaft von Michelets Geschichte derselben. Und das Tagebuch der Trauer liegt im Flur auf dem Stapel, wo ich meine recht ordentliche Sammlung von Tagebüchern (nicht nur intellektuellen) aus Platzmangel untergebracht habe. So stehen mir all diese SchriftIche beim Selberschreiben nicht im Weg, sind aber dafür die ersten, die ich beim Betreten der Wohnung zu sehen bekomme. Manchmal höre ich sie auch, wenn ich den Schlüssel ins Schloss schiebe. Was für ein Geschrei, welch ein Durcheinander.
Sonntag, 28. März: Tarzan
Inzwischen bin ich mit meiner Lektüre so weit fortgeschritten, dass Jane im Dschungel ist und ihre Küsse auf seinen Lippen brennen, wie es an einer Stelle heißt. An einer anderen Stelle wird Tarzan, der ja der Sohn eines englischen Lords ist, in seinem Verhalten zu Jane auf eine Weise beschrieben, die passgenau ist zum heutigen genfetischistischen Mainstream-Diskurs:
"Es war das Merkmal seiner aristokratischen Geburt, das natürliche Ergebnis einer ihm durch Generationen vermittelten gediegenen Erziehung ..."
Man könnte die gute Meinung, die manche Leute aus den akademischen Mittelschichten von der geistig-genetischen Ausstattung ihrer Goldkinder haben, als "Tarzan-Prinzip" bezeichnen.
"... einer ihm durch Generationen vermittelten gediegenen Erziehung, ein ihm vererbter Instinkt für Höflichkeit, den auch ein Leben in ungeschliffener Anleitung und wilder Umgebung nicht hatte auslöschen können."
"In jeder Faser seines Wesens überwog das Erbgut die Erziehung" bei den Affen, "die ihm zuteil geworden war."
Das ist, in schlechter Literatur gut zusammen gefaßt, eine heute wieder gängige Haltung in den Diskussionen um die (idiotische) Alternative: Gen oder Umwelt.
Donnerstag, 25. März: Tarzan.
Amüsiert mich sehr. Über Kala, die Affenmutter des kleinen Lord Greystoke, vulgo Tarzan: "Ungeachtet ihres [jungen] Alters war sie groß und kräftig - ein prachtvolles, wohlgebautes Tier mit hoher, gewölbter Stirn, die mehr Intelligenz verriet, als die meisten ihrer Artgenossen besaßen. Daher war sie in hohem Maße fähig, wie eine Mutter zu lieben und zu bangen."
Armer Wronski (siehe 20.3.), immer noch wartest du darauf, dass endlich das Rennen beginnt. Doch Tarzan of the Apes läuft dir den Rang ab, alles zuliebe der Leserin meines Dekameron, der ich für nächsten Montag das Tarzan-Kapitel versprochen habe.
Samstag, 20 März 2010: Bücher, die ich gerade lese
Tolstoi: Anna Karenina (Hanser 2009)
Ich bin beim XXV. Kapitel des zweiten Teils. Wronskis Pferderennen steht unmittelbar bevor. Zu Beginn meines Studiums (1979) habe ich einen Aufsatz von Georg Lukács gelesen, Erzählen oder Beschreiben aus den 30er Jahren, ich glaube von 1936, in dem Lukács Wronskis Rennen mit einem Pferderennen in Emile Zolas Nana vergleicht, um den Unterschied zwischen >Erzählen< und >Beschreiben<, zwischen dem >wahren< Realismus (Tolstoi) und dem falschen Naturalismus (Zola) zu erläutern.
Damals hatte ich Anna schon gelesen und las Nana zum erstenmal. Obwohl mich Lukács Argumentation (damals) überzeugte, gefiel mir Nana besser als Anna - der Text, nicht die Frau. Inzwischen finde ich Lukács Argumentation weniger überzeugend, aber nun gefällt mir Anna besser als Nana - der Text, nicht die Frau. Nana werde ich bald wiederlesen, für die Abteilung "Schöne Schinken" im "Dekameron für Leserinnen", wofür ich auch Anna Karenina lese, zum dritten Mal und in neuer Übersetzung.
Das zweite Mal las ich den Roman in den 90ern im Rahmen eines Literaturzirkels um Barbara Sichtermann, dem ich damals angehörte.
Roland Barthes: Tagebuch der Trauer (Hanser 2010)
Ich habe das gerade neu erschienene Buch für einen am Montag zu schreibenden Artikel für den Tagesspiegel anläßlich des 30sten Todestages von Barthes gelesen und mir zur Ergänzung Die Vorbereitungen des Romans (edition suhrkamp 2008) gekauft, die wie das Tagebuch der Trauer in den wenigen Jahren entstanden, die Barthes nach dem Tod der Mutter bis zu seinem eigenen Tod noch blieben.
Auch das Photographie-Buch Die helle Kammer stammt aus dieser Zeit. Ich liebe es sehr und habe, als es vor vielen Jahren (bei Suhrkamp) erschien, hingerissen eine Rezension geschrieben. Auch Roland Barthes Über mich selbst (Matthes & Seitz) habe ich bereit gelegt und Fragmente einer Sprache der Liebe (unter der Suhrkamp-Ausgabe versteckt sich verschämt ein Schwarzdruck). Wie viele andere Studierende Mitte der 80er las ich es mit Begeisterung, obwohl mir Die Leiden des jungen Werthers, die dort eine prominente Rolle spielen, arg auf die Nerven gingen.
Jetzt müsste sofort eine Schleife über Goethe folgen, aber ich merke bereits bei dieser allerersten Eintragung, dass ich nie und nimmermehr mit dem Schreiben über das, was ich gerade lese, fertig werde, wenn ich so weiter mache - und mir auch noch eingedeutschte Poe'sche Raben durch die Rübe flattern, was in den Lüften der Assoziation süße, wohl bekannte Düfte aufwirbelt, selbst wenn das eine mit dem anderen nicht die Bohne, höchstens Klang zu tun hat.
Für meinen Barthes-Artikel lese ich außerdem Jonathan Culler: Barthes (Reihe Fontana Modern Masters), das ich 1985 gekauft, aber nie gelesen habe, ich weiß auch nicht, weshalb. Ich wußte damals schon, dass Culler in seinem angeblich typisch amerikanischen Pragmatismus der rechte Mann dafür ist, kurz, aber nicht lustlos, einen anfängerkompatiblen Blick über die faszinierende Vielfaltwelt eines Exponenten der >french theory< zu werfen.
Natürlich liegt auf meinem Schreibtisch bereit Am Nullpunkt der Literatur, Barthes faszinierende Gegenschrift zu Was ist Literatur von Sartre, das ich während meines Studiums in einem Soziologie-Seminar gelesen habe - weiß auch nicht, warum.
Auch Barthes wunderbares Michelet-Märchenbuch habe ich aus den hinteren Höhen meiner Bibliotheksregale geholt.
Jules Michelets unverschämt monumentale Geschichte der Französischen Revolution (Eichborn Verlag), ein Historienschinken in schönstem literarischen Techno-Color, einmal ganz zu lesen, ist einer meiner vorsätz- und nachdrücklichsten Lesewünsche. Wenn mir aufgenötigt würde, zwischen Michelets ganzer Revolution und Proust ganzer Recherche zu wählen - ich weiß nicht. Auch wenn ich weiß, dass Proust für Barthes einer der wichtigsten, ja, wie sag ich es bedeutend: Referenzautoren war.
Von all diesen Barthes-Bänden blase ich den Staub für eine kurze Auferstehung, um mit seltsamer Wehmut einen kleinen Zeitungsartikel über eine Zelebrität zu schreiben, die gerade erst gestorben war, als mich seine Bücher zu beschäftigen begannen. In den Vorbereitungen des Romans steht der Satz: "Roman: Praxis des Kampfes gegen die Trockenheit des Herzens, die akedia." (S.49). Dieser Satz hat mir den hysterisierenden Schub(ser) gegeben, den Versuch mit diesem verrückten Büchertagebuch tatsächlich zu beginnen.
Goethe: Faust II
Ich weiß nicht, wie groß die Schande ist, als examinierter Germanist dieses Stück erst mit über Fünzig zu lesen, aber ich werde nicht der einzige sein, der dem Zweiten Teil wegen gereimter Symbolverfettung aus dem Wege ging. Jedenfalls habe ich ihn mir jetzt auferlegt und vorgenommen wegen der demnächst anstehenden Abfassung des Eröffnungsstücks für die Abteilung "Pudelkerne" im "Dekameron für Leserinnen". Dort steht zwar der von mir heiß geliebte und by heart gekannte Erste Teil im Mittelpunkt, aber ich will nun doch die Lücke schließen. Es macht mir sogar Spaß, wenn ich auch immer noch beim Hofschranzenamüsement des Anfangs bin mit der ollen, ewig jungen Helena und dem mythologischen Brunstschrei nach den Müttern. Die vielen (unentbehrlichen) Anmerkungen lese ich auf dem Klo. Auch die Lektüre des Volksbuchs vom Johan Fausten werde ich nacholen.
Gerard Manley Hopkins: Journal (Jung und Jung 2009)
Eines dieser guten, schönen Bücher, denen aus irgendwelchen Gründen von den Herausgebern ein Inhaltsverzeichnis verweigert wird. Ich kann so etwas nicht ausstehen, mag den Text aber sehr (die Übersetzung von Peter Waterhouse auch) und genieße ihn langsam, schon seit September letzten Jahres. Ich schaue mal, ob sich unter einem 20 März eine Eintragung findet. Ich nehme den 19ten, weil der 1864 auch ein Samstag war:
"Sah vermutlich einen Reiher: er ließ sich nieder auf einer fernen Ulme, wurde vertrieben von zwei Krähen, ließ sich nieder auf einer noch ferneren, dasselbe geschah und die Krähen folgten ihm."